Falsche Papiere - Valeria Luiselli - E-Book

Falsche Papiere E-Book

Valeria Luiselli

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Beschreibung

»Falsche Papiere« hat die junge mexikanische Autorin Valeria Luiselli ihre erzählerischen Essays genannt, eine persönliche, originelle, spielerische Welterkundung. Das alltägliche Leben, das diese Stadtnomadin mit uns durchstreift, ist bevölkert von den Geistern der Literaturgeschichte, von ihren speziellen literarischen Hausgeistern, und so wird das Flanieren mit Luiselli zu einem großen intellektuellen und sprachlichen Vergnügen. Das versteckte Grab Brodskys in Venedig, die so unbestimmbare wie schwer fassbare portugiesische saudade, der Horror der kleinen Landkarten auf den Monitoren bei Transatlantikflügen, wenn man das Bild des Flugzeugs, in dem man sitzt, auf der blauen Leere des abgebildeten Ozeans Millimeter für Millimeter vorrücken sieht, das Einräumen von Büchern nach einem Umzug oder die Begegnungen mit alten Damen, einem Museumswärter, Sicherheitsbeamten – aus seltsamen Alltagserlebnissen schafft Valeria Luiselli einen Kosmos, in dem die Literatur so gegenwärtig ist wie unsere Lebensverhältnisse, unsere Herkunft und die Zukunft.

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Seitenzahl: 109

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Valeria Luiselli

Falsche Papiere

Aus dem Spanischenvon Dagmar Ploetzund Nora Haller

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Verlag Antje Kunstmann

INHALT

I   Die eineinhalb Zimmer des Joseph Brodsky

II   Wasserfleck

III   Eile mit Weile auf dem Fahrrad

IV   Zwei Straßen und ein Bürgersteig

V   Zement

VI   Paradies im Bau

VII   Relingos

VIII   Umzüge: Die Rückkehr zu den Büchern

IX   Andere Zimmer

X   Falsche Papiere: Die Krankheit der Staatsbürgerschaft

Über Falsche Papiere von Valeria Luiselli Nachwort von Cees Nooteboom

IDIE EINEINHALB ZIMMERDES JOSEPH BRODSKY

Das, was am Ende von einem Menschen bleibt, ist immer nur ein Teil. Ein Fragment seiner Sprache. Ein Teil seines Satzes.

JOSEPH BRODSKY

FRIEDHOF SAN MICHELE

Ein Grab auf einem Friedhof zu suchen ist wie die Suche nach einem unbekannten Gesicht in einer Menschenmenge. Beides generiert in uns dieselbe Art zu sehen und zu sein: Aus einer bestimmten Entfernung könnte jede Person diejenige sein, die uns erwartet; jedes Grab dasjenige, welches wir suchen. Um auf die eine oder auf das andere zu stoßen, sollte man gemächlich zwischen den Menschen und den Mausoleen umherschlendern und mit aller Geduld auf diese Begegnung warten; man muss sich langsam nähern und jeden Grabstein oder jeden Gesichtszug erforschen – was vielleicht das Gleiche ist, so verstehe ich zumindest diese Verse von Brodsky:

Menschen liebe ich nicht.Ihr Äußeres: nicht meinGeschmack. Ihre Gesichterpfropfen aufs Leben einunaufhebbares Gewicht.

Um das Grab mit der gesuchten Inschrift zu finden, muss man die Äderchen im Marmor sehr sorgfältig untersuchen – um das Gesicht des Fremden zu entdecken, sollten wir unsere Erwartung an sein imaginiertes Profil mit der Mannigfaltigkeit der Nasen, Bärte und Stirnen abgleichen, die wir vor uns haben; man muss die Blicke der Unbekannten lesen, wie man ein Epitaph liest, bis man die besondere Inschrift gefunden hat, das lapidare »ja ich bin es« des Toten, der uns erwartet.

HOTEL AMBOS MUNDOS

»Wenn es einen unendlichen Aspekt des Raumes gibt« – schreibt Joseph Brodsky –, »dann ist das nicht seine Ausdehnung, sondern seine Reduktion, und sei es nur deshalb, weil sie, so seltsam das auch klingt, einleuchtender ist. Sie hat Struktur und mehr Namen: Zelle, Wandschrank, Grab.« Der Dichter erzählt, dass in der ehemaligen Sowjetunion pro Person ein Durchschnitt von neun Quadratmeter berechnet wurde. Bei der Aufteilung der Meter schätzten sich er und seine Eltern glücklich, denn sie durften sich in Sankt Petersburg vierzig Quadratmeter teilen: dreizehn Komma drei Meter für jeden: sechsundzwanzig Komma sechs für seine Eltern, dreizehn Komma drei für ihn: Eineinhalb Zimmer für alle drei.

