Fangermandl - Susanne Rößner - E-Book
Beschreibung

Im tiefsten Winter findet die Kripo Rosenheim die Leiche einer jungen Frau. Von unzähligen Schnitten entstellt und ohne auch nur einen Tropfen Blut im Leib in einer Futterkrippe aufgebahrt, stellt die schöne Tote Hauptkommissar Sauerwein und sein Team vor ein Rätsel. Dann führt ein anonymer Anruf zu einer ersten Spur, und es beginnt die fieberhafte Suche nach einem Phantom.

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Seitenzahl:572

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Susanne Rößner wurde in München geboren und lebt nach drei Jahren im Ausland (Italien und USA) heute wieder in ihrer Heimatstadt. Als berufliches Multitalent engagierte sie sich unter anderem als Werbekauffrau, Assistentin eines Magiers, Geschäftsleitungsassistentin, Key Account Managerin und Tauchlehrerin. Als echtes Münchner Kindl empfindet Susanne Rößner seit jeher eine tiefe Verbundenheit zum Alpenvorland. Insbesondere die »Münchner Hausberge« rund um Schliersee und Tegernsee sind ihre bevorzugten Reviere zum Wandern, Biken und Skifahren.

Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind nicht gewollt und rein zufällig.  

© 2014 Emons Verlag GmbH Alle Rechte vorbehalten Umschlagmotiv: © mauritius images/Stefan Hefele Umschlaggestaltung: Tobias Doetsch Lektorat: Christine Derrer eBook-Erstellung: CPI books GmbH, LeckISBN 978-3-86358-619-5 Oberbayern Krimi Originalausgabe

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Morgenstund, Morgenstund, ein Tag beginnt, Licht tut es kund

Gestern warst du unbeschwert, doch bald hat sich das umgekehrt

Denn heute kommt der Sensenmann, mit dem wird’s Dir angst und bang

Schon morgen fließt Dein warmes Blut, vorbei ist’s mit dem Übermut

Abendrot, Abendrot, es ist vollbracht, jetzt bist Du tot

»Fangermandl« ist die bayerische Bezeichnung für das Kinderspiel »Fangen«.

Prolog

Es war noch früh am Nachmittag, als die Sonne den Zenit überschritt und langsam hinter den verschneiten Bergen verschwand. Die Dunkelheit legte sich wie ein Vorhang aus schwerem Samt über das alte Bauernhaus, und der eisige Nebel, der vom See nach oben stieg, fühlte sich an wie flüssiges Blei.

Er hatte den sonnigen, klirrend kalten Wintertag im Freien verbracht und sich bis zur völligen Erschöpfung verausgabt, hatte Holz gehackt und die morsche Wand der Scheune eingerissen. Die Ablenkung war eine Wohltat gewesen und hatte für ein paar Stunden ein trügerisches, viel zu gutes Gefühl hinterlassen.

Trotz der Hitze, die von dem gemauerten Kachelofen in der Stube ausging, fröstelte er. Er nahm ein Glas aus dem Schrank über der Spüle und wartete, bis das Wasser klar und kühl aus dem Hahn rann. Als er den Kopf hob, betrachtete er einen Augenblick lang irritiert das Spiegelbild eines Fremden in der Fensterscheibe. Die Augen hatten einen gequälten Ausdruck, und ein bitterer Zug lag um den Mund. Wirr und dunkel hingen seine Haare in die Stirn, und zu viele Sorgen hatten Dutzende kleiner Fältchen viel zu früh in die gebräunte Haut gegraben.

Eine Zeit lang hatte er versucht, die übelsten seiner Erinnerungen zu verdrängen. Alkohol und Drogen hatten zwar kleine Inseln des Vergessens schaffen können, doch von Dauer waren sie nie.

Weit nach Mitternacht ertrug er die Müdigkeit nicht länger und quälte sich mit schweren Schritten in den ersten Stock. Bis auf ein geräumiges Bad nahm das Schlafzimmer den gesamten Dachstuhl ein und öffnete sich zum Giebel hin. Tagsüber war es ein freundlicher, lichtdurchfluteter Raum, doch jetzt drängten sich die Schatten in den Ecken und rückten bedrohlich näher.

Alles war voller Blut. Der Schnitt in die Arterie war ein Versehen gewesen und hatte dafür gesorgt, dass Wände und Möbel und sogar die Zimmerdecke in ein sich allmählich braun färbendes Rot getaucht waren. Es hatte viel zu lange gedauert, bis er die Blutung stoppen konnte, und fast hätte er darüber die Geduld verloren.

Doch jetzt war die Wunde versorgt, und er stand mit bloßen Füßen in dem roten See, der von dem Körper auf der Bahre darüber gespeist wurde. Kaum wahrzunehmen, dass die Frau inmitten dieses Chaos noch lebte. Seit Stunden tropfte es aus unzähligen Verletzungen in die immer größer werdende Lache am Boden. Er trat einen Schritt zurück und bewunderte andächtig sein Werk. Jeden einzelnen Schnitt hatte er virtuos und mit liebevoller Sorgfalt ausgeführt, hatte die zarte Haut verletzt und fasziniert, ja beinahe glücklich zugesehen, wie dicke Tropfen aus den Wunden quollen.

Aus unsichtbaren Lautsprechern durchdrangen Händels Arien den überheizten Raum und gaben ihm das wundervolle Gefühl, große Kunst zu erschaffen. Er nahm einen alten Hornkamm und kämmte hingebungsvoll die langen schwarzen Haare der Frau.

»Wie schön du bist«, flüsterte er heiser. »Wie ein Engel.« Er schloss die Augen und wiegte sich zu den Klängen des Spinetts. Berauscht vom metallischen Geruch des Blutes bestrich er seinen nackten Körper mit dem Lebenssaft der sterbenden Frau. Er massierte die warme Flüssigkeit in seine Haut, strich vom Oberkörper herab seitlich an seinem Geschlecht vorbei. Seinen Penis nicht zu berühren war wie eine süße Strafe; es war der Tribut, den er ihr dafür schuldete, dass sie ihm ihr Leben schenkte.

Wie kraftvoll ihr Herz geschlagen hatte, als sie noch voller Angst gewesen war! Wie eine Furie hatte sie an ihren Fesseln gezerrt, ihn angespuckt und geschrien, er solle sie losbinden. Ihre Augen hatten geglüht, und fast andächtig hatte er die Kraft bewundert, die in ihr steckte. Später waren ihre Forderungen in ein Flehen übergegangen. Jetzt war kaum noch Blut da, und ihr Puls flatterte so leicht wie ein Schmetterling im Wind.

Mit unendlicher Trauer nahm er wahr, dass das Zittern in ihren Händen schlimmer geworden war. Zärtlich zog er das Lid ihres linken Auges hoch und sah, dass die Linse angefangen hatte, sich einzutrüben. Endlos lange Stunden der Angst und der Hoffnung auf Rettung waren vergangen, dahingeflogen wie die Zeiger auf der Uhr. Ticktack, ticktack. Nun gab es keine Hoffnung mehr. Was blieb, war das Warten auf Erlösung. Alle Anspannung wich aus dem bleichen und noch immer so schönen Gesicht der Frau und machte einem tiefen Frieden Platz.

»Nein! Warte …«

Mit einem Griff löste er die Fesseln an ihren Händen, legte sich zu ihr und spürte, wie sein Schweiß sich mit dem Blut auf ihrem Körper mischte. Er liebkoste ihren Hals mit seinen Lippen und flüsterte ihr zu, wie sehr er sie immer lieben würde. Während er sie an sich zog und mit leichtem Druck das letzte Blut aus ihren Wunden strich, legte er seinen Mund an den ihren, um die mit ihrem letzten Atemzug entweichende Seele einzufangen.

Er schrie und sein Körper wurde von Krämpfen geschüttelt. Erst als er mit dem Kopf gegen den Nachttisch schlug und mit einem unsanften Ruck auf dem Fußboden landete, erwachte er aus dem Traum. Sein Herz raste, und ein feines Rinnsal bahnte sich einen Weg über seine Schläfe. Stöhnend zog er sich an der Kommode hoch und schaffte es mit letzter Kraft ins Bad.

Als die Krämpfe nachließen, kletterte er mit zitternden Knien in die Dusche, schloss die Glaswand und drehte das heiße Wasser bis zum Anschlag auf. Er sackte in sich zusammen und vergrub sein Gesicht in den Händen. Während er mit geschlossenen Augen auf dem Boden kauerte, verfluchte er das Grauen, das ihn seit seiner Kindheit gefangen hielt.

EINS

Evas Herz raste wie verrückt, und für einen Moment orientierungslos tastete sie nach dem Wecker. Vier Uhr morgens. Da war es wieder. Ein blechernes Scheppern, das sie unsanft aus dem Schlaf gerissen hatte. Sie stöhnte und tastete nach dem Schalter der Nachttischlampe. Im unbarmherzigen Licht der Sechzig-Watt-Birne kniff sie die Augen zusammen und kroch widerwillig unter der warmen Decke hervor.

Leise maunzend saß das schwarze Ungetüm unter der Eckbank in der Küche und drückte seinen Unwillen aus, indem es einen Blechnapf quer über den Fliesenboden schob. Eva rieb sich die Augen und stöhnte vor Schmerz. Der Kater kam zu ihr, schmiegte sich an ihre Beine und bettelte um Futter. Sie streichelte kurz über das warme, weiche Fell und tapste schlaftrunken über den dunklen, kalten Flur weiter ins Bad.

