Familie Dr. Norden 721 – Arztroman - Patricia Vandenberg - E-Book

Familie Dr. Norden 721 – Arztroman E-Book

Patricia Vandenberg

5,0

Beschreibung

Dr. Daniel Norden ist verzaubert von der jungen Ärztin Dr. Fee Cornelius. Fee und Daniel heiraten. Er hat eine Praxis in München eingerichtet, Fee hilft ihm. Beide sehen den Beruf nicht als Job, sondern als wirkliche Berufung an. Aber ihr wahres Glück finden sie in der Familie. Fünf Kinder erblicken das Licht der Welt; zunächst Daniel jun., bald darauf sein Bruder Felix. Nach den beiden Jungen, die Fee ganz schön in Atem halten, wird Anne Katrin geboren, die ganz besonders an dem geliebten Papi hängt und von allen nur Anneka genannt wird. Weiterhin bleibt die Familie für Daniel Norden der wichtige Hintergrund, aus dem er Kraft schöpft für seinen verantwortungsvollen Beruf und der ihm immer Halt gibt. So ist es ihm möglich, Nöte, Sorgen und Ängste der Patienten zu erkennen und darauf einfühlsam einzugehen. Familie Dr. Norden ist der Schlüssel dieser erfolgreichsten Arztserie Deutschlands und Europas. Daniel Norden lehnte entspannt an dem hohen Bistrotisch und betrachtete die Menschen, die sich im Takt der Musik auf der Tanzfläche bewegten. Seine Frau Fee war unter ihnen. Sie tanzte mit einem jungen Mann und lachte ausgelassen, als er sich zu ihr beugte, um ihr ganz offensichtlich ein Kompliment zu machen. Obschon Fee nicht mehr sehr jung war, war sie eine bezaubernde Erscheinung. Ihr blondes Haar umschmeichelte das ebenmäßige Gesicht, und die violetten Augen funkelten vergnügt. Sie trug Jeans und eine enge schwarze Bluse, die ihre gute Figur betonte. Niemand hätte vermutet, daß diese Frau Mutter von fünf Kindern war. Ohne Zweifel war sie die begehrenswerteste Frau des Abends, und stolz beobachtete Daniel seine Fee. Als ihn eine weibliche Stimme aus seinen Gedanken riß, zuckte er zusammen. "So ganz allein, Herr Doktor?" Seine langjährige Patientin Marion Lugert war neben ihn getreten und folgte nun seinen Blicken. "Ihre Frau ist wirklich bezaubernd. Viele junge Mädchen könnten sich ein Beispiel an ihr nehmen." "Da möchte ich Ihnen nicht widersprechen. Aber ich muß sagen, daß Ihre Tochter trotz ihrer Jugend auch einen ausgesprochen guten Eindruck macht", entgegnete er charmant mit einem Blick auf seine Gastgeberin. "Sie haben recht, Janine ist mein ganzer Stolz. Schon als Kind war sie immer reifer als ihre Klassenkameradinnen. Das hat sich bis heute nicht geändert. Sie ist ernsthaft und nachdenklich und sprüht trotzdem vor Lebensfreude.

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Leseprobe: Special Edition 1 - Familie Dr. Norden

Familie Dr. Norden

5 unveröffentlichte Romane

E-Book 1: Immer wieder Dr. Lammers!

E-Book 2: Da stimmt doch etwas nicht?

E-Book 3: In einer anderen Welt

E-Book 4: Deutliche Zeichen

E-Book 5: Leben heißt Veränderung

Familie Dr. Norden – 721 –

Warum habe ich dir vertraut?

Patricia Vandenberg

Daniel Norden lehnte entspannt an dem hohen Bistrotisch und betrachtete die Menschen, die sich im Takt der Musik auf der Tanzfläche bewegten.

