Fatale Rache - Marcus Johanus - E-Book

Fatale Rache E-Book

Marcus Johanus

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Beschreibung

Gewalt. Geheimnisse. Berlin. Hauptkommissar Carl Rau und das Team der Soko Innen werden vom Berliner Innensenator Konrad Faber erneut mit einem dramatischen Fall beauftragt. Ein Scharfschütze tötet Menschen im Herzen der Stadt. Eine Massenpanik droht. Die Vorgehensweise des Täters wirft viele Fragen auf. Gibt es ein Muster? Ist der Täter ein eiskalter Profi oder ein fanatischer Terrorist? Und vor allem: Wird er wieder töten? Wieder ermittelt die Soko Innen in einem geheimnisvollen Netz aus Mord, organisierter Kriminalität und Politik. »Fatale Rache« ist der zweite Band einer vierteiligen Krimi-Serie, die das Autorenduo Axel Hollmann und Marcus Johanus veröffentlicht.

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Fatale Rache

Soko Innen 2

Marcus Johanus

Marcus Johanus

Orchideenweg 63,

12357 Berlin

www.marcus-johanus.de

Alle Rechte vorbehalten. Eine Kopie oder anderweitige Verwendung, auch auszugsweise, ist nur mit schriftlicher Genehmigung des Autors gestattet.

© 2021 Marcus Johanus

Cover: Axel Hollmann - stock.adobe.com

Druck: Create Space, Leipzig

Inhalt

Das Buch

Der Autor

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Epilog

Danksagung

Fatale Lügen

Weitere Romane

Weitere Romane

Das Buch

Gewalt. Geheimnisse. Berlin.

Hauptkommissar Carl Rau und das Team der Soko Innen werden vom Berliner Innensenator Konrad Faber erneut mit einem dramatischen Fall beauftragt.

Ein Scharfschütze tötet Menschen im Herzen der Stadt. Eine Massenpanik droht. Die Vorgehensweise des Täters wirft viele Fragen auf. Gibt es ein Muster? Ist der Täter ein eiskalter Profi oder ein fanatischer Terrorist?

Und vor allem: Wird er wieder töten?

Wieder ermittelt die Soko Innen in einem geheimnisvollen Netz aus Mord, organisierter Kriminalität und Politik.

»Fatale Rache« ist der zweite Band einer vierteiligen Krimi-Serie, die das Autorenduo Axel Hollmann und Marcus Johanus veröffentlicht.

Der Autor

Marcus Johanus wurde 1972 in Berlin geboren, wo er als Autor und Lehrer für Psychologie, Politik und Deutsch mit seiner Familie lebt.

Bisher sind von ihm die Young-Adult-Thriller »Tödliche Gedanken« und »Tödliche Wahrheit« bei Ullstein erschienen. Die Novelle »Lelana« und die Psychothriller »Entfesselter Tod« und »Zum zweiten Mal tot« veröffentlichte er im Selfpublishing.

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Prolog

Kriminalhauptkommissarin Paula Jakoby zuckte zusammen.

Ein Schuss.

Sie spähte in alle Richtungen. Einige Menschen auf dem Innenhof des Berliner Sony Centers reckten die Köpfe. Die meisten unterhielten sich jedoch weiter, schlenderten über den Platz und fotografierten mit ihren Handys, als wäre nichts gewesen.

Hatte Sie sich getäuscht? War das Geräusch kein Schuss gewesen?

Paulas Blick blieb am gläsernen Zeltdach hängen. Es spannte sich mehrere Dutzend Meter über ihr. Das riesige Gebilde reflektierte die Herbstsonne. Es sollte die Kami beherbergen. Ein Wohnsitz für Schutzgeister. Von japanischen Architekten erdacht.

Schutz ... Paula fühlte sich eher wie auf einem Präsentierteller. Sie wischte sich übers Gesicht. Was sollte sie tun?

