Feenzorn - Jim Butcher - E-Book
Beschreibung

Das Leben ist kein Wunschkonzert - schon gar nicht für Harry Dresden, Privatermittler und Magier. Seine Freundin hat ihn verlassen, um ihren neuentdeckten Blutdurst nicht an ihm zu stillen. Andere Vampire haben ihm gegenüber allerdings weniger Hemmungen. Als dann auch noch die Feenkönigin Mab von ihm verlangt, einen Mörder zu finden, bringt das Harry nicht nur in die Schusslinie ihrer größten Konkurrentin - sondern auch endgültig in tödliche Gefahr.

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Seitenzahl:557

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Autor: Jim Butcher

Deutsch von: Jürgen Langowski

Lektorat: Angela Troni

Art Director: Oliver Graute

Umschlagillustration: Chris McGrath

© Jim Butcher 2002

© 2009 der deutschsprachigen Übersetzung bei Droemersche

Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf. GmbH & Co. KG, München

© 2012 der vorliegenden Ausgabe Feder&Schwert GmbH

E-Book-Ausgabe

ISBN 978-3-86762-124-63

Originaltitel: Summer Knight

Feenzorn ist ein Produkt von Feder&Schwert unter Lizenz von Jim Butcher 2011. Alle Copyrights mit Ausnahme dessen an der deutschen Übersetzung liegen bei Jim Butcher.

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen.

Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck außer zu Rezensionszwecken nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlags.

Die in diesem Buch beschriebenen Charaktere und Ereignisse sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit zwischen den Charakteren und lebenden oder toten Personen ist rein zufällig.

Die Erwähnung von oder Bezugnahme auf Firmen oder Produkte auf den folgenden Seiten stellt keine Verletzung des Copyrights dar.

www.feder-und-schwert.com

Für alle großen Schwestern auf der ganzen Welt, die genug Geduld haben, ihre kleinen Brüder nicht gleich zu erwürgen – und besonders für meine eigenen Schwestern, die mehr Geduld als viele andere aufbringen mussten. Ich verdanke euch beiden sehr viel.

Und für Mom – aus Gründen, die so offensichtlich sind, dass ich sie nicht eigens aussprechen muss. Aber ich denke, ich sollte wenigstens die Zuckerstangen und den quietschenden Schaukelstuhl erwähnen, der mich beim Einschlafen begleitete.

Danksagung

Der Autor (das bin ich) möchte sich bei all jenen Menschen bedanken, die auch in den anderen Büchern längst hätten erwähnt werden müssen – Ricia und AJ natürlich und die starke Jen. Dank an euch alle, die ihr mich bei meiner Arbeit die ganze Zeit so nachhaltig unterstützt habt. Hierzu zählen neben anderen auch Will und Erin (die mich mit wichtigen Informationen über Chicago versorgten und die ich bei meinem ersten Besuch leider verpasste), Fred und Chris, Martina, Caroline, Debra, Cam, Jess, Monica und April.

Danken möchte ich auch den mächtigen Bibliothekaren, die viele Menschen dazu anregten, meine Bücher zu lesen, und den Mitarbeitern und Kunden der Buchhandlungen, die dazu beigetragen haben, dass ich wahrgenommen wurde. Ich muss gestehen, dass ich immer noch verblüfft, aber vor allem sehr dankbar bin.

Ich bin so vielen Menschen zu Dank verpflichtet, dass ich mich wahrscheinlich nicht einmal an alle erinnern kann. Falls ich also jemanden übergehe, dann sagt Shannon Bescheid. Sie wird mir einen Baseballschläger auf den Kopf hauen und mich auf mein Versäumnis hinweisen.

PS: Shannon und JJ, auch euch danke ich wie immer. Ich würde euch gern versprechen, in Zukunft nicht mehr ganz so chaotisch zu sein, aber wir wissen ja, wie lange so was hält.

1. Kapitel

An dem Tag, als der Weiße Rat in die Stadt kam, regnete es Kröten.

Ich stieg aus dem blauen Käfer, meinem verbeulten alten Volkswagen, und blinzelte in der Sommersonne. Der Lake Meadow Park liegt etwas südlich von Chicagos Loop und ein gutes Stück vom Ufer des Michigansees entfernt. Trotz der Hitze, die wir schon seit einiger Zeit ertragen mussten, war der Park gewöhnlich voller Besucher. Heute jedoch war er bis auf eine alte Dame mit einem Einkaufswagen, die in ihrem langen Mantel über einen Weg schlurfte, völlig verlassen. Schon jetzt, am Vormittag, waren mir meine leichte Hose und das T-Shirt zu warm.

