Feigen, die fusseln - Stephen Fry - E-Book

Feigen, die fusseln E-Book

Stephen Fry

0,0
14,99 €

Beschreibung

"Wie jeder, der eine Leidenschaft hat, möchte ich diese mit anderen teilen." Stephen Fry. Jeder ist in der Lage, Poesie zu verfassen, meint Stephen Fry und möchte dem Leser die Reize von Metrum, Reim und Versform näherbringen. Ob ein petrarkistisches Sonett für den Geburtstag der Lieben, ein Epithalamion für die Hochzeit der Schwester oder eine kritische Villanelle über die Wohnungsbaustrategie der Regierung gewünscht wird, "Feigen, die fusseln" gibt jedem die nötigen Werkzeuge und das Selbstvertrauen an die Hand. Mit amüsanten Übungen und einer unkomplizierten Schritt-für-Schritt-Gliederung geleitet Fry den Leser in das Reich der Mutter aller Künste. Für jeden Übersetzer eine große Herausforderung, wurde das Buch von 13 Absolventen des Graduiertenkollegs für Literarisches Übersetzen an der Ludwig-Maximilians-Universität München übertragen.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 539

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



Stephen Fry

Feigen, die fusseln

Entfessle den Dichterin dir

Aus dem Englischen

von Birke Bossmann, Anne Bussmann,

Susanne Grübl, Christel Klink, Andreas Mahler,

Christina Matthies, Sandra Meder,

Jens Müller, Gabriele Schrettle,

Birgit Schwan, Karin Sleuser,

Christine Voland, Maike Walter,

Christine Wiesmeier

Die Originalausgabe mit dem Titel

The Ode Less Travelled

erschien 2005 bei Hutchinson, London.

ISBN 978-3-8412-1883-4

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, 2019

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin 2019

Die deutsche Erstausgabe erschien 2008 bei Aufbau. Aufbau ist eine Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

Copyright © Stephen Fry 2005

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung und Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlages zulässig. Das gilt insbesondere für Übersetzungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das öffentliche Zugänglichmachen z.B. über das Internet.

Covergestaltung Christin Wilhelm, www.grafic4u.de

unter Verwendung mehrerer Motive von © spxChrome, skodonnell/gettyimages

E-Book Konvertierung: ZeroSoft, www.zerosoft.ro

www.aufbau-verlag.de

Der mittelmäßige Lehrer erzählt. Der gute Lehrer erklärt. Der bessere Lehrer beweist. Der große Lehrer begeistert.

WILLIAM ARTHUR WARD

Für Rory Stuart –

einen guten, besseren und großen Lehrer.

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Leseanleitung für dieses Buch. Die Goldenen Regeln

KAPITEL EINS: DAS METRUM

I Wie wir sprechen. Maßarbeit: das Metrum. Der Fabel-hafte Jambus. Der fünfhebige Jambus. Praktische Lyrikübungen 1 & 2

II Endzäsur, Enjambement und Zäsur. Praktische Lyrikübung 3. Schwache Kadenzen, trochäische und pyrrhische Umstellungen. Versfußumstellungen. Praktische Lyrikübung 4

III Vielerlei Versfüße: Vier Takte auf der ganzen Linie. Gemischtes Doppel. Praktische Lyrikübung 5

IV Dreisilbige Versfüße: Der Anapäst. Der Daktylus. Der Molossus und der Tribrachys. Der Amphibrachus. Der Amphimakros. Viersilbige Versfüße. Praktische Lyrikübung 6

V Angelsächsische Ansichten. Praktische Lyrikübung 7. Sprungrhythmus.

VI Silbische Dichtung. Praktische Lyrikübungen 8 & 9: Coleridges ›Lesson for a Boy‹.

Übersicht über die metrischen Einheiten

KAPITEL ZWEI: DER REIM

I Einige allgemeine Betrachtungen. Die grundlegenden Reimkategorien. Endreime. Binnenreime. Halbreim. Weiblicher Reim und Triplets. Reicher Reim.

II Reimschemata.

III Gutes Reimen, schlechtes Reimen? Ein Gedanken-Experiment. Reimpraxis. Praktische Lyrikübung 10. Reimkategorien

KAPITEL DREI: FORM

I Die Strophe. Was ist Form und warum sich darum kümmern?

II Strophische Variationen. Offene Formen: Terza Rima, Das Quartett, Der Rubai, Rhyme Royal, Ottava Rima. Spenser-Strophe. Adoptieren und Adaptieren. Praktische Lyrikübung 11

III Die Ballade. Praktische Lyrikübung 12

IV Heroic Verse. Praktische Lyrikübung 13

V Die Ode: Sapphische, Pindarische, Horatische, Lyrische, Anakreontische Ode.

VI Geschlossene Formen: Die Villanelle. Praktische Lyrikübung 14. Die Sestine. Praktische Lyrikübung 15. Das Pantum. Die Ballade

VII Noch mehr geschlossene Formen: Rondeau, Rondeau redoublé, Rondel, Roundel, Rondelet, Roundelay, Triolett, Kyrielle. Praktische Lyrikübung 16

VIII Heitere Dichtung: Das Cento. Der Clerihew. Der Limerick. Überlegungen zu heiterem und anzüglichem Vers. Leichte Dichtung. Parodie. Praktische Lyrikübung 17

IX Exotische Formen: Haiku, Senryu, Tanka. Ghasel. Luc Bat. Tanaga. Praktische Lyrikübung 18

X Das Sonett: Italienische und Shakespeare-Sonette. Sonettvariationen und romantische Duelle. Praktische Lyrikübung 19

XI Bildgedichte. Figurengedichte. Albern alberne Formen. Akrostichon. Praktische Lyrikübung 20

KAPITEL VIER: LYRISCHE SPRACHE UND POETIK HEUTE

I Der Wal. Die Katze und der Gesetzesakt. Madeline. Diktion. (Auf) Sprache achten.

II Dichterische Untugenden. Zehn Gepflogenheiten erfolgreicher Dichter. Wie man Beachtung findet. Dichtung heute. Zu guter Letzt.

ANHANG

Unvollständiges Glossar poetischer Fachbegriffe

Appendix – Arnauts Algorithmus

Danksagung

Literaturverzeichnis

Anmerkungen

Vorwort

In meinem Herzen schlummert ein düsteres Geheimnis. Ich schreibe Gedichte.

So ein Eingeständnis ist für einen Erwachsenen schon peinlich. Winston Churchill und Noël Coward haben in ihren Mußestunden gemalt. Albert Einstein spielte zur Entspannung Geige. Hemingway ging auf die Jagd, Agatha Christie gärtnerte, James Joyce schmetterte Arien, und Nabokov fing Schmetterlinge. Aber Gedichte?

Ich habe einen Freund, der auf dem Speicher trommelt, und einen anderen, der seit Jahren an einem Boot baut. Ich kenne einen Schauspieler, der gibt mehr auf die von ihm in einer kleinen Werkstatt angefertigten originalgetreuen Duellpistolen aus dem 18. Jahrhundert als auf seinen Adelstitel. In England frönt jeder einem Hobby – in allen Bereichen menschlichen Strebens gibt es exzentrische Amateure, begabte Dilettanten, aufgeblasene Möchtegernbastler und hingebungsvolle Autodidakten. Aber Gedichte?

Keiner stört sich dran, wenn Backfische Gedichte schreiben, solange diese nur sicher zwischen den Seiten ihres ledergebundenen rosa Tagebuches verwahrt sind. Biedere Pendler dürfen sich ohne weiteres an lustigen Pastichewettbewerben im Spectator oder New Statesman beteiligen. Im Notfall ist es einem jungen Mann sogar erlaubt, einen oder zwei leicht anzügliche Knittelverse auf einen Notizzettel zu kritzeln und ihn an den Kühlschrank zu kleben – statt einer Karte zum Valentinstag. Aber mehr auch nicht. Jedes tiefere Vordringen in die Welt der Poesie rührt unweigerlich an die innerste Urangst eines jeden – die Angst vor peinlicher Bloßstellung.

Und doch …

Ich glaube, in uns allen steckt eine angeborenen Sehnsucht zu dichten. Ich glaube, dass wir alle das Zeug dazu haben, ja dass wir sogar im tiefsten Inneren den zarten, aber oft verdrängten Wunsch hegen, es auch auszuprobieren. Ich glaube, unsere Sehnsucht, eigene Gedichte zu schreiben, wird oft durch die irrige Annahme im Keim erstickt, Dichten sei einerseits etwas sehr Akademisches und Technisches, andererseits aber irgendwie formlos und beliebig. Vielen scheint es, als gebe es klar ausgewiesene Wege, wie man Musizieren, Gärtnern oder Aquarellmalen lernen kann, das Dichten aber wähnen sie in einem unzugänglichen Sumpf: weit und breit keine Wege, keine Schilder, allein die Gerippe längst verstorbener Dichter ragen aus dem Morast, und die, die noch leben, zappeln in offensichtlicher Orientierungslosigkeit und gegenseitiger Feindseligkeit darin herum und bieten einen wenig erbaulichen Anblick. Über allem aber schwebt die bange Erinnerung an Schulstunden, in denen eisiges Schweigen jeden Winkel des Klassenzimmers erfüllt, während der Lehrer dazu auffordert, man möge sich doch bitte ganz auf das Gedicht einlassen.