Keine zwei Meter entfernt rutschte eine Frau von ihrem Stuhl. Sportlich kurzes, blondes Haar. Motorradkleidung. Sie riss das Geschirr und zwei Motorradhelme mit sich von der Platte und blieb seltsam verrenkt auf dem Boden liegen.

Jetzt gab es keinen Zweifel mehr.

Paula sprang auf und hechtete neben die Frau. Fühlte ihren Puls.

Tot.

Ein weiterer Knall. Wieder ein Schuss. Paula zog den Kopf ein.

Jemand schrie.

Noch jemand. Und noch jemand. Unzählige Schreie. Alle rannten kreuz und quer. Stühle und Tische polterten zu Boden.

Sie presste sich gegen einen Pflanzenkübel und spähte zwischen den Palmwedeln hindurch.

Wo zur Hölle steckte der Schütze?

In den Fassaden, die kreisförmig um den Platz angeordnet waren, gab es Hunderte Fenster. Dazu Dachfürsten, Vorsprünge und Winkel, in denen ein Schütze Deckung finden konnte.

Wieder ein Schuss. Die Kugel warf einen Mann in einer Lederjacke von den Füßen. Er brach zusammen.

Paula krabbelte zu dem Verletzten. Presste ihre Hand auf die Wunde.

»Alles okay!«, rief sie. »Ich bin bei Ihnen.«

Aber der Mann hielt nicht still. Blut strömte in seine Luftröhre. Das Projektil hatte seinen Hals verletzt.

Verlier jetzt nicht den Kopf.

Paula musste einen Notruf absetzen. Der Mann würde sterben, wenn nicht sofort Rettungskräfte kamen. Aber sie konnte ihre blutigen Hände nicht von der Wunde nehmen, um an ihr Handy zu gelangen.

Nicht weit von ihr entfernt kauerte eine junge Frau hinter dem Rand des großen Springbrunnens, der das Zentrum des Platzes bildete. Sie drückte einen kleinen Jungen mit schwarzen Locken an sich.

»Sie da mit dem Kind! Rufen Sie einen Notarzt!«, schrie Paula.

Die Frau sah auf. Starrte Paula an, bewegte sich aber nicht.

Das hatte keinen Zweck. Paula richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf den Verletzten. Aber ganz gleich, wie stark sie auch die Hände auf die Wunde presste, das Blut sickerte einfach weiter durch ihre Finger.

Dann lag der Mann ganz still.

Paula kontrollierte weder Puls oder Atmung, sondern begann sofort mit einer Herz-Lungen-Wiederbelebung. Mit jedem Stoß, den sie dem Brustkorb verpasste, schoss noch mehr Blut aus der Halswunde.

Wieder ein Knall.

Die Kriminalkommissarin warf sich flach hin. Sie zitterte. Was verdammt noch mal tat sie hier? Der Mann war tot. Und wenn sie nicht bald Deckung suchte, konnte sie das nächste Opfer sein.

Paula duckte sich und lief los. Ein weiterer Schuss. Sie sprang hinter den Rand des Brunnens in Deckung. Zumindest hoffte sie es. Solange sie keine Ahnung hatte, wo der Schütze lauerte, war sie auf dem Platz nirgendwo sicher. Direkt neben die junge Frau mit dem Kind. »Ist der Mann …, die Frau … sind sie …?«

Paula nickte.

Die Frau versuchte abwechselnd, ihrem Jungen Augen und Ohren zuzuhalten.

»Sind Sie Ärztin?«, fragte sie.

»Nein. Polizistin.«

Noch ein Schuss.

Für einige Sekunden blieb Paulas Blick auf dem Jungen hängen. »Wir können hier nicht bleiben.«

»Was?«

»Drüben, in dem Café, kann uns der Schütze nicht erwischen.«

Die Frau schüttelte den Kopf. »Ich kann nicht.«

Paula fluchte innerlich. »Wie heißen Sie?«

»Almila Bürsin.«

»Und Ihr Sohn?«

»Kerem.«

»Wir müssen Kerem in Sicherheit bringen.«

Almilas Blick wurde glasig.

