Fantasmagoriana - Jean-Baptiste Benoît Eyriès - E-Book

Fantasmagoriana E-Book

Jean-Baptiste Benoît Eyriès

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Beschreibung

Dieser Klassiker sollte in keiner Horror-Bibliothek fehlen! Während einer stürmischen Regennacht im Jahre 1816 traf sich Lord Byron mit seinen Freunden - darunter Mary Shelley und John Polidori - in der Villa Diodati am Genfer See, um die "Fantasmagoriana" zu lesen, eine Sammlung ursprünglich in deutscher Sprache verfasster Geistergeschichten. Die Anwesenden trafen danach eine Verabredung, wonach jeder selbst versuchen sollte, eine Gruselgeschichte zu schreiben. Mary Shelley schrieb daraufhin ihr berühmtes Werk "Frankenstein oder Der moderne Prometheus". Einige Teile von Frankenstein ähneln überraschend denen, die in der "Fantasmagoriana" gefunden werden, und beweisen damit ihren direkten Einfluss auf Mary Shelleys Schriftstellerei. Polidoris "Vampir" wiederum wurde zum Vorläufer des romantischen Vampirgenres, wurde zu Theaterstücken und Opern verarbeitet und inspirierte letztlich Bram Stoker zu seinem Werk "Dracula." Die meisten in diesem Werk enthaltenen Geschichten wurden von Sarah Utterson unter dem Titel "Tales of the Dead" ins Englische übersetzt und mit einem neuen Vorwort und einer weiteren, von ihr selbst verfassten Geschichte, herausgegeben. Bisher gab es jedoch keine Komplettausgabe aller Geschichten, die sowohl jene Geschichten, die von Lord Byron und seinen Gästen gelesen wurden, als auch die zusätzlichen Texte der englischen Ausgabe Uttersons enthielt. Diesem Missstand wird mit dieser Neuausgabe abgeholfen. Als zum Thema gehöriger Anhang wurden zudem Polidoris Geschichte "Der Vampir" und Lord Byrons "Fragment einer Novelle" hinzugefügt. Wer die zeitlosen Grusel- und Geistergeschichten des 19. Jahrhunderts liebt, wird mit dieser Sammlung einzigartiger, faszinierender und erschreckender Geschichten voll auf seine Kosten kommen! In dieser Ausgabe sind enthalten: - Die Bilder der Ahnen. A. Apel - Die Verwandtschaft mit der Geisterwelt. F. Laun - Der Totenkopf. F. Laun - Die Totenbraut. F. Laun - Der Sturm. S. E. Utterson - Stumme Liebe. Musäus - Der Geist des Verstorbenen. F. Laun - Die graue Stube. H. Clauren - Die schwarze Kammer. A. Apel Anhang. - Fragment einer Novelle. Lord Byron - Der Vampir. J. W. Polidori

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Seitenzahl: 426

Veröffentlichungsjahr: 2017

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“Auf mein Gebot erschlossen Gräber sich,

Erweckten ihre Schläfer und entließen

Sie neubelebt durch meine mächt'ge Kunst.”

Shakespeare, Der Sturm.

1812/13

Inhalt.

Die Bilder der Ahnen. J. A. Apel

Die Verwandtschaft mit der Geisterwelt. F. Laun

Der Totenkopf. F. Laun

Die Totenbraut. F. Laun

Der Sturm. S. E. Utterson

Stumme Liebe. J. K. A. Musäus

Der Geist des Verstorbenen. F. Laun

Die graue Stube. H. Clauren

Die schwarze Kammer. J. A. Apel

Anhang.

Fragment einer Novelle. Lord Byron

Der Vampir. J. W. Polidori

Einleitung.

OBGLEICH die Leidenschaft für die auf dem Wunderbaren begründete, mit Geistern und Gespenstern verwandte Unterhaltungsliteratur scheinbar sehr nachgelassen hat; so glaube ich doch, daß die Lektüre der Geschichten, die den Großteil dieses kleinen Bandes bilden, dennoch zufriedenstellen kann. Von der Zeit an, als der verstorbene Lord Orford zuerst Die Burg von Otranto veröffentlichte, bis zur Produktion von Mrs. Radcliffes Romanzen, stieg der Appetit auf besagte Art der Lektüre allmählich an; und vielleicht wäre er bis jetzt nicht gesättigt gewesen, hätte es nicht eine solche Vielzahl an schnöden Nachahmungen gegeben, die die Beliebtheit der letzteren Schriftstellerin hervorrief, und die ununterbrochen aus der Druckerpresse hervorgingen, bis der Mangel an Lesern endlich die Überschwemmung einstellte.

Die nördlichen Nationen haben in dieser Schreibart inzwischen mehr Phantasie entdeckt als ihre Nachbarn im Süden oder Westen; und in demselben Maße, wie sie vermehrt der Leichtgläubigkeit in Bezug auf Geister zum Opfer gefallen sind, haben sie den Wanderungen ihrer Phantasie in diesbezüglichen Themen nachgegeben und sich eifrig damit beschäftigt, Erzählungen zu schmieden, die sich auf die vermeintliche Kommunikation zwischen der spirituellen Welt und der der Lebenden gründen. Die Werke von Schiller, und anderer dieser Art der modernen deutschen Literaten sind in England wohlbekannt.

Die ersten vier Geschichten in dieser Sammlung, sowie die letzte, werden einem kleinen französischen Werk entnommen, das angibt, daß sie aus dem Deutschen übersetzt wurden. Es enthält einige andere Geschichten derselben Art; welche aber nicht gleichermaßen interessant erschienen und daher weggelassen wurden. Die letzte Erzählung ist beträchtlich gekürzt worden, da sie viel Material in Bezug auf die Liebe des Helden und der Heldin enthielt, welches in einer Zusammenstellung dieser Art eher deplaziert war. Die fünfte Erzählung (oder vielmehr: Das Fragment) beruht auf einem ähnlich gearteten Vorfall, der mir vor einigen Jahren von einer Freundin von sehr verdienter literarischer Berühmtheit, mitgeteilt worden war, und der tatsächlich in diesem Land vorgefallen ist; und ich habe daher keinen anderen Anspruch auf sie, als daß ich ein wenig die Einzelheiten verstärkt habe. Das Ende ist plötzlich und es ist notwendigerweise so, da ich offen einen Mangel an Phantasie bekennen muß, um die Erwartungen zu erfüllen, die durch den vorigen Teil der Erzählung erweckt worden sein könnten.

Die Übersetzung war eine Beschäftigung in einer Mußestunde; und wenn sie dem Leser einen gleichberechtigten Anteil an Befriedigung gibt, ist die Zeit nicht ganz falsch verwendet worden.

Vorwort des französischen Übersetzers.

ES wird gemeinhin angenommen, daß heutzutage niemand an Geister oder Erscheinungen glaubt. Jedoch, wenn ich es bedenke, erscheint mir diese Meinung nicht ganz korrekt zu sein: denn, ohne auf die Arbeiter in den Minen und die Bewohner von Berggegenden anzuspielen, - von denen die früheren an Gespenster und Kobolde glaubten, die über geheimen Schätzen thronten, und letztere in Erscheinungen und Phantomen entweder angenehme oder unglückselige Botschaften verkündigen, - dürfen wir da nicht fragen, weshalb es unter uns bestimmte Leute gibt, die sich davor fürchten, nach Einbruch der Dunkelheit über einen Friedhof zu gehen? Weshalb andere ein unwillkürliches Schaudern durchläuft, wenn sie in der Dunkelheit eine Kirche oder irgendein anderes großes unbewohntes Gebäude betreten? Kurzum, weshalb wagen es Personen, die verdientermaßen als mutig und vernünftig angesehen werden, nicht in der Nacht selbst Orte zu besuchen, bei denen sie sicher sein können, daß sie von dort keine Bedrohung von menschlichen Wesen zu befürchten haben? Sie wiederholen stets, daß nur die Lebenden gefürchtet werden müssen, und fürchten doch die Nacht, da sie glauben, gemäß der Tradition, daß dies die Zeit ist, die Geister sich aussuchen, um den Bewohnern der Erde zu erscheinen.

Es ist eine unzweifelhafte Tatsache, daß mit wenigen Ausnahmen nicht mehr an Geister geglaubt wird, und daß die Art der Angst, die wir eben erwähnten, aus einem natürlichen Grauen des Menschen vor Zufällen in der Dunkelheit entsteht, – einer Furcht, die nicht rational begründet werden kann, – so ist es doch wohlbekannt, daß er mit viel Genuß Geschichten von Geistern, Gespenstern und Erscheinungen lauscht. Das Wunderbare erweckt stets einen Grad an Interesse und gewinnt ein aufmerksames Ohr; konsequenterweise gefallen uns alle Erwägungen, die mit übernatürlichen Erscheinungen zu tun haben. Es war vermutlich aus diesem Grund, daß das Studium der Wissenschaften, das in früheren Zeiten mit dem Wunderbaren vermischt war, nun auf die simple Beobachtung von Tatsachen reduziert ist.

