Familienpackung - Susanne Fröhlich - E-Book
Beschreibung

»Ich will doch nur mal eine Stunde für mich, mehr nicht«, stöhnt Andrea Schnidt, mittlerweile Mutter von zwei selbstbewussten Kindern, stolze Besitzerin eines Reihenmittelhauses und nun auch zur Beruhigung der Verwandtschaft mit dem Kindsvater Christoph verheiratet. Zwischen den gut gemeinten Ratschlägen von Mutter und Schwiegermutter und den aufmunternden Anrufen der Freundinnen: »Lass uns doch mal wieder ausgehen, so ganz wie früher«, schlägt sich Andrea tapfer durch den alltäglichen Wahnsinn. Wie kriegt man die drei großen Ks – Kinder, Küche und Karriere – mit den drei großen S’ – Spaß, Spitzenfigur und Supersex – unter einen Hut? Bestsellerautorin Susanne Fröhlich weiß Bescheid: mit Witz, Humor und einer extragroßen Portion Selbstironie! »Amüsant, sexy und gnadenlos ehrlich!« Für Sie

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EPUB
MOBI

Seitenzahl:323


Susanne Fröhlich

Familienpackung

Roman

Roman

FISCHER E-Books

Inhalt

Für meine ganz persönliche [...]Tag 1Tag 2Tag 3Tag 4Tag 5Tag 6Tag 7Danke[Lesen Sie weiter]

Für meine ganz persönliche Familienpackung: Gert, Charlotte und Robert

 

Und für alle, die genauso unperfekt sind wie ich und trotzdem glücklich

 

Und natürlich für alle stillen Kämpferinnen in den Reihenhäuschen dieser Welt Nie aufgeben, Mädels

Tag 1

Herr Barts ist da. Was für ein Mann. Schmale Hüften, dunkles Wuschelhaar und ein absolut wahnsinniges Strahlelächeln: »Guten Morgen, Frau Schnidt«. Wie der mich angrinst. Ich bin hin- und hergerissen. Gut, dass ich mir heute Morgen die Haare gewaschen habe. Es gibt doch noch sinnvolle Eingebungen.

Was wäre, wenn ich ihn, anstatt »Guten Morgen« zu sagen, einfach gegen die Hauswand drücken, meinen Körper an seinen pressen würde und dann: ab geht’s. Wir würden mit Glück noch die Haustür zuziehen können und es sicher nicht mehr bis zum Schlafzimmer schaffen. Dann würden wir es treiben, bis wir vor Ermattung fast bewusstlos wären.

»Schnidt, deine Hormone, du bist fremdgesteuert, komplett wahnsinnig«, besinne ich mich und ordne mein Leben, wenigstens im Kopf. Ich bin eine verheiratete Frau im Reihenmittelhaus, mein Mann arbeitet und ich lasse mich kurz vor dem Mittagessen von meinen Trieben steuern. Wie weit bin ich gesunken? Kommt das durch fehlende Kohlenhydrate, ist es die Reihenhausluft, sind es Stoffe im Trinkwasser oder was läuft da in meinem Körper?

Ich meine, Herr Barts kommt von den Stadtwerken und will den Strom ablesen. Herr Barts ist ein mir völlig fremder Mann und sein Erscheinen heute Morgen hier an meiner Haustür ist trotzdem das Ereignis der Woche. Ein gut aussehender Mann hier inmitten der Legginsfront. Ein Mann, der nicht in eines der kleinen Häuschen gehört. Ein Mann, der lacht und sich sichtlich freut, mich zu sehen. Reicht das schon für überschäumende Begierde? »Guten Morgen«, stammle ich mit leichter Verzögerung und ziehe die Haustür zu. Jetzt habe ich den Kerl schon mal im Flur. Einen Schritt nach dem anderen.

»Frau Schnidt, wo ist denn nun der Stromzähler?«, will Herr Barts wissen. »Im Keller«, stammle ich und hoffe, dass Herr Barts nur Stromzähler, nicht aber Gedanken lesen kann. Meine Güte, was für eine peinliche Vorstellung. Ich habe garantiert einen knallroten Kopf. Er folgt mir in den Keller. Er riecht gut. Strotzt nur so vor Testosteron. Was würde ich tun, wenn er mir jetzt von hinten an meine empfindsamen Körperteile fassen würde? Mich auf den Trockner werfen und sich seine verdammt enge Levis runterstreifen? Oder gibt’s das nur in Filmen? Postboten, die mehrfach klingeln und dann alles vernaschen, was hinter der Tür ungeduldig auf sie wartet. Anscheinend. Herr Barts greift nämlich nicht zu. Er macht keinerlei Anstalten. Da hätte der Arme hier im Viertel ja auch ordentlich zu tun. Vielleicht hat er auch schon die Nachbarin verschnuckelt, wer weiß das schon? Vielleicht nimmt er mal die mit den geraden Hausnummern ran und mal die mit den ungeraden. Bin ich eventuell erst bei der nächsten Runde dran? Oder ist Herr Barts in festen Händen und macht sich rein gar nichts aus ausgehungerten Kleinstadthausfrauen?

Oder, ganz klar: Herr Barts ist schwul. Wahrscheinlich ist denen von den Stadtwerken das Vorstadtdilemma bekannt und sie schicken nur die Schwulen raus zu den gierigen Hausfrauen. Mitarbeiterschutz sozusagen. Oder bin ich etwa die Einzige, die hier so unschickliche Gedanken hat? Und vor allem – und das ist die entscheidende Frage – wieso habe ich die überhaupt?

»Das war’s dann für heute, Frau Schnidt«, sagt Herr Barts, streicht sich durchs volle Haar, und ich überlege, ob das eine versteckte Botschaft fürs nächste Mal sein soll. Ich war schon in der Schule eine Meisterin der Textinterpretation. Ich habe Sachen rausgelesen, die außer mir keiner erkannt hat. Herr Barts verabschiedet sich.