»Almila?«, hakte Paula nach.

»Ja, … ja.«

Paula atmete durch.

Almila rappelte sich auf. Sie ließ Kerem für keine Sekunde los.

»Jetzt!«, rief Paula und rannte los. Almila neben ihr, ihr Kind auf dem Arm.

Kaum hatte Paula drei Schritte gemacht, stolperte sie. Sie schlug mit dem Knie auf.

Almila rannte wie von Sinnen weiter. Paula rechnete jede Sekunde damit, dass ein Schuss durch die Luft peitschen würde.

Aber es geschah nicht.

Die junge Frau verschwand mit dem Jungen im Café. Paula atmete auf.

Die Kommissarin drückte sich wieder hoch, ignorierte den Schmerz in ihrem Knie und humpelte weiter.

Dann war sie drin.

Ein Dutzend Leute kauerte in einer Ecke des Cafés. Almila saß zwischen ihnen auf dem Boden neben einer Couch. Kaum mehr zu sehen hinter den Tischen und Stühlen.

Die Kommissarin starrte durch das Panoramafenster auf den Platz. Der Schmerz in ihrem Knie ließ zum Glück schnell wieder nach.

Der Schütze hätte sie gerade da draußen problemlos erledigen können, wenn er das gewollt hätte. Aber es fielen gar keine Schüsse mehr. War es vorbei?

Bitte, lass es vorbei sein.

Eine Hand berührte ihre Schulter. Paula fuhr herum.

Almila.

»Es tut mir so leid. Ich …«

Paula nahm ihre Hand und drückte sie. »Schon gut. Sie haben Ihren Sohn gerettet. Niemand hätte anders …«

Ein Schuss. Vor dem Fenster wurde ein Mann ins Bein getroffen. Noch zu jung, um sich täglich zu rasieren. Ein weiterer Mann, ungefähr Ende dreißig, in eine Motorradjacke mit roten Streifen und schwarze Jeans gekleidet, ließ sich hinter ihm in Deckung fallen. Der Angeschossene fing entsetzlich an zu schreien und hielt sich das verletzte Bein.

Er verlor Blut. Schnell.

»Mist«, fluchte Paula. Sie wandte sich den anderen zu. »Hat jemand schon die Polizei informiert? Einen Notarzt gerufen?«

Eine Frau nickte.

Paula sah wieder zum Verletzten, der mitten im Schussfeld lag. »Wo bleiben die dann?«

Die Sekunden zogen sich hin. Es fielen keine neuen Schüsse. Und der Verletzte verlor weiter Blut.

Immerhin hatte sie jetzt, nachdem sie gesehen hatte, wie der junge Mann angeschossen worden war, eine Ahnung, wo sich der Schütze ungefähr aufhielt. Das bedeutete, dass sie gezielt Deckung suchen konnte, wenn sie …

»Ich hol ihn«, flüsterte Paula.

Almila packte sie am Arm. »Nicht.«

»Die Rettungskräfte werden zu spät eintreffen. Wenn jetzt niemand etwas unternimmt, ist er tot.«

»Und Sie auch.«

»Vielleicht. Er wird aber auf jeden Fall sterben.«

Bevor sie es sich anders überlegen konnte, rannte Paula geduckt los. Wenige Augenblicke später warf sie sich neben dem Verletzten auf den Boden. Er war teilnahmslos. Hechelte rasselnd. Das Gesicht bleich.

Er lag auf der Seite. Dahinter der Enddreißiger.

»He«, rief Paula dem Unverletzten zu. »Sie müssen mir helfen, ihn in Deckung zu bringen. Dort können wir die Blutung stoppen und ihn versorgen, bis Hilfe kommt.«

Keine Reaktion.

