Familienblut - Thriller - B.C. Schiller - E-Book

Familienblut - Thriller E-Book

B. C. Schiller

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Beschreibung

Jede Familie hat ein dunkles Geheimnis In einer verlassenen Finca in der Serra de Tramuntana findet ein Wanderer einen Toten. Der Mann wurde mit einem Kopfschuss hingerichtet. Inspectora Ana Ortega und Comisario Lars Brückner übernehmen den Fall und entdecken in einer geheimen Kammer der Finca eine zweite Leiche. Wer ist dieses Mädchen, das vor zwei Jahren dort eingemauert wurde? Im Zuge ihrer Ermittlungen stoßen sie auf den deutschen Öko-Investor Mats Sandberg, der über ausgezeichnete Kontakte bis in die höchsten Kreise verfügt. Sein Wagen wurde in der Nähe des Tatorts gesehen. Hat er etwas mit den Morden zu tun? Eine weitere Spur führt zu der angesehenen mallorquinischen Familie Torres y Matell. Welches dunkle Geheimnis verbindet sie mit diesem Verbrechen? Und welche Rolle spielt dabei deren Tochter Leonora, die vor zwei Jahren Nonne wurde und ein Schweigegelübde abgelegt hat? Als auch die engagierte Umweltaktivistin Nala in das Fadenkreuz der Polizei gerät, stoßen Ana und Lars auf neue Hinweise, und eine Tragödie nimmt ihren Lauf … Dieser Thriller ist in sich abgeschlossen und kann unabhängig von den anderen gelesen werden!

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Inhalt

Impressum

Anmerkung

Über die Autoren B.C. Schiller

Bücher von B.C. Schiller

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Kapitel 1

Kapitel 2

Vier Wochen zuvor

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Damals

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Damals

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Damals

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Damals

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Damals

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Damals

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Damals

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Damals

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Kapitel 57

Kapitel 58

Kapitel 59

Zwei Wochen später

Kapitel 60

Kapitel 61

Kapitel 62

Danksagung

Sämtliche Figuren und Ereignisse dieses Romans sind der Fantasie entsprungen. Jede Ähnlichkeit mit echten Personen, lebend oder tot, ist zufällig und von den Autoren nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung von Text und Bildern, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung der Blue Velvet Management GmbH urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen.

Copyright Blue Velvet Management GmbH,

Linz, März 2021.

Lektorat& Korrektorat: www.bueropia.de

Titelgestaltung: www.afp.at

Foto credits:

scenery of dramatic sunset with rocks at foreground: 741203506, abamjiwa al-hadi, copyright shutterstock

Rocky Landscape: 1244604811, PPAMPicture, copyright iStock

alte verlassene Kapelle auf dem Feld: 1689254878, Pablo Garcia photographer, copyright shutterstock

blonde elegant woman in gray coat rear view: 62689204, Voyagerix, copyright iStock

Women´s haircut a girl with braids Stock Photo: 48283143, Milenko Savovic, copyright 123RF

Wir haben uns erlaubt, einige Namen und Örtlichkeiten aus Spannungsgründen neu zu erfinden, anders zu benennen und auch zu verlegen. Sie als Leser werden uns diese Freiheiten sicher nachsehen.

Über die Autoren B.C. Schiller

Barbara und Christian Schiller leben und arbeiten in Wien und auf Mallorca mit ihren beiden Ridgebacks Calisto & Emilio. Gemeinsam waren sie über 20 Jahre in der Marketing- und Werbebranche tätig und haben ein totales Faible für packende Thriller.

B.C. Schiller gehören zu den erfolgreichsten Spannungs-Autoren im deutschsprachigen Raum. Bisher haben sie mit ihren Thrillern über 2.000.000 Leser begeistert.

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Bücher von B.C. Schiller

MALLORCA-CRIME-THRILLER:

MÄDCHENSCHULD – ist der erste Band der spannenden Mallorca-Crime-Reihe mit der Inspectora Ana Ortega und dem ehemaligen Europol-Ermittler Lars Brückner.

SCHÖNE TOTE – der zweite Band mit Ana Ortega und Lars Brückner.

FAMILIENBLUT – der dritte Band mit Ana Ortega und Lars Brückner.

Die Thriller sind in sich abgeschlossen und können unabhängig voneinander gelesen werden.

