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Jessica Barc

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Beschreibung

Während draußen der bunte Sommer tobt, empfindet Romy ihr Leben nur noch als farblos und grau. Ihr bisheriger Plan, mit Maik gemeinsam alt zu werden, führt in eine Sackgasse ohne Wendemöglichkeit. Sie trennt sich von ihm und kündigt ihren Job als Architektin, um ihrem Leben eine neue Richtung zu geben und sich den langersehnten Wunsch nach beruflicher Selbstständigkeit zu erfüllen. Ihr erster Auftrag führt sie für ein halbes Jahr nach Österreich ins Tannheimer Tal. Dort zieht der schweigsame Sebastian ihre Aufmerksamkeit auf sich und lehrt Romy, wie tief stille Wasser sein können. Mit ihm berührt sie eine neue Welt voller Leidenschaft und bedingungsloser Liebe. Ihr Leben erscheint mit einem Mal perfekter denn je, doch schon bald zieht ein rauer Wind auf, der das frische Glück zu erschüttern droht. Und im Auge des Sturms muss Romy mehr Stärke beweisen als jemals zuvor.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Jessica Barc

farbenblind

Liebesroman

JESSICA BARC

farbenblind

LIEBESROMAN

Impressum

© 2022 Jessica Barc, 1. Auflage

Umschlaggestaltung und Buchsatz:

Veronika Weinseis, www.weinseisdesign.de

Lektorat, Korrektorat:

Senta Herrmann, www.polarfuchs-lektorat.de

© Alexander Knappe (Textauszüge aus Liedtexten der Alben

Musik an. Welt aus, Ohne Chaos keine Lieder und Knappe)

Die selbstkomponierten Liedtexte der Protagonistin in diesem

Roman sind frei erfunden.

Karte SCHMÖSCHTEDASALLESNISCHT Nr. 9751 © Grafik Werkstatt Das Original – www.gwbi.de

Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN:

978-3-347-53526-8 (Paperback)

 

978-3-347-53539-8 (Hardcover)

 

978-3-347-53542-8 (e-Book)

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Die Handlung dieses Romans ist frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig und sind nicht beabsichtigt.

Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Wir alle haben zwei Leben. Das zweite beginnt, wenn wir realisieren, dass wir nur eins haben.

Tom Hiddleston

Für dich und unsere Kinder, weil ich euch liebe.

Das Leben ist nicht grau, wir sind nur farbenblind

© Alexander Knappe (Liedtext)

Kapitel 1

Das Ende

Juli 2019

Als der Airbus zum Landeanflug ansetzte, wusste sie bereits, dass es ihre letzte Urlaubsrückkehr an seiner Seite sein würde. Romy starrte auf die kleine Papiertüte in der Zeitungsablage an ihrem Vordersitz. Allein schon der Anblick bereitete ihr ein flaues Gefühl im Magen. Zeitgleich spürte sie wieder diesen Kloß in ihrem Hals, der seit Tagen immer ein Stückchen tiefer rutschte. Monatelang schon wurde ihre Beziehung mit Maik von einem eisigen Wind begleitet. Anstatt abzuflauen, nahm er jetzt immer mehr an Fahrt auf.Ihr war bewusst, was das bedeutete: Stürmische Zeiten lagen vor ihr.

Doch es war nicht nur ihr Privatleben, das seit langem keine Erfüllung mehr versprach, auch beruflich drehte sie sich im Kreis. Ihr Coach hatte sie gelegentlich daran erinnert, dass sie ihr Umfeld nicht ändern könne, sondern nur sich selbst. Erst dann würde sich alles um sie herum ändern. Das war leichter gesagt als getan, aber dieser Satz gewann in ihrem Leben zunehmend mehr an Bedeutung. Immerhin hatte sie in ihrem Italienurlaub viel Zeit zum Nachdenken gehabt und ihr war inzwischen eines klar geworden: Sie wollte raus aus diesem Leben. Raus aus dieser Sackgasse. Es mangelte nur noch an einem Plan, und zwar Plan B.

Die Maschine verlor deutlich an Höhe. Romy schob die Fensterblende nach oben, als der Tower am Terminal sichtbar wurde. Während ihr Sitznachbar sie früher bei jedem Landeanflug beruhigt hatte, weil er wusste, wie sehr sie diese Situation stresste, saß er jetzt teilnahmslos neben ihr und schwieg. Seit ihrer Auseinandersetzung am Morgen hatten sie kaum ein Wort miteinander gewechselt. Sie ballte ihre Hände zu Fäusten und versuchte, sich so wenig wie möglich von ihrer Angst anmerken zu lassen. Im selben Augenblick fuhren die Fahrwerke aus. Oje! Sie drückte ihre Stirn an die kühle Plexiglasscheibe und konnte das Aufstellen der Landeklappen beobachten. Romy schloss die Augen. Wenige Sekunden später setzte die Maschine auf.Ein Adrenalinkick zog durch ihre Adern, bevor sich im nächsten Moment die ersehnte Erleichterung einstellte. Das bekannte Rauschen des Umkehrschubs drang in ihre Ohren. Endlich war er wieder da, der feste Boden unter ihren Füßen … wenn auch nur physisch. Draußen tobte der Sommer und in ihr herrschte tiefster Nebel.

Als sie etwa eine halbe Stunde später den Ankunftsterminal verließen und Romy an den Gehsteig trat, um dem ersten Fahrer in der Taxischlange ein Zeichen zu geben, setzte sich dieser mit seiner Limousine geräuschlos in Bewegung. Sie sprang schreckhaft einen Schritt zur Seite. Maik strich sich durch die blonden Haare und belächelte ihre Ungeschicktheit. Sie ignorierte sein Verhalten, ähnlich wie auch er sie mittlerweile gerne mal übersah. Der Taxifahrer nahm Romy das Gepäck ab und sah tief in ihre braunen Augen.

»Immer schön vorsichtig sein. Elektroautos hört man kaum. Das kann schon mal gefährlich werden.«

»Ja, ähm«, stotterte sie, »das ist echt ungewohnt. Aber danke, dass Sie für mich gebremst haben.« Freundlich lächelte sie ihn an und überlegte, wann Maik ihr das letzte Mal einen solchen Blick zugeworfen hatte. Erinnern konnte sie sich nicht.

»Bei Frauen wie Ihnen sollte man als Mann lieber Gas geben«, flirtete er leise und hielt ihr die Hintertür des Wagens auf. Maik hatte bereits auf dem Beifahrersitz seinen Platz eingenommen und bekam von alledem nichts mit. Er nannte dem Fahrer die Adresse, noch bevor dieser sich ans Steuer gesetzt hatte, und klärte ihn ungefragt über die Vor- und Nachteile der HybridAntriebstechnologie auf. Romy saß auf dem Rücksitz und verdrehte innerlich die Augen. Zu Beginn ihrer Beziehung hatte sich Maik noch dank ihrer Hilfe durchs Abi gefummelt und jetzt meinte er permanent, er müsse ihr und seinem Umfeld die Welt erklären …

Die Klimaanlage lief auf Hochtouren. Romy löste ihr Tuch vom Hals und legte es eng um ihren leicht bekleideten Oberkörper. Der Fahrer sah in den Rückspiegel und suchte Blickkontakt, um sie mit in das Gespräch einzubinden, während Maik ohne Punkt und Komma weiter auf ihn einredete.

Wenige Minuten später bogen sie in eine kleine Seitenstraße am Freiburger Stadtrand ein. Der Wagen hielt vor einem verklinkerten Mehrfamilienhaus, in dem sie seit sieben Jahren gemeinsam wohnten. Altbauwohnung, vierter Stock. Als der Chauffeur den Preis nannte, kramte Maik hektisch in seinem Kleingeldfach. Romy war fassungslos. Sie zog wortlos ihr Portemonnaie aus der Tasche, reichte dem Fahrer zwei Scheine und bedankte sich freundlich für seinen Fahrservice. Er sah sie freudestrahlend an, stieg aus und lud die Gepäckstücke wieder aus dem Kofferraum.

Maik war bereits auf dem Weg zur Haustür, als der Chauffeur ihr noch einen letzten Satz zuflüsterte: »Sie sind eine unglaublich attraktive Frau. Ich hätte Ihnen gerne ein Lächeln entlockt.« Romy errötete. Diese Worte gingen ihr runter wie Öl. Sie war groß und schlank. Ihre feine Haut war gebräunt und ihre langen dunklen Haare hatte sie zu einem lockeren Zopf geflochten. Dass sie italienisches Blut in den Adern trug, war nicht zu übersehen und gab ihren feinen Gesichtszügen eine ganz besondere Ausstrahlung. Dessen war sie sich bewusst, und dennoch war ihr Selbstwertgefühl in den letzten Jahren auf seltsame Weise mehr und mehr abhandengekommen. Jahrelang war sie mit Scheuklappen durchs Leben gelaufen, weil sie nur Augen für einen Mann gehabt hatte. Jetzt strahlte sie und schenkte dem Fahrer ihr schönstes Lachen, das durch die gesamte Siedlung hallte.

