Familienbild mit dickem Kind - Margherita Giacobino - E-Book

Familienbild mit dickem Kind E-Book

Margherita Giacobino

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Beschreibung

Ein altes Familienfoto. Ich sehe dieses Bild wie durch fließendes Wasser. Wer waren diese Frauen und Männer wirklich? Waren sie so rau und streng, wie sie aussahen? Liebten oder ertrugen sie sich? Was würden sie erzählen, wenn sie die Gewohnheit hätten, von sich zu erzählen, die ihnen gewiss fehlt? In ihrer Kindheit hat Margherita immer eine Schar von Tanten und Großtanten um sich: die sanfte Polonia, die als Hebamme alle im Dorf auf die Welt gebracht hat, Michin, die Seelenverwandte mit dem scharfen Witz, die schon als junges Mädchen mit ihren Schwestern in die Fabrik arbeiten geht, und vor allem Ninin, der Fixstern in dieser bitterarmen piemontesischen Bauernfamilie: Ninin mit ihrer unermüdlichen Arbeit und Hingabe für ihre Geschwister, für die Neffen und Nichten, auch für Maria, das Auswandererkind, das mit acht Jahren allein aus Amerika zurückkommt. Maria ist die erste der Familie, die sich mit einem Laden selbständig macht. Über ein Jahrhundert umspannt Margherita Giacobinos persönliche Familiensaga, in der sie die Ränder der großen Geschichte erkundet und vor allem den Frauen ein Denkmal setzt. Es ist eine Geschichte von bitterer Armut und harter Arbeit, eine Geschichte von Auswanderung und Wanderarbeit, von der Kriegsgefangenschaft des Vaters im fernen Deutschland, aber auch die Geschichte des ökonomischen Wandels und einer allmählichen Emanzipation der Frauen.

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Seitenzahl: 444

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Ein altes Familienfoto. Ich sehe dieses Bild wie durch fließendes Wasser. Wer waren diese Frauen und Männer wirklich? Waren sie so rau und streng, wie sie aussahen? Liebten oder ertrugen sie sich? Was würden sie erzählen, wenn sie die Gewohnheit hätten, von sich zu erzählen, die ihnen gewiss fehlt?

In ihrer Kindheit hat Margherita immer eine Schar von Tanten und Großtanten um sich: die sanfte Polonia, die als Hebamme alle im Dorf auf die Welt gebracht hat, Michin, die Seelenverwandte mit dem scharfen Witz, die schon als junges Mädchen mit ihren Schwestern in die Fabrik arbeiten geht, und vor allem Ninin, der Fixstern in dieser bitterarmen piemontesischen Bauernfamilie: Ninin mit ihrer unermüdlichen Arbeit und Hingabe für ihre Geschwister, für die Neffen und Nichten, auch für Maria, das Auswandererkind, das mit acht Jahren allein aus Amerika zurückkommt. Maria ist die erste der Familie, die sich mit einem Laden selbständig macht.

Über ein Jahrhundert umspannt Margherita Giacobinos persönliche Familiensaga, in der sie die Ränder der großen Geschichte erkundet und vor allem den Frauen ein Denkmal setzt. Es ist eine Geschichte von bitterer Armut und harter Arbeit, eine Geschichte von Auswanderung und Wanderarbeit, von der Kriegsgefangenschaft des Vaters im fernen Deutschland, aber auch die Geschichte des ökonomischen Wandels und einer allmählichen Emanzipation der Frauen.

»Es ist lange her, dass sich in der Literatur eine so authentische Stimme zu Wort gemeldet hat … einfach glänzend!« La Stampa

Über die Autorin

Margherita Giacobino, geboren 1952, lebt als Schriftstellerin, Übersetzerin und Regisseurin in Turin. Sie übersetzte u.a. Werke von Emily Brontë und Gustave Flaubert ins Italienische. In Deutschland wurde sie vor allem mit ihrem Roman Hausfrauen in der Hölle und der literarischen Travestie Elinor Rigby – Eine Amerikanerin in Paris bekannt.

Margherita Giacobino

Familienbildmit dickem Kind

Roman

Aus dem Italienischenvon Maja Pflug

 

 

 

 

 

 

 

 

Verlag Antje Kunstmann

Für Maria, meine Mutterfür sie alleund für Claudia

Zugluft

BEI MEINER GEBURT war sie einundsechzig Jahre alt, doch in meiner Kindheit blieb sie trotz der Ermahnungen meiner Mutter (»Du musst sie Magna Ninin nennen!«) für mich immer und ausschließlich Ninin, diese Verkleinerungsform ihres Namens bot meinen frechen Füßchen einen Halt, um ihre wehrlose Autorität zu überwinden.

Im Register des Pfarrers hieß sie »Caterina« wie ihre Großmutter, die Mutter ihres Vaters, doch der Name wurde »Catlina« ausgesprochen, mit jenem in der Kehle vibrierenden »n«, das in Italien nur in unserer Gegend zu hören ist. Der Namenstribut war Pflicht und wurde erwartet, hätten die erstgeborenen Mädchen der Kinder nicht Catlina geheißen, wäre die alte Granda beleidigt gewesen, und wehe den Ungehorsamen! Bei derartigen Regeln waren gleiche Namen in der Familie unvermeidlich, und um die verschiedenen Catlinen nicht zu verwechseln, wurde der Name vielfach abgewandelt: zu Catlinìn, Catlinota, Catlinetta. Sie nannte man Ninin, von Catlinìn, doch ein Ninin ist auch ganz allgemein ein Wickelkind, etwas Kleines, Neues, von dem man noch nicht weiß, ob es bleibt, ein kaum angedeutetes Leben in der wurmstichigen Wiege mit den Wolldecken und dem Maisstroh, und bevor man ihm einen echten Namen gibt, wartet man, bis es anfängt zu krabbeln. Sie aber blieb für immer Ninin, auch als ihr noch eine lange Reihe von Brüdern und Schwestern folgte, darunter meine Großmutter.

Sie war die Tochter einer Domenica und eines Giuseppe und hatte als Amme eine Kuh. Man erzählt, dass man sie bei dem Tier anlegte, als die Milch ihrer Mutter versiegte, bevor das Neugeborene in der Lage war, Polenta zu essen, und die andere Schwiegertochter es nicht stillen konnte, weil sie einen großen, dicken Jungen hatte, der sie auffraß. Deshalb trugen sie Ninin in den Stall und hängten sie direkt an die lange rosa Zitze des Kuheuters; es heißt, dass die Kuh, sobald sie ihr hungriges Geschrei hörte, aufstand wie zum Melken und dann mit einer Engelsgeduld stillhielt, während Ninin mit aller Kraft ihrer kindlichen Kiefer saugte. Sie bekam keine einzige Krankheit. Es waren Zeiten, zu denen man mit Keimen vertrauter zusammenlebte als heute; und außerdem wurden die Kinder häufig im Stall, dem einzigen warmen Ort im Winter, geboren und lernten sofort das Stroh und den feuchten Atem des Viehs kennen. Entweder sie wuchsen kräftig heran, oder sie wuchsen nicht. Ninin überlebte glücklich den Mangel an Muttermilch und die Ersatzlösung. Der einzige, zweitrangige Schaden, berichtet die Familienlegende weiter, war eine leichte Verformung des Kiefers, die eben davon herrührte, dass sie monatelang an der großen Kuhzitze gesaugt hatte; als dann allmählich die Zähne kamen, standen sie nach außen und blieben so, bis schließlich das künstliche Gebiss Ninins Physiognomie wieder zurechtrückte.

Wir sind am Beginn des letzten Jahrzehnts des 19. Jahrhunderts. Die Frauen tragen als Unterhemd eine camisa, ein ganzjähriges Kleidungsstück aus grobem Leinen, das auf der Haut kratzt und die Unterhose bauscht, wenn sie eine tragen – aber sie tragen fast nie eine. Darüber mehrere Röcke und Mieder, die sie plump erscheinen lassen und ihre häufigen Schwangerschaften verbergen. Auch die Männer tragen eine camisa mit zum Waschen abnehmbaren Manschetten und Kragen; und an hohen Feiertagen ziehen sie dunkle Wollanzüge an, immer dreiteilig: Hose, Jacke und Weste. Man verwendet auch noch Hanffaser, kühl und schwer, wenig geeignet für den Winter. Alle erwachsenen Männer prunken mit Schnauzbart und Hut; alle Frauen, von der Kindheit bis ins hohe Alter, bändigen die Haare in Zöpfen oder Knoten.