PSYCHOTHRILLER:

»DUNKELSTEIG« ist der erste Band der Dunkelsteig-Reihe mit der Journalistin Felicitas Laudon und spielt in dem mysteriösen Ort Dunkelsteig.

DIE FOTOGRAFIN

DIE SCHWESTER

Bücher von B.C. Schiller

DIE TONY BRAUN THRILLER:

TOTES SOMMERMÄDCHEN – der erste Tony-Braun–Thriller –

»Wie alles begann«

TÖTEN IST GANZ EINFACH – der zweite Tony-Braun-Thriller

FREUNDE MÜSSEN TÖTEN – der dritte Tony-Braun-Thriller

ALLE MÜSSEN STERBEN – der vierte Tony-Braun-Thriller

DER STILLE DUFT DES TODES – der fünfte Tony-Braun-Thriller

RATTENKINDER – der sechste Tony-Braun-Thriller

RABENSCHWESTER – der siebte Tony-Braun-Thriller

STILLER BEOBACHTER – der achte Tony-Braun-Thriller

STRANDMÄDCHENTOD – der neunte Tony-Braun-Thriller

STILLES GRABESKIND – der zehnte Tony-Braun-Thriller

Alle Tony-Braun-Thriller waren monatelang Bestseller in den Charts. Die Thriller sind in sich abgeschlossen und können unabhängig voneinander gelesen werden.

Tauchen Sie ein in die B.C. Schiller Thriller-Welt.

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FAMILIENBLUT

Mallorca-Crime Thriller

B.C. Schiller

Kapitel Eins

Ein Schuss zerriss die Stille und schwarze Vögel flatterten kreischend in den nächtlichen Himmel. Mit weit aufgerissenen Augen starrte die Frau auf ihre Hand.

„Was habe ich nur getan!“ Panisch streckte sie ihren Arm weit von sich, spreizte die Finger, und die Pistole, mit der sie soeben geschossen hatte, glitt auf den Boden. Sie legte den Kopf in den Nacken und schloss die Augen. Doch als sie die Lider hob und nach unten sah, lag die Pistole noch immer im Gras.

„Ich muss verschwinden“, murmelte sie und blickte verwirrt umher.

Mit einem Mal geriet der von Spots erleuchtete Swimmingpool in ihr Blickfeld. Wie magisch angezogen stolperte sie auf das Schwimmbecken zu, das groß und größer wurde. Verharrte davor und wagte nicht, den Kopf zu heben.

Sekundenlang stand sie vor dem glitzernden Wasser und starrte auf das Mosaik am Boden. Sezierte die monochromen Bilder, die im Schein der Poollichter beruhigend wirkten. Dann riss sie sich zusammen und schaute auf. Im Becken trieb eine Gestalt mit dem Gesicht nach unten. Es war ein Mann mit breitem Rücken, die Arme und Beine weit von sich gestreckt. Er wurde von der Gegenstromanlage immer wieder vor und zurück getrieben, so als würde er gegen die Drift ankämpfen. Blut aus einer Schusswunde verteilte sich um den Körper des Mannes, was im Licht der Poolscheinwerfer wie ein surreales Kunstwerk wirkte.

„Oh mein Gott!“ Vor Entsetzen schlug sich die Frau die Hände vors Gesicht, wollte auf diese Weise die Wirklichkeit aussperren. Doch als sie die Arme senkte, war alles so präsent wie zuvor: Ein toter Mann trieb im Pool.

„Nein, das wollte ich doch nicht!“ Plötzlich bekam sie keine Luft mehr und ihre Beine begannen zu zittern. Was sollte sie tun? Einfach davonlaufen? Aber das war keine Lösung.

„Denk nach“, rief sich die Frau selbst zur Ordnung und zwang sich zur Ruhe. Sie konzentrierte sich auf den nächsten Schritt. Griff in die Tasche ihrer Hose und zog ihr Handy hervor. Scrollte durch das Menü, um die richtige Nummer zu wählen, schaffte es aber erst beim dritten Versuch. Ungeduldig lauschte sie dem Freizeichen, dann wurde endlich abgehoben.