Im schwachen Licht des Badezimmers drückten sich ihre kleinen Brüste durch das enge T-Shirt. Es war zu kurz, um das Bäuchlein zu bedecken, das ihr seit Jahren Verdruss bereitete. Sie beugte sich zum Spiegel und musterte ihr Gesicht. Der Bluterguss hatte an Farbe zugelegt und würde bis zum Morgen ein schönes Veilchen ergeben.

Vorsichtig rieb sie ihr verletztes Auge und verzog den Mund, als ihr ein säuerlicher Geruch in die Nase stieg. Sie fragte sich, wo das Stück Leber abgeblieben war, das sie auf die Schwellung gelegt hatte. Verdammt! Eva rannte ins Schlafzimmer, scheuchte den Kater mit einem Schrei aus ihrem Bett und betrachtete naserümpfend das angekaute Stück Fleisch, das einen hässlichen roten Fleck auf der sonnengelben Bettwäsche hinterlassen hatte.

Zwei Stunden später klingelte der Wecker. Wie gerädert quälte sie sich aus dem Bett und stellte sich unter die Dusche. Zwanzig Minuten später wischte sie die Lache auf, die neben dem mit bunten Fischen bedruckten Duschvorhang auf die grauen Fliesen getropft war, ging in die Küche und schnitt die Leber für den Kater klein.

Hoffentlich bleibt es ruhig, betete sie mit einer Tasse Kaffee in der Hand und sah den Schneeflocken zu, die in Zeitlupe aus dem grauen Himmel fielen. Als ihr Chef vor zehn Tagen unerwartet ausgefallen war, hatte Märkel ihr kommissarisch die Leitung der Abteilung für Gewaltverbrechen übertragen. Allein beim Gedanken daran wurde ihr übel.

Eva löste ihren Blick von der Straße und ging ins Schlafzimmer. Nach dem vierten Anlauf entschied sie sich für einen dunkelbraunen Strickpulli und verwaschene Jeans. Ein kurzer Blick auf die Uhr zeigte ihr, dass es schon spät war und sie sich zwischen Aufräumen und Streicheleinheiten entscheiden musste.

Eine halbe Stunde später klingelte ihr Telefon.

»Schläfst du noch?«, fragte ihr Kollege Max Hansen irritiert.

Oh Gott. Sie scheuchte den Kater vom Sofa, schnappte sich die braune Kunstfelljacke und schlüpfte in ihre dicken Winterstiefel. Während sie die Treppe hinabhumpelte, kämmte sie mit den Fingern durch ihre dunklen Locken. Die lange Mähne hatte sie abschneiden lassen, als ihr das morgendliche Ritual zunehmend auf die Nerven gegangen war. Seither konnte sie eine halbe Stunde länger schlafen und sah aus wie Anfang zwanzig. Was nicht immer ein Segen war.

***

Max Hansen pfiff durch die Zähne, als Eva ins Zimmer humpelte und ihre Jacke auf den kaputten Stuhl in der Ecke warf.

»Wow, Eva, hattest du ein Rendezvous mit einem Boxer? Wobei ich mich frage, ob es ein zwei- oder ein vierbeiniger war. Immerhin brauchst du dich eine Weile nicht zu schminken, so wie du aussiehst.« Er stieß ein meckerndes Lachen aus und klopfte sich vor Vergnügen auf die Schenkel.

Dass Märkel Eva statt ihn vorübergehend zur Leiterin ihrer Abteilung ernannt hatte, wurmte Max wie verrückt, und er ließ keine Gelegenheit aus, ihr das zu zeigen. Dieser Idiot. Den Job konnte er gern haben. Eva blätterte wie beiläufig in der Aktenmappe, die auf ihrem Schreibtisch lag.

»Weder noch. Wusstest du, dass man für die Einzelkämpferausbildung einen Prüfungssprung bei völliger Dunkelheit absolvieren muss? Nein?« Sie machte eine Pause und ergötzte sich an seinem entgeisterten Gesichtsausdruck. »Gestern Nacht hatte ich dabei das Pech, dass sich der Hauptschirm nicht geöffnet hat. Deswegen war die Landung auf dem Wallberg echt beschissen, aber ich hab es trotzdem ohne Hilfe geschafft, mich durchzukämpfen. Du kannst also stolz auf mich sein.«

Eva hatte keine Ahnung, ob es einen derartigen Plan bei der Ausbildung gab, aber der fassungslose Blick ihres Kollegen war jedenfalls einen Preis wert. Und sie dachte nicht im Traum daran, ihn aufzuklären.

»Ich muss zu Märkel. Schaffst du es, so ganz allein die Stellung zu halten, bis Karl kommt?« Mit heimlicher Genugtuung sah sie, dass sein Gesicht eine leicht rosa Farbe annahm. Sollte er sich doch ärgern. Vielleicht würde er ja irgendwann begreifen, dass ihre Sticheleien nur das Echo auf seine Unverschämtheiten waren.

***

Rosie war mit dem Schlafzimmer fertig und stellte den geflochtenen Korb mit der Schmutzwäsche vor die Waschmaschine. Als sie den Inhalt nach Farben sortierte, fiel ihr Blick auf ein Stück Stoff, das zwischen Wand und Trockner gerutscht war. Für den Augenblick war sie froh, dass der Besitzer des Penthauses den kleinen Raum hinter der Küche nie betrat. Er war, nun ja, »pingelig« war ein zu freundliches Wort dafür. Er bestand darauf, dass sein Zuhause so steril zu sein hatte wie ein Operationssaal, und alles, was von dieser Vorgabe abwich, artete zu einem Drama aus.

Die Wohnung, der sie sich fünf Vormittage pro Woche widmete, war ein Traum. Sechs Zimmer mit bodentiefen Fenstern, großzügig geschnitten, die Möbel modern und geschmackvoll und sicher sündhaft teuer. Marmor und Granit in den Bädern und der Küche, Edelhölzer in den anderen Räumen. Eine achtzig Quadratmeter teilüberdachte Terrasse mit dunkelbraunen Loungemöbeln und einem Blick auf die Berge, der allein schon ein Vermögen wert war. Und doch hatte Rosie in den vergangenen zehn Jahren nur selten Hinweise auf einen Besucher entdeckt.

Stirnrunzelnd betrachtete sie den weißen Stoff. Sie kniete sich auf den Boden und griff mit der Hand danach. Vergeblich. Er war zu weit nach hinten gerutscht. Stöhnend kam sie auf die Beine und überlegte, ob sie den Fund einfach vergessen sollte. Dann schüttelte sie den Kopf. Ignoranz war ein schlechter Ratgeber. Manchmal war ihr Arbeitgeber wie ein Bluthund, dessen größtes Vergnügen es war, Unregelmäßigkeiten zu erschnüffeln. Und das Ding hinter dem Trockner wäre ein gefundenes Fressen für ihn. Wie vor zwei Jahren, als er eines Abends seinen Füllfederhalter verloren hatte. Am nächsten Tag hatte er sich auf die Suche danach begeben und ihn unter dem Sofa entdeckt. Was für ein Theater er gemacht hatte! Er hatte getobt wie ein Hagelsturm, und sie hatte sogar einen Augenblick lang Angst gehabt, er würde sie schlagen. Egal, wie, der Stoff musste verschwinden.

Zehn Minuten lang angelte sie mit dem Besenstiel nach dem Knäuel, bis es endlich seinen Widerstand aufgab. Sie zog den Stoff auseinander und spürte, wie sich ihr Puls beschleunigte. Das einst blütenweiße Hemd war großflächig mit einer getrockneten bräunlich roten Substanz verschmiert. Schwer atmend stützte sie sich auf den Trockner, während sich ihre Gedanken überschlugen.

Sollte sie es in die Waschmaschine stecken, Bleichmittel hinzugeben und so tun, als wäre nichts gewesen? Es zurück an seinen alten Platz schieben, so tief, dass man es nicht mehr sehen konnte? Es zur Polizei bringen? Angeekelt betrachtete sie das erstarrte Gewebe und kaute nervös auf dem Knöchel ihres linken Daumens.

Vielleicht gab es ja einen Zusammenhang zwischen dem Hemd und dem Raum am Nordende der Wohnung, den sie nur einmal betreten hatte. Es war ihr zweiter Arbeitstag gewesen, und sie stand ratlos vor den abscheulichen Gemälden an der Wand und den seltsamen Geräten auf dem Schreibtisch. Alles sah neu und teuer aus, und sie wusste nicht, welches Mittel sie zum Reinigen benutzen durfte.

Seine Warnung war mehr als deutlich. Und es war das einzige Mal, dass er sie in all den Jahren geduzt hatte: »Wenn du diesen Raum jemals wieder betrittst, Rosie, dann bringe ich dich um.« Dabei lächelte er sie so freundlich an, dass sie später glaubte, sich verhört zu haben.

***

Am Abend war Eva erleichtert, dass auch ihr zehnter Tag als Verantwortliche der Abteilung ohne Zwischenfall verlaufen war. Sie sah auf die Uhr. Halb fünf, Gott sei Dank.

Dreißig Minuten später legte sie die Akte des letzten Falls, den Max und sie in nur einem Tag gelöst hatten, in den abschließbaren Wandschrank, schaltete den Computer aus und nahm ihre Jacke vom Stuhl. Als sie einen prüfenden letzten Blick ins Zimmer warf, klingelte ihr Telefon. Kurz überlegte sie, ob sie den Anruf ignorieren sollte. Die Kollegen waren schon im Feierabend, und auch ihr konnte es niemand verdenken, wenn sie an einem ruhigen Tag wie diesem pünktlich nach Hause ging.

