Fallende Engel - Swantje Berndt - E-Book
Beschreibung

Ein Heiliger, der nie betet. Anne Perrin kennt den Mann, der Nacht für Nacht ihre Träume heimsucht, um ihr ein silbernes Amulett zu überreichen. Doch wenn sie erwacht, kann sie sich nicht mehr an seinen Namen erinnern. Nur eines weiß sie genau: Sie hat ihn getötet. Eines Tages sitzt ein Fremder auf den Stufen ihres Büros. Seine hageren Gesichtszüge und der tiefe Ernst in seinem Blick kommen ihr seltsam vertraut vor. Anne nimmt sich des scheuen Mannes an, der selbst flüchtige Berührungen kaum zu ertragen scheint. Als er ihr ein silbernes Amulett zeigt, drängen ihre Träume unaufhaltsam in die Realität. Band 1: Der Tod und die Diebin Band 2: Aus Feuer und Licht Band 3: Fallende Engel

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1. Prolog
2. Von Schuld und Sühne
3. Flüchtige Augenblicke
4. Die Dunkelheit hinter dem Licht
5. Nachtkälte
6. Fremde Augen
7. Das Geheimnis des Eremiten
8. Epilog
9. Weitere Romane von Swantje Berndt

Copyright © 2019 Swantje Berndt

1. Ausgabe 2014

https://www.swantje-berndt.de

https://sbnachtgeschichten.com

Swantje Berndt

FALLENDE ENGEL

Das Bündnis der Sieben 03

1. Prolog

»Thérèse?« Der Mann kam näher. »Erinnerst du dich?« Er hielt ein Amulett hoch. Es baumelte wie ein Pendel. »Du gehörst zu uns. Du schadest dir nur selbst, wenn du dich weigerst.«

Wieso nannte er sie Thérèse? Sie hieß Anne. Anne Perrin. Dennoch war ihr der fremde Name vertraut.

Er ging noch einen Schritt auf sie zu. So zögernd, als wäre sie ein Raubtier. »Niemand will dir etwas tun. Ich möchte dich nach Hause bringen.«

Eine sanfte Stimme. Trotz der Anspannung.

Die blauen Augen fixierten sie. Langsam strich er sich eine Strähne zurück, die ihm in die Stirn gefallen war. Der Rest seiner Haare war am Hinterkopf zu einem Knoten geschlungen.

»Du kennst mich.« Ein Lächeln erhellte die ernste Miene. »Auch wenn ich damals anders aussah.«

Die Hagerkeit des Gesichtes, die Schwermut des Blicks, die strenge Frisur. Ein Heiliger, der nie betete. Woher wusste sie das?

»Bitte, leg diese Kette um und du wirst dich erinnern.« Er kam näher, noch näher.

Ein Duft von Orangen streifte sie.

Der Anhänger funkelte in der Sonne. Keltische Zeichen. Ineinander verschlungen wie Schlangen.

Ein Auftrag, ein Mord. Präzise ausgeführt, ohne Skrupel oder Reue. Das war ihr Job. Bis sie der Heilige an den gesichtslosen Mann verraten hatte. Dafür hatte sie ihm den Tod geschenkt.

Kälte floss in ihr Herz. Nein. Sie hatte nie getötet. Nicht einmal, als sie vor zwei Wintern fast verhungert wäre. Jahr um Jahr kein Sommer. Bloß Nässe und Schnee schon im Juli. Eine Frau hatte ihr letztes Brot gestohlen. Thérèse war ihr nachgerannt, hätte sie beinahe ...

Thérèse? Sie hieß Anne! Und sie hatte nie Hunger gelitten. Sie verdiente mehr als genug mit der Agentur und an jeder Ecke gab es Supermärkte und Imbissbuden. Nur hier nicht. Krämerstände, ein Marktplatz, Frauen, die aus Fässern eingelegtes Gemüse verkauften.

»Thérèse«, sagte der Fremde eindringlich. »Du musst mir vertrauen. Ich kann dir helfen, wenn die Erinnerungen ...«

Geschrei. Direkt hinter ihr. Ein Bettler lag auf der Straße. Er war vor die Räder eines Fuhrwerks gestürzt. Der Kutscher fluchte, riss an den Zügeln. Der Mann kroch aus der Gefahr, drohte mit seiner Krücke.

Er verschwand. Auch die Gasse, auch die schwerfälligen Pferde.

Prunkvolle Verzierungen in Gold. Sie überschwemmten die Wände des Zimmers. Der Duft zahlloser Blumen überdeckte nur mühsam den penetranten Geruch einer Frau.

Ein Samtvorhang streifte Jeannes Wange. Er verbarg sie. Ihr Ziel sähe lediglich die Klinge. Doch dann wäre es zu spät.

Das überhebliche Lächeln der grell geschminkten Lippen gefror, in dem Moment, als das Messer ins Herz drang. Der dottergelbe Stoff des Kleides färbte sich rot. Aufgerissene Puppenaugen, ein verzerrtes Gesicht. Es brach Krater in dicke Puderschichten. Die Mätresse des Königs sank zusammen. Eine Giftmischerin.

Jeanne verbot sich jegliches Mitgefühl. Es machte keinen Sinn, ihre Aufträge zu hinterfragen.

Anne keuchte. Wie konnte sie sich an einen Mord erinnern? An einen falschen Namen?

»Sorry, Anne. Aber das war’s für dich.« Ein Mann mit breiten Koteletten. Er stand vor ihr wie aus dem Boden gewachsen.

Wo war der Heilige mit dem Dutt?

»Deine letzte Joggingrunde.« Seine Finger schlossen sich um den Schaft eines zierlichen Schwertes. »Hoffentlich hast du sie genossen.«

Eine wundervolle Waffe. Sie schien federleicht zu sein. Ihr Glanz huschte wie ein scheues Tier den Stahl entlang.

Anne ging auf den Mann zu. Ihre Fingerkuppen kribbelten vor Erwartung, über die makellose Klinge zu streichen.

»Das würde ich lassen.« Er richtete die Spitze der Waffe auf sie. »Zwar sagen die anderen, du wärst gefährlich, aber hey!« Ein schäbiges Grinsen verzerrte das Gesicht. »Letztendlich bist du bloß eine Frau.«

Was wollte er von ihr? Plötzlich war er aufgetaucht, hatte sie in die Einfahrt gedrängt.

Müllcontainer, ein Lada mit fehlendem Nummernschild, zwei leere Bierflaschen auf einem Mauervorsprung, dunkle Fenster.

Kein Mensch außer ihr und ihm weit und breit.

»Dich quälen Flashbacks, nicht wahr?« Er trat einen Schritt auf sie zu. Zu zögernd für echten Mut. »Ist nervig. Kennen wir alle. Das weißt du.« Sein Lächeln wirkte gehetzt. »Baraq’el sagte, ich soll es schnell hinter mich bringen. Aber ...« Seine Zunge glitt über die Unterlippe. »Du bist verdammt schön, Zigeunerin. Und mir ist gleichgültig, dass du knapp am Wahnsinn vorbeischrammst.«

Wo waren der Bettler und die Frau im gelben Kleid? Weg.

»Mahawaj Baraq’el empfindet dich als Ärgernis.«

Unprofessionell. Wäre er geschickt worden, um sie zu töten, hätte er es längst erledigen müssen. Nun war es zu spät.

Für ihn.

Gott, ein Mann bedrohte sie mit einer Waffe und sie? Blieb stehen, schrie nicht, rannte nicht. Was war in sie gefahren?

Anne brach der Schweiß aus. Sie stolperte zurück.

»Ah, so gefällst du mir besser.« Er folgte ihr, die Klinge auf ihre Brust gerichtet.

Er würde sie töten. Dazu hatte er ihr aufgelauert. Wegen eines Kerls mit kompliziertem Namen, für den sie, wusste der Teufel warum, ein Ärgernis darstellte. Wo steckte die Angst? Eben war sie noch da gewesen.

