Falling With You - James Black - E-Book

Falling With You E-Book

James Black

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  • Herausgeber: Carlsen
  • Sprache: Deutsch
Beschreibung

Ein Student, der (un)freiwillig zum Tutor eines Rich Boys wird ... Aleks ist reich, gutaussehend, auf dem ganzen Campus beliebt und er studiert Jura. Henning dagegen hat einen Haufen Schulden und kein Dach mehr über dem Kopf. Seit Jahren schreibt er Uni-Arbeiten für andere Studierende, um sich über Wasser zu halten. Um vielleicht irgendwann die Kontrolle über sein Leben zurückzubekommen.  Ihre Wege hätten sich nie kreuzen sollen. Als sie es tun, kollidieren zwei Welten miteinander – und Aleks bietet Henning einen verlockenden Deal an: ein Zimmer in seiner Wohnung im Austausch für seine Hilfe beim Staatsexamen. Der Job könnte leicht sein. Wenn sich Aleks' Nähe nicht anfühlen würde wie ein Flug geradewegs in die Sonne ... Henning wird sich an ihm verbrennen. Eine queere College Romance mit tiefgründiger Rich/Poor Love Story und bissigem Charme. //»Falling With You« ist ein in sich abgeschlossener Einzelband.//

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Impress

Die Macht der Gefühle

Impress ist ein Imprint des Carlsen Verlags und publiziert romantische und fantastische Romane für junge Erwachsene.

Wer nach Geschichten zum Mitverlieben in den beliebten Genres Romantasy, Coming-of-Age oder New Adult Romance sucht, ist bei uns genau richtig. Mit viel Gefühl, bittersüßer Stimmung und starken Heldinnen entführen wir unsere Leser*innen in die grenzenlosen Weiten fesselnder Buchwelten.

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James Black

Falling With You

Ein Student, der (un)freiwillig zum Tutor eines Rich Boys wird …

Aleks ist reich, gutaussehend, auf dem ganzen Campus beliebt und er studiert Jura. Henning dagegen hat einen Haufen Schulden und kein Dach mehr über dem Kopf. Seit Jahren schreibt er Uni-Arbeiten für andere Studierende, um sich über Wasser zu halten. Um vielleicht irgendwann die Kontrolle über sein Leben zurückzubekommen.

Ihre Wege hätten sich nie kreuzen sollen. Als sie es tun, kollidieren zwei Welten miteinander – und Aleks bietet Henning einen verlockenden Deal an: ein Zimmer in seiner Wohnung im Austausch für seine Hilfe beim Staatsexamen. Der Job könnte leicht sein. Wenn sich Aleks’ Nähe nicht anfühlen würde wie ein Flug geradewegs in die Sonne … Henning wird sich an ihm verbrennen.

Wohin soll es gehen?

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Playlist

Vita

Danksagung

© privat

James Black wurde 1995 in Schwerin geboren, lebte dort für zwanzig Jahre und zog schließlich in die Nähe Hamburgs. Geschichten und Bücher begleiten ihn bereits sein Leben lang. Als Kind las er seine Lieblingsbuchreihe dutzende Male, bis irgendwann der Drang in ihm aufkam, selbst etwas zu kreieren. Ganz nach dem Vorbild seines großen Idols Taylor Swift verbindet seine Romane die Suche nach Liebe und ein Hang zur Dramatik.

Für alle, die jemals daran gezweifelt haben,dass sie gut genug sind.

Playlist

like Icarus into the sea we fell into one another

I, Carrion (Icarian) – Hozier

Northern Attitude – Noah Kahan

Guilty as Sin? – Taylor Swift

Hope Is The Thing With Feathers – Robin, HOYO-MiX, Chevy

Please Be Rude – Gigi Perez

New Perspective – Noah Kahan

Telepathic – STARSET

The Last One – Maisie Peters

Places You Belong – Chloe Ament

Let It Happen – Gracie Abrams

Older – Lizzy McAlpine

Turning Page – Sleeping At Last

No Complaints – Noah Kahan

The Runner and the Lover – Mnthl, Shelby Merry

The Alchemy – Taylor Swift

god save me, but don’t drown me out – YUNGBLUD

Sun Bleached Flies – Ethel Cain

Icarus – Bastille

Heaven’s Gate – Fall Out Boy

Glory and Gore – Lorde

The Bolter – Taylor Swift

You Are in Love (Taylor’s Version) – Taylor Swift

Liar (Remastered 2011) – Queen

Don’t Judge Me – Janelle Monáe

SOLSTICE – STARSET

Asleep – Sleeping At Last

Can You Hold Me – NF, Britt Nicole

Sparks Fly (Taylor’s Version) – Taylor Swift

Where Do You Run – The Score

Halo – STARSET

You Are Enough – Sleeping At Last

Fable – Gigi Perez

ICARUS – STARSET

Kapitel1Henning

Sein Kontostand war kaum ein dreistelliger Betrag. Hennings Magen zog sich zusammen, als er auf Überweisung senden drückte, der Bildschirm seines Handys kurz dunkel wurde, nur um einen Augenblick später zurück in den Farben seiner Banking-App zu glänzen. Überweisung erfolgreich, stand dort in einer hellgrünen Textbox. Henning schloss die App, bevor er einen Blick auf seinen neuen Kontostand werfen konnte. Er wusste schon, dass jetzt ein Minus davorstand, aber er musste nicht wissen, wie groß es genau war. Solange er Unwissen vortäuschen konnte, selbst wenn es nur in seinem eigenen Kopf war, würde er zumindest ein wenig Schlaf bekommen.

Henning stopfte sein Handy zurück in die Tasche und wischte sich übers Gesicht. Er genehmigte sich einen Augenblick, in dem er die Augen schließen konnte, bevor er sie öffnete, den Kugelschreiber zur Hand nahm und einen großen Haken über die Rechnung schrieb, die vor ihm lag. Eine von vielen wanderte in seine Reisetasche. Das plattgedrückte Erinnerungsschreiben der Uni starrte ihm als Nächstes entgegen.

Der kommende Semesterbeitrag war wesentlich mehr als er sich im Moment leisten konnte. Henning schloss die Finger fester um den Stift, kreiste die Zahl einmal aggressiv ein, sodass der Brief fast einriss, und warf den Stift beiseite. Das Erinnerungsschreiben war bereits vor über einem Monat eingetroffen, aber er hatte es einfach unbeachtet in den Stapel anderer Rechnungen geschoben, in der vagen Hoffnung, dass es sich von selbst in Luft auflösen würde. Es hatte offensichtlich nicht geklappt und jetzt blieben ihm nicht einmal zwei Wochen, bis er den Beitrag überweisen musste. Bestimmt könnte er ein wenig betteln und so tun, als hätte er die Deadline verpasst. Das würde ihm vielleicht noch zwei Wochen rausschlagen, aber selbst ein Monat war zu wenig Zeit, um diese Summe aufzutreiben.

Er war nicht naiv genug, um zu glauben, dass er lange damit durchkommen würde. Seine Uni könnte er besänftigen, selbst das Pflegeheim würde ihm einen Aufschub geben, wenn er ihnen erklärte, wie seine Situation aussah, aber bei der Bank war er sich nicht so sicher. Schulden mit fünfundzwanzig, kürzlich gefeuert, invalides Elternteil und keine feste Bleibe hin oder her, die Bank wollte nur eines wissen: Würde er jemals das Haus zurückkaufen können? Albträume, in denen ihm die Zähne nach und nach ausfielen und er von schattenhaften Kreaturen mit der leisen Stimme seiner Mutter gejagt wurde, waren nichts im Vergleich zu den eiskalten Leuten von der Bank, die sich von nichts beeindrucken ließen.

Nicht zum ersten Mal schoss der Gedanke an Exmatrikulation durch seinen Kopf. Er könnte sein Studium abbrechen und sich einen Job im lokalen Supermarkt suchen. Das Geld nutzen, um seine Rechnungen zu zahlen, um seine Schulden zu begleichen, sich eine billige Wohnung oder WG zu suchen. Er könnte etwas anderes außer Fertigsuppen und verpackte Sandwiches essen. Es würde ihn sicher nur zehn bis fünfzehn Jahre kosten, bis er sein Haus zurückkaufen könnte. Vielleicht wäre er bis dahin Schichtleiter, während alle seine alten Schulfreunde mit ihren teuren Autos und Familienurlauben angeben würden.