„Es ist etwas Schreckliches passiert. Ich bin im Hotel Formentor. Im Pool treibt ein toter Mann. Ich habe ihn erschossen.“

Kapitel Zwei

Vier Wochen zuvor

Dunkle Wolken zogen über die Serra de Tramuntana im Nordwesten der Insel Mallorca, und der Wind blies schneidend kalt. Der Gebirgszug, der sich über eine Länge von mehr als neunzig Kilometern erstreckte, stieg beim Puig Major, der höchsten Erhebung der Insel, bis auf über eintausendvierhundert Meter in die Höhe. Die wild zerklüfteten Felsformationen und die unberührte Natur verliehen der Landschaft eine archaische Atmosphäre. Aufgrund der geografischen Lage regnete es bis in den Mai hinein sehr häufig. Nicht selten wurden Wanderer von plötzlich einsetzenden Unwettern überrascht.

„So ein Mist!“, rief Uwe Kranz wütend. Er hatte keinen Regenschutz dabei und begann deshalb zu laufen. Innerhalb weniger Minuten hatte sich der Himmel verdüstert und schwere Regentropfen klatschten auf seinen Kopf. Zum Glück entdeckte er eine verfallene Finca, ein Stück abseits des wenig frequentierten Wanderwegs. Dort konnte er sich vor dem starken Regenfall in Sicherheit bringen und das Unwetter abwarten. Die Ruine der Finca war einstöckig und hatte eine bogenförmige Tür und ein einziges Fenster in der Vorderfront. Hinter dem Gebäude ragte ein Felsmassiv in den düsteren Himmel. Als Kranz vor dem Gebäude stand, sah er, dass die hölzerne Eingangstür lose in den Angeln hing und ein Teil des Dachs bereits eingestürzt war. Er betrat einen großen Raum, der früher einmal die Küche gewesen sein musste, denn an einer Wand befanden sich noch die Überreste eines alten Steinwaschbeckens. In der Mitte stand ein massiver Holztisch mit einigen wackeligen Stühlen. Durch das desolate Dach trommelte der Regen, der sich langsam zu Hagel wandelte, auf den Boden.

„Verdammt, hier ist alles undicht!“ Suchend blickte sich Kranz um und entdeckte eine niedrige Türöffnung, die in einen anderen Raum führte. Vorsichtig kletterte er über den Schutt auf dem Boden. Mit einem lauten Kreischen flatterte ein Vogel direkt vor seinem Gesicht nach draußen. Kranz stieß einen erstickten Schrei aus. In dem Zimmer war es stockdunkel, denn es gab keine Fenster. Das Dach war hier noch nicht eingestürzt, so konnte er sich endlich vor dem Unwetter schützen. Doch irgendetwas irritierte Kranz an diesem Raum. War es die beklemmende Finsternis, die ihm undurchdringlich erschien?

Auf der Suche nach seiner Taschenlampe tastete Kranz wie ein Blinder mit den Fingerspitzen über die Dinge in seinem Rucksack. Es dauerte ein wenig, bis er die Lampe endlich gefunden hatte. Er schaltete sie ein. Der Lichtstrahl geisterte über zerborstene Bodenfliesen, ein eisernes Bettgestell an der rissigen Wand, über einen morschen Tisch und einen Stuhl, der in der Mitte des Raums stand.

„Was war das?“, fragte sich Kranz, als der Lichtschein der Taschenlampe weiterzitterte. Es war nicht der Stuhl gewesen, der ihn beunruhigt hatte, sondern die schemenhaften Umrisse einer Gestalt, die regungslos darauf saß. Kranz beschlich ein ungutes Gefühl und er spürte, dass es jetzt vernünftiger wäre, einfach wieder nach draußen zu verschwinden, und weiter nach Fornalutx hinabzusteigen. Doch dann gewann seine Neugierde die Oberhand. Ganz langsam ließ Kranz den Lichtstrahl über den Stuhl wandern. Ganz deutlich hob sich die Silhouette einer Person, die mit dem Rücken zu ihm dort saß, von dem schwarzen Hintergrund ab.

Vor Schreck hielt er die Luft an. Sein Puls beschleunigte sich und sein Herz klopfte heftig.

„Hallo, sind Sie in Ordnung?“ Doch Kranz bekam keine Antwort. Der Lichtkegel seiner Taschenlampe tanzte unruhig über die unverputzten Wände, blieb dann am nackten Rücken des Mannes hängen, streifte seine Arme entlang und verharrte schließlich auf den groben Stricken, mit denen er an Armen und Oberkörper an die Stuhllehne gefesselt war. Er bewegte sich nicht.

