Beschreibung

Schon immer feiern Menschen das Leben – und Gott. Mit aller Leidenschaft. So entstand nach und nach der große Kreis der Feste im Jahresablauf – in dem alle Dimensionen des Daseins bewusst festlich begangen werden: von der Geburt an Weihnachten über den Neuanfang an Ostern bis zur Hoffnung, die über den Tod hinausreicht, am Ewigkeitssonntag. Die christlichen Feiertage sind daher ein einzigartiger Leitfaden der Lebenskunst. Wer ihre Bedeutung kennt, dem erschließt sich etwas von der Lust am Sein. Und das lohnt sich. Auf höchst unterhaltsame wie kenntnisreiche Weise zeigt Fabian Vogt, wie die zeitlose Kraft der christlichen Feste es ermöglicht, das Leben auch heute mit allen Sinnen zu feiern. Ein ungemein anregendes Lesevergnügen!

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Seitenzahl: 143

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Fabian Vogt

FEIER

dieTAGE

Das kleine Handbuch der christlichen Feste

Mit Illustrationen von Julia Kluge

Fabian Vogt, Dr. theol., Jahrgang 1967, ist Theologe, Schriftsteller und Kabarettist. Er entwickelt seit vielen Jahren für die evangelische Kirche künstlerische Projekte und Inszenierungen, die Menschen einladen, das Leben festlich zu gestalten. Da kommen ihm die Feiertage mit ihrem reichen Schatz an Erfahrungen gerade recht …

Bibliographische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliographische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

© 2018 by Evangelische Verlagsanstalt GmbH · Leipzig

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Cover: Anja Haß, Leipzig

Coverillustrationen: Julia Kluge, Leipzig

Satz: makena plangrafik, Leipzig

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2018

ISBN 978-3-374-05311-7

www.eva-leipzig.de

»Es muss feste Bräuche geben.«

»Was heißt fester ›Brauch‹?«,

sagte der kleine Prinz.

»Auch etwas in Vergessenheit Geratenes«,

sagte der Fuchs.

»Es ist das, was einen Tag

vom anderen unterscheidet,

eine Stunde von den anderen Stunden.«

ANTOINE DE SAINT-EXUPÉRY

Ein Leben ohne Feste

ist wie eine Wanderung

ohne Einkehr.

DEMOKRIT

Vorwort

Wer das Leben feiern kann, für den ist jeder Tag ein Fest – eine beglückende Gelegenheit, die Schönheit des Daseins neu zu entdecken und ausgelassen zu zelebrieren.

Und irgendwie hat diese besondere Fähigkeit auch etwas mit Lebenskunst zu tun. Denn wenn es einem Menschen gelingt, in jedem Tag etwas Besonderes und Kostbares zu finden, dann darf man diese Person getrost als Lebenskünstler bezeichnen.

Nun ist das Großartige: Frauen und Männer feiern das Leben schon seit Jahrhunderten und Jahrtausenden. Voller Leidenschaft. Hingebungsvoll. Und mit allen Sinnen.

Und aus genau dieser ungestümen Lust am Feiern hat sich im Lauf der Zeit der große Jahreskreis der Feste und Feiertage entwickelt – ein glanzvoller Zyklus, der es in sich hat, weil in ihm tatsächlich alle Dimensionen des irdischen Daseins feierlich begangen werden.

Man kann sogar – etwas salopp – sagen: Pro Jahr wird in den christlichen Festen einmal das gesamte Leben »durchgefeiert«: Von der Liebe und der Geburt an Weihnachten über die Kraft des Neuanfangs an Ostern und die Bedeutung der Gemeinschaft an Pfingsten bis zur Hoffnung auf die Ewigkeit am Ende des Kirchenjahres. Was für eine Bandbreite!

So entpuppen sich die religiösen Feiertage als ein anregendes Bilderbuch der menschlichen Existenz – eines, in dem es sich lohnt, fröhlich auf Entdeckungsreise zu gehen, weil es uns die wertvollen Facetten des Daseins liebevoll und überraschend eindrücklich vor Augen führt.

Mehr noch: Wenn die Feiertage wirklich ein zum Fest gewordener Ausdruck der Lebensfreude und der Auseinandersetzung mit existentiellen Themen sind, dann erweisen sie sich ja möglicherweise selbst als ein Leitfaden der Lebenskunst, weil sie uns vor Augen führen, was es denn so alles in der Welt zu bejubeln gibt und wie man das angemessen umsetzen kann.

Dieses »Kleine Handbuch der christlichen Feste« wagt frech zu behaupten: Genauso ist es! Die Feiertage helfen uns, das Feiern ganz neu zu lernen.