»Vielen Dank!« Mit diesen Worten drehte sie sich um, lief auf den Hauseingang zu, die Treppe hinauf ins Dachgeschoss. Die Tür ihrer Wohnung stand bereits offen. Sie stellte ihren Koffer im Flur ab und öffnete in jedem einzelnen Raum die Fenster. Sie brauchte wie immer Luft. Luft zum Atmen. Maik verschwand wortlos mit seinem Laptop in seinem Büro und schloss die Tür hinter sich. Romy ging in die Küche und trat auf den Balkon. Zum ersten Mal in ihrem Leben vermisste sie diesen besonderen Moment, wenn sie aus dem Urlaub zurückkam und sich wieder so heimisch in ihren vertrauten vier Wänden fühlte. Aber heute fühlte sie nichts. Nur innere Leere. Ihre geliebten Kräuter ließen trostlos die Köpfe hängen. Sie setzte mit ihrer kleinen Gießkanne jeden einzelnen Pflanzentopf unter Wasser und beobachtete, wie die dunkle Erde in Sekundenschnelle die Flüssigkeit in sich aufsaugte. Für einen Moment erinnerte diese Situation sie daran, wie sehr auch sie sich nach Aufmerksamkeit und Zärtlichkeiten sehnte. Aus dem Garten nebenan waren heitere Stimmen und leise Partymusik zu hören. Romy beugte sich über das Geländer, sah hinunter und winkte ihren Nachbarn zu, die eifrig ihre Teller an einem Salatbuffet füllten und ihre lebhaften Kleinkinder bespaßten. Das Leben konnte so schön und leicht sein. Wie lange hatten Maik und sie keine Gäste mehr eingeladen? Wann hatten sie das letzte Mal unbeschwert gefeiert und gelacht?

Romy verbrachte den Abend allein auf dem Balkon, denn ihr Mitbewohner machte keine Anstalten, sein Büro noch einmal zu verlassen. Ab und zu drang ein leises Lachen durch die Tür, sonst nichts. Die tief liegende Sonne versank langsam hinter den umliegenden Häusern und die Partystimmung nebenan wurde immer ausgelassener. Ihr Leidensdruck stieg. Als der Nachtwind eine leichte Gänsehaut auf ihre Arme legte, ging sie entschlossen ins Haus. Sie setzte sich an den kleinen Sekretär im Wohnzimmer und fuhr ihren Rechner hoch. Die Zeit tickte, sie musste ins Handeln kommen. Romy scrollte durch ihre eigene Internetpräsenz, die sie im Urlaub erstellt hatte, um eines Tages ihre geplante Selbstständigkeit zu verwirklichen. Im Anschluss checkte sie ihre Finanzen. Ihre Oma, die bis zu ihrem Tod vor drei Jahren einer der wichtigsten Menschen in ihrem Leben gewesen war, hatte ihr immer nahegelegt, autark zu sein. Sie sollte sich niemals von einem anderen Menschen abhängig machen. Das war jetzt ihr Trumpf.Sie holte sich ein Glas Weißweinschorle aus der Küche und eine große Tafel Schokolade. Dann öffnete sie ein leeres Dokument.

In dieser Nacht verfasste Romy ihre Kündigung an das Architekturbüro Heitmann & Partner, in dem sie seit Beendigung ihres Studiums arbeitete. Gleich im Anschluss nahm sie ihren Füllhalter und bestückte ihn mit einer frischen tiefblauen Tintenpatrone. Sie hatte sich bereits warm geschrieben. Nach drei zögerlichen Anläufen, die anfangs zerknüllt im Papierkorb und später sicherheitshalber im Schredder landeten, verfasste sie einen mehrseitigen Abschiedsbrief an Maik, mit dem sie fast auf den Tag genau sechzehn Jahre lang zusammen war. Ihr halbes bisheriges Leben. In aller Ruhe schrieb sie sich ihre Gedanken und Gefühle von der Seele und erklärte ihm sachlich und ausgiebig ihren Entschluss. Mit jeder Zeile fühlte sie sich befreiter.

Es war schon weit nach Mitternacht, als sie die Briefe jeweils gefaltet in ein Kuvert eintütete und mit ihrer gleichmäßigen Handschrift schwungvoll die Adressaten draufschrieb. Dann knipste sie das Licht im Wohnzimmer aus. Leise schlich sie erst ins Bad und dann in die verkehrsberuhigte Zone – das Schlafzimmer. Maiks Atemgeräusche signalisierten ihr, dass er bereits tief und fest schlief. Sie zog vorsichtig die Schublade ihres Nachttischs auf und verstaute die beiden Umschläge in einem Schuhkarton. Wann diese Zeilen ihre Empfänger erreichen würden, war ihr zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar, aber eines war sicher: Es war nur noch eine Frage der Zeit. Sie zog ihre Kleidung aus, legte sich leise neben ihn auf den Rücken und flüsterte vor sich hin:

»Ich bin privat und beruflich glücklich und frei!«

Sie zog die Bettdecke über ihren Körper, drehte sich auf die Seite und fiel kurz darauf in einen ungewohnten Tiefschlaf.Es war seit langem die erste Nacht, in der sie frei von Alpträumen war.

Kapitel 2

Der Coach

Es war Anfang September. Der heiße Sommer neigte sich langsam dem Ende entgegen. Romys Tankanzeige leuchtete bereits seit dem Vorabend. Noch sechzehn Restkilometer. Um 17:00 Uhr begann nach einer längeren Sommerpause ihre letzte Therapiestunde bei Professor Buchenbach. Offiziell war er ihr Coach, in Wirklichkeit Psychiater. Sie war spät dran. Es war egal. Sie war sowieso zu spät. Wenn sie in den letzten drei Jahren eines bei ihm gelernt hatte, dann war es: einatmen, ausatmen und locker bleiben! Wenige Minuten später hielt sie in einer kleinen Gasse nahe seiner Praxis und kramte ungeduldig im Handschuhfach nach ihrer Parkscheibe. 17:08 Uhr. Sie drehte die Scheibe auf 17:30 Uhr, ein bisschen Mogeln konnte nicht schaden. Romy stieg aus ihrem Wagen und trat auf das wunderschön restaurierte, alte Gebäude zu. Wie jedes Mal sah sie beeindruckt auf das Klingelschild.

Prof. Dr. med. Dipl.-Psychologe Kai-Uwe Buchenbach

Der Titel war ihr zu lang. Wenn sie mit ihrer besten Freundin Laura über ihn sprach, wurde er von beiden schlichtweg Der Coach oder Buchi genannt. Dieser Mann war ihr Fels in der Brandung. Einer für alles. Er wusste alles über sie und kannte all ihre Stärken und Schwächen. Selten gab er ihr einen Ratschlag. Viel häufiger stellte er ihr diese ganz besonderen Fragen, die sie immer wieder zum Nachdenken anregten, damit sie selbst die passenden Lösungen für ihr Leben fand. Genau genommen hatte sie sich – wie wahrscheinlich jeder, der jemals auf seinem Sofa gesessen hatte – einmal komplett ausgezogen. Und was wusste sie über ihn? Erschütternd wenig. Therapie ist ungerecht, dachte sie.

Romy hatte den Klingelknopf gerade losgelassen, da dröhnte schon der Summer. Die Tür sprang auf. Eilig lief sie durch das frisch geputzte Treppenhaus in die zweite Etage. Der laut knarrende Holzboden unter ihren Füßen verriet ihren Zeitverzug. Es duftete vertraut nach Ingwer-Zitronen-Tee. Professor Buchenbach erwartete sie mit seiner hochgewachsenen und kräftigen Statur bereits im Türrahmen und lächelte sie an. Die randlose Nickelbrille saß auf seiner Stirn und sein leicht ergrauter Dreitagebart war heute echt überfällig. Ein vertrautes Gefühl überkam sie. Er reichte ihr die Hand und scannte sie einmal von Kopf bis Fuß, um sich wie üblich ein Gesamtbild von ihr zu machen. Sie mochte das eigentlich nicht. Es erinnerte sie an die Frau ihres Ex-Chefs, doch Buchi durfte das.

»Guten Tag, Frau Schuhmacher. Schön, dass Sie da sind.« Er ging vorweg in seinen Therapieraum und sie folgte ihm, durch die Eile ziemlich aus der Puste.

»Guten Tag, Herr Professor. Es tut mir leid, ich bin spät dran.«

»Ganz entspannt«, beruhigte er sie. »Sie wissen doch, Stress ist nicht gut für unser Wohlbefinden. Bitte, nehmen Sie Platz!« Romy ließ sich in den tiefen Ledersessel fallen, stellte ihre Handtasche neben sich auf den Boden und schob ihre Ärmel hoch.

Der Professor deutete auf die dampfende Kanne, die auf dem Glastisch zwischen ihnen stand. »Darf ich?«

Sie nickte. »Sehr gerne, danke.«

Er goss erst ihr und dann sich selbst eine Tasse Tee ein und sank daraufhin auf die gegenüberliegende Couch. Romy balancierte zielsicher einen Löffel flüssigen Honig aus einem kleinen Glas in ihre Tasse. Der Professor ließ sich mit einem Stirnrunzeln die Brille auf die Nase fallen, nahm Romys Patientenakte zur Hand und blätterte darin. Romy sah sich währenddessen noch einmal in diesem vertrauten Raum um. Heute ein letztes Mal. Die Wand hinter ihm bestand aus Hunderten von Büchern – alle über dasselbe Fachgebiet, die Psychologie. Sein Schreibtisch war meterhoch gefüllt mit Papierkram. Zwischendrin stand ein trostlos vertrockneter Benjamini, der seine besten Zeiten lange hinter sich hatte. Auf einer Anrichte lag ein Buch über Zen-Buddhismus, auf dem ein Buddha aus dunklem Stein in Übergröße saß. Ein paar letzte Sonnenstrahlen fielen durch das große, runde Fenster und wärmten Romys Gesicht.