Mir selbst bietet die recht individuelle Angelegenheit des Gedichtschreibens vieles gleichzeitig, und dies noch dazu zu günstigen Bedingungen: Ich komponiere, bekenne meine Sünden, schreibe Tagebuch, spinne so vor mich hin, löse Probleme, erzähle Geschichten; es ist Therapie, Frustbewältigung, Fingerübung, Anspannung wie Entspannung und geistiges Abenteuer.

Nehmen wir einmal an, ich möchte malen, habe dafür aber kein erkennbares Talent. Egal: Es gibt ja Geschäfte für den Künstlerbedarf, wo man Farben, Papier, Pastellstifte, Zeichenkohle und Kreiden kaufen kann. Und überall gibt es die passenden »Ratgeber«. Einfache Lektionen zu Regeln der Proportion und Anleitungen zur Komposition und Farbmischung können meinen Mangel an natürlicher Begabung ausgleichen und mir kurz und schmerzlos technische Grundlagen vermitteln. Raster und Umrisszeichnungen, Pantographen und Durchpauspapier leisten Hilfestellung. Präzise Instruktionen zeigen mir, wie man eine Leinwand vorbereitet, mit Farbe grundiert und daraus in kürzester Zeit mit etwas Wasser einen Aquarellhimmel macht. Es gibt Mitmachvideos, und ich kann mir sogar über Kabel oder Satellit Fernsehprogramme ins Wohnzimmer holen, in denen sanfte Hippies Seen zeichnen, Tannen mit Palettenmessern modellieren und diese dann mit Impasto-Schnee betupfen. Malstöcke, Zobelhaar, Schweineborsten, Terpentin und Leinöl. Viridianes Grün, Umbra, Ocker und Karmesin. Perspektive, Chiaroscuro, sfumato, Grisaille, Tondo und morbidezza. Besondere Methoden und Materialien. Das nötige Handwerkszeug. Eine eigene Fachsprache. Der Eintritt in eine völlig neue Welt von Technik, Form und Stil.

Nehmen wir einmal an, ich möchte musizieren, habe dafür aber kein erkennbares Talent. Egal: es gibt ja Musikgeschäfte, die Instrumente, Stimmgabeln, Metronome und Anleitungen zuhauf verkaufen. Und stapelweise Noten. Lernvideos im Überfluss. Ich kann ein digitales Keyboard erstehen, das ich an meinen Computer anschließe, damit es mich mittels Software durch die Grundlagen dirigiert und meinen Fortschritt und meine Genauigkeit überwacht. Ich beginne mit Tonleitern und arbeite mich dann zu Akkorden und Arpeggios vor. Es gibt Rosshaarbögen, Kolophonium und Darmsaiten, Rohrblätter, Plektren und Mundstücke. Es gibt verminderte Septimen, übermäßige Quinten, parallele Molltonarten, Triller und Vorzeichen. Es gibt Riffs und Figuren, Licks und Ostinati. Sonate, Adagio, Crescendo, Scherzo und zwölftaktigen Blues. Besondere Methoden und Materialien. Das nötige Handwerkszeug. Eine eigene Fachsprache. Der Eintritt in eine völlig neue Welt von Technik, Form und Stil.

Um uns noch weiter zu helfen, gibt es Abendkurse, Vereine und Gruppen. Packen Sie Ihre Staffelei und Palette ein und fahren Sie mit einer Gruppe gleichgesinnter Enthusiasten aufs Land. Setzen Sie sich mit einem Freund hin, und lernen Sie einen neuen Akkord auf der Gitarre. Treten Sie einer Band bei. Machen Sie aus Ihrem Aquarell vom Lake Windermere einen Untersetzer oder ein T-Shirt. Brennen Sie Ihre Version von Stairway to Heaven auf CD, und erschrecken Sie Ihre Freunde.

Keiner dieser Vorstöße ins Reich von Methode und Geschicklichkeit wird Sie zwangsläufig in ein Genie oder auch nur einen handwerklichen Könner verwandeln. Ihre ganz persönliche Version von Windsor im Schnee, ob diese nun im Dachboden verstaubt oder den Hintergrund für Ihre diesjährige Weihnachtskarte bildet, macht Sie noch nicht zu einem zweiten Turner, Constable oder Monet. Ihre Interpretation von Für Elise auf einem elektro-mechanischen Klavier wird Alfred Brendel kaum ins Schwitzen bringen. Ihre Trompetenversion des Basin Street Blues kann soweit von der Satchmos entfernt sein, dass es weh tut, und Ihre Fassung von Lela eine ewige Beleidigung für jeden, der Ohren hat zu hören. Vielleicht verkaufen Sie nicht ein Bild, werden kein einziges Mal als Vertretung für die an Gürtelrose erkrankte Kirchenorganistin eingeladen oder haben kein Glück beim Vorspielen für die örtliche Bay City Rollers Tribute Band. Sie sind weder der »Große Künstler« noch Studiomusiker, weder Illustrator noch angesehener Amateur.

Aber was macht das schon? Sie sind einfach jemand, der ein wenig malt, zum Spaß auf dem Keyboard herumklimpert, ein unbändiges Vergnügen hat, eine Melodie zu lernen oder ein geliebtes Gesicht auf neue Weise mit Zeichenkohle festzuhalten. Sie haben noch ein anderes Leben, Sie haben eine Familie, Arbeit und Freunde, dies aber ist ein Hobby, ein Zeitvertreib, SPASS. Geben Sie vielleicht das Herumkicken am Sonntag auf, nur weil sie nie ein zweiter Thierry Henry sein werden? Natürlich nicht. Das wäre krankhaft eitel. Wir hören nicht auf, darüber zu reden, wie man die Welt verbessern könnte, nur weil wir es nie zum Premierminister bringen werden. Wir sind alle Politiker. Wir sind alle Künstler. In einer offenen Gesellschaft ist alles, was unser Geist und unsere Hände zustande bringen können, unser Geburtsrecht. Es ist an uns, es einzufordern.

Und man kann ja nie wissen, Sie könnten wirklich das Zeug zum nächsten Star haben oder das Potential, anderen so viel Freude zu bereiten, wie Sie selbst bei der Sache haben. Aber wie wollen Sie das jemals herausfinden, wenn Sie es nicht ausprobieren?

Dies gilt nicht nur für Malerei und Musik, es gilt auch für Kochen und Photographie, für Gartengestaltung und Innenarchitektur, für Schach und Poker, für Skifahren und Segeln, fürs Schreinern und Bridge, für Wein und Strickarbeit, für das Basteln von Buddelschiffen, Squaredance wie für hundert andere Beschäftigungen: sie alle bereichern und beleben die tägliche Mühsal aus Geld und Konsum, Hypotheken und Einkaufsbummel, Schule und Büro. Es gibt Regeln, Konventionen, Techniken, spezielle Utensilien, Ausrüstung und Zubehör, althergebrachte Verfahren, Formen, Fachjargons und Traditionen. Die meisten Menschen erwarten nicht, mit ihrem Hobby einen Preis zu gewinnen, ein Vermögen zu verdienen, berühmt zu werden oder die endgültige Meisterschaft in ihrer Kunst, ihrem Handwerk, ihrem Sport – oder wie wir jetzt sagen würden, in der Freizeitbeschäftigung ihrer Wahl – zu erlangen. Es reicht völlig aus, dass es Spaß macht.

Entscheidend bleibt dabei, dass es eben gerade keine Plackerei ist, den Unterschied zwischen saurem und alkalischem Boden verstehen zu wollen oder zu lernen, wie Blendenstufen und Belichtungszeiten Ihre Fotos beeinflussen. Es ist keine stumpfsinnige Plackerei, und es muss Ihnen auch nicht peinlich sein, wenn Sie lernen, wie man rechts und links Maschine strickt und abkettet, mit Skiern Schneepflug fährt, eine Pfanne ablöscht, eine Schwalbenschwanzverbindung schneidet oder den Wert einer Bridge-Hand berechnet. Nur verunsicherte Heranwachsende und minderbemittelte Angsthasen halten Fachbegriffe und Fachsprachen für angeberisch, Strukturen und Details für langweilig. Vernünftige Leute haben es nicht nötig, dämlich zu grinsen, wenn bei Musik von Färbung, bei Wein von Struktur oder bei Architektur von Rhythmus gesprochen wird. Segeln lernen etwa hat durchaus seine Haken und Ösen, und man muss lernen, dass die Seile Schoten und Fangleinen heißen, ein Knoten Steek, vorn achtern ist und rechts Steuerbord. Das hat nichts mit Angeberei und Exklusivität zu tun, sondern ist einfach Genauigkeit, es gehört zur Einführung des Neulings in die Gilde. Mit dem Erlernen des Fachjargons beginnt unser Initiationsritus.