Ein Foto ist zu jener Zeit ein seltenes, feierliches Ereignis, lange verharrt man regungslos, so ernst, als posierte man für sein eigens Grabporträt, und gewiss begleitet noch irgendwie eine verschwommene Idee von Todesewigkeit das magische Ritual, das der Fotograf vollzieht, wenn er den Kopf unter dem schwarzen Tuch versteckt. Niemand lächelt, der Weg bis zur unbeschwerten Leichtigkeit unserer digitalen Schnappschüsse ist noch weit. Auf den am Grund der Schublade aufbewahrten Fotos ist niemand daran interessiert, glücklich oder gar heiter zu wirken. Im Gegenteil, alle erscheinen verhangen, finster, wenn nicht sogar grausam; verschlossene Menschen mit schlechtem Charakter.

Ich besitze weder Fotos von Ninin als Kind oder junges Mädchen noch von ihrer Familie aus den Jahren um die Jahrhundertwende. Vielleicht sind sie verloren gegangen, oder es schien ihnen ein skandalöser Luxus zu sein, Geld für den Fotografen auszugeben. Daher bin ich gezwungen, eines zu erfinden.

Es kann nur ein Gruppenfoto sein: Die Alten sitzen in der Mitte, starr und monumental, wenn auch vom Alter ausgetrocknet, nicht ein Hauch von Wohlwollen mildert die Härte ihrer Lippen und Blicke; hinter ihnen und rundherum die Söhne und Schwiegertöchter, etliche schon erwachsen und vorzeitig gealtert, andere noch Jugendliche. Die Männer fixieren mit stolzer, trotziger Miene das Objektiv, so wie Soldaten die feindlichen Kanonen; die Frauen, tragisch und zugleich ausdruckslos wie zum Opfer bereite Iphigenien, halten weiße Bündel auf den ausgestreckten Armen, während sich zu ihren Füßen Kinder verschiedener Altersstufen drängen, alle mit aufgerissenen Augen, schwarze Knöpfe in den kleinen, überraschten Gesichtern. Am äußersten Rand des Familienbildes eine Miniatur-Frau, gekleidet wie ihre Mutter und wie sie entschlossen zu handeln und standzuhalten: Ninin.

Ich sehe dieses Bild wie durch fließendes Wasser, das die schon durch die Pose und das frontale Licht verflachten Gesichtszüge nach und nach weiter verwischt und sie mit seiner unablässigen Strömung in schillernde Bewegung versetzt. Wer waren diese Frauen und Männer wirklich? Waren sie so rau und streng, wie sie aussehen? Liebten oder ertrugen sie sich? Was würden sie mir erzählen, wenn sie je aus diesem Wasser, das sie jeden Tag ein wenig weiter fortträgt, an die Oberfläche steigen könnten und vor allem, wenn sie die Gewohnheit hätten, von sich zu erzählen, die ihnen gewiss fehlt? Haben sie etwas mit mir gemein, mit der Welt, wie sie sich mir heute darstellt? Die Einzige, die ich deutlich sehe, die Einzige, die ich noch berühren kann, wenn ich die Hand in den Fluss dieser doch noch nicht weit, kaum ein Jahrhundert zurückliegenden Vergangenheit strecke, ist die kleine Ninin, und durch sie werden auch die Bilder ihrer Brüder und Schwestern lebendig.

Ninin ist für mich Ursprung und Archetyp. Ninin, die Unermüdliche, mulier fabricans. Meine Lucy, die erste menschliche Form, die aus der Vorgeschichte aufsteigt.

Unverwechselbar und einzigartig, meine DNA, in mir eingebettet wie das Mark meiner Knochen, ihre Gedanken das Grundmaterial meiner Gedanken. Und gleichzeitig diffus, überpersönlich, eine Uridee dessen, was menschlich ist.

Kleines Mädchen oder alte Frau, immer bleibt sie meine Ninin. So, wie ich sie als Kind rief, mit dem herrischen Besitzanspruch einer Geliebten. Leidenschaft ist kein Privileg der Jugend und hat an sich wenig zu tun mit dem sexuellen Begehren, mit dem sie häufig verwechselt wird; manchmal finden sich heftige und totale Leidenschaften gerade in den weniger sexuell bestimmten Altersstufen, in der Kindheit und im Alter. Ich kann es nur Leidenschaft nennen, das Gefühl, das mich mit meiner Mutter und den Alten meiner Kindheit verband, von denen Ninin die Beruhigendste und Schroffste war, die, die ich am meisten liebte und brauchte.

Müsste ich das, was im Lauf der Jahre zu meiner persönlichen Kosmogonie geworden ist, bildlich darstellen, stünde Ninin am Ursprung der Welt, ein kleiner, deutlicher Dreh- und Angelpunkt der Universen, Symbol der unverzichtbarsten, elementarsten Energie, der absoluten, rauen und pragmatischen Liebe der Frauen.

Der Erstgeborenen von Giuseppe und seiner Frau Domenica ist es bestimmt, nach der Kuhzitze noch viele andere Widrigkeiten zu überleben, unter anderem den Typhus, zwei Weltkriege, einen Brustkrebs und eine erbärmlich niedrige Rente nach fünfzig Jahren Arbeit in der Fabrik. Sie wird drei Generationen großziehen: ihre eigenen Geschwister (bevor auch sie geht, wird sie noch Blumen auf alle ihre Gräber bringen), dann ihre Nichte Maria, meine Mutter, und mich, ihre Großnichte. Sie wird fast ein Jahrhundert Geschichte mit allen Ereignissen und Wundern an sich vorbei- und über ihren Kopf hinwegziehen sehen: elektrisches Licht, die Auswandererschiffe, das Automobil, das Kino, Mussolini, die Befreiung und die Republik, die Marienwallfahrt, Kennedy, Papst Johannes, die Schlagersendung »Canzonissima«, den ersten Menschen auf dem Mond, die Miniröcke. Doch trotz der Gefahr, von ihr erdrückt zu werden, bleibt die Geschichte Ninin unwiderruflich fremd; sie ist ganz davon in Anspruch genommen, auf Mikroebene unverdrossen ihre eigene Geschichte und die ihrer Familie zu weben, die ständig geflickt und gerettet werden muss, ein Abenteuer ohne Aufsehen, das sie in Atem hält. Trotz der Wiederholung der Gesten und der Tage wird Ninin sich niemals langweilen. In den fünfundachtzig Jahren ihres Bleibens auf Erden arbeitet sie unermüdlich (außer im letzten Jahr, das sie im Bett verbrachte, wo sie ständig über Schmerzen klagte und darüber, dass sie nicht mehr arbeiten könne), ohne etwas für sich beiseitezulegen oder sich eine Atempause zu gönnen. Bis zuletzt war sie von einem Willen beseelt, der umso stärker wurde, je instinktiver und unbewusster er war: jene zu hüten, die ihr anvertraut waren. Ihnen zu helfen, ehrenhaft und mit Würde das Heute zu überstehen, und sie heil ins Morgen zu bringen. Und jeden Tag neu zu beginnen.

Ihr Sakrament wird die Arbeit sein, ihre Religion die Pflicht, ein geheimnisvolles Wort, das schon beim Aussprechen wie eine scharfe Klinge in die Lippen schneidet. Die Pflicht ist eine grausame Göttin, die verlangt, dass man früh aufsteht und spät schlafen geht, Knochen und Augen abnutzt, die Seele kasteit. Sie verzehrt ihre Anhänger wie eine ewige Flamme; stürmisch flackernd, nie, niemals ruhig siehst du das Flämmchen in ihren Augen glimmen. Ninins Pflicht ist gewiss nicht das Gesetz der Menschen, das kann sie, wenn nötig, herausfordern; ihre hausgemachte Theologie ist mit manchmal bizarren, widersprüchlichen Dogmen durchsetzt, doch ihr pulsierender Kern kennt keine Worte, er ist unartikuliert, reine Lebenskraft. Prosaisch und erdverbunden wie das Herz, das Blut in die Adern pumpt, geht Ninin vorwärts, ohne je innezuhalten, solange es Leben gibt.

Sie kam auf die Welt, als es noch Winter war, Anfang März, zwischen den Kühen und Eseln im Stall wie Jesus, so wie man damals in ihrer Gegend geboren wurde; der Ochse war bestimmt dabei, vielleicht auch das Eselchen, aber keine Engel, und anstelle der Drei Könige kamen der Großvater Bartolomeo mit dem gelben Schnurrbart, der ihm fast bis zu den Ohren reichte, und den noch gelberen Zähnen, sein Sohn, Barba Giacu, der nach Wein stank, und die Ur-Catlina, die Mare Granda mit ihren kleinen schwarzen Augen, in sieben Schichten von Röcken und Miedern gekleidet, und zwischen einer Schicht und der nächsten gab es tiefe Taschen und fest geknotete Bündel, in denen sich Taschentücher, Schnupftabak, Käserinden und die zahllosen feinen Dolche ihrer Bosheit verbargen. Die Gabe, die Bartolomeo ihr zur Geburt darbrachte, war die Weidenrute, stets bereit, um auf die Beine der Enkelkinder niederzusausen; die Gabe der Großmutter war der herbe, vorzeitige Geschmack der Ungerechtigkeit. Onkel Giacu brachte nichts mit, er wurde selbst von starken Armen aus dem Wirtshaus hergebracht.