Seine Frau Fee war unter ihnen. Sie tanzte mit einem jungen Mann und lachte ausgelassen, als er sich zu ihr beugte, um ihr ganz offensichtlich ein Kompliment zu machen. Obschon Fee nicht mehr sehr jung war, war sie eine bezaubernde Erscheinung. Ihr blondes Haar umschmeichelte das ebenmäßige Gesicht, und die violetten Augen funkelten vergnügt. Sie trug Jeans und eine enge schwarze Bluse, die ihre gute Figur betonte. Niemand hätte vermutet, daß diese Frau Mutter von fünf Kindern war. Ohne Zweifel war sie die begehrenswerteste Frau des Abends, und stolz beobachtete Daniel seine Fee.

Als ihn eine weibliche Stimme aus seinen Gedanken riß, zuckte er zusammen.

»So ganz allein, Herr Doktor?« Seine langjährige Patientin Marion Lugert war neben ihn getreten und folgte nun seinen Blicken. »Ihre Frau ist wirklich bezaubernd. Viele junge Mädchen könnten sich ein Beispiel an ihr nehmen.«

»Da möchte ich Ihnen nicht widersprechen. Aber ich muß sagen, daß Ihre Tochter trotz ihrer Jugend auch einen ausgesprochen guten Eindruck macht«, entgegnete er charmant mit einem Blick auf seine Gastgeberin.

»Sie haben recht, Janine ist mein ganzer Stolz. Schon als Kind war sie immer reifer als ihre Klassenkameradinnen. Das hat sich bis heute nicht geändert. Sie ist ernsthaft und nachdenklich und sprüht trotzdem vor Lebensfreude. Kaum zu glauben, daß sie erst einundzwanzig ist.« Nachdenklich betrachtete Marion ihre einzige Tochter, die sich wie Fee Norden blendend zu amüsieren schien.

»Der junge Mann, mit dem sie tanzt, ist wohl ihr Freund«, stellte Daniel fest, um dem Gespräch die Leichtigkeit zurückzugeben. An diesem fröhlichen Abend, dem fünfzigsten Geburtstag von Marion Lugert, war nicht die Zeit für tiefsinnige Gespräche.

»Ja! Marcel und Janine sind seit drei Jahren ein Herz und eine Seele. Sie sprechen manchmal sogar schon von ihrer Hochzeit.«

»Es gibt doch keine schönere Bestätigung für zwei Menschen, die sich wirklich lieben.« Daniel hob die Brauen, denn der leise Zweifel in Marions Stimme war ihm nicht entgangen.

»Das schon. Aber ich finde, sie ist noch ein bißchen jung für so einen entscheidenden Schritt. Marcel ist ihr erster richtiger Freund, und ich würde ihr noch ein wenig mehr Erfahrung mit Männern wünschen. Sie soll nicht eines Tages das Gefühl haben, etwas zu verpassen.«

»Das muß nicht zwangsläufig sein«, wandte Daniel ein, als Fee an den Tisch trat. Sie war erhitzt und ihre Wangen gerötet. Auf ihrem Gesicht lag ein glückliches Lächeln.

»Warum seid ihr beide so ernst?« fragte sie lächelnd und nahm einen tiefen Schluck aus ihrem Wasserglas.

»Hast du es je bereut, mich jung und ohne große Erfahrung geheiratet zu haben?« fragte Daniel statt einer Antwort.

»Was soll das denn heißen?« Ein zärtliches Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. »Natürlich nicht. Kein Mann der Welt hätte mir ein größeres Glück bieten können, als du es tust.«

»Was für eine wunderbare Liebeserklärung nach so vielen gemeinsamen Jahren! Davon lasse ich mich gern überzeugen«, entfuhr es Marion spontan. Als sie Fees fragenden Blick bemerkte, fügte sie eine Erklärung hinzu. »Wir sprachen gerade von meiner Tochter Janine. Sie ist erst einundzwanzig und möchte den Schritt in die Ehe wagen. Ich hatte so meine Zweifel, aber Sie beide sind der schönste Beweis, daß es doch klappen kann.«

»Eine Garantie für die ewige Liebe gibt es natürlich nicht. Eine Ehe bedeutet viel Glück und Freude, aber mitunter auch harte Arbeit. Wenn Janine sich darüber klar ist, spielt das Alter keine Rolle«, erklärte Felicitas mit strahlenden Augen.