»Frau Schuhmacher, wie geht es Ihnen heute?« Ihre Aufmerksamkeit floh zu ihm zurück. Tiefenentspannt legte er einen Arm auf die Lehne seines Sofas und sah sie erwartungsvoll an.

Ein selbstsicheres Strahlen breitete sich auf ihrem Gesicht aus. »Sehr gut!«

»Meine Sekretärin hat mir erzählt, dass Sie sich heute von mir verabschieden möchten. Ist das richtig?«

»Ja, das ist richtig«, bestätigte sie und schlug ihre Beine übereinander.

»Haben Sie bereits ein paar Ihrer Pläne umgesetzt?«

»Ja«, gab sie, ohne zu zögern, zurück, »ich habe meinen Job im Architekturbüro gekündigt und mich selbstständig gemacht. Am kommenden Sonntag werde ich Deutschland für ein halbes Jahr verlassen. Ich habe einen ersten großen Auftrag von zwei österreichischen Ärzten aus dem Tannheimer Tal erhalten.« Kerzengerade und voller Stolz saß sie in ihrem Sessel.

Die Augen des Professors wurden größer. »Oh, da haben Sie sich aber eine besonders schöne Umgebung zum Arbeiten ausgesucht. Ich war schon ein paarmal dort. Was hat Sie denn jetzt doch zu Ihrer Kündigung bewegt?«

»Ich bin in meinem Job einfach nicht mehr weitergekommen. Als ich meinem Chef damals die Einladung zum Essen ausgeschlagen habe, hat er mich links liegen lassen und mir nur noch anspruchslose Projekte gegeben. Ich habe ihn mehrfach darauf angesprochen, aber es hat sich bis zum Schluss nichts verändert.«

Professor Buchenbach deutete ein aufmerksames Nicken an und sah über seine Brille hinweg in Romys Augen. »Er ist verheiratet und hat drei Kinder, richtig?«

Romy nickte. »Ich habe ja schon länger über die Kündigung nachgedacht. In meinem Studium in der Schweiz habe ich mich damals auf das Translozieren von Fachwerkhäusern spezialisiert. Das war schon immer das, was ich eigentlich machen wollte, und diesen Traum werde ich mir endlich erfüllen!«

»Ich erinnere mich. Jedes Mal, wenn Sie davon erzählen, bin ich wieder fasziniert. Sie sind die einzige Frau, die ich kenne, die Häuser versetzen kann.« Er schmunzelte und Romy fuhr sich lächelnd durch ihre offenen Haare.

»Ich hatte die Kündigung gerade geschrieben und wollte sie abgeben, um mit meiner Internetseite online zu gehen, da habe ich einen Anruf von einem der beiden Ärzte bekommen, der mit seinem Sohn zusammen ein großes Projekt umsetzen möchte. Das hat mir die endgültige Entscheidung dann nochmal erleichtert.«

Ihr Gegenüber machte sich einige Notizen. »Und wie hat Ihr Chef auf Ihre Kündigung reagiert?«

»Er hat mich noch am selben Tag freigestellt. Ich musste sofort meine Sachen packen und gehen.« Der Professor schüttelte verständnislos den Kopf. Seine Blicke prüften immer wieder Romys Körperhaltung, ihre Hände, Gestik und Mimik. All das nahm sie wahr. Er legte eine Ruhe und Gelassenheit an den Tag, die Romy selten zuvor bei jemandem erlebt hatte.

»Sie sprachen vorhin von einem großen Auftrag. Darf ich fragen, was das für ein Projekt ist?« Er wirkte auffallend interessiert.

»Es wird eine vierhundert Jahre alte Remise hier in Freiburg abgebaut und am Ufer des Haldensees wieder aufgebaut. Die beiden Ärzte wollen sie als Rehabilitationszentrum für Brustkrebspatientinnen und als große dentale Implantologie zu neuem Leben erwecken.«

»Ich bin beeindruckt, Frau Schuhmacher. Und wie sind die Ärzte auf Sie aufmerksam geworden?«

»Ich bin ihnen empfohlen worden. Von wem weiß ich allerdings nicht, wobei ich das ja schon gerne wissen würde«, erwiderte Romy und legte eine Hand unter ihr Kinn.

Professor Buchenbach nahm einen Schluck Tee aus seiner Tasse. »Das werden Sie sicherlich noch in Erfahrung bringen.«

»In der nächsten Woche mache ich dort noch ein bisschen Urlaub vor Ort, und Mitte September startet dann das Projekt. Ich wage also mehr oder weniger einen kompletten Neustart.« Romys Augen glänzten vor Vorfreude.

»Was sagt denn Ihr Partner zu Ihrer beruflichen Neuorientierung?«

»Der weiß es noch nicht. Ich werde mich noch vor meiner Abreise am Samstag von ihm trennen.« Ihre Stimme war etwas zittrig. Auch sie nahm vorsichtig den ersten Schluck Tee zu sich.

»Das nennt man dann einen kalten Neustart, oder?«

»Ja, die viele Arbeit wird mir dabei helfen, schnell auf andere Gedanken zu kommen.« Was das anging, war Romy sich ganz sicher.

»Und was war jetzt ausschlaggebend für die Trennung von Ihrem Partner?« Er legte eine Hand an seine Schläfe, während Romy nachdenklich auf den Boden sah.

»Er gibt mir keinen Grund mehr zu bleiben und das ist wohl der beste für mich, um zu gehen. Ich wollte mit ihm in den Urlaub fahren, irgendwohin ans Meer, wo wir ganz für uns allein gewesen wären. Für mich war das die letzte Hoffnung, unsere Beziehung nochmal in den Griff zu bekommen. In den Monaten vorher haben wir beide so viel gearbeitet und kaum Zeit füreinander gehabt. Er leitet mittlerweile eine IT-Abteilung und ist von morgens bis abends im Büro in Basel. Und an den Wochenenden betreut er seit einem halben Jahr noch einen neuen Kunden in Berlin.« Professor Buchenbach räusperte sich und Romy redete weiter. »Da Maik unbedingt zum Weingut meiner Eltern an den Bolsenasee fahren wollte, wurde aus dem Strandurlaub nichts. Ich bin wirklich gerne bei meinen Eltern, aber wir waren natürlich während des gesamten Urlaubs nie allein, wenn Sie wissen, was ich meine …« Sie sah ihm dabei etwas intensiver in die Augen, denn über diese Problematik hatten sie in den vergangenen Therapiestunden des Öfteren gesprochen.

»Ja, das verstehe ich natürlich«, antwortete er und versank noch tiefer in seiner Couch.

»Er ist permanent mit der ganzen Welt vernetzt, aber sein Blick reicht nicht mehr über seinen eigenen Tellerrand hinaus. Ich bin völlig unsichtbar für ihn. Meine eigenen Bedürfnisse habe ich immer wieder zurückgestellt, und meine Liebe zur Musik hat ihn auch nie interessiert.«

»Hat er nicht mal erwähnt, dass er gerne Kinder mit Ihnen hätte?«

»Ja, aber mittlerweile kann ich mir das mit ihm nicht mehr vorstellen. Er lässt keine Nähe mehr zu und bei jeder kleinsten Auseinandersetzung enden unsere Gespräche in hitzigen Diskussionen und anschließendem Schweigen … oder er verlässt die Wohnung.«

»Darf ich fragen, warum Sie erst am Samstag mit Ihrem Partner Schluss machen und nicht noch heute oder bereits gestern?«

So eine Frage kann nur der Professor stellen, dachte Romy und presste ihre Lippen aufeinander. Sie holte tief Luft und suchte nach einer plausiblen Antwort.

»Weil er erst am Samstag von seiner Geschäftsreise zurückkommt und ich ihm direkt nach der Trennung aus dem Weg gehen möchte. In der Vergangenheit ist er jeder Diskussion aus dem Weg gegangen und dieses Mal werde ich diejenige sein, die danach die Wohnung verlässt.« Herr Buchenbach sah sie erschrocken an.

»Ich weiß«, setzte sie etwas verlegen nach, »Frauen können grausam sein, wenn ihre Bedürfnisse nicht erwidert werden.«

»Was haben denn Ihre Eltern dazu gesagt, als Sie ihnen von Ihrer Kündigung erzählt haben?« Romy hatte Professor Buchenbach erzählt, dass sie sich in der Vergangenheit schlecht vom Einfluss ihrer Eltern hatte lösen können.

»Anfangs wollten sie mich davon abhalten. Man gibt ja nicht einfach so einen sicheren Job auf. Aber als ich ihnen von meinem Auftrag in Österreich erzählt habe, waren sie natürlich stolz.« Romys Mund war trocken vom vielen Reden. Sie nahm einen weiteren Schluck Tee, der mittlerweile auf langweilig warm abgekühlt war.