»Weshalb bist du nicht hässlich?« Die Spitze senkte sich minimal. »Dann wäre es leichter für mich.«

»So wie du?« Auch wenn er ein alabasterhäutiger Prinz wäre, erledigte sie ihn mit links. Der Bastard wollte sie beseitigen. Dabei hielt er das fragile Schwert wie seinen Schwanz in der Faust. Gingen Baraq’el die Meister aus, dass er Schrott schickte?

Anne keuchte. In ihrem Kopf summte es wie in einem Wespenschwarm. Wer, zur Hölle, war Baraq’el?

»Du siehst nicht gefährlich aus.«

Ein fremdes Lachen. Nie zuvor gehört.

»Ich glaube, die Gerüchte über dich sind maßlos übertrieben.«

Wer immer der Mann war, er war neu im Geschäft.

Zuerst er, dann der Gesichtslose. Es machte nichts ungeschehen.

Ein Kind im Schnee. Steif wie eine Puppe. Liebe versickerte rot in gestampftem Lehmboden.

Linas Herz zerriss und scherte sich einen Dreck um den falschen Namen.

Oh Gott! Was geschah mit ihr? Anne blinzelte Tränen aus den Augen.

»Tut mir leid, Süße. Aber vielleicht bist du mir dankbar. Manchmal geht es schief und statt sich zu erinnern, bleibt nur Matsch aus zig Jahrhunderten im Hirn übrig.« Er holte aus.

Zu weit, zu langsam. Ein Stümper mit dem Schwert. Seine Arroganz drang ihm wie Schweißgestank aus den Poren. Wie viele hatte er getötet? Zwei? Drei? Auf Linas Gewissen lasteten Hunderte. Hatte er jemals seine Aufträge hinterfragt? Sich jemals verweigert? Jemals sein Herz verschenkt und dafür bezahlt?

Sie hatte es getan.

Die Bierflasche auf der Mauer. Ein Griff, und sie lag beruhigend schwer in ihrer Hand. Alles, was zählte, war Entschlossenheit. Zu töten, zu sterben. Lina war bereit. Ihr Angreifer nicht.

Sie schlug den Flaschenboden ab. Eine improvisierte, funktionierende Waffe. Sie hatte sie schon einmal benutzt. Lange her. Bei einem verräterischen Heiligen. Dabei hatte sie ihn gemocht. Nie geglaubt, dass er sie hintergehen könnte.

Der Kerl vor ihr riss die Augen auf. Sein Mund versuchte zu grinsen, blieb jedoch in der Bewegung hängen. Sein Blick flackerte zwischen den Scherben am Boden und dem Rest in ihrer Hand hin und her.

Er verlor den Fokus. Der erste Schritt zum Tod.

»Verschwinde oder bleib und stirb.« Es war fair, ihn zu warnen. »Ich werde nicht zulassen, dass du mich an deinen Boss verrätst.« Ihr Leben gehörte ihr. Sie würde es kein zweites Mal in stickiger Dunkelheit verlieren.

»Du bist wirklich verrückt.« Seine Finger schlossen sich viel zu verkrampft um das Heft.

Er sprang auf sie zu. Unbeholfen, steif. Die Entscheidung zu töten, durchsetzt mit Zweifel und Angst.

Lina schleuderte zerbrochenes Glas.

Das Klirren der Klinge auf dem Boden. Ein Gurgeln, das aus seiner Kehle drang. Seine Augen weiteten sich, erfassten seine ganz persönliche Wahrheit.

Ein schneller Tod.

Manche würden ihn darum beneiden.

Er ging in die Knie, fiel nach hinten. Eine rote Lache wuchs unter ihm.

Zu oft gesehen.

Sie kniete sich zu ihm, schloss ihm die Lider. »Nur ein Job.« Ihre Stimme klang fremd.

Wilde Szenen stürmten auf sie ein. Degenkämpfe, schmutzige Laken benetzt mit Sperma, Schweiß, Blut. Küsse, Hass auf einen unsichtbaren Mann, der ihr das Herz herausriss. Ein Tod unter Wagenrädern, einer an einem eisigen Abend. Wie einschlafen.

Ein Strick um ihren Hals, ein Stein an ihren Füßen, ein Sprung in dunkle Tiefe. Freiwillig.

Für einen Moment griffen Angst und Erleichterung gleichzeitig nach ihrem Herz.

Und immer wieder der Mann mit dem Haarknoten. Er übergab ihr das Amulett oder starb dabei.

Annes Mund wurde trocken, ihre Hände eiskalt. Was war das für ein nervtötendes Geräusch?

Sirenen. Hinter ihr. Sie wurden lauter, vertrieben Gesichter aus ihrem Kopf.

Anne blinzelte. Wo war sie?

Helsinki. Nacht. Irgendwo in der Meritullinkatu.

Vor ihr lag ein Mann. Der Rest einer Bierflasche steckte ihm in der Kehle. Sein Blut schlug Blasen in den Ritzen der Pflastersteine.

Anne würgte, kam taumelnd auf die Beine.

»Ganz ruhig.« Ein metallisches Klacken begleitete die Männerstimme. »Nehmen Sie die Hände über den Kopf und treten Sie von der Waffe zurück.«

Welche Waffe?

Das Schwert. Es lag vor ihr. Sie musste sich nur bücken.

Zwei Polizisten. Sie versperrten die Einfahrt.

Ein flirrendes Gefühl breitete sich in ihr aus.

Etwas stimmte nicht. Sie erstach keine Menschen, lehnte Gewalt aus Überzeugung ab. Wenigstens hatte sie die Klinge nicht besudelt. Ein wahrhaft prachtvolles Kunstwerk.

»Hände über den Kopf!«

»Ich war es nicht.« Wie dünn ihre Stimme klang. »Das heißt, ich weiß es nicht.« Gott!

Einer der Männer trat näher. Mit der einen Hand hielt er eine Pistole auf sie gerichtet, mit der anderen tastete er sie ab. »Ihr Name?«

»Jeanne Ferret.« Nein. Oder doch? »Thérèse Lagrène.« Das Flirren in ihrem Kopf nahm zu.

»Haben Sie getrunken?«

Anne Perrin. Achtundzwanzig Jahre, Tochter von George Laurent und Cloé Perrin. Aber sie lebte nicht in Frankreich. Schon lange nicht mehr. Ihre Großmutter hatte ...

Verdammt. Sie wurde eines Mordes verdächtigt. Wer zum Teufel hatte diesen Kerl getötet? Weshalb hatte sie ihren Namen vergessen? Was sollte das Gefasel von Jeanne und Thérèse?

Ihr Herzschlag übertönte das Hintergrundrauschen der Stadt.

Während der eine Polizist in ein Funkgerät sprach, befahl ihr der andere, in den Wagen zu steigen.

Er berührte sie am Ellbogen.

Und lag im nächsten Moment entwaffnet vor ihr.

Entsetzt schleuderte sie die Pistole von sich.

Weg. Sofort. Aber nicht ohne das Schwert. Wie von allein gelangte es in ihre Hand.

Der Müllcontainer, ein angelehntes Fenster darüber. Anne sprang. Einmal, zweimal. Gardinen strichen über ihr Gesicht, Schmerz an der Schulter, sie schlug mit dem Kopf an, Schwindel, ein dunkler Raum, Musik von irgendwoher. Von draußen eine scharfe Männerstimme, Tumult, den sie nicht zuordnen konnte. Eine Frau schrie. Ein Mann fluchte.

Fremde. Sie wichen vor dem glänzenden Stahl zurück.

Anne flüchtete durch den Flur ins Treppenhaus, zur Vordertür, hinaus auf die Straße. Rannte vor dem Mord davon, den sie nicht begangen haben durfte.