»Kommen Sie sofort in mein Büro!« Märkels Tonfall ließ keinen Zweifel zu, dass es keine Bitte war, sondern eine Anweisung.

Eva seufzte. Mist.

»Kommen Sie rein.« Das klang längst nicht so freundlich wie am Vormittag. Der Polizeidirektor saß wie ein fetter, ungepflegter Buddha hinter seinem großen Schreibtisch aus grünem Marmor. Dass er ihr keinen Stuhl anbot, sondern sie wie ein Schulmädchen stehen ließ, war das Tüpfelchen auf dem i.

»Frau Neunhoeffer, mir ist etwas über Sie zu Ohren gekommen, das Konsequenzen nach sich ziehen wird.«

Verwirrt sah Eva ihren Chef an. Wovon zum Teufel redete er da?

»Dass Sie sich entschlossen haben, sich weiter auszubilden, ist an sich ja erfreulich. Dass Sie es im Gegenzug aber nicht für nötig erachten, sich dafür eine Genehmigung einzuholen, ist schon sehr dreist. Es tut mir leid, Ihnen sagen zu müssen, dass mich das sehr enttäuscht.« Märkel pulte mit zwei Fingern in seinen gelblichen Zähnen nach den Resten seines Mittagessens. Widerlich. Sie wandte den Blick von ihm ab.

»Sehen Sie mich an, wenn ich mit Ihnen spreche!«, quiekte er. Wie immer, wenn sein Blutdruck stieg, klang er wie ein Kaninchen, das in einem Fuchsbau saß.

Allmählich wurde es ihr zu blöd. »Bevor Sie mich weiter zusammenstauchen, wäre ich Ihnen dankbar, wenn Sie mir zumindest sagen würden, worum es eigentlich geht.«

»Jetzt werden Sie nicht auch noch unverschämt!« Märkel sprang ungelenk auf. »Sie wissen ganz genau, dass ich von Ihrem fragwürdigen Engagement rede, eine Prüfung beim SEK abzulegen.«

Ach du Scheiße. Max, dafür bring ich dich um, schwor sie sich. Diese Idioten. Max genauso wie der Chef. »Es tut mir wirklich leid, aber ich habe keine Ahnung, wie Sie auf einen solchen Blödsinn kommen, bei allem Respekt. Ich habe schon Höhenangst, wenn ich auf meinem Balkon im ersten Stock stehe, und da soll ich eine Kampfausbildung machen? Das ist ja lächerlich.«

»Was? Wollen Sie damit sagen, dass das gar nicht stimmt?« Märkel ließ sich schwer zurück auf seinen Stuhl fallen. Seine Gesichtsfarbe wechselte in Sekundenschnelle von einem zarten Schweinchenrosa in das Lila einer reifen Pflaume.

»Natürlich nicht. Nicht für eine Million würde ich mir das antun.« Sie stützte sich auf seinen Tisch und beugte sich nach vorne. »Aber vielleicht erzählen Sie mir, wie Sie auf einen derartigen Schmarrn kommen?« Mit Genugtuung nahm sie wahr, dass er ihrem Blick auswich. Sollte es ihm doch peinlich sein!

»Aber, ja, also, wieso humpeln Sie dann, und woher kommt das blaue Auge?«

Eva war so sauer, dass es pure Streitlust war, ihn auflaufen zu lassen, Chef hin oder her. »Seit wann stehen Veilchen in einem Zusammenhang mit einer Ausbildung beim SEK? Da komme ich leider nicht ganz mit.«

»Ja, ähm, ich meine, nein, da haben Sie natürlich recht. Also wenn Sie diese Ausbildung gar nicht machen, dann vergessen Sie es einfach.«

»Vergessen? So einfach? Ich muss schon sagen, dass ich enttäuscht bin über derart haltlose Verdächtigungen und Vorwürfe.« Sie wandte sich ab und humpelte übertrieben zur Tür. Die Klinke in der Hand, drehte sie sich noch einmal um. »Aber gut, dass Sie mich an das blaue Auge und den verstauchten Knöchel erinnern. Ich bin gestern Abend auf dem vereisten Parkplatz hier vor dem Haus ausgerutscht. Dabei bin ich mit dem Auge gegen den Außenspiegel eines dunkelgrauen Siebener-BMW geknallt, der im Halteverbot stand. Sie wissen nicht zufällig, wem der Wagen gehört?«

Als sie ihn mit hochrotem Kopf in seinem Büro zurückgelassen hatte, wäre sie am liebsten vor Freude die Treppe hinuntergehüpft. Eva freute sich diebisch, dass sie ihm gezeigt hatte, dass sie nicht das kleine Mäuschen war, das er und viele andere Kollegen in ihr vermuteten. Nur weil sie trotz ihrer vierunddreißig Jahre aussah wie eine Studentin.

***

Er steckte zwei Scheiben Brot in den Toaster und schlug drei Eier in eine Pfanne. Lustlos stocherte er in seinem Frühstück, und auch der Kaffee schmeckte ihm nicht. Er schüttete den Rest in den Ausguss, stellte die Spülmaschine an und goss den halb vertrockneten Weihnachtsstern auf der Fensterbank.

Als er sich von der schlaflosen Nacht erholt hatte, spürte er eine vertraute Unruhe. Eine unsichtbare Macht zog ihn an einen Ort, den sein Unterbewusstsein vor langer Zeit gespeichert hatte und den er nur zu gern vergessen würde. Doch wie er aus Erfahrung wusste, würde sein Geist keine Ruhe geben. Er würde träumen, wieder und wieder, bis er dem Drängen letztlich nachgab.

Er verstaute Schneeschuhe, Stöcke und einen Rucksack mit einer Kanne Tee, zwei Äpfeln und einer Packung Keksen und fuhr durch die schneebedeckte Landschaft Richtung Süden.

Vierzig Minuten später ließ ihn ein unbestimmtes Gefühl nach links in einen geräumten Waldweg einbiegen. Wenige hundert Meter weiter wies ein Schild darauf hin, dass er sich nach dem großen Tor auf Privatbesitz befinden würde und das Betreten Unbefugten verboten war. Was im Grunde egal war, da er nicht im Traum daran dachte, über das verschlossene Tor zu klettern.

Vorsichtig setzte er den schweren Audi zurück, um keine verräterischen Reifenspuren zu hinterlassen. Wenden war unmöglich, und vom Weg abkommen hieße, der unberührten Schneedecke neben der schmalen Forststraße einen Stempel aufzudrücken.

Nachdem er auf der Bundesstraße einen Wanderparkplatz angefahren hatte, schaltete er sein iPad ein und aktivierte ein Landkartenprogramm, das ein Bekannter ihm vor ein paar Monaten im Gegenzug für einen Gefallen besorgt hatte. Mapact war ein internes, öffentlich nicht verfügbares Programm der Regierung. Es verzeichnete neben Straßen auch Grundstücke und Häuser mit genauem Grenzverlauf, exakter Größe und Namen sowie detaillierte Angaben zu den jeweiligen Eigentümern. Außerdem standen Fotos in Echtzeit zur Verfügung, vorausgesetzt, der Himmel war klar und ein angeschlossener Satellit befand sich im Überflug. Mittels GPS-Bestimmung identifizierte er in weniger als einer Minute das Gelände.

»Hubert von Hohenfels, fünfhundertvierunddreißig Hektar, vollständig von einer umlaufenden Mauer umgeben. Stellenweise zusätzlich durch Elektrozaun abgeschirmt.« Er pfiff durch die Zähne. »Was zum Teufel sichert der denn hier ab? Ein privates Fort Knox?«

Als er den Ausschnitt vergrößerte und durch die Karte scrollte, fiel ihm der kleine baumlose Fleck am nördlichen Rand ins Auge, mitsamt dem ihm nur zu gut bekannten Weg, der von Westen her dorthin führte. Er hatte gehofft, dass ihm der Umweg erspart bleiben würde, doch das riesige umzäunte Areal machte ihm einen Strich durch die Rechnung.

Eine halbe Stunde später hatte er sein Ziel erreicht. Er fuhr in den hinteren Bereich des Parkplatzes und stellte den Wagen so ab, dass er von der Straße nicht mehr zu sehen war. Nachdem er Stulpen über seine Jeans und Bergschuhe gezogen hatte, packte er seinen Rucksack und machte sich auf den Weg zum See.

In der letzten Nacht war ein halber Meter Schnee gefallen, und trotz der Schneeschuhe fiel es ihm schwer, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Bereits nach fünfzehn Minuten stand ein Schweißfilm auf seiner Stirn, und kleine Bäche rannen seinen Rücken hinab.

Eisige Stille lag über der tief verschneiten Landschaft. Hoch am Himmel zog ein Falke seine morgendlichen Bahnen auf der Suche nach Beute, die sein Überleben für die nächsten ein, zwei Tage sichern würde. Der kleine See lag gefroren in seinen Ufern, als die ersten Sonnenstrahlen die zerklüftete Berglandschaft in ein rosafarbenes Licht tauchten. Eine Weile betrachtete er den Zauber durch ein Fernglas, bis etwas am gegenüberliegenden Ufer seinen Blick durch den sich langsam lichtenden Nebel auf sich zog.