Nachdem ich mich einen Moment lang blinzelnd umgesehen und zwei Schritte auf die Rasenfläche gemacht hatte, klatschte mir etwas Feuchtes und Matschiges auf den Kopf.

Ich zuckte zusammen und betastete mein Haar. Etwas Kleines fiel herunter und landete vor mir auf dem Boden. Eine Kröte. Nicht sehr groß, wenn man weiß, wie fett Kröten werden können. Diese hier hätte leicht in meine hohle Hand gepasst. Sie torkelte vor meinen Füßen benommen hin und her, krächzte ungnädig und hüpfte davon.

Ringsherum lagen noch mehr Kröten auf dem Boden. Ziemlich viele sogar. Ihr Quaken nahm an Lautstärke zu, als ich mich weiter in den Park bewegte. Immer mehr Amphibien prasselten herab, als hätte der Allmächtige einen Eimer mit Kröten vom Himmel gekippt. Überall hüpften sie herum. Sie bedeckten den Boden nicht völlig, aber man konnte ihnen kaum noch ausweichen. Alle paar Sekunden landete eine neue mit einem dumpfen Platschen. Ihr Krächzen erinnerte ein wenig an aufgeregte Gespräche in einem überfüllten Raum.

„Das ist verrückt, was?“, rief jemand aufgeregt. Ein breitschultriger junger Mann näherte sich mir mit zielstrebigen Schritten. Billy der Werwolf trug eine Trainingshose und ein einfarbiges dunkles T-Shirt. Vor ein oder zwei Jahren hätte diese Aufmachung noch die vierzig oder fünfzig überflüssigen Pfunde verborgen, die er mit sich herumgeschleppt hatte. Jetzt steckten die Muskeln darunter, die er stattdessen bekommen hatte. Er gab mir lächelnd die Hand. „Hab ich’s dir nicht gesagt, Harry?“

„Billy.“ Sein Händedruck zerquetschte mir fast die Finger. Vielleicht war er sich seiner Körperkraft nicht einmal richtig bewusst. „Was macht das Werwolfgeschäft?“

„Es ist ziemlich interessant“, sagte er. „Auf unseren Streifengängen sind uns in der letzten Zeit eine Menge eigenartiger Dinge aufgefallen. Wie etwa dies hier.“ Er deutete auf den Park. Wenige Schritte vor uns stürzte gerade wieder eine Kröte ab. „Deshalb haben wir den Magier gerufen.“

Streifengänge? Bei der heiligen Bürgerwehr, Batman geht um. „Waren auch normale Leute hier?“

„Nein, nur ein paar Meteorologen von der Universität. Sie sagten, in Louisiana hätte es Tornados gegeben oder so. Die Stürme hätten die Kröten hierher befördert.“

Ich schnaubte. „Die Behauptung, es sei Magie im Spiel, wäre vermutlich leichter zu schlucken als so was.“

Billy grinste. „Keine Sorge. Es wird nicht lange dauern, bis jemand auftaucht, der es als Schwindel wegerklärt.“

„Hm.“ Ich kehrte zum Käfer zurück und öffnete die vordere Haube, um im Kofferraum herumzukramen. Endlich fand ich den Nylonrucksack, aus dem ich zwei kleine Stoffbeutel zog. Einen warf ich Billy zu. „Schnapp dir ein paar Kröten und steck sie da hinein.“

Stirnrunzelnd fing er den Beutel auf. „Warum?“

„Damit ich feststellen kann, ob sie echt sind.“

Billy zog die Augenbrauen hoch. „Meinst du denn, sie sind es nicht?“

Ich sah ihn von der Seite an. „Billy, nun mach doch einfach, was ich dir sage. Ich habe nicht geschlafen, ich weiß nicht mehr, wann ich die letzte warme Mahlzeit hatte, und ich habe vor Einbruch der Dämmerung noch eine Menge zu tun.“

„Aber warum sollten sie nicht echt sein? Sie sehen jedenfalls echt aus.“

Ich schnaufte gequält und riss mich zusammen, um nicht schon wieder, wie so oft in der letzten Zeit, zu explodieren. „Sie könnten echt aussehen und sich auch so anfühlen, und dennoch künstlich erzeugt worden sein. Erschaffen aus dem Stoff des Niemalslandes und belebt durch Magie. Ich hoffe jedenfalls, dass es so ist.“