Deshalb möchten Ihnen die folgenden Kapitel anhand einer unterhaltsamen Betrachtung der großen kirchlichen Festivitäten Lust machen, der beglückenden Dimension des Feierns nachzuspüren und ihr im Leben viel Raum zu geben. Denn das lohnt sich!

Da es bei echten Festtagen immer darum geht, das Dasein an sich zu bedenken, sind sie zu allen Zeiten viel mehr als Partys oder Events gewesen. In ihnen scheint etwas von dem auf, was unser Menschsein ausmacht.

Das heißt aber auch: Wenn wir diese wichtigen Perspektiven für uns angemessen gestalten wollen, dann sollten wir uns bewusst machen, was wir an den Feiertagen überhaupt feiern und welche Werte sich dahinter verbergen.

Denn seien wir mal ehrlich: Die meisten Leute können heute ja gar nicht mehr so ganz präzise erklären, wen oder was Epiphanias eigentlich bezeichnet und ob Trinitatis nicht möglicherweise die Bezeichnung einer intergalaktischen Raumstation ist … oder der Vorname von deren attraktiver Kommandantin: »Trinitatis, hören Sie mich? Ich habe mich im Holo-Deck verirrt.«

Und wenn die Befragungen mancher Radiosender echt sind, dann kann ein erschreckend großer Teil der deutschen Bevölkerung nicht einmal mehr erklären, was genau der Anlass für Ostern oder Pfingsten ist. Oder die stotternden Leute drucksen herum und erklären dann, an Weihnachten wäre doch – soweit sie wüssten – Jesus von einer Lotusblüte aus gen Mekka entschwunden. Oder so ähnlich. Unklar bleibt dabei in der Regel, ob sein mit Geschenken beladener Rentierschlitten von einem Ochsen oder einem Esel gezogen wurde.

Diese zunehmende Entfremdung von den Traditionen hat nicht nur damit zu tun, dass die religiösen Bindungen im Westen schwächer geworden sind, sondern vor allem damit, dass wir modernen Europäer – anders als unsere Vorfahren – kaum noch in die natürlichen Zyklen der Natur eingebunden sind.

Was sehr bedauerlich, aber eben auch nachvollziehbar ist: Wir haben Uhren und brauchen uns nicht mehr nach dem Stand der Sonne zu richten, wenn wir uns auf einen Cappuccino mit Freunden verabreden wollen. Wir müssen im Herbst keine genau abgezählten Vorräte für den Winter anlegen, wir haben elektrisches Licht und Heizungen, so dass wir sommers wie winters ständig das Gleiche unter recht ähnlichen Bedingungen tun können – und wir verreisen mit Schneeketten, mit Kreuzfahrtschiffen oder mit dem Flugzeug, wann und wohin es uns gefällt … am liebsten über die Feiertage, die wir dann eben regelmäßig verpassen.

Tja, und wenn es im Supermarkt frische Äpfel auch noch im April und Spekulatius seit einigen Jahren regelmäßig schon Ende August gibt, dann sehen wir – abgesehen von der Dicke unserer Jacken – in der Regel überhaupt keinen Grund mehr, uns näher mit den Jahreszeiten und den dazugehörigen Festen zu beschäftigen oder uns gar mit ihnen verbunden zu fühlen.

Das alles mag sehr modern und zeitgemäß klingen – hat aber einige gewaltige Nachteile. Und es ist auch nicht wirklich empfehlenswert. Denn natürlich gilt weiterhin, dass unser Biorhythmus den Wechsel der Jahreszeiten widerspiegelt und dass wir uns im Frühling anders fühlen als im Herbst. Ob wir wollen oder nicht.

Dazu kommt: Wer an den großen Fragen und Antworten des Lebens dran bleiben möchte, der sollte das, was in den christlichen Fest-Tagen im Mittelpunkt steht, auf keinen Fall aus den Augen verlieren. Weil zum Beispiel ein Leben ohne Dankbarkeit (Erntedank), ohne Gnade (Karfreitag) oder ohne ein Bewusstsein für Reue (Buß- und Bettag) und die Endlichkeit des irdischen Daseins (Ewigkeitssonntag) meist ein ziemlich trauriges Leben ist.

Natürlich kann man sich mit diesen Themen auch ohne Feiertage beschäftigen, aber dass sie im Jahreskreislauf auf ganz natürliche Weise zur Sprache kommen, ist ein einzigartiges Geschenk, das wir niemals unterschätzen sollten.