Der Schnee lag so hoch, dass er eine knappe Stunde brauchte, um den See zu umrunden. Je näher er kam, desto deutlicher traten die Formen des Objekts hervor, das seine Aufmerksamkeit erregt hatte. Die Futterstelle war bis auf ein großes weißes Bündel leer. Er ging näher heran und hob die Hand, um den Schnee wegzuwischen, als er die Finger sah, die nach unten aus den Stäben ragten.

Froh, den Anblick der toten Frau kein weiteres Mal ertragen zu müssen, atmete er auf. Das wenige, was er sah, zeigte ihm, dass sie nicht bewegt worden war, und das war alles, was er wissen musste. Ohne sich zu rühren, dachte er lange über mögliche Konsequenzen nach. Wenn er die Polizei verständigte, würde sie eins und eins zusammenzählen und ihn zu ihrem Hauptverdächtigen küren. Der See war im Winter kein Ziel für einen Ausflug, und an einen Zufall würde zu Recht niemand glauben. Als er zu einem Entschluss gekommen war, verlängerte er die Schultergurte des Rucksacks mit einem Seil und zog ihn wie eine Schleppe hinter sich her.

Zurück am Auto, wiederholte er die Prozedur mit den Reifenabdrücken. Er brauchte eine halbe Ewigkeit, um alle verräterischen Spuren zu beseitigen, dann fuhr er Richtung Osten.

Das winzige Häuschen, vor dem er wenig später parkte, hatte seine besten Zeiten längst hinter sich. Morsche Fensterläden hingen schief in den Angeln, und die Stellen, an denen der Putz noch an der Wand klebte, konnte er mit einer Hand bedecken.

Die alte Frau hatte ihn fast nicht erkannt, so schlecht waren ihre Augen mit der Zeit geworden. Dann legte sich ein Lächeln über das faltige Gesicht, das auch in jungen Jahren nie schön gewesen war und doch die Verehrer angezogen hatte wie die Motten das Licht.

Obwohl im Ofen ein kleines Feuer brannte, war es kalt im Zimmer. Er drückte sie an sich, und als er ihre Rippen unter den vielen Schichten ihrer Kleidung spürte, kam er sich unendlich schlecht vor.

Er setzte sich an den wackligen Tisch und fühlte, dass es sie kränken würde, wenn er ihr die Rolle der Gastgeberin aus der Hand nahm. Umständlich füllte sie Kaffee in einen Dauerfilter, übergoss ihn mit heißem Wasser und deckte mit zitternden Händen den Tisch. Das Mobiliar war alt und abgenutzt, und das bestickte Deckchen war vom vielen Waschen durchsichtig geworden. Trotzdem war alles sauber und ordentlich. Als sie sich zu ihm setzte, tat sie ihm leid.

Tastend suchte sie nach seiner Hand. »Es gibt nichts zu bedauern. Du konntest doch gar nicht anders.« Sie lächelte, als sie spürte, wie überrascht er war.

»Tante Fanni, vor dir konnte ich noch nie etwas verheimlichen«, sagte er leichthin, aber sie merkte, wie nah es ihm ging. Sie hatte ihn schon als Kind gern gemocht, vielleicht weil er so anders war als die Jungen, die nach der Schule durch die Wälder tobten.

»Ich war die beste Freundin deiner Großmutter, und sie war eine gute Lehrerin.«

Eine Weile tauschten sie Erinnerungen über Anni Maindl aus, bis die alte Frau sagte: »Du bist sicher nicht hier, um mit mir über Anni zu reden. Was hast du auf dem Herzen?«

Er nahm ihre Hand, streichelte sachte über die faltige Haut und nahm sich Zeit, um die richtigen Worte zu finden. Dann fing er an zu erzählen. Schweigend hörte sie ihm zu, bis er seine Geschichte mit einer Bitte beendete: »Tante Fanni, ich brauche deine Hilfe.«

ZWEI

Karl Holtau gestikulierte wild, als Eva in das überheizte Zimmer kam. Er drückte eine Taste am Telefon und forderte laut: »Bitte wiederholen Sie das.«

»Eine tote Frau gefunden. Im Weissacher Moor, in der Heuraufe am See. Mehr sage ich nicht. Fahren Sie hin und sehen Sie es sich selbst an«, sagte die Frau und legte auf.

Eva drehte das Thermostat zurück und lehnte sich gegen Karls Tisch. »Wer war denn das?«

»Das wollte sie nicht sagen. Nur, dass sie eine Leiche entdeckt hat.«

Nachdenklich knabberte Eva an ihrem letzten Keks. »Wie alt wird sie wohl sein?«

»Schwer zu sagen. Der Stimme nach über achtzig.«

»Hmm, das glaube ich auch.« Sie stibitzte ein Stück Schokolade aus seiner offenen Schublade. »Ich kenne die Gegend. Es ist ein abgelegener Sumpf mit einem großen Weiher, den die Kinder im Sommer zum Schwimmen nutzen. Ich kann mir bei aller Phantasie nicht vorstellen, wie eine achtzigjährige Frau durch diese Schneemassen zu der Futterstelle kommen kann, von der sie gesprochen hat.«

Eva nahm den Hörer von Karls Telefon und wählte eine Nummer. »Können Sie den Anrufer zurückverfolgen, der zuletzt mit diesem Apparat verbunden war? Ja, ich warte. Egal, ob das eine alte Frau schaffen kann oder nicht, wir müssen es überprüfen. Wir nehmen den Allrad und fahren … Ja?« Sie hörte zu und brummte einige unverständliche Antworten, dann legte sie den Hörer auf. »Der Anruf kam von einem Mobiltelefon ohne eingelegte SIM-Karte. Sie hat sich über die 110 zu uns durchstellen lassen.« Sie legte den Kopf schief und sah ihren Kollegen erwartungsvoll an.

»Very tricky«, sagte er nach einer Weile. »Ein bisschen zu clever für eine alte Frau, oder?«

»Eben. Der Anruf konnte nur bis zu einer Funkzelle im Gebiet um Sachsenkam zurückverfolgt werden. Gegebenenfalls nehmen wir uns die Dorfbewohner dort vor. Aber erst überprüfen wir, ob an der Geschichte was dran ist.«

Nachdem Eva den Wagen geparkt hatte, schnallten sie sich Schneeschuhe unter ihre Stiefel und machten sich auf den weiten Weg zum See.

»Ich glaube ja, dass wir verarscht werden«, maulte Karl schon nach fünf Minuten. »Hier gibt es weit und breit keine Spuren im Schnee. Und die Alte hat nichts davon gesagt, dass sie fliegen kann.« Widerwillig schlug er mit einem Stock gegen die Äste der Nadelbäume. Er hatte Angst, dass der Schnee ausgerechnet dann abrutschen würde, wenn er darunter durchging.

Eva verdrehte die Augen. »Es gibt noch einen zweiten Zugang von Westen her. Vielleicht kam sie von dort.«

Anders als Karl war sie froh, dem Büromief für ein paar Stunden den Rücken zu kehren. Nur sein Gemecker ging ihr auf die Nerven. Sollte die Suche zu nichts führen, dann wäre das doch gar nicht so schlecht. Nur eine kleine Wanderung während der Arbeitszeit. Karl hielt nicht viel von frischer Luft, und anstrengen mochte er sich erst recht nicht. Um ihm die Kraft zum Reden zu nehmen, zog sie das Tempo an, bis ihm nichts anderes übrig blieb, als den Mund zu halten, um nicht zurückzubleiben.

Zwanzig Minuten später passierten sie einen Wildwechsel, und kurz darauf hörten sie ein aufgeregtes Grunzen. Eva blieb stehen und legte den Finger auf die Lippen.

»Hörst du das?«, flüsterte sie. »Das sind Wildschweine. Die sind extrem scheu, und sie müssen was zu fressen gefunden haben, sonst hätten sie den Krach längst gehört, den wir machen.«

Karl sah sie mit großen Augen an. »Denkst du …?«

Sie nickte. »Ja. Wir müssen uns anschauen, was sie gefunden haben. Komm.«

So gut es ging, rannten sie die letzten fünfzig Meter zum See. Drei große Bachen und ein alter Keiler standen unter einem windschiefen Futterstand und versuchten, an das heranzukommen, was auf dem Gitter lag.

Eva fing zu schreien an und klatschte in die Hände. »Haut ab, haut ab, weg da!«

Erschrocken fuhren die Schweine herum, als die beiden nach Mensch stinkenden Gestalten auf sie zurannten. Auf kurzen Beinen machten sie kehrt und stoben davon.

Noch bevor sie die Raufe erreicht hatten, zog Eva ihr Telefon aus ihrem Parka und rief die Sachbearbeiterin im Präsidium an. »Die Anruferin hatte recht. Wir brauchen das volle Programm. Finde heraus, wer für das Gebiet zuständig ist, und sag Hansen Bescheid.«

Eine halbe Stunde später hatte Nora Wallner den Revierförster ausfindig gemacht. Er erklärte sich bereit, die Leute von der Polizei mitsamt ihrer Ausrüstung mit seinem Landcruiser an der Straße abzuholen.

»Das letzte Stück müssen Sie zu Fuß gehen. Der Forstweg wurde im Herbst unterspült und kann bei dem Schnee nicht befahren werden, tut mir leid«, erklärte er. »Ich kann Ihnen Schneeschuhe leihen, wenn Sie keine eigenen haben.«

Als Max Hansen mit der Spurensicherung und dem Rechtsmediziner Amadeus Dyrkhoff bei Eva ankam, untersuchte sie eine merkwürdige dreißig Zentimeter breite Schleifspur.