Diese weise Revolution wird zweifellos das Fortschreiten der Wahrheit unterstützen, aber es hat vielen Männern großen Geistes mißfallen, die behaupten, daß dadurch die Wissenschaften ihrer größten Anziehungskraft beraubt werden, und daß die neue Art dazu neigen wird, den Verstand zu ermüden und das Studium zu entzaubern; und sie tun alles, was in ihrer Macht steht, um dem Übernatürlichen dieses Reich zurückzugeben, dessen es vor kurzem beraubt wurde: Sie applaudieren ihre Bemühungen laut, wenngleich sie sich nicht ihres Erfolges brüsten können: denn in der Naturwissenschaft und der Naturgeschichte sind Wunderdinge gänzlich verpönt.

Falls nun auch in diesen beiden Disziplinen das Wunderbare und Übernatürliche unpassend wäre, so könnte man es zumindest nicht in dem Werk als deplaziert ansehen, das wir nun veröffentlichen werden: und es kann keinerlei gefährlichen Einfluß auf den Verstand haben; denn das Titelblatt kündigt außergewöhnliche Berichte an, die mehr oder weniger glaubwürdig sind, je nach Auffassung der Person, die sie liest. Ferner ist es angemessen, daß ein gewisses Repertoire existieren sollte, in welchem wir die Spuren jenes Aberglaubens entdecken können, welchem die Menschheit so lange unterworfen gewesen ist. Wir lachen nun darüber und ziehen sie ins Lächerliche, und doch steht es für mich nicht fest, daß Berichte über Gespenster aufgehört haben zu unterhalten, oder daß, so lange die menschliche Natur existiert, ein Mangel an denen wäre, die Geschichten von Geistern und Gespenstern Glauben schenken werden.

Ich hätte in diesem Vorwort eine gelehrte und methodische Abhandlung über Erscheinungen vortragen können; aber hätte dann nur wiederholt, was Dom Calmet1 und der Abbé Lenglet-Dufresnoy2 bereits über dieses Subjekt gesagt haben, und was sie so gründlich ausgeschöpft haben, daß es fast unmöglich wäre, irgendetwas neues vorzulegen. Personen, die neugierig sind, alles was mit Erscheinungen zu tun hat zu erfahren, werden reich belohnt, indem sie die beiden erwähnten Schreiber konsultieren. Sie geben die ganze Fülle seltsamer Berichte an, solcherart wie man sie in diesem Werk finden kann. Wenngleich der Abbé Lenglet-Dufresnoy sagt, daß es wirklich Geistererscheinungen gibt, so scheint er doch nicht selbst an sie zu glauben; aber Dom Calmet schließt (wie Voltaire beobachtet), als ob er glaubt was er schrieb, und insbesondere in Bezug auf die außergewöhnlichen Geschichten über Vampire.

Und wir dürfen zugunsten derer hinzufügen, die ängstlich sind, tiefer in das besagte Subjekt zu dringen, daß der Abbé Lenglet-Dufresnoy eine Liste der bedeutendsten Autoren angeführt hat, die über Geister, Dämonen, Erscheinungen, Magie und Gespenster geschrieben haben.

Seit dieser fleißige Schreiber diese Liste veröffentlich hat, haben Swedenborg und St. Martin sich durch Ihre Werke hervorgetan; und es sind auch in Deutschland Abhandlungen über diese Frage der Geistererscheinungen erschienen.

Die beiden Autoren, die am ausführlichsten ins Detail gegangen sind, sind Wagener und Jung. Der erste, dessen Buch Die Gespenster3 heißt, bemüht sich, Erscheinungen mit natürlichen Ursachen zu erklären.

Der zweite aber, im Gegensatz, glaubt fest an Geister, und seine Theorie der Geister-Kunde4 versieht uns mit einem unzweifelhaften Beweis dieser Behauptung. Diese Arbeit, die Frucht einer lebhaften und überschwänglichen Vorstellung, ist gewissermaßen eine Anleitung zu den Doktrinen der modernen Propheten, die in Deutschland unter der Bezeichnung Stillingianer bekannt sind. Sie leiten ihren Namen von Stilling ab, unter welchem Namen Jung die Memoiren seines Lebens geschrieben hat, welche eine Reihe von verschiedenen Werken bilden.

Diese Sekte, die tatsächlich existiert, wird den Swedenborgianern und Martinianern zugerechnet, und hat eine große Anzahl von Anhängern, insbesondere in der Schweiz.

Wir sehen auch in der Ausgabe der (englischen) Monthly Review vom Dezember 1811, in welcher Mrs. Grant eine sehr umständliche Schilderung über die Geister und Erscheinungen angeführt hat, an welche die schottischen Hochlandbewohner vorbehaltlos glauben.

Indem ich die Auswahl der Geschichten für meine Übersetzung aus dem Deutschen traf, die ich nun dem Publikum anbiete, habe ich nichts unversucht gelassen, den Beifall derer zu verdienen, die Vergnügen an dieser Lektüre haben; und wenn diese Auswahl das Glück hat, erfolgreich zu sein, soll ihr eine weitere folgen, in welcher ich gleichermaßen bemüht sein werde, die Neugierde der Liebhaber der Romantik zu erfreuen; wohingegen ich denen, die schwer zufriedenzustellen sind, und welchen es seltsam erscheint, daß irgendjemand solchen Berichten auch nur den geringsten Glauben schenken sollte, sagen würde: Denkt an die Worte Voltaires zu Beginn des Artikels, den er über Erscheinungen in seinem philosophischen Wörterbuch schrieb: „Es ist keine ungewöhnliche Sache für eine Person mit lebhaften Gefühlen, sich einzubilden, daß sie etwas sieht, das niemals existiert hat.“

1Dissertation sur les Apparitions; par Dom Augustin Calmet: 3me édition. Paris, 1751, 2 tom. 12mo.

2Traité Historique et Dogmatique sur les Apparitions, les Visions, et les Révélations particuliers; avec des Remarques sur la Dissertation du R. P. Dom Calmet: par l'Abbé Lenglet-Dufresnoy. Avignon ou Paris, 1751. 2 tom. 12mo.Recueil de Dissertations, Anciennes et Nouvelles, sur les Apparitions, les Visions, et les Songes; avec une Preface historique: par l'Abbé L. Dufresnoy. Avignon ou Paris, 1751. 4 tom. 12mo.

3Die Gespenster. Kurze Erzählungen aus dem Reiche der Wahrheit. Berlin, 1797, et suiv. in 8vo.

4Theorie der Geister-Kunde. Nürnberg, 1808, in 8vo. — Dieses Werk wurde von verschiedenen protestantischen Kirchenräten zensiert.

Die Bilder der Ahnen.

„Ihr sollt nicht länger schau’n; in der Verzückung

Glaubt Ihr am End', es regt sich.

Der Glanz in ihrem Auge hat Bewegung.“

Shakespeare, Das Wintermärchen.

DIE Dämmerung war beinahe zur völligen Dunkelheit geworden, als Ferdinands Wagen noch langsam durch den Wald fuhr. Der Postillon stimmte die oft gehörten Klagen über die fast unfahrbaren Straßen des Landes an, und Ferdinand hatte bei der allmählichen Bewegung seines Fuhrwerks Muße genug, sich den Betrachtungen und Gefühlen zu überlassen, welche seine Reise und ihr Zweck in ihm rege machten. Er hatte, nach der Sitte der jungen Leute seines Standes, einige Akademien besucht, und war vor kurzem von einer Reise durch die merkwürdigsten Länder Europas in sein Vaterland zurückgekehrt, um die Erbschaft seines indessen gestorbenen Vaters in Empfang zu nehmen.

Ferdinand war der einzige Sohn seines Vaters, und der letzte Zweig des alten Pannerschen Stammes; umso mehr drang seine Mutter darauf, daß er, den Geburt und Reichtum zu den glänzendsten Verbindungen berechtigten, ihr eine willkommene Schwiegertochter, und der Welt einen Erben seines Namens und seiner Güter schenken möchte. Angelegentlicher als alle anderen nannte sie Klothilde von Hainthal, wenn sie mit ihrem Sohn über die Wahl seiner künftigen Gemahlin sprach. Anfangs nannte sie ihren Namen unter mehreren der Vorzüglichsten, welche sie der Aufmerksamkeit ihres Sohnes Wert hielt; bald aber nannte sie selten neben ihr noch eine andere, und endlich erklärte sie ziemlich bestimmt, ihre Zufriedenheit beruhe auf dieser Verbindung, und sie erwarte, daß Ferdinand ihre für ihn getroffene Wahl billigen werde.