Nach ihr kamen in dieser Reihenfolge eine Maria, die meine Großmutter wurde, und dann eine Domenica, genannt Michin; ein Bartolomeo, genannt Mecio; eine Margherita, die nur drei Jahre lebte, bevor sie im Wildbach ertrank, unten bei den Steinen, wo man zum Wäschewaschen hinging; später noch ein Giuseppe, genannt Noto (von Pinot, der familiären Form von Giuseppe), dann eine zweite Margherita, die die erste ersetzte. Ninin, die Älteste, war mit vier Jahren schon damit beauftragt, Wiegen zu schaukeln, Windeln zu wechseln und die kleinen Kartoffeln zu schälen, für die die Finger der Erwachsenen zu dick waren. Wenn ihre Mutter Domenica mit dem Melken der Kühe und Ziegen, mit Grasmähen, Reisigsammeln und Käsemachen fertig war, setzte sie sich an den Webstuhl, der in einer Ecke der großen Küche stand, in einer in den Boden gegrabenen Nische, in die sie sich mit raschelnden Röcken hinunterließ, und ihre Füße begannen rasch die Pedale zu treten, während die Arme den Webkamm auf und ab bewegten. Es war eine mühsame Arbeit. Sie webte grobes Leinen aus Hanf für Laken und Hemden, von der schmutzig-weißen Farbe des Rahms, kurz bevor es Zeit ist, ihn von der Milch abzuschöpfen, um Butter daraus zu machen.

Zweimal im Jahr gingen sie auf den Markt von Chivasso, um Hanffaden zu kaufen und das Leinen feilzubieten. Die Verhandlungen mit den Händlern führten weder Domenica noch die andere, bei ihnen wohnende Schwiegertochter, sondern die Granda: »Ihr zwei wisst ja nicht einmal, was draußen für ein Wetter ist, sie würden euch sofort übers Ohr hauen«, sagte Catlina selbstherrlich zu den beiden. Und dann zog sie los, den Esel mit Bündeln beladen, in Gesellschaft eines jüngeren Sohnes oder eines schon größeren Enkels.

Das Geld der Frauen verwaltete allein sie, Catlina, aus ihren Taschen drang ein heimliches, gedämpftes Klimpern. Stets ging sie selbst am Samstag auf den Dorfmarkt, um Mehl, Kochkessel, in Salz eingelegte Sardellen oder Holzschuhe zu kaufen. Die Schwiegertöchter blieben daheim und versorgten das Vieh und den Gemüsegarten.

Es war eine Stammeshierarchie mit Überresten antiker Matriarchate, die im Hause meiner Vorfahren herrschte. Als ich in den Siebzigerjahren als Studentin zeitgenössischer Literatur entgegen der Meinung der Professoren darauf beharrte, meine Abschlussarbeit über Hexen zu schreiben (ein Thema, das damals bei den Feministinnen in Mode kam, weshalb ich, hungrig nach Entdeckungen über mich selbst und über das Leben, es unbedingt wollte, während meine Dozenten ebenso strikt dagegen waren und einer von ihnen die Ansicht äußerte, die Hexen seien ein Phänomen ohne jede Bedeutung oder, in einer damals üblichen Phrase ausgedrückt, »ein Furunkel am Arsch der Geschichte«), entdeckte ich bei der mühseligen Transkription von Prozessakten aus einem spätmittelalterlichen, in schlechter gotischer Fraktur geschriebenen Latein ein Stück Vergangenheit, in der ich im rauchigen Halbdunkel mein Zuhause vor meiner Geburt zu erkennen glaubte. Ende des 19. Jahrhunderts waren die Familien ebenso groß wie im 15. Jahrhundert, und die Frauen waren dem Gesetz der Ältesten unterworfen. Wie in einem Harem vielleicht oder in einem chinesischen Haushalt, wo viele Ehefrauen unter der Knute der ersten zusammenlebten, herrschte in den Steinhäusern der Voralpensiedlungen die Granda über die Schwiegertöchter, und wenn sie stark war und die Kinder mit eiserner Hand zu lenken verstand, waren die jungen Männer ihr bewaffneter Arm. Sie war eine königliche Madame, eine Regentin, die sich vor den weiblichen Intrigen und der Rache des männlichen Stolzes in Acht nehmen musste. Diese Welt kannte keine komplexen, unlösbaren Demokratiefragen, sondern nur Macht und Unterwerfung, und nicht zufällig nannten die Schwiegertöchter die Schwiegermutter ehrerbietig Madona, was, auch wenn sie das nicht wussten, von mea domina kommt, meine Herrin.

Was ich damals, mit zwanzig, in den Akten meines Prozesses zu lesen vermeinte, war die Zerbrechlichkeit der Macht der Frauen, die nur innerhalb jener Steinmauern galt, in jenen Höhlen aus gestampfter Erde, zwischen Haushaltsutensilien, die der kollektive Albtraum in Zaubermittel verwandelte. Ob gut oder böse, die einstigen Masche, die Hexen – Bäuerinnen, Mütter, Hebammen, Kräutersammlerinnen oder einfach nur Frauen – waren alle einem Wind reiner Barbarei ausgesetzt, demselben, der auch noch in das Haus eindrang, in dem Domenica ihre Erstgeborene zur Welt brachte.

Die andere Schwiegertochter in der Familie hieß Rita, sie sprach wenig, hielt die Augen gesenkt und nickte zustimmend mit dem Kopf, ohne die blassen Lippen zu öffnen. Sie war durchsichtig wie kalte Morgenluft; Domenica hatte versucht, sich mit ihr anzufreunden, um einen jungen Menschen zu haben, mit dem sie reden konnte, doch Rita war zu ängstlich, sie wusste nicht, was Freundinnen sind, denn sie war unter den besitzergreifenden Fittichen einer dicken, eifersüchtigen Tante aufgewachsen und von dort, ohne je ein bisschen Freiheit zu atmen, unter die Herrschaft der Granda geraten.

Domenica hatte etwas Hitziges an sich, das Catlina nicht gefiel. Darüber hinaus waren Domenicas erste Kinder Mädchen, während Rita zwei Jungen geboren hatte, und auch deshalb, nicht nur wegen ihrer Fügsamkeit, hielt die Schwiegermutter große Stücke auf sie.

Schon in ihrer mageren, arbeitsreichen Kindheit wurde Ninin klar, dass sie einer verfolgten Spezies angehörte. Die Söhne von Magna Rita bekamen größere Portionen Polenta, und gab es nicht entrahmte Milch, gehörte sie ihnen. Domenicas Töchter hatten das Nachsehen, und wehe, sie beklagten sich. »Männer essen mehr«, hatte die Großmutter verfügt, und das galt für alle männlichen Wesen, auch die Kinder (doch später bekamen auch die Söhne von Domenica weniger zu essen als die von Rita). In der höhlenartigen Küche saßen die Männer unter dem langen Balken an dem wuchtigen Tisch, der schwarz war vom Rauch und von den vielen daran eingenommenen Mahlzeiten, die Frauen dagegen hockten auf dem Stein um den Kamin, die Kinder im Arm, die gefüttert werden mussten, oder verschlangen im Stehen ein paar Bissen, während sie die Speisen auftrugen; die kleinen Mädchen kauerten sich auf einen Hocker, den Teller auf den Knien. Nur Catlina saß am Tisch zwischen den Männern, teilte die Polenta auf dem Brett und wachte darüber, dass niemand seine Scheibe zu oft an dem Hering rieb oder sich sowohl Frischkäse als auch Milch nahm.

»Der Käse wird aus Milch gemacht«, wie ein Hackbeil sauste ihre schneidende Stimme auf die gierigen, schuldigen Finger herunter, »und wer Milch hat, bekommt keinen Käse, wer Käse hat, bekommt keine Milch.«

Dieser Kultur des Mangels blieb Ninin ihr Leben lang verpflichtet. Arm geboren, war ihr der Wohlstand immer fremd wie eine neue Mode von zweifelhaftem Geschmack, auch als sich in den Sechzigerjahren unsere Wohnung, wie viele andere in Italien, mit Gegenständen und Esswaren füllte, mit Dingen, die es vorher nicht gab und die bald unverzichtbar wurden. Auch als es im Lauf von zwei oder drei Jahren auf einmal eine nie gesehene Vielfalt an Konservendosen und tiefgekühlten Lebensmitteln gab und Haushaltsgeräte, Plastikschüsseln, das Fernsehen und die synthetischen Stoffe auftauchten, die in den ersten Nachkriegsjahren mit den Paketen aus Amerika kamen und plötzlich auch hier zu kaufen waren, blieb sie stets ihren Baumwollschürzen und dem abendlichen Milchkaffee treu. Sie schaute zwar Fernsehen, aber nur nach dem Abendessen, wenn abgespült und alle Hausarbeit erledigt war. Ihre große Freundin war die Waschmaschine: Sie behandelte sie mit dem Respekt, den man einer Person schuldet, die arbeitet und ihren Teil in der Hauswirtschaft übernimmt.