»Haben Sie mich gehört?«

»Hauen Sie ab!«

»Was? Ich weiß, Sie haben Angst, aber …«

»Ich bin das Ziel«, unterbrach er Paula.

»Wie bitte?«

»Ich soll hier sterben.«

»Woher wissen Sie das?«

»Verschwinden Sie!«

Es hatte keinen Zweck. Sie musste es alleine versuchen. Sie rappelte sich auf und packte den Verletzten mit dem Rettungsgriff und zog ihn hoch. Jeden Moment rechnete sie damit, eine Kugel in den Rücken zu bekommen.

»Was tun Sie?« Die Stimme des Unverletzten zitterte vor Panik.

»Ich rette ihn ohne Ihre Hilfe. Wenn es nicht schon zu spät ist.«

»Das können Sie nicht! Ich bin tot, wenn Sie ihn bewegen.« Er sprang auf und duckte sich hinter Paula.

»Das ist jetzt nicht Ihr Ernst! Er stirbt, wenn wir ihn nicht schnell versorgen.«

»Halten Sie die Klappe! Für den kann niemand mehr was tun. Der hatte Pech. Sie bringen noch uns beide um. Wir müssen nur warten, bis die Polizei kommt. Dann leben wir weiter.«

Paula zog den Verletzten auf die Deckung zu. Dabei verwendete der Mann sie weiter als lebendigen Schutzschild.

»Arschloch«, keuchte Paula. »Der Kerl ist schwer. Wenn Sie mir helfen …«

Sirenen! Endlich.

Sie blickte sich um. Die Schüsse hatten aufgehört. Aber sie traute dem Frieden nicht.

Von der Potsdamer Straße und der Eichhornstraße erkannte Paula flackerndes Blaulicht. Und Uniformierte. Jetzt war es nur noch eine Frage von Sekunden.

»Hallo!«, schrie Paula in Richtung Blaulichter. »Hier! Wir brauchen Hilfe!«

Da fiel ihr eine Bewegung am Rande des Platz auf. Hinter einer Ecke verschwand eine Gestalt. Und sie trug eine große Sporttasche. Eine Tasche, in der man gut ein Gewehr transportieren konnte.

»Bleiben Sie hier und rufen Sie nach den Rettungskräften«, sagte Paula.

»Was haben Sie vor?«

»Vielleicht habe ich gerade den Schützen gesehen.«

Paula sprang auf und rannte zur Ecke. Sie drückte sich an die Wand und spähte vorsichtig um die Mauerkante.

Eine schlanke Gestalt, wandte ihr den Rücken zu und zog gerade einen Mantel über eine Weste. Ein roter Zopf lugte unter einer schwarzen Basecap hervor.

Paulas Puls beschleunigte, als sie sah, dass neben der Häuserwand eine große Sporttasche lehnte.

Die Kommissarin wusste, dass sie auf Verstärkung warten sollte. Allerdings durfte sie jetzt keine Zeit verlieren. Die Tasche lag einen guten Meter von der Gestalt entfernt. Ansonsten wirkte sie unbewaffnet. Paula musste es wagen.

»Halt! Polizei! Drehen Sie sich langsam mit erhobenen Händen zu mir!«

Ohne Vorwarnung wirbelte die Gestalt herum und zog dabei mit einer fließenden Bewegung eine Pistole.

Ein Knall. Ein heißer Schmerz explodierte in Paulas Kopf und raubte ihr das Bewusstsein.

1

»Was für eine verdammte …« Kriminalhauptkommissar Carl Rau blieb vor dem rot-weißen Flatterband stehen. Er strich sich mit klammen Fingern über den Schnurrbart.

Menschen in weißen Overalls arbeiteten im Flutlicht auf dem Sony Center. Sie suchten den Boden ab, stellten Schildchen auf, füllten Plastikbeutel mit Spurenträgern oder schossen Fotos.

Überall parkten Autos der Polizei und Rettungsdienste. Blaulichter flackerten. Frauen und Männer in Uniformen und Sanitäter versorgten außerhalb der Absperrungen Zivilisten oder befragten sie.