 

Und da stehe ich. Allein. Inmitten meiner Gedanken an der Haustür unseres Reihenhauses. Herr Barts ist längst eine Tür weiter. Bei Anita. Hat er mir für Anita einen Korb gegeben? Ist es jetzt schon soweit? Muss ich mir das bieten lassen? Rechtliche Schritte einleiten? Sollte ich Christoph, meinen Mann anrufen? Ihn sofort nach Hause bestellen. Zur Erfüllung seiner ehelichen Pflichten. Oder kann ich bis heute Abend warten? Hat Herr Barts vielleicht wirklich was mit Anita? Das wäre ja nun echt der Knaller. Schließlich braucht Anita Herrn Barts weniger als ich. Immerhin hat Anita ein ziemlich reges Sexleben. Nicht dass sie darüber erzählen würde (schade eigentlich, wäre sicher interessanter als ihre sonstigen Geschichten), aber so ein Reihenhaus ist doch recht hellhörig und Anitas Schlafzimmer grenzt an unser Badezimmer. Wie oft höre ich Anita abends »Du Ferkelchen, du kleines Ferkelchen« rufen und Friedhelm, ihren Mann, den Oberstudienrat, daraufhin kichern. Eine erstaunliche Angelegenheit, denn ansonsten neigt Friedhelm wenig zum Lachen. Ich glaube, ich habe ihn noch nie wirklich lachen sehen. Friedhelm ist kein unattraktiver Mann, aber er hat einen sehr, sehr strengen Zug um den Mund. Als ich Anita mal darauf angesprochen habe, natürlich etwas verschlüsselt und vorsichtig, meinte sie nur: »Unterrichte du mal einen Haufen Pubertierender, da vergeht auch dir der Spaß.«

Vielleicht liegt es auch an der Gegend. Anita und ihr Mann wohnen schon länger hier. Wird man da ein wenig strenger? Schlägt der Reihenhausblues aufs Gemüt?

Für mich kann ich das klar bejahen. Dabei war ich diejenige, die dringend aufs Land wollte. Für die Kinder. Und fürs eigene Haus. Wer kann sich schon in bester Citylage ein nettes Anwesen leisten? Mit ehrlicher Arbeit und ohne fette Erbschaft ist das so gut wie ausgeschlossen.

Jetzt sitze ich hier und weiß nicht so recht. Ist es das, was ich wollte?

Es riecht streng. Es ist nicht der animalische Restduft von Herrn Barts, schade eigentlich, sondern mein angebrannter Spinat. Jetzt auch noch das Telefon. Es ist Anita mit der Frage, ob der Stromfritze bei mir auch so aufdringlich gewesen sei.

Danke, Herr Barts, ich hatte mir mehr von Ihnen versprochen.

 

Vom Spinat auch. Mittlerweile kann mich sogar Spinat enttäuschen. Aber oben geht er noch. Einfach nicht umrühren. »Wie mein Leben«, denke ich und werde melancholisch. Oben geht’s, aber wenn man tüchtig rührt, tun sich doch schwarze Stellen auf. Ich entwickle mich schon zur Spinathobbyphilosophin. Grausig.

Er schmeckt ein bisschen angeröstet, aber meine Kinder sind sowieso in keiner Form heiß auf Spinat. Claudia, die Große, hat die nächsten Wochen noch Glück. Bis zum Ende ihrer Kindergartenlaufbahn, in vier Wochen, isst sie dort zu Mittag. Claudia, meine Tochter, ist nämlich ein Vorschulkind. Das betont sie oft und gerne. Als wäre allein die Tatsache, im schulpflichtigen Alter zu sein, eine große Leistung. Es sei ihr gegönnt. Schließlich soll das Kind ja positiv auf die Schule eingestimmt werden. Mentale Vorbereitung nennt sich das. Eine angenehme Aura schaffen. Als ich klein war, hieß es nur: »Du kommst jetzt in die Schule, der Spaß ist dann vorbei«, das war natürlich ein wenig gröber, aber letztlich, rein inhaltlich gesehen, ja nicht ganz falsch.

Ich mache ein paar Fischstäbchen zum Röstspinat. Und Kartoffeln. Ein Klassiker der Mütterküche. Seit Jahrzehnten in den Top Ten. Ich persönlich esse lieber Spiegelei zum Spinat, mein Sohn hingegen mag kein Spiegelei. Wie sein Vater. Es ist ihnen zu glibberig. Also dann Fischstäbchen. Mein Ego hängt nicht an einem Ei. Übrigens auch nicht an zweien. Heike, meine Freundin aus München, würde jetzt mit spitzer Zunge fragen: »Welches Ego überhaupt?« Apropos Heike, wie lange ich die schon nicht mehr gesehen habe. Meine Lesbenfreundin aus dem wilden München. Sie muss mich unbedingt besuchen. Ich notiere im Kopf: Heike anrufen und einladen. Ein paar Tage in Heikes Gesellschaft sind wie menschliches Johanniskraut. Heike hat eine herrlich pragmatisch witzige Art, auf Dinge zu schauen. Es ist einfach Mist, wenn die beste Freundin so weit weg lebt.

Mark und ich essen zu Mittag. Mein Sohn schaufelt, als wäre es seine letzte Mahlzeit. Ich habe den Spinat geschickt unter die Fischstäbchen gemogelt, er schafft es aber trotzdem, elegant drum herum zu essen. Soweit man das Gemansche Essen nennen kann. Rein optisch hat es mehr von einem Terroranschlag auf unschuldige kleine Fischstäbchen, die dem Ganzen auch noch wehrlos ausgesetzt sind.

Wenn Claudia in die Schule kommt, kommt Mark in den Kindergarten. Welch ein Segen. Dann gehört der Vormittag wieder ausschließlich mir. Und dem Bügelbrett, dem Staubsauger und anderen höchst attraktiven Gesellen. Trotzdem, ich freue mich auf die Zeit. Mit einem Kleinkind rund um die Uhr bleibt wenig Zeit für einen selbst. Vom Arbeiten jenseits der eigenen vier Wände gar nicht zu reden. Welch ein Gedanke: Rausgehen in die Welt der Erwachsenen, mit den Kollegen ein Schwätzchen halten, Kaffee trinken und vielleicht mal wieder Erfolgserlebnisse haben, die so rein gar nichts mit Kind und Haus zu tun haben.