»Ein bisschen Abstand von Freiburg ist für einen Neustart sicherlich von Vorteil.«

»Das denke ich auch. Wenn alles nach Plan läuft, werde ich im Frühjahr nächsten Jahres wieder zurück sein«, erklärte sie.

»Wer weiß, wer weiß?«, gab er lächelnd zurück. »Wenn man einmal im wohl schönsten Hochtal Europas war, möchte man gar nicht mehr zurück.« Er zog seine dunklen Augenbrauen hoch und blätterte weiter in ihrer Mappe.

Puh, ich glaube, ich will gar nicht wissen, was da alles drinsteht …

»Was ist das für ein Gefühl für Sie, jetzt, wo Sie diese zwei einschlägigen Entscheidungen für Ihr Leben getroffen haben?«

»Es fühlt sich unglaublich gut an. Zum ersten Mal mache ich mein eigenes Ding.« Der Professor sah Romy zufrieden an und erhob seinen Zeigefinger.

»Nur Sie sind der Chef in Ihrem Leben und nur Sie entscheiden Tag für Tag, ob Sie Ja sagen oder Nein.«

Romy gab ihm innerlich recht und biss sich auf die Unterlippe.

»Frau Schuhmacher, ich muss sagen … Ihre Entwicklung gefällt mir sehr!«, fuhr er zufrieden fort.

»Danke!« Erleichtert zogen sich ihre Mundwinkel nach oben.

»Erst die Lungenembolie, dann der plötzliche Tod Ihrer Großmutter und die Situation in Ihrem Büro … und ein Partner, der keine Nähe zulässt und nur mit sich selbst beschäftigt ist. Da war es damals kein Wunder, dass Sie eine Depression entwickelt haben.« Er schloss die Mappe und legte sie zurück auf den Tisch.

Romy nickte. »Sie haben in den letzten drei Jahren einen neuen Menschen aus mir gemacht. Dafür möchte ich mich noch einmal bei Ihnen bedanken. Als Sie damals sagten, Depression sei heilbar, da habe ich nicht eine Sekunde lang daran gezweifelt und mich unglaublich sicher an Ihrer Seite gefühlt.«

»Krankheit als Chance … Darunter können sich gesunde Menschen oft nichts vorstellen. Aber jede unserer Erfahrungen hat auch seinen Sinn und bringt uns im Leben ein Stückchen weiter.« Als er den Satz beendet hatte, trank er in einem Zug seine Tasse aus.

»Das stimmt.« Sein Blick streifte die Uhr. Sie mussten langsam zum Ende kommen, das wusste sie. Die Zeit verging an diesem Ort immer viel zu schnell. Romy zog die Strickjacke aus ihrer Handtasche und erhob sich schweren Herzens von ihrem Platz. Auch ihr Coach stand von seiner Couch auf und reichte ihr seine Hand.

»Sollten Sie irgendwann noch einmal meine Hilfe benötigen, kommen Sie jederzeit wieder auf mich zu. Ich bin immer für Sie da, auch online.«

»Danke, das ist sehr freundlich von Ihnen. Ich werde im Ernstfall darauf zurückkommen!« Mit einem Zwinkern legte er seine Hand auf die Türklinke.

»Na, dann wollen wir mal hoffen, dass der Ernstfall nicht eintritt. Ich wünsche Ihnen auf jeden Fall viel Erfolg und Kraft für Ihre Zukunft, besonders für Samstag. Und suchen Sie sich in Österreich wieder eine Band zum Singen! Das befreit Ihre Seele. Es ist jetzt wichtig, dass Sie Ihre eigene Musik machen und nach Ihren Noten spielen. Zukunftsmusik ist jetzt angesagt.«

Romy legte sich ihre Tasche über die Schulter und nickte.

»Sie sind eine unglaublich starke Frau«, ergänzte Professor Buchenbach für ihn völlig untypisch. Romys Gesicht musste knallrot werden, so fühlte es sich jedenfalls an.

Den erneuten Dank ließ sie überspielt selbstsicher klingen. Immer schön Komplimente annehmen, so wie er es mir beigebracht hat.

»Und denken Sie daran, jeden Tag Ihre Hausaufgaben zu machen!«

»Hausaufgaben?«, wiederholte Romy etwas verwirrt und drehte sich noch einmal zu ihm um.

»Ja, Sie wollten doch jeden Tag etwas anders machen, als Sie es bisher gewohnt waren. Raus aus der Routine.«

»Ah, ja, das hätte ich fast vergessen. Wird erledigt.« Romy schenkte ihm noch ein letztes Lächeln, bevor sie über die Schwelle trat und er die Tür leise hinter ihr schloss. Ein neuer Lebensabschnitt begann.

Anders als bei ihrer Ankunft ging sie jetzt langsam Stufe für Stufe die Treppen hinab und nahm noch ein allerletztes Mal den vertrauten Geruch dieses Hauses tief in sich auf.Befreit von dem Druck, es allen recht machen zu wollen, sah sie nun glasklar, was ihr wichtig war und wie sie sich von all den äußeren Einflüssen abgrenzte. Wo sie bei ihrem ersten Termin bei Professor Buchenbach noch Scham verspürt hatte, weil sie fremde Hilfe in Anspruch hatte nehmen müssen, schwebte sie heute wie ein neuer Mensch zur Tür hinaus. Sie wollte diese Zeit nie vergessen.

Kapitel 3

Letzte Vorbereitungen

Romy bog an der nächsten Kreuzung ab und steuerte auf die nahegelegene Tankstelle zu. Ihren knallroten Mini fuhr sie jetzt schon so viele Jahre, aber jedes Mal, wenn sie tanken wollte, musste sie darauf achten, nicht falsch herum an die Säule zu fahren. Sie stieg aus, öffnete die Benzinklappe und ließ dem Zapfhahn freien Lauf.Der angenehm kühle Abendwind blies ihr ins Gesicht. Sie schob sich die langen Haarsträhnen hinter die Ohren und sah gedankenversunken auf die Literzahl an der Anzeigetafel. 44,2 Liter. 45 gingen rein. Wieder einmal alles richtig gemacht. Ich brauche diesen Kick! Maik hasste sie dafür. Schwungvoll steckte sie den Hahn zurück in die Säule und war gerade auf dem Weg zum Tank-Shop, als sie lautstark aus der Ferne ihren Namen hörte.

»Rööömchen?«, hallte es in ihren Ohren und sie drehte sich um. So wurde sie definitiv nur von einem Menschen genannt.

»Sascha!«, rief sie erfreut. »Wie schön, dich zu sehen. Wie geht es dir?« Seine gestylten schwarzen Haare glänzten in der untergehenden Abendsonne.

»Gut geht es mir. Und, Schätzchen, arbeitest du jetzt schon auf eigene Rechnung?« Sie lachte und umarmte ihn. Sascha war ihr Ex-Kollege aus dem Architekturbüro und gehörte definitiv zu ihren Lieblingsmenschen. Er sah sie mit tiefem, wehmütigem Blick an.

»Ich vermisse dich. Du fehlst so im Büro und auf den Baustellen. Meine Arbeit ist furchtbar trostlos ohne dich.« Er übertrieb gerne ein bisschen. So kannte sie ihn.

»Bist du dir sicher? Du vermisst bestimmt nur meinen rauen Ton«, scherzte sie mit tiefer Stimme.

»Oh ja, den auf jeden Fall.« Flüchtig musterte er sie. »Du siehst ein bisschen mitgenommen aus. Was ist los?« Romy zupfte ihre Haare zurecht und drückte die Hände an ihre hohen Wangenknochen, um ihr Gesicht wieder geradezurücken. Nach den Therapiestunden beim Professor sah sie tatsächlich oft ein bisschen mitgenommen aus.

»Na ja, sieben Jahre bei Heitmann & Partner gehen eben nicht spurlos an einem vorbei«, redete sie sich heraus und verschränkte dabei die Arme vor ihrem Oberkörper.

»Da hast du wohl recht. Ein bisschen beneide ich dich um deine Selbstständigkeit … und dann hast du dir gleich so einen fetten Auftrag an Land gezogen. Nicht schlecht.«

»Wenn du das so sagst, wird mir ganz mulmig«, gab Romy zurück und hielt sich die Handflächen vor die Augen.

»Komm schon, das war doch immer das, was du wolltest. Sei froh! Jetzt bist du endlich frei und vor allem deine eigene Chefin.« Sascha schlug ihr sanft auf die Schulter.

Sie sah auf den Boden und ihre Stimme wurde dünner. »Ja, das stimmt. Aber nun warten erstmal noch andere Herausforderungen auf mich.« Mit ihrem Sneaker wippte sie am Kantstein vor der Zapfsäule hin und her.

»Was meinst du denn genau?«, wollte Sascha neugierig wissen und stopfte seine Hände in die Hosentaschen.

»Ich werde mich vorher noch von Maik trennen.«

»Du wirst was? Ach, das finde ich ja mal richtig cool! Endlich ziehst du es durch. Er hat dich sowieso nicht verdient, das habe ich dir immer schon gesagt. Du bist die Granate unter den Frauen … und ich darf das sagen.« Klar durfte er das, immerhin war er nicht an Frauen interessiert. Romy lächelte Sascha verlegen an und zog eine Grimasse.