»Hey, Becks.« Eine Stimme ließ ihn aufblicken und Henning wischte seine Rechnungen rasch vom Tisch in seine offene Tasche. Ein breitschultriger Typ mit fransigen dunklen Haaren setzte sich breitbeinig auf den Stuhl ihm gegenüber. »Hast du meine Arbeit?«

Es dauerte einen Moment, bis er dem Gesicht einen Namen zuordnen konnte. »Oliver«, sagte er testweise und der Typ nickte. »Theologie.«

»Exakt. Christlich-islamische Gemeinsamkeiten in der Darstellung der göttlichen Rettung.«

»Richtig.« Henning fischte sein Handy aus der Tasche und scrollte durch seine Dokumente, bis er das richtige Thema fand. »Hab ich.«

Oliver grinste ihn erleichtert an. »Klasse, Mann. Du weißt nicht, wie sehr du mir den Arsch damit rettest.«

»Hast du das Geld?« Henning interessierte sich nicht sonderlich dafür, wie sehr er den anderen Studierenden damit half oder was für Geschichten sie ihm präsentierten, damit er zustimmen würde, Hausarbeiten und Essays für sie zu schreiben. Solange er bezahlt wurde, war es ihm egal, wer zu ihm kam. Es gab nur zwei Regeln, die er mit jedem seiner Kunden aufstellte: Die Hälfte desGeldes bekam er vor der Arbeit, die zweite Hälfte beim Abgeben und niemals, unter keinen Umständen, besprach er die Arbeit danach mit ihnen. Es war nicht seine Aufgabe, ihre Fragen zu klären, falls ein Professor einen Fehler entdeckte. Henning schrieb die Arbeit, er gab sie ab und damit war sie nicht länger sein Problem.

»Gott, ja«, erwiderte Oliver. »Du bist echt eiskalt. Hat dir das schon mal jemand gesagt?«

Henning zog die Augenbrauen hoch.

»Okay, okay.« Oliver zog sein eigenes Handy hervor, tippte darauf herum und drehte ihm dann den Bildschirm zu. Fünfundzwanzig Euro wurden darauf angezeigt, die in den nächsten Minuten an seinen PayPal-Account gesendet werden würden. »Zufrieden?«, fragte Oliver, als er auf Senden drückte.

»Ich platze vor Freude«, entgegnete Henning monoton. Er zog das Dokument in eine leere E-Mail, gab Olivers Adresse ein und schickte sie ihm rüber. »Lösch sie, sobald du den Essay runtergeladen hast.«

»Jaja«, murmelte Oliver, ehe er aufstand. Sein Grinsen kehrte wieder. »Danke, Becks. Ich würde sagen, du hast was gut bei mir, aber dafür hab ich dir schon genug Geld gegeben.«

»Beehre mich jederzeit wieder«, antwortete Henning und beobachtete, wie Oliver ihm den Rücken kehrte und zwischen den Regalreihen der Bibliothek verschwand. Er erlaubte sich einen Moment der Ruhe, ehe er sich in seinen PayPal-Account einloggte und das Geld direkt auf sein Konto überwies. Es würde ihm nicht helfen, den Semesterbeitrag zu bezahlen, aber es war besser als gar nichts. Henning löschte Olivers Arbeit von seinem Handy und checkte die restlichen Dokumente. Zwei Essays würde er noch abgeben können, dazu eine Hausarbeit und eine Zusammenfassung eines philosophischen Textes. Wenn er das alles einkassiert hatte, dann würde er zumindest das Minus ausgleichen können.

Henning hatte bisher einen ziemlich guten Job gemacht, sein Nebengewerbe am Campus bekannt zu machen, ohne dass die Professoren Wind davon bekommen hatten, aber je näher seine eigenen Deadlines rückten, desto nervöser wurde er, nicht genügend Kunden angelockt zu haben. Mit ein paar Essays im Monat konnte er sich über Wasser halten und für eine gesamte Hausarbeit würde er ein paar Wochen überleben, aber wenn er nicht bald einen neuen Job fand, dann würde er nicht nur sein Studium verlieren.

Ein Blick auf die Uhr verriet ihm, dass er nur noch zwei Stunden hatte, bis die Unibibliothek zumachte. Zwei Stunden, um entweder an seinen eigenen Sachen zu arbeiten und zu verhindern, dass er exmatrikuliert wurde, oder sich neue Kunden zu angeln, damit er nicht verhungerte. Wie er die Karten auch legte, es schien, als hätte sich die verdammte Schicksalsgöttin einen mehr als kruden Scherz einfallen lassen. Manchmal erwischte er sich dabei, wie er nur darauf wartete, dass er aufwachte und endlich wieder alles beim Alten wäre. Er würde in seinem Zimmer im Haus aufwachen, er könnte den Bus zur Uni nehmen und sich mit anderen in der Cafeteria ein warmes Mittagessen holen, er würde sich nur um seine eigene Hausarbeit kümmern und nicht um die von dutzend anderen und – was ihm jedes Mal einen Stich in der Magengegend und ein Brennen im Herzen verursachte – seine Mutter würde sich vielleicht wieder an seinen Namen erinnern.

Fortuna musste gelauscht haben, denn kaum hatte er daran gedacht, vibrierte sein Handy mit einem angehenden Anruf von Tasha aus dem Pflegeheim. Henning warf sich lautlos fluchend seine Tasche um die Schulter und steuerte den Ausgang an. Kaum war er durch die Glastür in die Gartenanlage getreten, nahm er mit einem gehetzten Hallo? den Anruf an.

»Henning, hey«, sagte Tasha am anderen Ende der Leitung.

»Ist alles gut mit –«

»Deiner Mutter geht es gut, keine Sorge«, unterbrach sie ihn mit sanfter Stimme. »Ich –« Sie zögerte einen Moment, dann holte sie Luft und fing erneut an: »Ich rufe an, weil du noch eine offene Rechnung hast.«

Henning legte eine Hand an seine Stirn und seufzte. »Kannst du nicht mal anrufen, um zu fragen, wie es mir geht?«, murmelte er.

Tasha lachte zittrig klingend. »Tut mir leid, Henning, ich weiß, dass es im Moment nicht einfach ist, aber … wenn du es nicht aufbringen kannst, dann weiß ich nicht, wie lange ich es noch aufschieben kann, ohne dass mein Chef es bemerkt. Spätestens am Ende des Monats wird er die Finanzen durchgehen und wenn du es bis dahin nicht überwiesen hast, wird er dir schon wieder eine Mahnung schicken.«

»Mit seinen liebsten Mahngebühren, natürlich«, erwiderte er düster. Henning holte tief Luft. »Bis zum Ende des Monats?«

»Spätestens.«

»Das schaff ich«, log er. »Keine Sorge, Tasha, ich kratz das alles zusammen. Schick … schick mir die Rechnung einfach noch mal rüber, okay?«

Sie blieb für einen Moment still, sodass er nur ihren Atem hören konnte, dann sagte sie: »Mach ich. Hast du den Antrag schon abgeschickt?«

»Gestern«, antwortete Henning. »Ich hab alles fertig gemacht, was die haben wollten und es per Mail gesendet und fünf Ausrufezeichen hinters Wichtig geklatscht.«

»Das sollte hoffentlich reichen. Hast du deinen –«

Er wusste, was sie fragen wollte, noch bevor sie es ausgesprochen hatte und unterbrach sie mit einem harten: »Nein. Werde ich auch nicht.«

»Okay«, meinte sie langsam. »Okay. Ich wollte nur – hm? Oh. Ja, okay.« Sie seufzte. »Tut mir leid, ich muss auflegen.«

Henning biss sich auf die Zunge, bis er Blut schmeckte, dann fragte er: »Richtest du meiner Mutter etwas von mir aus?«

Ihre Stimme war sanft, als sie antwortete: »Natürlich, Henning.«

»Sag ihr, dass ich sie so schnell wie möglich besuchen komme. Sag ihr –« Seine Stimme brach und den Rest behielt er für sich. Sag ihr, dass ich alles im Griff habe.

