Fantastische Aussichten: Fantasy & Science Fiction bei Knaur #4 - Leigh Bardugo - kostenlos E-Book

Fantastische Aussichten: Fantasy & Science Fiction bei Knaur #4 E-Book

Leigh Bardugo

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Beschreibung

Sind Sie bereit für eine fantastische Reise in fremde Welten? Haben Sie den Mut, in ein Endzeit-Szenario einzutauchen, bei dem das Schicksal der Menschheit auf dem Spiel steht? Sind Sie bereit für ein düsteres Mittelalter, in dem sich Tote aus ihren Gräbern erheben? Möchten Sie in "Die Rebellion von Laterre" mitfiebern, wie die drei jungen Protagonisten sich entscheiden – für Liebe oder Freiheit? Vielleicht möchten Sie auch die Wartezeit überbrücken, bis ein neuer Roman Ihres Lieblingsautoren erscheint – zum Beispiel mit dem Auftakt einer neuen Dulogie von Leigh Bardugo, der Erfolgsautorin der Fantasy-Bestseller "Das Lied der Krähen" und "Das Gold der Krähen"? Oder brauchen Sie einfach etwas Ablenkung, bevor die stressige Weihnachtszeit beginnt – und womit ginge das besser, als mit Markus Heitz' rabenschwarzen Gruselgeschichten, die auf schaurig-schöne Art einen völlig neuen Blick auf die Zeit der Besinnlichkeit werfen?  Diese und weitere Geschichten finden Sie in der Leseproben-Sammlung zu den Fantasy-Titeln des Knaur-Verlages. Das kostenlose eBook enthält Leseproben zu: - Leigh Bardugo: King of Scars - N. K. Jemisin: Brennender Fels - Judith C. Vogt & Christian Vogt: Wasteland - Katharina V. Haderer: Der Garten der schwarzen Lilien - Jackson Ford: The Frost Files - Letzte Hoffnung - Jessica Brody & Joanne Rendell: Die Rebellion von Laterre - Markus Heitz: Der Tannenbaum des Todes

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Fantastische Aussichten:Fantasy & Science Fiction bei Knaur

Leseproben Herbst 2019

Knaur e-books

Inhaltsübersicht

Leigh BardugoKing of ScarsN. K. JemisinBrennender FelsJudith C. Vogt & Christian VogtWastelandKatharina V. HadererDer Garten der schwarzen LilienJackson FordThe Frost Files – Letzte HoffnungJessica Brody & Joanne RendellDie Rebellion von LaterreMarkus HeitzDer Tannenbaum des Todes
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Leigh Bardugo

King of Scars

Aus dem Amerikanischen von Michelle Gyo

Zoya

 

Schwer hing der Gestank nach Blut in der Kutsche. Zoya presste sich den Ärmel vor die Nase, aber der muffige Geruch von schmutziger Wolle war keine sonderliche Verbesserung.

Übel. Es war schlimm genug, dass sie mitten in der Nacht in einer geliehenen, schlecht gefederten Kutsche durch Ravka fuhren, aber dann auch noch in einem solchen Kleidungsstück? Das war wirklich nicht akzeptabel. Sie riss sich den Mantel vom Leib. Der Mief haftete an der Seide ihrer bestickten blauen Kefta, aber sie fühlte sich dennoch besser und mehr wie sie selbst.

Sie waren noch fünfzehn Kilometer von Ivets entfernt, gut einhundertfünfzig Kilometer von der sicheren Hauptstadt, und sie fuhren über schmale Straßen zurück zum Anwesen ihres Gastgebers, Herzog Radimov, in dem der Handelsgipfel stattfand. Zoya hatte für Gebete nichts übrig, deshalb hoffte sie einfach, dass niemand beobachtet hatte, wie Nikolai seinen Gemächern entkommen und in den Himmel hinaufgeflogen war. Wären sie zu Hause gewesen, in der Hauptstadt, wäre das hier niemals geschehen.

Die Hufe des Pferdes donnerten, und die Räder der Kutsche ratterten und sprangen, während neben ihr der König von Ravka mit den nadelspitzen Zähnen knirschte und an seinen Ketten zog.

Zoya hielt Abstand. Sie hatte gesehen, was ein Biss von Nikolai anrichten konnte, wenn er sich in diesem Zustand befand, und sie hatte wirklich keine Lust, einen Körperteil zu verlieren. Am liebsten hätte sie Tolya oder Tamar gebeten, mit ihr gemeinsam in der Kutsche zu fahren, bis Nikolai wieder seine menschliche Gestalt annahm. Doch sie wusste, was das für ihn bedeutete. Für ihn war es schlimm genug, dass sie sein Elend mit ansehen musste.