»Danke für deine verbalen Liebesduschen.« Sie war inzwischen wieder in Eile und wollte noch ein paar Vorbereitungen treffen, bevor Maik nach Hause kam.

Sascha blickte in den Himmel und wirkte nachdenklich. »Hey, Süße, sag Bescheid, wenn du Unterstützung brauchst, okay? Dann komme ich nach. Ich habe ja eigentlich auch schon lange keine Lust mehr auf diesen Job.«

Romy versuchte, unauffällig das Thema zu wechseln, denn sie hatte ihr Team für den Auftrag bereits ausgewählt.

»Apropos süß …, was macht denn dein süßer Ben? Ich habe diese Woche noch einen Termin bei ihm.« Saschas Lebensgefährte war Romys Friseur des Vertrauens und einer der wenigen auserwählten Menschen auf diesem Planeten, die an ihren Haaren herumexperimentieren durften.

»Mein zuckersüßer Ben«, setzte Sascha mit sarkastischem Unterton an, »hat im Moment wenig Zeit für mich. Er könnte sich mal wieder mehr um mich kümmern. In den letzten Wochen macht er eine Menge Überstunden.«

»Irgendwie kommt mir das bekannt vor«, stellte Romy fest. »Und was macht mein Ex-Chef?«

»Heitmann? Der will neuerdings immer häufiger mit mir zusammen zum Lunch gehen.«

»Heitmann mit dir? Was hat das denn zu bedeuten? Ist der jetzt bi?«

Sascha warf seinen Kopf in den Nacken und lachte lauthals los. Er öffnete die Benzinklappe und steckte die Zapfpistole in die Öffnung. »Wer weiß, wer weiß .? Vielleicht könnte ich mich ein bisschen hocharbeiten.« Mit seiner herzlich überzogenen Art schwang er demonstrativ seine Hüften hin und her. »Schließlich habe ich nicht nur gute Qualitäten als Architekt und Restaurator. Wo er schon nicht bei dir landen konnte, versucht er es vielleicht jetzt mal mit seinen männlichen Mitarbeitern. Das fällt seiner zickigen Frau wohl weniger auf.«

Wenn es um Heitmanns Frau ging, kamen dunkle Erinnerungen in Romy hoch.

»Auf jeden Fall ist Heitmann sauer auf dich«, verkündete Sascha. »Er meint, du hättest deine Kündigung auf lange Sicht geplant und uns im Stich gelassen.«

Der hat doch ’nen Sprung in der Schüssel.

»Interessant. Woher weißt du das? Äußert er das öffentlich vor den Kollegen?«, hakte sie interessiert nach.

»Nein, seine Frau erzählt es im Büro herum.« Romy quittierte diesen Satz mit einem wütenden Blick und ging innerlich steil.

»Ich fasse es nicht«, gab sie kopfschüttelnd zurück. Sie wartete, bis auch Sascha seinen Wagen vollgetankt hatte, und ging mit ihm gemeinsam zur Kasse.

Romy legte ihre Kreditkarte auf den Tresen. »Einmal die 4 bitte.«

Nachdem sie gezahlt hatten, verließen sie den Verkaufsraum.

Sie klimperte mit dem Autoschlüssel und steuerte ihren Wagen an. »Ich muss jetzt los. Es gibt noch einiges zu tun.«

»Okay, ich wünsche dir alles Gute. Toi, toi, toi für deinen Auftrag. Schick mal ’ne Nachricht zwischendurch. Und wenn mal Not am Mann ist, dann melde dich!«

»Das mache ich. Sobald der erste Totalabsturz auf dem Bau droht.« Romy sah nach oben und fächerte sich unauffällig Luft zu, um eine aufkommende Träne zu unterdrücken, während Sascha seinen Kassenbon ins Portemonnaie stopfte. Wäre sie doch bloß nicht so nah am Wasser gebaut. Furchtbar! Sie umarmten sich vorerst ein letztes Mal. Romy drückte auf die Fernbedienung ihres Autoschlüssels, um zu signalisieren, dass sie jetzt wirklich losmusste.

»Vergiss nicht, deine sexy Gummistiefel einzupacken!«, rief Sascha ihr noch zu und wirbelte dabei mit beiden Händen durch die Luft.

»Definitiv, die gehören zu meiner Grundausstattung. Ohne sie betrete ich niemals eine Baustelle, das weißt du doch.«

Romy setzte sich in ihren Wagen, startete den Motor und bog zügig um die nächste Ecke. Du kennst nur Gas und Bremse, ging es ihr durch den Kopf.Das hatte Maik immer zu ihr gesagt. Wie recht er damit hatte! Es war allerhöchste Zeit für eine Vollbremsung in ihrem Leben, damit sie mit einem Kickdown neu durchstarten konnte. Die Tage wurden kürzer und die Abende frischer. Vorfreude stieg in ihr auf.Sie liebte die gemütliche Atmosphäre, die der nahende Herbst mit sich brachte. Während der Fahrt sprach sie eine Notiz auf ihr Handy: »Gummistiefel! Nicht vergessen!«

Fünfzehn Minuten später parkte sie vor ihrer Wohnung. Maiks Auto stand noch nicht vor der Tür. Das war nicht ungewöhnlich für diese Uhrzeit. Sie sah noch einmal bewusst auf ihr gemeinsames Klingelschild:

Romy Schuhmacher & Maik Siebert

Das war bald Geschichte. Sie nahm die Post aus dem Briefkasten, schloss die Tür auf und lief die Treppe hinauf. Dass sie das hier alles aufgeben würde, löste ein mulmiges Gefühl in ihr aus. Diese Vertrautheit, die Gewohnheit, all das ließ sie zurück … Aber der Gedanke an die spannenden Zeiten, die jetzt vor ihr lagen, überlagerte die negativen Emotionen. Sie sah auf ihr Handy.

[Maik, 18:44] Komme später. Hab dann schon gegessen.

An seine emotionslosen Nachrichten hatte sie sich im Laufe der Zeit bereits gewöhnt. Romy nahm einen Teller aus der Vitrine, stopfte eine Scheibe Brot in den Toaster und öffnete ohne große Erwartungen den Kühlschrank. Oh Wunder, es gab noch Frischkäse. Sie zupfte draußen auf dem Balkon ein paar Basilikumblätter ab, die sie mit dem Aufstrich vermengte und streute Salz und Pfeffer darüber. Viel Hunger hatte sie nicht in letzter Zeit. Irgendwie war ihr seit längerem der Appetit vergangen. Sie biss nur einige Male von ihrem Brot ab, schob den Teller wieder zur Seite und checkte die Notizen auf ihrem Handy. Sie durfte auf keinen Fall irgendetwas Wichtiges vergessen. Und dann kam sie in ihren Flow. Sie sortierte und mistete aus, befreite sich von Angehäuftem, Belastendem und dem ein oder anderen Vergessenen. Ihr bisheriger Zeitmangel hatte sie immer von diesen Dingen abgehalten. Jetzt war die Gelegenheit. Bevor ihr Mitbewohner zurückkam, sollte das kleine Wohnchaos beseitigt sein. Was sie nicht erwartet hatte, waren die vielen Emotionen, die dabei immer mal wieder hochkamen, die sie jedoch kurz darauf wieder im Sande verlaufen ließ. Es lohnte sich nicht, an der Vergangenheit festzuhalten. Das neue Zauberwort in ihrem Leben hieß Zukunft! Wenig später stand sie gedankenverloren vor ihrer Wäscheschublade im Schlafzimmer. Zögerlich zog sie sie auf und nahm eine in Seidenpapier verpackte Dessous-Kombination heraus, die seit dem Kauf noch nicht geöffnet worden war. Romy hatte bei ihrem letzten Städtetrip mit Maik in London ein exorbitant teures Wäschegeschäft aufgesucht. Es hatte ein Wink mit dem Zaunpfahl sein sollen, damit er endlich mal wieder von seinem Bildschirm loskam. Auf die Frage, ob er rot oder grün bevorzuge, hatte er geantwortet, rot stehe für die Liebe und grün für die Hoffnung. Daraufhin war ihre Wahl auf das grüne Dessous gefallen, denn die Hoffnung starb bekanntlich zuletzt. Sie hätte es sich sparen können …

Sie packte all ihre Wäschestücke in die übergroße Reisetasche, die sie unauffällig in ihrem Kleiderschrank platziert hatte, und ließ die kleine Erinnerung aus England bewusst in der Schublade liegen. Ihr Telefon klingelte und Romy nahm das Gespräch entgegen.

»Hi, Laura, schön, dass du anrufst.«

»Hi, Romy. Ich wollte nur kurz fragen, wie es dir geht. Bist du schon in den Vorbereitungen?«

»Ja, ich packe gerade ein paar Sachen zusammen. Das wird echt noch eine emotionale Achterbahnfahrt, bis ich hier am Sonntag die Wohnung verlasse. Ich habe das Gefühl, dass ich mein Leben gerade an die Wand fahre. Irgendwie war das alles anders geplant.«

»Hey, glaub mir«, sagte ihre beste Freundin mitfühlend, »irgendwann machen Tage wie diese einen Sinn! Früher oder später macht das Leben eh, was es will. Zwanzigzwanzig wird dein Jahr, das hast du immer gesagt.«

Romy seufzte und verließ das Wohnzimmer in Richtung Flur. »Ich hoffe, dass ich mich eines Tages an deine Worte erinnern werde.« Sie nahm ein Bild ihrer Eltern von der Kommode neben der Eingangstür und rückte die übrigen Rahmen näher zusammen, so dass die Lücke nicht gleich auffiel.