„Warum?“

„Weil das lediglich bedeuten würde, dass ein Feenwesen Langeweile bekommen und ein bisschen herumgespielt hat. Manchmal tun sie das.“

„Na schön. Aber wenn sie echt sind?“

„Wenn sie echt sind, dann ist irgendwo etwas völlig aus dem Ruder gelaufen.“

„Schlimm?“

„Sehr schlimm. Löcher im Gewebe der Realität.“

„Und das wäre schlecht?“

Ich beäugte ihn. „Allerdings, Billy. Das wäre übel. Es würde bedeuten, dass etwas Schwerwiegendes passiert ist.“

„Aber wenn …“

Jetzt riss mir tatsächlich der Geduldsfaden. „Ich habe weder Zeit noch Lust, heute Morgen einen Vortrag zu halten. Hör endlich auf damit.“

Beschwichtigend hob er eine Hand. „Schon gut, Mann. Wie du willst.“ Dann wanderten wir durch den Park und sammelten Kröten ein. „Jedenfalls ist es schön, dich mal wieder zu sehen. Ich und die Bande haben uns gefragt, ob du vielleicht am Wochenende mal vorbeikommen und mit uns abhängen willst.“

Ich hob eine Kröte auf und betrachtete ihn unsicher. „Wozu?“

„Wir könnten Arcanos spielen, Mann“, grinste er. „Allmählich macht die Kampagne wirklich Spaß.“

Rollenspiele. Ich gab irgendetwas Einsilbiges von mir. Die alte Dame wanderte an uns vorbei, die wackligen Räder ihres Einkaufswagens quietschten.

„Das ist echt klasse“, versicherte Billy mir. „Wir stürmen Lord Malocchios Festung, aber wir müssen es verkleidet und im Schutze der Nacht tun, damit der Rat der Wahrheit nicht erfährt, wer die Freischärler waren, die ihn erledigt haben. Es gibt Zaubersprüche, Dämonen und Drachen und alles andere. Hast du Lust?“

„Klingt nach zu viel Arbeit.“

Billy schnaubte verächtlich. „Harry, hör mal, ich weiß ja, dass du wegen dieses Vampirkriegs ziemlich nervös und grantig bist. Trotzdem kannst du nicht dauernd in deinem Keller hocken.“

„Was für ein Vampirkrieg?“

Darauf verdrehte er die Augen. „So was spricht sich rum. Ich weiß, dass der Rote Hof der Vampire den Magiern den Krieg erklärt hat, nachdem du im letzten Herbst Biancas Haus niedergebrannt hast. Ich weiß auch, dass sie seitdem mehrmals versucht haben, dich umzubringen. Außerdem kommt bald der Weiße Rat in die Stadt, um zu beratschlagen, was zu tun ist.“

„Was für ein Weißer Rat?“, knurrte ich.

Er seufzte. „Es ist nicht gut, wenn du zum Einsiedler wirst. Ich meine, sieh dich doch mal an. Wann hast du dich das letzte Mal rasiert oder geduscht? Wann hast du dir die Haare schneiden lassen? Wann bist du das letzte Mal rausgegangen, um deine Wäsche zu waschen?“

Ich kratzte meine Bartstoppeln. „Ich war draußen. Sogar öfter.“

Billy schnappte sich eine weitere Kröte. „Wann denn?“

„Ich war mit dir und den Alphas bei diesem Footballspiel.“

„Ja, das war im Januar, Dresden. Jetzt haben wir Juni.“ Er schüttelte den Kopf und sah mich mit gerunzelter Stirn an. „Die Leute machen sich deinetwegen Sorgen. Klar, du hast an irgendeinem Projekt gearbeitet oder so. Aber dieser ungewaschene Mann mit diesem wilden Blick, das bist du nicht.“

Ich bückte mich und hob eine Kröte auf. „Du weißt ja nicht, was du da redest.“

„Das weiß ich besser, als du denkst“, sagte er. „Es hat mit Susan zu tun, stimmt’s? Im letzten Herbst ist etwas mit ihr passiert. Etwas, das du rückgängig machen willst. Vielleicht haben ihr die Vampire etwas angetan. Deshalb hat sie die Stadt verlassen.“

Ich schloss die Augen und musste mich beherrschen, um nicht die Kröte zu zerquetschen, die ich in der Hand hatte. „Lass das Thema fallen.“

Billy blieb stehen und schob trotzig das Kinn vor. „Nein, Harry. Verdammt, du bist wie vom Erdboden verschwunden, du lässt dich kaum noch in deinem Büro blicken, du gehst nicht ans Telefon und reagierst nicht, wenn es an der Tür klingelt. Wir sind deine Freunde und machen uns Sorgen um dich.“

„Es geht mir gut“, wehrte ich ab.