Die Nahrungsmittel verloren für Ninin niemals die Aura von etwas Kostbarem, das mehr wert ist als Gold, denn Gold kann man nicht essen. Als Frucht der Arbeit musste das Essen eigenhändig zubereitet werden; von anderen oder gar maschinell hergestellte Speisen waren suspekt. Wertvoll waren dagegen die leicht angebrannten Fleischküchlein, in denen sich glorreich alle Reste des Vortags vereinten, wertvoll die (immer verkochte) Pasta, auch aufgewärmt, die panada, eine Suppe aus Brühe mit altbackenem Brot, das überreife Obst, das mit dem Messer ausgeschnitten und dann mit etwas Zucker und Zitronenschale gekocht werden musste, und die kleinen hausgemachten Frischkäse in den löcherigen Weidenkörbchen, weich und weiß, die man mit der Gabel zerdrückte und mit einer reifen Tomate und einer Prise Salz aß. Heimlich, wie eine, die einer kaum geduldeten Geheimreligion anhängt, aß Ninin einen Essensrest auf, der schlecht zu werden begann, denn mit dem Essen ist es wie mit den Menschen, man muss es achten, auch in seinem Alter und Verfall.

Verschwendung war für sie ein Frevel, genauso, stelle ich mir vor, wie für eine Witwe aus Bangladesch, die viele Kinder zu ernähren hat. Pauschal als Konsumentin abgestempelt zu werden, wie heute allgemein üblich, hätte sie nie akzeptiert: Meine Großtante achtete darauf, nicht zu konsumieren. Als müsse man sich den Dingen auf Zehenspitzen nähern, ohne zu viele Spuren zu hinterlassen und vor allem ohne je, um keinen Preis, die Quelle auszuschöpfen. Sie war eine extreme Umweltschützerin ante litteram, nicht aus politischen Gründen, sondern aus genetischer Anlage: Was machen wir, wenn morgen kein Licht, kein Wasser, kein Holz, kein Brot, keine Sonne mehr da ist? »Dreh den Wasserhahn zu. Mach das Licht aus. Was tust du, liest immer noch, um diese Zeit? Du verbrauchst Strom!«

Mit schriller, uralter Stimme. Diese Stimme erinnert mich an eine Welt der Armut, die es nicht mehr gibt. Das Elend existiert noch in wer weiß wie vielen Teilen der Welt, vielleicht sogar schlimmer und primitiver als damals am steinernen Kamin in Catlinas Küche. Der Unterschied ist, dass diese Armut sich unterdessen überall in unserem komplizierten, gequälten Reichtum spiegelt. Ninin dagegen war in ihrer Kindheit rundum von Armut umgeben. Der Reichtum war so fern, dass sie ihn nicht einmal mit dem Feldstecher hätte entdecken können, falls sie einen gehabt hätte.

In der Nähe, in Reichweite gab es das ständige Ziehen im Magen, das man Hunger nennt.

Dabei gehörte ihre Familie nicht zu den allerärmsten. Sie besaßen Land, wenn es auch wenig einbrachte, oben im Gebirge verstreute Wiesen- und Waldstücke; um sie zu erreichen, musste man stundenlang bergauf oder bergab laufen, womöglich mit Heu oder Holz beladen oder mit einem Sack Kastanien auf der Schulter. Und im Stall stand Vieh, das Milch gab, um Käse zu machen, den man verkaufen konnte. Dennoch lebten die Bergbewohner nicht besonders gut, selbst wenn sie ein paar Kühe und einige Morgen Land hatten. Bis zu achtzehn Personen umfasste meine Familie damals, die Großeltern, ihre Kinder und Enkel; es gab zu essen, aber satt wurde man selten, und das, was da war, wurde nicht gerecht verteilt, sondern ganz selbstverständlich je nach Macht und Privilegien. Das Brot war niemals weiß, sondern fast immer aus Mais, der mit Weizen oder Roggen und einem Teil Kleie vermischt wurde: kompakte, harte, bröckelnde Laibe. Es schmeckte gut, war für die Kinder der Ersatz für Süßigkeiten, die sie fast nie zu kosten bekamen, höchstens zu Ostern ein kleines Zuckerei oder zu Karneval ein Schmalzgebäck. Ein Stück Brot gab es nicht alle Tage, es war schon ein Fest.

Einmal schlüpft Ninin, vom frischen Brot angelockt, in den Keller und schneidet sich eine Scheibe ab, Schritte hinter ihr in der feuchten, nach Stein und Schimmel riechenden Dunkelheit lassen sie erstarren. Zwei Hände umklammern ihre Schultern, und Catlinas Stimme: »Was machst du hier, du Diebin?!«

Das gerade angebissene Stück Brot wird ihr entrissen und verschwindet in den Falten der Röcke ihrer Großmutter. Ninin spürt einen bitteren Geschmack im Mund.

Am Abend Polenta ohne alles.

»Warum gibst du der Kleinen keine Milch?«

»Weil sie gestohlen hat.«

»Aber sie ist doch noch ein Kind, einfach den Kindern das Brot wegnehmen!« Domenica wagt es, die Stimme zu erheben.

»Es war nicht ihr Brot! Halt den Mund, du, misch dich nicht ein, ich verlange Respekt!«

Wenn sie wütend wird, ist Catlina wie eine Schlange, die sich aufrichtet und spuckt, dies ist einer der ersten von Ninins schlaglichtartigen Gedanken, die Offenbarungen gleichen und im Kopf hängen bleiben, sodass man sich zeitlebens daran erinnert.

Domenica will etwas erwidern, doch ihr Mann schlägt mit der Faust auf den Tisch, um sie zum Schweigen zu bringen. Sie verschluckt ihre Wörter und beißt sich auf die Lippen. Bartolomeo, der Pare Grand, sieht sie an und zieht an seinem Schnauzbart, erst auf der einen, dann auf der anderen Seite. Seine Augen werden dunkler, lebhafter, ein hämisches Grinsen wie am Samstagabend verzerrt eine Sekunde lang seine starre Maske eines Patriarchen.

»Soll sie doch l’aria d’l'uss zu ihrer Polenta essen«, sagt Catlina mit einer wegwerfenden Handbewegung, bei der ihre sieben Röcke beben.

»L’aria d’l'uss«, die Zugluft an der Tür, diesen Ausdruck kennt Ninin gut, er ist in ihrer Familie gang und gäbe. Er spielt an auf die Leichtigkeit der Leere, im Gegensatz zur Schwere der Fülle; das mit der Zugluft an der Tür gewürzte Essen ist fade, trocken, nur größter Hunger macht es schmackhaft; doch bei dieser Mahlzeit, die keinen Ballast hinterlässt, malt sich der ungesättigte Magen traumhafte Bankette aus. Kinder sind für die wundervolle Wörtlichkeit der Metaphern empfänglich, und so nähert Ninin sich der Haustür mit ihrer kalten Scheibe harter Polenta, die zwischen den Fingern bröckelt, vielleicht schmeckt sie ja auf der Schwelle anders; und sei es nun aus Überzeugung oder einer Vorspiegelung des Hungers: Wenn sie sich konzentriert, kommt es ihr so vor, als schmecke die Polenta hier zwischen drinnen und draußen tatsächlich nach Butter und Käse, fast so, als sei sie angemacht.

Sie heißen Davito Gara, und die Ortschaft, in der sie wohnen, heißt Ca’ d’Gara, die Häuser von Gara. Also sind sie die Familie Davito aus Gara, sie haben das Gebiet, wo sie wohnen, gezeichnet und sind davon gezeichnet worden.