Tasha schien es entweder nicht bemerkt zu haben, oder wusste, was er sagen wollte. »Das mach ich. Ich sag dir Bescheid, wie sie reagiert, ja?«

Henning beendete den Anruf und presste sich das Handy so fest in die Hand, dass er die Hülle in seine Haut schneiden spürte. Am liebsten wollte er lauthals schreien, aber er konnte es sich nicht leisten, unnötige Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Sein Handy vibrierte mit der eingehenden Nachricht von Tasha, die ihm die Rechnung vom Pflegeheim erneut geschickt hatte. Er warf einen Blick aufs Datum. Er hatte zwei Wochen Zeit, um knapp 2.000 Euro fürs Pflegeheim aufzutreiben, und dann noch mal zwei Wochen, um seine Studiengebühren zu zahlen. Zwischendurch würde er ungerne verhungern und müsste sich um seine eigenen Hausarbeiten kümmern. Der Antrag, den er für die Pflegekasse abgeschickt hatte, würde sicherlich ein paar Wochen brauchen, bis er entschieden wurde, aber die Zeit hatte er nicht. Was er brauchte, waren ein Wunder und ein verdammter Lottogewinn.

Er würde seine Preise erhöhen müssen, um überhaupt eine Chance zu haben, so viel Geld aufzutreiben, aber das würde seinen Kunden nicht gefallen. Wahrscheinlich würden einige sogar abspringen, sodass er Geld verlieren würde. Bevor seine Mutter ins Pflegeheim musste, hatte sie ihm jeden Tag den Spruch auf ihrem Kalender vorgelesen. Hör nicht auf, bevor du nicht angefangen hast. Du kannst alles schaffen, was in deiner Vorstellung liegt.

Carpe fucking diem.

Wenn er könnte, würde er einfach … alles stehen und liegen lassen, das bisschen Geld nehmen, was er sich noch verdienen würde, und dann abhauen. Vom Gesicht der Erde verschwinden und sich einen neuen Namen suchen. Wenn er seine schwarzen Haare abschneiden und blond färben würde, dann würde ihn sicherlich niemand mehr erkennen. Er könnte in die Schweiz fliehen … wobei, da würde er niemanden verstehen. Vielleicht Österreich. Oder direkt übers Meer nach England. Sicherlich könnte er so tun, als wäre er ein Brite und dann in einem heruntergekommenen Pub arbeiten und sein Leben lang zusammenzucken, wenn er die Cops sah. Irgendein Pflegekassenangestellter mit großem Herz würde sicher alles in die Wege leiten, damit seine Mutter weiterhin betreut leben konnte und für Henning wäre das Leben dann gesichert. Schulden hin oder her, die Bank würde ihn nicht verfolgen können, wenn er seine Identität ablegte. Er könnte auch einen auf Allison DiLaurentis aus Pretty Little Liars machen und seinen eigenen Tod vortäuschen, nur ohne Psycho-Stalker und mörderische Ex-Freunde.

Henning unterdrückte ein Seufzen und blickte sich um. Die Universitätsbibliothek, die so ziemlich komplett aus Glas, Stahlbalken und Betonzwischenböden bestand, war von einer weiten Grünfläche umgeben, auf der sich auch kurz vor der Abenddämmerung noch genügend Studierende tummelten, Ordner ausgebreitet und Musik aus tragbaren Bluetooth-Boxen hörten. Sie unterhielten sich über die letzten Vorlesungen, besprachen Hausarbeiten oder kommende Prüfungen oder redeten über alles außer die Uni. Ein paar Jungs in kurzen Hosen warfen sich einen Ball hin und her und eine Gruppe junger Frauen hatte sich einen schattigen Platz unter einem hohen, knorrigen Baum gesucht, eine Picknickdecke ausgebreitet und Karteikarten wie ein Memory-Spiel verteilt. Es juckte ihn in den Fingern, sich zu einer Gruppe zu gesellen und sie zu fragen, ob er beim Erstellen von Lehrplänen oder Arbeiten helfen konnte. Er brauchte weitere Kunden, besonders kurz vor Semesterende. Vorher musste er allerdings sicherstellen, dass seine bisherigen Kunden alle zufrieden waren und zahlten. Dann musste er prüfen, ob er seine eigenen Arbeiten alle fertig hatte und, wenn dann noch Zeit blieb, musste er noch einige Bücher heraussuchen, die er für seinen Wirtschaftskurs benötigte.

Gerade als er sich entschieden hatte, in die Bibliothek zurückzukehren, blinkte sein Handy mit einer eingehenden Nachricht. Die Vorschau ließ ihm bereits das Blut in den Adern gefrieren, ein eisiger Hauch in den Lungen und Schneefall im Hals. Er öffnete die Nachricht mit einem zitternden Finger.

jo, kannst du deine sachen heute noch abholen? sophia will nicht mehr, dass du auf der couch pennst

Eine zweite Nachricht folgte der ersten.

sorry alter

Henning hätte lachen können, so lächerlich war die ganze Situation. Nicht nur hatte er keine feste Wohnung mehr, jetzt wurde er auch noch von der dritten Couch in zwei Wochen geworfen, die ihm zumindest einen halbwegs bequemen Schlaf beschert hatte. David saß im Wirtschaftskurs seit Beginn des Studiums immer neben ihm und sie waren so was Ähnliches wie Freunde. Als er gehört hatte, dass Henning aus seinem Haus geflogen war, hatte er ihm seine Couch übergangsweise angeboten. David selbst würde ihn nicht rauswerfen, wenn seine Freundin Sophia nicht ebenfalls bei ihm wohnte. Sophia hatte ihn noch nie gemocht.

Er schickte David eine kurze, passiv-aggressive Antwort, dass er sich auf den Weg machte, bevor er die Hände tief in die Taschen bohrte und Richtung Innenstadt lief. Alles hatte damit angefangen, dass seine Mutter vergessen hatte, den Ofen auszuschalten oder sich sicher gewesen war, dass seine Großmutter jeden Moment aus dem Grab aufstehen und bei ihnen klingeln würde, und jetzt endete es damit, dass er sein gesamtes Leben wie einen Scherbenhaufen aus schmutzigen Klamotten, zerknickten Collegeblöcken und fast leeren Kugelschreibern mit sich herumtrug. Diese emotionale Misshandlung konnte er nicht mehr lange allein durchhalten. Es war ein Messerstich nach dem nächsten, eine demente Mutter, ein überschuldetes Konto, ein gepfändetes Haus auf seinem Namen, weil er es nicht besser wusste, zwei verlorene Aushilfsjobs und sein Leben in den Untiefen von Reisetaschen und dem einen Koffer, den er besaß. Er hatte auf Sofas geschlafen, sich in Hörsälen versteckt und Mitstudierende nach Wohnmöglichkeiten ausgefragt, bis er sich sicher war, dass selbst der letzte Erstsemester mittlerweile wusste, dass er arbeits- und wohnungslos war. Henning hatte aufgehört zu zählen, wie oft man ihm mittlerweile in den Rücken gestochen hatte, aber er fühlte sich unangenehm an Cäsar erinnert. Die einzige Person, die ihn bisher noch nicht enttäuscht hatte, war Tasha, auch wenn er nur darauf wartete, dass sie ihm sagte, dass er seine Mutter wieder abholen müsse. Das wäre die absolute Krönung, die er gar nicht gebrauchen konnte.

Davids Wohnung lag nicht weit vom Campus entfernt, sodass er sie zumindest schnell erreicht hatte. Die Tür öffnete sich, kurz nachdem er geklingelt hatte, und im Treppenhaus konnte er hören, wie David im dritten Stock die Kette von der Wohnungstür löste.

»Hey«, sagte er und hatte zumindest den Anstand, ihn entschuldigend anzusehen. »Tut mir echt leid, Kumpel, ich hab versucht –«

»Lass stecken«, brummte Henning, als er eintrat. Dann, obwohl er nicht wusste, warum, fügte er an: »Ich hab was gefunden, also keine Sorge.«

»Oh.« David lächelte erleichtert. Mit verschränkten Armen lehnte er sich in den Türrahmen ins Wohnzimmer. »Das ist gut. Das ist echt gut. Ne WG?«

Henning schwang eine seiner Taschen über die Schulter und ächzte beim zusätzlichen Gewicht. »Äh. Ja. Bei … wobei, du kennst ihn wahrscheinlich nicht.« Die Lüge fiel ihm einfach von den Lippen – wahrscheinlich, weil er es gewohnt war, aber vielleicht auch, weil es ihn nicht wirklich kümmerte, was David dachte. David wollte ein reines Gewissen, damit er sich nicht schuldig fühlen musste, falls Henning draußen krepierte, und das wars. Nicht mehr, nicht weniger.