Wobei, wenn man ehrlich ist, sich die Erfolgserlebnisse zurzeit sowieso in Grenzen halten. In sehr engen Grenzen. Klar sagt mal jemand, »schmeckt gut«, oder »sieht ja toll hier aus«, aber das sind auch schon die absoluten Highlights auf der Hausfrauen-Komplimente-Skala. Man muss schon ein arg bescheidenes Gemüt haben, um damit zufrieden zu sein. »Was Süßes«, krakeelt mein Sohn und reißt mich aus meinem mentalen Gejammer. »Erst wird der schöne Fisch mit dem Spinat gegessen und dann gibt’s zum Nachtisch auch was Süßes«, antworte ich. »Nein«, sagt mein Sohn. Einfach nein. Typisch Mann, schon in dem Alter. Keine großen Erklärungen. Keinesfalls zu viel reden. Ein schlichtes klares Nein. Das ist einer dieser klassischen Momente. Jetzt heißt es konsequent sein. »Mark, du isst wenigstens noch ein Fischstäbchen und dann kannst du gerne was Süßes haben«, rede ich betont gelassen und sachlich auf das kleine zornrote Etwas neben mir ein. Ich bin die Chefin im Ring, ich habe alles unter Kontrolle, ich lasse mich von einem minderjährigen Kerl doch nicht in die Knie zwingen. Er guckt mich an, plustert sich auf wie ein Pfau, ist völlig unbeeindruckt von meinem stoischen Gesicht und klatscht den Löffel in den Teller. Volle Pulle. Der Spinat spritzt auf mein Oberteil und zeitgleich fängt er an zu kreischen. Schrill wie eine Sirene. Der spinnt wohl! Wer hat denn den Spinat auf der Bluse hängen? Er oder ich? Ich überlege. Habe den primitiven Drang, selbst loszukreischen, ihm ein paar zu scheuern, weiß aber, dass man ein Kind nun mal nicht haut, entscheide, den Teller zu nehmen, ihn in die Küche zu räumen und den Mini-Terminator einfach sitzen zu lassen. »Wenn du dich abgeregt hast, kommt Mama wieder«, sage ich in sein Gekreische. Nichts wie weg. Mark sitzt festgeschnallt in seinem Stühlchen und schreit einfach weiter. Schön wäre es, den Stuhl mitsamt Kind einfach vor die Tür zu stellen und auszuharren oder währenddessen eine schöne Runde shoppen zu gehen. In aller Ruhe. Weit weg vom Gebrüll. Unter den nachbarschaftlichen Blicken wäre der bestimmt schnell still. Andererseits würde diese Tat sicherlich als öffentliches Eingeständnis einer gewissen Erziehungsunfähigkeit oder wahlweise als brutale Herzlosigkeit gewertet werden, und keine der Möglichkeiten erscheint mir allzu verlockend.

Es dauert knapp sieben Minuten. Sieben Minuten Sex sind wenig (je nachdem mit wem allerdings!), sieben Minuten Geschrei ziemlich viel. Im Leben ist alles relativ. Das Kind hat eine gewisse Ausdauer. Das hat es von seinem Vater. Ich gebe in aussichtslosen Situationen wesentlich schneller klein bei. Einfach aus Gründen der Rationalität. Angeblich eine männliche Eigenschaft. In unserer Familie wohl weniger. So richtig entspannt fühle ich mich in den sieben Minuten auch nicht. Sei’s drum.

Endlich. Er hat aufgegeben. Als ich wieder vor ihm stehe, grinst er. Ein richtig breites Grinsen mit Mausezähnchen. Niedlich. »Vorsicht, Andrea, der wickelt dich gerade um seine kleinen Wurstfingerchen«, ermahne ich mich schnell selbst. »Was Süßes?«, fragt er und zeigt nochmal eine stattliche Reihe Milchzähne. Was nun? Den kalten Spinat kann ich ihm schlecht wieder auftischen. Ist auch schon längst in der Tonne. Immerhin hat er sich abgeregt und wahrscheinlich kann er sich sowieso nicht mehr an unsere zugegebenermaßen eher einseitige Abmachung erinnern. Ich gebe ihm eine Hand voll Gummibärchen und weiß: Konsequenz ist was anderes. Aber ein Schreianfall pro Tag reicht mir einfach.

 

Heute Mittag gibt’s ein weiteres Muttihighlight. Kinderturnen. Die lieben Kleinen sollen ja motorisch gefördert werden. Kinderturnen ist hier auf dem Land Pflicht. Ein Kind, selbst ein Kleinkind, das wöchentlich nicht mindestens zwei Termine hat, gilt schnell als wunderlich. Oder die Mutter als faul. Unambitioniert. Kinder sind das Erfolgsbarometer der Neuzeit. Zeige mir, was dein Kind kann, und ich sage dir, ob du als Mutter etwas taugst. Das kann einem ziemlich auf den Keks gehen. Je länger ich im akuten Muttigeschäft bin, desto mehr. Trotz alledem schaffe ich es nicht, mich auszuklinken. Nein zu sagen. Es wäre ein bisschen so, als ob man als Einzige nicht mitspielen wolle. Eine Spielverderberin. Wer die Regeln verletzt, ist raus. Stellt das gesamte Spiel infrage und verursacht den anderen schlechte Laune. Und das will ich ja nun auch nicht. Also Augen zu und durch. Es sind ja nur noch etwa fünfzehn Jahre. Wenn die Kinder in der Schule sitzen bleiben, werden es noch ein, zwei Jährchen mehr. Manchmal würde ich mich am liebsten ins Bett legen, mir die Decke über den Kopf ziehen und warten, bis all das vorbei ist. Ein merkwürdiges Dilemma. Schließlich wollte ich ja genau das, was ich jetzt habe. Einen Mann, Kinder, ein eigenes Haus – ein geregeltes Familienleben eben. Jetzt habe ich es und bin mir nicht mehr sicher. Ähnlich wie wenn man sich ein Buch leiht, denkt, es sei ein Krimi, und dann endet es in einer Komödie. Oder umgekehrt.