Der Domplatz. Die Klinge verschwand unter der Fleecejacke, während Anne zwischen Nachtschwärmern untertauchte.

In irgendeine Straße, weg von dem Hinterhof und den Polizisten. Sie würden ihr nicht glauben. Niemand würde das.

Vor ihr erhoben sich die Bäume des Pestparkes. Sie hetzte über den ehemaligen Friedhof bis auf die andere Seite.

Die Lönnrotinkatu. Bald war sie zu Hause. Da vorn, an der Ecke.

»Lina!«

Anne fuhr herum.

An einen Laternenpfahl gelehnt stand ein Mann ohne Gesicht. Das Amulett baumelte von seinem Handgelenk. »Gib auf. Nicht ich habe gegen die Regeln verstoßen, sondern du.«

Jeanne, Thérèse, Lina ...

»Ich heiße Anne!« Es durfte keine gesichtslosen Männer geben.

»Nun gut. Wie du möchtest.« Er stieß sich von seiner Stütze ab, schlenderte auf sie zu. »Es ist nur ein weiterer deiner Namen.« Er hob die Hand, ließ das Amulett hin und her schwingen.

Pausbäckchen im Schnee. Fäustchen, die sich nie wieder öffneten.

»Nein!« Ihre Stimme gellte ihr in den Ohren.

Der Mann verschwand, als hätte ihn die Nacht geschluckt.

Anne rannte weiter.

Ein Bauzaun, ein Hinterhof.

Die Sirenen wurden leiser.

~*~

2. Von Schuld und Sühne

Saint Pauls erstrahlte wie eine Perle. Wie damals, als Keph ihn aufgespürt hatte, um ihn erneut an die Bruderschaft zu binden.

Daniel öffnete die Fensterflügel. Nachtluft drang in den Loft. Sie umschmeichelte sein Herz, ohne es zu erleichtern. Es trug zu viel Verantwortung. Immer mehr Menschen vertrauten ihm, dabei legte er sich mit dem ältesten Syndikat der Welt an. Wie lange ließ ihn Mahawaj gewähren? José gelang es nicht mehr, in die Systeme der Bruderschaft einzudringen und bis auf die Nachricht, dass Baraq’el Shemhazais Leben forderte, wussten sie nichts von seinen Machenschaften.

Sie waren blind wie Maulwürfe.

Daniel schlug aufs Fensterbrett.

Luke, ich bin dein Vater. Wäre es nicht so bitter, hätte er gelacht.

Der Sohn eines Engels, vom eigenen Vater getötet, um die menschliche Seele vor Grausamkeit und Machtstreben zu bewahren. Er hatte sie in den Wind geworfen, sie Raben anvertraut und gewartet, dass sie den Weg in Fleisch und Blut zurückfand.

Wiedergeboren. Unzählige Male. Keine Erinnerungen an die Zeit nach dem Tod des einen Lebens und den Eintritt in ein neues. Ein schwarzer Raum. Erst am Ende der Kindheit kehrten sie zurück.

Die Versuche, sich vor Mahawaj zu verbergen, waren vergeblich gewesen. Eine Zeitlang war es Daniel geglückt, doch früher oder später war Kepheqiah mit dem Amulett aufgetaucht und das Puppenspiel hatte von vorn begonnen. Marionetten an fremden Fäden. Jeder Anonyme Meister kannte das Gefühl.

Daniel goss sich einen Whisky ein, sank in den Sessel wie ein alter Mann. Mahawaj musste sterben. Sonst fand kein Wiedergeborener seinen Frieden.

Der Aufzug ratterte. Lucys hübsches Gesicht erschien hinter den Stäben. »Brauchst du Gesellschaft?« Sie schob die Gitter auseinander, schlenderte auf ihn zu. Ihr Shirt saß eng, die Jeans tief.

Der Anblick weckte in Daniel den Wunsch, sie aufzuknöpfen und mit der Nasenspitze dabei über weiche Haut zu gleiten.

»Willst du nicht wissen, wo ich mich herumgetrieben habe?« Sie legte die Hände auf seine Knie, drückte sie zur Seite und hockte sich zwischen die Schenkel. »Ist eine interessante Geschichte.«

Daniel schüttelte den Kopf. Die Geste log, diente lediglich der Provokation. Innerlich raste er, wenn Lucy ihn im Unklaren ließ.

»Dafür weiß ich, wo du dich gleich herumtreiben wirst.« In seinem Bett.

Mit einem verschmitzten Lächeln schmiegte sie ihre Wange gegen sein Bein. »Ethan und ich haben einen Juwelier ausgecheckt.«

»Welchen?«

»Graff Diamonds.«

»Hätte es keine Nummer kleiner sein können?« Es war typisch für sie, Risiken einzugehen.

»Wer wagt, gewinnt.«

»Du bist eine Taschendiebin. Übernimm dich nicht.« Besaß er die Ressourcen, sie aus einem Gefängnis zu befreien? Für den Ernstfall musste er sie beschaffen.

»Man wächst mit den Aufgaben.« Sie glitt tiefer zwischen seine Schenkel, rieb ihr Kinn an seinem Schritt.

Daniel seufzte. Lucy wusste, wie sie ihn aus trüben Gedanken retten konnte.

Leider beendete sie das beginnende Spiel nach wenigen Sekunden.

»Shemhazai wird nervös.« Ihr Blick zu ihm hinauf war zu ernst für die Tatsache, dass ihr Kinn nach wie vor gegen seine empfindsame Stelle drückte. »Er hasst es, sich vor Mahawaj und Caym zu verstecken, statt ihnen entgegenzutreten.«

»Ich weiß.« Er hasste es ebenfalls. »Hat er dir das gesagt?« Untypisch für Shem, sein Herz auszuschütten.

Lucy schüttelte den Kopf, was Stromschläge in seiner Mitte auslöste. »Er brüllt seit Tagen jeden an, der das Pech hat, ihm über den Weg zu laufen. Vorhin war Ives dran. Das ganze Viertel bekam es mit.«

»Die Situation geht ihm auf den Geist.« Wenn sie wenigstens Caym beseitigen könnten. Wie fing man einen Schatten? Saß er erst in der Falle, wäre der Rest ein Klacks.

Selbst Kepheqiah war angespannt und kontrolliert ständig die Sicherheitssysteme. Die Cleaner beklagten sich bereits und es brauchte eine Menge, um Seelenlose zu nerven.

Shem war nicht nur Kepheqiahs Heerführer gewesen. Die beiden Grigori verband eine innige Freundschaft. Dank Mahawaj Baraq’els Intrigen glaubte Keph über fünftausend endlose Jahre, seinen Freund verloren zu haben. Er würde alles tun, um Shems Leben zu retten. Auch Mahawajs Tod in Kauf nehmen?

Daniel wurde kalt bei diesem Gedanken.

Vatermörder.

Mit seinem Hass stand er jedoch nicht allein. Die Seele jedes Anonymen Meisters war durch Mahawaj in den ewigen Kreislauf aus Sterben und Töten gezerrt worden.

»Wetten, ein paar Bisse durch die Jeans lassen die steife Falte zwischen deinen Augenbrauen verschwinden?« Ohne Vorwarnung schlug Lucy ihre Zähne in den Stoff.

Daniel keuchte, spreizte die Beine weiter für sie. Der Nachrichtenton seines Handys stoppte die Lustwelle.

Philipp. Der Cleaner bat um ein sofortiges Treffen. Das gesamte Team. Es wäre dringend.

»Verdammt.«

»Was ist?«

»Wir müssen runter.«

»Kann das nicht warten?«

»Es ist mitten in der Nacht. Philipp hätte uns nicht gestört, wenn es nicht wichtig wäre.«

»Verstehe.« Lucy erhob sich seufzend. »Fortsetzung folgt, egal wie spät es wird.«

»Das will ich hoffen.« Ein Griff in ihren Nacken, die Lippen auf ihren süßen Mund pressen. Ihren Geschmack kosten, sich nach mehr sehnen. Ein kurzer, intensiver Tanz ihrer Zungen.