In der Musik ist Tempo nicht das Gleiche wie Rhythmus, und dieser wiederum unterscheidet sich vom Taktschlag. Es gibt metronomische Zeichen und Taktvorzeichnungen. Irgendwo zwischen dem Klimpern einer Melodie mit einem Finger und dem richtigen Spielen müssen wir diese Unterschiede kennenlernen. Manchen fällt das leicht, es scheint ihnen angeboren zu sein; bei den meisten ist die Musikalität jedoch tief im Innern verborgen und benötigt ein bisschen gutes Zureden und Unterweisung, um zutage zu treten. Jemand zeigt uns also, wie es geht, oder wir lernen per Video, Abendschule oder Buch. Talent ist angeboren, Technik ist erlernt.

Talent ohne Technik ist wie ein Auto ohne Lenkrad, Getriebe oder Bremsen. Es spielt keine Rolle, wie hoch entwickelt und kraftvoll der V 12 unter der Haube ist, wenn man den Wagen nicht lenken und kontrollieren kann. Talentierte Menschen, die nichts aus ihren Gaben machen, verlieren oft die Kontrolle über ihre Begabung und lassen sie verkümmern. Es ist eine so offensichtliche Tatsache, dass es fast schon wieder ein Geheimnis ist: den meisten Menschen sind ihre Talente peinlich, wenn sie sich nicht sogar dafür schämen. Beschämt ob ihrer Begabungen, aber schier platzend vor Stolz über das, was sie durch Leistung erreicht haben. Geben Athleten etwa mit ihrer guten Koordination, ihrer Anmut oder ihrem Gleichgewichtssinn an? Nein, sie erzählen, wie hart sie trainieren, von den Opfern, die sie bringen und der Mühe, die sie sich geben.

Aber gewiss sollte des Menschen Griff den bloßen Radius übersteigen. Wozu wär sonst der Himmel da?

Dieser Ausruf Robert Brownings bringt uns wieder zu den Gedichten zurück. Möglicherweise hatten Sie in der Schule weder Musik- noch Kunstunterricht, sicher aber hatten Sie mit Gedichten zu tun. Allerdings nicht damit, wie diese entstehen, und wohl kaum damit, wie man eigene verfasst, sondern – Gott steh uns bei – wie man sie versteht.

Wir alle, und ich meine wirklich alle, saßen wohl schon stumm und mit gefurchter Stirn da und kamen uns absolut beschränkt vor, wenn der Lehrer uns aufforderte, zu einer Metapher oder einer Gedichtzeile Stellung zu nehmen.

Worauf nimmt Ihrer Meinung nach Wordsworth hier Bezug?

Was will Wilfred Owen mit dieser Metapher ausdrücken?

Wie reagiert Keats auf die Nachtigall?

Warum wohl hat Shakespeare das Wort »gentle« als Verb verwendet?

Wie ist Larkins Einstellung zu dem Hotelzimmer?

Jetzt kommt alles wieder hoch, was? All die heißwangig-herzklopfende Beschämung und Peinlichkeit, wenn man aufgerufen wurde, um einen Kommentar abzugeben.

Die Art, wie Lyrik an der Schule gelehrt wurde, erinnerte W. H. Auden an eine Karikatur in der Zeitschrift Punch, die einer Legende nach aus der Feder von A. E. Housman stammt. Zwei Englischlehrer gehen zur Frühlingszeit im Wald spazieren. Durch das Vogelgezwitscher fühlt sich der eine bemüßigt, William Wordsworth zu zitieren:

LEHRER 1: Ach Kuckuck, zähl ich dich zur Vogelschar    Oder bist du eine Geisterstimme?

LEHRER 2: Die rechte Wahl lege mir dar,    Und Gründe mir dafür bestimme.

Wahrscheinlich haben Sie einmal eine Phase durchgemacht, in der Sie Shakespeare, Keats, Owen, Eliot, Larkin und alle davor und danach als Langweiler verabscheut haben, selbst wenn Ihnen deren Verse nach- und nahegingen. Inzwischen mögen Sie sie vielleicht, oder aber Sie hassen sie immer noch, oder die ganze Bagage ist Ihnen vollkommen gleichgültig. Aber wie gut oder schlecht uns auch immer Literatur beigebracht wurde – wie vielen von uns wurde gezeigt, wie man eigene Gedichte schreibt?

Mach dir keine Sorgen. Kümmere dich nicht um Metrum, Reim und Verse. Verleih nur deinen Gefühlen Ausdruck. Laß ihnen freien Lauf.

Stellen Sie sich vor, Sie hätten noch nie in Ihrem Leben Klavier gespielt.

Mach dir keine Sorgen. Öffne nur den Deckel und verleih deinen Gefühlen Ausdruck. Laß ihnen freien Lauf.

Jeder von uns hat schon mal einem Kind zugehört, das genau das tat, und erinnert sich nur zu genau, wie schnell man gewalttätig werden wollte. Und doch ist dies die einzige Anweisung, die wir je in der Kunst des Gedichtschreibens erhalten werden.

Alles ist erlaubt.

Aber genau so funktioniert doch auch moderne Lyrik, oder nicht? Freier Vers – so nennt man das doch? Vers libre?

Jaaa schon … Und in der modernen Musik schrieb John Cage sein notorisches Stück Stille mit der Bezeichnung 4 Minuten 33 Sekunden und schuf Werke, bei denen er Kugellager und Ketten auf eigens präparierte Klaviere werfen ließ. Sollen Musiklehrer ihren Schülern so was beibringen? Sollen wir sie ermuntern, Harmonie und Rhythmus zu ignorieren und einfach drauflos zu lärmen? Man darf nicht übersehen, dass die ersten Stücke von Cage sich sehr an der westlichen Kompositionstradition orientierten, er schrieb Sätze mit konventionellen italienischen Namen wie Lento, Vivace und Fugato. Picassos frühe Werke sind makellose Modelle von bildlicher Genauigkeit. Manche Musik mag durchaus starke Gefühle in uns wecken, starke Gefühle allein aber reichen zum Musikmachen nicht aus.

Im Gegensatz zu Notenschrift, Farbe oder Lehm ist Sprache jedem von uns gegeben. Und das auch noch gratis! Wir alle können uns ihrer bedienen. Wir haben schon die Farbpalette, die Farben und die Werkzeuge. Wir müssen nicht erst noch los, um irgendwelche bereitgelegten Materialien abzuholen. Gedichte sind aus genau dem Zeug gemacht, das Sie gerade lesen, aus dem Zeug, das Sie dem Pizzaservice durchgeben, aus dem Zeug, das Sie Ihren Eltern oder Kindern entgegenschreien, Ihrem Liebsten ins Ohr flüstern und in eine E-Mail, einen Text oder eine Geburtstagskarte packen. Es ist uns allen vertraut. Sträuben wir uns vielleicht genau deshalb alle gegen die Behauptung, dass es durch Technik zu seiner höchsten Perfektion gebracht werden kann: zur Dichtung? Ich kann nicht Ski fahren, bräuchte daher jemanden, der es mir zeigt. Ich kann nicht malen, also wären ein paar Zeichenstunden nicht schlecht. Ich kann aber sprechen und schreiben, also haltet mich nicht von der Arbeit ab, indem ihr mir weismachen wollt, ich solle doch Unterricht im Dichten nehmen, was doch eigentlich nichts anderes als gefühlsbetontes Schreiben ist, ob nun mit oder ohne Reim. Ist es nicht so?

In seiner Rezension zu Missing Measures von Timothy Steele sagt Jan Schreiber über moderne Dichtung dies:

Das Schreiben von Gedichten ist lächerlich einfach geworden. Es gibt keinerlei technische Einschränkungen. Weder muss man mit der Tradition vertraut sein noch ein Verlangen nach Kommunikation verspüren; viele Anhänger dieser Kunst messen dem persönlichen Ausdruck mittlerweile eine viel größere Bedeutung bei. Selbst die Experimentierfreudigkeit in Sachen Syntax ist in Vergessenheit geraten. Dichtung, so scheint es, muss nicht einmal mehr wenigstens die Ansprüche erfüllen, die an Prosa gestellt werden.