Die Ortschaft liegt steil über dem Dorf Rocca Canavese auf sechs oder siebenhundert Meter, auf einer Anhöhe der Voralpen, wo Kastanien, Steineichen und Birken wachsen. Wir sind kaum dreißig Kilometer von Turin entfernt, doch es ist eine andere Welt. Das Canavese ist eine Gegend des Piemont mit ungewissen Grenzen, ungewisser Zugehörigkeit. Seine Geschichte reicht bis zu den alten, von den Römern besiegten keltischen Völkern zurück und weist die übliche Abfolge von Kriegen, Besetzungen und Unterdrückung auf, von den Langobarden über König Arduino von Ivrea, die kleinen lokalen Feudalherren, die Herrschaft der Savoyer bis hin zu den Eroberungsarmeen Napoleons. Doch für meine rauen, unwissenden Leute bestand die Geschichte nur aus Geburten, Todesfällen und Jahreszeiten, aus Kastanien- und Kartoffelernte, und da sie zu viele und zu arm waren, um alle von ihrem nicht sonderlich ergiebigen Ackerland zu leben, waren sie froh, als zunehmend kleine Fabriken auftauchten, vor allem Textilbetriebe, die sich vergrößerten und immer mehr Arbeit boten, hauptsächlich für die Frauen, die weniger kosteten, und so allmählich das häusliche Weben verdrängten. Unten in den großen und kleineren Städten gab es auch Gießereien und Metallindustrie, in Castellamonte wurden Keramiken, Kachelöfen und Terrakotta-Geschirr hergestellt, im Valchiusella gab es Bergwerke. Die größten Zäsuren waren die Wanderbewegungen: Man zog wenige Kilometer weiter in die Ebene, oder über das Gebirge, oder emigrierte in eine neue Welt auf der anderen Seite des Ozeans, für eine Saison oder auf unbestimmte Zeit. In jedem Fall war es eine Lebensveränderung.

Von Rocca, einem Dorf ohne besondere Sehenswürdigkeiten außer einer Kapelle mit mittelalterlichen Fresken im Malone-Tal – die Festung oder Burg, von der es den Namen hat, ist schon seit Jahrhunderten verfallen –, führt eine Straße, oder besser gesagt, ein breiter Weg hinauf zum über tausend Meter hohen Gipfel eines Berges, wo die Kapelle der Madonna della Neve steht, ein Ziel sommerlicher Prozessionen. Sie ist natürlich nicht die einzige Schneemadonna dieser Gegend und unserer Berge, es gibt noch viele weitere, stets auf den Gipfeln, da man offenbar meint, zur Madonna passten besonders gut die Einsamkeit und der Frost der weißen Winter dort oben auf den Höhen. Unterwegs zweigen immer wieder Seitenpfade ab, die in Dutzende von kleinen Ortschaften münden.

Die unsere, Ca’ d’Gara, liegt direkt an der Hauptstraße in einer Kurve eingekeilt; zwei Häuserreihen rund um einen gestampften und gepflasterten Weg mit einem steinernen Brunnen in der Mitte. Wer hier vorbeikommt, kann mit einer Schöpfkelle aus verzinntem Kupfer, die an einer Kette am Brunnen baumelt, Wasser trinken, kühl im Sommer und eiskalt im Winter. Hier leben achtzig Personen, vielleicht hundert. Dazwischen Hunde und Ziegen und einige Esel, von den gleichen Ketten oder Gewohnheiten angetrieben; nur die Hühner mit ihrem törichten Ausdruck laufen mehr oder weniger frei herum. Katzen haben es hier oben schwer, müssen Vögeln und Mäusen auflauern, wenn sie nicht Vegetarier werden und sich mit dem Polentawasser begnügen wollen, das die Frauen ihnen vor die Tür stellen. Auch haben sie gelernt, den Menschen nicht sonderlich zu vertrauen, die die Katzen häufig verfolgen, weil sie sie mit den Hexen in Verbindung bringen. Nachts schleicht der Marder um die Hühnerställe, und die angeketteten Hunde bellen wütend und ohnmächtig. Nachts ist hier das Reich der Finsternis, es gibt kein Licht außer dem Mond. Geübt tastet man sich mit Händen und Füßen ins Bett vor, auf dem bekannten Weg. Das Bett raschelt, denn die Strohsäcke sind mit Maisstroh gefüllt, in dem Horden von hungrigen Flöhen nisten. Eltern und Kinder schlafen im selben Raum; die Geräusche erschrecken die Kleinen vielleicht, lenken die Aufmerksamkeit auf die unerforschten Geheimnisse der ehelichen Nacht; doch der Schlaf der Kindheit ist gnädig und überwältigt sie oft schon, bevor Mare und Pare dazukommen.

Je nach Jahreszeit hat das Leben einen sehr unterschiedlichen Rhythmus. Im Sommer steht man vor dem Morgengrauen auf, geht aufs Feld und bleibt bis spät in der Nacht wach, um das bisschen Weizen und Roggen zu dreschen, den Mais zu entblättern. Im Winter isst man früh zu Abend, setzt sich in den Stall und betet dort in der Wärme des Viehs den Rosenkranz oder erzählt Geschichten. Das Licht der Lampe wird nur so schwach aufgedreht, dass es gerade zum Arbeiten reicht, Wolle kardätschen, Bohnen aushülsen, Holz schnitzen; ist das Quantum Petroleum erschöpft, bleibt man im Dunkeln sitzen. Die Geschichten sind immer die gleichen, sie handeln von Hexen, die sich in Tiere verwandeln, in Ziegen oder Katzen, und man erkennt sie daran, dass die entsprechende Frau, wenn die Katze verletzt wird oder die Ziege lahmt, am nächsten Tag übel zugerichtet oder hinkend erscheint. Sie handeln von grässlichen, seltsamen Toden, von verhängnisvollen Zaubereien, von sprechenden Tieren und Dummheiten.

Ninins Lieblingsgeschichte ist die vom Wolf und dem Fuchs, halb kahlen, hungrigen Bewohnern einer Welt, die nicht weniger Not leidet als ihre eigene, und darum verdienen sie, so räuberisch sie auch sind, eine gewisse Solidarität. Eines Tages beschließen diese beiden, vom Appetit und ihrer Diebesnatur getrieben, die quaià, die Dickmilch eines gewissen Pinìn zu verzehren, der gar nicht weit weg wohnt, dort hinter dieser Anhöhe oder vielleicht jener. Dürr, wie sie sind, haben sie keine Mühe, durch einen Lüftungsspalt in das crotìn, das halb in die Erde eingegrabene kleine Gebäude aus Trockensteinmauern hineinzuschlüpfen, wo Milch und Käse aufbewahrt werden. Sofort beginnen sie gierig, die Dickmilch zu schlabbern. Doch der schlaue Fuchs probiert ab und zu, ob er noch durch den Spalt passt, während der Wolf sich unbesorgt vollfrisst. Als dann, von den Geräuschen aufgestört, Pinìn mit einem Stock erscheint, schlüpft der Fuchs rechtzeitig hinaus, und der Wolf, dessen Bauch sich unmäßig aufgebläht hat, bleibt stecken und erntet eine Tracht Prügel. Doch der Fuchs ist nicht nur schlau, sondern auch boshaft: Während sein unglücklicher Komplize unter dem Knüppel heult, sieht er einen cornàj, einen Kornellkirschenbaum, und rollt sich in den reifen, roten Früchten, die heruntergefallen sind. Und als der Wolf es endlich schafft, Pinìns Zorn zu entkommen und zu flüchten, wer begegnet ihm da? Der über und über blutrot gefleckte Fuchs, der erbärmlich jammert: Aua, aua, Gevatter Wolf, mir geht’s so schlecht! Ich kann nicht mehr laufen, so viel Prügel musste ich einstecken! Und der dumme, mitleidige Wolf lädt ihn sich auf den Rücken, während der Wolf singt: Aria, aria per la pauta, na carmasa ‘a ‘n’a porta n’auta, aria aria per il pian, ‘l malavi porta ‘l san! Luft, Luft für den Sumpf, ein Aas trägt das andre im Triumph, Luft, Luft für die Runden, der Kranke trägt den Gesunden!

Eine sehr lehrreiche Geschichte: Stehlen ist böse, aber Hunger ist hässlich; trau niemandem; und schließlich, ein guter Scherz ist mehr wert als Mitleid. Die Kinder, Ninin und ihre Schwestern, Cousins und Cousinen, amüsieren sich köstlich auf Kosten des armen, geprügelten und blutenden, aber unbelehrbar dummen Wolfs. Die naive Grausamkeit der Geschichte hat etwas Erfrischendes, zuletzt lacht man mit bitterem Mund, denn man fühlt sich ein bisschen bestohlen, ein bisschen wie der Schlagstock und ein bisschen wie der Wolf, aber zum Glück auch ein bisschen wie der Fuchs.