»Hey, genial.« David tippte mit einem Finger auf seinem Unterarm herum, ehe er mit einem nervösen Zucken in den Augen fragte: »Becks, du hast nicht zufällig Zeit, mir den Essay für nächste Woche zu schreiben, oder? Sophia und ich haben unser Einjähriges und wir wollten übers Wochenende wegfahren und – «

»Klar«, sagte Henning zu schnell. »Ich hab Zeit.«

Auch wenn er David ein wenig dafür hasste, dass er ihn auf die Straße setzte, konnte er das Geld nicht einfach ausschlagen, selbst wenn er ihm ein wenig Freundschaftsrabatt geben musste.

»Oh. Okay. Äh, ich meld mich dann bei dir.« David kratzte sich am Hinterkopf, als Henning seine schmutzigen Shirts in seinen Koffer stopfte und den Reißverschluss zuzog. »Pass auf dich auf, ja?«

»Mach ich«, erwiderte Henning mit der Intention, Davids Nummer sofort zu löschen, wenn die Tür hinter ihm zufiel. Idiotischer Stolz und Trotz würden noch sein Tod werden, wenn es der kalte Asphalt nicht schaffte. Er zog ein letztes Mal am Reißverschluss seines Koffers, bevor er ihn aufrecht stellte und den Griff herauszog. »Also dann.« Henning schulterte jegliche Taschen, die er besaß und zog seinen Koffer hinter sich aus Davids Wohnungstür.

»Wir sehen uns!«, rief David ihm hinterher, als er mühevoll sein Gepäck die schmale Treppe hinuntertrug.

Henning gab einen einzigen Grunzer als Antwort. Die Tür fiel über ihm ins Schloss. Es überraschte ihn nicht, dass David sich von seiner Freundin so breitschlagen ließ, aber es verpasste ihm trotzdem Stiche in der Magengegend, dass jemand, der sich sein Freund nannte, ihn so einfach gehen ließ, ohne sicherzugehen, dass er wirklich eine Bleibe hatte. Henning konnte lügen so viel er wollte, konnte betrügen und Arbeiten fälschen, aber all das würde ihm nicht helfen, wenn es darauf ankam, eine wirkliche Verbindung mit jemandem aufzubauen. Gespräche vor Vorlesungsbeginn und in der Mensa oder auf dem Weg in die Bibliothek waren doch nie genug, damit sich jemand wirklich dafür interessierte, was mit ihm geschah. War er überhaupt mit David befreundet oder waren sie lediglich zwei Leute, die in einer Peripherie gefangen waren, weil es der Zufall so wollte?

Zurück auf dem Campus steuerte Henning direkt die Unibibliothek an. Ihm blieb eine Stunde, in der er die richtigen Lektüren finden und kopieren konnte, bevor er sich einen Platz zum Schlafen suchen musste. Er verstaute seine Sachen in mehreren Schließfächern und versuchte die neugieren Blicke der Informationsmitarbeiterin auszublenden, als er sich bei ihr die Schlüssel auslieh. Ob sie ihn bemitleidete oder verurteilte wusste er nicht, aber es war ihm auch nicht wirklich wichtig. In der öffentlichen Toilette wusch er sich das Gesicht mit eiskaltem Wasser und starrte ein paar Momente mit blutunterlaufenen, müden Augen in den Spiegel, wünschte sich, er könnte einfach hindurchtreten und verschwinden. Den Platz mit seinem Spiegelbild tauschen und endlich … kühle Ruhe haben. Im Spiegel müsste er sich keine Gedanken um Rechnungen und Schulden machen. Er könnte das erste Mal in Ewigkeiten die Augen schließen und an nichts mehr denken.

Sein ruhiger Moment wurde unterbrochen, als die Klospülung hinter ihm betätigt wurde und ein Mann aus der Kabine kam, der noch damit beschäftigt war, seinen Gürtel zu schließen. Henning beeilte sich, seine Hände mit den billigen, dünnen Papiertüchern zu trocknen, bevor er seine Tasche nahm. Zurück im Hauptraum der Bibliothek scannte er das nächstbeste Schild, um zu sehen, in welche Richtung er gehen musste und unterdrückte ein Gähnen. Die Müdigkeit vom Tag war tief in seine Knochen gekrochen und ließ seine Schritte langsamer werden. Am liebsten würde er sich einfach irgendwo hinsetzen, die Augen schließen und warten, bis die Lichter gelöscht wurden, aber das Säuberungspersonal durchsuchte jeden Winkel, bevor sie die Bibliothek wirklich schlossen. Anscheinend gab es einige sehr enthusiastische und verzweifelte Studierende, die genau das schon versucht hatten – sich einsperren lassen, damit sie Hausarbeiten in der Ruhe der Nacht abschließen konnten, die am nächsten Morgen abgegeben werden mussten. Es fühlte sich erbärmlich an, dass Henning auf dieselben Ideen kam.

Er unterdrückte ein weiteres Gähnen und setzte seinen Weg fort. An seinem Zielregal angelangt, hievte er seine Tasche auf einen leeren Stuhl und stellte sich mit verschränkten Armen vor die massive Wand an Büchern. Es gab so ziemlich alles, was man mit Wirtschaft in Verbindung bringen konnte. Den ganzen Tag über hatte er sich vorgenommen, die richtigen Bücher rauszusuchen, aber jetzt, da er wirklich vor ihnen stand, konnte er sich nicht mehr daran erinnern, welche Themen er benötigte. Er könnte in seine Notizen gucken. Er könnte versuchen, sich zu erinnern. Er könnte sich auch kurz hinsetzen und die Augen schließen. Die Knochen ausruhen und hoffen, dass man Mitleid mit ihm hatte und ihn einsperren würde. Henning war alt genug, um seine eigenen Entscheidungen zu treffen, alt genug, um sein eigenes Auto zu kaufen oder eine Wohnung zu mieten, aber er fühlte sich plötzlich wie ein kleiner, sechsjähriger Junge, der zwischen den hohen Regalen des Supermarkts verloren gegangen war.

Henning lehnte sich mit dem Rücken gegen den Tisch und schloss die Augen. Die Namen der Themen schwebten ihm fast vor dem inneren Auge. Er wusste es, er musste nur nachdenken. Jeden Augenblick würde die Glühbirne anspringen und er könnte sich die Bücher schnappen, die er brauchte. Nur ein paar Sekunden noch.

Er glitt an der Kante entlang, bis seine Beine den nächsten Stuhl fanden. Er ließ sich darauf nieder und legte den Kopf in den Nacken, die Arme weiterhin vor der Brust verschränkt. Eine dumme Idee zu haben und eine dumme Idee durchzuführen, waren zwei vollkommen verschiedene Dinge, das wusste er. Er wusste auch, dass er die Augen öffnen und nach seinen dämlichen Büchern suchen sollte. Er wusste, er sollte aufstehen und die Müdigkeit vertreiben, die in ihm hauste.

Er blieb sitzen.

Kapitel2Aleksander

»Denken Sie bitte alle an die Materialien, die ich Ihnen per E-Mail geschickt habe, und erstellen Sie Zusammenfassungen zur nächsten Vorlesung. Wer sich mit dem nächsten Thema nicht auskennt, wird es im kommenden Staatsexamen nicht gerade einfach haben.« Die Stimme der Professorin hallte mit einem leisen Echo durch den Vorlesungssaal, während die Studierenden allesamt damit beschäftigt waren, ihre Bücher und Hefte einzupacken und Laptops herunterzufahren. Es war die letzte Vorlesung der Woche, sodass die Vorfreude auf ein sonniges Wochenende durch die Reihen sickerte, als gäbe es ein Leck in den Rohren.