Man könnte auch ein wenig bildhaft sagen: Das Lied des Lebens hat einen Rhythmus, und die Feiertage sind das Metronom, das uns hilft, im Takt zu bleiben: ein Trainingsparcours für Lebenshungrige.

Außerdem wird vermutlich ein Mensch, der die Bedeutung von Weihnachten verstanden hat, dieses Fest völlig anders feiern, als jemand, der einfach nur einen saftigen Festbraten, Glühwein, Familien-Invasionen oder Lametta mag.

Wie existentiell Feiertage für unser Leben sind, merkt man schon daran, dass die Aufforderung, den Feiertag zu heiligen, quasi die älteste Verhaltensregel der Weltgeschichte ist. Zumindest, wenn man der biblischen Schöpfungsgeschichte trauen mag. Da heißt es nämlich schon ganz am Anfang: Kaum hatte Gott die Tiere und die Menschen ins Leben gerufen, war sein nächster Schöpfungsakt – genau: die Kreation des Feiertags.

Ja, Gott schafft zu Beginn bewusst einen Tag, an dem das Leben gefeiert werden soll, einen Tag, den er dann auch sofort mit einem speziellen Segen versieht. Was nichts anderes heißt als: Feiertage sind von Anfang an gesegnet. Und mindestens einen davon sollte man sich pro Woche gönnen. Wenn nicht mehr.

Die frühen Kritiker des Christentums regten sich über diesen skurrilen Einfall der kreativen biblischen Autoren übrigens sofort auf: »Was soll denn das für ein Gott sein, der nach sechs Tagen Schöpfungsarbeit so schwach und ausgelaugt ist, dass er einen Tag Pause braucht?« Nette Frage.

Aber Gott schafft den gesegneten Tag ja nicht, um selbst zu entspannen, sondern um auf vorbildliche Weise klar zu stellen: Wer möchte, dass sein Leben im Gleichgewicht ist, der braucht Tage zum Feiern. Und zwar regelmäßig. Beim Schöpfer geht es also seit Urzeiten um die Frage, wie man das mit der Work-Life-Balance nachhaltig hinbekommt.

Nebenbei: Passenderweise bedeutet unser deutsches Wort »feiern« ursprünglich vor allem »die Arbeit ruhen lassen, Pause machen«. Und der dahinterstehende Wortstamm ist wiederum eng mit dem lateinischen Wort »fanum« verbunden, was übersetzt »geweihter Ort« heißt.

Sprich: Schon immer waren Feiertage die besonderen Wochentage, an denen man sein Werkzeug getrost zur Seite legte und sich (im Bewusstsein der über den Menschen hinausweisenden, göttlichen Dimensionen des Daseins) Zeit nahm, gemeinsam das Leben zu feiern. Und zwar ein Leben, das mehr ist als nur Arbeiten und Alltag. Viel mehr.

Ich finde: Das klingt nicht nur gut, das ist auch im 21. Jahrhundert noch gültig. Feiertage dienen dazu, dass wir uns in festlicher Gestalt die wesentlichen Fragen unserer Existenz vergegenwärtigen.

Dieses Buch, »FEIER die TAGE«, spürt den einzelnen Festen des Kirchenjahres nach und zeigt, warum sie uns auch heute helfen können, das Leben stimmig zu gestalten. Vorher aber wird in zwei Kapiteln kurz vorgestellt, wie es überhaupt zu unserem Festzyklus kam (»Einleitung«) und was es konkret bedeutet, einen Tag zu feiern (»Die Kunst des Feierns«).

Ich gebe zu: Die Auswahl der anschließend vorgestellten und erläuterten Feiertage wirkt womöglich ein wenig protestantisch. Was vor allem daran liegt, dass ich Protestant bin und dass das katholische Festjahr mit seinen unzähligen Heiligengedenktagen den Rahmen dieses Büchleins einfach gesprengt hätte.

Um das mal zu veranschaulichen: Allein zwischen 1200 und 1558 wurden in Deutschland rund 200 neue katholische Feiertage und Heiligenfeste eingeführt. Unfassbar.

Kein Wunder, dass der Reformator Martin Luther diesen inflationären Zuwachs an Festivitäten erst einmal massiv bekämpfte. Wobei er gar nichts gegen das Feiern hatte. Im Gegenteil. Ihm ging es um etwas ganz anderes: Er wollte, dass die protestantischen Christen das ganze Leben als ein Fest verstehen, als einen einzigen Gottesdienst, in dem sie sich der Gegenwart Gottes ständig bewusst sind. Sogar dann, wenn es scheinbar gerade mal gar nichts zu feiern gibt.