Im Zentrum des Geschehens lagen zwei schwarze Decken, unter denen sich Körper abzeichneten. Darunter hatten sich Blutlachen gebildet.

»Guten Abend, Herr Hauptkommissar.«

»Paula! Was für ein Glück! Als ich gehört habe …« Er drehte sich zu seiner jungen Kollegin um. Über den kastanienbraunen Haaren trug sie einen Verband. Fast wie ein Turban. »Geht es Ihnen gut? Ich wusste nicht, dass Sie verletzt sind.«

In den letzten Monaten hatte Carl die Kommissarin ins Herz geschlossen, wie ihm gerade in diesem Augenblick schmerzlich bewusst wurde. Ihr anfangs von ihm als nervtötend empfundene Lächeln, hellte inzwischen nicht selten seinen Alltag auf. Genauso wie ihre beunruhigende Vorliebe für bunte Klamotten.

»Ich habe so tolle Schmerzmittel bekommen, dass ich gerade fliege.« Mit einer Hand imitierte Paula ein Flugzeug beim Start. »Also, ja, es geht mir suuuper.«

»Sie sind angeschossen worden.«

»Stimmt. Abgesehen davon.« Sie kicherte. Aber ihre Hand zitterte. »Ist nur eine Schramme, meinte der Sanitätsarzt. Hätte viel schlimmer kommen können.«

»Mir einer Kopfwunde ist nicht zu spaßen.«

Carl konnte nicht verhindern, dass vor seinem inneren Auge Bilder aufblitzten. Bilder von Philipp. Leblos im Müllcontainer. Erschossen.

Paula nickte. »Mag sein. Ist bei mir das erste Mal. Also …« Sie deutete mit dem Kinn in Richtung Absperrung. Ihr Lächeln gefror. »Die da hat es auf jeden Fall heftiger erwischt.«

»Ja.« Er drehte sich wieder um und hob das Flatterband. »Ich werde mir das mal ansehen.«

Paula stellte sich neben ihn.

»Was machen Sie?«, fragte Carl.

»Ich begehe mit Ihnen zusammen den Tatort.«

»Das werden Sie nicht.«

»Warum nicht?«

»Das wissen Sie.«

»Ich bin eine wichtige Zeugin. Wie es der Zufall wollte, war ich mittendrin. Pech für mich. Aber ein Glück für unsere Ermittlungen.«

Carl schüttelte den Kopf. »Sie können an diesem Fall nicht mitarbeiten.«

»Aber …«

»Keine Diskussion. Sie kennen die Regeln.«

»Und ich kenne Sie. Die Vorschriften sind Ihnen doch sonst auch egal.«

»Ach ja?«

»Sie ziehen gerne mal auf eigene Faust los, ohne Rückendeckung. Tut mir leid, Herr Hauptkommissar, aber Sie sind nicht gerade ein Vorbild, was das Befolgen von Dienstvorschriften angeht. Sie berufen sich nur auf Regeln, wenn es Ihnen in den Kram passt.«

Carl seufzte. Er hatte keine Lust, sich zu streiten. Erstens gehörte Paula ins Bett. Und zweitens konnte sie das gut. So lange diskutieren, bis sie ihren Kopf durchsetzte. Er schätzte ihren Enthusiasmus, aber persönliche Betroffenheit war immer ein Ausschlusskriterium für Ermittlungen. Da gab es gar keinen Spielraum.

»Sie gehen nach Hause. Jetzt. Ich begehe den Tatort allein. Gute Besserung. Wir sehen uns wieder, wenn alles vorbei und ihr Kopf verheilt ist. Ich gebe Ihnen für den Rest der Woche frei.« Carl duckte sich unter dem Flatterband hindurch.