Ferdinand schien indessen nur ungern an eine ernste Verbindung zu denken, und die oft und angelegentlich wiederholten Erinnerungen seiner Mutter waren eben nicht geeignet, ihm die entfernte Klothilde liebenswürdig zu machen. Doch entschloß er sich endlich zu einer Reise in die Residenz, wo die ihm bestimmte Braut sich des Karnevals wegen mit ihrem Vater aufhielt. Hier wollte er sie, den Bitten seiner Mutter gemäß, wenigstens kennenlernen, und, wie er im Geheimen hoffte, Gelegenheit finden, dieser Verbindung etwas anderes, als Eigensinn, wie die Mutter seine Weigerung nannte, entgegenzusetzen.

Allein auf dieser Reise in seinem Wagen, und um sich die Stille des nächtlichen Waldes, träumte er sich zurück in die vergangene Zeit der ersten jugendlichen Jahre, in welche die fliehende Kindheit noch den Widerschein ihrer lieblichen Farben wirft.

Es dünkte ihn, als könne er in keiner Zukunft das wiederfinden, was ihn aus jenen Zeiten so wunderbar freundlich anlächelte, und je lieblicher ihn die Vergangenheit an sich zog, desto widriger war ihm der Blick in die Zukunft, die er sich selbst gegen seine Neigung bereiten sollte.

Die Langsamkeit, mit welcher auf dem unebenen Boden sein Fuhrwerk sich bewegte, brachte ihn für seine Wünsche viel zu schnell dem Ziel seiner Reise näher, und die weißen Stundensäulen, deren er immer mehr hinter sich ließ, schienen ihm, wie weiße Gespenster, Unglück verkündigend, bei seinem Wagen vorbei zu wandeln.

Schon tröstete der Postillon, daß die Hälfte des Weges nun bald erreicht sei, und daß die Straße dann, von dem letzten Lustschloß des Fürsten an, in sehr gutem Stande sei; aber Ferdinand befahl seinem Jäger, im nächsten Dorf, wo er die Nacht zubringen würde, halten zu lassen, und die Pferde zurückzuschicken.

Der Weg nach dem Wirtshaus des Dorfes zog sich an einigen Gärten hin. Einzelne Töne von musikalischen Instrumenten ließen Ferdinand ein lärmendes Fest der Dorfbewohner erwarten, dessen Zuschauer er nicht ungern zu sein pflegte, und von dessen Gewühl er sich eine willkommene Zerstreuung seines Mißmutes versprach. Bald aber bemerkte er in den Tönen nicht die, den Wirtshäusern gewöhnlichen Melodien; und die hellerleuchteten Fenster eines artigen Landhauses, aus welchem die Töne hervordrangen, ließen ihm keinen Zweifel, daß sich hier eine Gesellschaft aus gebildeteren Ständen, als man gewöhnlich auf Dörfern in der rauhen Jahreszeit findet, mit der Ausführung musikalischer Werke vergnügte.

Endlich hielt der Wagen vor dem kleinen, ziemlich verfallenen Wirtshaus. Ferdinand, der sich hier wenig Unterhaltung und viel Unbequemlichkeit versprach, fragte nach dem Besitzer des Dorfes; aber dieser hatte sein Schloß auf einem benachbarten Gut, und Ferdinand mußte sich entschließen, mit dem besten Platz, welchen ihm der Wirt anweisen konnte, vorlieb zu nehmen.

Sich zu zerstreuen, entschloß er sich zu einem Spaziergang durch das Dorf. Es zog ihn nach der Gegend, in welcher er vorhin die Musik gehört hatte, und in kurzer Zeit hallten ihm die Töne wieder einladend entgegen. Er näherte sich langsam, und trat unter die Fenster des Gartenhauses.

In der offenen Tür desselben saß ein kleines Mädchen, und spielte mit ihrem kläffenden Favoriten. Ferdinand, den dieses fremdartige Paar störte, fragte das Kind, wer in diesem Hause wohne? – „Hier?“ – antwortete die Kleine freundlich, – ,,ei, hier wohnt der Vater: Kommen Sie nur mit!“ und damit hüpfte sie die Treppe hinauf.

Ferdinand zögerte etwas, der schnellen Einladung zu folgen; bald aber kam der Hauswirt selbst die Treppe herab. – „Unsere Musik hat Sie wahrscheinlich hierhergelockt,“ redete er den Fremden freundlich an; – „Sie sind hier in der Pfarrwohnung, und mir herzlich willkommen!“

„Meine Nachbarn und ich haben ein wöchentliches musikalisches Kränzchen errichtet,“ – fuhr er fort, indem er Ferdinand die Treppe hinaufführte – „und heute trifft mich die Reihe. Ist Ihnen gefällig, an der Musik teilzunehmen, oder zuzuhören, so nehmen Sie hier bei uns Platz: oder wenn Sie durch bessere Musik, als Sie von Dilettanten erwarten können, verwöhnt sind, so finden Sie hier im Nebenzimmer bei meiner Frau noch eine kleine Gesellschaft, die neben unseren Tonübungen ihre Redeübungen treibt.“ – Hiermit öffnete er eine Seitentür, machte dem Fremden eine kleine Verbeugung, und setzte sich auf seinen Sessel an das Notenpult. Ferdinand wollte einige Entschuldigungen vorbringen, aber die Gesellschaft fing ohne langes Stimmen die unterbrochene Musik von neuem an, die artige junge Wirtin bat ihn ebenfalls, nach seinem Gefallen, entweder bei ihrem Mann, oder bei ihrer Gesellschaft Platz zu nehmen, und Ferdinand trat nach einigen Höflichkeitsbezeigungen in ihr Zimmer.

Um das Sofa schloß sich ein Halbkreis von Stühlen, von welchen, bei Ferdinands Eintritt, eine Gesellschaft von Frauen, und einigen wenigen Männern, sich, wie es schien, etwas unwillig über die Unterbrechung, erhob. In der Mitte saß auf einem niedrigen Sessel, mit dem Rücken gegen die Tür, ein junges lebhaftes Mädchen, die bei dem allgemeinen Aufstand das Gesicht nach der Tür wendete, und bei dem Anblick des Fremden etwas verlegen und errötend aufstand. Ferdinand bat dringend, die Unterhaltung nicht zu unterbrechen; man setzte sich wieder, und die Wirtin wies dem Fremden den Ehrenplatz auf dem Sofa neben ein paar bejahrten Damen an; ihren eignen Stuhl setzte sie neben den Fremden.

„Sie werden bei uns um die Musik kommen,“ – sagte sie, indem sie die Tür zu dem Musikzimmer zudrückte. „Ich höre zwar selbst sehr gern Musik, nur kann ich mit meinem Mann den Enthusiasmus für bloße Quartett- und Quintettmusik nicht teilen. Vielen meiner Freundinnen geht es ebenso; wir haben daher, wenn unsere Männer bei ihren Notenpulten sitzen, unsere Konversation für uns, welche aber unseren Nachbarn Virtuosen oft zu laut wird. Heute gebe ich meinen lange versprochenen Gespenstertee, wo jeder ein Gespenstergeschichtchen oder etwas ähnliches erzählen muß, und Sie sehen, mein Auditorium ist um ein gut Teil zahlreicher, als das musikalische.“

„Erlauben Sie mir, es zu vermehren?“ – erwiderte Ferdinand. – „Zwar bin ich nicht so geschickt im Auflösen des Wunderbaren wie Hennings oder Wagener...“

„Da kämen Sie auch bei uns übel an“ – fiel ihm eine niedliche Brünette ins Wort; – „es ist hier ausgemacht, daß keine Erklärung versucht werden darf, wäre sie auch noch so wahrscheinlich. Das Erklären nimmt einem die ganze Freude an der Erzählung.“

„Desto besser“ – sagte Ferdinand – „aber ohne Zweifel störte ich eben eine interessante Erzählung: darf ich bitten...“

Die schlanke Blonde, die vorhin von dem Sessel aufgestanden war, errötete, wieder; die kleine muntere Wirtin aber faßte sie schäkernd am Arm, und führte sie mitten in den Kreis. „Mache nur keine Umstände, Kindchen,“ – sprach sie – „setze dich auf deinen Sessel und erzähle dein Geschichtchen aus. Der Herr da muß hernach auch etwas zum Besten geben!“

„Nun wenn Sie das versprechen“ – sagte die Blonde, und Ferdinand verbeugte sich bejahend. Sie setzte sich auf den angewiesenen Platz des Erzählers, und begann: „Eine meiner Freundinnen, – sie hieß Juliane – brachte mit ihren Eltern und Geschwistern regelmäßig alle Sommer auf einem, Landgut ihres Vaters zu. Es lag in einer romantischen Gegend, in der Ferne von Gebirgen, eingeschlossen, zwischen hohen Eichenwäldern und angenehmen Lusthainen.