Und als ich diese Geschichten sechzig Jahre später wieder höre, schlägt mir daraus eine abgestandene und zugleich wilde Luft entgegen wie aus einem staubigen Speicher, Höhle voller Spinnweben, aber auch Luftreich unter den Dächern, wo die abgenagten Knochen und die schwarz gewordenen Lumpen der Vergangenheit lagern und von wo die Fantasie der Kindheit abhebt zum Flug in eine halb geträumte Zukunft. Diese nie gesehenen Farben, diese nie geatmeten Gerüche, die man sich nur im Widerhall der noch halb unbekannten Worte vorgestellt hat: Sind die nicht eigentlich am lebendigsten?

Dann gab es da noch die Geschichten von Gribuia in Frankreich, der das Haus anzündete, um die Asche zu verkaufen, und sich die Nase abschnitt, um das Gesicht zu ärgern, Geschichten, über die die Kinder sich wunderten, weil sie sich fragten, ob man tatsächlich Asche verkaufen konnte (war sie etwa mehr wert als das Haus? Wer würde sie kaufen? Was für eine Welt war diese verkehrte Welt von Gribuia?). Die Kinder lauschten und schwiegen. Durch die Wiederholung wurden die Geschichten vertraut wie Landschaften, Orte, an denen man ständig vorbeikommt, ohne je das Unbekannte daran zu vergessen, man befragt die Beschaffenheit des Bodens unter den Füßen, den Schatten, den der Berg am Nachmittag wirft, die Wetterbotschaften des Windes. Im Lauf der Zeit sollte jener ferne Gribuia von einer bizarren und unverständlichen Gestalt zum Maß der menschlichen Dummheit werden, der man überall begegnete. Ich denke gern, unser Gribuia sei nicht nur ein Echo des französischen Gribouille, sondern füge dem Volksmärchen, das George Sand und Madame de Ségur inspirierte, eine typisch hiesige Note hinzu: Diese Sache mit dem Naseabschneiden, um das Gesicht zu ärgern, ist die erste Äußerung von Unsinn bei uns zu Hause, an die ich mich erinnern kann. Kleine Sinnexplosionen, die den alltäglichen Diskurs durcheinanderbringen. Warum sich diesem notwendigen Luxus verweigern, umso mehr, da er nichts kostet?

Ansonsten gleicht das Wort in der Familie einem schmalen, steinigen Weg wie dem, der zur Schneemadonna hinaufführt, es dient dazu, knappe Befehle zu erteilen: Steh auf! Schweig! Arbeite! Gefühle, Angst, Staunen, Schmerz und Freude werden zwangsläufig durch Gemeinplätze ausgedrückt, durch Redewendungen. Man erwartet gewiss nicht, dass Geschwister oder Eltern und Kinder sich austauschen, sich voneinander erzählen oder sich einander anvertrauen. Individualität wird lebhaft entmutigt und so wenig ausgelebt, dass sie zumeist undenkbar wird. Für jeden, der auf die Welt kommt, gibt es ein Vorbild, nach dem er sich formen soll, die Söhne nach den Vätern, die Töchter nach den Müttern, ohne dabei die unausgesprochenen Grundsätze infrage zu stellen, die die Welt regieren: Respekt vor der Autorität, Hingabe bei der Landarbeit, Umsicht, Nüchternheit, Bescheidenheit für die Frauen, heimliche Ventile für die Männer, Demut gegenüber den Mächtigen und die Annahme des eigenen Schicksals für alle. Die alten Geschichten sind selbst Modelle, aber auch – geheimnisvoll in ihrer scheinbaren Zusammenhanglosigkeit – Fluchtweg und Erleichterung in der allgemeinen Begrenztheit.

Die Schule ist unten im Dorf, ein großer Raum, in dem sich sechzig Kinder zusammendrängen, geheizt von einem Ofen, für den jedes Kind als Brennstoff ein Holzscheit unter dem Arm mitbringt. Die Lehrerin, eine bemerkenswert energische und entschlossene Frau, unterrichtet drei Klassen, indem sie die Kleinsten vorne gruppiert und die Großen in die hintersten Reihen setzt. Während die Erstklässler im Chor a, o, u wiederholen, üben die aus der zweiten das Einmaleins, und die Ältesten gehen noch einmal Italien mit seinen Meeren, Bergen und Flüssen durch. Der Lärmpegel ist kaum erträglich, und die Stimmen kreuzen und überlagern sich zum Verrücktwerden, doch die Lehrerin dirigiert dieses misstönende Konzert wie ein erfahrener Orchesterdirigent, hantiert gewandt mit ihrem langen Stock, der bis zur letzten Reihe reicht und gnadenlos auf die Ohren der Unbotmäßigen heruntersaust, die in besonders schweren Fällen an die Tafel gerufen werden, um zack! einen harten Schlag auf die zusammengelegten Finger zu bekommen, der besonders im Winter auf den Frostbeulen und den scravasse schmerzt, den Schrunden der in der Kälte aufgeplatzten Haut.

Da sie sich dazu berufen fühlt, den Kindern eine Erziehung einzutrichtern, auch wenn sie so unbelehrbar sind wie der Stein, der sie hervorgebracht hat, und da der Schulbesuch nicht regelmäßig ist – im Winter kommen sie fast immer, auch wenn hoher Schnee liegt, aber sobald die gute Jahreszeit beginnt, werden die Großen auf die Weide oder zur Feldarbeit geschickt –, hat sie ihr persönliches Schulsystem erfunden, das darin besteht, jede Klasse mit sich selbst zu multiplizieren: Die erste besucht man ein Jahr lang, die zweite zwei Jahre lang, die dritte drei Jahre lang. Auf diese Weise bleibt doch etwas hängen in diesen kahl rasierten, verlausten Köpfen; besser den Winter über die Schulbank drücken, als ihn im Stall zu verbringen, wenigstens sind sie gezwungen, sich die Hände und das Gesicht zu waschen, und lernen Rechnen und ein paar Worte Italienisch, was bei ihnen daheim niemand spricht, und wenn sie dann vom Berg herunterkommen, werden sie von allen ausgelacht und ausgenützt.

Ninin gefällt die Lehrerin. So streng ihr Regime auch ist, gegenüber dem der Granda ist es wie frische Luft schnappen. In der Schule begegnet Ninin dem ihr bisher unbekannten Begriff der Gerechtigkeit, der sie überzeugt und zum Nachdenken anregt. Eines Tages bringt die Lehrerin einen Sack Kastanien mit in die Klasse, die auf dem Ofen geröstet werden; jedes Kind bekommt gleich viele. Alle essen hastig, verbrennen sich lieber die Zunge, weil die Kastanien noch heiß sind, bevor ihnen jemand etwas wegnehmen kann, doch im Grund wissen sie, dass das nicht passieren wird, nicht hier. Unparteiisch verteilt die Lehrerin Stockhiebe und Lob nach dem Motto ›keine Ungerechtigkeit und wenig Dank‹, das zu einem der geheiligten Grundsätze ihrer Schülerin werden wird.

Zu wissen, dass sie Bürgerin der Welt ist, in der sie lebt, zu fühlen, dass sogar ihre kleine Person eine Würde besitzt, ihre Pflicht mit erhobenem Kopf erfüllen kann statt unterwürfig und verschämt mit niedergeschlagenen Augen: Ninin gefällt die Schule. Sie geht hin, so oft sie nur kann, es macht ihr nichts aus, wenn sie in ihren Holzschuhen mit patschnassen Füßen unten ankommt und ihre tropfenden Kleider neben dem Ofen dampfen. Die Lehrerin vertraut ihr – wahrscheinlich sieht sie in ihren Kinderaugen einen ersten Schimmer jener eisernen Bereitschaft, für ihre Mitmenschen zu sorgen, die sich im Lauf des Lebens noch vervollkommnet – und ernennt sie zu ihrer Assistentin. Ninin macht sich vor allem nützlich, indem sie den Kleineren hilft, genau wie zu Hause.

In einer Winternacht weckt sie die Stimme ihrer Mutter von unten. Sie schreit nicht, sie spricht nicht einmal besonders laut, aber Ninin setzt sich abrupt mit klopfendem Herzen auf, sodass der Strohsack raschelt. Sie schiebt ihre kleine Schwester Maria beiseite, die an sie geschmiegt schläft, springt aus dem Bett, schlüpft nicht in die Holzschuhe, um keinen Lärm zu machen; barfuß läuft sie über den hölzernen Balkon, steigt die Treppe zum Hof hinunter und presst ihr Auge an den Spalt zwischen den Läden des niedrigen Fensters, das genau auf ihrer Höhe liegt.

In der Küche sehen sich Domenica und der alte Bartolomeo über den Tisch hinweg an; sie atmet heftig, rot im Gesicht, die Handflächen auf das Holz gestützt. Er, noch in den Mantel gehüllt, ist eine schwarze, drohende Masse. Es ist Samstag, er ist früh aus dem Wirtshaus heimgekommen, vor seinen Söhnen.