»Kommst du mit?«, fragte Fathma, während sie darauf wartete, dass sich ihr veralteter Laptop endlich herunterfahren ließ. »Wir wollen Döner essen gehen.«

Aleksander blickte von seinem eigenen Laptop auf. »Kann nicht«, erwiderte er mit einem entschuldigenden Lächeln. »Ich muss noch mit der Professorin reden und dann in die Bib. Mir fehlen noch ein paar Quellen.«

Fathma verzog das Gesicht. »Immer noch? Ich dachte, das hättest du alles letzte Woche erledigt.«

»Es kam was dazwischen. Mein Dad war in der Stadt.«

»Bei dir kommt immer was dazwischen, Aleks. Langsam wird es knapp, oder?«

»Keine Sorge, das bekomm ich schon hin«, sagte er mit einer wegwerfenden Handbewegung. »Ich hab bis jetzt noch keine Hausarbeit versäumt.«

Eine Hand fuhr von hinten auf seine Schulter und Kims grinsendes Gesicht erschien neben ihm. »Was war im ersten Semester, als du die Abgabe verschlafen hast?«

Aleks schüttelte Kims Hand ab, damit er sich zu ihm umdrehen konnte. »Ich hab Aufschub bekommen, also habe ich rein theoretisch noch nie etwas versäumt.«

Kim verdrehte die Augen. »Da spricht der Anwalt aus dir.« Er schulterte seinen Rucksack und vergrub beide Hände in den Jackentaschen. »Falls du es dir anders überlegst, kannst du mir schreiben. Ich warte draußen, okay?«

»Okay … mach schneller, du dummes Ding«, murmelte Fathma zu ihrem Laptop, dessen Bildschirm noch immer dabei war, herunterzufahren.

»Kauf dir doch endlich einen neuen«, sagte Aleks, der seinen Laptop schloss und in seine Tasche gleiten ließ. »Du beschwerst dich seit zwei Jahren darüber, wie langsam das Teil ist.«

»Geld ist vielleicht aus Papier, aber wächst trotzdem nicht an Bäumen, Mister«, erwiderte sie und zupfte an ihrem beigefarbenen Hijab herum, der locker über ihre Schulter fiel. »Und so ein neuer Laptop ist nicht gerade beim Supermarkt in der Grabbelkiste zu finden.« Sie lächelte gequält, als sie aufblickte. »Nicht jeder von uns kann das Glück haben, reiche Eltern zu haben.«

»Das hab ich nie – «

»Nie gesagt, ich weiß, ich weiß – oh, endlich.« Der Bildschirm war schwarz geworden und das leise Summen ihres Geräts erlosch. Sie schloss den Laptop und verstaute ihn sorgfältig in einem Leinenbeutel, den sie in einen weiteren Beutel wickelte, bevor sie ihn in ihre Tasche legte. Sie seufzte und drückte sich die Tasche an den Bauch. »Privilegien müsste man mal haben.«

»Ich geb dir meine ab«, sagte er lächelnd, bevor er aufstand.

Fathma verdrehte die Augen, als sie ebenfalls aufstand, ihre Tasche mit dem Laptop noch immer wie ein Neugeborenes an sich gepresst. »Die Leute, die damit am wenigsten anfangen, haben immer die meisten Privilegien, oder? So viel Glück wie du beim Geburtslotto hätte ich auch gerne mal.«

Aleks entschied sich dazu, nicht darauf zu antworten. »Wir sehen uns«, sagte er stattdessen. »Lass Kim nicht zu lange warten.«

»Sonst wird er wieder mürrisch und wirft mir vor, ich würde seine Zeit verschwenden, weil ich nichts Besseres mit meinem Leben zu tun habe.« Sie winkte ihm zu, bevor sie Richtung Ausgang ging.

Hörsäle waren, in Aleks’ Meinung, ein wenig wie Amphitheater aufgebaut. Am niedrigsten Punkt befand sich die Bühne und in regelmäßigen Abständen waren Sitzreihen in einem Halbkreis darum aufgestellt, die mit jeder Reihe höher wurden. Hinter der letzten Reihe gab es je zwei Türen am Ende des Saals, die in die Korridore führten, und breite, helle Fenster sorgten dafür, dass man tagsüber die Neonröhren an der Decke ausgeschaltet lassen konnte. Eine dunkle Tafel bedeckte den Teil hinter der Bühne, die die Professoren für sich beanspruchten, und durch einen Knopfdruck der kleinen Fernbedienungen, die an der Seite angebracht waren, konnte man eine weiße Leinwand herunterfahren lassen, damit die Studierenden sehen konnten, was ihr Professor am Computer tat. Aleks fand die Vorstellung berauschend, dass jeder im Raum ihm zuhören müsste, wenn er sich unten hinstellen würde. Wie ihre Professoren keinen Machtkomplex entwickelten, war ihm schleierhaft.

Vor der Tafel stand Professorin Chaudhary, die die Vorlesungen im Strafrecht abhielt. Mit einem Daumen wischte sie einen schiefen Buchstaben weg, bevor sie das Wort erneut schrieb. Als Aleks hinter ihr stehen blieb, drehte sie sich nicht um, sagte aber: »Was kann ich für Sie tun?«

»Ich habe mir die Texte durchgelesen, die Sie mir letzte Woche mitgegeben haben, aber ich glaube nicht, dass ich sie sonderlich gut verstanden habe.«

Professorin Chaudhary drehte sich um, ihre dunklen Augenbrauen hochgezogen. »Herr Habov«, sagte sie, als sie ihn erkannte. »Wenn ich mich recht erinnere, dann habe ich Ihnen die Zusatztexte gegeben, weil sie mit unserem Thema nicht zurechtgekommen sind, nicht wahr?«

»Richtig«, gab er kleinlich zu.

»Und Sie haben die Texte gelesen und verstehen das Thema trotzdem noch nicht?«

»Richtig.«

Sie verschränkte die Hände einander und betrachtete ihn mit zusammengezogenen Augenbrauen. »Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, sich einen Tutor zu suchen?«

»E-Einen Tutor? Sie meinen, ich soll Nachhilfe nehmen?«, fragte er leise. Er schluckte schwer. »Ich dachte, Sie könnten mir –«

»Wären Sie noch im ersten Semester, dann hätte ich mir die Zeit genommen, um Ihnen alles noch einmal zu erklären, Herr Habov. Allerdings rückt ihr Staatsexamen immer näher und sollten Sie nicht in der Lage sein, diese Themen allein zu verstehen, scheint mir die beste Alternative zu sein, dass Sie sich jemanden suchen, der in der Lage ist, es Ihnen in Ihrer Freizeit zu erklären – vorausgesetzt, Sie wollen Ihr Staatsexamen gerne mit dem Rest ihrer Kommilitonen bestehen.« Chaudhary legte die Stirn in Falten und nickte in Richtung Ausgang. »Ihre Freundin, Frau Nazari, hat ein gutes Verständnis für die komplexeren Sachverhalte, die wir heute durchgenommen haben. Vielleicht kann sie Ihnen ja helfen, die Texte aufzuarbeiten.« Die Falten auf ihrer Stirn verschwanden und ein weicherer Blick erschien auf ihrem Gesicht. »Ich würde ungerne dabei zusehen, wie Sie die letzten Jahre, die Sie hart gelernt haben, in den Sand setzen, Herr Habov. Sie befinden sich auf der Zielgeraden und Sie sollten jetzt nicht schlapp machen, nur weil Sie einige der komplizierteren Themen nicht sofort verstehen. Suchen Sie sich ein paar Ratgeber aus der Bibliothek heraus und bitten Sie Ihre Kommilitonen um Hilfe.«

Das war nicht die Antwort, die Aleks sich erhofft hatte, aber dann wiederum wusste er auch nicht, was er wirklich erwartet hatte. Dass seine Professorin sich den Rest ihres Tages nahm, nur damit er ein Thema aus der letzten Vorlesung verstand? Er war kaum in dieser Vorlesung mitgekommen und wenn Fathma nicht neben ihm gesessen hätte, dann würde er wahrscheinlich noch nicht einmal wissen, worüber sie eigentlich geredet hatten. Dass das Jurastudium hart sein würde, hatte er von Anfang an gewusst, aber er war von der ganzen Arbeit mittlerweile mehr als erschlagen. In ein paar Monaten würde er sein erstes Staatsexamen schreiben und er konnte es sich nicht leisten, durchzufallen. Er musste bestehen. Er musste einfach.

»Dankeschön«, sagte er leise.