 

»Mama böse?«, fragt Mark. Ich schaue meinen Sohn an und schmelze dahin. Was bin ich nur für ein seltsames Exemplar der Gattung Mutter. So unentschlossen. So wankelmütig. Ich ziehe den Kleinen auf meinen Schoß und wir kuscheln eine Weile. Er fühlt sich warm an, drückt mir nasse Küsse aufs gesamte Gesicht und ich bin gerührt. Kurz vor dem Heulen. Warum kann ausgerechnet ich nicht einfach zufrieden sein? Hatten es die Frauen früher leichter, obwohl sie es eigentlich schwerer hatten? Macht es das Ganze einfacher, leichter verdaulich, wenn man erst gar keine Wahl hat, die Rollen klar vorgegeben sind? Muss ich Alice Schwarzer anrufen und mich mal richtig ausheulen? Ich glaube, mein momentaner fataler Hang zum Trübsinn hat viele Gründe. Ich bin, obwohl umgeben von Menschen, der eigenen Familie, den Nachbarn und Co., dennoch ein wenig einsam. Irgendwann in den letzten Jahren ist mir ein Teil meines Egos abhanden gekommen. Ich habe mir immer ein aufregendes, spannendes, ereignisreiches Leben gewünscht. Nur, wo soll die Spannung herkommen? Letztlich weiß ich, dass ich selbst dafür verantwortlich bin. Auch für meine unterschwellige Langeweile. Man kann sich langweilen, obwohl man enorm viel zu tun hat. Eine Erkenntnis, die einen nicht unbedingt aufbaut. Ich beschließe, Spannung in mein Leben zu bringen. Ab morgen. Alles wird sich ändern. Das wollen wir doch mal sehen. Da geht doch was. Ich, Andrea Schnidt, werde mich nicht total und vollständig in den Reihenhaussumpf ziehen lassen. Ich nehme den Kampf auf.

Ich fühle mich sofort besser. Und beschließe, eine Liste zu machen. So wie es immer in diesen Lebenshilfebüchern steht. Schreiben Sie auf, was Sie ändern wollen. Das ist der erste Schritt. Klarheit im Kopf. Eindeutige Zielvorstellungen. Na dann los!

 

Meine Liste:

Ich will:

mehr Spannung

mehr Sex

mehr Anerkennung

schlankere Schenkel.

Und alles bitte schnell. Ganz schnell.

So, das wäre mal das Wichtigste. An die Details gehe ich morgen. Oder heute Abend. Ich deponiere die Liste feierlich in meiner Küchenschublade, einer der sichersten Plätze im Haus. Da geht weiß Gott keiner freiwillig dran.

 

Beim Kinderturnen wieder das Übliche. Wir Mütter singen was von einer Weltraummaus, laufen auf Strümpfen im Kreis, bauen Matten und Kästen auf, halten Händchen und sind stolz wie Bolle, wenn klein Irgendwie mutig eine Rolle probiert. Währenddessen der kleine gewöhnliche Schnelltratsch.

Ich bin gut gelaunt. Schließlich weiß ich, dass ab morgen ein aufregendes Leben auf mich wartet. Eine schöne Aussicht.

Mark zieht Lara an den Haaren. Das ist nicht die Form von Aufregung, die ich mir ersehne. Ausgerechnet Lara. Die hat eh so dünnes Haar – sogar dünner als meins und das will was heißen –, da kommt es auf jedes einzelne an. Ich schimpfe. Laras Mutter guckt, als hätte mein Sohn ihre Tochter unsittlich berührt, ihr die Ehe versprochen und sie dann sitzen gelassen. Ich entschuldige mich wortreich. So als wäre ich es gewesen, die Lara an den Haaren gezogen hat. Lara genießt ihren Auftritt. Schluchzt und weint auf Mamas Arm. Danke sehr, Mark. Fein gemacht. Super Auftritt. Mark ist bockig. Will sich nicht entschuldigen. »Lara auch böse«, ist alles, was ich aus ihm rausbringe. Demonstrativ greift er sich andauernd an seine Hoden. War da etwa klein Lara dran? Er will sich nicht äußern und verweigert nähere Angaben zum Tathergang. Ich frage die potenzielle Täterin: »Hast du den Mark da unten reingezwickt?« Lara schüttelt vehement den Kopf. Ich finde, ein bisschen zu vehement. Laras Mutter ist ob meiner subtilen Verdächtigungen empört. »Das würde meine Lara nie machen«, faucht sie mich an. Dabei hätten wir damit eine herrlich entspannende Pattsituation gehabt. Hoden gegen Haare. Ich wage einen Scherz, »Bis er oder auch sie die Dinger braucht, wird schon wieder alles okay sein.« Sie lacht nicht mal. Humorlose Zicke. Ich glaube, sie heißt Gabriele. Gabriele ist eine der Vorzeigevorstadtfrauen. Immer akkurat gekleidet, wahrscheinlich schon in Barbour-Jacke, V-Pulli und Tods-Schuhen auf die Welt gekommen. Modell ›Sportive Naturschönheit‹.

Was waren das noch herrliche Zeiten, als Kinder erst dann zum Sport gegangen sind, als sie es auch allein konnten. Ich kann mich nicht erinnern, dass meine Mutter je mit uns beim Turnen war. Sie hat uns hingebracht und abgeholt. Wenn überhaupt. Fertig. Mehr war nicht. Erstaunlicherweise benehmen sich Kinder auch meist besser, wenn Mama nicht in Rufnähe ist. Auch meine Kinder. Ich höre selten Klagen von anderen. Aber das tut man als Mutter natürlich auch nicht. Anderen Müttern sagen, dass ihre Kinder extrem nerven. Da muss man sich schon sehr mögen, um sich das zu trauen. Ansonsten gilt eine solche Äußerung als offene Kriegserklärung.

Nachdem der Mütterclan brav aufgeräumt hat, singen wir gemeinsam noch ein kleines Abschiedslied und klatschen ekstatisch in die Hände. Ich stehe ausgerechnet neben Karin, die in ihrem Leben wohl noch nie von der Erfindung des Deodorants gehört hat. Was diese Frau müffelt, ist unglaublich. Man könnte sie im völlig Dunkeln sofort anhand ihres Duftes aufspüren. Warum sagt ihr das keiner? Bin ich die Einzige, die das riecht? Na, wer weiß, vielleicht ist das ihre besondere Note oder sie ist vollkommen geschafft von der Weltraummaus.

 

Mark und ich fahren zum Kindergarten, er lässt endlich seine malträtierten Klicker los und wir holen Claudia ab. »Was machen wir jetzt?«, fragt sie eifrig. »Ihr könnt zusammen spielen«, sage ich und beschließe, am Nachmittag mal etwas für mich zu tun. Die hauseigene Animateurin hat heute frei. Definitiv. »Das ist langweilig«, nörgelt Claudia, »ich will nicht mit dem da spielen, der ist doof. Und klein.« Der doofe Kleine haut daraufhin seiner Schwester auf den Kopf. Ich motze, beide heulen und mit diesem netten Duo fahre ich nach Hause.