„Können Sie mich hören?“ Kranz ahnte, dass diese Frage sinnlos war, aber der bloße Klang seiner Stimme beruhigte ihn. Zögernd wagte er sich einen Schritt nach vorn und leuchtete die Gestalt direkt an. Der Kopf des Mannes war nach unten gesunken. Blut, das bereits geronnen war, hatte sich einen Weg von der Stirn über Nase und Kinn bis zu seiner Brust gebahnt. Erst als Kranz sich bückte, um das Gesicht des Mannes anzustrahlen, entdeckte er das kreisrunde Loch in dessen Stirn.

„Scheiße!“, stammelte Kranz. Mehr brachte er nicht heraus, und er spürte, wie alle Kraft aus seinem Körper wich. Entgeistert starrte er auf den Mann, der sich im auf und ab zitternden Lichtstrahl plötzlich zu bewegen schien und ihn höhnisch angrinste.

Entsetzt drehte sich Kranz auf dem Absatz um und rannte durch den Eingang ins Freie. Er spürte weder die Hagelkörner auf seiner Haut noch achtete er auf den bärtigen Mann, der sich hinter einem Felsvorsprung versteckte und ihn beobachtete. Endlich hatte Kranz den Wanderweg erreicht und hielt schwer atmend an. Mit zitternden Fingern holte er sein Handy hervor und wählte die Notrufnummer,

„Ich habe im Tramuntana-Gebirge eine Leiche gefunden.“

Kapitel Drei

Zwei Männer hockten im Schatten eines alten Olivenbaums auf umgedrehten Bierkisten am Rande eines kleinen Platzes, der von schmalen mehrstöckigen Häusern umgeben war. In der Mitte der Fläche befand sich ein stillgelegter Springbrunnen, der den Jugendlichen des Viertels jetzt als Skateboard-Parcours diente. Ein leichter Wind kam auf und die bunte Wäsche, die auf quer gespannten Leinen vor mehreren Fenstern hing, flatterte fröhlich hin und her.

Das war Son Gotleu, eines der Problemviertel von Palma de Mallorca. Auf den ersten Blick wirkte der Platz wie aus der Zeit gefallen, denn noch gab es alte Emailleschilder, die über winzigen Geschäften hingen, und schwarz gekleidete Frauen, die am Gehsteigrand saßen und wie früher nahrhafte Sobrasada-de-Mallorca-Würste verkauften. Nur selten verirrte sich ein Tourist in dieses Viertel.

Um die beiden Männer auf den Bierkisten hatte sich bereits eine größere Menschenmenge gebildet. Alle blickten gebannt auf das Schachbrett, das auf einem niedrigen Tischchen zwischen den zwei Spielern stand.

„Schach“, sagte José, ein zahnloser Alter. Er trug einen löchrigen Sweater mit dem Logo eines Kaufhauses. Ihm gegenüber saß ein Mann mit kurz geschorenem blondem Haar, ungefähr Mitte fünfzig, der aber durch seine lebhafte Mimik jünger wirkte. Er trug einen dünnen Parka, war Deutscher und hieß Lars Brückner.

Ein schwarzer Lieferwagen kurvte um den Platz, und für einen kurzen Moment hielt Lars die Luft an. Unwillkürlich griff er mit der Hand an die Hüfte, dorthin, wo früher immer seine Pistole im Halfter gesteckt hatte. Ja, damals wäre Lars sofort aufgesprungen und dem Transporter hinterhergelaufen, hätte den Fahrer mit gezogener Waffe gezwungen, die rückwärtigen Türen zu öffnen. Dann hätte er hektisch den Laderaum durchsucht und wie immer keine Spur von seiner Tochter Misaki gefunden. Vor vielen Jahren noch war das Leben von Lars in geordneten Bahnen verlaufen, und nie hätte er sich träumen lassen, einmal auf Mallorca und noch dazu in Son Gotleu zu stranden.

Aber das hatte er seinem Gerechtigkeitssinn zu verdanken. Als Europol-Ermittler war er in Hamburg mächtigen Leuten auf die Zehen getreten und hierher strafversetzt worden.

„Lars, du bist am Zug“, hörte er wie durch einen Nebel die Stimme von José. Die Erinnerung an früher verblasste wie ein böser Traum, den man am Morgen abschüttelt, aber es war keine Einbildung, denn die Entführung seiner Tochter war wirklich geschehen.