Das Schloß selbst war uralt, und von einer unzähligen Menge Vorfahren auf Julianes Vater vererbt worden. Daher entschloß sich dieser auch nicht leicht, etwas verändern zu lassen, und erhielt vielmehr, nach dem Beispiel seiner Voreltern, alles auf das Genaueste in dem Zustand, wie es ihm von seinem Vorgänger hinterlassen worden war.

Unter die Altertümer des Schlosses, die in vorzüglichem Wert bei ihm standen, gehörte besonders der Familiensaal, ein düsteres, hohes gotisches Gewölbe, an dessen schwarzen Wänden die Ahnen seines Geschlechtes in alten, lebensgroßen Bildern zu sehen waren. In diesem Familiensaal wurde, nach einer ebenfalls von den Altvätern hergebrachten Gewohnheit, täglich gespeist, und Juliane hat mir oft geklagt, daß sie nie ohne die entsetzlichste Bangigkeit, besonders der Abendmahlzeit, in diesem Saal habe beiwohnen können, und daß sie oft eine kleine Krankheit vorgegeben habe, um nur diesen fürchterlichen Saal nicht betreten zu müssen.

Unter den Bildern nämlich war eins, vielleicht nicht einmal ein Familienbild, sondern ein fremdes weibliches Portrait, von welchem Julianes Vater selbst nicht angeben konnte, wessen Bild es vorstellte, und wie es in diesen Saal unter die Reihe seiner Ahnen gekommen war, dem er aber doch, vielleicht weil es diese Stelle lange eingenommen hatte, einen Platz unter den Bildern seiner Vorfahren gönnte.

Dieses Bild konnte Juliane nie ohne einen unwiderstehlichen Schauder betrachten, und wie sie mir erzählt hat, so fühlte sie dieses geheime ahnungsvolle Grauen vor diesem Bild schon in den frühesten Jahren ihrer Kindheit, ohne daß sie einen bestimmten Grund davon anzugeben wußte. Ihr Vater nannte dieses Gefühl eine kindische Furcht, und zwang sie zuweilen, allein in diesem Saal ein Geschäft zu verrichten. Allein je älter Juliane wurde, desto größer wurde nur ihr Grauen vor dem wunderbaren Bild, und sie bat ihren Vater oft mit Tränen, sie nicht allein in diesem Saal zu lassen. Das Bild, sagte sie, blicke sie mit leuchtenden Augen an, nicht finster und schrecklich, aber mit einer so wunderbar freundlichen Wehmut, als wolle es sie zu sich ziehen und die Lippen öffnen, sie zu rufen; es werde sie auch gewiß noch töten.

Der Vater gab endlich selbst die Hoffnung auf, Julianes Furcht zu überwinden, und einmal, als sie bei der Abendmahlzeit vom Schauder einen heftigen Zufall bekam, weil sie gesehen haben wollte, wie das Bild die Lippen bewegte, machte der Arzt es dem Vater zur Pflicht, seine Tochter vor ähnlichen Veranlassungen zum Schreck zu sichern. Das furchtbare Bild ward also aus dem Saal weggenommen, und in ein einsames unbewohntes Zimmer im oberen Stock über der Tür aufgehängt.

Zwei Jahre lebte nun Juliane sehr vergnügt, und sie blühte zu aller Verwunderung auf, wie eine verspätete Blume; denn die immerwährende Furcht hatte ihr Ansehen zuvor bleich und entstellt gemacht, das Bild mit allen seinen Schrecken war verschwunden, und Juliane…“

„Sag es nur heraus, kleine Unschuld“ – sagte die muntere Wirtin, als die Erzählerin stockte – „Juliane fand Bewunderer ihrer aufblühenden Schönheit, nicht wahr?“

„Nun ja“ – fuhr jene etwas errötend fort, – „sie war Braut und ihr Verlobter besuchte sie wenig Tage vor der Hochzeit. Da führte sie ihn in dem ganzen Schloß herum, und zeigte ihm die Aussicht auf die fernen grauen Gebirge aus dem oberen Stock. Ohne es selbst zu bemerken, befand sie sich in dem Zimmer, über dessen Tür jenes unglückliche Bild hing. Ein Fremder, dem das einsame Portrait auffallen mochte, fragte Juliane, wen es vorstellen sollte. Aufblicken, das furchtbare Gemälde erkennen, und mit einem durchdringenden Schrei nach der Tür stürzen, war bei Juliane das Werk eines Augenblicks: aber – wurde das Bild durch die Heftigkeit, mit welcher sie die Tür ergriff, erschüttert, oder war der Moment eben erschienen, in welchen es seine gefürchtete Macht gegen Juliane bewähren sollte, genug, im Augenblick, da die Unglückliche durch die geöffnete Tür ihrem Schicksal entfliehen will, stürzt das Bild herab, und Juliane, vom Schreck und der Last des schweren Rahmens zu Boden geworfen, lag in einer Betäubung, von der sie nie wieder erwachte!“

Eine lange Pause, nur von den lange zurückgehaltenen Ausrufungen des Erstaunens und der Teilnahme an der unglücklichen Braut unterbrochen, bezeichnete die Wirkung, welche diese Erzählung in den Gemütern der Zuhörer hervorgebracht hatte; nur Ferdinand schien weniger erstaunt als die anderen. Endlich unterbrach eine der alten Damen in Ferdinands Nachbarschaft die Stille.

„Diese Erzählung“ – sagte sie, – „ist buchstäblich wahr; ich kenne selbst die Familie, welcher dieses Bild die Tochter geraubt hat. Auch das Bild habe ich gesehen. Es ist, wie Sie, meine Liebe, richtig bemerkt haben, nichts weniger als fürchterlich, aber von so einer, wie soll ich sagen, – geheimnisvollen Gutmütigkeit, daß ich selbst seinen Anblick nie habe lange ertragen können, wiewohl es einen, durch den wehmütig-freundlichen Blick, von dem Sie auch sprachen, immer wieder an sich zieht, und mit den Augen zu winken scheint.“

„Ich bin überhaupt den Portraits nicht gut,“ – setzte die Wirtin hinzu, und schauderte etwas dabei, – „ich möchte auch keins in meinem Wohnzimmer haben. Man sagt, sie erblassen, wenn das Original stirbt, und je treffender sie sind, desto mehr kommen sie mir vor, wie die angeputzten Wachsfiguren, die ich nie ohne Abscheu habe sehen können.“

„Deswegen“ – sagte die Erzählerin – „ziehe ich auch die in Handlung gesetzten Portraits den gewöhnlichen Abbildungen der Gesichter vor. Jene sind in ihrer Handlung von dem, der sie ansieht, vollkommen abgesondert, und blicken nicht, wie diese, mit ihren starren Totenaugen aus ihrem Rahmen in die lebendige Welt heraus. Solche Bilder scheinen mir ebenso die, der Kunst anständige, Täuschung zu überschreiten, als die gemalten Statuen.“

„Allerdings,“ – erwiderte Ferdinand, – „und ein fürchterlicher Eindruck eines solchen Bildes in meiner frühem Jugend, dessen Schrecken ich nie vergessen werde, zwingt mich, Ihnen vollkommen Recht zu geben.“

„O, erzählen Sie!“ rief die Blondine, die noch auf ihrem Erzählersitz saß. – „Sie sind ohnedies durch Ihr Versprechen gehalten, meinen Platz einzunehmen.“

Mit einer leichten Wendung sprang sie auf, und nötigte scherzend Ferdinand, seinen Sitz mit dem ihrigen zu vertauschen.