„Du bist ein erbärmlicher Lügner. Wie es heißt, holen die Roten frische Kräfte in die Stadt. Sie haben sogar eine Belohnung ausgesetzt. Wenn dich eines ihrer Groupies erledigt, wird es sofort als voller Vampir aufgenommen.“

„Bei den Toren der Hölle“, murmelte ich. Allmählich bekam ich Kopfschmerzen.

„Es ist kein guter Augenblick, allein hier draußen herumzulaufen. Nicht einmal tagsüber.“

„Ich brauche keinen Babysitter.“

„Harry, ich kenne dich besser als die meisten anderen. Ich weiß, dass du Dinge tun kannst, die anderen Leuten nicht möglich sind – aber deshalb bist du noch lange kein Superman. Jeder braucht hin und wieder mal Hilfe.“

„Nicht ich. Nicht jetzt.“ Ich stopfte die Kröte in den Sack und hob eine weitere auf. „Dazu habe ich keine Zeit.“

„Oh, da fällt mir was ein.“ Billy zog einen zusammengefalteten Zettel aus der Hosentasche. „Du hast um drei einen Termin mit einer Klientin.“

Verdutzt starrte ich ihn an. „Was?“

„Ich war in deinem Büro und habe deinen Anrufbeantworter abgehört. Eine Miss Sommerset wollte dich erreichen, deshalb habe ich sie zurückgerufen und für dich den Termin vereinbart.“

Mein Ärger regte sich wieder. „Was hast du gemacht?“

Er schien jetzt ebenfalls leicht gereizt. „Ich habe auch deine Post durchgesehen. Der Vermieter deines Büros droht dir mit einer Räumungsklage. Wenn du nicht binnen einer Woche zahlst, wirft er dich hinaus.“

„Was, zum Teufel, gibt dir das Recht, in meinem Büro herumzuschnüffeln und meine Klienten anzurufen?“

Mit funkelnden Augen baute er sich vor mir auf. Ich musste seine Nase anstarren, um ihm nicht versehentlich in die Augen zu blicken. „Komm von deinem hohen Ross herunter. Ich bin dein Freund, verdammt. Du hast dich schon viel zu lange in deinem Apartment verkrochen. Du solltest dankbar sein, dass ich dir helfe, deine Firma zu retten.“

„Du hast verdammt recht damit, dass es meine Firma ist“, fauchte ich. Am Rande meines Gesichtsfeldes fuhr die Frau mit dem Einkaufswagen vorbei, bis die Räder hinter mir quietschten. „Es ist meins und nicht deins.“

„Na schön“, gab er empört zurück. „Dann verkriech dich doch in deiner Höhle, bis sie dich auch dort hinausjagen.“ Er spreizte die Finger. „Guter Gott, Mann. Ich muss kein Magier sein, um zu erkennen, wenn es mit jemandem bergab geht. Du bist am Boden zerstört, du brauchst Hilfe.“

Ich tippte mir mit einem Finger auf die Brust. „Nein, Billy. Ich brauche nicht mehr Hilfe, sondern weniger blutjunge Babysitter, die glauben, sie seien der Lone Ranger mit Reißzähnen und Schwanz, nur weil sie einen einzigen Trick gelernt haben. Ich will nicht zusehen müssen, wie die Vampire auf die Menschen in meiner Umgebung losgehen, nur weil sie mich nicht erwischen können. Ich habe keine Lust, mir ständig Sorgen zu machen, wen es als Nächsten trifft, sobald ich einen Moment nicht aufpasse.“ Ich bückte mich, hob eine Kröte auf und entriss Billy seinen Stoffbeutel, als ich wieder hochkam. „Ich kann euch nicht gebrauchen.“

Natürlich geschah der Anschlag genau in diesem Augenblick.

Im Vergleich zu anderen Mordversuchen war er nicht sonderlich raffiniert geplant. Ein Motor heulte auf, ein schwarzer, offener Geländewagen fuhr etwa fünfzig Meter entfernt über den Bordstein in den Park hinein. Er federte und schleuderte, die Reifen rissen Furchen in das von der Sonne verbrannte Gras. Hinten hielten sich zwei Männer am Überrollbügel fest. Sie waren ganz in Schwarz gekleidet und trugen über den Skimasken sogar dunkle Sonnenbrillen. Bewaffnet waren sie mit Automatikgewehren, die ich für kleine Uzis hielt.