Zum Teufel mit Philipp!

»Wehe, das wird kein Speed-Meeting.« Lucys Augen spiegelten seine Lust, sehnten sich nach denselben Dingen.

Daniel riss sich von der Versuchung los, sie schnell und hart zu nehmen, und sich danach den Problemen zu stellen.

Noch bevor sich die Gitter des altersschwachen Lastenaufzugs öffneten, stand fest, dass aus Lucys Wunsch, die Sache zügig hinter sich zu bringen, nichts werden würde. Das gesamte Team war um den Tisch des Besprechungszimmers versammelt. Bis auf Jade, die saß mit untergeschlagenen Beinen darauf und flocht sich Zöpfe ins blonde Haar. Shem beobachtete sie dabei. Trafen sich ihre Blicke, lächelten beide wie ein frisch verliebtes Paar, was sie letztendlich auch waren.

José sah trübsinnig in eine Kaffeetasse. Vor einigen Wochen war er außerstande gewesen, Trauer, Angst oder Freude zu empfinden. Erst Konstantin Grigorjews Seele hatte ihm die Emotionen zurückgegeben, die ihm Baraq’el genommen hatte. Er teilte sich den Nephilimnachkommen mit Shemhazai. Er besaß die Seele, Shem den Körper. Beide kamen mit dem Deal klar.

Ethan saß neben José und hatte den Arm um ihn gelegt.

Ives und Susanna schienen ebenso wenig zu wissen, um was es ging. Sie blickten in die Runde, ernteten jedoch nur Schweigen.

Roopes Platz war leer. Der Finne hatte um eine Auszeit gebeten, um in seiner Heimatstadt Tampere seine Kompositionen zu beenden. Hoffentlich hielten Kirchenmauern und Orgel seinen musikalischen Eingebungen stand.

Philipp, Markus und Elija saßen mit gewohnt gleichgültigen Mienen auf der gegenüberliegenden Seite des Tisches.

Keph schälte sich mit ernstem Blick eine Orange. Er sah übernächtigt aus. Die dunklen Bartstoppeln verschärften die Blässe seines Gesichtes.

»Nicht gerade eine Volksfeststimmung.« Lucy nahm neben Elija Platz. »Darf ich?«, fragte sie zu spät.

Der Cleaner nickte.

Daniel setzte sich an ihre andere Seite. »Sieht so aus, als könnten wir loslegen.« Ihn erwarteten schlechte Neuigkeiten. Die Tatsache stand in der Luft wie der kalte Zigarettenrauch.

»Mahawaj Baraq’el spürt die geflüchteten Anonymen Meister auf.« Philipp legte ihm eine Liste vor. »Cloé Renard, Marc Teicher, Mohammed Tufan und Maximilian Brick. Dank unserer Hilfe sind sie untergetaucht, haben neue Namen angenommen und sich in zivilisationsfreien Gebieten angesiedelt. Dennoch hat er sie gefunden.«

Daniel verbiss sich einen Fluch. Die Männer hatten ihm vertraut und er hatte sie ins Unglück geführt.

»Tufan hat es geschafft, eine Nachricht an uns zu senden«, fuhr Philipp fort. »Sonst hätten wir davon nie erfahren.«

»Wo ist er jetzt?«

»Mit den anderen zusammen in einem Cleaner-Team. Ihren ersten Auftrag bringen sie gerade hinter sich.« Kein Zucken in dem breiten Gesicht. »Baraq’el hat ihre Seelen gleich nach ihrer Ankunft in Rom töten lassen.«

Josés Gesichtsfarbe driftete ins Grünliche. Er wusste genau, wie diese Prozedur verlief. »Wir müssen herausfinden, wie er es macht.« Er stellte die Tasse ab. Ihr Inhalt schwappte über den Rand. »Ich will nicht, dass er mich jederzeit und überall aufspüren kann!«

»Tufan sagte, sie wären gleichzeitig ergriffen worden.« In aller Ruhe zückte Philipp ein Taschentuch und beseitigte die braune Pfütze. »Keine Chance, einander zu warnen.«

Keph schüttelte den Kopf, als ihn Daniels Blick traf. »Ich erhielt von ihm den Namen der Stadt oder der Gegend, wo ich euch zu suchen hatte. Woher er eure Aufenthaltsorte kannte, weiß ich nicht. Er hat mir seine Methode nie verraten.« Seiner Miene nach kränkte ihn das noch immer.

»Städte sind groß.« Philipp versenkte das Tuch im Papierkorb, ohne den Blick von Keph zu wenden. »Du fandest uns dennoch.«

»Mit Hilfe des Amuletts. Es funktioniert ab einer gewissen Reichweite wie eine seraphische Kette, was es letztendlich auch ist. Jeder, der es jemals getragen hat, reagiert darauf. Ähnlich wie ein Magnet.«

Es hatte Zeiten gegeben, in denen er Keph abgrundtief gehasst hatte. Sie gehörten der Vergangenheit an. Kepheqiah hatte sich mehr als einmal als Freund und Verbündeter bewiesen. Seit Mahawaj Baraq’els Drohung, Shemhazai zu töten, hatte er endgültig mit den Anonymen Meistern gebrochen.

»Das ist nicht unser einziges Problem«, meldete sich Jade kleinlaut zu Wort. »Caym ist hier.«

Lucy entwich ein keuchender Laut. »Jade, wenn das ein Scherz ist ...«

»Ist es nicht. Ich spüre seine Anwesenheit schon länger, war mir aber nicht sicher. Sie ist flüchtig, wie ein Windhauch. Ich wollte euch nicht beunruhigen, bis ich Beweise hatte.«

»Wie meinst du das?« In Shems Augen stand dieselbe Angst, die auch Daniel empfand. Lucy war eines seiner Opfer gewesen und hatte nur knapp überlebt.

»Er hat heute eine der Kerzen gelöscht, während ich die Karten legte.« Jade rümpfte die Nase, als würde sie von einem kleinen Missgeschick und nicht von der Begegnung mit einem Dämon berichten. »Ich sprach ihn an, spürte jedoch lediglich ein Zittern in der Luft.«

»Um Himmels willen, Mädchen!«Ethan schnaufte. »Das kann sonst was gewesen sein!«

»Ich habe ihn auf dem Ouija-Brett nach seinem Namen gefragt und er hat mit Caym geantwortet.«

Mit einem klatschenden Geräusch schlug sich Ethan vor die Stirn. »Ich sage nichts mehr dazu.« Langsam glitten seine Finger übers Gesicht.

»Was ist ein Ouija-Brett«, fragte José irritiert. »Und seit wann antworten stimmbandlose Geister?«

»Es ist ein Brett mit Buchstaben. Der Dämon lenkt meine Hand und spricht auf diese Weise mit mir.«

Jades Lächeln weckte in Daniel die Vermutung, dass die Kommunikation mit der Geisterwelt zu ihren Lieblings-Hobbys gehörte.

»Dazu benötigt man mindestens zwei Leute.« Susanna klebte ihren Kaugummi unter die Tischplatte. »Allein klappt das nicht.« Daniels Abmahnung per Blick kommentierte sie mit einem Schulterzucken.

»Es funktioniert beides«, erklärte Jade geduldig und beobachtete Philipp, wie er Susanne schweigend ein Taschentuch reichte. »Und letztendlich waren wir zu zweit. Caym und ich.«

»Du hättest sofort mit mir darüber reden müssen.« Shem zog seine Elfe vom Tisch direkt auf seinen Schoß. »Dieser Mistkerl darf nicht mehr in deine Nähe kommen!«

»Dank dir ist kaum noch etwas von ihm übrig.«

Bildete es sich Daniel ein oder klang Mitleid in Jades Worten?