„Glaubst du, dass du mich in die Enge getrieben hast“, murmelte Lars und schob seinen König aus dem Gefahrenbereich. „Es ist erst Mai und schon so verdammt warm hier auf der Insel“, beschwerte er sich und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

„Gleich wird dir noch heißer werden.“ José öffnete grinsend den zahnlosen Mund und forcierte seinen Angriff.

„Interessant.“ Lars bemühte sich, ein unbeteiligtes Gesicht zu machen, als er bemerkte, dass José einen Bauern am Rand völlig außer Acht ließ. In aller Ruhe schob Lars die Figur auf dem Brett nach vorn. „Jetzt kann ich meinen Bauern in eine Dame umwandeln“, meinte er zu José und streckte seine Arme in die Höhe.

„Wieso habe ich das nicht gesehen?“ José zog sich die Strickmütze vom Kopf und legte das Kinn in beide Hände.

„Gib auf, José“, riet ihm einer der Zuseher. „Du kannst nicht mehr gewinnen.“

„Aber es geht um zehn Euro!“, jammerte José. „Ich kann mir das Verlieren nicht leisten!“

„Tja, das hättest du dir früher überlegen müssen.“

„Ich weiß.“ Resigniert warf José seinen König um und schob Lars den Schein über das Brett. „Hier hast du mein letztes Geld für diese Woche. Ich bin ein Ehrenmann.“

„Heute haben wir doch gar nicht um einen Betrag gespielt.“ Lars schnippte den Geldschein wieder auf Josés Seite und stand auf.

„Du bist mein Bruder. Vergiss nicht, bald findet der große Stadtteil-Wettkampf Son Gotleu gegen La Soledat statt.“

„Hab’s nicht vergessen.“ Lars erinnerte sich an die kopierten Zettel, die in der Bar von Carmen Miranda hingen und auf das Schachturnier von Son Gotleu hinwiesen. Aus Interesse hatte auch er sich eingetragen, denn er liebte diese Art von Herausforderung, die gleichzeitig eine willkommene Ablenkung war.

„Dann ist ja alles klar“, meinte José und erhob sich ebenfalls. „Reina Rata kommt auch.“

„Wer soll das sein?“, fragte Lars. Er hatte den Namen ‚Rattenkönigin‘ noch nie gehört.

„Reina Rata ist eine der erfolgreichsten Blitzschach-Spielerinnen aus Katalonien. Sie stammt aus La Soledat“, klärte ihn eine junge Frau auf, die ein T-Shirt mit dem Slogan ‚Bad Bitch‘ trug. „Manchmal rappt sie dazu. ‚Jaque mate para los hombres‘ hat auf YouTube über zwei Millionen Klicks.“

‚Schachmatt für die Männer‘ klingt echt spannend. Da bin ich schon sehr gespannt auf den Zweikampf“, erwiderte Lars.

„Du wirst schon sehen, Lars. Beim Blitzschach schießt sie dich durch das Universum“, meinte jetzt auch José mit glänzenden Augen. „Hier auf diesem Platz hat sie gegen zwanzig Gegner gespielt und alle waren in weniger als zwei Minuten geschlagen.“

„Reina Rata hat die katalonischen Meisterschaften im Blitzschach gewonnen. Ihre Spezialität sind die schnellen Ratten-Züge“, erzählte die junge Frau weiter. „Du setzt dir Kopfhörer auf, hörst den Rapper Valtonyc, hast vor dir das Brett, die Uhr tickt und – peng – legst du los. Das ist wie Sex.“

„Schach ist wie Sex, das gefällt mir“, meinte Lars. „Ich freue mich richtig darauf, gegen diese Reina Rata zu spielen.“

„Freu dich nicht zu früh“, meinte die junge Frau lachend. Sie setzte ihre Kopfhörer auf und schlängelte sich zum Rhythmus der Musik durch die Menschenmenge.

„Sie mag dich“, meinte José und klopfte Lars anerkennend auf die Schulter.

„Kennst du diese Frau in dem ‚Bad Bitch‘-Shirt?“

„Aber klar doch. Das ist Reina Rata.“

„Ach, das war die berühmte Blitzschach-Meisterin selbst.“ Interessiert blickte Lars der jungen Frau hinterher. „Warum hat sie sich nicht vorgestellt?“

„Sie war inkognito hier, um das Terrain zu sondieren. Die Gegner abzuchecken, besonders den Deutschen, der für Son Gotleu spielt.“ José grinste wissend.