»Das dürfen Sie gar nicht.«

»Und ob. Ich bin Ihr Chef.«

»Herr Hauptkommissar, bitte, es geht mir gut. Ich gehe auch rational und emotionslos mit dem Fall um. Versprochen.«

Carl konnte es sich kaum verkneifen, lauthals zu lachen. »Das wäre ja das erste Mal. Und jetzt ist Schluss.«

»Dann müssen Sie mich hier wegtragen lassen.« Paula trat noch näher an das Flatterband zwischen ihnen heran und senkte ihre Stimme. »Ich weiche nicht von Ihrer Seite. Wenn Sie mich nicht wie in einer schlechten Komödie mit Handschellen an ein Geländer ketten, gehe ich einfach hinter Ihnen her. Was könnten Sie dagegen unternehmen, hm?«

Carls Blick wanderte zu den Kollegen in Uniform.

»Möchten Sie mich wirklich abführen lassen, Herr Hauptkommissar? Ich kenne Sie. Das bringen Sie nicht übers Herz.«

Er zögerte. Paula war mit der Zeit für ihn wie eine Tochter geworden war. Er hatte keine Kinder. Er hatte sein Leben lang nicht einmal so was wie eine feste Partnerin gehabt. Von einer Ehefrau ganz zu schweigen.

Aber Paula Jakoby brachte in ihm eine Saite zum Klingen, von der er nie geahnt hätte, dass sie existierte. Eine väterliche.

Verflucht, nicht nur Paula war ungeeignet, an diesem Fall zu ermitteln. Er brannte darauf, den Kerl zur Strecke bringen, der Paula verletzt hatte.

Gefühle. Was für ein Schwachsinn.

Carl wischte sich über die Stirn. Paula war wie ein Welpe. Wenn man sich erweichen ließ, tanzte er einem früher oder später auf der Nase herum.

»Sie gehen jetzt nach Hause. Basta. Ich will Sie erst wieder sehen, wenn der Amtsarzt Ihnen bescheinigt, dass Sie dienstfähig sind. Das ist mein letztes Wort.«

Die junge Kriminalkommissarin reckte ihr Kinn, öffnete den Mund. Ihre Blicke begegneten sich. Sie stockte. Für ein paar Sekunden sahen sie sich tief in die Augen. Dann schaute Paula zur Seite. »Also gut.«

Die Anspannung fiel von Carl ab. »Das ist die richtige Entscheidung, Paula.«

Sie nickte. Aber er erkannte Wut und Traurigkeit in ihrer Miene, die ihm das Herz schwerer machten, als es gut für ihn war.

Er konnte den Blick nur schwer ertragen. »Wenn Sie hier warten, kann ich Sie auf dem Weg noch …«

»Machen Sie sich keine Mühe, Herr Hauptkommissar«, sagte Paula. »Ich nehme ein Taxi.«

2

Eine Frau in einem weißen Overall trat an Carl heran. »Sie sind der Kollege vom Einsatzabschnitt Ermittlungen?«

»Kriminalhauptkommissar Carl Rau. Leiter der Soko Innen.«

»Kriminalhauptkommissarin Merle Hermann. Ich leite den Einsatzabschnitt Tatort.«

»Ich weiß.«

»Wollen wir?«

Carl nickte. »Gibt es schon Hinweise, ob es sich um einen Terroranschlag handelt?«

Merle Hermann zuckte mit den Schultern. »Das habe ich nicht zu entscheiden. Ich mach hier lediglich meine Arbeit. Wie kommen Sie darauf, dass es sich um Terrorismus handelt?«

»Weil jemand in die Menschenmenge geschossen hat.«

Die Leiterin der Spurensicherung legte den Kopf schief. »Ziehen Sie immer voreilige Schlussfolgerung?«

Carl ärgerte diese Bemerkung, wollte sich aber nichts anmerken lassen. Er wandte den Blick ab. »Nun ja, für ein Bekennerschreiben ist es sicherlich noch zu früh …«

»Folgen Sie mir auf dem Trampelpfad. Sie kennen das ja. Wenn Sie nichts anfassen und dicht hinter mir bleiben, können Sie sich alles ansehen. Wir sind mit der Spurensicherung noch nicht ganz fertig. Das ist ein großer Platz.«

»Schon klar«, sagte Carl und folgte Kriminalkommissarin Hermann.