»Ein paar verkohlte Fetzen. Höchstens.«

Er weigerte sich, das Bild eines zerfetzten Dämons in seinen Kopf zu lassen.

»Auf meine Frage, was er will, antwortete er trotzdem mit Heerführer.«

»Was?« Weshalb legte er seine Karten auf den Tisch? »Ist er dämlich, sich zu verraten oder verfolgt er eine Strategie damit?«

»Es ist klar, dass er hinter mir her ist«, sagte Shem mit einer wegwerfenden Geste. »Und ja, dämlich ist er auch. Was geschah dann, Jade?«

»Er verschwand. Ganz plötzlich. Als wäre ihm eingefallen, dass er vergessen hat, das Bügeleisen auszustöpseln.«

»Oh Mann.« Ethan klang ehrlich erschüttert.

José tätschelte ihm das Knie. »Ist nur ein Beispiel, Schatz.«

»Es lag auf der Hand, dass so etwas eines Tages geschehen würde.« Kepheqiah sprang auf, tigerte hin und her. »Shem, du bist hier nicht mehr sicher. Wir hätten diesen Ort längst verlassen sollen. Caym wusste von Beginn an, wo er uns finden konnte. Mahawaj ebenso. Unfassbar, unsere Leichtsinnigkeit.«

»Das Gebäude ist sicher.« Ethan griff nach Kephs Shirt und stoppte das Hin- und Hergehen. »Übrigens dank José und unserer seelenlosen Freunde. Und jetzt setz dich hin, du machst mich nervös.« Er zog ihn auf den Stuhl zurück.

»Denk an Ruben«, kam es kleinlaut von Ives. »Den hat Caym einfach besetzt und Shem vor unser aller Augen entführt.«

»Weil du Schiss im Keller bekommen und deinen Job nicht erledigt hast.«

Daniel hob die Hand und Ethan schluckte weitere Vorwürfe hinunter. Es war nicht Ives‘ Schuld gewesen. Für einen Dämon war es leicht, in einen Cleaner zu fahren. Ohne Seele stellte sich ihm kein Hindernis in den Weg.

»Wenn das Körperbesetzen für ihn kein Ding ist«, blaffte Ethan. »Weshalb hat er dann nicht längst Markus, Elija oder Philipp angegriffen?«

»Du unterstellst ihm die Fähigkeit zu planen und Intrigen zu schmieden. Mit was?« Shem spielte mit einer von Jades Strähnen. Die vertrauliche Geste passte nicht zu den tiefen Falten zwischen seinen Brauen.

»Wie meinst du das?« Susannas Stimme klang piepsig. »Hast du ihm bei dem Kampf das Hirn weggeschmurgelt?«

»So in der Art.«

Das Schluckgeräusch stammte von Ives.

»Wir kämpften von Beginn an auf zwei Ebenen. Der körperlichen und der geistigen. Meine Flammen verzehrten seine Hülle, fraßen jedoch auch an ihm. Jade hat Recht. Es sind nur Fetzen von ihm übrig.«

»Dann handelt er im Auftrag eines anderen.« Keph legte die Fingerspitzen aneinander. In einem entnervend schnellen Takt tippten sie an sein unrasiertes Kinn. »Mahawaj? Asasel?«

Zum Glück war die Liste überschaubar.

»Ich traue keinem von beiden«, zischte José. »Ich will irgendwo hin, wo ich sicher vor ihm bin.«

Hinter seiner Fingerpyramide schüttelte Kepheqiah den Kopf. »Ich befürchte, dieser Ort existiert nicht. Früher oder später erwischt zumindest Mahawaj jeden. Das weißt du.«

»Allerdings. Dank dir.«

»Es war mein Job. Was erwartest du von mir?«

»Reue«, fauchte José. »Eine Entschuldigung! Irgendetwas, das mir sagt, dass du Mitgefühl empfindest.«

»Ginge es dir dann besser?«

»Ja! Uns allen!«

»Lass mich da raus«, bremste Ethan die Empörung seines Liebsten. »Ich habe mit euren Wiedergeburtsproblemen nichts zu schaffen.«

»Aber mit mir und ich ...«

Daniel hob erneut die Hand. »Lasst uns bei den Fakten bleiben. Mahawaj ist in der Lage, uns zu finden. Egal, wo wir ...«

»Das ist nicht wahr.«

Sämtliche Augen richteten sich auf Philipp.

»Ich habe mich jahrelang in den Pariser Katakomben versteckt. Erst als ich rauskam, fand mich die Bruderschaft.«

Keph erwiderte Philipps Blick. Er hatte ihn aufgespürt. Das stand außer Zweifel.

»Du verbrachtest Jahre dort?« Ein sichtbarer Schauder erfasste Ethan. »Von der nicht vorhandenen Hygiene abgesehen, wie hast du dich verpflegt?«

Philipps Lider senkten sich. »Besitzt du eine Seele, besitzt du auch Freunde.«

»Nicht zwingend. Ich könnte dir Dinge über sogenannte Freunde erzählen, da platzte selbst dir die Hutschnur.«

»Später, Schatz.« José tätschelte erneut sein Knie. »Lass uns erst die Prioritäten abhaken.«

»Egal, mit welcher Vorrichtung uns Baraq’el findet, sie versagt in den Katakomben.«

»Wie tief warst du?«, fragte José und ließ endlich Ethans Knie in Ruhe.

»Meistens mehr als fünfzig Meter unter dem Straßenniveau, aber die untersten Stollen reichen doppelt so weit hinab.« Wieder sah Philipp zu Kepheqiah. »Das Tunnelsystem umfasst insgesamt 600 km Enge und Dunkelheit.«

Keph schloss die Lider. Für einen Grigori wie ihn bedeutete sowohl das eine wie das andere die Hölle.

»Du übertreibst maßlos.« Nun war es Kepheqiahs Schulter, die von José getätschelt wurde. Demnach hatte auch er bemerkt, dass der Engel mit seinen ureigensten Ängsten kämpfte. »Es sind bloß 300 km Strecke. Und nur dann, wenn du die Länge sämtlicher Tunnel aneinanderhängst.«

»Sechshundert und mehr.« Philipps Augen wirkten schwärzer als die kurz geschorenen Stoppeln auf seinem Schädel. »Acht Ebenen in die Tiefe, egal, was die Typen sagen, die dort unten ihre Partys feiern. Sie beschmieren die Wände, stören die Ruhe der Toten.«

Daniel tröstete sich an der Tatsache, dass die Tunnel ursprünglich nie für menschliche Überreste gedacht gewesen waren, sondern zu einem weitläufigen unterirdischen Steinbruch gehörten. Erst, als sich ganze Straßenzüge absenkten und einbrachen, reagierte Paris und sicherte die Stollen so gut wie möglich.

Als im 18. Jahrhundert die Friedhöfe wegen Hunger und Seuchen überquollen und der Gestank unerträglich wurde, grub man die halbverwesten Leichen wieder aus und verfrachtete sie in den Steinbruch. In ihm war Platz genug und das Problem mit dem Gestank erledigte sich weit unter den Füßen der Lebenden.

»Ich besitze ein Haus in Saint Germain«, fuhr Philipp fort. »Ich habe nie dort gelebt. Es war lediglich meine hypothetische Zuflucht.«

»Lass mich raten.« José grinste, was angesichts der gedrückten Stimmung seltsam wirkte. »Von deinem Zuhause aus erreicht man die Tunnel.«

Philipp nickte. »Es existiert auch ein Fluchtweg zum Südufer der Seine. Außerdem steckt mein Vermögen in einer der geheimen Kammern.«

»Du hast es nicht auf den Kopf gehauen?«, fragte der Spanier. »Ich habe alles verprasst.«

»Ich nicht«, kam es knapp.

José hob die Brauen, sagte jedoch nichts mehr.