„Meine Geschichte,“ – sagte Ferdinand, – „würde mit der, welche Sie eben erzählten, zu viel Ähnlichkeit haben; erlauben Sie mir daher…“

„Das tut nichts,“ – fiel die Wirtin ihm ein, – „an solchen Dingen hört man sich nicht satt, und so ungern ich dergleichen fatale Bilder ansehe, so höre ich doch gern von ihnen erzählen, wie sie aus ihren Rahmen herausschreiten, oder winken.“

„Im Ernst,“ – fuhr Ferdinand fort, der sein Versprechen gern wieder zurück gehabt hätte, – „meine Geschichte ist wirklich fast zu grausend für einen so schönen Abend. Ich gestehe Ihnen, daß ich mich selbst jetzt, nach einigen Jahren, ihrer nicht ohne Schauder erinnern kann.“

„O desto besser, desto besser,“ – riefen die meisten Stimmen, – „nun machen Sie uns erst recht neugierig, und da es Ihnen selbst begegnet ist, so erfahren wir doch einmal etwas ganz unbezweifelt gewisses!“

„Mir selbst eigentlich nicht,“ – versetzte Ferdinand etwas einlenkend – „aber einem meiner Freunde, dessen Wort mir so sicher und gewiß ist, als meine eigne Erfahrung.“

Die Bitten wurden wiederholt, und Ferdinand begann: „Mein Freund, dessen ich eben erwähnte, erzählte mir bei einem freundschaftlichen Streit über Erscheinungen und Vorbedeutungen folgendes: „Ich ward,“ sprach er, „von einem meiner akademischen Freunde eingeladen, die Universitätsferien mit ihm auf dem Landsitz seiner Eltern zuzubringen. Der Frühling, der nach einem langen traurigen Winter spät, aber desto lebendiger und kräftiger erschien, begünstigte unser Vorhaben, und wir kamen in den schönsten Tagen des Aprils munter und froh, wie die singenden Vögel im Walde, auf dem Schloß an.

Mein Freund, mit dem ich auf der Akademie unzertrennlich zu leben gewohnt war, hatte es schon durch seine Briefe so eingerichtet, daß wir auch hier ungetrennt blieben. Wir bezogen einige nebeneinander gelegene Zimmer des weitläufigen Schlosses, welche uns die Aussicht auf den Garten, und über denselben hinaus in eine freundliche, von Wäldern und Weinbergen in der Ferne begrenzte Gegend gewährten. Nach wenig Tagen war ich so eingewohnt und mit jedem vertraut, daß zwischen mir und dem Sohn vom Hause weder von der Familie, noch von der Dienerschaft, ein Unterschied gemacht wurde. Die jüngeren Geschwister meines Freundes ließen es sich nicht nehmen, wenigstens die Nacht in meinem Schlafzimmer, wie bei ihrem Bruder, zuzubringen, und seine Schwester, ein liebes Mädchen von zwölf Jahren, schön und lieblich wie eine weiße Rosenknospe, nannte mich ihren Bruder, und behauptete ihr schwesterliches Recht, mich mit jedem ihrer Lieblingsplätze bekanntzumachen, und mich bei der Tafel und in meiner kleinen häuslichen Einrichtung mit dem Nötigen selbst zu versehen. Unvergeßlich bleibt mir ihre zarte Sorgfalt, unvergeßlicher selbst, als die Schrecken, welche dieses Schloß auf ewig an meine Erinnerung knüpfen.

Schon am ersten Tage hatte ich an der Wand eines Saales, durch welchen der Weg zu meinen Zimmern führte, ein großes, in die Mauer befestigtes Bild bemerkt; aber zu sehr mit den neuen, mich von allen Seiten anziehenden Gegenständen beschäftigt, achtete ich wenig darauf. Erst als die beiden jüngeren Brüder meines Freundes sich mit so kindlicher Anhänglichkeit an mich anschlossen, und ich sie, die mich fast nie verließen, auch abends in unser gemeinschaftliches Schlafzimmer begleitete, erregte ihre auffallende Furcht, wenn wir durch diesen Saal gingen, meine Aufmerksamkeit. Jeder schmeichelte sich an mich an, um von mir auf den Arm genommen zu werden, und wer nur an meiner Hand blieb, verbarg wenigstens sein Gesicht darin, um auch nicht den mattesten Schein von diesem Bild mit seinen Augen aufzufangen.

Ich wußte, daß sich fast alle Kinder vor kolossalen oder doch in Lebensgröße dargestellten Figuren fürchten, und suchte den beiden Knaben Mut einzusprechen; gleichwohl konnte ich bei näherer Betrachtung dieses Bildes selbst eines unwillkürlichen Grauens mich nicht enthalten. Es stellte einen alten Ritter vor, in unbekannter, den fernsten Jahrhunderten eigener Tracht. Ein weiter grauer Mantel fiel ihm von der Schulter herab bis über die Knie; der eine Fuß schritt vorwärts, als wollte er aus seinem Rahmen heraustreten. Sein Gesicht war von einer erstarrenden Kraft. Solche Mienen hatte ich noch bei keinem Lebenden gesehen. Es war ein fürchterliches Gemisch von Todesstarrheit, und den Resten einer, selbst der Hand des Todes unbesiegbaren, schmerzlichen, wilden Leidenschaft, als hätte dem Maler ein wiederkehrender Bewohner des Grabes zu diesem entsetzlichen Gemälde die gräßlichen Züge geliehen.

Ich wurde von einem ähnlichen Grauen, wie die Kinder, befallen, so oft ich es betrachten wollte; meinem Freund war der Anblick unangenehm, doch eben nicht schrecklich; nur seine Schwester konnte die schreckliche Gestalt lächelnd betrachten, und sagte, wenn ich mein Entsetzen äußerte, mitleidig: er ist wohl nicht böse, aber gewiß sehr unglücklich!

Mein Freund erzählte mir, es sei das Bild des Stammvaters seines Geschlechtes, auf welches sein Vater sehr viel halte. Wahrscheinlich sei es in den ältesten Zeiten schon hier aufgestellt, und es lasse sich nicht wohl herausnehmen, ohne das gleichförmige alte Ansehen dieses ehemaligen Rittersaales zu entstellen.

Die Zeit unserer Ferien entfloh indessen unvermerkt unter ländlichen Freuden, und der letzte Tag unseres schönen Aufenthaltes erschien. Der alte Graf, dem es nicht entging, wie ungern wir den liebenswürdigen Kreis seiner Familie, und die anmutigen Umgebungen seines Landsitzes verließen, hatte den Tag vor unserer angesetzten Abreise mit einer bewundernswerten Sorgfalt zu einer ununterbrochenen Reihe kleiner ländlicher Feste gemacht. Eins folgte dem anderen ohne allen Schein einer Veranstaltung, wie durch innere Notwendigkeit herbeigeführt, und nur die leuchtenden Augen meiner kleinen schwesterlichen Freundin, wenn sie die Zufriedenheit ihres Vaters bemerkte, und die liebreiche Freundlichkeit, mit welcher dieser Emilie –, so nannte sich die kleine Grazie – anblickte, wenn ihn seine eigenen Pläne zuweilen durch ihre unerwartete Anordnung überraschten, ließen mich zuweilen das Einverständnis von Vater und Tochter, und zugleich den wichtigen Antheil erraten, welchen diese an der Harmonie hatte, die in den Festen dieses Tages, so wie in den ganzen Einrichtungen auf dem Schloß, herrschte.

Der Abend kam, die Gesellschaft zerstreute sich noch in dem Garten, aber meine liebenswürdige Begleiterin wich nicht von meiner Seite. Die beiden Kinder hüpften munter vor uns her, verfolgten die summenden Maikäfer und schüttelten sie von den blühenden Zweigen. Der Tau erhob sich im Schein des Mondes und lag wie silberner Flor auf Blumen und Gras. Emilie hing wie eine liebende Schwester an meinem Arm, und führte mich noch, wie zum Abschied, in jede Laube und zu jedem Sitz, den ich allein oder an ihrer Seite zu besuchen gewohnt gewesen war.