»Wann kommst du denn am Sonntag zu mir?«, wollte Laura wissen.

Das Telefon zwischen Ohr und Schulter geklemmt, verstaute Romy das Foto inklusive einer übergroßen Packung Papiertaschentücher in ihrer Handtasche.

»Ich werde gegen Mittag bei dir sein. Danke, dass ich die Kartons bei dir unterstellen kann.«

»Okay. Hast du deinen Wohnsitz schon zu mir verlegt?«

»Ja, und den Nachsendeauftrag für die Post habe ich auch verschickt.«

»Perfekt. Wenn du noch Hilfe brauchst, ich bin immer für dich da.«

»Ich danke dir.«

»Schlaf gut.«

»Du auch.«

Romy legte ihr Handy zur Seite und starrte an die Küchenwand. Sie hatte in der Vergangenheit immer mal wieder ein paar Postkarten mit Sprüchen an die Wände gehängt, die Maik einen kleinen Hinweis hatten geben sollen. Gebracht hatte es nichts. Sie wusste nicht einmal, ob er sie jemals gelesen hatte. Sie ließ alle Karten hängen bis auf eine. Es war ihre Lieblingskarte und sagte alles in einem Wort:

SCHMÖSCHTEDASALLESNISCHT!

Minuten später sank sie bettreif in die Laken. Maik kam erst nach Mitternacht nach Hause.

Noch vier Mal schlafen.

Kapitel 4

Wilder Farbwechsel

Romy zog ihr Handy unter ihrem Kopfkissen hervor und blinzelte auf das Display. 09:18 Uhr. Um 10:00 Uhr hatte sie einen Termin bei einer Stilberaterin, die ihr noch den letzten Feinschliff für ihr neues Leben mit auf den Weg geben sollte. Jetzt wurde es aber Zeit! Maik schlief noch tief und fest neben ihr. Sie beobachtete ihn, wie er seelenruhig auf seiner Seite lag. Gegen Mittag wollte er mit dem Zug seine Geschäftsreise nach Berlin antreten. Wenn er am Wochenende zurückkam, war er fällig. Romy sprang aus dem Bett und stolperte über seine Klamotten, die den Weg vom Schlafzimmer bis zum Badezimmer zierten. Wo er doch sonst so pingelig war! Bald war das alles vorbei und diese Vertrautheit gehörte der Vergangenheit an. Sie bückte sich und hielt erschrocken inne. Romy, du wirst doch wohl nicht …? Nein, seine Klamotten kann er gefälligst selbst wegräumen. Er darf sich schon mal daran gewöhnen, dachte sie, denn die Hausarbeit blieb größtenteils an ihr hängen.

Fünfzig Minuten später saß sie geduldig auf der mittleren Treppenstufe vor dem kleinen Ladenlokal der Beraterin und harrte der Dinge, die da kamen. Die Morgensonne war schon um die Ecke gebogen und spiegelte sich in den Fensterscheiben. Sie hatte bereits diesen geheimnisvollen, herbstlichen Charakter. Romy liebte diesen sanften Wechsel, wenn sich das Licht im Spätsommer magisch veränderte. Sie atmete dieses erste Herbstgefühl tief ein und genoss den Moment. Immer schön achtsam sein.

Kurz darauf bog eine attraktive und modisch gekleidete Dame Ende dreißig mit einer Brötchentüte in der Hand um die Ecke. Nicht schlecht, staunte Romy, die hat mal Stil. Mal sehen, was der heutige Tag so bringt.

»Guten Morgen, Frau Schuhmacher! Entschuldigen Sie bitte meine Verspätung.« Die Stilberaterin schüttelte Romys Hand, unterzog sie einer kritischen Musterung und steckte den Schlüssel ins Schloss.

»Guten Morgen! Kein Problem, ich habe Zeit mitgebracht«, entgegnete Romy mit ruhiger und gelassener Stimme. Mit der lautstarken Untermalung eines Glockenspiels im Eingang öffnete die Besitzerin die Tür. Romy betrat das Geschäft und war erstaunt, was auf so wenig Quadratmetern alles untergebracht werden konnte.

»Ich bin ein bisschen aufgeregt. Was werden Sie heute aus mir machen?«

»Alles, wozu Sie bereit sind«, gab die Dame zurück. »Nehmen Sie Platz! Darf ich Ihnen einen Kaffee anbieten?« Sie nahm Romys Jacke entgegen und hängte sie an der Garderobe auf.

»Sehr gerne. Mit Milch bitte.«

Romy setzte sich auf einen erhöhten Drehstuhl, ließ ihre Beine baumeln und zupfte unsicher an ihrem grauen Oberteil herum, während die Beraterin in ihrer Teeküche verschwand. Sie räumte ein paar Dinge von links nach rechts, klimperte mit Geschirr herum und startete die Kaffeemaschine, die daraufhin lautstark ein Heißgetränk herausquälte. Überall an den Wänden hingen Fotos von Models, Farb- und Schminkpaletten lagen herum und Zeitschriften der neusten Modetrends übersäten einen kleinen Beistelltisch. An einer der Wände thronte ein übergroßes gerahmtes Bild mit einem Spruch darauf:

»Der Vergleich ist das Ende des Glücks und der Anfang der Unzufriedenheit.«

SØREN KIERKEGAARD

Romy ließ diesen Satz für einige Sekunden auf sich wirken. Das ständige Abgleichen mit der Umwelt, ob man stets hübsch, schlau und erfolgreich genug war, unterwanderte zwar immer mal wieder ihre Gedanken, aber die naive Angewohnheit, viel Wert auf die Meinung anderer zu legen, hatte sie längst abgelegt. Das hatte ihr der Professor schon von Beginn an nahegelegt. Gegenüber dem Schaufenster war ein übergroßer mehrteiliger und schwenkbarer Spiegel positioniert. Mit einem Pott Kaffee in der Hand setzte sich die Beraterin tiefenentspannt neben Romy. Im selben Moment begann ein nicht enden wollendes Frauengeschnatter. Romy erzählte ohne Punkt und Komma, was ihr an ihrem Äußeren nicht gefiel. Immerhin zahlte sie eine stattliche Summe für diese Beratung. Also haute sie alles raus. Jetzt war es an der Zeit für das Feedback einer Expertin.

»Irgendwie habe ich zu lange Beine. Ich bekomme nie die passende Jeanslänge. Mein Po ist etwas zu klein, meine Oberweite im Vergleich dazu zu groß und meine Frisur will oft nicht so, wie ich es will … Ach, und mein Bauch …«

Am Ende ihres letzten Satzes wurde es still im Raum. Romy sah in das Gesicht einer schweigsamen Beraterin, die sich in ihrem Stuhl zurücklehnte und sie erneut von Kopf bis Fuß beäugte.

»Stehen Sie bitte noch einmal auf«, sagte sie freundlich und Romy stellte sich vor den großen, bodentiefen Spiegel.

»Sehen Sie das?« Mit einer fließenden Handbewegung umfasste sie Romys Spiegelbild.

»Nein, was meinen Sie?«

»Wissen Sie, wie viele Frauen sich so lange Beine wünschen und so einen kleinen, knackigen Po? Wenn Ihre Hosen zu kurz sind, dann tragen Sie Kleider oder Stiefel. Machen Sie jeden Tag 100 Situps. Es gibt für jedes Problem eine Lösung.«

Romys Augen weiteten sich und ihre Wangenknochen erröteten unübersehbar. Von Situps bekam sie Rückenschmerzen und ihr wurde jedes Mal übel. Sie spürte ein leichtes Schamgefühl in sich hochsteigen, während die Dame ihr ein aufmunterndes Lächeln schenkte.

»Wissen Sie was, Frau Schuhmacher?«, setzte sie an. »Ich glaube, Sie haben ein Luxusproblem. Der liebe Gott hat Ihnen alles gegeben. Sie machen nur zu wenig daraus. Schön, dass Sie da sind.«

Romy setzte sich, ohne ein Wort zu sagen, wieder zurück auf ihren Stuhl und ließ diese Worte erstmal auf sich wirken. Sie war sich noch nicht sicher, ob das jetzt ein Kompliment oder eine Beleidigung war. Wahrscheinlich beides … Wie einfach sich das anhörte! Zumal sie Kleider und Stiefel über alles liebte. Die Beraterin stand auf und zog ein buntes Farbenmeer von Stoffmustern aus einer Schublade. Sie platzierte sie auf Romys Schultern, um die Farbnuancen herauszufinden, die ideal mit ihrem Hauttyp harmonierten. Dann legte sie ihre Hand auf Romys Oberarm und sah sie durch den Spiegel an.