Ich für meinen Teil halte es nicht für »lächerlich einfach«, sondern im Gegenteil für unglaublich schwierig, ohne festgelegte Form, Metrum oder Reim zu schreiben. Wenn Sie das hinkriegen: Weiterhin viel Glück dabei und Lebewohl, dann ist dieses Buch nichts für Sie. Gleichwohl noch schnell etwas zum Nachdenken von W. H. Auden mit auf den Weg:

»Der Dichter, der ›freie‹ Verse schreibt, ist wie Robinson Crusoe auf seiner einsamen Insel: Er muss ganz alleine kochen, waschen und Löcher stopfen. In einigen seltenen Fällen erzeugt diese männliche Unabhängigkeit etwas Ursprüngliches und Beeindruckendes, sehr viel häufiger ist das Ergebnis allerdings eher traurig – schmutzige Bettlaken im ungemachten Bett und leere Flaschen auf dem ungeputzten Boden.«

Ich kann Ihnen nicht beibringen, wie man ein guter Dichter wird, geschweige denn ein großartiger. Verflixt, ich kann es ja nicht mal mir selbst beibringen. Aber ich kann Ihnen zeigen, wie Sie Ihren Spaß an lyrischen Rede- und Gedichtformen finden können, wie sie sich über die Jahre hinweg entwickelt haben. Wenn Sie dieses Buch gelesen haben, werden Sie in der Lage sein, ein italienisches Sonett, eine Sapphische Ode, eine Ballade, eine Villanella, eine Spenserstrophe und viele andere bizarre und entzückende Gedichtformen zu verfassen; Sie werden mit Begriffen wie Metrum und Reim vertraut sein. Dabei ist es unwichtig, ob Sie sich entschließen, über die Unsinnigkeit von Werbung zu schreiben, über das wohlgeformte Hinterteil ihrer großen Liebe, die Sinnlosigkeit des Krieges oder Ihre Unfähigkeit, ein Gurkenglas zu öffnen. Ich gebe Ihnen das Werkzeug, Sie erledigen den Rest. Und haben Sie den Dreh bei der Form erst einmal heraus, können Sie Ihre eigenen Formen gestalten. Das Schmidtsche Sonett. Die Meiersche Ode. Die Müllerstrophe.

Dies ist kein Lehrbuch. Es wird wohl kaum je Teil irgendeines Kerncurriculums werden. Vielleicht hilft es ja bei Englischprüfungen, weil es einen durchaus in die Lage versetzt, bei der Interpretation (falls so was heute überhaupt noch verlangt wird) einen auf Schlaumeier zu machen und zu zeigen, dass man einen Trochäus von einem Daktylus, eine Terzine von einer Oktave und eine Assonanz von einem Enjambement unterscheiden kann; in diesem Fall stehe ich gerne zu Diensten. Meine Zeit als Lehrer liegt schon länger als ein Vierteljahrhundert zurück, und ich weiß nicht, ob ein solches Wissen heutzutage sinnvoll oder überflüssig ist; ich weiß nur eines: Es kann gegen Sie verwendet werden.

Ich habe dieses Buch geschrieben, weil ich in den vergangenen fünfunddreißig Jahren großen Gewinn aus dem Schreiben von Gedichten gezogen habe, und wie jeder, der eine Leidenschaft hat, möchte ich diese mit anderen teilen. Keine Angst – ich werde Sie nicht mit selbstverfassten Gedichten belästigen (außer vielleicht einigen Versen zur Verdeutlichung von Form und Metrum): Gedichte schreibe ich nämlich nicht, um sie zu veröffentlichen, sondern aus dem gleichen Grund, aus dem man laut Wilde ein Tagebuch führen sollte: damit man im Zug etwas Aufregendes zu lesen hat. Und als eine Art Selbstgespräch. Hauptsächlich aber zum Vergnügen.

Dies ist nicht das erste Buch, das je zum Thema Prosodie (der Kunst der Verslehre) verfasst wurde, aber es ist das Buch, von dem ich mir gewünscht hätte, dass ich es schon vor Jahren hätte lesen können. Es ist natürlich technisch, aber nur insofern es sich mit Techniken beschäftigt – ich hoffe, dass es dadurch nicht langweilig, unverständlich oder schwierig wird – immerhin ist »Technik« nur das griechische Wort für Kunst. Ich habe versucht, alles einigermaßen verständlich darzustellen, ohne dabei plump vertraulich zu werden oder grob zu vereinfachen.

Ich werde ganz sicher nicht versuchen, dort weiterzumachen, wo man in der Schule aufhört, und Sie dazu nötigen, die Poesie als hohe Kunst anzusehen. Ich vermute jedoch, sobald Sie Ihr erstes richtiges Gedicht verfasst haben, wird sich ganz automatisch eine große Bewunderung für andere Dichter einstellen. Wenn Sie noch nie Golf gespielt haben, können Sie nicht beurteilen, wie kunstfertig Ernie Els mit dem Golfschläger umgeht (oder Roger Federer mit dem Tennisschläger, Jamie Oliver mit der Bratpfanne, Lang Lang mit dem Klavier und so weiter und so fort).

Vielleicht sagen Sie sich ja auch: Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr! Oder sie glauben, dass der Zug abgefahren ist. Alles Quatsch. Thomas Hardy (meiner Meinung nach als Dichter besser denn als Romancier) hat erst mit 67 seine ersten Gedichte veröffentlicht.

Jedes Kind ist musikalisch. Bedauerlicherweise wird diese natürliche Gabe im Keim erstickt, ehe sie Zeit hat, sich zu entwickeln. Über all die Jahre am deutlichsten im Gedächtnis blieb mir das Gelächter derjenigen, denen meine Stimme und mein Gesang nicht gefiel. Meine ehemalige Lehrerin Miss Stone ließ mich nie mit dem Rest der Klasse singen – sie glaubte, ich sänge schief und brächte die anderen aus dem Takt. Ich nahm es widerspruchslos hin, was dazu führte, dass mir Musik nicht mehr gefiel und mir dadurch auch der Weg zur Poesie versperrt war. Glücklicherweise machte ich ihm Alter von 57 Jahren eine tiefgehende emotionale Erfahrung, die mir den Zugang zur Dichtkunst eröffnete, und es gibt inzwischen viele, die meine Gedichte durchaus ansprechend finden.

Dies schreibt ein gewisser Sidney Madwed. Mr. Madwed ist vielleicht nicht gerade Thomas Campion oder Cole Porter, aber er glaubt, dass ihn die Einsicht in die Prosodie befreit habe, und hat jetzt offensichtlich einen Heidenspaß beim Verfassen seiner Werke. Ich hoffe, dass die Lektüre dieses Buches für Sie zu einer »tiefgehenden emotionalen Erfahrung« wird und in Ihnen den Poeten erweckt, der schon immer in Ihnen geschlummert hat.

Es ist niemals zu spät. Wir alle sind Opsimathen.

Opsimath, Nomen: Jemand, der im hohen Alter noch dazu lernt.

Lassen Sie uns gemeinsam ans Werk gehen, sowohl opsimathisch als auch optimistisch. Nichts kann uns aufhalten. Die Ode ruft.

Leseanleitung für dieses Buch

Es gibt kein Entkommen: Wenn Sie mit gleichbleibender Geschwindigkeit weiterlesen, werden Sie in circa fünf Minuten feststellen, dass Sie mit Fachwörtern bombardiert werden – zuerst langsam und dann immer schneller und heftiger. Viele der Wörter sind griechischen Ursprungs, und viele von ihnen werden Ihnen vielleicht unbekannt sein. Ich kann nicht vorhersagen, wie Sie darauf reagieren werden. Vielleicht werden Sie sich vor Freude die Hände reiben, vielleicht werden Sie sie über dem Kopf zusammenschlagen, um dem (wie auch immer gearteten) Gegenteil von Freude Ausdruck zu verleihen, vielleicht werden Sie die Hände zornig zur Faust ballen oder sie dazu benutzen, dieses Buch so weit wie möglich von sich fort zu schleudern.

Es ist wichtig, sich bereits hier im Anfangsstadium zu vergegenwärtigen, dass – wie schon erwähnt – die meisten wirklich lohnenswerten Tätigkeiten über einen eigenen Fachjargon, eine eigene Sprache und eigenes Fachvokabular verfügen. In der Musik sind das Quinten und erweiterte Dur-Klänge. Beim Segelsport sind das Baum-Besan, über Stag gehen und Spinnaker. Ich könnte nun versuchen, Wörter wie Jambus und Zäsur in eine allgemein verständliche Alltagssprache zu »übersetzen«, aber ehrlich gesagt wäre das albern und außerdem bevormundend. Darüber hinaus wäre es sehr verwirrend, da es gut sein kann, dass Sie für weitere Erkenntnisse zu anderen Büchern über Dichtung greifen.

Deshalb meine Bitte: HABEN SIE KEINE ANGST. Ich habe mir alle Mühe gegeben, Ihnen den Einstieg in die Welt der Prosodie so geradlinig, logisch und angenehm wie möglich zu gestalten. Keine erstrebenswerte Kunst kommt ohne komplexe und knifflige Zusammenhänge aus. Wenn Sie aber merken, dass Sie verwirrt sind, wenn Worte und Konzepte anfangen, sinnlos vor Ihren Augen zu verschwimmen, geraten Sie nicht in Panik. Solange Sie sich an die drei goldenen Regeln halten, kann gar nichts schiefgehen. Sie werden rasant an dichterischem Vermögen und Selbstvertrauen zulegen und großartige Fortschritte machen. Niemand erwartet von Ihnen, dass Sie sich an jedes metrische Stilmittel oder Reimschema erinnern: ich habe am Ende des Buches ein Glossar angefügt. Nahezu jedes von mir benutzte Fachwort und jeder ungewöhnliche Begriff findet sich dort. Wenn Sie sich also nicht sicher sind, schlagen Sie einfach hinten nach. Sie werden dort eine Erklärung anhand einer Definition und/oder eines Beispiels finden.