„Und du wusstest das natürlich.“

„Ja, klar doch.“

Lars verabschiedete sich von José und machte sich auf den Weg zu seiner Pension. Schon im Treppenhaus hörte er sein Handy läuten, das er im Zimmer vergessen hatte. Schnell öffnete er die Tür, doch in diesem Moment hörte das Klingeln auf. Ein Blick auf das Display zeigte ihm, dass jemand mehrfach vergeblich versucht hatte, ihn zu erreichen. Jetzt piepste das Handy und eine WhatsApp-Nachricht erschien. Sie bestand aus einem einzigen Wort: ‚Mord.‘

Kapitel Vier

Das rotierende Blaulicht huschte über die verwitterten Mauern, als der bullige Geländewagen der Policia Nacional vor der verfallenen Finca anhielt. Eine Frau öffnete energisch die Tür und stieg aus. Sie hatte ein interessantes Gesicht mit dunklen Augen, und ihre dicken schwarzen Haare trug sie straff zu einem Zopf zusammengebunden. Bekleidet war sie mit Combathosen, T-Shirt und einer weiten Bomberjacke.

„Jefe Inspectora Ana Ortega”, sagte sie und hielt dem Polizisten, der neben dem Eingang der Finca an der Mauer lehnte, ihre Marke entgegen. „Wo befindet sich die Leiche?“

„Im hinteren Raum.“ Der Beamte der Lokalpolizei deutete gelangweilt mit der Hand in die Richtung und musterte Ana dabei ungeniert von oben bis unten.

„Hast du jetzt genug gesehen?“, fragte Ana den Mann sarkastisch, während sie Latexhandschuhe aus den Taschen ihrer Hose fischte und sie überstreifte.

„Äh, was meinst du?“ Der Polizist wurde rot und schob sich nervös die Sonnenbrille hoch.

„Du verstehst mich schon.“

Ana kannte diese Blicke, hatte es schon unzählige Male erlebt, dass Männer ihr hinterherpfiffen oder sich machomäßig in den Weg stellten, etwa wenn sie in einer engen Gasse unterwegs war. Doch sie hatte von früh auf gelernt, sich in dieser arroganten Männerwelt zu behaupten. Schließlich war Ana in Son Gotleu aufgewachsen und das war keiner der feinen Stadtteile von Palma, sondern ein Problemviertel mit jeder Menge krimineller Energie. Doch Ana war dem teuflischen Kreislauf aus Armut und Kleinkriminalität entronnen und Polizistin geworden. Und auch in der männerdominierten spanischen Polizeihierarchie hatte sie sich mit Können und Ehrgeiz durchgesetzt. Jetzt, mit knapp dreißig Jahren, war sie bereits leitende Ermittlerin und konnte eine beeindruckende Aufklärungsbilanz vorweisen.

„Es gibt einen Zeugen, wo ist er?“ Ana blickte suchend umher.

„Sitzt bereits in unserem Jeep. Es ist ein Deutscher namens Kranz, Uwe Kranz“, buchstabierte der Polizist den Namen von seinem Handy ab. „Er war hier wandern“, ergänzte der Beamte.

„Wie hat er die Leiche gefunden? Die Finca liegt doch ein Stück vom Wanderweg entfernt.“

„Der Mann wollte sich vor dem starken Regen schützen.“

„Das ist alles? Der Mann hat nichts bemerkt, keine anderen Personen oder etwas Auffälliges?“

„Nein, Inspectora. Der Zeuge steht noch immer unter Schock.“

„Das ist verständlich. Ich befrage ihn später ausführlich. Warten wir jetzt erst auf die Gerichtsmedizinerin und die Spurensicherung.“

Aus den Taschen ihrer Hose zog Ana ein Handy und wählte eine Nummer. Ungeduldig wartete sie, bis sich endlich jemand meldete:

„Warum gehst du nicht ans Telefon? Es gibt eine Leiche, deshalb rufe ich auch schon ständig an.“

„Heute ist mein freier Tag, da schalte ich das Handy meistens aus“, hörte sie die raue Stimme ihres Kollegen Lars Brückner.