An einem Tag des Jahres 1972 schloss Joseph Brodsky die Tür seines Hauses in der Straße Liteiny Prospekt Nr. 24. Er kehrte niemals nach Sankt Petersburg zurück, denn jeder Versuch, seine Eltern zu besuchen, musste erst durch die Hände eines Bürokraten gehen, der den Besuch eines Juden und Abtrünnigen der Kommunistischen Partei für ungerechtfertigt hielt. Er kam nicht zur Beerdigung seiner Mutter und auch nicht zu der seines Vaters – ein Besuch ›ohne Grund‹, stand auf dem Ablehnungsbescheid, geschrieben von dem Mann hinter der Glasscheibe. Seine Eltern starben beide sitzend, auf denselben Stühlen, in denen sie immer saßen, vor dem einzigen Fernseher, den es in dieser Wohnung gab, in der die drei gelebt hatten.

Nach diesen eineinhalb Zimmern bewohnte Brodsky eine Unmenge von Räumen, Hotelzimmer, Häuser, Zellen, Schlafsofas. Aber vermutlich ist ein Mensch nur in zwei Räumen wirklich zu Hause: im Haus der Kindheit und im Grab. Alle anderen Orte, die wir bewohnen, sind bloß graue Fortsetzungen dieser ersten Wohnung, eine unbestimmte Abfolge von Mauern, die schließlich in der Krypta oder in der Urne münden – die mickrigste Ausprägung der unendlichen Aufteilungsmöglichkeiten eines Raumes, in die genau ein menschlicher Körper passt.

HOTEL AEROPORTO

Es war nicht leicht, das Grab von Joseph Brodsky zu finden. San Michele gehört nicht zu den bevorzugten Zielen des intellektuellen Toten-Tourismus, weswegen es auch keine Führer oder Pläne und auch keine Liste mit den genauen Koordinaten der berühmten Ruhestätten gibt, wie sie sonst bei den Eingängen von Friedhöfen ausliegen, etwa in Montparnasse oder Père Lachaise. In San Michele finden sich andere bekannte Persönlichkeiten – Ezra Pound, Luchino Visconti, Igor Strawinski, Sergei Diagilew –, und ihre Gräber sind durchaus gekennzeichnet, jedoch auf einem kaum sichtbaren Schild vor dem kleinen abgeteilten Bereich, wo ihre Überreste ruhen. Wenn man nicht weiß, dass die berühmten Exoten abgesondert von den normalen Venezianern liegen – als hielte man sogar noch in einer Totenstadt Künstler-Gettos für notwendig –, kann man Stunden damit zubringen, zwischen den Antonios, Marcelinos und Francescos umherzuschlendern, ohne zu wissen, dass man dort nie das Echo der Cantos, nie den Widerhall der Frühlingsweihe hören wird.

San Michele ist eine rechteckige Insel, lediglich durch einen Streifen Wasser und eine Mauer von Venedig getrennt. Von einem Flugzeug aus betrachtet, gleicht die Friedhofsinsel einem riesigen Buch mit festem Einband: eines dieser schweren, robusten Lexika, in denen sich die Worte ewig ausruhen – Skelette im Prozess der Verwesung. Es hat etwas Ironisches, dass Joseph Brodsky dort beerdigt ist, gegenüber der Stadt, in der er immer nur auf Durchreise war und sein wollte. Vielleicht hätte der Dichter eine Grabstätte vorgezogen, die weit von Venedig entfernt liegt. Schließlich war die Stadt für ihn nur eine Art ›Plan B‹ gewesen, oder – wenn man eine etwas literarischere Metapher wünscht – eine Art Ithaka, eine Insel, deren anziehende Kraft darin besteht, immer weit entfernt, immer ein vergänglicher, idealisierter Ort zu sein. Dazu kommt, dass Brodsky bei einem Interview erklärt hatte, er wolle in den Wäldern von Massachusetts begraben werden. Vielleicht wäre es aber auch richtig gewesen, wenn man seinen Leichnam zurück in seine Geburtsstadt Sankt Petersburg gebracht hätte. Aber es hat wohl nicht viel Sinn, über die postumen Wünsche einer Person zu spekulieren. Wenn der Wille und das Leben zwei untrennbare Dinge sind, dann sind Tod und Zufall es ebenso.

Nachdem ich mehrere Stunden lang nach dem Grab von Brodsky gesucht und noch nicht einmal das von Strawinski entdeckt hatte, war ich kurz davor, das Handtuch zu werfen. Um Kräfte für den Rückweg zu sammeln, setzte ich mich in den Schatten eines Baumes und rauchte eine Zigarette.