Wenn Sie schon eine Menge über Prosodie wissen, oder zumindest glauben, es zu tun, dann werden Sie vielleicht den Drang verspüren, die ersten Abschnitte dieses Buches nur flüchtig zu lesen. Das steht Ihnen natürlich frei, aber ich rate dringend davon ab. Der Kurs steht allen offen, und man folgt ihm am besten in der vorgegebenen Reihenfolge. Nun, fürchte ich aber, dürfen Sie nicht weiterlesen, ohne sich mit den nachfolgenden drei goldenen Regeln vertraut zu machen.

Die Goldenen Regeln

REGEL EINS

Gerade in der heutigen Zeit gehört es zu den faszinierenden Eigenschaften der Lyrik, dass sie uns unbeirrt die Kunst und das Vergnügen der Langsamkeit, des Sich-Zeit-Lassens lehrt. Nie kann man ein Gedicht zu langsam, garantiert aber kann man es zu schnell lesen.

Bitte, und das ist mein Herzenswunsch, bitte lesen Sie all die Gedichtpassagen und Auszüge in diesem Buch (normalerweise in eingerückten Absätzen) so langsam wie nur irgend möglich. Lesen Sie sie wieder und immer wieder und erfassen Sie so Rhythmus, Ausgewogenheit und Gestalt. Das gilt für einzelne Zeilen ebenso wie für längere Textbeispiele.

Gedichte muss man ganz anders lesen als Romane. Es kann richtig Spaß machen, sich als Betthupferl ein vierzehnzeiliges Sonett zu gönnen und es eine Woche lang immer wieder vor dem Einschlafen zu lesen. Kosten, schmecken, genießen Sie. Lyrik schlürft man nicht einfach so in sich hinein wie ein Kind seinen Milchshake, sondern man genießt sie Schluck für Schluck wie einen kostbaren alten Malt-Whisky. Verse gehören zu den letzten Dingen, die wir der Schnelllebigkeit und dem Infantilismus noch entgegenzusetzen haben. Sie sind ein Genuss, selbst wenn sie schlicht und kindlich daherkommen.

Versuchen Sie auf alle Fälle, Verse laut zu lesen. Sollten Sie gerade irgendwo sein, wo diese Übung Sie in peinliche Verlegenheit bringen könnte, so lesen Sie innerlich laut (und bewegen Sie dabei, wenn möglich, die Lippen). Zu den Freuden der Dichtung gehört das pure physische, sinnlich spürbare, buchstäblich greifbare Vergnügen, sich die Worte auf den Lippen, der Zunge, zwischen den Zähnen und den Stimmbändern zergehen zu lassen.

An einer einzigen Gedichtzeile kann man wochenlang schmieden und herumfeilen. Zugegeben, manchmal mag ein einziger Geistesblitz wundervolle Effekte hervorzaubern, aber im Allgemeinen brauchen Gedichte ihre Zeit. Wie ein gutes Gemälde sind sie nicht dazu gemacht, sie mit einem einzigen gierigen Blick zu erfassen, sondern um mit ihnen zu leben und sich unermüdlich mit ihnen zu beschäftigen: Wieder und immer wieder kann man den Blick zurückschweifen lassen, neue Winkel erkunden, neue Wendungen und scheinbar neu sich bildende Formen. Vielleicht sind wir zu sehr an eine eindimensionale Art von Texten gewöhnt, mit nur einer einzigen Botschaft. Kaum haben wir diese Botschaft aufgenommen, gehen wir zum nächsten Satz über. Dichtung verwendet Worte auf vollkommen andere Art und Weise, und ich kann nur immer wieder betonen, wieviel mehr Vergnügen es bereitet, sich ganz langsam und genüsslich auf diese Sprache und ihre Rhythmen einzulassen.

REGEL ZWEI

Kümmern Sie sich niemals um die »Bedeutung«, wenn Sie Gedichte lesen, weder bei denen, die ich hier im Buch zitiere, noch bei denen, die Sie sich selbst aussuchen. Gedichte sind keine Kreuzworträtsel: Wie ungreifbar oder »schwer« auch die Handlung oder das Argument eines Gedichts erscheint und sich einer einfachen Interpretation entzieht, es geht hier nicht um einen Intelligenz- oder Lerntest (oder falls doch, lohnt es nicht, dies weiter zu verfolgen). Natürlich sind einige Gedichte komplex und kunstvoll, während andere Sie vor ein Rätsel stellen. In der Vergangenheit hat Lyrik oft die Kenntnis klassischer Literatur, christlicher Liturgie oder griechischer Mythologie vorausgesetzt. Moderne Lyrik kann völlig vernagelt daherkommen mit ihren dichten und unzugänglichen Anspielungen auf andere Dichter, wissenschaftliche Erkenntnisse oder auf Philosophie. Unter Umständen enthält sie Hieroglyphen oder fremdsprachige Wendungen. Für solche Werke gibt es literaturwissenschaftliche Fachbücher, falls Sie sich damit befassen wollen; wir werden uns hier recht wenig um die Avantgarde, experimentelle oder dunkle Lyrik kümmern. Das Vergnügen, das sie ungelogen bereiten, wäre Stoff für ein eigenes Buch.

Man fühlt sich von einem Gedicht schnell eingeschüchtert. Gedichte können einem vorkommen wie große Kinder, vor denen wir uns auf Kindergeburtstagen fürchten und uns an die Mutter klammern. Vergessen Sie aber nicht, dass Dichter auch nur Menschen sind, und zwar solche, die den mutigen Schritt gewagt haben, uns ihre Liebe, Ängste und Hoffnungen – und ihre Geschichten – in einer ausgesuchten und ausgefeilten Form mitzuteilen. Dazu haben sie eine Ausdrucksweise gewählt, die gedrängt und oft überschwänglich ist; sie bieten uns eine Musik, an deren Erschaffung sie lange gearbeitet haben – lange Stunden der Komposition, ein ganzes Leben in der Vorbereitung. Dichter wollen uns nicht verängstigen oder abschrecken, sie wünschen sich, dass wir ihre Werke lesen und uns daran erfreuen.

Ärgern Sie sich nicht über Gedichte, wenn diese Bedeutung und Kommunikation auf andere Art und Weise vermitteln, als wir das sonst von einer Zusammenstellung von Wörtern gewohnt sind. Fassen Sie Zuversicht bei dem Gedanken, dass Sie bei einem Gedicht weder eine Antwort formulieren noch eine Meinung hervorbringen oder ein Urteil fällen müssen. Wenn schon das Lesen eines Gedichts viel Zeit in Anspruch nimmt, dann braucht es eben auch seine Zeit, sich mit dem Wesen der Lyrik insgesamt anzufreunden. Solange Regel Eins eingehalten wird, stellt sich Bedeutung mit der Zeit von alleine ein.

REGEL DREI

Kaufen Sie sich ein Notizbuch, ein Heft oder eine Übungskladde und viele Bleistifte (jedes andere Schreibgerät tut es auch, aber ich finde Bleistifte angenehmer anzufassen). Das ist die einzige Ausstattung, die Sie brauchen: keine Kameras, Zeichenpinsel, Stimmgabeln oder Schneidebretter. Dichter genießen ihre Handschrift (»wie das Riechen der eigenen Fürze«, behauptete W. H. Auden), und obwohl Computer durchaus ihre Berechtigung haben mögen, schreiben Sie erst einmal, tippen Sie nicht.

Sie können ruhig in ein gutes Notizbuch in Westentaschengröße investieren: Die Moleskin-Varianten kommen wieder sehr in Mode, und Buchläden und Schreibwarenhändler stellen sie bereits auch nach ihren eigenen Vorstellungen her. Nehmen Sie Ihres überallhin mit. Kritzeln Sie einfach Worte aufs Papier, wenn Sie auf jemanden warten, wenn Sie auf einem Flughafen festsitzen, mit dem Zug fahren. Fabrizieren Sie, wenn Sie neue Techniken und Methoden lernen, ohne Unterlass Zeile um Zeile.

Stellen Sie sich vor, dass das Obige die Nutzungsvereinbarungen einer Computer-Software sind. Sie kommen nicht weiter, wenn Sie bei der Frage des Installationsprogramms, ob Sie mit den Geschäftsbedingungen einverstanden sind, nicht auf »O. K.« klicken. Also, die drei Regeln sind meine Geschäftsbedingungen, lassen Sie sie mich kurz neu formulieren:

1. Lassen Sie sich Zeit.

2. Haben Sie keine Angst.

3. Tragen Sie immer ein Notizbuch bei sich.

Ich bin einverstanden, die Geschäftsbedingungen dieses Buches zu befolgen.

 Einverstanden     Nicht einverstanden

Jetzt können Sie anfangen.