»Ich glaube, dass diese Spur zu dem zweiten Parkplatz westlich von hier führt«, erklärte sie. »Karl ist unterwegs dorthin und versucht herauszufinden, ob die Spur auf der ganzen Länge verwischt ist.«

»Du hast Karl dazu gebracht, fünf Kilometer zu laufen? Gratuliere.« Max lachte auf.

»Die Alternative hat ihm noch viel weniger gefallen.« Mit einer Kopfbewegung deutete sie zur Futterkrippe. »Als wir ankamen, waren ein paar Wildschweine dabei, die Hand abzunagen, die durch das Gitter gerutscht war. Ich hab ihm gesagt, dass einer die Spur untersuchen und der andere die Schweine suchen gehen muss.«

Alle wussten, dass Karl Angst vor allem hatte, was größer war als ein Hamster. Max grinste, und der Rechtsmediziner rügte sie mit einem Blick, der von einem fast unmerklichen Lächeln begleitet war. Eva drückte sich nie vor unangenehmen Aufgaben, das war im ganzen Präsidium bekannt.

Kurz nach Max kam auch Karl zurück. Er hatte einen roten Kopf und war außer Atem. »Wer auch immer hier gewesen ist, er hat seine Spuren gut verwischt. Und er hat einen größeren Gegenstand bis zur Straße hinter sich hergezogen. Nichts, was wir verwerten können.«

»Was ist mit dem Parkplatz? Hast du Reifenspuren gefunden?«, fragte Max.

Karl Holtau schüttelte den Kopf. Er zog ein Stofftaschentuch aus der Jacke und schnäuzte sich. »Nein. Der Wagen wurde auf die Straße gefahren, und danach wurden alle Profilabdrücke beseitigt.«

»Denkst du, dass eure Anruferin fit genug ist, um das zu schaffen?«, fragte Max.

»Kann ich mir nicht vorstellen. Es ist schon scheißanstrengend, nur die einfache Strecke zu laufen. Und so alt, wie sie am Telefon klang, halte ich es für unwahrscheinlich, dass sie überhaupt noch Auto fahren kann.«

»Also hat sie für jemand anderen angerufen«, folgerte Eva. »Nur, weshalb?«

»Um jemanden zu decken? Den Täter vielleicht?«

»Ich weiß nicht.« Sie zog die Stirn in Falten. »Ergibt das einen Sinn? Warum sollte sich der Mörder bei uns melden? Um erwischt zu werden? Dazu braucht er keine dritte Person. Und wenn er nicht gefasst werden will, setzt er sich einem ziemlichen Risiko aus, wenn er jemanden einweiht. Das ist völlig unlogisch.«

Max hatte die Unterhaltung seiner Kollegen skeptisch verfolgt. »Vielleicht sollten wir die Untersuchungsergebnisse abwarten, bevor wir zu spekulieren anfangen. Wir wissen ja noch nicht mal, ob wir es überhaupt mit einem Mordfall zu tun haben.«

Die anderen sahen ihn überrascht an.

»Wie soll die Leiche denn sonst in die Heuraufe gelangt sein? Glaubst du, dass die Frau zu Lebzeiten hineingeklettert ist und dort auf den Tod gewartet hat?«, fragte Eva.

»Ich sage ja gar nicht, dass ich an einen natürlichen Tod glaube. Nur, dass wir warten sollten, bis sich der Falke geäußert hat.« Im letzten Jahr hatte ein Witzbold dem Kollegen aus der Rechtsmedizin wegen seiner Leidenschaft, in den Eingeweiden der Opfer zu wühlen, den Namen des Greifvogels verpasst. Je mehr sich Amadeus Dyrkhoff dagegen wehrte, desto tiefer setzte sich der Spitzname bei den Ermittlern fest.

Max winkte den Kollegen von der Spurensicherung zu sich. »Habt ihr was gefunden?«

»Bisher nichts. Falls es mal Spuren gab, haben die Wildschweine sie niedergetrampelt. Und der Schnee macht es uns auch nicht leichter.«

»Sollte Dyrkhoff einen natürlichen Tod ausschließen, dann nehmt den Schnee von der Fundstelle mit und taut ihn im Labor auf. Vielleicht findet sich dabei was«, sagte Eva.

Inzwischen hatte der Rechtsmediziner einen Klapptisch neben die Heuraufe gestellt und seine Utensilien darauf sortiert. Vorsichtig machte er sich daran, die Leiche mit einem weichen Pinsel von der Schneedecke zu befreien.

»Hat die Anruferin nicht etwas von einem Tuch gesagt?«, fragte Max.

»Sie hat ein Laken erwähnt, in das die Frau eingewickelt ist«, antwortete Karl, ohne ihn anzublicken.

»Hat sie wirklich von einer Frau gesprochen? Wir stehen schon seit einer halben Ewigkeit hier rum, und ich sehe noch immer keinen Anhaltspunkt, welches Geschlecht die Leiche hat. Woher also konnte sie wissen, dass da eine Frau liegt?« Max fand die ganze Geschichte ausgesprochen dubios.

»Wenn die Schweine noch nicht an der Leiche waren, als sie entdeckt wurde, dann müssen die Finger noch vollständig vorhanden gewesen sein. Die lassen auf das Geschlecht schließen«, sagte Eva. »Und den Schnee kann sie mit einem Laken verwechselt haben.«

»Also hör mal.« Max blickte sie skeptisch an. »Sie war nah genug dran, um die Hand als weiblich zu identifizieren, kann aber den Schneehaufen nicht von einem Tuch unterscheiden? Das passt doch nicht zusammen.«

Eva nahm dankbar einen Becher mit Kaffee, den die Männer von der Spurensicherung in großen Thermoskannen mitgebracht hatten, und wärmte sich ihre Hände daran, ohne zu trinken. »Irgendwie passt gar nichts zusammen. Das ganze Ding steckt voller Ungereimtheiten.«

Wenig später hatte Dyrkhoff den Leichnam freigelegt. Das ebenmäßige Gesicht der jungen Frau war blass wie der Schnee, und auf ihren tiefroten Lippen lag ein friedliches Lächeln. Die halblangen, fast schwarzen Haare waren frisch frisiert und fielen in weichen Wellen nach vorne gekämmt auf ihre nackten Schultern. Eine Hand umschloss die rechte Brust, und intuitiv spürten die Ermittler, dass die andere Hand auf ihrer Scham hätte liegen sollen.

Eingezwängt in das Kreuzgitter der Heuraufe war der steif gefrorene Körper über und über mit Schnitten bedeckt. Wohin der Blick auch irrte, er fand kein Stückchen Haut, das verschont geblieben war. Nur das Gesicht war unverletzt bis auf eine alte, längst verheilte Narbe, die quer über die Stirn lief.

So friedlich, wie sie da lag, schien die Frau nur zu schlafen und erinnerte Eva an das Märchen von Dornröschen. Seltsam nur, dass das Haar seine Form behalten hatte, obwohl es vollständig von Schnee bedeckt gewesen war.

Wortlos beobachteten die Ermittler den Fotografen, der zehn Minuten brauchte, um die Leiche von allen Seiten zu fotografieren.

Als er fertig war, räusperte sich Eva und schluckte den Kloß in ihrem Hals hinunter. »Sie trägt roten Nagellack«, unterbrach sie die Stille.

Max sah sie fragend an.

»Deswegen hat die Zeugin von einer Frau gesprochen. Der Lack hebt sich deutlich vom Schnee ab«, sagte Eva.

»Können Sie sagen, wie lange die Schweine schon an der Hand gefressen haben?«, fragte Max den Rechtsmediziner Dyrkhoff.

»Unmöglich festzustellen. Die Temperaturen verhindern eine Verfärbung der Wundränder, und der Verwesungsprozess setzt bei der Kälte nicht ein. Theoretisch kann die Frau also schon vor Wochen ermordet worden sein. Im Moment kann ich Ihnen nicht mal annähernd sagen, wie lange sie schon hier liegt.«

Wieder war es eine Zeit lang still, als jeder für sich versuchte, das Bild zu deuten, das sich ihnen bot.

»Sie ist stark geschminkt.« Das kam von Karl.

Max sah ihn stirnrunzelnd an. Das bisschen Lippenstift und Wimperntusche fand er viel? Vielleicht weil er alles außer Niveacreme für übertrieben hielt.

»So viel ist das nicht.« Das war auch Evas Meinung. »Es erweckt nur den Anschein, weil die Haut extrem blass ist und das den Kontrast zwischen den Haaren und dem Lippenstift hervorhebt.« Sie trat näher an die Heuraufe heran und beugte sich so weit es ging über das Gesicht der Toten.

»Doktor, darf ich?« Sie deutete auf ein Wattestäbchen.

»Nur zu.«

Vorsichtig rieb sie mit dem Stäbchen über den Mund der Frau, sah sich das Ergebnis an und zeigte es dann den Kollegen. »Das ist seltsam«, stellte sie fest. »Die Frau ist frisch geschminkt. Zuerst dachte ich, sie hat Permanent-Make-up auf den Lippen oder zumindest ein Vierundzwanzig-Stunden-Produkt. Aber es ist stinknormaler Lippenstift, der sich ganz leicht abwischen lässt. Und die Wimpern sind sorgfältig getuscht.« Behutsam fasste sie die Haare der Toten an und zwirbelte eine Strähne zwischen den Fingern. »Außerdem hat sie eine wirklich große Menge Haarspray aufgetragen.«

»Na und?« Ratlos sahen die Männer Eva an.