In seinem Essay »Hinter einem Hut herlaufen«1 erzählt Chesterton, wie er eines Tages eine Wanderung übers Land machte, in der Hoffnung, ein schönes Motiv zum Malen zu finden. Als plötzlich eine Kuh seinen Weg kreuzte, dachte er neidisch, dass nur ein wahrer Künstler sie wahrhaftig abbilden könne, während er beim Malen von Vierbeinern immer mit den Hinterläufen durcheinanderkomme, weswegen er es vorzöge, die Seele der Kuh zu malen. Ich bin weder Malerin noch Chesterton und könnte weder das eine noch das andere. Ich habe nie zu der Sorte von Menschen (die ich abgrundtief beneide) gehört, die fähig sind, sich in der meditativen Betrachtung eines Vogelflugs, des fleißigen Kommen und Gehens der Ameisen, des seligen Schwebens einer Spinne, die an ihren eigenen Schleimfäden hängt, zu verlieren. Ich bin bedauerlicherweise zu ungeduldig, um in den sanften Rhythmen der Natur Poesie zu finden.

Aber auf einem Friedhof ist es nicht wichtig, ob man eine besondere Sensibilität für das Tier- und Pflanzenreich besitzt: Es genügt, für die Dauer einer Zigarette still sitzen zu bleiben, um sich von der Vitalität einnehmen zu lassen, die zwischen den Gräbern erblüht. Unter den Zypressen – wie Zeiger riesiger Sonnenuhren – dehnt sich die Zeit, sie fließt. Vielleicht ist es gerade diese Stille, die das Surren der schwirrenden Insekten verstärkt; diese Ruhe, die das träge Kriechen der Echsen stört; dieser Tod, der die sterbenden Blätter der Pappeln belebt.

Ein unbekannter Weiser sagte einmal treffend: »Es gibt nichts Fruchtbringenderes, nichts Unterhaltsameres, als sich von der einen Sache durch eine andere ablenken zu lassen.« Ich wollte gerade meine Zigarette ausdrücken, als plötzlich lautes Vogelgeschrei losbrach. Erst war es nur ein vereinzeltes Krächzen, dann Dutzende, vielleicht Hunderte Schreie – als wäre das Kreischen bei den Vögeln genauso ansteckend wie das Lachen bei den Menschen. Henri Bergson war überzeugt davon, dass Lachen nur dann entstehen kann, wenn das Objekt menschlich ist oder zumindest menschlich wirkt; dass eine Katze oder ein Hut uns nicht zum Lachen reizen, solange wir in ihnen nicht den Ausdruck, die Gestalt oder die Haltung eines Menschen erkennen können. Gut möglich. Und gut möglich, dass, zumindest aus der Ferne, dieses Krächzen der Vögel wie das Lachen von tuberkulösen Alten klang – und dass ich, inmitten der Stille, deswegen selbst einen Lachanfall bekam. Jedenfalls: Dass ich mich am Ende doch nicht geschlagen gab und weiter nach dem Grab von Brodsky suchte, lag an der guten Laune, die mir diese Versammlung der zankenden Möwen beschert hatte. Wenn ich den Dichter schon nicht fand, könnte ich wenigstens herausfinden, ob es wirklich Krächzer waren, oder nicht doch alte Venezianer am Rande des Todes. Und außerdem: Warum nicht hinter einem Grab oder ein paar Vögeln herlaufen, wenn Chesterton – dick, würdevoll und so intelligent – hinter einem Hut hergelaufen war?

HOTEL SCANDINAVIA

Die Gräber der ausländischen Prominenz des Friedhofs befinden sich nicht nur in einem von den Venezianern abgegrenzten Bereich (nicht, dass sich am Ende ein beliebiger Gondoliere zu Strawinskis Frau legt), auch zwischen den Fremdländischen gibt es eine Aufteilung. Die Russen, die Venedig regelmäßig besuchten, liegen auf der einen, die Übrigen auf der anderen Seite. Seltsam und ironisch ist es, dass Joseph Brodsky weder bei der Moskauer noch bei der Leningrader Intelligenzija ruht, sondern in einem völlig anderen Bereich, an der Seite seines Erzfeindes Ezra Pound. Das Grab von Brodsky ist im Unterschied zu den anderen nicht auf dem Schild am Eingang dieses Friedhofsabschnitts aufgeführt, sondern wurde von einer guten Seele mit Tipp-Ex zwischen dem Namen des Dichters der Cantos und dem Pfeil, der die Richtung beider Gräber anzeigt, geschrieben:

Evangelischer Abschnitt Ezra Pound(Iosif Brodskji) →

Ich erwartete, wenigstens eine Handvoll begeisterter groupies vorzufinden, die gekommen waren, um ein Amulett oder einen Kuss auf Brodskys Grab zu hinterlassen. Doch vermutlich ist Brodsky weniger berühmt als Julio Cortázar oder Jim Morrison, und ich hatte einfach nur noch den faden Geschmack im Mund, der von meinen viel früheren Besuchen auf französischen Friedhöfen zurückgeblieben war. Denn hier auf dem Evangelischen Abschnitt war kein Mensch. Niemand außer einer Alten, die – beladen mit allerlei Supermarkttüten voller Krimskrams – still vor dem Grab von Ezra Pound stand. Ich ignorierte sie und lenkte meine Schritte direkt zum Grab des Russen, als würde ich mein Revier markieren: du mit Pound, gut, dann ich mit Brodsky.

Sein Grabstein war mit den Jahreszahlen 1940–1996 und seinem Namen auf Kyrillisch beschriftet, und Schokolade, Füllfederhalter und Blumen lagen darauf. Vor allem Schokolade. Doch im Unterschied zu den meisten Grabsteinen auf italienischen Friedhöfen war bei diesem kein Foto des Verstorbenen in den Stein eingelassen. Voller Unruhe hatte ich erwartet, das letzte Antlitz des Joseph Brodsky zu sehen.

In seinem Buch über Venedig, Ufer der Verlorenen, schreibt Brodsky: »Ohnehin von Natur aus unbelebt, sind die Spiegel in Hotelzimmern besonders stumpf, nachdem sie schon so viele Menschen betrachten mussten. Was sie dir enthüllen, ist nicht deine Identität, sondern deine Anonymität.« Auf eine leicht paradoxe Weise ist die Anonymität eine Eigenschaft der Abwesenheit: Es ist die Abwesenheit von Eigenschaften. Ein junges Gesicht ist anonym: Es ist ausdrucksleer, es fehlen die Wesenszüge, die es ausweisen und benennen. Je älter ein Gesicht wird, umso mehr Spuren bekommt es, die es von anderen unterscheidet; ein Antlitz, das sich in Falten legt, ist mit jeder Falte weniger anonym. Doch während ein Gesicht altert und eigene Konturen bekommt, setzt es sich gleichzeitig immer mehr Blicken von Unbekannten aus – oder, um bei Brodskys Bild zu bleiben: immer mehr Hotelzimmerspiegeln. Doch je mehr Bilder ein Spiegel gesehen hat, desto konturloser ist das Abbild, das er zurückwirft, unvollständig, ungemacht, wie die Betten. So verliert ein Gesicht die Konturen, die es durch die Jahre bekommen hat, als wenn die vielen fremden Blicke die ursprüngliche Formlosigkeit wiederherstellen würden. Auf diese Weise wird der Überfluss an Form, den das Gesicht mit der Zeit erhält – und der vielleicht in einem monströsen Überfluss an Identität, in einer Fratze kulminiert –, durch den simultanen Verlust dieser Identität relativiert. Vielleicht ist dies der Grund, warum sich alle Babys ähnlich sehen, so wie sich alle Alten untereinander ähneln, ohne jemand Bestimmtem zu ähneln. Auf der ersten und der letzten Strecke des Lebens sind die Gesichter anonym.

Demnach wäre es logisch, wenn ein Toter überhaupt keine Gesichtszüge mehr hat. Die Antlitze von Toten müssten also ungefähr so aussehen wie die Gesichter, die Ezra Pound in der Pariser Metro ausmachte: »Blütenblätter an einem schwarzen, feuchten Zweig.«

Auf Brodskys Grabstein war kein Bildnis. Es war richtig, dass nichts seine Identität endgültig besiegelte; das glatte, opake Grau des Steins war aufrichtiger – die Widerspieglung der Anonymität eines exemplarischen Hotelmensch(en)2, eines Mannes vieler Hotelzimmer, vieler Spiegel, vieler Gesichter. Ich stehe lieber vor diesem Grabstein und versuche, mich an die Fotografie zu erinnern, auf der Brodsky auf einer Bank in Brooklyn sitzt, oder an diese Aufzeichnung seiner Stimme, die mächtig und brüchig zugleich klingt – wie von jemandem, der viel Zeit in Einsamkeit verbracht und Entschiedenheit erst nach langem Zweifeln erlangt hat:

Ein Baum. Schatten. Dann dieErde, Wurzelheim.Knorrige Monogramme.Lehm. Eine Kette aus Stein.

Wurzeln. Ihr Geflecht.Stein, dessen persönliche Lastbefreit und sich schlechtins gegebene System einpasst.

HOTEL EREMITAGE