Draußen jaulte der Wind. Es klang nicht wie das Heulen eines Tiers, sondern eher wie das hohe, ausgelassene Lachen eines alten Freunds, der sie antrieb. Der Wind tat, was sie von ihm wollte, tat es, seit sie ein Kind gewesen war, aber in Nächten wie diesen spürte sie, dass er nicht ihr Diener war, sondern ihr Verbündeter: ein Sturm, der sich erhob, um das Knurren einer Kreatur zu verschleiern, die Geräusche eines Kampfs in einer wackligen Scheune zu vertuschen oder die Streitereien auf Straßen und in Dorftavernen aufzupeitschen. Es war der westliche Wind, Adezku der Unheilstifter. Selbst wenn dieser Junge jedem in Ivets erzählte, was er gesehen hatte, würden sie es Adezku zuschreiben, dem schlitzohrigen Wind, der Frauen in die Betten ihres Nachbarn trieb und verrückte Gedanken wie gefallene Blätter durch die Köpfe der Männer wirbelte.

Wenig später verstummte das Knurren in der Kutsche; die Ketten klirrten nicht mehr, während die Kreatur sich immer tiefer in den Schatten ihres Platzes zu drücken schien. Dann endlich erklang eine Stimme, rau und belegt. »Ich nehme nicht an, dass du mir ein frisches Hemd mitgebracht hast?«

Zoya hob ein Bündel vom Kutschenboden auf und zog ein sauberes weißes Hemd und einen pelzgefütterten Mantel hervor, beides fein gearbeitet, aber gründlich zerknittert, eine angemessene Bekleidung für einen Zaren, der die Nacht durchgezecht hatte.

Schweigend hielt Nikolai seine gefesselten Handgelenke hoch. Die Klauen hatten sich zurückgebildet, doch die schwarzen Narben, die er seit dem Ende des Kriegs trug, überzogen auch weiterhin seine Hände. Der Zar trug häufig Handschuhe, um sie zu verbergen, aber Zoya fand, dass es falsch war. Die schwarzen Linien waren eine Erinnerung an die Folter, die er durch die Hände des Dunklen erlitten hatte, daran, dass er gemeinsam mit seinem Land einen hohen Preis gezahlt hatte. Natürlich war das nur ein Teil der Geschichte, aber es war der Teil, mit dem die Leute aus Ravka am besten zurechtkamen.

Zoya öffnete die Ketten mit dem schweren Schlüssel, den sie um ihren Hals trug. Sie hoffte, dass sie es sich einbildete, aber die Narben auf Nikolais Händen schienen ihr in letzter Zeit noch dunkler, so, als wollten sie nie verblassen.

Als seine Hände frei waren, zog Nikolai das ruinierte Hemd aus. Er nutzte das Leinen und Wasser aus der Flasche, die sie ihm gab, um sich das Blut von Brust und Mund zu waschen. Dann spritzte er Wasser auf seine Hände und fuhr sich damit durchs Haar, sodass Wasser über seinen Hals und die Schultern rann. Er zitterte heftig.

»Wo hast du mich diesmal gefunden?«, fragte er und schaffte es beinahe, das Beben aus seiner Stimme zu verbannen.

Zoya rümpfte bei der Erinnerung die Nase. »Auf einem Gänsehof.«

»Ich hoffe, es war einer der moderneren Gänsehöfe.« Er mühte sich mit unsicheren Fingern mit den Knöpfen des sauberen Hemdes ab. »Wissen wir, was ich umgebracht habe?«

Oder wen? Die Frage hing unausgesprochen in der Luft.

Zoya schlug Nikolais bebende Hände von den Knöpfen weg und machte sich selbst an die Arbeit. Durch die dünne Baumwolle spürte sie die Kälte, die die Nacht auf seiner Haut zurückgelassen hatte.

»Du gibst eine vorzügliche Kammerdienerin ab«, murmelte er. Doch sie wusste, dass er es hasste, diese Hilfe annehmen zu müssen, weil er so schwach war, dass sie nötig war.

Anteilnahme würde es nur schlimmer machen, deshalb sagte sie schroff: »Ich vermute, du hast eine Menge Gänse getötet. Möglicherweise ein struppiges Pony.« War das aber alles gewesen? Zoya verfügte über keine Möglichkeit, herauszufinden, was das Monster vielleicht angerichtet hatte, bevor sie es gefunden hatte. »Du erinnerst dich an nichts?«

»Nur Bruchstücke.«

Sie würden abwarten müssen, bis Nachrichten über Tote oder Verstümmelungen bekannt würden. Die Schwierigkeiten hatten vor sechs Monaten begonnen, als Nikolai in einem Feld beinahe fünfzig Kilometer von Os Alta entfernt erwacht war, blutig und von Schrammen bedeckt, ohne Erinnerung, wie er aus dem Palast herausgekommen war oder was er in der Nacht getan hatte. Es scheint, ich habe angefangen zu schlafwandeln, hatte er Zoya und dem Rest des Triumvirats erzählt, als er mit Verspätung zu ihrem morgendlichen Treffen auftauchte, und er hatte einen langen Kratzer auf der Wange gehabt. Sie waren besorgt gewesen, aber auch verblüfft. Seine persönlichen Wachen, die Zwillinge Tolya und Tamar, waren kaum die Typen, die Nikolai einfach vorbeilassen würden. Wie bist du an ihnen vorbeigekommen?, hatte Zoya ihn gefragt, als Genja den Kratzer mithilfe des Schneiderns behoben hatte.