»Die Frau ist offensichtlich zu Tode gefoltert worden. Und das lässt sie über sich ergehen, ohne sich auf die Lippen zu beißen, ohne zu schreien und zu weinen, nur damit ihr Make-up nicht verschmiert? Nie im Leben!«

»Du denkst, der Täter hat sie geschminkt, nachdem sie bereits tot war?«

»Geschminkt und frisiert. Genau danach sieht es aus.«

Eine Stunde später waren sie völlig durchgefroren und wünschten sich nichts sehnlicher, als zurück in die warme Stube zu kommen.

»Haben Sie eine Idee zur Todesursache?«, fragte Eva den Rechtsmediziner.

Dyrkhoff zuckte mit den Schultern. »Die Frau ist fast völlig ausgeblutet, hat aber außer den Schnitten, an denen sie nicht gestorben sein kann, keine äußeren Verletzungen. Obwohl ich anhand meiner Erfahrung natürlich einen Verdacht habe, kann ich erst nach der Obduktion mehr dazu sagen.«

»Und dazu, ob ihr die Wunden vor oder nach dem Tod zugefügt wurden?« In Evas Stimme klang ein ganzes Kilo Zucker mit.

Dyrkhoff sah sie verächtlich an und warf einen raschen Blick auf den leblosen Körper. »Na, was denken Sie denn? Auf die Schnelle hab ich nur ein paar davon genauer untersucht, aber die waren definitiv prämortal.«

Johann Preisenbacher hatte ihre Unterhaltung mit angehört. Jetzt kam der Leiter der Spurensicherung zu ihnen herüber. »Wir haben den Schnee unter der Leiche weggeschippt, aber keinen Tropfen Blut gefunden. Die Frau wurde nicht hier umgebracht.«

Die anderen starrten ihn entgeistert an. Bislang hatte niemand die Möglichkeit in Erwägung gezogen, dass der Fundort nicht auch der Tatort war.

»Abgesehen davon, dass wir keinerlei Spuren der Person gefunden haben, die euch angerufen hat, ist mir schleierhaft, wie der Täter die Frau hierhergeschafft hat. Die Wege sind von beiden Parkplätzen viel zu weit entfernt, um einen Leichnam zu tragen. Es sei denn, King Kong befindet sich unter euren Verdächtigen.«

»Wir wären froh, wenn wir überhaupt einen Verdächtigen hätten, selbst wenn es ein Riesenaffe wäre«, versuchte Max sich an einem mageren Scherz, über den niemand lachen wollte.

»Vielleicht hat er sie mit einem Schlitten gezogen«, überlegte Karl und deutete auf die Schleifspur.

»Unwahrscheinlich«, widersprach Preisenbacher. »Zum einen ist die Spur frisch, und zum anderen sind die oberen vierzig Zentimeter lockerer Neuschnee. Erst darunter liegen zwanzig Zentimeter verdichteter Altschnee. Wenn du da einen Schlitten mit einem Gewicht von gut fünfzig Kilo ziehen willst, sinkt er so weit ein, dass du einen Schneepflug hast. Und ich möchte wetten, dass du damit keine zwanzig Meter weit kommst.«

»Verdammt«, murmelte Max. »Dieser Scheißschnee.« Frustriert trat er gegen den Stamm einer jungen Fichte und fing an zu fluchen, als sich die ganze weiße Pracht über ihm ablud.

Eva hatte eine Idee. »Nehmt eine Probe aus dem See zur Analyse mit. Die KTU soll untersuchen, ob sie mit dem Wasser in Berührung kam.«

»Denkst du, dass er sie im See umgebracht hat?«, fragte Max.

»Im Moment denke ich gar nichts«, sagte sie. »Es ist nur eine Möglichkeit von vielen. Vorsichtshalber sollen auch die Hunde das Gebiet absuchen.«

Dyrkhoff hatte sich wieder der Leiche zugewandt, als Eva noch etwas einfiel. »Falls sie im See getötet wurde, wäre dann die Blutkonzentration im Wasser hoch genug, um es nachweisen zu können?«

Abschätzend betrachtete er die zugefrorene Fläche. »Je nachdem, wie tief der See ist. Nachweisen könnten wir es vermutlich nur, wenn wir bei der Fläche einen Wasserstand von grob geschätzt weniger als zwanzig Zentimetern hätten. Und ich denke mal, dass wir das ausschließen können.«

Eva nickte. »Der See ist mindestens drei Meter tief. Außerdem ist er seit sicher fünf Wochen gefroren.«

»Das hat nichts zu sagen«, wandte der Mediziner ein. »Wie schon gesagt, lässt es sich kaum einschätzen, seit wann sie tot ist. Sie könnte durchaus gestorben sein, bevor der See anfing zuzufrieren.«

»Wir nehmen auch noch eine Probe aus dem Eis mit«, entschied Eva. »Und auch wenn es euch keinen Spaß macht, aber ihr müsst überall Stichproben aus dem Schnee ausschaufeln. Falls er sie hier umgebracht hat, dann muss es irgendwo eine ganze Menge Blut geben«, sagte sie zu den Kollegen von der Spurensicherung. Sie entsperrte ihr Handy und wählte eine Nummer. Drei Minuten später legte sie wieder auf und sagte: »Die Hunde sind in einer Stunde hier. So lange könnt ihr noch mit dem Schneeschippen warten.«

***

»Ist Ihr Chef da?«

Eva schreckte hoch. Vor ihr stand Amadeus Dyrkhoff. Dass sich der Rechtsmediziner in ihr Büro bemühte, war eine Seltenheit. Ihm war mehr daran gelegen, die Ermittler in sein persönliches Reich der Toten zwischen Stahlbahren und lebensgroßen Kühlschränken zu beordern.

Als Eva ihn darüber aufklärte, dass Martin Sauerwein erst in einer Woche zurückerwartet wurde, zögerte er, unsicher, ob er seine wertvollen Untersuchungsergebnisse diesem Kind anvertrauen konnte, das seit einer guten Woche Chef spielte.

Eva lehnte sich mit verschränkten Armen zurück und sah ihn böse an. Dyrkhoff war eine Diva. In seinem rehbraunen Anzug aus Kaschmir, in dessen Weste eine goldene Taschenuhr steckte, sah er aus, als wäre er direkt dem Wilden Westen des 19. Jahrhunderts entstiegen. Als sie im Herbst am Inn joggen war, war sie ihm fast in die Arme gelaufen. Während sie sich hinter einer Buche versteckte, beobachtete sie, wie er mit Spazierstock, Hut und einem zwanzig Jahre jüngeren Begleiter an ihr vorbeiflanierte.

Jetzt rieb er sich sein sorgfältig gestutztes Ziegenbärtchen und sah sie finster an. »Die Leiche auf meinem Tisch ist etwa fünfundzwanzig Jahre alt, einen Meter sechsundsiebzig groß und vermutlich mittel- oder nordeuropäischer Herkunft. Darauf lassen zahntechnische Arbeiten schließen. Blaugraue Augen, dunkelbraune Haare und mit neunundvierzig Kilo zu dünn. Selbst wenn ich die fehlende Menge Blut hinzurechne, hat sie höchstens fünfundfünfzig Kilo gewogen«, sagte er und zog einen Stapel Papier aus seiner Tasche.

»Leider muss ich meine Aussage revidieren. Entgegen meiner jahrzehntelangen Erfahrung«, er machte eine Pause und musterte Eva über den Rand seiner Brille misstrauisch, »ist sie doch an den oberflächlichen Verletzungen gestorben. Die rühren von einem kleinen, scharfen Messer mit gerader Klinge her, vermutlich einem Skalpell. Insgesamt habe ich an die dreihundert Schnitte gezählt, allerdings keine am Rücken. Wie mir schon am See völlig bewusst war, sind die, bis auf einige wenige, nicht sehr tief und hätten niemals tödlich sein dürfen. Aber ich hatte sofort einen gewissen Verdacht, was bei meinem Wissensschatz kein Wunder ist. Um Ihnen mehr dazu sagen zu können, muss ich weitere Tests durchführen, und wir müssen auch noch die Ergebnisse aus der toxikologischen Untersuchung abwarten.«

Eva schüttelte sich beim Gedanken, dass die Frau bei vollem Bewusstsein wieder und wieder verletzt wurde. Und vielleicht Schlimmeres. »Wurde sie missbraucht?«

»Definitiv. Anhand der Verletzungen im Vaginalbereich wage ich zu behaupten, dass sie zum Zeitpunkt ihres Todes vergewaltigt wurde.«

»Nicht früher?«

Er sah sie voller Verachtung an und schenkte sich eine Antwort.