Ich schaffe es, mir an diesem Nachmittag immerhin die Beine zu rasieren. Allerdings nicht, weil meine Kinder so reizend miteinander spielen, sondern weil ich sie geparkt habe. Vor der Glotze. Und das, nachdem Claudia Mark ihre liebste Barbie an die Schläfe gedonnert hat und er aus Rache getestet hat, ob Claudias Kopf härter als ein Duplostein ist. Bei uns gibt’s für die Kinder fast ausschließlich Kinderkanal. Seitdem zahle ich einigermaßen bereitwillig meine Gebühren. Man weiß wenigstens, dass die Kinder nicht dauernd von Schwachsinnswerbung berieselt werden. Fruchtzwerge, Barbie und Co. Eine halbe Stunde Super RTL weckt Begierden bei meiner Tochter wie bei mir ein mehrstündiger Schaufensterbummel. Natürlich ist mir klar, dass mein Sohn eigentlich noch zu klein für jede Art von Fernsehen ist, auch für den Kinderkanal, aber meine Beinbehaarung ist kurz davor, sich zu einem Fell zu entwickeln, und da ich kein Mufflon bin und auch keiner sein will, greife ich zum Kinderkanal. Man muss im Leben Prioritäten setzen.

 

Christoph kommt gegen sieben. Immerhin. Ich finde, eine gemeinsame Familienmahlzeit am Tag ist doch das Mindeste. Oft schafft er es erst nach acht aus dem Büro, und die Kinder sind dann entweder schon völlig durch den Wind oder längst im Bett. Er hat sich ein paar Akten mitgebracht. Blumen oder Geschenke wären mir lieber. »Du weißt, Andrea, im Moment gilt es. Wenn ich jetzt Gas gebe, werde ich bestimmt in diesem Jahr noch Partner.« Wie oft ich das schon gehört habe. Gähn. Ein neuer Text wäre auch mal schön. Wegen mir muss er sich nicht so abstrampeln. Ich habe kein Problem damit, dass Christoph ein normaler, angestellter Rechtsanwalt ist und kein Partner. Mir ist ein Mann lieber, der wenigstens ab und an zu Hause ist. Er weiß das, tut aber trotzdem gerne so, als würde er all diesen Ehrgeiz nur für mich und die Kinder entwickeln. Die Debatte erspare ich uns heute. Die Fronten sind ja soweit geklärt. Zu dem Thema ist weiß Gott längst alles gesagt. Man soll sich nicht auf Gebieten abarbeiten, auf denen es aussichtslos ist. So viel habe ich immerhin in meiner Ehe gelernt. Toller Erkenntnisgewinn.

Christoph albert mit den Kindern, die sind netter, als sie es den ganzen Tag über waren, und es wird ein richtig gemütliches Abendessen. Papa ist der Held. Manchmal beneide ich ihn um die Rolle. Den lieben langen Tag draußen in der großen Welt und abends das Kontrastprogramm. Für Männer geht in den meisten Fällen eben beides. Wir wirken wie die Vorzeigefamilie aus den 60ern. Mutti hat lecker Essen gemacht, die Kinder sitzen frisch gebadet und gecremt am Tisch und Papa erzählt lustige Anekdoten aus dem Büro. Dann gibt’s noch eine Geschichte für jedes Kind und gemeinschaftliches Zähneputzen. Ich darf den Tisch abräumen und die Küche säubern. Aber gleich gehört Christoph mir. Dachte ich. Leider sind da ja noch die Akten. Dass ich mal für ein paar muffige Akten sitzen gelassen würde, hätte ich noch vor einigen Jahren für absolut unmöglich gehalten. Die Zeiten ändern sich.

Das Ende vom Lied: Ich gucke Fernsehen, er arbeitet.

Gut, dass ab morgen mein neues Leben beginnt.

 

Im Bett mal wieder keine besonderen Vorkommnisse. Wie meistens. Ich schaue aus dem Fenster. Selbst der Himmel sieht langweilig aus. Wir schlafen unterm Dach. Unser Reihenhaus ist quadratmetermäßig gesehen klein, hat aber Etagen, als wolle es im nächsten Leben ein Hochhaus werden.

Christoph schläft selig und schnarcht munter vor sich hin. Das Schnarchen, so viel habe ich mittlerweile kapiert, entwickelt sich parallel zur Beziehung. Je länger die Beziehung andauert, umso lauter und konstanter das Schnarchen. Als gäbe es zu Beginn einer neuen Liebe ein eingebautes Kontrollsystem im Manne. Ein Schnarchunterdrückungselement, damit wir Frauen uns sicher fühlen und glücklich, weil wir glauben, eins der seltenen Exemplare erwischt zu haben, das keinerlei nächtliche Geräusche von sich gibt. Mit der Zeit wächst, oft gleichzeitig mit dem Absinken der akuten und wilden Leidenschaft, das Schnarchen. Immerhin ein Geräusch im Schlafzimmer. Leider ein ziemlich mieser Ersatz. Schnarchen ist äußerst lästig. Es macht einen so mürbe.

Ich gebe Christoph einen Knuff. Keinen ganz sanften, die nützen bei ihm nichts, sondern einen mittelschweren. Er grunzt auf, dreht sich schon fast mechanisch auf die Seite und gibt Ruhe. Eine trügerische Ruhe. Das ist ja das ganz Fiese am Schnarchen. Man denkt, es ist geschafft, und dann geht’s munter und ungebremst weiter. Mit einer winzigen Verzögerung. Noch ein Knuff. »Ich bin erkältet, was soll ich machen«, meckert der schläfrige Mann an meiner Seite, der sich ganz sicher ist, nur zu schnarchen, wenn er kränkelt. Mein Mann. Er sieht gut aus, wie er so da liegt. Da gibt es ja solche und solche. Es macht Spaß, ihn anzuschauen. Er ist keiner der Kerle, die mit offenem Mund im Bett liegen. Und wenigstens ist er kein Knirscher. Zähneknirscher sind ja fast schlimmer als Schnarcher. Wenn sie vor dem Schlafengehen eine Beißschiene anlegen müssen, so ein kleines Plastikteil, dann vergeht einem ja nun echt alles.