Sein Blick streifte über die Fassaden. Die Vorstellung, an diesem Ort von einem Heckenschützen bedroht zu werden, ließ ihn erschaudern. Dieser Ort war mit seinen dicht beieinander stehenden hohen Häusern und den wenigen Ausgängen eine Falle. Die Leichentücher auf dem Boden verstärkten das Gefühl der Bedrohung.

Die Kriminalkommissarin räusperte sich. »Der Schütze hat sich mit ziemlicher Sicherheit auf diesem Dach dort positioniert.« Sie zeigt auf den Vorsprung, der über dem Eingang des Kinos lag. »Wir müssen natürlich die Winkel, mit denen die Treffer erfolgten, noch mit einer Computersimulation checken, um vollkommen sicher zu sein. Aber das ist eine Formsache. Von dort schoss er insgesamt sechs Mal. Drei Schüsse trafen. Das ist sicher.« Sie deutete nacheinander auf die Decken auf dem Boden. Dann blieb sie zwischen ihnen stehen.

»Sechs Schuss?«, wiederholte Carl. »Drei Opfer? Zwei Tote?«

»Eine Kugel ging in die Schaufensterscheibe dort drüben, eine andere schlug in den Brunnen ein, eine in den Boden. Zwei trafen und töteten. Ein weiterer verletzte eines der Opfer. Dann gab es natürlich noch den Schuss auf ihre Kollegin. Aber der erfolgte mit einer Handfeuerwaffe. Und nicht vom Dach aus, sondern dort hinten, nahe am Ausgang.«

»Merkwürdig …«

»Was meinen Sie?«, fragte die Kriminaltechnikerin.

Carl wies auf das Dach, von dem geschossen worden war. »Wurde aus dieser Distanz ein Sturmgewehr oder ein Präzisionsgewehr verwendet?«

»Ein Präzisionsgewehr. Wir haben die Munition gefunden.«

Der Kommissar sah wieder zu Hermann. »Kann ich die Projektile sehen?«

»Die sind bereits im Labor und werden untersucht.«

»Auch gut. Hm. Ein Scharfschützengewehr hat niemand zum Spaß. Und selbst wenn, dann würde jemand, der auf diese Entfernung damit schießt und halbwegs weiß, was er tut, seine Ziele präzise ausschalten.«

»Ich weiß nicht, worauf Sie hinauswollen«, gestand die Kriminaltechnikerin.

»Also, entweder ist der Schütze ein Profi«, teile Carl seinen Gedankengang. »Dann würde er aber nicht sechs Schuss für drei Opfer brauchen und auch nicht eines der Opfer verletzen, statt zu töten. Ein Profi würde sich auch nicht einen öffentlichen Platz aussuchen und damit das Risiko eingehen, dass es viele Zeugen gibt, die ihn am Ende noch identifizieren könnten. Er hätte weiter entfernt hinter irgendeinem Fenster sitzen können, wo man ihn gar nicht sehen kann. Immerhin haben diese Gewehre eine große Reichweite. Irre ich mich?«

»Nun ja«, sagte Frau Hermann zögerlich. »Die Gebäude versperren die Schusslinie, um sich weiter entfernt zu platzieren. Dann steigen mit der Entfernung die Einflüsse von Faktoren wie Windrichtung und -stärke. Es wird einfacher, je näher man dran ist.«

»So kompliziert ist es für einen erfahrenen Schützen trotzdem nicht, aus großer Distanz zu treffen. Dafür aber erheblich sicherer. Wozu das Risiko eingehen, erwischt zu werden, wenn ich eine Waffe habe, die genau das eigentlich verhindern soll?«