Nikolai hatte sich nicht anmerken lassen, falls es ihn irgendwie beunruhigte. Ich bin in den meisten Dingen herausragend, hatte er gesagt, warum nicht auch dabei? Er ließ neue Schlösser an die Türen seiner Schlafgemächer anbringen und bestand dann darauf, dass sie sich wieder dem Tagesgeschäft zuwandten. Drei Wochen später hatte Tolya auf einem Stuhl vor den Gemächern des Königs gesessen und gelesen, als er das Geräusch splitternden Glases hörte und durch die Tür stürmte, wo er gerade noch sah, wie Nikolai vom Fenstersims sprang, auf dem Rücken Schwingen aus wirbelnden Schatten.

Tolya weckte Zoya, und sie verfolgten den König bis auf das Dach eines Kornspeichers, der fünfundzwanzig Kilometer entfernt stand. Sie begannen, den König ans Bett zu ketten – eine wirkungsvolle Lösung, die nur durchführbar war, weil Nikolais Diener im Palast sein Schlafgemach nicht betreten durften. Der König war schließlich ein Kriegsheld, und es war bekannt, dass er Albträume hatte. Sechs Monate lang sperrte Zoya ihn jede Nacht ein und ließ ihn am Morgen wieder frei, und so schützten sie Nikolais Geheimnis. Nur Tolya, Tamar und das Triumvirat der Grisha kannten die Wahrheit. Fand man heraus, dass der Zar von Ravka seine Nächte in Ketten verbrachte, so wäre er das perfekte Ziel für einen Anschlag oder einen Putsch, mal abgesehen davon, dass er zum Opfer von Spott und Hohn würde.

Und genau das machte das Reisen so gefährlich. Nikolai hatte sich jedoch geweigert, sich weiter hinter den Mauern in Os Alta zu verstecken.

»Ein Zar kann nicht in seinem eigenen Schloss eingesperrt bleiben«, hatte er verkündet. »Da riskiert man ja, wie eine Geisel zu wirken und nicht wie ein Regent.«

»Du hast Gesandte, die diese Staatsangelegenheiten für dich erledigen«, hatte Zoya dagegengehalten, »Repräsentanten, Untergebene.«

»Die Öffentlichkeit könnte vergessen, wie gut ich aussehe.«

»Das bezweifle ich. Sie prägen dein Gesicht auf die Geldmünzen.«

Nikolai weigerte sich dennoch, einzulenken, und Zoya musste zugeben, dass er nicht ganz unrecht hatte. Sein Vater hatte den Fehler begangen, anderen das Herrschen zu überlassen, und das hatte ihn viel gekostet.

Nikolai und Zoya konnten nicht mit einer Truhe voller Ketten auf Reisen gehen, die neugierige Diener entdecken könnten, deshalb verließen sie sich auf ein starkes Beruhigungsmittel, das Nikolai ans Bett fesseln und das Monster im Griff behalten sollte, wenn sie sich vom Palast entfernten.

»Genja wird mein Mittel stärker machen müssen«, sagte er und streifte sich den Mantel über.

»Oder du könntest in der Hauptstadt bleiben und aufhören, so dumme Risiken einzugehen.« Bisher hatte sich das Monster damit begnügt, nur Vieh anzugreifen, und seine Opfer hatten sich auf ausgeweidete Schafe und ausgesaugte Rinder beschränkt. Sie beide wussten jedoch, dass dies nur eine Frage der Zeit war. Was immer von der Macht des Dunklen in ihm zurückgeblieben war, es brodelte in Nikolai, und es gierte nach mehr als nur tierischem Fleisch.

»Der letzte Zwischenfall liegt kaum eine Woche zurück.« Er rieb sich mit der Hand übers Gesicht. »Wir hätten mehr Zeit haben sollen.«

»Es wird schlimmer.«

»Ich mag es, dich auf Trab zu halten, Nazyalensky. Andauernde Nervosität bewirkt Wunder für den Teint.«

»Ich schicke dir eine Dankeskarte.«

»Mach das unbedingt. Du strahlst förmlich.«

Sie hörten einen scharfen Pfiff von draußen, als die Kutsche langsamer wurde.

»Wir nähern uns der Brücke«, sagte Zoya.

Der Handelsgipfel in Ivets war wertvoll gewesen für ihre Verhandlungen mit Kerch und Novyi Zem, aber Zoll- und Steuerangelegenheiten hatten auch die Tarnung für ihre wahre Mission geboten: einen Besuch der Stätte von Ravkas neuestem Wunder.