Ich liege wach. Lausche dem Geschnarche und denke nach. Wie bin ich bloß hier gelandet? Ich denke an meine Liste unten in der Küchenschublade. Ab morgen wird sich alles ändern. Schluss mit dem Gejammer. Eine Nacht darf Christoph noch völlig ahnungslos und unbehelligt neben mir rumschnarchen. Aber dann, mein Lieber, wird sich hier einiges ändern. Mit dieser erquickenden Vorstellung schlafe ich ein.

Werde gegen drei Uhr morgens wach, weil mir siedendheiß einfällt, dass Ende der Woche ja die große Christoph-Überraschungsparty steigt. Er hat am Freitag Geburtstag und wollte wie immer auf keinen Fall feiern – »Kinderkram!!« –, und da habe ich beschlossen, ihn zu überraschen. Immerhin 40 Leute habe ich geladen. Die halbe Nachbarschaft, die Kanzlei und natürlich alles, was wir ansonsten noch an Freunden und Familie haben. Was mache ich bloß zu essen? Und mache ich den Kram selbst oder bestelle ich was? Eindrucksvoller ist ja ein selbst gemachtes Büfett. Mist, ich muss ja auch noch Getränke besorgen, eine der wenigen Aufgaben, die normalerweise von Christoph erledigt werden.

Im Traum ersticke ich in einem Berg ranzigen Kartoffelsalats. Selbst gemacht. Ein prima Omen für die Party.

Tag 2

Der nächste Tag, Tag X, der Aufbruch ins wilde Leben, beginnt vielversprechend. Als würde mein kleines privates Umfeld ahnen, was Sache ist. Alle sind friedlich. Niemand haut, niemand brüllt. Es herrscht himmlische Ruhe. Wunderbar. Während ich den Kindergartenproviant zubereite, Äpfelchen zerteile und Brote schmiere, werfe ich zur Bestätigung meines Vorhabens nochmal einen schnellen Blick auf die Liste in meiner Küchenschublade.

Ich will:

mehr Spannung

mehr Sex

mehr Anerkennung

schlankere Schenkel.

Und alles bitte schnell. Ganz schnell.

Ich glaube, da fehlt noch was. Ich ergänze:

prima Stimmung

Christoph ist erstaunt. Über meine angeblich ungewohnt gute Laune. Üblicherweise bin ich morgens wirklich nicht direkt das, was man in Hochform nennt. Aber es ist wahr: Man kann sich mental puschen. Mit einem kleinen Stück Papier. Hätte ich das früher geahnt, hätte ich es längst getan.

Als Claudia und Christoph sich auf den Weg machen, bekommt mein Liebster einen langen Abschiedskuss. Mit allem drum und dran. Wir züngeln, bis Claudia anfängt, an uns zu zerren. Es scheint ihm zu gefallen. »Ich glaube, ich komme heute Abend mal früher und lasse die Akten im Büro.« Mit diesem Satz signalisiert er, dass ihm die Verabschiedung durchaus gefallen hat. Na bitte, vielleicht ist ein Teil des Problems meine morgendliche Stoffeligkeit. Wie hat mein Vater schon immer gesagt: »Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus.« Beschließe, ab jetzt morgens der reinste Sonnenschein zu sein. Mal wieder richtig zu knutschen, ist toll. Heute Abend werden wir es ordentlich krachen lassen.

Ich dusche und creme mich ein, als wäre es schon in wenigen Minuten so weit. Vorfreude ist doch die schönste Freude. O Himmel – ich werde noch genauso eine Sprüchetante wie mein Vater. Meine Güte. Dabei habe ich schon als genervtes Kind gedacht, so einen Kram würde ich niemals im Leben erzählen. Wie man sich täuschen kann. Die Gene schlagen halt doch durch. Blöderweise auch an meinen Schenkeln. Eine leichte Kraterlandschaft. Sie bekommen eine Extraportion Bodylotion. Gecremt sieht das Elend schon besser aus.

Ich betrachte mich im Spiegel. Obenrum geht’s. Vor allem, weil der Spiegel vom Duschen noch leicht beschlagen ist. Untenrum, nun ja. Aber das wird.

 

Heute Nachmittag geht’s in die große Stadt. Schließlich muss ich Christoph ja noch ein Geschenk besorgen. Hier im Ort ist das mit dem Shoppen so eine Sache. Ein abgetakelter kleiner Eissalon, ein Schreibwarenlädchen, Zeitschriften und ein Supermarkt. Nicht zu vergessen die Boutique Anni. Der Name sagt alles. Ich kaufe wirklich sehr gerne ein, aber bei Anni bleibt meine Kreditkarte völlig ruhig. Nicht die kleinste Zuckung. Seit wir hier draußen leben, ist mein Konto um einiges entspannter. Wo soll ich hier mein Geld auch lassen? Vor allem mein Geld! Seit ich nicht mehr arbeite – jedenfalls nicht außer Haus –, leben wir von Christophs Verdienst. Nichts Ungewöhnliches, aber für mich doch sehr gewöhnungsbedürftig. Christoph ist zum Glück kein Sparbrötchen. Oder besser gesagt, kein extremes Sparbrötchen. Er hat durchaus andere Vorstellungen als ich davon, wofür man dringend Geld ausgeben sollte. Allerdings würde ich durchdrehen, wenn ich für jedes Paar Kindergummistiefel um Geld bitten müsste.

Die Kinder habe ich für heute Nachmittag wegorganisiert. Claudia geht nach dem Kindergarten zu ihrer Freundin und Mark zu einem Freund. Ich werde wie in alten Zeiten ganz allein in Ruhe durch die Stadt bummeln. Ein schöner Gedanke.

Punkt drei Uhr gebe ich Mark bei seinem Lieblingskumpel Kai ab und beschließe, eine sehr vernünftige Person zu sein. Ich werde mit der S-Bahn in die Stadt fahren. Die S-Bahn-Nähe hat unser Haus sicher um 15 % teurer gemacht, da wäre es ja sträflich, die Bahn nicht zu nutzen. Christoph weigert sich standhaft, mit der Bahn in die Kanzlei zu fahren. Er steht lieber mit seinem schicken BMW im Stau. Ich hatte kurz überlegt, ob eine Monatsmarke für den öffentlichen Nahverkehr ein schönes Geburtstagsgeschenk sein könnte, die Idee dann aber schnell wieder verworfen. Erstens: Jeder wie er es gerne hat. Zweitens: Ich bin ja keine Missionarin, und drittens: Von einem solchen Geschenk wäre ich auch nicht gerade beglückt.