Eva musste sich beherrschen, um ihm nicht die Meinung zu sagen. »Weshalb sind Sie so sicher?«

»Ich habe eine Menge sehr feiner Risse in der Schleimhaut gefunden. Die entstehen weder beim Verkehr in gegenseitigem Einvernehmen noch bei einem brutalen Vergewaltigungsdelikt. Diese Art von Verletzungen findet man bei sehr alten Menschen, da im Alter die Feuchtigkeitsregulierung nicht mehr funktioniert. Aber auch bei einem sehr langsamen Verbluten kippt der Feuchtigkeitshaushalt im Körper, da dabei sämtlichem Gewebe Wasser entzogen wird. Es ist ein Gefühl, als ob man über einen längeren Zeitraum zu wenig trinkt. Dann hat man das Gefühl, dass der Mund austrocknet.«

Eva nickte. »Das lässt sich anhand der Verletzungen sagen?«

»Eindeutig. Bei einer so jungen Frau ist die Vaginalschleimhaut normalerweise sehr elastisch und feucht. Das war bei ihr nicht der Fall, und da sie sich nicht gegen das gewaltsame Eindringen gewehrt hat, sind die Verletzungen zahlreich, aber winzig. Ein weiterer Aspekt ist, dass die Risse minimal eingeblutet haben. Das spricht dafür, dass sie noch am Leben war, aber nur noch geringste Mengen Blut austreten konnten.«

Nachdem es eine Weile völlig still im Raum gewesen war, sagte der Arzt: »Und noch etwas. Wenn ein erwachsener Mensch verblutet, verbleiben etwa drei Liter Blut im Körper. Es sei denn, Sie schneiden die Halsschlagader durch und hängen ihn kopfüber auf, so als ob Sie ein Schwein schlachten. Die Leiche vom See hatte aber auch ohne den Halsschnitt weniger Blut im Leib, als zu erwarten gewesen wäre. Da mir sofort klar war, dass der Blutverlust nicht der Norm entspricht, habe ich einen Schnelltest angeordnet.« Triumphierend hielt er eine Mappe nach oben. »Sie hatte jede Menge Gerinnungshemmer im Blut. Dadurch konnte das Blut nicht mehr gerinnen, und die Wunden konnten sich nicht schließen. Außerdem hatte sie deshalb auch innere Blutungen. Aber das ist noch nicht das Beste.«

Während der Rechtsmediziner erzählte, kamen Max und Karl ins Zimmer und lehnten sich wortlos an den Rand von Evas Tisch.

Als Dyrkhoff verstummte, fragte Max: »Ich weiß ja nicht, ob ich es nur nicht mitbekommen habe, aber wann war denn nun der Todeszeitpunkt?«

Der sonst so überhebliche Arzt nestelte an seiner Brille und ging Richtung Tür. »Tja, das ist eine wirklich interessante Frage. Trotz meiner, wie Sie alle wissen, enormen Erfahrung habe ich im Moment darauf keine Antwort. Ich hoffe, Ihnen bald mehr dazu sagen zu können.«

Eva hatte den Kopf schräg gelegt und grinste in sich hinein. Sieh mal einer an, dachte sie. Es gibt etwas, das selbst der große Dyrkhoff nicht auf Anhieb herausgefunden hat.

»Und wenn Sie über Ihren Schatten springen und uns etwas sagen, das sich weder wissenschaftlich noch mit Ihrem umfassenden Wissen begründen lässt?«, hielt sie ihn zurück, als er schon in der Tür stand.

Der Mediziner schnappte hörbar nach Luft. »Sie wollen doch nicht, dass ich …«

»Doch. Ich habe den ausdrücklichen Wunsch, dass Sie uns verraten, was Ihnen Ihr Bauchgefühl sagt.«

Dyrkhoff wurde rot und musterte seine Schuhspitzen. Eine Unverschämtheit, was die Kollegin da verlangte! Er würde sich niemals …

»Doktor!«

Er sah auf und blickte in drei höchst konzentrierte Gesichter. »Also, ja, dann. Aber nageln Sie mich nicht darauf fest, verstanden?« Sobald er den sicheren Boden seiner Erfahrungen verließ, benahm er sich wie ein kleines Kind. »Ich schätze, die Frau ist seit mindestens zwei Wochen tot.«

»Was?« Karl sprang mit einem Satz von Evas Tisch. »Dann wurde die Leiche so lange versteckt?«

Eva fühlte sich elend. »Das ist ja widerlich.«

»Und der Verwesungsprozess müsste längst begonnen haben«, wandte Max ein.

Dyrkhoff nickte. »Da es kaum Verwesungsspuren gibt, habe ich einen Querschnitt durch verschiedene Gewebe vorgenommen. Anhand der mikrofeinen Verletzungen in allen Fasern gehe ich davon aus, dass die Leiche nach ihrem Tod eingefroren wurde.«

Nachdem der Rechtsmediziner lautlos verschwunden war, waren die Kommissare einige Minuten ungewöhnlich schweigsam. Trotz ungezählter Mordfälle ging es ihnen an die Nieren, dass ein Mensch gefangen gehalten und zu Tode gequält worden war. Manchmal beneideten sie die Kollegen von der Verkehrspolizei. Selbst das Drogendezernat war weniger schlimm.

»Liegt das Untersuchungsergebnis der Wasserproben schon vor?«, fragte Eva und holte ihre Kollegen auf weniger emotionales Terrain zurück.

Max blätterte in dem Stapel Papier, den Dyrkhoff mitgebracht hatte.

»Weder in der Wasserprobe noch im Eis konnte Blut nachgewiesen werden. Im Wasser waren massenhaft Diatomeen, aber keine einzige Kieselalge war auf ihrer Haut. Im See ist sie also nicht ermordet worden. Und ihre Fingerabdrücke haben uns auch nicht weitergebracht.«

***

Martin Sauerwein wurde von dem Vogel abgelenkt, der wenige Zentimeter vor seinem Gesicht gegen das Fenster prallte. Einen Moment beobachtete er den Dompfaff, der benommen auf dem Fenstersims saß.

Dann folgten seine Augen wieder der Gestalt, die sich in der Scheibe spiegelte. Ohne zu ahnen, dass sie beobachtet wurde, rückte sie Gegenstände auf der Kommode hin und her, hob das Foto auf und strich mit dem Daumen sanft über die vier Gesichter.

Leg das zurück, dachte er und grub seine Nägel tief in die Ballen. Er sah, wie sie sich nach ihm umdrehte und ihr Blick auf seinem Rücken verweilte.

Erst als seine Schwester den Raum verlassen hatte, entspannte er sich. Seine Augen suchten das Bild, das sie zurück auf die Kommode gestellt hatte. Es zeigte ihn, zusammen mit seiner Frau und den beiden Kindern. Mit drei Schritten ging er zu dem hochglanzlackierten Sideboard und legte den Bilderrahmen wieder sachte mit dem Foto nach unten.

Traurig strich er mit dem Finger über den Rücken des Rahmens, bevor er erneut ans Fenster trat. Der Vogel putzte sich, als ob er von seinem Missgeschick ablenken wollte. Dann schüttelte er sich, testete die Tragkraft seiner Flügel und flog davon.

Als er eine halbe Stunde später in das Zimmer seiner jüngeren Tochter kam, saß Hannah auf der Bettkante und heulte. Dem Wetter zum Trotz hatte sie ein dünnes rosa Kleid aus dem Schrank gezogen, der von oben bis unten mit Lillifee-Figuren beklebt war.

»Die Socken sin falsch.«

»Prinzessin, was ist los? Es ist doch egal, welche Strumpfhose du trägst.«

»Mensch, Papi, das ist nicht egal. Du kannst ihr doch keine blauen Ringelstrümpfe zu dem Kleid anziehen«, sagte Lisa.

»Genau.« Hannah nickte eifrig. Schützenhilfe von ihrer großen Schwester gab es nicht so oft.

»Dann such etwas, das der Prinzessin genehm ist. Und hört auf zu trödeln, wir sind spät dran.«

Manchmal hätte er seine Töchter mit Freude verschenkt. Der Kleinkrieg mit zu dünnem oder zu süßem Kakao, falscher Sockenfarbe und misslungenen Frisuren zerrte schon nach kurzer Zeit an seinen Nerven, und als er versehentlich die hellen Sachen der Mädchen zusammen mit einer schwarzen Socke gewaschen hatte, war ihm bei dem darauffolgenden Theater fast die Hand ausgerutscht. Hinterher hatte es ihm leidgetan, dass er sie angeschrien hatte. Dabei hatte er im Moment alle Zeit der Welt. Er hatte keine Ahnung, wie er mit einer Sieben-Tage-Woche mit maximal vier Stunden Schlaf die Nacht und den beiden gleichzeitig klarkommen würde. Wenn er ehrlich war, dann standen die Aussichten dafür denkbar schlecht.

Drei Stunden später lief er wie in Trance über die leeren Flure im Präsidium. Märkel hatte ihm zweieinhalb Wochen Sonderurlaub auferlegt, damit er alle Angelegenheiten regeln und zur Ruhe kommen konnte. Die Angelegenheiten, damit hatte der Polizeidirektor den Tag gemeint, an dem er seine Frau beerdigen musste, nachdem das Krematorium einige Wochen nach ihrem Tod endlich einen Termin zur Einäscherung frei hatte. Martin Sauerwein konnte sich nicht vorstellen, wie er in den restlichen acht Tagen zur Ruhe kommen sollte. Er konnte seine Zeit genauso gut im Präsidium absitzen.

In seinem Büro stapelten sich Ordner, Zeitungsausschnitte und Akten. Entgeistert starrte er auf das Chaos. Stieß mit einem Arm die Papierberge vom Tisch und hörte erst auf zu schreien, als ihm Nora Wallner eine Ohrfeige verpasste. Schlagartig war es still.

»Martin«, sagte sie erschrocken. »Tut mir leid. – Und ihr hauts ab«, verscheuchte sie die Kollegen von der Sitte, die der Tumult aus ihren Zimmern gelockt hatte. Sie wandte sich Sauerwein zu. »Was machst’n du hier? Du hast doch noch frei.«

Er starrte sie entgeistert an und rieb sich die brennende Wange. »Wieso hast du mich geschlagen?«

»Du hast ned aufghört zu toben, und da hab ich dir eine glangt«, meinte sie trocken.