»Sie sollten mutiger sein. Glauben Sie mir, das Leben ist zu kurz für nur eine Farbe! Sie werden sich sofort viel besser fühlen, wenn Sie sich anders kleiden. Ich zeige Ihnen gleich, wie Sie Ihr Gesicht perfekt in Szene setzen und dadurch Ihren Typ auf ganz natürliche Weise hervorheben.«

Romy nickte immer noch wortlos und sah auf ihr graues Oberteil. Sie war sich darüber im Klaren, dass sie ihre Kleidung in den letzten Jahren ihrer inneren Verfassung angepasst hatte. Es war ein schleichender Prozess. Immer mehr hatte sie sich zurückgezogen und wollte auch optisch unauffällig sein. Schwarz oder grau waren ihre Farben, manchmal auch ein gewagtes Weiß. In einem von Männern dominierten Job war man als Frau schon sichtbar genug. Sie wollte fachlich glänzen und nicht den Frauenbonus ausnutzen. Am Ende schien ihr jedoch ihre Aufrichtigkeit zum Verhängnis geworden zu sein.

»Wenn Sie möchten, gehen wir gleich in den Nebenraum und dann können Sie in aller Ruhe verschiedene Outfits anprobieren. Glauben Sie mir, das Leben ist nicht grau! Kleidung spiegelt unsere Persönlichkeit und Haltung wider. Machen Sie etwas aus sich! Sie sind eine unglaublich attraktive Frau und haben eine wunderbare Ausstrahlung. Ab heute sollten Sie Ihr volles Potenzial sichtbar machen. Damit erzielen Sie eine völlig neue Wirkung auf Ihre Außenwelt.«

Zwei Stunden später und um einen Batzen Geld ärmer verließ Romy freudestrahlend das kleine Geschäft, das sich als Klamottenoase entpuppt hatte. Jahrelang hatte sie sparsam gelebt und für eine gemeinsame Zukunft mit Maik gespart. Damit war jetzt Schluss. Mit beiden Händen voller Tüten und Klamotten sowie Farb- und Frisurenvorschlägen stieg sie in ihr Auto, drehte das Radio auf und checkte die Nachrichten auf ihrem Handy.

Ihre Bandkollegin und Freundin Caro hatte geschrieben. Am nächsten Abend wollten sie zu einem Konzert ins Saarland fahren. Dafür war ihnen kein Weg zu weit.

[Caro, 11:32] Hi, Romy, wann genau startet morgen das Benefizkonzert? LG Caro

[Romy, 13:01] Um 19:30 Uhr. Hole dich um 17:00 ab.

[Caro, 13:03] Okay. Ich freue mich total!

[Romy, 13:04] Endlich wieder Livemusik!

[Caro, 13:04] Wird Zeit, dass du mal wieder unter Menschen kommst. Bis dann.

Am nächsten Tag betrat Romy pünktlich um 14:00 Uhr das verrückte Ladenlokal in der Freiburger Altstadt, in dem man alles erdenklich Schöne an Deko und Klamotten kaufen konnte. Hier arbeitete ihr Friseur Ben. Sascha und er hatten Maik und Romy oft besucht und gemeinsam mit ihnen gekocht – an besseren Tagen, verstand sich. Romys neugierige Blicke erhaschten jedes Mal die tollsten Dinge in diesem Geschäft. Heute blieben sie an einer übergroßen kuscheligen Wolldecke hängen. Das ist gleich meine. Für die bevorstehenden kälteren Nächte, in denen ich mutterseelenallein auf meinem Hotelzimmer liege und elendig vereinsame. Sie nahm auf dem Friseurstuhl Platz und durchstöberte halbherzig den Stapel Klatschzeitschriften. Ben brachte ihr einen mit Milchschaum gekrönten Cappuccino und setzte sich zu ihr. Der Friseur ihres Vertrauens schien heute nicht so gut gelaunt zu sein wie sonst.

»Weißt du mittlerweile, was wir heute bei dir machen? Letzte Woche am Telefon warst du noch etwas unentschlossen.« Er wirkte verunsichert, ganz anders, als Romy es von ihm gewohnt war. Sie kramte in ihrer Handtasche nach den Frisurenbeispielen.

»Ich habe ein paar Vorschläge von einer Stilberaterin mitgebracht. Sie hat mir einen kompletten Typwechsel empfohlen. Irgendwie steht mir der Sinn gerade nach Veränderung in meinem Leben.«

Romy, nicht zu viel erzählen! Aber vielleicht hat Saschaihm schon von meinem Plan berichtet, ging es ihr durch den Kopf.

Ben horchte offenkundig auf. »Einen Typwechsel? Hört sich spannend an. Das ist bei Frauen ja meistens ein besonderes Zeichen.«

Romy nickte wortlos.

»Friseure lieben Typwechsel«, setzte er nach. »Zeig her!«

»Ich soll mir einen Pony schneiden und ein paar Highlights setzen lassen.«

»Das hört sich gut an. Ein Pony verleiht deinen schönen braunen Augen noch viel mehr Ausdruck.« Er stand auf und holte die Farbkarte vom Nachbarplatz herüber.

»Wie läuft es denn mit Maik?«, wollte er beiläufig wissen.

»Nicht gut«, gab sie zurück, »aber das Thema würde hier jetzt den Rahmen sprengen.«

Ben schien zu verstehen und widmete sich wieder dem, was er am besten konnte.

»Ganz schön mutig, der neue Style. Aber er wird gut zu dir passen.«

»Mein Coach sagt immer zu mir, dass ein paar Sekunden Mut unser ganzes Leben verändern können.«

In ihr stieg langsam, aber sicher eine leichte Unsicherheit hoch. Jetzt gleich würde sie auch optisch ein neuer Mensch werden.

»Cooler Coach«, erwiderte er. »Der gefällt mir.« Bens Laune wurde besser. Er griff ihr mit einer Selbstverständlichkeit in die Haare, als gäbe es kein Morgen mehr. Sie genoss diesen ungewohnten Körperkontakt, der ihr ein angenehm kühles Kribbeln über den Kopf und den Rücken laufen ließ – auch wenn nur ihr Friseur dafür verantwortlich war. Ben sah Romy durch den Spiegel an.

»Ich schneide dir erst den Pony, dann ein paar feine Stufen und setze dir im Anschluss ein paar vereinzelte caramelbraune Akzente mit einer Balayage-Technik in die Spitzen. Das ist supersexy«, beschloss er. »Und deine Wimpern färben wir blauschwarz.«

Unsicher zog sie die Brauen zusammen.

»Okay.« Heute war das volle Programm angesagt. Wer wusste, wann die nächste Gelegenheit für einen Friseurbesuch kam. Ben legte ihr den Umhang um, wusch ihr die Haare und pumpte für den Schnitt den Stuhl in die passende Höhe. Als er die Schere aus der Seitentasche seiner Hose zog, schlug ihr Herz schneller.

»Bist du bereit?«, fragte er und setzte das Schneidewerkzeug direkt über ihren Augen an.

Sie kniff die Lider zu und bejahte die Frage. Im selben Moment spürte sie, wie die nassen Haarspitzen auf ihren Umhang fielen, und versuchte, in den Spiegel zu blinzeln. Jetzt war es zu spät.

Zweieinhalb Stunden und drei Cappuccino später ging Romy mit der Kuscheldecke unter dem Arm und einem absoluten Hochgefühl zum Kassenbereich.

»Du siehst bezaubernd aus!« Ben tippte die Preise in die Kasse ein. Es piepte kurz und die Karte verschwand in ihrem Portemonnaie.

»Danke, Ben, nächstes Jahr komme ich wieder. Viele Grüße an Sascha.«

Glücklich, zufrieden und mit einem erstaunlich gesteigerten Selbstwertgefühl verließ Romy den Salon. Im Auto sah sie prüfend in den Rückspiegel. Ihr war gar nicht bewusst gewesen, dass sie so einen beeindruckenden Augenaufschlag haben konnte. Romy startete ihren Wagen und fuhr zu Caro. Auf dem Weg klingelte ihr Handy. Maik leuchtete auf dem Display auf.Ihr Blut kam in Wallung und sie nahm das Gespräch mit einem flauen Gefühl im Magen an.

»Hi, Maik«, begrüßte sie ihn leise und emotionslos.

»Hi, ich wollte nur sagen, dass ich am Samstag gegen 14:00 Uhr zurück bin.«

»Okay.« Es herrschte Stille. Sie wusste nichts zu sagen, fühlte sich nur leer.

Immerhin ruft er mich an und sagt mir, wann er zurückkommt. Jetzt bloß nicht schwach werden!

»Dann bis Samstag«, schob sie nach, als von ihm nichts mehr kam.

»Was machst du heute noch?« Wie bitte? Das interessiert dich doch sonst nicht …

»Ähm, ich fahre heute mit Caro ins Saarland auf ein Benefizkonzert.« Romy fuhr sich durch die Haare und versuchte weiterhin, ihrer Stimme einen desinteressierten Ausdruck zu verleihen.

»Okay, viel Spaß«, entgegnete er.

»Danke.«

Wieder machte sich Schweigen breit.

Dieses Mal war Maik derjenige, der es brach. »Dann bis Samstag.«

»Ja, bis Samstag, tschüss!«

»Tschüss.«

Sie beendete das Gespräch und sog den Sauerstoff tiefin ihre Lungen.