KAPITEL EINS

Das Metrum

Lyrik ist metrisch. Wenn nicht, habe ich keine Ahnung, was sie ist.J. V. CUNNINGHAM

I

Einige ziemlich offensichtliche, aber dennoch interessante Bemerkungen zum Sprechen von Sprache – Maßarbeit: das Metrum – der Fabelhafte Jambus – der fünfhebige Jambus – Praktische Lyrikübungen 1 & 2

Sie erfüllen bereits die wichtigste Voraussetzung, die ein Dichter mitbringen sollte: Sie beherrschen die Sprache in Wort und Schrift so gut, dass Sie diesen Satz verstehen. Ginge es in diesem Buch um Malerei oder Musik, so wäre der Weg dorthin viel dorniger.

Auch wenn Sprache etwas Automatisches und Angeborenes zu sein scheint, so gibt es doch einiges, was wir über sie wissen sollten, Dinge, die uns so selbstverständlich sind, dass kaum jemand einen Gedanken daran verschwendet. Da Sprache für uns angehende Poeten die Farbe, unser Medium, ist, sollten wir uns ruhig etwas Zeit dafür nehmen, bestimmte Aspekte der gesprochenen Sprache einmal genauer zu betrachten – einer Sprache, deren mündliches Ausdrucksspektrum sich ganz erheblich von dem ihrer älteren Vorfahren, etwa dem Lateinischen und Griechischen, aber auch von dem ihrer näheren Verwandten unterscheidet.

Manches in den nächsten Zeilen mag dermaßen dicht vor unserer Nase liegen, dass es einen geradezu beißen könnte. Bitte haben Sie trotzdem Geduld mit mir. Wir wollen mit dem Grundlegenden anfangen.

Wie wir sprechen

Jedes Wort erhält innerhalb des Satzes beim Sprechen eine eigene Gewichtung oder Anstoß. Das heißt:

Jedes Wort erhält innerhalb des Satzes beim Sprechen eine eigene Gewichtung oder einen Anstoß.

Nur ein äußerst primitives Computersprachprogramm würde alle Wörter in diesem Beispiel mit der gleichen Betonung versehen. In diesem Kapitel verwende ich Fettschrift, um die Gewichtung bzw. den Anstoß, die »Akzentuierung«, zu markieren, Kursivschrift, um eine besondere Betonung zu kennzeichnen, und KAPITÄLCHEN zur Einführung neuer Termini oder Begriffe und um das Augenmerk auf eine Übung oder Anleitung zu lenken.

Jeder Muttersprachler würde den eingerückten Absatz oben ganz ähnlich, aber nicht exakt genauso sprechen, wie ich (angesichts der begrenzten Auswahl zwischen schwer/ leicht) bereits zu zeigen versuchte. Über manche Wörter oder Silben gleitet man hinweg, ohne sie mit viel Atem oder einer Pause zu versehen (leicht), andere werden stärker gewichtet (schwer).

Aber so wird doch wohl überall auf der Welt gesprochen?

Nun, in chinesischen Dialekten und im Thailändischen zum Beispiel sind alle Wörter einsilbig (monosyllabisch), und das Gesprochene gewinnt Farbe und Bedeutung über Veränderungen der Tonhöhe, indem der Sprecher die Stimmlage hebt oder senkt. Wir dagegen verleihen unserer Sprache weniger durch die veränderte Tonhöhe Farbe als durch unterschiedliche Betonung: der terminus technicus hierfür lautet AKZENTUIERUNG.[1] Unsere Sprache, und damit werden wir uns später noch beschäftigen, gehört zu den sogenannten BETONUNGSSTRUKTURIERTEN Sprachen.

Natürlich finden sich auch hier jede Menge monosyllabischer Wörter (im Englischen etwa sogar viel mehr als in den meisten anderen europäischen Sprachen): einige zählen zu denen, die Grammatiker als PARTIKELN bezeichnen: harmlose kleine Wörter wie Präpositionen (von, aus, zu, mit), Pronomen (sein, mein, dein, ihr), Artikel (der, die, das, ein) und Konjunktionen (ob, und, wenn). Sie werden im Satz normalerweise nicht betont.

Von Zeit zu Zeit und so lange, wie es dauert.

Ich muss noch einmal ausdrücklich wiederholen, dass es sich dabei nicht um besondere Emphase, sondern um die natürliche Akzentuierung handelt. Wir gleiten über die Partikel (»von«, »zu«, »und«, »so«, »wie«, »es«) hinweg und geben den wichtigen Wörtern (»Zeit«, »lange«, »dauert«) einen kleinen Schubs.

Auch bei verlängerten einsilbigen Wörtern neigen wir dazu, den operativen, also bedeutungstragenden Teil zu betonen, und leicht über die Endsilben hinwegzutänzeln, so beim -ing und -ly, oder -lich und -ig von Wörtern wie hoping und quickly, hoffentlich und hurtig. Dieses leichte Tänzeln, dieses Hinweggleiten, bezeichnet man manchmal auch als Verschleifen.

Wir sagen immer britisch, und niemals britisch oder bri-tisch, immer Maschine, niemals Maschine oder Ma-schine. Das Gewicht, das wir auf die erste Silbe von britisch oder die zweite Silbe von Maschine legen, bezeichnen Linguisten als WORTAKZENT. Akzent darf man hier nicht mit den geschriebenen Umlaut- oder Akzentzeichen (DIAKRITISCHEN ZEICHEN) verwechseln, wie etwa in Café oder Führer, oder mit Regionalakzenten im Sinne von Dialekten. Akzentuierung bezeichnet in unserem Zusammenhang den natürlichen Anstoß oder Nachdruck, den wir einem Wort oder Wortteil beim Sprechen geben. Diesen Akzent, Anstoß, oder Nachdruck nennt man auch ictus, aber wir werden so weit wie möglich bei den geläufigeren Begriffen bleiben.

In mehrsilbigen oder POLYSYLLABISCHEN Wörtern gibt es immer mindestens einen Akzent.

Kredit. Loswerden. Fortfahren. Verzweiflung.

In manchen Fällen kann sich mit der Betonung auch die Wortbedeutung oder die Wortart ändern. LESEN SIE DIE FOLGENDEN WORTPAARE EINMAL LAUT:

He inclines to project bad vibes.

A project to study the inclines.

He proceeds to rebel.

The rebel steals the proceeds.

Gebet ihm Gelegenheit für ein letztes Gebet.

Der Tenor der Rede des Operntenors.

Es ist modern, wenn Wälder modern.

Manche Wörter können zwei Betonungen tragen, wobei eine (hier mit einem ’ gekennzeichnet) immer etwas stärker ist:

ábdicate  considerátion  (Thrónverzicht, Überlégung)

Manchmal ist es auch eine Frage nationaler Eigenheiten (oder persönlicher Vorlieben): LESEN SIE DIE FOLGENDEN WÖRTER EINMAL LAUT:

Chicken-soup. Arm-chair. Sponge-cake. Cigarette. Magazine.

So sind die gängigen Betonungen im Britischen Englisch. UND NUN VERSUCHEN SIE ES BEI DENSELBEN WÖRTERN MIT ANDERER BETONUNG …

Chicken-soup. Arm-chair. Sponge-cake. Cigarette. Magazine.

So spricht man sie in Amerika (und wie man heute beobachten kann auch zunehmend in England und in Australien). Oder versuchen Sie es mit diesen hier:

Lámentable. Mándatory. Prímarily. Yésterday. Incómparable.

Laméntable. Mandátory. Primárily. Yesterdáy. Incompárable.

Kaffee. Bisquit. Marzipan. Tunnel.

Kaffee. Bisquit. Marzipan. Tunnel.

Ob nun die Hauptbetonung wie jeweils in der ersten oder in der zweiten Zeile sitzen sollte, ist eine verzwickte Frage und Gegenstand zahlloser – cóntroversy oder contróversy – Kontroversen. Die Aussprache variiert und ist, je nach circumstances, circumstánces oder circum-stahnces viel zu britisch, viel zu schichtenspezifisch oder regional, in jedem Fall aber zu heikel, als dass man es hier noch weiter vertiefen sollte.

Jetzt mögen Sie vielleicht denken: »Nun aber mal sachte, spricht denn nicht jeder (mal abgesehen von den Chinesen und Thais) so, dass ein Teil des Wortes betont wird, der andere nicht?«

Leider nein.

Die Franzosen, zum Beispiel, tendieren dazu, Wortteile gleich zu betonen. Sie sprechen Kanada als Kan-a-da, im Gegensatz zu unserem Kanada. Wir sagen Bernhard, die Franzosen dafür Ber-nard. Vielleicht ist Ihnen auch schon aufgefallen, dass etwa Amerikaner gerne des Guten zu viel tun, wenn sie Französisch sprechen, indem sie die ganze Wucht der Betonung auf die Endsilbe legen, in der irrigen Annahme, das hörte sich authentischer an, Ber-nard und dergleichen. Sie sind so an das Englische mit seinem typischen sinkenden Tonfall gewohnt, dass es für amerikanische Ohren so klingt, als hätte das Französische am Satzende scheinbar eine Aufwärtstendenz. So kommt es, dass Amerikaner (wie auch mancher Deutsche) Klischée sagen, Engländer cliché und die echten Franzosen cli-ché. Oder nehmen Sie doch bloß mal die beiden Wörter »Journal« und »Maschine«, die wir dem Französischen verdanken. Wir sagen Journal und Maschine. Die Franzosen versehen sie mit der für sie typischen gleichmäßigen Betonung: jour-nal und ma-chine. Selbst vielsilbige Wörter werden im Französischen gleichmäßig betont: wir sagen Repetition, sie dagegen répétition (ree-pee-ti-si-on).