»Ich werde es ihr sagen. Nun wünsche ich Ihnen noch einen schönen Abend und hoffe, Sie amüsieren sich.« Marion Lugert schenkte dem Arztehepaar ein strahlendes Lächeln, ehe sie sich den anderen Gästen widmete.

»Wußtest du eigentlich, daß du die schönste Frau des Abends bist?« Daniel nutzte die günstige Gelegenheit ihres Alleinseins.

»Ich bin schön für dich, mein Liebling«, gab sie mit einem verliebten Lächeln zurück. Doch schon begann die Musik wieder zu spielen, und in ihren Füßen zuckte es. Zu lange schon hatte sie keine Gelegenheit zum Tanzen mehr gehabt. Mit einem übermütigen Lachen zog sie den widerstrebenden Daniel auf die Tanzfläche und ermunterte ihn zu einem verführerischen Tango.

»Sind sie nicht ein schönes Paar?« Marion konnte den Blick nicht von dem Arztehepaar lösen, das in perfekter Harmonie über das Parkett zu schweben schien. Sie beherrschten nur einfache Figuren, doch die Sicherheit, mit der sie sich miteinander bewegten, war bestechend.

»Meinst du nicht, daß wir das auch hinkriegen?« Gustav Lugert tat ein bißchen beleidigt, doch ein verschmitztes Lächeln umspielte seine Augen.

»Ich glaube nicht, daß wir noch so beweglich sind«, entgegnete Marion und tätschelte seine deutlichen Bauchansatz. Dann glitt ihr Blick an sich selbst hinunter. Ihre Vorliebe für Süßigkeiten war auch nicht spurlos an ihr vorübergegangen. Die Figur hatte besonders darunter gelitten, die nicht mehr so makellos und schlank war wie früher.

»Dafür haben wir weniger Falten als die Dünnen«, gab Gustav lakonisch zurück und lachte gutmütig.

»Du bist einfach unverbesserlich.« Marion stimmte in sein Lachen mit ein und wandte sich dann dem Paar zu, das neben Gustav stand und dem ehelichen Gespräch amüsiert gelauscht hatte. »Jetzt habt ihr mal einen Einblick in die Alltagsprobleme eines alten Ehepaares bekommen. Wie lange seid ihr beiden eigentlich schon verheiratet?«

»Vor zwei Wochen haben wir unseren achten Hochzeitstag gefeiert«, bemerkte Iris mit einem Blick auf ihren Mann Olaf. Doch der schien mit seinen Gedanken weit fort zu sein. Sein Blick war wie gebannt auf die Tanzfläche gerichtet. Es wurde ein Liebeslied gespielt, und mehrere Paare tanzten eng umschlungen. Ungeduldig stieß Iris ihren Mann mit dem Ellbogen an und warf Gustav und Marion einen entschuldigenden Blick zu.

»Wie bitte? Entschuldigt, ich war mit meinen Gedanken gerade woanders.« Er zuckte wie ertappt zusammen.

»Das haben wir gemerkt«, entgegnete Iris spitz. »Wie ihr seht, sind wir vom grauen Alltag auch nicht weit entfernt«, wandte sie sich dann wieder an die Gastgeber.

»Wir sind alles nur Menschen. Wie geht es übrigens euren Kindern?« lenkte Marion geschickt ein, die die Spannung zwischen den beiden deutlich spürte. Sie kannte Olaf schon von Kindesbeinen an, da er der Sohn ihrer besten Freundin war. Sie wußte, wie sie ihn zu nehmen hatte.

»Bestens. Hannah ist ja schon sieben Jahre alt und ein vernünftiges Mädchen. Luis dagegen kann eine richtige Nervensäge sein. Wie die Vierjährigen halt so sind.« Olaf warf Marion einen dankbaren Blick zu.

»Beschäftigst du dich viel mit den Kindern?« erkundigte sich Gustav interessiert bei ihm.