„Verschwinde!“ Ich packte Billy mit der rechten Hand und schob ihn hinter mich. Mit der Linken schüttelte ich das Armband herunter, an dem eine Reihe winziger Schilde mit mittelalterlichen Motiven hingen. Dann hob ich die linke Hand, zielte auf den Geländewagen und sammelte meine Willenskraft, um mithilfe des Armbands zwischen mir und dem sich nähernden Truck eine flimmernde Halbkugel aufzubauen.

Das Auto hielt schlingernd an. Die beiden Schützen zögerten keine Sekunde, sondern zielten mit der Disziplin von Actionfilmkomparsen mehr oder weniger auf mich und leerten mit einem dröhnenden Feuerstoß ihre Magazine.

Die Kugeln schlugen vor mir im Schild Funken und flogen heulend und zischend als Querschläger davon. Mein Armband wurde nach ein oder zwei Sekunden ungemütlich heiß, denn der Angriff beanspruchte den Schutzschild bis an die Grenze. Ich versuchte, ihn leicht schräg zu halten, um die Kugeln nach Möglichkeit in die Luft abzulenken. Keine Ahnung, wohin sie dann flogen – ich konnte nur hoffen, dass sie nicht in der Nähe einige Autos oder Passanten durchbohrten.

Die Automatikwaffen waren leer. Mit ruckartigen, wenig professionellen Bewegungen luden die Schützen nach.

„Harry!“, rief Billy.

„Nicht jetzt!“

„Aber …“

Ich ließ den Schild fallen und hob die rechte Hand – diejenige, die Energie ausstößt. Der silberne Ring, den ich am Zeigefinger trage, war mit einem Spruch so eingerichtet, dass er bei jeder Bewegung meines Arms ein wenig kinetische Energie speicherte. Ich hatte den Ring seit Monaten nicht benutzt, und entsprechend stark war er geladen. Natürlich konnte ich nicht die volle Energie auf die Schützen loslassen, denn das hätte mindestens einen von ihnen getötet, und dies wäre im Grunde genauso gewesen, als hätte ich mich gleich erschießen lassen. Es würde auf diese Weise nur etwas länger dauern. Der Weiße Rat reagierte sehr ungehalten, wenn jemand das erste Gesetz der Magie verletzte: Du sollst nicht töten. Einmal war ich aus verfahrenstechnischen Gründen davongekommen, aber das würde sich gewiss nicht wiederholen.

Ich knirschte mit den Zähnen, konzentrierte mich auf einen Punkt seitlich neben den Schützen und setzte die Energie aus dem Ring frei. Unbändige Kräfte, unsichtbar, aber sehr greifbar, rasten durch die Luft und trafen den ersten Schützen seitlich am Oberkörper. Die Automatik prallte gegen seine Brust, der Aufschlag riss ihm die Sonnenbrille vom Kopf und zerfetzte einen Teil seiner Kleidung, während er rückwärts aus dem Truck stürzte und irgendwo auf der anderen Seite landete.

Der zweite Schütze bekam weniger ab, ihn traf es vor allem an der Schulter und am Kopf. Er hielt die Waffe fest, verlor aber seine Sonnenbrille, die seine Skimaske mitriss. Er sah aus wie ein normaler Junge, der kaum alt genug zum Wählen war. Er blinzelte, als es auf einmal hell um ihn wurde, und fummelte dann weiter herum, um nachzuladen.

„Kinder“, knurrte ich und baute wieder den Schild auf. „Jetzt hetzen sie schon Kinder auf mich. Bei den Toren der Hölle.“

Auf einmal standen mir sämtliche Nackenhaare zu Berge. Als der Bursche mit der Automatik wieder zu feuern begann, sah ich mich rasch um.

Die alte Dame mit dem Einkaufswagen hatte ungefähr fünf Meter hinter mir angehalten. Erst jetzt fiel mir auf, dass sie keineswegs so alt war, wie es den Anschein hatte. Unter dem Make-up bemerkte ich den flackernden Blick kühler, dunkler Augen. Ihre Hände waren jung und glatt. Aus den Tiefen des Einkaufswagens zog sie eine abgesägte Schrotflinte und zielte damit auf mich.