Professorin Chaudhary hob die Augenbrauen ein wenig an. »Lassen Sie sich nicht entmutigen, nur weil Sie länger brauchen, um ein Thema zu verstehen. Sobald sie den gewissen Aha-Moment erreicht haben, wird sich der Rest schon wie von selbst lösen.«

Aleks nickte und drehte sich um, um den Hörsaal zu verlassen. Als er die Tür erreicht hatte, wagte er einen Blick zurück, aber Chaudhary hatte sich wieder zur Tafel umgedreht und wischte die Antworten aus der heutigen Stunde weg. Erleichtert ausatmend ging er den Korridor entlang, bis er die Treppe erreichte, die in den Hauptsaal führte, und trat dann raus in den frischen Frühlingswind. Der Himmel hatte ein sanftes Orangerot angenommen und lud dazu ein, es sich auf einer der vielen Rasenflächen gemütlich zu machen und die milden Temperaturen zu genießen, bevor das Wetter es sich wieder anders überlegte. Aleks packte mit einer Hand den Griff seines Rucksacks um seiner Schulter, die andere stopfte er in seine Jackentasche und seufzte. Er fühlte sich schlecht genug, dass er Fathma angelogen hatte, was er letztes Wochenende getan hatte, aber er konnte ihr nicht sagen, dass er die gesamten zwei Tage nur in der Wohnung gehockt und versucht hatte, die Texte zu verstehen, die Chaudhary ihm gegeben hatte. Eine Notlüge, dass sein Vater zu Besuch gekommen war, würde einmal funktionieren, aber ein weiteres Mal könnte er sie damit nicht ablenken. Sicherlich würde Fathma sich sogar dazu bereit erklären, ihm die Texte zu erklären, aber er wollte ihre wenige freie Zeit nicht damit beanspruchen, dass sie ihm half. Sie studierten beide Jura, also wusste er, wie rar und spärlich diese Freizeit wirklich war. Sie sollte sie nicht dafür opfern, ihm bei etwas zu helfen, das jeder andere allein hinbekam.

Aleks trat den Weg zur Bibliothek an und holte währenddessen sein Handy hervor. In der von Chaudhary erwähnten E-Mail gab es einige Dokumente mit Rechtstexten, die sie sich durchlesen sollten, sowie eine Liste mit Büchern, die als Quelle für weitere Informationen dienen könnten. Sie hatte dazu geschrieben, dass sie jedem Studierenden ans Herz legte, sich zumindest mit den zusätzlichen Texten auseinander zu setzen, auch wenn es keine Klausuren mehr vor Semesterende gab. In knapp drei Monaten würden sie das erste Staatsexamen schreiben und dann mussten sie die Texte so oder so lesen. Ein unangenehmer Knoten bildete sich in seinem Magen, als er nur daran dachte, das Staatsexamen ablegen zu müssen. Mit Ach und Krach und etlichen Fast-Fehlschlägen hatte er es hierhergeschafft, aber mit dem Gedanken an die letzte Hürde fühlte er sich plötzlich wieder zurück ins erste Semester versetzt, als er kaum ein Wort aus seinen Rechtstexten verstanden und regelmäßig seinen Vater angerufen hatte, damit er ihm helfen konnte. Mittlerweile glaubte sein Vater, Aleks hätte alles im Griff und wäre drauf und dran in seine Fußstapfen als Anwalt zu treten. Er wusste ja nicht, wie weit er von der Wahrheit entfernt war.

Grell schien das Licht von den Neonröhren in der Bibliothek auf die massiven Bücherregale, voll mit Texten, Werken und Lehrbüchern aus allen Fakultäten der Uni. Es war, wie bei einer Universitätsbibliothek zu erwarten, vollgepackt mit Studierenden, die an Hausarbeiten arbeiteten, ozeantief ins Internet getaucht waren, um sich Quellen zu suchen, die sie zitieren konnten, und mit blanken Augen auf ihre noch blankeren Dokumente starrten, in der geteilten Hoffnung, dass sich die Wörter von selbst aufs digitale Papier brachten. Aleks hatte nicht mehr lange, bis die Bibliothek für den Abend schließen würde und er wollte zumindest die Bücher raussuchen, die Chaudhary ihnen aufgeschrieben hatte. Die Abteilung für alles, was mit Recht und Kriminologie zu tun hatte, war mit dem Bereich für Medizin wohl der größte, aber auch vollste Ort der Bibliothek. Jura-Studierende und Medizin-Studierende waren sich in nur einer einzigen Sache einig: Die Bibliothek war der wohl heiligste Ort des Campus und musste wie ein alter Tempel der Götter behandelt werden. Manchmal fragte Aleks sich, wann er die ersten Studierenden sehen würde, die einen Teil ihres Essens im Mülleimer verbrannten, um sich den Segen eines Gottes für die nächste Prüfung zu sichern.

Auf seinem Weg durch die Rechtsabteilung traf er auf mehrere Studierende, die er kannte und mit denen er sich gerne unterhielt, auch wenn er ihre Einladungen ablehnen musste, Zeit mit ihnen zu verbringen. Er fühlte sich weniger schlecht, bloße Bekannte anzulügen, als er es mit Fathma oder Kim tat. Es war nicht einfach, durch die Reihen zu gehen und nicht aufzufallen, besonders wenn man wie Aleks mit seiner Körpergröße auffiel. Sein Vater hatte früher immer gescherzt, dass man ihm einen Halbriesen angedreht hatte, als Aleks mit zwölf Jahren fast so groß wie er gewesen war, ein ausgewachsener, nicht gerade kleiner Mann. Vor dem Regal für Strafrecht wurde er von drei Erstsemestern angesprochen, die seine Hilfe brauchten, und als er gerade ins Jugendstrafrecht einbog, begegnete er einer Bekannten aus einem Jahrgang unter ihm, mit der er schon ein paar späte Stunden in der Bibliothek verbracht hatte. Auch sie fragte ihn, ob er sich nicht zu ihr setzen wollte, wobei Aleks den beinahe hoffnungsvollen Blick nicht übersah, den sie ihm dabei zuwarf. Er hatte schon mehr als einmal gedacht, dass sie mit ihm flirtete, aber bisher ihre Avancen jedes Mal höflich abgewehrt. Selbst wenn er Freizeit in seinem Studium hatte, würde er sie nicht dafür nutzen, um mit jemanden auszugehen.

»Aleks!« Der Ausruf seines Namens ließ ihn den Kopf heben. Zwei Männer in fast identischen Outfits kamen auf ihn zugelaufen, beide in glänzenden Lederjacken, dunklen, rissigen Jeans und Stiefeln, die laut ihre Schritte verkündeten. Sie hatten hellblonde Haare, an einer Seite kurz rasiert und den Rest so gestylt, dass sie wie Vorhänge über ihre Stirn fielen. »Jo, was machst du denn schon hier?« Einer der beiden blickte auf seine Armbanduhr – golden und protzig.

»Ich muss noch Quellen nachgucken. Was macht ihr bitte hier?«, stellte er die Gegenfrage. »Das ist die Jura-Ecke.«

»Das wissen wir, danke«, sagte Danny augenverdrehend.

Sein Zwillingbruder Marco fügte an: »Wir nehmen die Abkürzung über die Brücke zum Wirtschaftsteil.«

»Das spart uns so ziemlich zwei Minuten«, sagte Danny.

»Und Zeit ist Geld.« Marco zwinkerte ihm zu. »Kommst du morgen ins Monster? Wir treffen uns alle, um das baldige Ende zu feiern.«

»Kann nicht«, erwiderte Aleks. »Chaudhary hat uns Tonnen an Extraarbeit gegeben.« Das war technisch gesehen keine Lüge, aber er würde bei den beiden keine Sympathiepunkte sammeln, wenn sie wüssten, wie weit er mit seinen Arbeiten zurückhing. »Vielleicht nächstes Wochenende.«

»Das hören wir doch schon seit Wochen von dir«, sagte Danny seufzend.

Marco klopfte ihm auf die Schulter. »Mach dir nichts draus, er hat bestimmt andere Freunde, mit denen er lieber abhängt.«

»Freunde, die wir noch nie gesehen haben.«

»Die also vielleicht nicht existieren.«

»Sag das nicht laut, vielleicht schämt Aleks sich, dass er keine Freunde hat.«

Aleks lachte gutherzig. »Ich schäme mich, dass ich die Fehlentscheidung getroffen und mich vor drei Jahren zu euch an den Tisch gesetzt habe. Das war der wohl dümmste Moment meines Lebens.«

»Autsch.« Das war Marco.