Daniel lehnte sich zurück. Ein Teil der Anspannung fiel von ihm ab. »Die Katakomben sind eine Option.« Keine verlockende, aber dennoch. »Kann dein Haus das gesamte Team beherbergen?«

»Ja.«

»Und wo genau ist es?«

»In der Rue Servandoni mit Blick auf die Kirche Saint-Sulpice.«

Nette Gegend. »Es ist entschieden. Wir ziehen um.« Das verschaffte ihnen ein wenig Zeit, um auf Cayms Herausforderung zu reagieren.

»Für immer?«, fragte Ethan mit Panik in der Stimme. »Ich hänge an London. Außerdem will ich das Antiquitätengeschäft nicht allein lassen. Es verbergen sich Schätze in den Regalen. Von meinen Kontakten in dieser Stadt ganz zu schweigen. Wenn ich sie nicht regelmäßig pflege, bedeutet das meinen finanziellen Ruin.«

»Wir bleiben so lange, bis wir zwei Probleme gelöst haben.« Baraq’el und Caym.

»Die Engelsschwerter«, beendete Shem Daniels Gedankengang. »Mit ihnen werden wir sie los.«

»Engelsschwerter?« Ethan schien verwirrt. »Meint ihr die Dinger, die Walbrick geschmiedet hat?«

»Asasel«, erinnerte ihn Shem an die Angewohnheit seines ehemaligen Waffenschmieds, Existenzen wie Anzüge zu wechseln.

»Der Begriff stammt von mir.« Jade lächelte glücklich. »Passend. Nicht?«

Ethan sparte sich die Antwort.

»Baraq’el hat auch eines«, warf José leise ein. »Ich würde diese Tatsache gerne wie ihr verdrängen. Glaubt mir.«

»Umso besser.« Shem lehnte sich zurück. »Gegen einen Unbewaffneten trete ich nicht an.« Er zwinkerte Kepheqiah zu, der seinen plötzlich erwachten Kampfgeist nicht zu teilen schien. Seine Miene wirkte wie aus Stein gemeißelt.

»Ein Duell. Was sagst du dazu?«

»Nichts.« Keph erhob sich, verließ den Raum.

Shem sah ihm nach. »Er hängt an diesem Baraq’el. Was muss noch geschehen, um ihm die Augen zu öffnen?«

»Du kannst keine tausende Jahre währende Freundschaft ausblenden.« Egal wie der Konflikt ausging, Keph verlor ihn in jedem Fall.

~*~

Braune Flecken. Längst verblasst. Das Notizbuch quoll über davon. Zerknitterte Seiten, eine Schrift, kaum zu lesen. Selbst für ihn. Wutentbrannt, verzweifelt. Wie der Kampf mit dem Dämon.

Maurice strich das Papier glatt.

Worte. Im Wahn hingekritzelt. Jedes stammte von ihm. Wie das Blut.

Sofia Grigorjewa hatte ein Höllenwesen heraufbeschworen und es ihm in den Leib gebannt. Sieben Morde hatte Maurice in dessen Namen begangen. Einer grauenvoller als der andere. Fleisch zerschnitten, Organe zerfetzt, sich an gellenden Schreien berauscht, ohne sich Einhalt gebieten zu können.

Seine Handschrift gab Zeugnis über die Taten ab, forderte ihn zur Buße auf, wann immer er das Buch aufschlug. Damals hatte er sie nicht ertragen, war in den Tod geflohen, doch die Stille währte nur kurz. Im nächsten Leben hatte ihn die Bruderschaft erneut gerufen. Es lag nicht lange genug zurück, um eine Sekunde des Grauens aus seinem Geist zu tilgen.

Der Dienst als Anonymer Meister verlangte Opfer. Maurice hatte reichlich davon erbracht.

Der Stuhl kippte, als er aufsprang und ans Fenster eilte. Luft. Er erstickte sonst in den Erinnerungen.

Die Skulpturen des Trevi-Brunnens leuchteten in mildem Licht. Einzelne Nachtschwärmer flanierten an ihm entlang.

Rom schlief nicht. Die Stadt protzte mit ihrer Schönheit, warf sich in die Brust und verschwieg den Ahnungslosen ihre hässlichen Seiten.

Er kannte sie wie die Nachtseiten der meisten Metropolen.

Städte glichen Menschen. Sie lockten mit ihrem Prunk, bis ihre Beute in die Falle tappte. Erst dort offenbarten sie ihr wahres Gesicht. Eine Fratze.

Zahllose Jahre im Dienst der Bruderschaft. Aneinandergehängte Leben, die alle nur einem Ziel galten: Die Finsternis aus der Welt zu vertreiben. Sie auszumerzen.

Unzählige Morde im Auftrag Baraq’els lasteten auf seinem Gewissen.

Reue? Wer das Böse aus dem schlammigen Boden der Geschichte riss, beschmutzte sich die Hände. Seine klebten vor geronnenem Blut.

Er schuldete den Opfern nichts. Seine Loyalität gebührte allein Mahawaj Baraq’el. Vertrauen in seine Pläne, Hingabe an die Aufgaben, die er ihm übertrug.

Perfektion, Treue, Gehorsam. Simple Regeln. Er hatte sich stets an jede einzelne gehalten. Akkurat, verlässlich. Unabhängig von seinen eigenen Wünschen. Selbst sein Herz hatte er für die Bruderschaft verraten.

Er schmeckte Galle. Er spülte sie mit einem Schluck Château Prieuré-Lichine hinunter.

Ein einziges Mal war es in Versuchung geraten. Hatte in der Nähe eines anderen Menschen höher geschlagen, obwohl Maurice vor dieser Frau gewarnt worden war.

Ein liederlicher Lebenswandel, der Verdacht, illoyal gegenüber der Bruderschaft zu sein, die Angewohnheit, zu viele Fragen und Bedingungen zu stellen.

Er hatte den Gerüchten nicht geglaubt. Und selbst wenn, unter seiner Führung hätte sie den Weg in ein tugendhaftes Leben gefunden. Er hätte es auf sich genommen, ihr den Starrsinn und die Lasterhaftigkeit auszutreiben.

Lina. Der Stolz in ihrem Blick, ihr Lachen. Die Geschmeidigkeit ihrer Bewegungen, ihre Anmut.

Maurice verbot sich das Seufzen, das aus seiner Brust drängte.

Eine brillante Meisterin. Nie verfehlte sie ihr Ziel.

Und eine Zigeunerin.

Er hatte ihr sein Herz dennoch zu Füßen gelegt, darauf vertraut, dass sie sein Geschenk zu schätzen wusste. Denn das war es, ein Geschenk. Für einen Mann mit seinem tadellosen Ruf, seiner Ehrenhaftigkeit, war es ein Wagnis, einer Frau wie ihr die Hand zu reichen. Er war es eingegangen.

Sie hatte sein Herz aus dem Weg getreten wie einen Lumpen und sich in die Arme eines Nephilim-Bastards geworfen, den sie hätte eliminieren und nicht ficken sollen.

Maurice brüllte seine Wut in die Nacht.

Passanten sahen erschrocken zu ihm herauf, tuschelten.

Sie existierten in einer anderen Welt. Ahnten nichts von der Finsternis, in der er Tag für Tag wandelte.

Er trat zurück, schloss die Fensterflügel.

Linas Charme, Linas Schönheit.

Erbärmliche Lügen.

Sie war eine Hure. Hatte nicht nur ihn, sondern auch die Bruderschaft verraten.

Jeder, der die Regeln brach, wurde bestraft.

Mahawaj Baraq’el hatte ihm diese Bürde anvertraut.

Umsonst hatte Maurice in Linas irritierend dunkelblauen Augen nach Reue gesucht. Lediglich Verachtung und der Wunsch nach Rache waren ihm entgegengeschlagen.

In ihrem nächsten Leben hatte sie der Bruderschaft erneut den Rücken gekehrt und sich vor Baraq’els wissendem Blick in Dunkelheit und Gestank verkrochen.