Endlich als wir vor der Tür zu der Gartenseite des Schlosses standen, mußte ich ihr das Versprechen wiederholen, welches ihr Vater schon von mir genommen hatte, einige Wochen des nächsten Herbstes wieder auf diesem Schloß zuzubringen. „Der Herbst“ – sprach sie – „ist so schön, wie der Frühling; nur ernsthafter, und – ich möchte sagen rührender. Mir scheint es immer, wenn er die welken Blätter so bunt färbt, als wollt’ er sie trösten. Sie sollen denken, das neue Jahr kommt und macht sie zu Blüten; so sterben sie vielleicht froher und fallen gern ab.“ – Wie gern versprach ich, jede andere Einladung abzulehnen, und ihren Bruder wieder zu ihr zu begleiten. Sie ging in ihr Schlafzimmer, und ich brachte meine kleinen Halbbrüder wie gewöhnlich zur Ruhe. Sie schwärmten die Treppe hinauf, und durch die Reihe der schwachbeleuchteten Zimmer; nicht einmal das furchtbare Bild störte heute zu meinem Erstaunen ihre Munterkeit

Mir selbst war noch der Kopf und die Brust zu voll von dem heutigen Tage und der ganzen schönen Zeit, die ich auf des Grafen Schloß verlebt hatte. Alle Bilder dieser frohen Vergangenheit drängten sich in meiner Erinnerung, und meine damals noch sehr jugendliche Phantasie ward zu sehr davon bewegt, als daß ich mich nach dem Beispiel meines Freundes schon der Ruhe hätte überlassen können. Die zarte, sich so kindlich-unbefangen hingebende Emilie schwebte mir, wie ein schönes Geisterbild, vor den Augen; ich blickte noch zu meinem Fenster heraus in die Gegend, die ich so oft und eben jetzt zum letzten Mal mit ihr durchwandelt hatte, und jede Stelle erschien mir hell in dem weißen Licht des Mondes.

Die Nachtigallen sangen in den Büschen, die unsere Lieblingssitze blühend umwölbten, und der Fluß, auf dem wir oft, mit Blütenzweigen bekränzt, unter frohen Gesängen schifften, wallte in silbernem Licht.

Verschwunden, dachte ich, in diese Erinnerungen verloren, verschwunden ist vielleicht mit den Blüten des Frühlings dieser schöne, holde Schimmer der arglosen, ruhig vertrauenden Kindlichkeit, und es hat sich, wie um die ausgeblühte, reifende Frucht eine harte verhüllende Schale um ihr jetzt sich so liebevoll hingebendes Herz gezogen, wenn der Herbst mich wieder zu ihr führt!

Unmutig trat ich von dem Fenster, und ging, von diesen Gedanken bewegt, durch die nahen Zimmer. Auf einmal stand ich vor dem Bild des Stammvaters, das, von dem Mondstrahl allein auf seltsame Weise beleuchtet, wie ein gräßliches Gespenst vor mir schwebte. Es schien in dem wunderbaren Licht wie verkörpert, und aus dem dunklen Grund hervortretend. Die Starrheit in seinen Zügen schien in die tiefste Wehmut aufgelöst, und nur durch den kalten, übermenschlichen Ernst des Auges schien der Mund auf dem Übergang zum klagenden Schmerz zu erstarren.

Meine Knie sanken zusammen, und mit schwankenden Schritten eilte ich in mein Zimmer zurück an das noch offene Fenster, um mich in der frischen Luft des Abends und beim Anblick der freundlichen Gegend von diesem grauenvollen Anblick zu erholen. Ich blickte in einen breiten Gang von uralten Linden, der sich unmittelbar vor meinem Fenster durch den ganzen langen Garten nach den Ruinen eines alten Turms hinzog, und der gewöhnliche Platz für unsere ländlichen Vergnügungen und gesellschaftlichen Spiele gewesen war. Die wunderbare Gestalt des Bildes löste sich mir schon in ein täuschendes Phantom, gebildet von meiner erregten Phantasie, auf, als es mir vorkam, als bewege sich eine dichte Tauwolke von den Ruinen durch den Lindengang her.

Neugierig heftete ich meine Blicke darauf; der sonderbare Nebelball zog mir näher, aber verborgen durch die belaubten Äste der hohen Linden.

Plötzlich erblick’ ich an einer lichteren Stelle des Ganges die entsetzliche Gestalt, von welcher das Bild die furchtbaren Züge trug. In den mir wohlbekannten grauen Mantel gehüllt, schritt sie langsam, fast zögernd nach dem Schloß zu. Kein Laut bezeichnete ihren Tritt auf dem steinigen Boden. So schritt sie, ohne aufzublicken, bei meinem Fenster vorüber, nach einer Nebentür, welche zu der vorderen Seite des Schlosses führte.

Außer mir vor Entsetzen warf ich mich in mein Bett, zufrieden, daß an jeder Seite desselben eins der beiden Kinder schlief. Sie lächelten, als sie mein schnelles Herzukommen erweckte, schliefen aber sogleich wieder ein. Die Unruhe verscheuchte mir den Schlaf, und schon wandte ich mich, um zu meiner Zerstreuung eins der Kinder zu wecken; aber – wer spricht mein Entsetzen aus, als ich vor dem einen Bett des Kindes die schreckliche Gestalt stehen sah.

Starr vor Grausen und Schreck, vermochte ich mich nicht zu bewegen, nicht einmal das Auge vor dem entsetzlichen Anblick zu schließen. Ich sah, wie die Gestalt sich niederbeugte, und die Stirn des Kindes mit einem leisen Kuß berührte. Dann beugte sie sich über mich hinweg, und küßte auch des zweiten Knaben Stirn.

Hier verließ mich die Besinnung, und als ich am anderen Morgen von den Kindern selbst liebkosend geweckt ward, war ich beinahe versucht, den ganzen Vorfall für einen lebhaften Traum zu halten.

Die Stunde der Abreise rückte indessen heran, und wir frühstückten noch zum letzten Mal zusammen in der blühenden Laube von türkischem Holunder. „Nehmen Sie sich besser auf der Reise in Acht“ – sagte unter anderen der alte Graf zu mir, – „Sie waren gestern Abend noch ziemlich spät in etwas leichter Kleidung in dem Garten. Es war mir bange, Sie möchten sich ein Fieber zuziehen. Die jungen Herren halten ihre Gesundheit für unverwüstlich, aber nehmen Sie den Rat eines Freundes an!“

„In der Tat“ – erwiderte ich ihm, – „möchte ich glauben, ein böses Fieber habe mich diese Nacht geängstet: denn so fürchterliche Phantasien haben mich noch nie erschreckt, als diese Nacht, und ich begreife nun, wie lebhafte Träume oft zu wunderlichen Einbildungen und Erzählungen von Erscheinungen Veranlassung gegeben haben.“

„Wie das?“ – fragte der Graf etwas unruhig. Ich erzählte die Erscheinung der vorigen Nacht. Der Graf schien zu meinem Erstaunen nicht verwundert, aber im Innersten tief bewegt.

„Beide Kinder küßte der Geist?“ – fragte er mit bebender Stimme, und als ich es bejahte, rief er mit dem Ton des tiefsten Schmerzes: „O Gott, dann sterben auch diese Beide!“

Die Gesellschaft hatte bis jetzt aufmerksam, und ohne durch einen Laut die Erzählung zu unterbrechen, Ferdinand zugehört. Bei diesen Worten aber schauderten die meisten, und die Blondine, welche vorher erzählt hatte, stieß einen lauten Schrei aus.

„Urteilen Sie,“ – fuhr Ferdinand fort, – „wie diese unerwartete Wendung meinen Freund, in dessen Person ich zeither erzählt habe, überraschen mußte! Die Erscheinung hatte seine Sinne fürchterlich bewegt, aber dieser schmerzhafte Ton des Vaters durchschnitt sein Herz und erschütterte seine ganze Natur mit dem Grauen der Geisterwelt und ihrer verborgenen Schrekken. Es war also kein Traum, kein Phantom der aufgeregten Phantasie! Ein unbezweifelter geheimer Schreckensbote der fremden Welt war bei ihm vorübergewandelt, hatte an seinem Lager gestanden und den Tod auf die blühenden Wangen der Kinder an seiner Seite geküßt!