»Ich habe einen geheiratet, nicht zwei«, sagt Domenica mit halb erstickter Stimme; um sich das Sprechen zu erleichtern, presst sie die Rechte auf den aufgelösten Knoten ihres Halstuchs.

Dann dreht sie sich rasch um und flüchtet. Er macht einen Schritt in ihre Richtung, torkelt, streckt schwerfällig einen Arm aus. Die Tür geht auf, Ninin drückt sich an die Mauer zwischen Bank und Fenster. Domenica hastet so schnell die Treppe hinauf, dass sie nicht einmal knarrt, in der Küche flucht der Pare Grand auf Gott und spuckt auf die Erde.

Ninin folgt ihrer Mutter ins Schlafzimmer. Domenica sieht ihre Tochter auf eine Art an, die der Kleinen Angst macht, als wollte sie sie um Hilfe bitten. Doch dann nimmt sie sie in den Arm, und sie schlafen eng umschlungen im Bett der Großen bis zum Morgen, als sich plötzlich Giuseppe mit seinem ganzen Gewicht auf den Strohsack fallen lässt und sie aufweckt.

Seitdem ist der Alte noch furchterregender, ein unvorhersehbarer, zorniger Gott, der einen kalten Schatten auf den Erdboden wirft. Ninin weicht seinem bloßen Anblick aus.

Jener Satz, »ich habe einen geheiratet, nicht zwei«, geht ihr im Kopf herum, er riecht nach Sünde und Bedrohung. An welchen seltsamen Abgrund ist die Mutter gedrängt worden, gezwungen, sich mit einem gefährlichen Sprung zu retten?

»Die Ehe ist die Vereinigung von Mann und Frau, um eine Familie zu gründen«, sagt die Lehrerin. »Du sollst Vater und Mutter ehren«, heißt es in den zehn Geboten. »Ich verlange Respekt!«, donnert die Großmutter, wenn jemand wagt, sich aufzulehnen.

Die Vorstellung, dass die Ungerechtigkeit und das Böse sich direkt an der Wurzel der Macht verflechten können, erfüllt Ninin mit schmerzlichem Staunen. Dennoch ist es so, sie weiß es seit jeher, und nun spürt sie es in den furchtsamen Gesten ihrer Mutter, in ihren niedergeschlagenen Augen, ihrem Herzklopfen, das in ihrem eigenen Brustkorb nachzuhallen scheint.

Die Granda, der nichts entgeht, ist noch feindseliger zu der jungen Schwiegertochter, wird noch schroffer und anspruchsvoller. An einem Feiertag, als sie im Crotìn die Käselaibe umdrehen, tritt Domenica der Schwiegermutter gegenüber und sagt: »Ich kann den Kopf hoch tragen, ich habe nie Schande über das Haus meines Mannes gebracht, der dein Sohn ist.«

Die Alte sieht sie mit hasserfüllten, tückisch funkelnden Augen finster an und kippt ihr einen Eimer Milch über die Füße.

»Schau, was du angerichtet hast«, sagt sie zu ihr, »das bedeutet, dass ihr heute Abend fastet, du und deine Töchter.«

Domenica begreift, dass sie sich geirrt hat, das war nicht die Beruhigung, die die Alte hören wollte. Sie hätte schweigen müssen. Vielleicht hätte sie sogar ... sie wagt den Gedanken nicht zu Ende zu denken. Wenn die Granda vorher nicht ihre Freundin war, jetzt ist sie ihre Feindin. Domenica wird noch unruhiger, sie klammert sich an Michin, ihre Jüngste, trägt sie mit sich herum, so oft sie kann, als genügte die Anwesenheit eines Kindes, um sie vor der Gefahr zu bewahren, dabei ist bewiesen, dass es nicht genügt, denn Kinder sind immer überall in diesen engen Räumen, und die Dinge geschehen trotzdem.

Eines Tages um die Zeit, zu der gemolken wird, als Ninin hinten im Stall fast schon im Dunkeln Kastanien schält, da die Finger auch ohne Licht wissen, was zu tun ist, kommt der Grand herein und schließt die Tür hinter sich. Ein wenig gebeugt geht er vorwärts, seine weite schwarze Jacke verwandelt die Dämmerung in Nacht. Magna Rita, die dort unter der roten Kuh sitzt, zuckt zusammen, als er zu ihr tritt. Man hört einen kurzen, kratzenden Laut, ist es ein erstickter Schrei oder nur der dreibeinige Schemel, der bei einer ungeschickten Bewegung der Melkerin umgefallen ist?

Ninin spürt plötzlich ein Gefühl von Gefahr und eine dunkle Faszination, als vollzöge sich vor ihren Augen eines der diabolischen Ereignisse, die abends am Feuer erzählt werden. Am liebsten möchte sie davonlaufen, verschwinden, wagt aber keinen Schritt zu tun, denn sie fürchtet, wenn sie sich rührt, würde sie gesehen und das gleiche Schicksal erleiden wie die Frau dort, der Mann ist über sie hergefallen, schüttelt sie wütend und schlägt wiederholt zu, wobei er sie an die Wand drängt. Sie, wie leblos, wehrt sich nicht, ihr Körper dient als Puffer für die röchelnde Raserei des Grand, hat er sie etwa umgebracht?

Die Kleine weint vielleicht, oder besser, sie winselt wie ein Hund. Ganz sicher macht sie sich vor Angst in die Hose, denn hinterher sind ihr Kleid und ihre Strümpfe nass.

Unerwartet dreht der Grand sich um, sucht mit seinem Blick im Schatten, sieht sie. Seine erzürnten Augen sind die eines sprungbereiten, viehischen Gottes. Seine Hände verheddern sich in den durcheinandergeratenen Stoffen, schieben die Frau weg, die vor ihm zusammengesackt ist. Die Kleine löst sich aus ihrer Erstarrung und rennt hinaus, schnell, verfolgt vom Schnalzen der Weidenrute nimmt sie für immer die Erinnerung an die halbtote Frau mit, Magna Rita, schlaff wie eine Stoffpuppe.

Ninin rennt bis zu dem Bildstock mit der Madonna entlang der Straße, die bergauf führt, bleibt keuchend stehen, sagt ein Ave-Maria und schaut sich dabei um, ob auch niemand hinter ihr herläuft. Sie kommt erst nach Hause, als es stockfinster ist und sie schon nach ihr suchen, die Großmutter verzeiht ihr nicht, aber ihr ist es egal, dass sie heute Abend nichts zu essen bekommt, es genügt ihr, sich an ihre Mutter zu schmiegen und glühend Unserer Lieben Frau zu danken, dass nicht sie im Stall war, dass heute Abend nicht Domenica mit Melken dran war und diesen seltsamen Tod sterben musste.

Rita lebt noch, aber es geht ihr schlecht. Jeden Tag belauert Ninin sie, um zu sehen, ob sie krank ist, ob sie blutet, ob sie stirbt. Die Frauen bluten, sie haben häufig seltsame Krankheiten, es gibt Wäsche, die den Bach rot färbt, und jedes Mal blutige Laken, wenn sie auf dem Markt ein Kind gekauft haben. Doch Rita überlebt, sie wird nur noch blasser und schweigsamer als gewöhnlich.

»Sie ist empfindsam, sie vermisst ihren Mann«, sagt die Granda.

Ritas Mann, Barba Nando, ist am Ende des Herbstes aufgebrochen, und man weiß nicht, wann er wiederkommt.

»Die Glückliche«, murmelt Domenica, die nicht vergessen hat, wie die Schwägerin ihre Freundschaftsangebote zurückgewiesen hat, »die Glückliche, die sich erlauben kann, empfindsam zu sein. Ich habe dazu keine Zeit.«

Es wird Frühling, und Giuseppe sagt, dass er ebenfalls aufbrechen will. In jeder Familie gibt es Männer, die sich aufmachen, vereinzelt auch einige Frauen; sie gehen zum Arbeiten nach Frankreich. Domenica hebt den Kopf und scheint etwas sagen zu wollen, schweigt aber.

Ninin hört ihre Eltern im Stall reden, im Gemüsegarten, sie diskutieren leise, damit die Alten sie nicht hören, Domenica läuft Giuseppe hinterher, packt ihn am Ärmel. »Nein, nein!«, sagt er. »Du bleibst hier.«

Sie folgt ihm und fleht: »Lass mich nicht allein«, er wiederholt: »Nein!«

Eines Tages aber reisen die Eltern doch zusammen ab, die Bündel geschultert, und Maria fragt weinend: »Mare, Mare, wo gehst du hin?«, und Michin, die seit Kurzem keine Windeln mehr trägt, weint sogar noch heftiger, weil sie gerade Zähne bekommt, und so darf Ninin nicht weinen, weil sie die Älteste ist.