Vor einer Woche waren die Dorfbewohner von Ivets hinter Herzog Radimovs mit Schleifen geschmücktem Wagen ausgezogen, um das Fest von Sankt Grigori zu feiern, hatten Trommeln geschlagen und kleine Harfen gespielt, die das Instrument nachahmen sollten, das Grigori geschaffen hatte, um die Tiere des Waldes zu beruhigen. Doch als sie den Sokol erreichten, war die Holzbrücke zusammengestürzt, die die Schlucht überspannte. Bevor der Herzog und seine Vasallen in die wütenden Wildwassermassen unter ihnen stürzen konnten, war unter ihnen eine weitere Brücke aufgetaucht, die aus den Wänden des Abgrunds und den zerklüfteten Felsen des Schluchtenbodens zu wachsen schien.

Zoya blickte aus dem Kutschenfenster, als sie um die Kurve in der Straße fuhren, und die neue Brücke kam in Sicht, die hohen, schlanken Säulen und langen Träger weiß glänzend im Mondlicht. Sie hatte sie schon gesehen, war mit dem König darübergelaufen, aber der Anblick war dennoch atemberaubend. Aus der Ferne sah sie aus, als wäre sie aus Alabaster gearbeitet. Erst wenn man näher kam, wurde deutlich, dass die Brücke gar nicht aus Stein bestand.

Nikolai schüttelte den Kopf. »Als Mann, der sich regelmäßig in ein Monster verwandelt, ist mir klar, dass ich mir vielleicht kein Urteil erlauben sollte, aber wissen wir sicher, dass sie stabil ist?«

»Nein«, sagte Zoya und zwang sich, gleichmäßig zu atmen und die Fäuste zu entspannen. »Aber sie ist die einzige Möglichkeit, über die Schlucht zu kommen.«

»Vielleicht hätte ich meine Gebete aufpolieren sollen.«

Das Rollen der Räder veränderte sich, als die Kutsche auf die Brücke fuhr, vom Rumpeln der Straße zu einem gleichmäßigen Rattern. Die Brücke, die auf so wundersame Weise aus dem Nichts gewachsen war, war nicht aus Stein oder Ziegeln oder Holzbalken. Ihre weißen Träger und Querbalken bestanden aus Knochen und Sehnen, die Pfeiler und Streben wurden von faserigen Knorpelsträngen zusammengehalten. Ratter, ratter, ratter. Sie fuhren über ein Rückgrat.

»Das Geräusch gefällt mir gar nicht«, sagte Zoya.

»Genau. Ein Wunder sollte würdiger klingen. Ein bisschen Glockengeläut vielleicht, oder ein Chor himmlischer Stimmen.«

»Nenn es nicht so«, blaffte Zoya.

»Einen Chor?«

»Ein Wunder.« Zoya hatte genug vergebliche Gebete geflüstert in ihrer Kindheit, um zu wissen, dass die Heiligen niemals antworteten. Die Brücke war Grishawerk, und es gab keine Erklärung für ihr Auftauchen, die sie gern herausfinden wollte.

»Wie würdest du eine Brücke nennen, die aus Knochen besteht, die gerade noch rechtzeitig entsteht, um eine ganze Stadt vor dem Tod zu bewahren?«

»Es war keine ganze Stadt.«

»Halbe Stadt«, korrigierte sich Nikolai.

»Ein unerwartetes Ereignis.«

»Das wird diesem Wunderwerk nicht gerecht.«

Und es war ein Wunderwerk. Zugleich elegant und grotesk, eine Masse aus sich kreuzenden Balken und geschwungenen Bogen. Seit sie aufgetaucht war, hatten Pilger an beiden Enden ihre Lager aufgeschlagen, hielten dort Tag und Nacht Wache. Sie hoben die Köpfe nicht, als die Kutsche vorbeirollte.

»Wie würdest du das Erdbeben von Chernast nennen?«, fragte Nikolai. »Oder die Statue von Sankta Anastasia, die blutige Tränen weint, bei Tsemna?«

»Ärger«, sagte Zoya. Die Vorkommnisse hatten zur gleichen Zeit begonnen wie Nikolais nächtliche Anfälle. Das konnte ein Zufall sein, aber es schien wahrscheinlicher, dass die seltsamen Ereignisse in ihrem Land an die Macht gebunden waren, die ihren Zaren heimsuchte. Sie waren nach Ivets gekommen in der Hoffnung, einen Hinweis zu finden, eine Verbindung, die dabei helfen würde, Nikolai von dem Monster zu befreien.

»Du denkst immer noch, das ist das Werk von Grisha, die Parem nehmen?«, fragte er.

»Wie sonst würde jemand eine solche Brücke oder ein solches Erdbeben erschaffen können?«

Parem. Die Droge war das Produkt der Experimente in einem Labor der Shu. Sie konnte die Macht einer Grisha in etwas vollkommen Neues und Gefährliches verwandeln. Mit ihrer Hilfe könnte es einem untrainierten Fabrikator möglich sein, eine Brücke aus einem Körper zu schaffen. Doch warum? Und wie stand das mit der dunklen Macht in Verbindung, die in Nikolai steckte?