Von vorn prasselten die Kugeln der Automatik gegen meinen Schild, und ich hatte schon Mühe, ihn überhaupt aufrechtzuerhalten. Wenn ich jetzt noch Magie gegen die dritte Angreiferin einsetzte, würde ich die Konzentration und damit auch den Schild verlieren – und ob er nun unerfahren war oder nicht, der Schütze auf dem Truck beharkte die Umgebung ziemlich gründlich und würde früher oder später treffen.

Wenn die verkleidete Meuchelmörderin andererseits eine Gelegenheit bekam, die Schrotflinte aus fünf Schritten Entfernung abzufeuern, dann würde sich niemand mehr die Mühe machen, mich ins Krankenhaus zu schaffen, denn dann käme ich sofort ins Leichenschauhaus.

Die Kugeln hämmerten gegen meinen Schild, und ich konnte nichts weiter tun als zusehen, wie die Frau auf mich anlegte. Ich steckte in der Klemme, und Billy wahrscheinlich auch.

Dann setzte mein Freund sich in Bewegung. Er hatte das T-Shirt bereits ausgezogen und zeigte seine Muskeln – die flachen, harten Muskeln eines Sportlers, nicht die sorgfältig modellierten eines Fitnessstudiobesuchers. Er näherte sich der Frau mit der Schrotflinte und zog unterwegs auch seine Trainingshose aus. Darunter war er nackt.

Gleichzeitig erwachte die Magie, die Billy einsetzte – scharf, präzise, konzentriert. Keine Spur von einem Ritual, kein langsames Aufbauen der Kräfte, um sie schließlich zu entlassen. Seine Konturen verschwammen, und anstelle des nackten Billy sprang auf einmal Billy der Werwolf die Angreiferin an – ein Biest mit dunklem Fell in der Größe einer Dänischen Dogge schnappte nach der Hand, die den Lauf der Schrotflinte hielt.

Die Frau schrie auf und riss die Hand zurück, auf den Fingern zeichneten sich Blutstropfen ab. Sie schwang die Waffe wie eine Keule, um nach Billy zu schlagen. Er wich aus und bekam einen Hieb auf die Schultern, was ihm ein böses Knurren entlockte. Schneller, als ich es mit bloßem Auge verfolgen konnte, ging er erneut auf die Frau los, und die Schrotflinte fiel zu Boden.

Wieder kreischte die Frau und zog auch die andere Hand zurück.

Sie war kein Mensch.

Ihre Hände dehnten sich ebenso wie die Schultern und das Kinn. Die Fingernägel verwandelten sich in hässliche scharfe Krallen, mit denen sie nach Billy hackte. Sie traf ihn am Kinn und entlockte ihm ein schmerzvolles Kläffen, auf das ein weiteres Knurren folgte. Er rollte sich ab und war sofort wieder auf den Pfoten, umkreiste die falsche Frau und zwang sie, mir den Rücken zuzuwenden.

Der Schütze im Truck hatte abermals sein Magazin geleert. Ich ließ den Schild fallen und hechtete los, um die Schrotflinte an mich zu nehmen. Als ich sie hatte, rief ich: „Billy, auf jetzt!“

Der Wolf schoss seitlich davon, und die Frau drehte sich sofort zu mir um. Ihr Gesicht war vor Wut verzerrt, zwischen den Reißzähnen lief Speichel aus dem Mund.

Ich zielte auf ihren Bauch und drückte ab.

Die Schrotflinte knallte und prallte heftig gegen meine Schulter. Kaliber 10 vielleicht oder Hohlspitzmunition. Die Frau krümmte sich, stieß ein Kreischen aus und fiel auf den Rücken. Allerdings blieb sie nicht lange liegen, gleich darauf war sie wieder auf den Beinen. Ihre zerlumpten Kleider waren völlig blutig, und ihr Gesicht war nicht im Entferntesten menschlich. Sie rannte an mir vorbei zum Truck und sprang hinten auf. Der Schütze zog seinen Partner wieder herein, und der Fahrer gab Gas. Grasbrocken flogen auf, ehe die Reifen griffen, dann raste der Wagen zurück auf die Straße und fädelte sich in den fließenden Verkehr ein.

Ich starrte ihm einen Augenblick keuchend hinterher. Endlich ließ ich auch die Flinte sinken, und dabei wurde mir klar, dass ich es irgendwie geschafft hatte, die Kröte festzuhalten, die ich mit der linken Hand aufgehoben hatte. Sie wand und wehrte sich, was mir zu verstehen gab, dass ich sie fast zerquetscht hätte. Also lockerte ich meinen Griff, ohne sie ganz loszulassen.