Danny schüttelte den Kopf. »Die zwei Minuten, die wir durch unsere Abkürzung gespart haben, haben wir jetzt mit deinen fiesen Beleidigungen wieder verloren. Wir sehen uns, okay? Arbeite nicht so viel, das bekommt dir nicht gut.« Beim Vorbeigehen klopfte Danny ihm auf die Schulter und sein Bruder tat es ihm gleich.

Als sie außer Sichtweite waren, atmete Aleks erleichtert aus. Er konnte Danny und Marco zwar gut leiden, aber sie hatten die äußerst unattraktive Eigenschaft, ihn in Gespräche zu verwickeln, wenn er es besonders eilig hatte. Seit er sich das eine Mal dazu entschieden hatte, den Tisch mit ihnen in der Mensa zu teilen, war er sie nicht mehr losgeworden. Ständig luden sie ihn dazu ein, mit ihnen ins Monster zu gehen, eine Bar in der Innenstadt, wo sie mit anderen Studierenden aus allen Fakultäten tranken und Billard spielten und dann viel zu betrunken nach Hause taumelten. Ein paarmal war er mit ihnen mitgegangen, eher zu Anfang seines Studiums, als er noch nicht in Arbeit ertrunken war, aber jedes Mal hatte er es bereut, weil weder Marco noch Danny ihre Alkoholgrenzen sonderlich gut kannten und schamlos mit allem und jedem flirteten, wenn sie einmal genug intus hatten. Aleks hatte sich schon lange nicht mehr dazu breitschlagen lassen, mit ihnen auszugehen und er hatte nicht vor, jetzt wieder damit anzufangen.

Er überprüfte Chaudharys Liste noch einmal, damit er sich sicher war, dass er in der richtigen Abteilung war, und begann dann, nach ihren empfohlenen Texten zu suchen. Die Bücher, die er letztes Wochenende bereits zu Rate gezogen hatte, fand er schnell wieder, die neuen schienen alle ein wenig zu sehr verteilt für seinen Geschmack, aber schließlich hatte er alles beisammen und breitete sich auf einem der Tische aus. Er stellte seinen Laptop vor sich, fuhr ihn hoch und öffnete ein neues Dokument. Er warf einen Blick auf die Uhr und stellte lautlos fluchend fest, dass ihm nicht mal zwei Stunden blieben, bis die Bibliothek geschlossen wurde. Aleks verschränkte seine Finger ineinander, drehte sie von sich und dehnte die Hände, bis seine Gelenke befriedigend knackten. Dann schlug er das erste Buch auf.

***

Aleks schreckte auf, als man ihm auf die Schulter tippte.

»Oh«, sagte eine Frauenstimme neben ihm. »Tut mir leid, aber wir schließen gleich.«

Er rieb sich das Gesicht und blinzelte heftig gegen das grelle Licht der Bibliothek an. Seine Wange fühlte sich so an, als hätten sich dutzend Rillen in seine Haut gebohrt. Er stöhnte. »O Gott, ich bin eingeschlafen.«

»Sieht so aus«, sagte die Frau neben ihm. »Tut mir wirklich leid. Du kannst dir noch was ausleihen, wenn du magst, oder morgen früh wiederkommen, aber –«

»Schon gut, ich«, Aleks stockte und versuchte, sein Blickfeld zu adjustieren. Verschwommen nahm er die Umrisse des Tisches und der Bücher vor ihm wahr. Im Schlaf hatte er automatisch seine Hand über seinen Laptop gelegt, damit niemand damit hantieren konnte. Das fast leere Dokument starrte ihm entgegen, als er mit dem Finger übers Touchpad wischte. »Tut mir leid für die Umstände.«

»Gar kein Problem«, meinte sie und lächelte, als Aleks ihr den Kopf zudrehte. »Du bist auf jeden Fall nicht der erste Student, den ich heute wecken musste.«

»Okay, ich … Ich räum das alles schnell weg und bin dann weg, versprochen.« Er versuchte sich an einem entschuldigenden Lächeln, aber vermutete, dass er nur eine frustrierte Grimasse hinbekam. Es war schon schlimm genug, dass er überhaupt eingeschlafen war, aber er hatte damit auch noch wertvolle Zeit verloren, die er heute hätte nutzen können.

Die Frau nickte, bevor sie sich umwandte und hinter dem Regal verschwand. Ihre Schritte auf dem grauen Teppich verklangen langsam.

Aleks wischte sich erneut übers Gesicht. Schlaf kitzelte ihm in den Augen und er fühlte sich, als hätte man ihn kürzlich überfahren oder die Treppe runtergestoßen. Sein Rücken schmerzte und seine Gelenke knackten, als er die Schultern dehnte. Haufenweise Bücher lagen um ihn herum verteilt, nur eines davon aufgeschlagen, und obwohl er sich so viel vorgenommen hatte, hatte er nichts davon geschafft. Widerwillig schlug er das Buch zu und stand auf, bevor er die Lektüren zurück in ihre Regale stellte. Er bemühte sich, die richtigen Stellen wiederzufinden, damit er den Mitarbeitern der Bibliothek nicht noch mehr Arbeit verursachte. Aleks schloss seinen Laptop, stopfte ihn zurück in seine Tasche und, nach zweiter Überlegung, klemmte sich eines der Strafrecht-Bücher unter den Arm. Wenn er seine Zeit in der Bibliothek schon nicht genutzt hatte, dann würde er zumindest zu Hause weiterarbeiten.

Er nahm den gleichen Weg zurück, den er auch gekommen war, aber machte einen kurzen Abstecher ins Badezimmer, um sich das Gesicht zu waschen. Im Spiegel erkannte er, dass er auf der Kante des aufgeschlagenen Buchs eingeschlafen war und eine rote Spur davon auf der Wange hatte, die auch nicht verschwand, als er rigoros daran rieb. Er schüttelte den Kopf und verließ das Badezimmer wieder. Auf dem Gang schlug er den linken Weg ein, hielt aber inne, als er eine leise Stimme hörte. Er konnte nicht ausmachen, was gesagt wurde, aber es klang nicht danach, als wäre die Person sonderlich glücklich. Es klang fast schon schmerzhaft.

Für einen Augenblick zog er in Betracht, einfach weiterzugehen und sich nicht mit den Problemen anderer zu befassen, wenn er genügend eigene hatte, aber dann stöhnte die Person auf und dieses Mal war er sich ziemlich sicher, dass es kein freudiges Stöhnen war. Aleks ging in die Wirtschaftsabteilung, aus der er die Stimme gehört hatte, und, nachdem er ein paar Schritte weit gegangen war, entdeckte einen Mann an einem der Tische, der fast gänzlich in sich zusammengerollt auf einem Stuhl saß, das Gesicht verzogen hatte und vor sich hinmurmelte. Der Mann hatte eine klobige Sporttasche zu seinen Füßen liegen und eine Umhängetasche auf dem Schoß, die er selbst im Schlaf noch fest umklammerte. Sein Gesicht lag im Halbschatten verborgen, aber Aleks konnte trotzdem eine leicht gekrümmte Nase und ungesund blasse Haut erkennen. Er hatte dunkles Haar, das ihm in der gesenkten Position in die Stirn fiel und seine zusammengekniffenen Augen fast verdeckte. Als Aleks sich ihm näherte, murmelte der Mann erneut.

»Bring sie zurück«, sagte er leise, als würde er ausatmen, die Stirn so sehr in Falten geworfen, dass es schmerzhaft aussah. »Ich zahle, aber bring sie zurück. Bitte. Bitte, ich … nein. Nein, ich … hör auf. Hör auf, bring sie zurück.«

Aleks hatte das Gefühl, ihn schon ein paarmal gesehen zu haben. Wovon auch immer der Mann träumte, es hörte sich nicht nach einem guten Traum an. Vorsichtig ging er einen Schritt auf ihn zu und streckte die Hand aus, aber stoppte sich, bevor er ihn berührte. Aleks hatte mal davon gelesen, dass man Schlafwandler nicht einfach wecken sollte, weil das gefährlich sein konnte, und obwohl der Mann vor ihm vielleicht kein Schlafwandler war, sah er trotzdem so aus, als hätte er eine ziemlich unangenehme Zeit. Er überlegte, ob er ihn stattdessen mit etwas Weichem abwerfen sollte, als der Mann vor ihm im Schlaf zuckte und nach vorne sackte.