„Ich weiß, aber wir haben einen personellen Engpass. El Papa hat freie Tage bis auf Weiteres gestrichen“, antwortete Ana ohne auf Lars’ Einwand einzugehen. Ihr Chef Pedro Gonzales, von allen El Papa genannt, hatte heute Morgen klare Anweisungen gegeben. Und niemand traute sich, El Papa zu widersprechen, nicht mal Ana.

„Gibt es denn niemand anderen, der den Fall übernehmen kann?“, machte Lars noch einen Versuch.

„Nein, alle Kollegen sind unterwegs“, blieb Ana hartnäckig.

„Na gut. Wo bist du?“

„Ich bin in der Serra de Tramuntana. Ziemlich unwegsames Gelände oberhalb von Fornalutx.“

„O. k., dann schick mir die Adresse auf mein Handy“, seufzte Lars resigniert.

„Hast du nicht zugehört? Das Gebiet ist ziemlich unzugänglich. Es führt nur ein Forstweg von Fornalutx bis hierher. Da gibt es keine Hausnummern. Du fährst am besten durch Fornalutx und folgst dem Wanderweg zum Puig de sa Bassa. Ungefähr auf halber Strecke gibt es eine verfallene Zisterne. Dort musst du rechts abzweigen.“

„Das hört sich ziemlich kompliziert an“, gab Lars zu bedenken.

„Stimmt, man kann sich leicht verirren. Weißt du was? Ich markiere den Standort für dich. Beeil dich bitte“, erwiderte Ana und sandte die Nachricht mit ihrer genauen Position an Lars. Obwohl die Zusammenarbeit mit ihrem deutschen Kollegen in den letzten Monaten etwas besser klappte, waren sie beide wie Feuer und Wasser, und das konnte manchmal anstrengend sein.

Ana trennte die Verbindung und blickte hinunter ins Tal. Zwei robuste Geländewagen der Policia Nacional holperten den steinigen Güterweg entlang und hielten dann hinter Anas Toyota.

Aus dem ersten SUV stieg das Team der Spurensicherung mit seinen glänzenden Metallkoffern, gefolgt von einer schlanken Frau. Anmutig wie eine Balletttänzerin kam sie auf Ana zu. Sie hatte ihren weißen Schutzanzug noch lässig um die Hüften geknotet und trug ihre langen braunen Haare offen.

„Flora Gomez. Ich bin die Gerichtsmedizinerin für diesen Fall. Du musst Ana Ortega sein. Ich habe schon viel von dir gehört“, begrüßte die Frau Ana und streckte ihr die Hand entgegen.

„Ach ja?“, meinte Ana skeptisch. Sie hatte noch nie mit Flora zu tun gehabt. Aber sie wusste, dass die attraktive Frau eine der profiliertesten Gerichtsmedizinerinnen von Katalonien war.

„Sehr cool, wie du den Mord an der balearischen Schönheitskönigin aufgeklärt hast“, bemerkte Flora. „Das hat unser Institut ziemlich beeindruckt.“

„Ach, das war nur eine glückliche Kombination aus Fakten und Intuition“, meinte Ana verlegen. In ihrer Abteilung kam es nicht sehr häufig vor, dass man ihre Arbeit lobte.

„Trotzdem, es war eine perfekte Ermittlung. Hast du die Leiche hier schon begutachtet?“, wechselte Flora das Thema.

„Nein, ich habe auf dich gewartet“, erwiderte Ana.

„Sehr gut, dann wollen wir uns gemeinsam einen ersten Eindruck verschaffen.“ Flora band ihre Haare zusammen und steckte sie unter eine Plastikhaube, dann schlüpfte sie auch mit dem Oberkörper in ihren Schutzanzug und zog den Reißverschluss bis oben hin zu.

„Der Name Flora passt so gar nicht zu deinem unschönen Beruf“, meinte Ana, als sie in das Innere der Finca gingen.

„Mein Beruf ist nicht unschön. Ich versuche immer, Gerechtigkeit für die Opfer zu erlangen, indem ich helfe, die Täter zu überführen. Das ist etwas Positives.“

„Da hast du recht, das ist die richtige Lebenseinstellung. Ich denke genauso.“ Schon immer hatte Ana ein ausgesprochenes Gerechtigkeitsempfinden gehabt. Das hatte ihr zwar des Öfteren Ärger eingebrockt, aber sie konnte einfach nicht aus ihrer Haut.