Dann sah ich mich nach Billy um. Der Wolf eilte zu seiner abgelegten Trainingshose zurück, flimmerte einen Augenblick und verwandelte sich wieder in einen nackten jungen Mann. Er hatte zwei lange Kratzer auf der Wange, Blut rann in dünnen Fäden am Hals hinab. Seine Anspannung war der einzige Hinweis darauf, dass er Schmerzen hatte.

„Alles klar?“, fragte ich ihn.

Er nickte und zog eilig die Hosen und das T-Shirt an. „Ja. Was, zum Teufel, war das?“

„Ein Ghul“, erklärte ich. „Wahrscheinlich vom LaChaise-Clan. Sie arbeiten mit dem Roten Hof zusammen und können mich nicht sonderlich gut leiden.“

„Warum nicht?“

„Ich habe ihnen einige Male Schwierigkeiten bereitet.“

Billy zog eine Ecke seines T-Shirts hoch und tupfte die Risse im Gesicht ab. „Mit den Krallen hatte ich nicht gerechnet.“

„Sie verstehen sich zu tarnen.“

„Ein Ghul, ja? Ist das ein Untoter?“

Ich schüttelte den Kopf. „Sie sind wie Küchenschaben, sie überleben fast alles. Kannst du gehen?“

„Ja.“

„Gut, dann lass uns hier verschwinden.“ Wir kehrten zum Käfer zurück. Unterwegs hob ich die Beutel mit den Kröten auf und schüttelte die Tiere wieder heraus. Die Kröte, die ich beinahe zerquetscht hätte, setzte ich zu den anderen, dann wischte ich meine Hand im Gras ab.

Billy beobachtete mich neugierig. „Warum lässt du die Kröten wieder frei?“

„Weil sie echt sind.“

„Woher weißt du das?“

„Die letzte hat mir in die Hand gekackt.“

Ich ließ Billy zuerst einsteigen, ging um den Wagen herum und zog unter dem Beifahrersitz den Erste-Hilfe-Kasten hervor. Billy presste sich Mull aufs Gesicht und betrachtete die Kröten im Park. „Das heißt dann wohl, dass etwas Schlimmes im Gange ist?“

„Und ob“, bestätigte ich. „Wirklich übel.“ Ich schwieg einen Moment, dann fuhr ich fort: „Du hast mir das Leben gerettet.“

Darauf zuckte er nur mit den Achseln, ohne mich anzusehen.

„Du hast also für drei Uhr einen Termin gemacht?“, fuhr ich fort. „Wie war noch gleich der Name? Sommerset?“

Jetzt sah er mich an und verkniff sich ein Lächeln, auch wenn er das Funkeln nicht aus den Augen verbannen konnte. „Ja.“

Ich kratzte mich am Bart und nickte. „Ich war in der letzten Zeit etwas abgelenkt. Vielleicht sollte ich vorher noch aufräumen.“

„Das ist sicher eine gute Idee“, stimmte er zu.

Ich seufzte. „Manchmal kann ich ziemlich eklig sein.“

Billy lachte. „Manchmal schon. Du bist eben ein Mensch wie jeder andere.“

Der Motor des Käfers hustete und spuckte, ließ sich dann aber zum Leben erwecken.

Genau in diesem Augenblick prallte etwas mit einem lauten Knall auf die Motorhaube. Dann noch einmal. Ein weiterer schwerer Schlag aufs Dach folgte.

Mir wurde schwindlig, und die Übelkeit überkam mich so heftig und unvermittelt, dass ich mich am Lenkrad festhalten musste, um nicht zusammenzubrechen. Wie aus weiter Ferne hörte ich Billy fragen, was mir fehlte. Anscheinend eine ganze Menge. Draußen in der Luft regte und rührte sich eine mächtige Kraft – hektische Bewegungen der magischen Energie, die gewöhnlich sanft und still dahinströmte. Jetzt aber war die Atmosphäre in Aufruhr, chaotisch und gefährlich.