 

Ich hetze zur Bahn, parke den Wagen, lobe nochmal insgeheim meine Vernunft und spurte los. Manchmal hat der Mensch Glück – sogar ich –, die Bahn fährt gerade in dem Moment ein, als ich den Bahnsteig betrete. Eigentlich müsste ich noch ein Ticket ziehen, aber dann würde ich wieder 20 Minuten an diesem trostlosen Bahnhof stehen und in dieser Zeit könnte ich schon herrlich Geld in der Stadt ausgeben. Außerdem: Habe ich nicht beschlossen, ab heute wild und gefährlich zu leben? Und genau besehen bin ich auch nicht mehr so jung, dass ich meine Zeit an einem Bahnsteig verschwenden könnte. Wie oft bin ich als Teenie – lange ist es her – schwarzgefahren. Was damals ging, geht doch auch heute. Rein in die Bahn. Ganz so lässig wie damals als Jugendliche bin ich aber doch nicht mehr. Ich bekomme sofort einen roten Kopf, als könnten die anderen Fahrgäste gleich sehen, dass ich eine böse, miese Schwarzfahrerin bin. Ich setze mich, starre auf den Boden und hoffe, dass die Fahrt schnell vorbeigeht. Ein echter Kick ist das nicht. Na ja, versuchen kann man’s ja mal. Zwei Stationen später geht’s mir schon besser. Man gewöhnt sich ans Bösesein.

An der dritten Haltestelle, Rödelheim Bahnhof um genau zu sein, beginnt das Grauen. »Die Fahrausweise bitte«, schallt es durch die Bahn. O nein. Wie komme ich hier bloß raus? Ich versuche mich zu beruhigen, überlege wie im Wahn, welche Ausrede angebracht wäre. Kein Kleingeld, Monatskarte vergessen oder Ähnliches ist doch arg profan und unglaubwürdig. Ich habe noch nicht zu Ende gedacht, da stehen sie schon vor mir. Drei Kontrolleure. Zwei Kerle und eine Frau, die mich nett anlächelt. Noch. »Ihre Fahrkarte bitte«, sagt einer der Männer freundlich. Ich fange an zu wühlen, werde knallrot bis zu den Ohren, habe das Gefühl, in wenigen Sekunden einfach umzukippen und beginne meinen Stammelmonolog, »Tja also, ich finde sie irgendwie nicht.« Unterstützend wühle ich manisch in meinen Taschen und versuche, unschuldig zu gucken. Sehr elegant ist das nicht, aber was Besseres fällt mir leider nicht ein. »So, so«, sagt der erste Kerl nur und wiegt bedächtig den Kopf.

»Isch hab eine«, brüllt der andere Kerl daraufhin fast begeistert durch den gesamten Wagen und da sehe ich auch schon das Licht. Eine Kamera mit einem kleinen Scheinwerfer und ein blonde Tussi mit Mikrophon. Ist das hier ›Verstehen Sie Spaß‹ oder was? »Was wollen die denn da?«, frage ich den ersten Kerl. »Die mache ’ne Reportasche zum Thema Schwarzfahrer för RTL Explosiv«, informiert er mich stolz. Das fehlt ja noch. »Ich fahre nicht schwarz, sondern ich finde meine Fahrkarte einfach nur nicht«, sage ich so ruhig und entspannt wie irgendwie möglich. »Des sache se alle«, triumphiert der zweite Kerl und zwinkert der Reportertussi zu. Die sieht ihren Moment gekommen, schiebt mir das Mikro unters Kinn und fragt mit einem unterschwelligen Grinsen: »Wieso fahren Sie denn schwarz?« Jetzt langt es aber. Ich bin schon fast selbst davon überzeugt, meine Fahrkarte verschlampt zu haben, so angegriffen fühle ich mich. »Ich finde sie nicht«, insistiere ich nochmal. »Ich habe sie noch eben gezogen und jetzt ist sie weg«, heuchle ich mir einen ab.

Da mischt sich doch glatt eine Frau, zwei Reihen vor mir ein. Wir haben sowieso recht stattliches Publikum. Keiner will sich das Spektakel entgehen lassen. »Sie, Sie sind doch eben einfach in die Bahn gesprunge, ich hab Sie net am Automate gesehen. Un ich bin an derselbe Haltestell los.« Na prima. War die in ihrem früheren Leben bei der Stasi oder hat die zu viel Aktenzeichen XY gesehen? Ich hasse solche Leute. Gilt so was mittlerweile als Zivilcourage? Die RTL-Tante, aufgetakelt, als wäre sie bei einer Gala und nicht in einer schnöden S-Bahn, dreht sich für einen Moment von mir weg und hält der Petzliese das Mikrophon unter die Nase. »Würden Sie das nochmal wiederholen, das, was Sie gesehen haben?«, fordert sie die Frau auf. Die fühlt sich inzwischen, als wäre sie Kronzeugin eines Kapitalverbrechens und holt jetzt erst so richtig aus. »Isch kenn die Frau und isch hab alles gesehe. Die war net am Automate und hat aach kaa Fahrkart gezoge. Un unner uns, die haben werklisch genug Geld, um ’ne Fahrkart zu bezahlen. Aber des is ja typisch. So Leut bedrüge dann noch de Staat.« Hilfe, wer ist denn diese Wahnsinnige? Ihr Gesicht kommt mir vage bekannt vor. »Was reden Sie denn da«, unterbreche ich die Frau, »kennen wir uns?«, frage ich nochmal nach. Man weiß ja nie. »Sie kenne misch wahrscheinlisch net, aber isch Sie. Un Ihr Kind aach. Die verwöhnte Grott. Leut wie Sie übersehe ja gern Leut wie misch. Isch putz im Kinnergarten, wo Ihne ihrn Frau Tochter hingeht. Un isch bezahl mei Fahrkart. Immä. Obwohl isch es net so dicke hab wie Sie.« Scheiße. Scheiße. Scheiße. RTL und dazu die Kindergartenputzfrau. Welch eine unheilvolle Kombination. Morgen weiß es das ganze Kaff. Na bravo. Die RTL-Frau ist kurz vor der Ekstase. Schwarzfahrerin und dazu noch einen Hauch Klassenkampf. »Jetzt langt es aber«, sage ich und betone nochmal, dass ich meine Fahrkarte schlicht nicht finde. »Gelochen, alles voll geloche«, schreit die Frau aus dem Kindergarten, und ich schreie zurück, »Gar nicht gelogen«, und bin kurz davor zu heulen oder die Frau sehr doll zu hauen. So hatte ich mir meinen gemütlichen Ausflug in die Stadt nicht vorgestellt. »Genug«, sagt der ruhigere der beiden Kontrolleure, »an der nächsten Station steigen wir alle aus und klären die Sache.« Die nächste Station ist zwar nicht die Innenstadt, aber ich glaube, so wählerisch kann ich in meiner momentanen Situation leider nicht sein. »Okay«, antworte ich, die Aussicht, diesen Ort des Grauens zu verlassen, ist ausgesprochen verlockend, obwohl ich, wenn ich die Wahl hätte, mich am liebsten einfach in Luft auflösen oder die Uhr um zwei Stündchen zurückdrehen würde. Unter den Augen des gesamten S-Bahn-Wagens verlasse ich, wie eine Delinquentin auf dem Weg zum Schafott, die S-Bahn. Die RTL-Tante begleitet uns. Die Kindergartenputzpetze erhebt sich ebenfalls. »Isch komm mit, damit Sie misch als Zeugin uffnehme könne«, bietet sie geifernd an. Zum Glück erhebt jetzt erstmals die Kontrolleurin die Stimme. »Vielen Dank, das ist nicht nötig, wir haben genug von Ihnen gehört«, gibt sie der Hexe eine Abfuhr. Die ist sichtlich enttäuscht, grummelt: »Wie Sie meine, bitte sehr, mer will ja nur helfe, dem Staat un so«, und ruft mir ein »mir sehe uns, mir zwei« hinterher. »Ich freue mich schon ganz doll«, rufe ich zurück.