Hermann zögerte. »Sie wollen darauf hinaus, dass es ihm wichtig war, hier zuzuschlagen. So wichtig, dass er riskiert hat, dass ihn jemand sehen kann.«

»Ja. Oder er wollte sogar gesehen werden.«

»Warum sollte der Täter das wollen?«

Carl zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung. Ich denke nur laut nach. Bei Morden ist es immer wichtig den Fokus auf die überflüssigen Dinge zu legen. Was hat der Täter getan, was er eigentlich nicht hätte tun müssen? Diese Details verraten uns, wer er ist und warum er gemordet hat.«

»Der Täter könnte einfach ein Amateur sein, der die Sache nicht durchdacht hat.«

Carl deutete zum Kino. »Gibt es eigentlich Spuren auf dem Dach, die uns weiterhelfen? Fingerabdrücke? DNA?«

»Wenn wir unsere Arbeit abgeschlossen haben, erfahren Sie es.«

»Er hat keines der Opfer mehrmals angeschossen, sagten Sie?«

»Richtig. Wie gesagt, zwei Schüsse trafen und töteten. Ein Opfer wurde nur verletzt. Am Bein. Meine letzte Information lautet, dass er ins Krankenhaus gebracht wurde.« Hermann deutete um sich herum. »Sie können die Leichen jetzt untersuchen. Wir haben sie noch nicht abtransportieren lassen, damit Sie sich selbst ein Bild machen können.«

Carl ging neben der ersten Leiche in die Hocke. Seine Knie knackten und sandten Schmerzen durch seine Beine bis in die Schultern. Nicht zum ersten Mal spürte er den Wunsch nach einem Schreibtischjob, um Dinge wie diese hier nicht mehr tun zu müssen.

Aber das Hin- und Herschieben von Akten würde ihn auch nicht glücklich machen. Selbst wenn das besser für seine Knochen wäre.

Er schlug die Decke zur Seite.

Eine Frau um die vierzig. Ihre Augen stachen schreckgeweitet aus ihrem blutigen Gesicht hervor. Ihr Mund stand offen. Sportlich kurzes, blondes Haar. Schlank. Ihre Schminke. Verschmiert. Motorradkleidung. Lebendig war sie sicherlich eine attraktive Frau gewesen.

Einige Sekunden später ließ Carl die Decke wieder sinken. Er richtetet sich auf und unterdrückte ein Stöhnen.

Die zweite Leiche war ein Mann Ende dreißig. Dunkle Haut. Pechschwarzer gepflegter Bart und ebensolches kurzes Haar. Lederjacke und -hose. Die klaffende Wunde in seinem Kopf entstellte ihn. Auch hier jede Menge Blut, Knochen, Hirnmasse.

Carl wandte sich wieder der Kriminaltechnikerin zu. »Wissen Sie schon, wie der Täter entkommen konnte?«

»Wie sollte ich? Fragen Sie die Kollegen, die als erste am Tatort waren. Oder ihre Kollegin. Die hat den Täter doch gestellt.«

Offenbar hatte Carl Paula zu früh nach Hause geschickt. Wegen des albernen Streits hatte er nicht daran gedacht, ihr wenigstens ein paar grundlegende Fragen zu stellen.

Nein, es war gut, dass sie erst einmal zur Ruhe kam. Seine Fragen konnten auch noch etwas warten. Aber nicht so lange, wie es nötig wäre.

»Sind die Opfer bereits identifiziert?«

»Ja. Alle haben Ausweise dabei. Wir haben die Daten bereits an Ihr Team weitergeleitet. An einen Herrn Engel, wenn ich mich nicht irre.«

»Sehr gut.« Carl nickte ihr zu. »Machen Sie sich keine Mühe, ich finde allein den Weg.«

3

Das Quietschen und Rattern der S-Bahn wehte mit dem Nachtwind über das Gelände des Güterbahnhofs Tempelhof.

---ENDE DER LESEPROBE---