Sie erreichten die andere Seite der Brücke, und das beruhigende Geräusch der unbefestigten Straße erfüllte erneut die Kutsche. Es war, als wäre ein Bann von ihnen genommen worden.

»Wir müssen Herzog Radimov heute verlassen«, sagte Nikolai. »Und hoffen, dass niemand mich auf dem Gelände herumflattern hat sehen.«

Ein Teil von Zoya wollte zustimmen, aber da sie die Reise schon gemacht hatten … »Ich kann deine Dosis verdoppeln. Ein Tag Verhandlungen stehen noch aus.«

»Lass Ulyashin sie abwickeln. Ich will zurück in die Hauptstadt. Wir haben Proben von der Brücke für David. Er könnte daraus etwas erfahren, das wir nutzen können, um mit meinem …«

»Leiden?«

»Ungebetenem Gast.«

Zoya verdrehte die Augen. Er sprach, als ob er von einer giftigen Tante geplagt würde. Aber es gab andere Gründe für sie, zu bleiben. Sie tippte mit den Fingern gegen den Samtsitz, überlegte, wie sie fortfahren sollte. Sie hoffte, ein Treffen zwischen Nikolai und den Schenck-Mädchen einzufädeln, ohne dass er bemerkte, dass sie sich einmischte. Der Zar mochte es gar nicht, gelenkt zu werden, und wenn er spürte, dass er gedrängt wurde, konnte er genauso störrisch sein wie … nun ja, wie Zoya.

»Rede, Nazyalensky. Wenn du deine Lippen so spitzt, siehst du aus, als hättest du Liebe mit einer Zitrone gemacht.«

»Was für eine glückliche Zitrone«, sagte Zoya und rümpfte die Nase. Sie glättete den Stoff ihrer Kefta über ihrem Schoß. »Die Familie Schenck trifft morgen ein.«

»Und?«

»Sie haben zwei Töchter.«

Nikolai lachte. »Hast du deshalb dieser Reise so bereitwillig zugestimmt? Damit du dich in Kuppeleien ergehen kannst?«

»Ich habe zugestimmt, weil jemand dafür sorgen musste, dass du niemanden frisst, wenn dein ungebetener Gast beschließt, mitten in der Nacht hungrig zu werden. Und ich bin keine Mama, die sich einmischt und ihren Lieblingssohn verheiratet sehen will. Ich versuche, deinen Thron zu schützen. Hiram Schenck ist ein hochrangiges Mitglied des Krämerrats. Er könnte praktisch garantieren, dass Ravkas Darlehen von Kerch einen Aufschub bekommt, von dem gewaltigen Vermögen ganz zu schweigen, das eine seiner hübschen Töchter erben wird.«

»Wie hübsch?«

»Wen schert’s?«

»Nicht mich, gewiss. Zwei Jahre mit dir zusammenzuarbeiten, hat meinen Stolz erschöpft. Ich will sichergehen, dass ich nicht mein Leben damit verbringe zuzusehen, wie andere Männer meine Ehefrau angaffen.«

»Wenn sie das tun, kannst du sie köpfen lassen.«

»Die Männer oder meine Frau?«

»Beide. Sieh nur zu, dass du zuerst ihre Mitgift bekommst.«

»Gnadenlos.«

»Praktisch veranlagt. Wenn wir noch eine Nacht blieben …«

»Zoya, ich kann nicht eine Braut umwerben, wenn die Möglichkeit besteht, dass ich versuche, sie zu meinem Abendessen zu machen.«

»Du bist ein Zar. Der Thron und die Juwelen und der Titel erledigen das Werben für dich, und sobald du verheiratet bist, wird deine Zarin deine Verbündete.«

»Oder sie rennt schreiend aus unserem Hochzeitsgemach und erzählt ihrem Vater, dass ich erst an ihrem Ohrläppchen knabberte und dann versuchte, das ganze Ohr zu verspeisen. Sie könnte einen Krieg auslösen.«

»Aber das wird sie nicht, Nikolai. Wenn ihr beiden eure Ehegelübde abgelegt habt, wirst du sie so bezaubert haben, dass sie dich liebt, und dann bist du ihr Problem.«

»Selbst mein Charme hat seine Grenzen, Zoya.«

Falls dem so war, hatte sie sie noch nicht gefunden. Zoya warf ihm einen ungläubigen Blick zu. »Ein gut aussehendes Monster als Ehemann, der einem eine Krone auf den Kopf setzt? Das ist das perfekte Märchen für ein blauäugiges Mädchen. Sie kann dich nachts einsperren und dir am Morgen einen liebevollen Kuss auf die Lippen drücken, und Ravka wird sicher sein.«

»Warum gibst du mir nie einen liebevollen Kuss am Morgen, Zoya?«

»Ich mache gar nichts liebevoll, Eure Hoheit.« Sie schüttelte ihre Ärmel aus. »Warum zögerst du? Ravka bleibt verwundbar, bis du heiratest, bis du einen Erben hast.«

Nikolais schlagfertige Haltung sank in sich zusammen. »Ich kann keine Frau heiraten, während ich in diesem Zustand bin. Ich kann keine Ehe schließen, die auf Lügen gründet.«

»Tun das nicht die meisten?«

»Immer die Romantikerin.«

»Praktisch veranlagt«, wiederholte sie.