»Kannst du mir vielleicht sagen, wieso mein Zimmer ein solcher Saustall ist?« Mit einer ausladenden Armbewegung deutete er auf das Chaos.

»Weil des ned dei Büro is, Martin, sondern unser Ablagekammerl.«

Verwirrt drehte sich Kriminalhauptkommissar Martin Sauerwein um. Er sah erst jetzt, dass seine Auszeichnungen und Bilder an den Wänden fehlten, der sündhaft teure Stuhl, für den er lange gekämpft hatte, und seine Regale. Nur der Raum war der gleiche. Und der Schreibtisch, der seinem Aussehen nach aus den Sechzigern des letzten Jahrhunderts stammen musste.

»Dei Zimmer is immer no zwei Türen weiter. Vielleicht is des mit deim Urlaub ja doch keine so schlechte Idee.« Mit einem milden Lächeln drehte sie sich zur Tür. »Ich bring dir an Kaffee, wie findst’n des?«

»Danke, Nora, du bist ein Schatz«, honorierte Sauerwein den Cappuccino. Ihm war klar, dass die Sonderbehandlung seinen persönlichen Umständen geschuldet war und nicht allzu lange anhalten würde.

»Gern gschehn. Und schau, da du dich ja eh ned von der Arbeit abhaltn lässt, hab ich dir auch glei die Akten mit den aktuellen Fällen mitbracht.«

»Du sprichst von Akten in der Mehrzahl? Sind deshalb alle ausgeflogen?«

»Die letzte Wochn war echt was los hier. Du kannst froh sein, dass d’ ned hier warst.« Sie bemerkte ihren Fauxpas in dem Augenblick, als er heraus war, und wurde rot, noch bevor Sauerwein das Gesicht verzog. »Oje, Martin. Es tut mir leid, ich hab des ned so gmeint.«

»Das weiß ich, Nora. Schwamm drüber. Fass zusammen, was los war.« Mit Mühe brachte er ein schiefes Lächeln zustande.

»A Raubmord im Stadtpark vor na Wochn, ’s Opfer war a Rentner und kam von der Bank, von der er dreitausend Euro abghobn hat. Hansen und die Neunhoeffer haben den Täter vor sechs Tagen festgnommen. Der Fall ist aufklärt, die Akte hab ich dir trotzdem mitbracht.« Nora holte tief Luft. »Und gestern hat die Spusi a verstümmelte Frauenleich aus ’ner Heuraufe am Weissacher See bergen müssen. Des war graunvoll, des sag ich dir!«

Während sie weiterredete, schlug er den Ordner auf und sah sich die Bilder an, die der Fotograf aus allen möglichen Blickwinkeln geschossen hatte. Beim Anblick der Frau verschlug es ihm den Atem. Wortlos sah er die Wallner an.

»Ja, Martin. Die Kollegen warn total verstört, als sie vom Fundort z’rückkommen sind.«

»Vom Fundort?«, hakte er nach.

»Ja. Den Tatort ham ma noch ned gfunden.«

In dem Augenblick kamen Max und Eva in sein Büro und begrüßten ihn überrascht. Beide sahen ziemlich fertig aus, stellte er fest.

Er bedankte sich bei den Kollegen für ihre Anteilnahme am Tod seiner Frau. Sie waren alle auf der Beerdigung gewesen. Er hatte sich noch nicht dazu aufraffen können, die vielen Kondolenzschreiben zu beantworten. Traurig dachte er an Luisa. Acht Jahre waren sie verheiratet gewesen, und immer war sie es gewesen, die das unangenehme Zeug erledigt hatte, bevor er sich damit befassen musste. Irritiert wurde ihm bewusst, dass er auf ihr Bild starrte, das auf seinem Schreibtisch stand. Und verdammt, dort sollte es auch bleiben, selbst wenn ihn der Anblick völlig aus der Fassung brachte. Er musste frische Blumen besorgen und an ihr Grab bringen.

»Wieso Blumen?« Eva war verwirrt. Und auch Max stand die Frage ins Gesicht geschrieben.

Er hatte seinen Gedanken laut ausgesprochen, Mist. Seine Mitarbeiter bauten auf ihn, und in schwierigen Fällen musste er ihnen Rückhalt geben. Dazu zählte, dass er seine privaten Probleme da ließ, wo sie hingehörten.

»Entschuldigt, ich war mit meinen Gedanken woanders. Bitte wiederhol das noch mal.« Er bemerkte den Blick, den Eva und Max sich zuwarfen. Er seufzte. »Ich weiß, was ihr denkt, und ich danke euch dafür. Ich weiß nur nicht, ob ich es im Moment schaffe, eure Hilfe anzunehmen.« Er schüttelte den Gedanken ab. »Wissen wir, wer die Tote ist?«

»Nein. Wir sind die lokalen Vermisstenmeldungen durchgegangen, haben aber niemanden gefunden, auf den die Beschreibung passt. Fingerabdrücke und DNA-Abgleich haben auch nichts ergeben«, erwiderte Max. »Die Frau ist etwa fünfundzwanzig Jahre alt, einen Meter sechsundsiebzig groß, gute Figur, halblange dunkle Haare und allem Anschein nach ziemlich attraktiv. Ich verstehe nicht, dass sie nicht vermisst wird.«

»Dann soll die IT das Foto der Frau medientauglich aufbereiten. Ich möchte auf keinen Fall, dass das so dramatisch rüberkommt. Danach geben wir es an die Presse. Irgendjemand muss sie gekannt haben.« Sauerwein machte eine Pause. »Und jetzt hätte ich gern einen ausführlichen Bericht.«

Eine Weile war es still. Dann fing Eva an zu erzählen. Akribisch erläuterte sie alle Details des Fundortes und der Leiche.

Sauerwein hätte das Ganze nachlesen können, er wollte aber nicht darauf verzichten, zu erfahren, welchen persönlichen Eindruck der Fundort bei seinen Mitarbeitern hinterlassen hatte. Die beiden waren gute Ermittler, und er konnte sich blind auf ihre Intuition verlassen.

Anfangs hatte Eva es komisch gefunden, dass ihr Vorgesetzter so viel Wert darauf legte, an ihren Empfindungen teilzuhaben. Ihr letzter Chef in Stuttgart war aus einem ganz anderen Holz geschnitzt. Für den zählten nur Fakten. Je härter, umso besser, und für Emotionen gab es keinen Platz. Ihre ersten Monate in Rosenheim waren schwierig gewesen. Sie hatte die Auffassung ihrer meisten Kollegen übernommen, nur ja nichts an sich heranzulassen. Man musste dabei nur höllisch aufpassen, den Spagat ins Privatleben hinzubekommen. Viele Beamte der Mordkommissionen schafften es nicht, sich beruflich abzugrenzen und privat offen zu bleiben.

Als sie in Sauerweins Team gekommen war, hatte er sie behutsam dazu gebracht, ihre Tür ein Stück weit geöffnet zu halten. Er hatte sie gelehrt, das Grauen aus ihrer Seele zu verbannen und dennoch ihre Intuition fließen zu lassen.

»Erde an Eva«, witzelte Max.

Sie musste grinsen. »Ja, ich bin hier.« Gut, dass hier niemand Anstoß daran nahm, dass Gedanken zuweilen ein Eigenleben entwickelten.

Sauerwein hatte sie beobachtet. »Du glaubst also nicht, dass der Mörder in einer persönlichen Beziehung zu seinem Opfer stand?«

»Nein.« Sie schüttelte den Kopf. Auch heute noch irritierte sie es, dass ihr Vorgesetzter in ihren Gedanken lesen konnte.

»Keine Leidenschaft?«

»Doch, schon. Aber nicht auf einer persönlichen Täter-Opfer-Ebene, sondern stellvertretend. Und sehr unheimlich, weil er sie danach noch geschminkt und frisiert hat. Irgendwie überinszeniert.«

Sauerwein dachte lange darüber nach und nickte, als er bereit war, weiterzumachen. »Denkst du an Übertötung?«

»Ich habe mir dazu Gedanken gemacht«, gestand sie. Dann zog sie die Schultern nach oben. »Aber ich glaube nicht daran. Im Fall von Übertötung befindet sich der Täter in einem Rauschzustand, der ihn weiter auf das Opfer einstechen oder schlagen lässt, wenn es schon tot ist oder im Sterben liegt. In der Regel haben wir es dabei mit einem Täter zu tun, der die Kontrolle verloren hat. Und daran glaube ich in unserem Fall nicht.«

Erwartungsvoll sah sie Sauerwein an. Als sie das leichte Lächeln um seine Mundwinkel sah, fuhr sie fort: »Mein Gefühl sagt mir, dass er sich im Voraus über seine einzelnen Schritte Gedanken macht und alles minutiös plant. Der Vergleich, der mir dazu einfällt, ist ein Komponist, der eine Oper schreibt. Als ob das Werk eine Ouvertüre, einen Höhepunkt und einen Schlussakt hat. Vom Zeitpunkt ihres Verschwindens bis zu ihrem Tod lässt er eine verhältnismäßig lange Zeit verstreichen. Er hält sie also vermutlich tagelang gefangen und bereitet sich darauf vor, dass alles nach Plan verläuft. Die Toxikologie hat Gerinnungshemmer in einer Dosis in ihrem Blut gefunden, die für einen Elefanten gereicht hätte. Dabei gibt es aber keinen pathologischen Befund dafür, dass sie das Zeug hätte nehmen müssen. Herz und Lunge waren gesund.«