»Pass auf deine Schwestern auf«, sagt ihre Mutter. »Pass auf dich auf.«

Sie streichelt ihr über die Haare und geht, die Holzschuhe versinken in der nassen Erde.

In der Schule hängt eine Landkarte an der Wand. Darauf ist auch Frankreich zu sehen, ein vom Rauch des Ofens angegrauter rosa Fleck. Italien dagegen ist hellgrün. Die Lehrerin sagt, dass ihre Eltern, Onkel oder Geschwister für die Saison auswandern, sie gehen als Tagelöhner nach Frankreich, pflücken Trauben, Nüsse, Lavendel oder Blumen für die Parfümherstellung, arbeiten auf dem Feld, manche gehen auch in die Fabrik, sie machen das, weil es hier nicht genug Arbeit für alle gibt, um die Familie zu ernähren. Die Kinder, bei denen Angehörige ausgewandert sind, müssen vernünftig und brav sein, denn die Großen sehen sie, wie das Auge Gottes alles sieht, was der Mensch denkt und tut, genauso erkennen Mutter und Vater, auch wenn sie weit weg sind, im Herzen ihre Kinder.

Ein Glück, dass die Lehrerin ihr das gesagt hat, zu Hause erklärt es ihr niemand so deutlich. Am Anfang fällt es Ninin allerdings schwer zu begreifen, was Frankreich eigentlich ist, sie versucht, sich ihre Mutter auf einem grau-rosa Acker vorzustellen, und erschrickt. Wie kann die Erde diese Farbe haben? Sind die Felder so platt wie die Landkarte? Haben sie am Rand mit Braunstift gezogene Striche anstelle von Gräben und Steinmäuerchen?

Der Frühling ist feucht, es regnet viel, ist noch kalt, und die Kinder niesen. Sie hilft den Kleineren dabei, die Feder in der Hand zu halten, putzt Rotznasen, behält den Ofen im Auge, dass er nicht ausgeht. Auf dem Heimweg nimmt sie Maria bei der Hand, damit sie nicht bergauf rennt wie die Ziegen, und gemeinsam gehen sie mit gesenktem Blick den Weg entlang und schauen unter die Grasbüschel zu Füßen der Kastanienbäume, bei diesem Regen könnte es schon Pilze geben.

Nach einigen Tagen beginnen ihre Augen zu jucken, immer stärker, bis sie richtig brennen. Eines Abends beim Abendessen, vor aller Augen, rollen zwei große Tränen über ihre Backen, und ein ersticktes Stimmchen fragt: »Wann kommt Mare zurück? Wo ist sie?«

»Wo ist sie? Wo ist sie?«, äfft Catlina sie nach. »Woher soll ich das wissen? Vielleicht ist sie unterwegs verloren gegangen. Frag l’aria d’l'uss, die Zugluft an der Tür, wo sie ist. Anständige Frauen bleiben zu Hause.«

»Sie ist mit deinem Vater nach Frankreich gegangen, weißt du denn wirklich gar nichts?«, lacht Barba Giacu, den Mund voller Polenta.

Wenn die Großmutter den Kopf dreht, schüttet Rita Ninin noch eine Kelle voll Milchsuppe mit Kastanien auf den Teller. Es sind die letzten, und da es feucht gewesen ist, sind sie dunkel, wurmig, bitter.

»Auf, auf«, sagt Catlina, wenn sich jemand beklagt, »eine gute Kastanie bringt eine schlechte mit runter.«

Maria isst mit spitzen Lippen, rührt aufmerksam in der Schüssel.

»Was machst du da?«, fragen die anderen.

»Ich suche die gute Kastanie«, erwidert Maria. »Aber ich finde keine.«

Ninin steht auf und tritt an Tür. Die Sonne geht unter, und am Himmel sieht man einen grau-rosa Streifen: die Farbe von Frankreich, nur sauberer, ohne den Rauch des Ofens. Frankreich liegt dort drüben, das weiß sie, denn als die Eltern aufgebrochen sind, gingen sie in diese Richtung. Sie gingen auf die höchsten Berge zu, um dann auf der anderen Seite abzusteigen.

Und plötzlich versteht Ninin, dass hinter diesen Gipfeln weitere Gipfel folgen, hinter diesen Dörfern weitere Dörfer sind, hinter diesen Ziegen und Kühen und Weiden weitere Ziegen und Kühe und Weiden, bis ans Ende der Welt, was das Meer wäre. Il mare. Mare, dasselbe Wort, das sie benutzt, um ihre Mutter zu rufen. Wie seltsam die Wörter sind.

In ihrem Kopf setzen sich gelernte Kenntnisse und gehörte Worte allmählich zu einem Bild zusammen, die Landkarte stellt plötzlich eine Wirklichkeit dar, die Symbole tauchen ins Leben ein, geben ihm ihre Farbe. Sie stellt sich vor, wie ihre Mutter am Abend die grau-violetten Berge hinaufwandert, dem rosa Sonnenuntergang und dem rosafarbenen Frankreich entgegen. Sie sieht sie drüben hinuntergehen in ein Land, das gar nicht so verschieden ist von hier, aber das Leuchten der letzten Sonnenstrahlen auffängt, die die schönsten sind. Sie sieht ihre Mutter die Ziegen melken und im rötlichen Licht die Kartoffeln hacken, in einem Land, wo die Sonne ewig über dem Rand der Berge hängt. Bei ihrer Mutter, aber kleiner, ist auch ihr Vater, er trägt einen großen Korb Trauben auf der Schulter, Trauben, die nicht so herb sind wie die der topia, der Laube vor dem Haus, sondern weiß und süß.

Und die Luft, das wird ihr jetzt klar, die Luft, die über Frankreich weht, ist dieselbe, die auch hierherkommt, derselbe Himmel, dieselben Wolken. Die Erde ist dunkel und hart und bleibt, wo sie ist, aber die Luft bewegt sich, das hat ihr die Lehrerin gesagt, das sagen die Leute, vorgestern ist Bastian mit seinem Schlapphut auf dem Kopf heraufgekommen und hat zu ihr gesagt: »Geh heim, lauf, Kind, gleich kommt das Gewitter aus Frankreich.« Und danach hat es geregnet und gehagelt. Nun wird Ninin mit unendlicher Erleichterung, Fürsorglichkeit und Dankbarkeit klar, dass ihre Mutter gar nicht so weit weg ist, sie ist nicht verschwunden, wie Ninin manchmal fürchtet, sondern atmet die gleiche Luft wie sie, und vielleicht ist die Luft voller Botschaften, die Domenica ihren Töchtern schickt, vielleicht kann sie, wenn sie ganz, ganz aufmerksam lauscht, ihre Stimme hören, die direkt aus Frankreich kommt.

Und sie holt tief, aber möglichst geräuschlos Luft, um das Echo von Domenicas Stimme aus den Lavendelfeldern nicht zu verpassen.

Barba Nando, Ritas Mann, kommt am Sommeranfang zurück. Er hat in Frankreich mit einem Kumpel gestritten und Ärger bei der Arbeit gehabt; Monate zuvor haben sie ihm geschrieben, der Bruder und die Schwägerin seien nun auch weggegangen, und er denkt, dass seine Familie vielleicht froh ist, ihn zu sehen, weil zu Hause Männer für die Arbeit gebraucht werden.

Doch er wird mit ungewöhnlichem Ernst empfangen, fast mit einem Gefühl der Beunruhigung. Der Grand ist noch grimmiger und reizbarer als sonst, die Alte macht ein undurchdringliches Gesicht.

Barba Giacu ist finster und angespannt. Rita, trotz der Hitze dick eingepackt, ist leichenblass.

Das Abendessen verläuft ungewöhnlich still, Nando wirft ein paar Sätze über seine Reise hin, über die Arbeiten, die er gemacht, den Lohn, den er bekommen hat. Seine Frau hat er kaum angesehen und gewiss nicht geküsst. Vor anderen Zärtlichkeiten auszutauschen ist nicht üblich, und nichts lässt vermuten, dass das Paar privat sehr liebevoll miteinander umgeht. Zuletzt verstummt auch der Heimgekehrte, von Müdigkeit oder vielleicht von der allgemeinen wortlosen Unruhe überwältigt.

Zu diesem Anlass wurde Wein aufgetischt, die Männer trinken schweigend.

Der Sturm bricht in der Nacht los, man hört Schreie, Schläge.

Vom Wein benebelt, ist Nando gesprächig, er redet ununterbrochen, brüllt, wiederholt Fragen, vor allem eine – »Wer? Wer? Wer?« –, die schließlich den Rhythmus der Schläge annimmt.

Ein spitzerer Schrei unterbricht die Abfolge. Die Granda