Ein weiterer scharfer Pfiff ertönte vor der Kutsche, zwei rasch aufeinanderfolgende Töne – Tolyas Signal, dass sie sich dem Torhaus näherten.

Zoya wusste, dass es einige Verwirrung unter den Wachen geben würde. Niemand hatte gesehen, wie die Kutsche abgefahren war, und sie trug kein Siegel des Zaren. Tolya und Tamar hatten sie am Brunnen vor dem Anwesen des Herzogs bereitgehalten, nur für den Fall, dass Nikolai entkam. Sie hatten sie geholt, als sie bemerkte, dass er weg war. Es war gefährlich, in seinen Gemächern nach ihm zu sehen. Sie wusste, dass sich bereits die Gerüchte verbreitet hatten, dass ihre Beziehung mehr als nur politisch wäre. Das war egal. Man hatte sich schon schlimmere Dinge über Herrscher zugeflüstert.

Heute Nacht hatten sie Glück gehabt. Sie hatten den Zaren gefunden, bevor er zu weit gestreunt war. Wenn Nikolai flog, konnte sie spüren, wie er den Wind ritt, und ihn anhand dieser Störung verfolgen. Doch wenn sie nicht rechtzeitig bei diesem Hof angekommen wäre, was hätte geschehen können? Hätte Nikolai diesen Jungen getötet? Das Ding in ihm war nicht nur ein hungriges Tier, sondern etwas weitaus Schlimmeres, und sie wusste mit absoluter Sicherheit, dass es sich nach menschlicher Beute sehnte. Irgendwie hatte der Zar bisher die übelsten Triebe im Zaum gehalten, aber wie lange noch?

»Wir können so nicht weitermachen, Nikolai.« Sie würden schließlich ertappt. Diese abendlichen Jagden und schlaflosen Nächte würden sie am Ende überwältigen. »Wir alle müssen tun, was erforderlich ist.«

Nikolai seufzte und breitete die Arme für sie aus, als die Kutsche ratternd zum Stehen kam. »Dann komm her, Zoya, und küsse mich so liebevoll, wie das eine junge Braut tun würde.«

So viel zur Schicklichkeit. Zoya nahm die zweite Flasche aus dem Bündel und tupfte Whiskey auf ihren Puls wie Parfum, bevor sie sie Nikolai reichte, der einen tiefen Zug nahm und dann den Rest großzügig auf seinem Mantel verteilte. Zoya zerzauste sich das Haar und ließ ihre Kefta von einer Schulter gleiten, dann sank sie in die Arme des Zaren. Diese Rolle war leicht zu spielen, manchmal zu leicht.

Er vergrub sein Gesicht in ihrem Haar und atmete tief ein. »Wie kommt es, dass ich nach Gänsescheiße und billigem Whiskey rieche und du, als wärst du gerade durch eine Wildblumenwiese gelaufen?«

»Die Welt ist ungerecht.«

Er atmete erneut ein. »Was ist das für ein Geruch? Er erinnert mich an etwas, aber ich kann ihn nicht ganz einordnen.«

»Das letzte Kind, das du versucht hast, zu fressen?«

»Das muss es sein.«

Die Tür der Kutsche wurde aufgerissen.

»Eure Hoheit, wir hatten nicht bemerkt, dass Ihr heute Nacht ausgegangen seid.« Zoya konnte das Gesicht der Wache nicht sehen, aber sie hörte das Misstrauen in seiner Stimme.

»Dein König pflegt nicht um etwas zu bitten, und schon gar nicht um Erlaubnis«, sagte Nikolai, die Stimme gelangweilt, aber mit der verächtlichen Schärfe eines Herrschers.

»Natürlich, natürlich«, sagte die Wache. »Wir hatten nur Eure Sicherheit im Sinn.« Zoya bezweifelte das. West-Ravka hatte sich unter den neuen Steuern und Gesetzen erhoben, die mit der Vereinigung gekommen waren. Diese Wachen mochten den Doppeladler tragen, aber ihre Loyalität gehörte dem Herzog, der das Anwesen führte und den Widerstand zu Nikolais Herrschaft aufgerührt hatte. Ohne Zweifel würde ihr Meister sich darüber freuen, wenn er die Geheimnisse des Zaren aufdeckte.

Zoya schlug einen klagenden Ton an: »Warum fahren wir nicht?«

Sie spürte, wie sich das Interesse ihr zuwandte.