Auf dem Bahnsteig dann Verhör zweiter Teil. Man könnte meinen, ich hätte die S-Bahn entführt oder mehrere Bahnhöfe abgefackelt. Aber es scheint, als hätte die Kontrolleurin Mitleid. »Wenn Sie vierzig Euro zahlen, dann ist das Thema erledigt«, bietet sie mir an. Ich krame meine Brieftasche raus und finde genau 33,80 Euro. Zu wenig. »Nehmen Sie auch Kreditkarten?«, frage ich nach. »Nein, leider nicht«, bleibt sie weiterhin nett, »vielleicht können Sie jemanden anrufen, der sie abholt und zahlt.« Anrufen, prima Vorschlag, aber wen? Meine Eltern, das geht gar nicht. Aus dem Alter bin ich nun echt raus. Meine Schwester? Auf den Hohn und Spott kann ich gut verzichten. Ich versuche es bei meinem Bruder. Es antwortet die Mailbox. Meine Güte, da hängt der den ganzen Tag am Handy, und dann rufe ich einmal an und der Kerl geht nicht dran. Wahrscheinlich hätte er eh keinen Euro parat gehabt. Der ist ständig pleite. »Ich brauche deine Hilfe, ruf mich schnell an«, spreche ich ihm auf Band. »Mein Bruder ist nicht da«, informiere ich die Kontrolleure.

»Habe Sie kaan Mann?«, fragt mich der Kontrolleur. Er schaut mich entsetzt an. Schwarzfahren und dann noch keinen Gatten, da tun sich für den Typ Abgründe auf. »Doch«, sage ich, »natürlich«, und wähle schon zum Beweis sofort Christophs Nummer. Es meldet sich das Vorzimmer. »Hallo, hier Andrea Schnidt, ich hätte gerne mal meinen Mann gesprochen«, komme ich direkt zur Sache. Manchmal halten Frau Trundel und ich erst noch einen netten Plausch, aber so viel Muße habe ich heute nicht. »Was gibt es denn, der ist in einer Sitzung«, antwortet die Vorzimmerdame. Hockt der eigentlich von morgens bis abends in Sitzungen? Wann arbeiten die wohl mal was? »Also es ist echt wichtig und dringend und es eilt, ich muss ihn einfach jetzt sprechen.« »Gut dann stelle ich rein«, sagt Frau Trundel und verbindet mich. »Was gibt es denn?«, ist seine wenig charmante Begrüßung. Er spricht leise, was darauf hindeutet, dass er nicht allein ist. »Ich brauche sechs Euro zwanzig«, sage ich. Er ist begriffsstutzig. »Und deswegen rufst du mich an, bist du verwirrt, ich bin nicht die Bank oder ein Geldautomat.« »Verdammt«, schreie ich, »ich stehe am Westbahnhof und die Kontrolleure wollen sofort ihr Geld, ich bin ohne Fahrkarte gefahren. Und ich habe nur dreiunddreißig Euro dabei und nach Hause will ich auch wieder. Und überhaupt ist das alles ganz schlimm.« »Andrea«, sagt er, »sag, dass das ein Witz ist.« »Nein, nein, nein«, betone ich, »das ist überhaupt kein Witz. Es ist sozusagen mein totaler Ernst. Bitte hol mich. Rette mich. Schnell.« Die Antwort ist ein langes, langes Stöhnen. Dann Räuspern und dann: »Andrea, wie stellst du dir das vor, ich kann hier nicht weg. Gib deine Personalien an und wir reden später.« Jetzt ist es so weit. Ich fange doch noch an zu heulen und lege auf. Mein eigener Mann, auch noch seines Zeichens Rechtsanwalt, lässt mich beim ersten größeren Problemfall in unserer Ehe einfach im Stich. Ich bitte ihn, erstmals in unserer Beziehung übrigens, mich zu retten und er sagt: »Ich kann hier nicht weg.« Das ist ja fast noch schlimmer, als beim Schwarzfahren erwischt werden. »Mein Mann kann nicht«, schluchze ich. Die RTL-Tante pirscht sich heran. »Hören Sie auf, ich will das nicht«, habe ich trotz dichtem Tränenschleier einen lichten Moment. »Lassen Sie Ihren Gefühlen ruhig freien Lauf, die Zuschauer mögen das«, ermuntert sie mich. Was für ein widerlicher Beruf. Reporterin bei RTL