Eine Vorstellung, die ja dem Ansatz dieses Buches sehr entgegenkommt. Zudem fand der Wittenberger Revolutionär, dass sich viele tradierte Festtage zu sehr um äußerliche Formen und Rituale und zu wenig um ihre ursprünglichen Inhalte drehten. Mahnend schrieb er daher: »So lasset nun niemanden euch ein Gewissen machen über Speis und Trank und bestimmte Feiertage.«

Wohlgemut reinigte Luther den Festkalender radikal – erkannte aber wenig später, dass es gar nicht leicht ist, jeden Tag so mir nichts, dir nichts in einen Festtag zu verwandeln, und dass die offiziellen Feiertage ja sein Streben nach Alltagsspiritualität sogar unterstützten. Also bemerkte er: »Aber um der Kinder und des einfältigen Volks willen ist’s fein und gibt eine feine Ordnung, dass sie eine gewisse Zeit, Stätte und Stunde haben, danach sie sich richten.«

Deshalb werden in diesem Buch vor allem die Feiertage behandelt, die inzwischen von beiden großen christlichen Kirchen begangen werden – inklusive einiger ausgewählter Hochfeste, die nur für eine der beiden Konfessionen von Bedeutung sind. Zum Glück weichen diese Grenzen aber im Zuge der sich entwickelnden Ökumene immer weiter auf.

Und nun los! Lassen Sie uns eintauchen in die faszinierende Welt der Feiertage. Sie werden merken, dass die Lust am Feiern in Ihnen ganz neu erwacht.

Herzlich

Fabian Vogt

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Einleitung

Die Kunst des Feierns

Von der Entdeckung der LiebeRund um Weihnachten

Von der Schönheit des NeuanfangsRund um Ostern

Von der Kraft des MiteinandersRund um die Gemeinschaft

Vom Glanz der EwigkeitRund um die Hoffnung

Nachwort

Index

Einleitung

Das Kirchenjahr mit seiner

Vergegenwärtigung des Lebens Christi

ist das größte Kunstwerk der Menschen;

und Gott gewährt es Jahr für Jahr.

JOCHEN KLEPPER

Früher – also: ganz früher, als es noch keine Uhren und Kalender gab –, da konnten sich die Menschen im Alltag nur an zwei ganz natürlichen Gegebenheiten orientieren: der Sonne und dem Mond. Die Sonne ging jeden Morgen neu auf und hatte offensichtlich auch was mit den Jahreszeiten zu tun, und der Mond fing etwa alle 28 Tage aufs Neue an, sich zu entfalten.

Wollte sich damals jemand verabreden, dann klang das etwa so: »Ich schlage vor, wir treffen uns am vierten Tag nach Vollmond zur dritten Stunde.« Was dann in der Regel auch geklappt hat, wenn nicht gerade endlose Karren-Staus oder steinzeitliche Wegelagerer dazwischen kamen.

Die dritte Stunde war übrigens »drei Stunden nach Aufgang der Sonne« – ganz egal, ob die Dämmerung schon um fünf Uhr siebzehn oder erst um neun Uhr fünfunddreißig einsetzte, und sie wurde grob nach dem Stand der Sonne bestimmt.

Wenn es also in der Bibel heißt, dass Jesus in der neunten Stunde »verschied«, dann war das im Frühling etwa gegen drei Uhr nachmittags. Und wenn jemand damals von vergangenen Tagen erzählen wollte, dann sagte er schlicht: »Das war vor fünf Wintern.« Oder: »Das war in dem Winter, in dem unsere Kuh am Boden festgefroren ist.« Oder: »Das war in dem Sommer mit den vielen aufdringlichen Schmetterlingen.«

In diesen Zeiten nahmen die Menschen die sich wiederholenden Zyklen der Natur ganz intensiv wahr, schon deshalb, weil sie von ihnen abhängig waren: Hell und Dunkel, Warm und Kalt, Sommer und Winter, Saat und Ernte, Fruchtbarkeit und Unfruchtbarkeit – mit all dem mussten die Menschen zurechtkommen und auf all das mussten sie sich einstellen. Wer sich geweigert hätte, im Einklang mit der Natur zu leben, hätte bald massive Probleme bekommen.

Kein Wunder, dass schon die ersten Kulturen anfingen, die wichtigsten Momente des alles prägenden Sonnenjahres mit verschiedenen göttlichen Kräften in Verbindung zu bringen … und sie festlich zu begehen: den Frühlingsanfang, wenn das Eis schmilzt und die Erde wieder grün wird, die Sommersonnenwende, wenn das Jahr seinen lichten Höhepunkt erreicht, die Ernte, wenn man sehen kann, ob das mühsam Erarbeitete genügen wird, um heil durch den Winter zu kommen, – und die Wintersonnenwende, wenn das alljährliche, eisige »Tal der Finsternis« endlich durchschritten ist.