Wie man sich unschwer vorstellen kann, hat dies erheblich dazu beigetragen, dass die französische und die englische Dichtung ganz unterschiedliche Wege eingeschlagen haben. Der Rhythmus englischer Dichtung wird vom SILBENWÄGEN bestimmt, die der französischen dagegen vom SILBENZÄHLEN. Wir werden uns im Augenblick nicht weiter den Kopf über diese Begriffe oder ihre Tragweite zerbrechen: schließlich dürfte mittlerweile schon klar geworden sein, dass dieses Buch nicht das richtige für Sie ist, sollten Sie vorhaben, Gedichte auf Französisch zu verfassen.

In einem Prosaabschnitt achten wir beim Lesen kaum darauf, wo die Akzente sind, es sei denn, wir wollen etwas ganz speziell hervorheben, was normalerweise durch Kursivierung, Unterstreichen oder mit GROSSBUCHSTABEN geschieht. Gelegentlich wird ein betontes Wort auch gedehnt. Bei Prosa ist das Auge viel stärker gefordert als das Ohr. Aber natürlich ist das innere Ohr aktiv, und wir erkennen alle den Rhythmus eines beliebigen Textes. Schließlich kann man ihn laut zum Besten geben, er lässt sich vorlesen oder sonstwie vortragen, und gerade wenn er dafür konzipiert ist, wird der Rhythmus eine umso wichtigere Rolle spielen.

Aber Prosa, und sei sie noch so rhythmisch, ist eben noch keine Dichtung. Denn ihr Rhythmus ist nicht strukturiert.

Maßarbeit: das Metrum

In der Dichtung ist der Rhythmus strukturiert.

DAS LEBEN EINES GEDICHTES LÄSST SICH IN REGELMÄSSIGEN HERZSCHLÄGEN MESSEN.

DIESE HERZSCHLÄGE HEISSENMetrum.

Sobald es darum geht, etwas Technisches auszudrücken, greifen wir gerne auf das Griechische zurück. Ob Logik, Grammatik, Physik, Mechanik, Gynäkologie, Dynamik, Ökonomie, Philosophie, Therapie, Astronomie oder Politik – all diese Begriffe verdanken wir dem Griechischen. Die Tatsache, dass das Griechische allem Technischen vorbehalten ist, erlaubt es uns, mit den anderen Bestandteilen der Sprache, dem Lateinischen und dem Englischen oder Deutschen unser Leben und unser Umfeld viel persönlicher und spontaner zu beschreiben. So hat etwa die Formulierung durch ein Trauma anästhesiert eine viel technischere, medizinische Konnotation als gelähmt vor Schreck, auch wenn beide Wendungen weitgehend dasselbe bedeuten. Ebenso kann der Begriff Metrum sich ausschließlich auf die dichterische Technik der Rhythmusgestaltung beziehen, während wir Wörter wie »Takt«, »Fluss« und »Puls« viel freier für weniger technische, subjektivere und persönlichere Zwecke verwenden können.

BITTE LASSEN SIE SICH NICHT VON DER TATSACHE ABSCHRECKEN, dass ich in diesem ganzen Kapitel zum Metrum überwiegend die auch unter Dichtern üblichen griechischen Begriffe für Versmaße, Verfahren und Techniken verwende. In vieler Hinsicht werden sie der englischen oder deutschen Dichtung zwar nicht gerecht[2], wie ich an anderer Stelle noch erläutern werde, doch englische wie deutsche Dichter und Prosodiker benutzen sie schon seit gut tausend Jahren. Es ist praktisch und bereitet Freude, für eine besondere Tätigkeit auch über ein besonderes Vokabular zu verfügen. [3] Aus Gründen der Konvention, Tradition und Präzision erscheint dies auf den meisten Gebieten menschlichen Strebens sinnvoll, sei es in der Musik oder Malerei, oder auch beim Billard oder Snowboarden. Diese Aktivitäten büßen dadurch nichts von ihrem Reichtum, ihrer Individualität und ihrer Vielfalt ein. So möge es denn auch mit der Poesie sein.

Das Wort Poesie stammt wie auch das Wort Ode (von poein, tun, und odein, singen) aus dem Griechischen. Die meisten Begriffe, die wir verwenden, um den Aufbau, die Anatomie, eines Gedichtes zu beschreiben, sind ebenfalls griechischen Ursprungs. Metrum (von metron) ist einfach das griechische Wort für Maß, wie in Meter, Kilometer, Metronom, biometrisch usw. Übrigens verwenden die Amerikaner noch die alte Schreibweise meter, die ich persönlich zwar bevorzuge, mit der sich jedoch mein automatisches UK-Rechtschreibprogramm absolut nicht anfreunden will.

Am Anfang, so sagte meine alte Cellolehrerin immer, war der Rhythmus. Rhythmus ist einfach das griechische Wort für »fließen« (nicht ganz zufällig hat unser Wort Diarrhoe die gleiche Wurzel). Wir kennen Rhythmus in der Musik, klatschen ihn mit den Händen oder wippen dazu mit den Füßen im Takt. Bei Gedichten ist das nicht viel anders:

ta-tam, ta-tam, ta-tam, ta-tam

Lesen Sie laut. Stampfen Sie mit den Füssen, klopfen Sie mit den Fingern dazu auf den Tisch, oder klatschen Sie in die Hände. Stimmt, es ist ein alberner Singsang. Aber es ist ein regelmäßiger und rhythmischer alberner Singsang.

Zehn Töne, mit stetig wechselndem Takt oder Akzent. Eigentlich ist es nicht sehr hilfreich zu sagen, dass die Zeile aus zehn Tönen besteht; wir werden schnell erkennen, dass es für unsere prosodischen Zwecke besser ist, in ihnen fünf sich wiederholende Einheiten des ta-tam-Herzschlags zu sehen. Meine alte Cellolehrerin zählte am liebsten so, wobei sie immer in die Hände klatschte:

und eins und zwei und drei und vier und fünf

In der Musik wären das fünf Takte (bars im Englischen, measures im Amerikanischen). In der Dichtung nennt man einen solchen Takt oder das Maß Fuß.

Fünf Füße, die im Rhythmus marschieren. Wenn der Fuß der Herzschlag ist, so kann man sich das Metrum am besten als Sichtanzeige oder Kardiogramm vorstellen.

Lassen Sie uns das Metrum mit Inhalt füllen, indem wir Wörter einsetzen.

He bangs the drum and makes a dreadful noise.

Wer träumt und reimt, schreibt bald den ersten Vers.

Diese Zeile besteht aus fünf ta-tam-Füßen:

Die Zeile besteht aus ZEHN Silben (dekasyllabisch):

Zehn Silben, wobei in diesem Versmaß die Betonung immer auf dem Takt mit der geraden Zahl liegt. Beachten Sie aber, dass es sich in diesem Beispiel nicht um zehn Wörter handelt, es sind nur neun, denn das Wort »ersten« besteht aus zwei Silben.

Träumt, reimt, bald, er und Vers sind hier diese geradzahligen Wörter (und Silben). Man könnte den Rhythmus der Zeile auch wie folgt darstellen:

Manche Metriker würden »wer«, »und«, »schreibt«, »den«, »sten« als SENKUNG bezeichnen. Weitere Begriffe für unbetonte Silben sind WEIBLICH, SCHWACH und KLINGEND. Der Rhythmus der Zeile ist steigend, und darauf kommt es an: von schwach zu stark, und sie endet mit dem fünften betonten Takt.

Die gängigste Methode, eine Zeile zu skandieren, mit anderen Worten, ihre metrische Struktur deutlich zu machen und sozusagen ihr Kardiogramm zu zeichnen, besteht darin, die fünf Versfüße mit diesem Zeichen | zu trennen (auch bekannt als VIRGULE wie das französische Wort für »Komma« oder »Schrägstrich«, das Sie vielleicht noch aus Ihrer Schulzeit kennen) und bestimmte Symbole für betonte und unbetonte Silben zu verwenden. Für die unbetonte, sinkende, nicht akzentuierte Silbe habe ich gewählt, für die betonte, hervorgehobene oder akzentuierte Silbe 

SHELLEY: Ode to the Westwind

Es sind noch andere Markierungen für die SKANDIERUNG üblich: – oder u oder x für unbetonte Silben und / für betonte. Falls man Ihnen das Skandieren in der Schule beigebracht hat oder Sie ein Buch zum Thema besitzen, werden Sie oft folgendes finden:

GRAY: Elegy Written in a Country Churchyard

Ich werde im folgenden überwiegend bei und bleiben, denn ich finde, dass damit das »ta« und das »tam« am natürlichsten wiedergeben werden. Außerdem stammen die anderen Skandierungssymbole aus der klassischen Metrik, deren Interesse mehr den Vokallängen als den Betonungen galt.