Vergebens bat er den alten Grafen um einige Enthüllung dieser wundervollen Begebenheit; vergebens drang der Sohn in den Vater, ihm ein Geheimnis zu entdecken, welches wahrscheinlich ein Eigentum der Familie sei. „Du bist noch zu jung“ – antwortete ihm der Vater, – „und solche fürchterliche Dinge, als du selbst unter diesem Geheimnis vermutest, erfährst du zu jeder Zeit zu früh für deine Ruhe!“

Mein Freund bemerkte erst jetzt, als man ihn zur Abreise rief, daß der Graf die Kinder und Emilie während der Erzählung entfernt hatte. Er nahm jetzt innigst bewegt von den zurückkommenden Kindern, die sich gar nicht von ihm trennen wollten, und von dem alten Grafen Abschied. Emilie winkte ihm aus ihrem Fenster das Lebewohl zu, und nach drei Tagen erhielt der junge Graf die Nachricht von dem Tode beider Kinder. Sie hatten beide in einer Nacht ihr Leben geendet.“

„Sie sehen,“ – setzte Ferdinand etwas munterer hinzu, um die Gesellschaft, welche ihm zu bewegt schien, von dem grauenvollen Inhalt seiner Erzählung nach und nach abzulenken, – „Sie sehen, daß mein Märchen so weit von der, Ihnen mit Recht anstößigen natürlichen Erklärung des Wunderbaren in ihm entfernt ist, daß es nicht einmal die volle Bekanntschaft mit seinen Wundern zuläßt, welches man doch mit Recht von einer jeden Erzählung verlangt. Ich habe aber nie etwas mehr erfahren können, und da der alte Graf gestorben ist, ohne seinem Sohn das Geheimnis des Bildes zu enthüllen, so sehe ich keine Möglichkeit, jemals anders, als durch willkürliche Dichtung, die gewiß nicht uninteressante Geschichte dieses Bildes aufzufinden.“

„Dieses scheint auch eben nicht nötig“ – sagte ein junger Mann. – „Diese Geschichte ist so, wie die vorher erzählte, in der Tat zu Ende, und gibt gerade die Befriedigung, welche eine Erzählung dieser Art geben soll.“

„Ich würde Ihrer Meinung nicht beistimmen,“ – antwortete Ferdinand, – „wenn ich den wunderbaren Zusammenhang jenes Bildes mit dem nächtlichen Kindertöter, oder der Furcht Julianes vor dem Bild mit ihrem Tod durch dasselbe, zu enthüllen wüßte. So aber bin ich Ihnen für Ihre Zufriedenheit verbunden, und begnüge mich wohl selbst in Ermangelung des Ganzen mit dem Fragment.“

„Was würden Sie aber für die Phantasie gewinnen,“ – fragte jener, – „wenn Ihnen dieser Zusammenhang klar würde?“

„Offenbar viel,“ – erwiderte Ferdinand. „Denn die Phantasie verlangt ebenso Vollkommenheit ihrer Bildungen, wie der Verstand in seinem Gebiet Übereinstimmung der Begriffe fordert.“

Die Wirtin, welche die Streitigkeiten der Gelehrten nicht liebte, schlug sich auf Ferdinands Seite, und sagte: „Wir Weiber sind einmal neugierig; halten Sie es uns also wenigstens zugute, wenn wir bedauern, daß das Ende fehlt. Es kommt mir gerade vor, als ob ich die letzten Szenen von Mozarts Don Juan ohne die vorhergehenden sehen sollte. Damit würden Sie auch nicht zufrieden sein, so vortrefflich auch die letzten Szenen an und für sich sind.“

Der junge Mann schwieg, vielleicht weniger überzeugt, als gefällig gegen die artige Wirtin. Die Gesellschaft schwatzte noch das und jenes. Viele machten Anstalt zum Aufbruch, und Ferdinand, der seit seiner Erzählung sich vergebens überall nach der Blondine umgesehen hatte, stand schon vor der Tür, als ein ziemlich bejahrter Mann, den er im Musikzimmer gesehen zu haben sich erinnerte, ihn anredete.

„War nicht“ – fragte er, – „der Name Ihres Freundes, dessen Geschichte Sie uns erzählten, Graf Panner?“

„So hieß er“ – antwortete Ferdinand betroffen. – „Woher erraten Sie… ist Ihnen die Familie bekannt?“

„Sie haben reine Wahrheit erzählt,“ – erwiderte der Unbekannte – „wo hält sich der Graf auf?“

„Er reist gegenwärtig,“ – versetzte Ferdinand, – „aber ich erstaune...“

„Korrespondieren Sie mit ihm?“ – fragte der Unbekannte weiter.

„Ja!“ – erwiderte Ferdinand, – „aber ich begreife nicht...“

„So sagen Sie ihm,“ – fuhr der Alte fort, – „daß Emilie seiner noch gedenkt, und daß er kommen soll, wenn ihm an der Enthüllung des Geheimnisses liegt, das seine Familie selbst sehr nahe betrifft.“

Mit den letzten Worten stieg der Alte in seinen Wagen, und war Ferdinand aus dem Gesicht, ehe dieser sich von seinem Erstaunen erholen konnte.

Vergebens sah Ferdinand nach einem Menschen sich um, den er nach dem Namen des Unbekannten fragen konnte. Alle Gäste hatten sich schon zu Fuß oder zu Wagen entfernt, und schon machte er den Plan, der Unschicklichkeit Trotz zu bieten, und sich bei dem Pfarrer, der ihn so freundlich aufgenommen hatte, selbst zu erkundigen, als eben die Tür des Gartenhauses verschlossen ward. Er mußte unmutig den Weg in sein kleines Wirtshaus zurückzufinden versuchen, und seine Nachforschungen bis zu einem Morgenbesuch verschieben.

Emilies Bild war durch die schreckliche Begebenheit in der Nacht vor dem Abschied verdunkelt worden, und die Zerstreuungen bei Ferdinands bald darauf erfolgenden Reisen waren nicht geeignet gewesen, es aus seinem Dunkel hervorzurufen. Jetzt wurden diese Erinnerungen durch jene Erzählung und durch die unerwartete Anrede des Alten aus ihrem Schlummer geweckt, und mit ihnen erwachte die Liebe zu Emilie, aber lebendiger und glühender, als bei ihrem ersten, stillen Entstehen. Er glaubte in der schönen Blonden, Emilies ausgebildete Züge wiederzuerkennen. Je mehr er ihre Gestalt, ihren Blick, den Ton ihrer Rede und die Grazie aller ihrer Bewegungen sich zurückrief, desto auffallender ward ihm diese Ähnlichkeit. Der Ausruf des Schreckens, als er des alten Grafen Deutung der Erscheinung auf den Tod der Kinder erzählte, ihr schnelles Verschwinden nach jener Erzählung, selbst ihre Bekanntschaft mit seiner Familie, – denn die schöne Blonde hatte, ohne es zu wissen, in Julianes Geschichte die Geschichte von Ferdinands Schwester erzählt, – machten ihm seine Vermutung zur Gewißheit.

Die Nacht verstrich unter Entwürfen, Plänen und Zweifeln; und kaum konnte Ferdinand den Morgen erwarten, welcher ihm dieses Dunkel aufhellen sollte. Er traf den Pfarrer schon unter seinen Musikalien, und fand bald Gelegenheit, durch eine ungezwungene Wendung des Gesprächs sich nach einigen Personen unter den gestrigen Zuhörern und Zuhörerinnen zu erkundigen.

Aber leider fand Ferdinand wenig befriedigende Antwort auf seine Fragen nach der schönen Blonden und dem rätselhaften Unbekannten. Denn der Pfarrer war in seine Musik so vertieft gewesen, daß er viele seiner Gäste kaum bemerkt hatte, und es war Ferdinand nicht möglich, selbst durch die genaueste Beschreibung der Kleider und anderen Eigentümlichkeiten ihm begreiflich zu machen, von wessen Namen er eigentlich unterrichtet sein wollte. „Schade,“ – sagte endlich der Pastor, – „daß meine Frau ausgegangen ist, die könnte Ihnen am besten Aufschluß geben. Ihrer Beschreibung nach scheint mir zwar die blonde Dame das Fräulein von Hainthal gewesen zu sein, doch...“

„Fräulein von Hainthal?“ – unterbrach ihn Ferdinand etwas rasch, faßte sich aber sogleich wieder.

„So glaube ich,“ – sagte der Pastor. – „Kennen Sie das Fräulein?“

„Ihre Familie,“ – antwortete Ferdinand, – „ich vermutete nur aus einiger Familienähnlichkeit, es könne vielleicht die junge Gräfin Wartburg gewesen sein, deren Bruder dem Fräulein etwas gleicht.“

„Es wäre auch möglich,“ – erwiderte der Pastor. – „Sie haben also den unglücklichen Graf Wartburg gekannt?“

„Unglücklich?“ – fragte Ferdinand sich verwundernd.

„Sie wissen also nichts von dem traurigen Vorfall,“ – fuhr der Pastor fort, – „der vor kurzem auf dem Schloß Wartburg sich zugetragen hat? Der junge Graf, der auf seinen Reisen manche vortreffliche Gartenanlagen gesehen haben mochte, wollte die schöne Gegend um sein Schloß durch einige neue Anlagen verschönern. Bei diesem Plan schienen ihm die Ruinen eines alten Turmes im Wege zu sein, und er gab Befehl, sie abzubrechen. Sein Gärtner machte ihm vergebens Vorstellungen, daß diese Ruinen, von dem einen Flügel des Schlosses aus betrachtet, den schönsten Schluß der Perspektive eines uralten majestätischen Lindenganges bildeten, und übrigens die Anlegung der neuen Partie nur noch romantischer machen würden. Ein alter, im Dienst seiner Vorfahren ergrauter Diener bat ihn mit Tränen, die ehrwürdigen Reste früher Jahrhunderte zu schonen, und man sprach sogar, es habe sich eine alte Sage in der Gegend erhalten, daß an diese Ruinen die Dauer des Wartburgischen Geschlechts durch einen alten Zauber geknüpft sei.“

Der Graf achtete, als ein helldenkender Kopf, diese Reden nicht, und vielleicht befestigten sie mehr seinen Entschluß, statt ihn wankend zu machen. Die Werkleute kamen; das mit ungeheuren Felsstücken verbundene Mauerwerk widerstand lange den vereinigten Kräften der Werkzeuge und selbst des Pulvers; die Erbauer schienen für die Ewigkeit gearbeitet zu haben.