Daher orientierten sich verständlicherweise auch die ersten Kalender, die wir kennen, am Sonnenjahr, und sie begannen – wie könnte es anders sein? – alle im Frühling, wenn das Leben neu erwacht. Tatsächlich wurde zum Beispiel im wässrigen Kleinstaat Venedig der Jahresanfang noch bis ins Jahr 1797 immer am ersten März gefeiert, wenn die ersten Sprösslinge aus dem Boden kamen. Was ja auch sehr einleuchtend ist. Aber zurück zu den Anfängen.

Weil es wohl so etwas wie einen urmenschlichen Ordnungstrieb gibt, begannen die verschiedenen Völker dann auch, das Jahr noch etwas genauer zu unterteilen. Eben in Monate und Wochen. Wobei die Wochen je nach Kultur unterschiedlich lang waren: In China gab es eine 10-Tage-Woche, im Alten Rom eine 8-Tage-Woche, und in manchen Kulturen eine 6- oder 3-Tage-Woche. Entscheidend war nur: Diese »Wochen« mussten irgendwie mit dem Mondzyklus in Einklang gebracht werden, in dem der Neumond jeweils als Beginn eines neuen Monats galt.

Ach ja: »Monat« und »Mond« sind ursprünglich dasselbe Wort – und der Begriff »Woche« kommt von »Weichen«, meint also einen Zeitenwechsel, wenn etwas Altes dem Neuen weicht und ein neuer Zeitraum beginnt.

Die Israeliten brachten in jenen Gründerjahren der Kalenderentwicklung übrigens gleich drei wegweisende Ideen in die mediterrane Diskussion ein:

1. Die Sieben-Tage-Woche

Es hatte zwar auch schon in anderen Kulturen einen Sieben-Tage-Zyklus gegeben, etwa in Mesopotamien oder Ägypten, aber die Israeliten verbanden diesen Zeitabschnitt kurzerhand mit ihrer Schöpfungsgeschichte und verkündeten frohgemut: Gott hat der Welt ganz bewusst eine Sieben-Tage-Woche gegeben. Womit diese Einteilung quasi vom Himmel legitimiert wurde.

2. Der Ruhetag

Zur jüdischen Schöpfungswoche gehörte von Anfang an ein fester Ruhetag. Basta. Auch das eine göttliche Anregung: Die Menschen sollen das Dasein feiern. Sprich: Obwohl es im Alten Rom jedes Jahr 109 sogenannte »Heilige Tage« gab, war der Gedanke der regelmäßigen wöchentlichen Regeneration anregend, weil er den Feiertag als Grundbedürfnis des Menschen etablierte.

3. Das lineare Zeitempfinden

Die Israeliten waren eines der ersten Völker, die dem zyklischen Denken, das sich am Kreislauf der Jahre orientierte, einen neuen Gedanken hinzufügten: Es gibt auch eine längerfristige Perspektive des Daseins, die über die Wiederkehr des Gleichen hinausgeht. Die Geschichte entwickelt sich. Darum braucht es nicht nur Jahreszahlen, sondern auch den Mut, nach vorne zu denken.

Im Jahr 47 vor Christus, als in Europa noch ein echtes Datumskuddelmuddel herrschte, führte der römische Herrscher Julius Cäsar einen Kalender ein, der viele bis heute gültige Eckdaten festlegte: 1. Die Woche hat sieben Tage. 2. Die Monate haben vorgegebene Längen (unabhängig davon, wann gerade Neu- oder Vollmond ist). 3. Das Jahr beginnt am 1. Januar (dem damaligen Amtsantritt des römischen Magistrats). Und 4.: Es gibt eine bestimmte Anzahl von Schalttagen, damit die Monate dauerhaft in den 365-Tage-Jahreszyklus passen. Als Krönung des Ganzen nannte Cäsar den sonnigsten Monat des Jahres nach sich selbst, nämlich Juli(us). Das wiederum gefiel später dem Kaiser Augustus so gut, dass er – na, Sie ahnen es schon.

Lustigerweise behielten bei dieser Kalenderreform einige Monate ihre alten Namen, obwohl diese gar nicht mehr passten: So heißt der September etymologisch noch immer »Der Siebte«, obwohl er durch die Verschiebung des Jahresanfangs inzwischen der neunte Monat ist. Und diese zahlenmäßige Irritation gilt auch für die Monate Oktober bis Dezember. Verrückt, nicht wahr?