»Eine gute Nacht also?«, fragte der Wächter, und sie konnte beinahe sehen, wie er versuchte, einen besseren Blick in die Kutsche zu bekommen.

Zoya warf ihr langes schwarzes Haar zurück und sagte mit der verschlafenen Stimme einer Frau, die vergangenes Vergnügen ahnen ließ: »Eine sehr angenehme Nacht.«

»Spielt sie nur mit den Herrschern?«, fragte der Wächter. »Sieht aus, als könnte man mit ihr Spaß haben.«

Zoya spürte, wie Nikolai sich anspannte. Sie war gleichermaßen berührt als auch verärgert, dass er glaubte, es machte ihr etwas aus, was irgendein Idiot dachte, aber heute Abend gab es keinen Grund für galantes Benehmen.

Sie warf dem Wächter einen langen Blick zu, dann sagte sie: »Du hast keine Ahnung.«

Er schnaubte und winkte sie durch.

Zoya erwartete, dass Nikolai sie losließ, aber als die Kutsche weiterrollte, ließ er die Arme um sie liegen. Sie konnte das schwache Zittern der Wandlung immer noch spüren, das noch durch ihn bebte, und ihre eigene Erschöpfung legte sich über sie. Es wäre zu leicht, die Augen zu schließen, sich der Illusion der Geborgenheit hinzugeben. Aber sie konnte es sich nicht leisten, lange zu ruhen. »Jemand wird es schließlich sehen oder reden«, sagte sie. »Wir hatten bisher kein Glück auf der Suche nach einem Heilmittel. Heirate. Schließe ein Bündnis. Zeuge einen Erben. Sichere den Thron und Ravkas Zukunft.«

»Das werde ich«, sagte er müde. »Ich werde das alles tun. Aber nicht heute Nacht. Lass uns heute Nacht so tun, als wären wir verheiratet.«

Hätte ein anderer Mann das gesagt, sie hätte ihm ins Gesicht geschlagen. Oder ihn vielleicht sogar mit in ihr Bett genommen. »Und was heißt das?«

»Lass uns einander Lügen erzählen, so wie es verheiratete Paare tun. Es wird ein schönes Spiel sein. Mach schon, Frau. Erzähl mir, dass ich ein gut aussehender Kerl bin, der niemals altert und der mit all seinen Zähnen im Mund sterben wird. Sag es so, dass ich es dir glaube.«

»Das werde ich nicht.«

»Ich verstehe. Du konntest noch nie gut lügen.«

Zoya wusste, dass er sie neckte, aber dennoch fühlte sie sich in ihrem Stolz verletzt. »Vielleicht ist die Liste meiner Talente ja so lang, dass du einfach noch nicht bis zum Ende vorgedrungen bist.«

»Na, dann mach weiter, Nazyalensky.«

»Liebster Mann«, sagte sie mit honigsüßer Stimme, »wusstest du, dass die Frauen meiner Familie die Zukunft in den Sternen lesen können?«

Er stieß ein Lachen aus. »Das wusste ich nicht.«

»O ja. Und ich habe dein Schicksal in den Sternbildern gesehen. Du wirst alt werden, fett und glücklich, ein Vater vieler unerzogener Kinder, und sie werden deine Geschichte in Liedern und Gedichten besingen.«

»Sehr überzeugend«, sagte Nikolai. »Du bist gut in diesem Spiel.« Eine lange Stille folgte, in der nur das Rattern der Kutschräder erklang. »Und jetzt erzähl mir, dass ich einen Weg hier herausfinde. Sag mir, dass alles gut wird.«

Sein Ton war fröhlich, neckend, aber Zoya kannte ihn zu gut. »Alles wird gut«, sagte sie mit aller Überzeugungskraft, die sie aufbringen konnte. »Wir werden dieses Problem lösen, genau wie wir auch schon alle anderen zuvor gelöst haben.« Sie neigte den Kopf, um zu ihm aufzublicken. Seine Augen waren geschlossen, und eine Sorgenfalte verunzierte seine Stirn. »Glaubst du mir?«

»Ja.«

»Siehst du?«, fragte sie und legte den Kopf an seine Brust. Sie spürte, wie das letzte Zittern seinen Körper verließ. »Du bist auch gut in diesem Spiel.«

 

Nina

 

Nina umklammerte ihr Messer und versuchte, das Gemetzel zu ignorieren, das sie umgab. Sie blickte auf ihr Opfer hinab, ein weiterer Körper, der hilflos vor ihr ausgebreitet lag.