Mühsam verdrängte ich die Eindrücke und öffnete die Augen. Erneut regnete es Kröten. Es war nicht nur hin und wieder ein platschender Aufprall, sondern ein so dichter, schwerer Krötenregen, dass der Himmel sich verdunkelte. Das war kein zum Spielen aufgelegter Gott mit einem Eimer. Die Kröten prasselten wie Hagelkörner herunter und zerplatzten auf dem Gehweg und dem Kofferraumdeckel. Eine prallte sogar fest genug auf, um ein Spinnennetz von Rissen auf die Windschutzscheibe zu malen. Ich stieß den ersten Gang hinein und jagte den Wagen die Straße hinunter. Nach ein paar hundert Metern hatten wir den außerweltlichen Regen hinter uns gelassen.

Wir atmeten beide zu schnell. Billys Frage war erschöpfend beantwortet. Der Krötenregen bedeutete, dass etwas Ernstes und Magisches im Gange war. Am Abend wollte der Weiße Rat in die Stadt kommen und über den Krieg diskutieren. Ich hatte einen Termin mit einer Klientin, und die Vampire machten anscheinend Ernst und griffen mich viel offener an, als sie es jemals zuvor gewagt hatten.

Ich schaltete die Scheibenwischer ein. Das Amphibienblut hinterließ rote Streifen auf dem gesprungenen Glas.

„Guter Gott“, keuchte Billy.

„Das kannst du laut sagen“, stimmte ich zu. „Wenn es regnet, dann schüttet es.“

2. Kapitel

Ich setzte Billy an seiner Wohnung in der Nähe der Universität ab. Der Ghul würde kaum Anzeige erstatten, trotzdem wischte ich die Schrotflinte sauber. Billy wickelte sie in ein Handtuch, das ich vom Rücksitz des Käfers holte, und nahm sie mit, nachdem er mir versprochen hatte, die Waffe wegzuwerfen. Seine Freundin Georgia, ein drahtiges Mädchen, das einen Kopf größer war als er, wartete, mit dunklen Shorts und einem roten Bikinioberteil bekleidet, auf dem Balkon ihrer Wohnung. Dabei stellte sie ansehnlich viel beeindruckend gebräunte Haut zur Schau. Ein Jahr zuvor hätte ich nie erwartet, dass sie so bald schon so selbstbewusst und attraktiv sein würde. Meine Güte, die Kinder waren schnell erwachsen geworden.

Kaum dass Billy ausgestiegen war, blickte Georgia abrupt und mit bebenden Nasenflügeln von ihrem Buch auf, ging hinein und empfing ihn mit einem Erste-Hilfe-Kasten an der Tür. Sie warf einen Blick zum Wagen, machte ein besorgtes Gesicht und nickte mir zu. Ich winkte und gab mir Mühe, möglichst freundlich dreinzuschauen. Georgias Reaktion bewies mir, dass es mir nicht besonders gut gelang. Die beiden gingen hinein, und ich fuhr los, ehe jemand herauskommen und mit mir plaudern konnte.

Kurz danach fuhr ich jedoch wieder rechts ran, schaltete den Motor ab und betrachtete mich im Rückspiegel des Käfers.

Es traf mich wie ein Schock. Ich weiß, das klingt jetzt dumm, aber zu Hause habe ich keine Spiegel. Viel zu viele Wesen können Spiegel als Fenster oder sogar Türen benutzen, und dieses Risiko wollte ich gar nicht erst eingehen. So hatte ich seit Wochen nicht mehr in den Spiegel geschaut.

Ich sah aus wie ein Zugunglück.

Noch mehr als sonst, meine ich.

Normalerweise habe ich ein längliches, schmales und markantes Gesicht und fast schwarzes Haar, das zu den dunklen Augen passt. Unter den Augen hatten sich graue und dunkelblaue Ringe gebildet. Tiefe Ringe. Die Falten, soweit sie nicht durch einen mehrere Monate alten ungepflegten Bart verdeckt waren, zeichneten sich so scharf ab wie die Kanten einer Visitenkarte.

Meine Haare waren inzwischen lang und zottelig – nicht etwa sexy wie bei einem jungen Rockstar, sondern eher wie bei einem Köter, der dringend mal wieder zum Hundefrisör muss. Der Wildwuchs war nicht einmal symmetrisch, denn auf einer Seite war ein größeres Stück abgebrannt, als mir jemand in einer Pizzaschachtel einen kleinen Brandsatz untergeschoben hatte. Das war zu einer Zeit gewesen, als ich mir den Pizzaservice noch hatte leisten können. Meine Haut war bleich, irgendwie teigig. Ich sah aus wie der aufgewärmte Tod, nachdem jemand ihn gezwungen hatte, am Boston-Marathon teilzunehmen. Müde. Ausgebrannt. Ausgelaugt.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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