Endlich überwand die zerstörende Gewalt. Ein Felsenstück riß sich los, und stürzte durch eine, unter Schutt und Gesträuch lange verborgen gewesene Öffnung in eine tiefe Höhle hinab. Man entdeckte bei den Strahlen des hineinfallenden Tageslichtes ein weites, unterirdisches, auf starken Pfeilern ruhendes Gewölbe, und eilte, den jungen Grafen vor aller weiteren Nachforschung davon zu benachrichtigen.

Er kam, und begierig, den unterirdischen Aufenthalt kennenzulernen, ließ er sich mit zwei von seinen Dienern hinab, Sie fanden bald verrostete Ketten, in Steine befestigt, die deutlichen Zeichen der ehemaligen Bestimmung dieses Gewölbes. Auf der einen Seite erblickten sie einen menschlichen Körper in der weiblichen Kleidung der frühesten Vorzeit, der, wie es schien, der Zerstörung wunderbar widerstanden hatte. Neben ihm, hingeworfen lag ein zerfallenes menschliches Gerippe. Die beiden Diener erzählen, der junge Graf habe bei dem Anblick jenes Körpers mit dem Ton des höchsten Entsetzens ausgerufen: „Heiliger Gott, das ist sie, deren Bild meine Braut tötete!“ Dabei sei er besinnungslos neben dem Körper zu Boden gestürzt, worauf der Leichnam von der Erschütterung sogleich in Staub zerfallen sei.

Der Graf ward ohnmächtig aus dieser schrecklichen Gruft gebracht, kam aber durch die Bemühung der Ärzte zwar ins Leben, aber nie zur Besinnung zurück. Wahrscheinlich hat die lang verschlossene Luft dieses Gewölbes den Zufall bewirkt, und der Graf ist wirklich wenig Tage darauf im Wahnsinn gestorben. Sonderbar ist es, daß durch seinen Tod das Erlöschen seines Geschlechts mit der Zerstörung jener alten Ruinen zusammentrifft; denn es ist wirklich kein männlicher Zweig dieser alten Familie mehr vorhanden, und die geheimen Erbverträge, die noch vom Kaiser Otto bestätigt und versiegelt im Geschlechtsarchiv liegen, und als Familiengeheimnis bisher nur durch mündliche Tradition von Vater auf Sohn vererbt worden sind, werden nun müssen eröffnet werden. Auch ist es gegründet, daß ein Bild die Braut des jungen Grafen vor ungefähr einem halben Jahr getötet hat.“

„Ich habe gestern diesen Unglücksfall von der jungen blonden Dame erzählen hören“ – fiel Ferdinand ein.

„So ist es wohl möglich, daß es Gräfin Emilie selbst gewesen ist,“ – erwiderte der Pfarrer. – „Sie war die vertrauteste Freundin jener unglükklichen Braut.“

„Lebt die Gräfin nicht auf dem Schloß Wartburg?“ – fragte Ferdinand.

„Sie lebt,“ – antwortete der Pfarrer, – „seit dem Unglück ihres Bruders bei einer Verwandten ihrer Mutter auf dem nahen Schloß Lilienfels. Ihr väterliches Schloß steht wegen Ungewißheit der Erben unter Administration.“

Ferdinand wußte genug, um seine Reise nach der Residenz aufzugeben. Er dankte dem Pastor für seine Nachrichten, und fuhr sogleich nach dem Schloß, auf welchem Emilie wohnte.

Es war noch heller Tag, als Ferdinand auf dem Schloß ankam. Den ganzen Weg über hatte ihm die schöne Gestalt, die er gestern zu spät erkannt hatte, vor den Augen geschwebt. Er rief sich jedes ihrer Worte zurück, ihren Ton, ihre Bewegungen: und was der ruhigen Erinnerung nicht erschien, das bildete ihm die Phantasie mit den zarten Formen des ersten jugendlichen Gefühls und mit den glühenden Farben der neuerwachten Liebe. Er machte Emilie schon stille Vorwürfe, daß sie ihn gestern nicht, so wie er sie, wiedererkannt habe; und um zu versuchen, ob sein Äußeres ihr wirklich ganz fremd worden sei, ließ er sich ohne Namen als einen Fremden, der in Familienangelegenheiten mit ihr zu sprechen habe, ansagen.

In unruhiger Erwartung stand er in dem Zimmer, in welches man ihn geführt hatte, und unter den Bildern, mit welchen es geschmückt war, erkannte er bald die schönen Züge, die ihn seit gestern von neuem bezauberten. Noch stand er in entzückter Betrachtung, da öffneten sich die Türen, und Emilie trat herein. Sie erkannte Ferdinand sogleich, und mit dem süßesten Ton hieß sie den Freund ihrer Kindheit willkommen.

Ferdinand war vor Erstaunen fast unfähig, ihren freundlichen Empfang zu erwidern. Es war nicht die reizende Blonde von gestern, nicht eine dem Bild seiner Phantasie ähnliche Gestalt, die ihm jetzt entgegentrat. Es war Emilie selbst in einer, seiner Phantasie unerreichbar gewesenen Schönheit. Er erkannte jeden Zug des ehemals so schön aufblühenden Kindes wieder, aber in der Vollendung, welche die Natur ihren Lieblingen in den seltenen Momenten erteilt, wo sie ihre zum Himmel der Ideale strebende Tochter besiegen und den, um den Tod der Ideen trauernden Geist, durch sichtbare Geburt ihrer ewigen Bilder versöhnen zu wollen scheint. Ferdinand war lange wie geblendet; er wagte es nicht, von seiner Liebe zu sprechen, und noch weniger der Bilder und der anderen Wunder des Schlosses zu erwähnen. Emilie sprach von den glücklichen Tagen ihrer Kindheit, und erwähnte nur im Vorübergehen des unglücklichen Todes ihres Bruders.

So war der Abend herangekommen, als die schöne Blonde mit dem Unbekannten von gestern hereintrat. Emilie stellte beide Ferdinand als den Baron Hainthal und seine Tochter Klothilde vor. Sie erkannten beide den Fremden von gestern; Klothilde scherzte über sein Inkognito, und Ferdinand befand sich durch eine kurze Reihe unerwarteter und doch sehr natürlicher Zufälle auf einmal zwischen seiner bestimmten Braut, seiner wiedergefundenen Geliebten und dem rätselhaften Unbekannten, der ihm die Aufschlüsse über die wunderbaren Bilder versprochen hatte.

Bald ward noch die Gesellschaft durch die Eigentümerin des Schlosses vermehrt, in welcher Ferdinand ebenfalls eine seiner Nachbarinnen bei dem gestrigen Tee erkannte. Man berührte, um Emilie zu schonen, nichts von den Gegenständen, welche Ferdinand am meisten am Herzen lagen; aber nach aufgehobener Abendtafel näherte sich ihm der Baron.

„Ich zweifle nicht,“ – sprach er, – „daß Sie sehr einige Aufklärung über die wunderbaren Begebenheiten wünschen, von welchen Sie nach Ihrer gestrigen Erzählung selbst ein Zeuge gewesen sind. Ich erkannte Sie sogleich, und wußte, daß die angebliche Erzählung Ihres Freundes Ihre eigene Geschichte war. Zwar kann ich Ihnen nicht mehr entdecken, als mir selbst bekannt worden ist; indessen wird dieses hinlänglich sein, Sie auf die Begebenheiten der künftigen Tage im Voraus aufmerksam zu machen, und vielleicht Emilie, welche ich wie meine Tochter liebe, und deren Ihre Erzählung so teilnehmend erwähnte, vor Sorgen und Kummer zu bewahren.“

„Emilie vor Kummer zu bewahren,“ fiel Ferdinand schnell ein, – „sprechen Sie, was soll ich tun?“

„Wir sind hier nicht ungestört,“ – antwortete der Baron. – „Morgen früh suche ich Sie in Ihrem Zimmer auf, und teile Ihnen mit, was ich weiß.“