»Bevor ich zur Arbeit fahre, bringe ich Luis jeden Morgen in den Kindergarten. Und am Abend erzähle ich Gute-Nacht-Geschichten.« Er gab sich sichtliche Mühe, sich in ein gutes Licht zu rücken.

»Das macht er wirklich ganz toll«, pflichtete ihm Iris mit einem versöhnlichen Blick bei.

»Bei uns war es damals noch nicht selbstverständlich, daß sich die Väter viel um ihre Kinder gekümmert haben. Manchmal bin ich mir wie ein Exot vorgekommen, wenn ich Janine von der Schule abgeholt habe.« Versonnen nahm Gustav einen tiefen Schluck aus seinem Weinglas.

»Das ist heute ja Gott sei Dank anders. Für mich ist es eine große Erleichterung, mich nicht um alles allein kümmern zu müssen«, gab Iris umumwunden zu.

»Dafür sind die Frauen heutzutage berufstätig. Das war früher auch nicht so. Es hat sich eben viel geändert.« Marion hob ihr Glas. »Aber jetzt ist es genug mit den tiefsinnigen Gesprächen. Heute sind wir hier, um meinen Geburtstag zu feiern, und ich freue mich, daß ihr gekommen seid.«

Die anderen drei folgten der Aufforderung und hoben ebenfalls ihre Gläser, um auf die Gesundheit der Jubilarin zu trinken.

In den kommenden Stunden wurde viel gelacht und getrunken. Die Stimmung wurde immer ausgelassener, und Janine tanzte so begeistert wie schon seit langem nicht mehr. Ihr braunes Haar wirbelte durch die Luft, während sie sich im Takt der Musik drehte. Wie alle anderen jetzt auch, tanzte sie allein zu der modernen Discomusik. Geschmeichelt fing sie die bewundernden Blicke auf, die ihr viele Männer zuwarfen. Nie in ihrem Leben hatte sie sich so attraktiv und selbstsicher gefühlt. Obwohl sie nicht viel getrunken hatte, tat der Alkohol seine Wirkung. Sie tanzte frei und beschwingt.

Auch Olaf war unter den Tänzern. Viele Jahre hatte er Janine nicht mehr gesehen und hätte sie beinahe nicht wiedererkannt, so verändert war sie inzwischen. Er konnte die Blicke nicht von der jungen Schönheit mit dem braunen Haar wenden. Immer wieder nutzte er die Gelegenheit, um sie wie zufällig zu berühren. Wenn sie ihn ansah, entschuldigte er sich lachend.

Janine bemerkte seine Avancen und mußte in sich hineinlachen. Wann immer sie Olaf in ihrer Kindheit gesehen hatte, war sie vor Respekt über und über rot geworden, ohne je seine Aufmerksamkeit zu erregen. Aber inzwischen schienen sich die Vorzeichen geändert zu haben, und sie beobachtete ihn heimlich genauer. Er war groß und gut gebaut. Sein kantiges, sehr männliches Gesicht wurde von blondem, halblangem Haar eingerahmt, das ihm die Strenge nahm. Beim Lachen sah man eine Reihe blendend weißer Zähne, und blaue Augen strahlten unbekümmert. Alles in allem war er ein Mann zum Verlieben, doch Janine war gegen Versuchungen solcher Art gefeit. Sie wußte, daß Olaf seit Jahren verheiratet war und zudem zwei kleine Kinder hatte.

Als die Musik endete, kehrte sie erhitzt und erschöpft an den Platz zurück, wo Marcel inzwischen saß. Er hatte angeboten, an diesem Abend zu fahren und machte einen müden Eindruck.

»Hallo, Schatz, gefällt es dir nicht?« Besorgt beugte sich Janine zu ihrem Freund hinunter und küßte ihn auf den Mund.

»Doch, schon, aber es ist schon ziemlich spät. Wir sollten bald aufbrechen«, gab er zu bedenken.

»Schade, es ist so ein schönes Fest. Und Mutsch wird doch nicht jeden Tag fünfzig. Du solltest was trinken, und dann fahren wir mit dem Taxi nach Hause. Was hältst du davon?« Sie setzte ihre ganze Überredungskunst ein.