Beide Frauen warteten, bis die Mitarbeiter der Spurensicherung im hinteren Raum Scheinwerfer aufgebaut hatten. In dem grellen Licht wirkte die Szenerie unwirklich wie in einem Theaterstück. Ana blickte konzentriert auf den blutigen Tatort. In der Mitte des kargen Raums stand ein alter Stuhl und darauf saß das Opfer. Der Oberkörper war nackt und die Arme waren mit Seilen an die Stuhllehnen gefesselt.

Sie trat näher und betrachtete das Opfer. Mit der Fingerspitze hob sie den Kopf des Mannes leicht an.

„Ein Kopfschuss“, sagte sie zu Flora.

„Das sieht aus wie eine Exekution.“ Flora wies auf den dunklen Rand rund um die Eintrittswunde. „Ein aufgesetzter Schuss. Aber mit einem kleinen Kaliber.“

„Wie kommst du darauf?“, fragte Ana.

„Die Kugel ist nicht am Hinterkopf ausgetreten, sondern steckt irgendwo im Schädel. Das spricht für eine geringere Durchschlagskraft.“ Flora bückte sich und untersuchte den Oberkörper des Toten. „Er hat überall Hämatome auf dem Brustkorb, die wahrscheinlich von Schlägen herrühren.“ Flora wies auf die blauen Stellen, die sich scharf von der bleichen Haut abzeichneten. Mit den Fingerspitzen strich sie über einen der Flecke. „Irgendetwas ist merkwürdig“, murmelte Flora.

„Was meinst du?“

„Kann ich noch nicht genau sagen, ist nur ein Gefühl. Ich glaube, das war eine Hinrichtung.“

Kapitel Fünf

Damals

Im Sonnenlicht glänzt das gelockte Haar des Mädchens wie ein goldener Helm. Ein sanfter Wind weht eine Strähne aus ihrer Stirn. Durch das Zielfernrohr wirkt das Gesicht des Mädchens fast unwirklich, als sie den Blick über die Wiese in seine Richtung schweifen lässt. Das Mädchen ist zwölf Jahre alt und schon jetzt kann man erkennen, dass sie einmal sehr hübsch sein wird. Vorsichtig robbt er auf dem Wiesenboden näher heran, das hohe Gras entzieht ihn ihren Blicken. Plötzlich hat er sie aus dem Fadenkreuz verloren und er sieht nur noch den blauen Himmel mit den wogenden Gräsern.

„Verdammt, wohin ist sie verschwunden?“, murmelt er und unterdrückt im letzten Augenblick den Impuls, aufzuspringen und das Mädchen zu suchen. Stattdessen bleibt er am Boden liegen und bewegt das Zielfernrohr langsam die Wiese entlang. Da, jetzt hat er das Mädchen wieder im Objektiv. Das Fadenkreuz zerteilt ihr Gesicht. Und wenn er sich konzentriert und die Windrichtung stimmt, dann trifft er sie mitten in die Stirn.

Er hält den Atem an und hält das schwere Gewehr so ruhig wie möglich. Noch einmal atmet er durch, dann drückt er ab. Als er das trockene Klacken hört, sieht er Bilder vor seinem geistigen Auge vorbeirasen. Durch die Wucht des Schusses wird das Mädchen wie von einer unsichtbaren Hand in die Luft geschleudert. Die dunkelblonden Locken vermischen sich mit dem Blut, das Fontänen gleich aus der Wunde spritzt. Jetzt wird sie ihn niemals wieder bei Vater verpetzen.

„Habe ich dir nicht verboten, auf deine Schwester zu zielen?“ Der Onkel steht breitbeinig hinter dem Jungen, der sich überrascht umdreht.

„Aber ich habe das Gewehr doch gar nicht geladen“, stammelt er und die Bilder in seinem Kopf verschwinden.

„Es kann noch eine Patrone von der letzten Pirsch im Lauf sein“, belehrt ihn der Mann. „Du bist immerhin schon fünfzehn Jahre alt. Da macht man sich doch Gedanken über die möglichen Konsequenzen.“

„Ach, vergiss es!“ Wütend rappelt sich der Junge hoch und hält dem Onkel das Gewehr hin. „Da, nimm deine blöde Flinte, ich habe sowieso keine Lust mehr, ständig auf dem Boden herumzukriechen.“

„Du musst doch lernen, wie man sich lautlos an das Wild anschleicht.

---ENDE DER LESEPROBE---