Aleks hatte nur eine Sekunde Zeit, darüber nachzudenken, bevor er beide Hände ausstreckte, das Bibliotheksbuch dabei aus seinem Griff rutschte und er den Mann daran hinderte, vom Stuhl zu fallen. Mit einem lauten Knall kam das Buch auf dem Boden auf und der Mann öffnete seine Augen und starrte ihn schwer atmend an. Für einen Moment blickten die beiden Männer sich im grellen Licht der Neonröhren in die Augen, Aleks’ dunkelblaue gegen die tiefbraunen des Mannes, wie ein Reh im Scheinwerferlicht, ehe der Mann laut fluchte und sich aus Aleks’ Griff befreite.

»Was zum Fick«, sagte er schwer atmend, winzige Schweißperlen auf der blassen Stirn und wischte sich mit einer Hand durch die dunklen Haare. »Was soll der Scheiß?«

»Oh«, erwiderte Aleks und richtete sich auf, wobei er den anderen Mann von oben herab ansah. »Nächstes Mal lasse ich dich dann einfach auf die Fresse fallen.«

Der Mann rieb sich das Kinn, bevor er mit seiner Hand um seinen eigenen Hals fuhr, an seinem Nacken aufhörte und den Kopf kreisen ließ. Seine Kieferpartie knackte unangenehm in Aleks’ Ohren, aber der Mann gab lediglich ein leises Stöhnen von sich. »O Gott, ich bin so steif.«

Aleks verschluckte sich an seinem Atem.

»Perversling«, murmelte der Mann.

»Ich? Ich bin die Unschuld in Person. Ich sitze nicht in einer Bibliothek und stöhne vor mich hin.« Aleks verschränkte die Arme vor der Brust. »Sie schließt übrigens gleich.«

»Ah, scheiße«, sagte er und sprang auf. Im Stehen ging er Aleks bis zum Hals, sodass der Mann den Kopf noch immer in den Nacken legen musste, um ihm in die Augen zu sehen. »Scheiße, Mann. Wieso hast du mich nicht früher geweckt?«

»Wieso sollte ich?«, stellte Aleks die Gegenfrage. »Ich bin hier nur zufällig vorbeigekommen.« Im gesamten Licht sah das Gesicht des Mannes noch blasser aus als vorher, seine braunen Augen müde und mit dunklen Ringen versehen, aber er hatte eine gerade Kieferpartie mit erkennbaren Wangenknochen, was entweder hieß, dass er sehr dünn war und wenig aß, oder einfach im Gen-Lotto gewonnen hatte. Aleks tippte auf Zweiteres. Es war immer Zweiteres. »Du solltest dich beeilen, wenn du nicht eingesperrt werden willst.« Ein Moment verging, dann streckte Aleks die Hand aus. »Ich bin übrigens Aleksander. Du kannst mich Aleks nennen.«

»Ich kenn dich«, murmelte der Mann müde klingend. »Jura, oder?«

»Oh.« Aleks hob eine Augenbraue. »Richtig. Woher –«

»Bitte, jeder kennt dich. Und du kennst jeden. Ich sehe dich ständig mit Leuten reden und abhängen.«

Aleks’ Wangen wurden heiß. »Das ist übertrieben.«

Der Mann zuckte mit der Schulter. »Wenn du das sagst, Jura-Aleks.«

»Nur Aleks reicht.«

»Meinetwegen.« Der Mann betrachtete ihn einen Moment lang, dann drehte er sich um und schnappte sich die klobige Sporttasche, die er sich um den schlanken Körper warf. »Wenn du mich entschuldigst –«

»Du hast mir deinen Namen nicht verraten.«

»Ich wusste nicht, dass man das muss.«

»Es wäre höflich«, sagte Aleks. »Zumindest wäre es nett, da ich dich davor bewahrt habe, Bekanntschaft mit dem Schmutz im Teppich zu machen.«

Der Mann seufzte. »Du lässt mich nicht in Ruhe, bevor ich es dir sage, oder?«

»Ich kann sehr nervig sein, wenn ich will«, meinte Aleks mit zuckenden Schultern, ehe er grinste. »Außerdem hast du es doch selbst gesagt. Ich kenne jeden und jeder kennt mich.«

»Meine eigene Aussage gegen mich verwenden«, sagte er und hob eine dunkle Augenbraue. »Nicht schlecht.« Er hielt eine Sekunde lang inne, dann sagte er: »Henning, aber die meisten nennen mich nur Becks.«

Aleks runzelte die Stirn, als der Name in ihm eine Erinnerung wachrüttelte. Er war sich ziemlich sicher, schon davon gehört zu haben. »Moment«, erwiderte er langsam. »Becks. Du bist der Typ, der – «

»Die Hausarbeiten für andere schreibt, richtig«, endete Henning seinen Satz leise. »Schrei es doch gleich raus, damit ich rausgeschmissen werde.« Er schüttelte den Kopf mit zusammengezogenen Augenbrauen. »Also echt, hast du noch nie was von Diskretion gehört?«

»Sorry«, murmelte Aleks. »Du weißt schon, dass du so was wie eine Legende unter den Studierenden bist, oder?«

Henning verzog das Gesicht zu einer beinahe schmerzhaften Grimasse. »Wenn Legende sein besser bezahlt wäre, dann würde ich mich auch darüber freuen.« Er packte die zweite Tasche und hängte sie sich über die Schulter, hielt aber inne, als er bemerkte, dass Aleks ihn noch immer ansah. »Ist was? Brauchst du ne Hausarbeit oder warum starrst du mich so an?«

Aleks hatte nicht einmal bemerkt, dass er Henning angesehen hatte und wandte den Blick ab. »Eine gute Hausarbeit würde mir nicht helfen, damit ich nicht absolut durchfallen werde, wenn das Staatsexamen dran ist.« Seinen anderen Freunden gegenüber – oder zumindest den Leuten aus seinen Vorlesungen – würde er es nie zugeben, aber Henning war ein Außenseiter. Er verstand nichts von der Sorge und der Angst, die Aleks mit sich herumtrug, dass er kurz vor der Zielgeraden zusammenbrechen würde. Henning war nur einer von vielen, die sich nicht wirklich dafür interessierten, also war es nicht schwierig, ihm gegenüber die Wahrheit zu sagen. »Selbst meine Professorin glaubt, ich sollte mir lieber einen Nachhilfelehrer suchen, sonst versau ich alles.« Erneut zuckte er mit der Schulter, ehe er sich schließlich bückte, um sein fallengelassenes Buch aufzuheben. »Also falls dein Service kein Rund-um-die-Uhr-Paket anbietet …« Den Rest ließ er ungesagt und räusperte sich. »Wie auch immer. Sorry, ich wollte dich nicht vollheulen.«

»Damit bist du nicht der Erste«, meinte Henning sympathielos. »Jeder, der was von mir will, meint, es interessiert mich sonderlich, warum sie unbedingt meine Hilfe brauchen, aber wenn ich das Geld nicht brauchen würde, dann würde ich es nicht einmal anbieten, also.« Er gähnte ausgiebig, sodass Aleks jeden einzelnen seiner Zähne sehen konnte. »Wenn es das war, dann würde ich –«

»Oh, klar. Sorry.« Aleks trat beiseite und ließ Henning vorgehen, folgte ihm aber mit kurzem Abstand. Er steckte seine freie Hand in die Tasche seiner Jacke und betrachtete den Hinterkopf des anderen Mannes, wo die dunklen Haare unsauber abstanden und aussahen, als hätten sie längere Zeit keinen Kamm mehr gesehen. Der Kragen von Hennings Jacke war voller Falten und zerknautscht und das wenige, was er vom Rest sehen konnte, sah nicht besser aus. Entweder achtete er nicht darauf, wie er sich präsentierte, oder er besaß einfach kein Bügeleisen. Beides schien Aleks plausibel zu sein, der selbst noch nie ein Bügeleisen benutzt, geschweige denn gekauft hatte.

»Hör auf«, zischte Henning vor ihm und blieb abrupt stehen. »Gott, du machst mich ganz irre.«

»Was?«

»Hör auf mich anzustarren«, sagte Henning. Als er sich umdrehte, waren seine dunklen Augen aufgerissen und er blickte Aleks an, als wäre er bereit, ihm eine zu verpassen, wenn er keine gute Erklärung bekam.