»Wenn du unbedingt möchtest, können wir gern noch bleiben. Aber ich fahre!« Nur selten brachte er es übers Herz, seiner Freundin einen Wunsch abzuschlagen.

»Warum so ernst, ihr beiden Hübschen?« Eine sonore Männerstimme unterbrach das Gespräch der beiden. Überrascht blickte Janine auf. Vor ihr stand Olaf, die eine Hand lässig in der Hosentasche, die andere um die Schulter seiner Frau gelegt. »Stören wir, oder dürfen wir uns ein wenig zu euch setzen?«

»Klar, hier ist doch Platz genug.« Arglos rutschte Janine zur Seite, und Olaf nutzte die Gelegenheit, um sich neben sie zu setzen. Iris blieb nichts anderes übrig, als neben Marcel Platz zu nehmen.

»Wir sprachen gerade darüber, nach Hause zu gehen«, bemerkte Marcel mit säuerlicher Miene.

»Immer noch der alte Spielverderber?« Olaf musterte sein Gegenüber mit einem spöttischen Lächeln.

»Hör’ mal, nur weil wir uns zufällig früher hin und wieder beim Segeln am Starnberger See getroffen haben, kennst du mich noch lange nicht. Ich darf dich daran erinnern, daß du bestimmt sieben oder acht Jahre älter bist als ich«, konterte Marcel gereizt. Ihm waren die begehrlichen Blicke nicht entgangen, die Olaf auf seine Janine geworfen hatte. Daher war ihm die Gelegenheit zum Streit willkommen. Doch Iris erkannte die Situation rechtzeitig.

»Jetzt ist aber Schluß, Olaf. Du hast zuviel getrunken, und ich werde dich jetzt nach Hause bringen. Sonst kannst du nämlich zu Fuß heimgehen.« Sie warf Marcel und Janine einen besänftigenden Blick zu, während sie aufstand.Olaf haderte ganz offensichtlich mit sich, ehe er sich dazu entschloß, das kleinere der beiden Übel zu wählen.

»Schade. Dabei wollte ich mich noch ein bißchen mit dir unterhalten. Aber vielleicht ergibt sich bald eine Gelegenheit.« Er sprach so leise, daß nur Janine ihn verstehen konnte, und der Blick, den er ihr zuwarf, ging ihr durch und durch. Ehe sie antwortete, warf sie einen schnellen Seitenblick auf Marcel, doch der verabschiedete sich gerade von Iris, so daß die beiden nichts bemerkten.

»Das glaube ich nicht«, entgegnete sie dann mit fester Stimme, doch sie vermied es, Olaf dabei in die Augen zu schauen.

*

Die Tage nach dem Fest waren für Janine und Marcel mit viel Arbeit ausgefüllt.

Marcel studierte Englisch und Biologie, um Studienrat zu werden und mußte sich auf eisige Prüfungen vorbereiten. Im Gegensatz zu ihm hatte Janine das Gymnasium nach der zehnten Klasse verlassen, um sich ihren Traum zu erfüllen und Visagistin zu werden. Nach ihrer Ausbildung zur Friseuse absolvierte sie eine weiterführende Schule. Mit Bravour bestand sie ihre Abschlußprüfung als Maskenbildnerin. Doch ihr Glück war erst vollkommen, als sie vor knapp einem Jahr einen Arbeitsplatz an einem renommierten Theater ergatterte. Dort war sie neben vielen anderen Visagisten für das perfekte Aussehen der Schauspieler zuständig.

Janine liebte ihren Beruf, auch wenn sie oft am Abend arbeiten mußte. Sie konnte jedesmal wieder darüber staunen, wie sich die Menschen unter ihren Händen verwandelten.

Gerade war Janine dabei, dem perfekt geschminkten Gesicht einer Schauspielerin den letzten Schliff für die Generalprobe zu geben, als ihr Handy klingelte. Genervt blickte sie auf.