»Tut mir leid, Freund«, murmelte sie auf Fjerdan. Sie trieb ihr Messer in den Bauch des Fischs, stieß es Richtung Kopf hoch, packte die feuchten, pinkfarbenen Innereien und warf sie auf die dreckigen Bretter, wo sie mit dem Schlauch weggespritzt werden würden. Der ausgenommene Kadaver kam in ein Fass zu ihrer Linken, das von einem der Läufer geleert und zum Verpacken gebracht werden würde. Oder zum Verarbeiten. Oder Einlegen. Nina hatte keine Ahnung, was wirklich mit dem Fisch geschah, und es war ihr auch ziemlich egal. Nach den zwei Wochen, die sie in der Konservenfabrik arbeitete, von der aus man den Hafen von Elling überblickte, hatte sie nicht vor, jemals wieder etwas mit Schuppen oder Flossen zu essen.

Stell dir vor, du liegst in einem warmen Bad mit einem Teller voll Toffee. Vielleicht würde sie auch einfach die Wanne mit Toffee füllen und das Ganze vollkommen dekadent angehen. Das könnte der letzte Schrei werden. Toffeebäder und Waffelpeelings.

Nina schüttelte den Kopf. Dieser Ort trieb sie langsam in den Wahnsinn. Ihre Hände waren dauernd verschrumpelt, die Haut von winzigen Schnitten gekerbt wegen ihrer ungeschickten Handhabung des Filetiermessers; der Fischgeruch ging nicht aus ihrem Haar raus, und ihr Rücken schmerzte, weil sie vom Morgengrauen bis zum Abend vor der Konservenfabrik auf den Füßen war, bei Regen und Sonnenschein, und vor den Elementen nur von einem Wellblechvordach geschützt. Doch es gab nicht viele Jobs für unverheiratete Frauen in Fjerda, deshalb hatte Nina – unter dem Namen Mila Jandersdat – die Stellung mit Freuden angenommen. Die Arbeit laugte sie aus, aber sie erleichterte ihrem örtlichen Kontakt, ihre Nachrichten zu bekommen, und ihr Standort zwischen den Fischfässern verschaffte ihr eine perfekte Aussicht auf die Wächter, die im Hafen patrouillierten.

Heute waren es eine Menge, die in ihren blauen Uniformen durch die Docks streiften. Kalfisk, nannten die Einheimischen sie – Tintenfische –, weil sie ihre Tentakel in allem hatten. Elling befand sich da, wo der Stelge und die Isenvee aufeinandertrafen, und es war einer der wenigen Häfen an Fjerdas steiniger Nordwestküste, die großen Schiffen leichten Zugang zum Meer boten. Der Hafen war für zwei Sachen bekannt: fürs Schmuggeln und für den Fisch. Seelachs, Seeteufel, Schellfisch; Lachs und Silbermakrelen aus den tiefen Gewässern vor der Küste.

Nina arbeitete an der Seite von zwei Frauen – eine Hedjut-Witwe mit Namen Annabelle und Marta, eine alte Jungfer aus Djerholm, die so schmal war wie eine Ritze in den Dielenbrettern und ständig den Kopf schüttelte, als würde ihr alles missfallen. Ihr Schnattern half Nina, sich abzulenken, und es war eine willkommene Quelle für Tratsch und legitime Informationen, wobei es schwer war, die beiden voneinander zu unterscheiden.

»Es heißt, Captain Birgir hat eine neue Mätresse«, fing Annabelle an.

Marta schürzte dann die Lippen. »Na, mit den Bestechungsgeldern, die er nimmt, kann er sie sich sicher leisten.«

»Sie verstärken die Patrouillen, seit man diese blinden Passagiere geschnappt hat.«

Marta schnalzte mit der Zunge. »Bedeutet mehr Jobs, aber wahrscheinlich mehr Ärger.«

»Kamen heute mehr Männer von Gäfvalle. Der Fluss wurde bitter oben bei der alten Festung.«

Martas Kopf zuckte wie der Schwanz eines glücklichen Hundes vor und zurück. »Ein Zeichen von Djels Ungunst. Jemand sollte einen Priester ausschicken, um Gebete aufzusagen.«

Gäfvalle. Eine der Flussstädte. Nina war nie dort gewesen, hatte sogar nie davon gehört, bis sie mit Adrik und Leoni vor zwei Monaten auf Befehl von Zar Nikolai angekommen war, doch der Name versetzte sie immer in Unruhe, von einem Seufzen in ihr begleitet, als wäre der Name der Stadt weniger ein Wort als vielmehr der Beginn einer Beschwörung.

Jetzt klopfte Marta mit dem Griff ihres Messers auf die Holzoberfläche des Arbeitstischs. »Der Vorarbeiter kommt.«

Hilbrand, der Vorarbeiter mit dem ernsten Gesicht, ging durch die Reihen mit Buden und rief den Läufern zu, die Fischeimer wegzubringen.

»Dein Tempo stimmt wieder nicht«, blaffte er Nina an. »Ist ja, als hättest du noch nie einen Fisch ausgenommen.«

Stell dir vor. »Tut mir leid, Sir«, sagte sie. »Ich mach es besser.«

Er machte eine harsche Geste mit der Hand. »Zu langsam. Die Schiffsladung, auf die wir gewartet haben, ist eingetroffen. Du kommst in den Packraum.«