Kapitel 5

Musik kennt keine Grenzen

Caro stand am Fenster im zweiten Stock ihrer Wohnung und gab Romy ein Zeichen, dass sie runterkommen würde. Sie spielten seit ein paar Jahren in einer Band und teilten ihre gemeinsame Liebe zur Musik. Immer mal wieder besuchten sie Konzerte oder die eine oder andere Weiterbildung, die sie in ihrem Leben weiterbringen sollte. Wenn man in einem Bereich im Leben ein Meister war, sollte man an einer anderen Stelle wieder als Schüler beginnen. Das war ihre Devise. Bei einem Finanzseminar hatten sie gelernt, wie man mit Geld umging. Einen Teil sollte man sparen, einen Teil in Aktien anlegen, einen Teil in Weiterbildung investieren, einen Teil spenden und einen Teil großzügig mit beiden Händen ausgeben. Bisher sah es so aus, dass sie sich von hinten nach vorne durcharbeiteten. Geld ausgegeben hatte Romy jedenfalls reichlich in den letzten Tagen, jetzt war das Thema Spenden angesagt. Sie hatte auf Instagram einen Gitarristen aus dem Saarland entdeckt, der ein Benefizkonzert für Flüchtlingskinder aus Syrien gab. Von den Spendengeldern wollte er ihnen Gitarren kaufen und Musikunterricht erteilen. Diese Idee fanden Romy und Caro so grandios, dass sofort klar war, an wen ihre Spende gehen würde.

Caro lief strahlend auf ihr Auto zu. Ihre blonden Korkenzieherlocken wippten fröhlich im Wind. Gut gelaunt öffnete sie die Beifahrertür.

»Romy, du bist ja gar nicht wiederzuerkennen. Du siehst granatenstark aus.« Caro umarmte sie und schnallte sich an.

Stolz bedankte Romy sich und startete den Wagen.

»Ich bin so gespannt, was das gleich wird. Endlich wieder ein Konzert!«

»Ja, so cool … und dann noch in einer Kirche«, entgegnete Romy und nahm dabei schmunzelnd Caros tiefen Ausschnitt zur Kenntnis. Geht da jemand auf die Jagd? Caro wechselte schnell mal ihre Männer und ließ sich meistens mit verheirateten Exemplaren ein, was oft ein trostloses Ende fand. Sie fuhren auf die nächste Schnellstraße und Romy fädelte sich kurz darauf auf die Autobahn in Richtung Saarland ein.

»Hast du eigentlich in Österreich auch vor, Musik zu machen?«

»Mal sehen. Vielleicht suche ich mir eine Band. Aber anfangs habe ich erstmal genug mit meinem Job zu tun. Wahrscheinlich werde ich die einsamen Abende nutzen, um auf meinem Hotelzimmer Gitarre zu spielen und leise vor mich hin zu singen.«

»Du wohnst in einem Hotel? Während der ganzen Zeit?« Caro sah staunend zu Romy herüber und prüfte im Anschluss ihren Lippenstift in der Beifahrerblende. Dabei zupfte sie ein paar ihrer Locken zurecht.

»Na ja, wir haben doch auf dem Seminar neulich gelernt, wie man richtig verhandelt. Stell dir vor: Das Hotel ist eines der besten im Ort. Es wurde kürzlich erst renoviert und ich konnte noch ein letztes unrenoviertes Zimmer inklusive Halbpension zu einem Superpreis buchen.«

Caro staunte. »Na, das nenne ich mal eine Win-win-Situation.«

»Ja, ich hätte mir sonst niemals ein Hotel über diesen langen Zeitraum leisten können.« Romy zwinkerte Caro zu. »Was machen denn eigentlich deine Männer? Läuft noch was mit diesem Keyboarder?«

»Nee, nicht so richtig. Aber ich habe einen neuen Kollegen, der nicht zu verachten ist.« Caro verschränkte ihre Arme, als wollte sie nicht länger über dieses Thema reden.

»Lass mich raten: Er hat drei Kinder?«

Caro zog eine Grimasse und lachte dann. »Eins.«

»Ach, das geht ja noch. Also ich glaube, ich werde ab Sonntag erstmal mein Sololeben genießen und eine lange Männerpause einlegen«, verkündete Romy und seufzte.

»Hast du schon Schiss wegen Samstag?«, wollte Caro wissen und spielte dabei an Romys Radio herum.

»Sagen wir es so … Ich wäre froh, wenn ich das Ganze schon hinter mir hätte. Er bringt nur noch Schwere in mein Leben.«

Caro schwieg einen Moment lang und sah aus dem Fenster. »Also ich könnte das nicht, immer mit demselben Typen über so einen langen Zeitraum zusammen sein.«

»Warte mal ab, Caro. Eines Tages läuft auch dir die große Liebe über den Weg und dann sieht das alles ganz anders aus. Glaub mir!«

»Wie habt ihr euch eigentlich kennengelernt?«

Romy sah auf das Navi. Sie hatten noch Zeit und sie konnte ein wenig ausholen. »Wir kommen ja beide aus Rheinhessen und sind damals auf dieselbe Schule gegangen. Meine Eltern hatten auch dort schon ein Weingut und seine Eltern eine gut gehende Weinstube im Nachbarort. Maik und ich haben uns immer gut verstanden. Wir sind täglich nach der Schule mit dem gleichen Bus nach Hause gefahren. Eines Tages, nach den Sommerferien, als wir gerade in der Oberstufe waren, da hat er mich gefragt, ob ich mit ihm ins Kino gehe.«

»Ach, wie niedlich«, bemerkte Caro mit zuckersüß verstellter Stimme und Romy setzte zum Überholen an.

»Hey, das war damals unglaublich aufregend«, erwiderte sie. »Bei der Frage blieb mir echt die Luft weg. Wir waren noch so jung und hatten beide keine Erfahrung. Am nächsten Tag ist er im Bus einfach sitzen geblieben und bis zu meiner Haltestelle mitgefahren. Dann sind wir zusammen ausgestiegen und er hat mich zum ersten Mal geküsst.«

»Das war ja voll romantisch. Hätte ich ihm gar nicht zugetraut.«

»Ab diesem Zeitpunkt waren wir dann zusammen. Er hat unsere Initialen in die Wand des Bushäuschens geritzt und meinte: ›Die anderen gehen allein und ich geh jetzt mit dir!‹«

Caro kicherte. »Unglaublich«, sagte sie. »Und später lässt er dich fallen wie eine heiße Kartoffel. Ich sag’s ja immer wieder: Männer sind alle Schweine! Dein halbes Leben hast du jetzt mit ihm vergeudet.« Sie rutschte tief in ihren Sitz und stützte energisch eine Hand an ihre Wange.

»Na, so kann man das ja jetzt auch nicht sagen. Wir waren am Anfang echt unbeschwert und glücklich. Jahrelang ging alles gut. Alles war leicht. Wir brauchten nicht viel. Wir haben zusammen Abi gemacht und während des Studiums und meinen Auslandssemestern hatten wir eine Wochenendbeziehung. Danach sind wir zusammengezogen. Es war echt okay für eine ganze Weile«, erklärte Romy und sah nachdenklich auf die Straße, während Caro schweigend zuhörte. »Aber irgendwie haben wir unseren Lebenstraum an die Wand gefahren. Ich kann mir bis heute nicht erklären, warum alles aus dem Ruder gelaufen ist«, fuhr Romy fort. »Im Sommer sind wir nachts oft ins Freibad gefahren, haben auf’m Fünfer gesessen und unsere Träume ausgetauscht. Aber mittlerweile haben wir fast vergessen, wie alles mal begann …«

»Auf’m Fünfer? Gab’s da keinen Zehner in diesem Dorf?«, scherzte Caro.

»Hey, hey, jetzt mach mal halblang!«, konterte Romy. »Ich hab doch Höhenangst. Da hab ich mich nie hoch getraut.«

»Und? Meinst du, Maik merkt schon etwas von deinen Plänen?«

»Ich glaube nicht. Er ist in den nächsten Tagen erstmal in Berlin bei einem wichtigen Kunden. Dort führt er ein neues Online-Tool ein, um die vielen Geschäftsreisen der Mitarbeiter zu reduzieren.«

»Wenigstens bekommt er beruflich noch was auf die Kette.«

»Ja, das stimmt. In den letzten Jahren hat er sich echt verändert. Sein beruflicher Erfolg stand plötzlich an erster Stelle und er ist immer weiter aufgestiegen. Jetzt leitet er eine große Abteilung, aber glücklicher ist er deshalb nicht. Seine Autos und Klamotten wurden über die Jahre immer größer und teurer. Früher ging er mit Jeans und T-Shirt zur Arbeit und heute können die Klamotten gar nicht teuer genug sein. Angeblich, weil seine Kunden das erwarten. Dafür knapst er an anderen Stellen mit seinem Kleingeld herum. Furchtbar. Wir kommen beide aus soliden Elternhäusern und waren immer zufrieden.«

»Tja, erst kriegen sie alle den Hals nicht mehr voll und später merken sie dann, dass man den ganzen Kram nicht mit ins Grab nehmen kann.«

»Da hast du wohl recht.«

Romy setzte nach einer Weile des gemeinsamen Schweigens den Blinker, wechselte auf die rechte Spur und verließ die Autobahn. Kurz darauf parkte sie direkt vor einer riesigen Kathedrale und beide staunten nicht schlecht.

»Ui, ich glaube, das wird was Größeres«, meinte Caro und legte ihre Stirn in Falten.

Romy zog den Schlüssel aus der Zündung. »Komm, lass uns reingehen! Ich kann es kaum erwarten.«