Maurice war ihr dorthin gefolgt.

Sie hatte ihn in die Irre geführt. Endlose Zeit war er durch lichtlose Tunnel geirrt, hatte dabei ihre Schritte vernommen, ihren verhöhnenden Rufen gelauscht und sie dafür hassen gelernt. Immer tiefer in die Katakomben von Paris hatte sie ihn gelockt und ihn schließlich wie eine Ratte inmitten von Angst und erstickender Enge krepieren lassen. Sein Schwur, sie Leben für Leben zu verfolgen und für ihre Vergehen büßen zu lassen, war von den feuchten Wänden geschluckt worden.

Er betete jede Nacht darum, dass sie ihn dennoch gehört hatte.

Nun teilte sie sich einen weiteren Lebenszyklus mit ihm.

Das Glas in seinen Fingern klirrte. Wein vermischte sich mit Blut, füllte Scherben, tropfte auf längst besudelte Seiten.

War Baraq’el der Richter, war er der Henker. Die Seelen der ungehorsamen Meister starben unter seiner Hand.

Eine rasche Prozedur mit scharfer Klinge.

Für Lina würde er sich etwas Besonderes ausdenken.

Niemand sündigte ungestraft im Namen der Bruderschaft.

~*~

Was für ein Albtraum.

Anne blinzelte in trübes Tageslicht. Ihr Kopf schmerzte.

Kaum Motorengeräusche auf der Albertinkatu. Ungewöhnlich.

Der Kleiderschrank stand offen, Socken und Laufschuhe verteilten sich auf dem Fußboden, die Zimmerpflanzen ließen die Blätter hängen. Auch die ein oder andere Staubmaus versteckte sich in den Ecken.

Wann hatte sie das letzte Mal die Wohnung geputzt?

Ihre Gedanken schwirrten zwischen Traum und Alltag hin und her, fanden keinen Anhaltspunkt. Für die einfachsten Dinge fehlten ihr die Nerven. Lag es an dem langen Winter? An dem Anblick des ständig zugefrorenen Hafenbeckens? So oft sie daran vorbeigegangen war, war ihr die Kälte bis in die Seele gestiegen.

Dieses Starre, Leblose. Als hätte das Eis die Schiffe gefangen und alles Bewegliche an ihnen eingefroren.

Plötzlich hatten die Albträume begonnen.

Der Winter war vorbei. Draußen schien die Aprilsonne.

Ein magerer Trost. Anne verlor trotzdem den Verstand. Es wurde höchste Zeit, dass sie mit jemandem darüber sprach, dann hielte sie sich zumindest nicht mehr allein für verrückt. Nein, sie wären zu zweit.

Ein noch mieserer Trost.

Anne streckte sich. Sämtliche Knochen schmerzten, als hätte sie einen Marathon hinter sich gebracht.

Ein Kaffee. Danach würde sie der Morgen freundlicher anlächeln.

Sie schlug die Decke zurück. »Scheiße.«

Zerrissene Leggins, blutige Knie. Und ihre Jacke – weshalb trug sie die überhaupt? – machte denselben mitgenommenen Eindruck.

Aufgeschrammte Handflächen, die Knöchel der rechten waren blau.

Sie hatte sich schlafen gelegt, ohne sich auszuziehen? Zerschlagen und dreckig?

Das funkelnde Schwert. Der Sprung durch ein Fenster. Die Polizisten. Der Mann auf dem Straßenpflaster.

Nein. Unsinn. Bloß ein Traum.

Anne schluckte gegen den Schrecken an. Es gab eine andere Erklärung für ihr Aussehen. Eine vernünftige.

Keine Sirenen, kein Lärm im Treppenhaus. War das nicht Beweis genug, dass sie keinen Mord begangen hatte? Sie wäre sonst in einer Zelle aufgewacht und nicht in ihrem Bett.

Schlechter Scherz. Ihr Herz begriff ihn ohnehin nicht. Es klopfte wie verrückt. Ihre Gedanken liefen ebenfalls aus dem Ruder. Wie Flocken im Schneegestöber taumelten sie hin und her. Unmöglich, nur einen von ihnen zu greifen. Welcher Tag war überhaupt?

Sie quälte sich aus dem Bett, humpelte in die Küche. Auf dem Tisch lag die Zeitung von Samstag. Das war gestern gewesen.

Sie war zum Toloviken See gelaufen, hatte eine Runde gedreht, schließlich zum Ostufer der Stadt und immer am Meer entlang, hatte in einem Café die Beine ausgestreckt, sich auf Facebook verplauscht, bis es draußen dämmrig geworden war. Und dann?

Irgendwie war sie nach Hause gekommen.

Keine Erinnerung. Auch nicht daran, warum sie so mitgenommen aussah. War sie gestürzt? Eine perfekte Erklärung für ihren Zustand und das Pochen in ihrem Schädel.

Anne tastete sich vorsichtig den Kopf ab. Eine Beule auf der linken Seite. Groß genug, um als Grund für den Filmriss herzuhalten.

Anne setzte Wasser auf und füllte Kaffeepulver in einen Becher. Der vertraute Duft beruhigte. Dennoch hing ihr der geträumte Schrecken in den Knochen. Ebenso wie das Gefühl kalter Kompetenz, gepaart mit Stolz und nur einer Spur Bedauern.

Ihre Klinge traf das Ziel. Mit tödlicher Sicherheit.

Bitte? Sie hatte nie ein Messer zu etwas anderem gebraucht, als Essbares klein zu schneiden oder ein Paket zu öffnen. Keinen Schimmer, warum sich ihr Unterbewusstsein in martialischen Fantasien austobte.

Auf dem Schneidbrett lag ein Gemüsemesser. Anne wog es in der Hand.

Der Abreißkalender neben der Tür. Gute sechs Meter entfernt und kaum größer als ihr Handy.

Anne zielte. Die Klinge sirrte durch die Luft, bohrte sich in lagenweise Papier, blieb wippend stecken.

»Wow!« Scheiße! Derselbe Stolz wie in den Träumen. Dieselbe Angst wie beim Erwachen.

Anne sank auf den Küchenstuhl, schnappte sich mit bebenden Fingern die Kaffeetasse. Sie hatte das Datum von gestern erstochen. Präzise die Ziffer getroffen. Woher konnte sie plötzlich zielen? Sie traf noch nicht einmal den Papierkorb mit einem zerknüllten Notizzettel. Zufall?

Nach wenigen Schlucken wurde ihr übel.

Sie ließ das Messer stecken, ging ins Bad. Gleichgültig, wie warm sie das Wasser drehte, die Hitze drang nicht durch ihre Haut, brannte nur an den wunden Knien und Händen. Sie schäumte sich die Haare ein, roch fremdes Blut statt Shampoo.

Einbildung. Gespeist aus einem Traum, der längst vorbei war. Ebenso wie der Stolz auf ihr Talent.

Zum Töten.

Anne rang nach Luft, erwischte bloß Wasserdampf.

Der Kerl hatte sie umbringen wollen! Es war ihr gutes Recht gewesen, sich zu verteidigen. Zumal er ein Idiot im Umgang mit diesem fantastischen ...

Ein Traum. Kein Grund, sich aufzuregen. Wahrscheinlich mordeten viele im Schlaf. Ihre Chefs, ihre Ehefrauen, ihre Männer, den nervenden Köter des Nachbarn.

Auch mit einer extra dazu abgebrochenen Bierflasche?

Schaum biss ihr in die Augen. Anne stemmte sich an die gekachelte Wand, kämpfte um einen festen Stand im Chaos. Es ging allein von ihr aus. Wurde in ihren Träumen geboren, kroch durch die Nacht direkt in ihre Seele.