»So was Dummes, gerade jetzt«, murmelte sie gereizt vor sich hin und versuchte, den aufdringlichen Ton zu überhören.

»Warum gehst du nicht einfach ran?« erkundigte sich die Darstellerin Sabine freundlich.

»Bis zum Beginn der Probe sind es nur noch zehn Minuten, und ich möchte, daß du perfekt aussiehst«, gestand Janine verlegen.

»Steckt da etwa deine Chefin dahinter?« fragte Sabine weiter. Sie war nicht neugierig, sondern interessierte sich aus Sympathie für den Werdegang der jungen Visagistin.

»Ich bin sehr ehrgeizig und möchte richtig gut sein.« Eine zarte Röte überzog Janines Gesicht, und Sabine lachte belustigt.

»Das ist doch keine Schande, Erfolg haben zu wollen. Und schau, über unserer Unterhaltung hat dein Anrufer aufgegeben.«

»Gott sei Dank. Er wird sich schon wieder melden, wenn es was Wichtiges war. So, fertig!« Janine legte einen Lippenstift beiseite und trat einen Schritt zurück, um zufrieden ihr Werk zu begutachten. »Gefällst du dir?«

»Wunderbar. Ich finde, keine schminkt so gut wie du. Das werde ich bei Gelegenheit auch deiner Chefin sagen«, erklärte die Schauspielerin und drehte sich bewundernd vor dem Spiegel. Dann nahm sie Janine bei den Schultern und drückte ihr einen Kuß auf die Stirn. »Wünsch’ mir Glück, daß ich meinen Text nicht vergesse!«

Schon eilte sie zur Tür hinaus, und Janine blieb mit einem versonnenen Lächeln zurück. Sie fühlte sich geschmeichelt über die Freundschaft, die Sabine ihr entgegenbrachte. Die Schauspielerin mochte gut und gern fünf Jahre älter sein als sie, doch sie hatte Janine den Altersunterschied nie spüren lassen. Ganz im Gegensatz zu anderen Darstellern, denen der Ruhm zu Kopf gestiegen war, behandelte Sabine sie stets wie eine gleichwertige Kollegin. Und jetzt wollte sie auch noch bei der Chefin ein gutes Wort für sie einlegen. Janine war selig. Den Telefonanruf hatte sie schon ganz vergessen, während sie in Gedanken versunken die Schminkutensilien wegräumte. Sie war gerade fertig geworden, als es schon wieder klingelte. Wer mochte der hartnäckige Anruferin sein? Bevor Janine den Anruf annahm, warf sie einen Blick, auf die Nummer, die im Display des Telefons angezeigt war. Sie konnte sie nicht zuordnen und meldete sich.

»Ich habe dir doch versprochen, bald mit dir zu sprechen«, antwortete eine sonore Männerstimme, und Janines Herzschlag setzte für den Bruchteil deiner Sekunde aus.

»Wer spricht da bitte?« Sie ahnte, um wen es sich handelte. Trotzdem fragte sie nach, da sie nicht ganz sicher war.

»Sag bloß, du hast mich schon vergessen?«

»Bist du das, Olaf?« Ihre Stimme zitterte ein wenig, und unwillkürlich mußte er über so viel Unschuld lächeln.

»Erwartest du noch mehr Anrufe von Verehrern?« fragte er anzüglich.

»Nein, nein, natürlich nicht. Ich bin nur im Moment etwas durcheinander. Woher hast du meine Nummer?«

»Ich bekomme alles, was ich will. Und eine Handynummer herauszufinden ist die leichteste Übung. Freust du dich wenigstens?« Ihre Verwirrung entzückte Olaf, und seine Stimme war jetzt sanft und einschmeichelnd.

»Ich weiß nicht recht«, gab sie ehrlich zu, fühlte sich aber gleichzeitig sehr geschmeichelt über das offenkundige Interesse des reifen Mannes. So etwas war ihr noch nie zuvor passiert. »Warum interessierst du dich auf einmal für mich? Du hast mich doch früher nicht bemerkt.«