Jemand musste ihr zuhören. Ihre Eltern? Wohl kaum. Ihre Mutter würde ihr das beste frei verkäufliche Psychopharmakon heraussuchen und ihr empfehlen, Finnland den Rücken zu kehren. Ihr Vater gäbe ihr den Tipp, endlich zu heiraten. Das wäre gut fürs Gemüt. Vorzugsweisen einen Franzosen, es sei denn, sie wollte auf angenehmes Plaudern und inniges Küssen freiwillig verzichten.

Zugegeben, das Klischee des wortfaulen Finnen, der sich ums Küssen nicht riss, fußte hin und wieder auf Tatsachen.

Ein Küchenmesser steckte in ihrer Wand. Die meisten ihrer finnischen Freunde würden ihr zu dem präzisen Wurf gratulieren und ihr raten, sich keine Gedanken zu machen. Eventuell käme auch ein Zweitjob in einem Wanderzirkus infrage.

Und sie hätten mit Sicherheit recht. Was war schon dabei? Beim Versuch zu lachen schluckte sie Wasser. Hustend trennte sie sich von der nassen Hitze, trocknete sich ab, wuschelte mit dem Handtuch ihre kurzen Haare trocken.

Ihr Spiegelbild verfolgte ihre Bewegungen mit einem unangemessen verklärten Blick.

In ihrem Traum hatte sie einen astreinen Parcours absolviert, war durch Fenster gesprungen und erfolgreich vor der Polizei geflohen.

Adrenalin kribbelte in ihren Nerven, als hätte sie den Stunt tatsächlich vollbracht. So schnell war sie nie zuvor gewesen.

Anne schloss die Augen.

Mit der Umgebung verschmolzen, jede Nische, jeden Schatten als Deckung wahrnehmen. Frei, stark, leicht. Wie fliegen. Ein fantastisches Gefühl.

Das Prickeln hinter dem Brustbein lockte ein Lächeln.

Schwachsinn! In ihrer Küche steckte ein Messer in der Wand!

Anne zwang ihre Gedanken weg von beängstigender Abenteuerlust, hin zum Alltag. Gleichgültig wie real ihr der Traum erscheinen mochte, er blieb, was er war. Fantasie. Das Gegenmittel hieß Realität.

Was stand für heute auf dem Plan? Eelis Geburtstagsbrunch. Wenn sie sich beeilte, schaffte sie es noch pünktlich. Eeli war nicht nur ihr Sekretär, auch ein guter Freund. Trotzdem hasste er Unpünktlichkeit.

Pflaster auf die aufgeschlagenen Knie, und statt der engen Jeans eine weite. Einen Rollkragenpullover, über den Eeli lästern würde, da seiner Meinung nach längst Frühling herrschte und er kein Verständnis dafür aufbrachte, dass man bei angenehmen fünf Grad Celsius frieren könnte.

Für die Ahnung eines Augenblicks sehnte sich Anne in die Bretagne. Sie schnupperte und bildete sich zarte Blumendüfte ein.

Genug. Sie musste los. Haare in Form stylen, ein wenig Mascara und Lippenstift und zwischen Kaffee und Zimtschnecken schaurige Träume vergessen.

Das Schwert.

Es war wunderschön gewesen.

~*~

Ein schlichtes, weißes Hemd. Ohne Saum, ohne Kragen. Grob gewebt und kratzig. Eine Folter für nackte Haut.

Wer es bekam, hatte es verdient.

Das Stechen in seinem Herz war neu. Auch der Druck im Magen.

Seine Gedanken verloren an Schärfe. Bis auf einen. Er vergiftete ihn. Um handeln zu können, musste er sich von ihm befreien. Er musste sie befreien. Sie hatten einander geschworen, sich zu beschützen. Es wurde Zeit, den Schwur einzulösen.

Rechte Winkel, keine unnötigen Falten.

Packpapier, ein Stück Schnur, die Adresse mit Filzstift.

Das genügte.

~*~

»Wohin soll der Karton?« Ives‘ Wangen glühten gegen das Grau eines Pariser Montagmorgens an. Die aschblonden Strähnen hingen ihm nass im Gesicht. »Bitte sag nicht bis nach oben.« Er blickte unglücklich an der Fassade des vierstöckigen Gebäudes hinauf. »Ich bin Daniels Chauffeur, nicht sein Mädchen für alles.«

Kepheqiah blies sich einen Regentropfen von der Nasenspitze. »Soweit ich weiß, warst du nie etwas anderes als ein Mädchen für alles.«

»Danke fürs Erinnern.« Der Junge warf ihm einen finsteren Blick zu. »Hätte ich sonst glatt vergessen.«

Seit dem Morgengrauen schleppten sie Kisten. Doch die Schwere, die Kepheqiah umschlungen hielt, stand in keinem Zusammenhang mit der Anstrengung. Sie war sein steter Begleiter, ob er ruhte oder arbeitete. Sie verwandelte seine Gedanken in eine zähe Masse, nahm seinem Körper die Kraft. Ein Kampf gegen Windmühlen. So erschien ihm jede einzelne Stunde. Mahawajs Verrat an ihrer Freundschaft machte es nicht besser. Er saß ihm wie ein Dolch im Herz.

»Keph?« Ives wuchtete sich den Umzugskarton auf die andere Seite der Hüfte. »Alles klar mit dir? Du guckst so komisch.«

Kepheqiah wischte sich die Nässe aus dem Gesicht. Was er empfand, ging niemandem aus dem Team etwas an. Könnte er es doch vor sich selbst verleugnen.

»Hey! Eine Antwort wäre nett.«

»Steht nichts drauf?« Das Meiste musste ins Nebengebäude, wo sich die Cleaner samt Sicherheitstechnik und Überwachungsanlagen einrichteten.

Der Umzug war die richtige Entscheidung gewesen. Obschon es nur eine Frage der Zeit war, bis Mahawaj dahinter kam. Solange er existierte, stellte er für Shemhazai eine Bedrohung dar. Auch wenn Shem diese Tatsache mit einem kalten Lächeln hinnahm. Er machte kein Geheimnis daraus, wie sehr er sich nach einem endgültigen Kampf mit seinem Widersacher sehnte.

Darauf ließe es Mahawaj nicht ankommen. Er würde jemanden schicken, der den Job übernahm, und Shem aus sicherer Distanz auslöschen.

Du bist ein Feigling, Mahawaj. Und er selbst ein Narr, da er sich einbildete, seinen Freund retten zu können.

»Kepheqiah! Wohin?«

»Im Zweifel ins Hinterhaus.« Kepheqiah zeigte zu dem schwarzen Tor. Es führte zu einem überschaubaren, mit Ranken überwucherter Hof, an dessen Rückseite sich die Unterkunft der Cleaner befand.

»Danke.« Ives trottete davon.

Kepheqiah lehnte sich an den Transporter.

Graue Mauern, grauer Asphalt, graue Wolken. Die Farbe legte sich wie Nebel auf seinen Geist.

Er schloss die Augen. Paris versank hinter dem Regenschleier, stattdessen breitete sich eine weite Ebene vor ihm aus. Sand, Felsen, Luft. Alles glühte vor Hitze. Bunte Zeltbahnen flatterten im Wind, unwirkliches Blau verwandelte den Himmel in etwas Greifbares. Ziegenhirten trieben ihre Herden nah an dem Lager vorbei, ließen sich zu einem Tee und einem Gespräch bei den Männern nieder, fragten nach ihrer Herkunft, glaubten die einstudierten Lügen, bewunderten die prachtvollen Waffen, priesen ihre Töchter an.

Shemhazai nahm sie, zusammen mit den anderen seines Heeres, und brachte mit jedem gezeugten Kind seinen Teil Unglück in eine friedliche Welt.

Einem Krieger des zehnten Chores standen die Verlockungen von Fleisch und Blut nicht zu. Doch je öfter Kepheqiah die Hüllen wechselte, je länger er unter den Menschen lebte, desto schwerer fiel es ihm, zu entsagen.