Der Fabelhafte Jambus(und andere zweigliedrige Versmaße)

Einen rhythmisch ansteigenden Versfuß mit der Betonungsfolge ta-tam, , bezeichnet man als jambische Hebung, besser bekannt als JAMBUS.

Meine Eselsbrücke dafür ist Popeyes typischer, heiser gekrächzter Jambenruf:

In diesem Kapitel wollen wir uns in erster Linie mit diesem Versmaß beschäftigen, doch sollten Sie wissen, dass zur Familie der zweigliedrigen Metren noch drei weitere Versmaße gehören.

Der TROCHÄUS ist ein umgekehrter Jambus, also mit fallendem Rhythmus, tam-ta:

Der Trochäus folgt seinen eigenen Gesetzen (und als Eselsbrücke eignet sich hier paradoxerweise Jambus – ein astreiner Trochäus!)

LONGFELLOW: The Song of Hiawatha

Als fallender Rhythmus, tick-tack, tick-tack, tick-tack, tick-tack, endet er mit einer unbetonten Silbe – einem »und«, wenn Sie einmal wie in der Musik zählen und mit den Händen klatschen wollen:

DER SPONDEUS besteht aus gleichbetonten Einheiten: . Auch er hat seine eigene Gesetzmäßigkeit (und reimt sich gerne auf Piräus). Vielleicht finden Sie, dass es ein Ding der Unmöglichkeit ist, zwei aufeinander folgende Wörter oder Silben vollkommen gleich zu betonen, und dass es immer irgendwelche kaum merklichen Abweichungen dabei geben wird. Viele Metriker (darunter Edgar Allan Poe) würden behaupten, dass es in der englischen Dichtung den Spondeus eigentlich gar nicht gibt. Wieder einmal werden wir uns über die damit verbundenen Probleme erst später Gedanken machen, aber einstweilen spricht nichts dagegen, wenn Sie schon einmal davon gehört haben.

Die vierte und letzte Kombination besteht aus unbetonten Einheiten, , und heißt PYRRHICHIUS. Über ihn brauchen Sie sich im Augenblick nicht den Kopf zu zerbrechen, wir werden uns später noch mit ihm beschäftigen. Alle im Englischen vorkommenden Versmaße sind mit den entsprechenden Betonungsbeispielen am Ende des Kapitels in einer Tabelle zusammengefasst.

Held dieses Kapitels ist der Jambus, also wollen wir ihn einmal genauer unter die Lupe nehmen:

Ganz klar, zehn Silben, aber wenn man zählt, oder misst, fünf Versfüße, fünf jambische Versfüße, die sich (in genauer Umkehrung der Trochäuszeile) zu einer starken bzw. betonten Endung steigern. Bitte Lesen Sie wieder laut:

und   eins   und   zwei    und       drei  und vier und fünf

Wer träumt und reimt, schreibt bald den  ersten   Vers.

Ein fünfhebiges Maß, und der prosodische Fachbegriff für »Fünfermaß« kommt wieder einmal aus dem Griechischen und lautet PENTAMETER. Diese schlichte Zeile ist daher ein Beispiel für den JAMBISCHEN PENTAMETER.

Der fünfhebige Jambus

Seit dem vierzehnten Jahrhundert ist der steigende Rhythmus des fünfhebigen jambischen Pentameters das beliebteste Versmaß der englischen Dichtung. Ob Chaucers Canterbury Tales, Spensers Faerie Queene, Shakespeares Dramen und Sonette, Miltons Paradise Lost, oder der Großteil der Verse von Dryden, Pope, Wordsworth, Keats, Browning, Tennyson, Owen, Yeats und Frost – sie alle verwendeten den fünfhebigen Jambus. Mit ihm atmet der englische Vers, und er verdient zu Recht die Bezeichnung HEROIC LINE – KÖNIG DER VERSMASSE.

Praktische Lyrikübung 1

Lesen Sie die folgenden Textbeispiele laut, und achten Sie auf die unterschiedlich pulsierenden Rhythmen, manche stark und regelmäßig, andere sanfter und fließender. Jedes Zeilenpaar ist ein Paradebeispiel für den jambischen Pentameter und weist exakt zehn Silben mit je fünf jambischen Hebungen (fünf Betonungen auf den geradzahligen Takten) pro Zeile auf. Sobald Sie ein Zeilenpaar einige Male gelesen haben, NEHMEN SIE EINEN BLEISTIFT ZUR HAND UND MARKIEREN SIE JEDEN VERSFUSS. Verwenden Sie ? oder / für betonte Silben oder Wörter und oder – für die unbetonten. Ich habe bei jedem Zeilenpaar extra einen doppelten Abstand gelassen, um Ihnen das Markieren zu erleichtern.

Ich möchte Ihnen dringend raten, sich dabei Zeit zu lassen: Kosten Sie jede Zeile voll aus. Denken Sie an die GOLDENE REGEL NUMMER EINS – Verselesen ist wie Schokolade essen: Welch ein Hochgenuss, wenn man sie sich langsam auf der Zunge zergehen lässt, und wie unbefriedigend, wenn man Riesenstücke abbricht und im ganzen hinunterschlingt, ohne dabei wirklich etwas zu schmecken.

LESEN SIE AUF GAR KEINEN FALL WEITER ALS BIS HIERHER, ehe Sie nicht Ihren Bleistift oder Füllfederhalter zur Hand genommen haben. Vielleicht verwenden Sie lieber einen Bleistift, dann können Sie ihre Anmerkungen wieder ausradieren und dieses Buch in jungfräulichem Zustand an jemand anderen ausleihen – meinem Verleger wäre es natürlich lieber, wenn Sie ein weiteres Exemplar für Ihre Freunde kauften. Es ist einfach wichtig, dass Sie sich an den Gedanken gewöhnen, dieses Buch auf die eine oder andere Art zu verunstalten. Hier noch einmal die Spielregeln:

Lesen Sie jedes Zeilenpaar laut, und achten Sie auf seinen ta-

tam

-Rhythmus.

Dann markieren Sie die starken/schwachen (betonten/unbetonten) Silben, und setzen Sie die den Versfuß auszeichnenden »Taktstriche« folgendermaßen:

Vielleicht fällt es Ihnen auch leichter, mit einem Bleistift so zu markieren:

Wenn Sie dann soweit sind, lesen sie jedes Zeilenpaar noch einmal

GANZ LAUT

, mit übertriebener Betonung bei jeder Hebung.

He sit hym up withouten wordes mo,

And with his ax he smoot the corde atwo.

Er setzt sich auf, da nichts zu sagen blieb,

Sein Beil zerteilt das Seil mit einem Hieb.

CHAUCER: The Canterbury Tales, The Miller’s Tale

That time of year, thou mayst in me behold

When yellow leaves, or none, or few, do hang

Die Zeit des Jahres magst du in mir sehn

Da gelbes Laub erglüht, noch hängt, verweht.

SHAKESPEARE: 73. Sonnet

In sooth I know not why I am so sad;

It wearies me; you say it wearies you.

Fürwahr, ich weiß nicht, was mich traurig macht;

Ich bin es satt; ihr sagt, das seid ihr auch;

SHAKESPEARE: The Merchant of Venice, Akt I, Szene 1

Their wand’ring course, now high, now low, then hid

Progressive, retrograde, or standing still

Der Sterne Bahn, bald hoch, bald tief, dann fort,

Ihr Steigen, Fallen, Stillstand im Zenith.

MILTON:Paradise Lost, Book VIII

Oft has our poet wisht, this happy Seat

Might prove his fading Muse’s last retreat.

Des Dichters Traum: Professor Sorgenfrei

und dass die scheue Muse bliebe treu.

DRYDEN: Epilogue to Oxford

And, spite of Pride, in erring Reason’s spite,

One truth is clear, »Whatever is, is right.«

Dem Stolz zum Trotz, nur eins bleibt wahr und echt

trotz irrender Vernunft; wie’s ist, ist’s recht

POPE: An Essay on Man, Epistle 1

And thus they formed a group that’s quite antique,

Half naked, loving, natural, and Greek.

Und ihr antikes Gruppenbild gelingt,

halbnackt, erotisch, griechisch und beschwingt.

BYRON: Don Juan, Canto II, CXCIV

Now fades the glimm’ring landscape on the sight

And all the air a solemn stillness holds.

Nun schmelzt der Glanz der Gegend Zug für Zug,

Und tiefe Feierstille hält die Luft.

GRAY: Elegy Written in a Country Churchyard

And certain hopes are with me, that to thee

This labour will be welcome, honoured Friend!

Und stille Hoffnung hege ich, dass dir,

geschätzter Freund, dies Werk willkommen sei.

WORDSWORTH: The Prelude, Book One

St Agnes’ Eve – Ah, bitter chill it was!

The owl for all his feathers was a-cold:

St. Agnes’ Abend – bitter eisig war’s!

Dem Kauz, trotz all der Federn, wurde kühl

KEATS: The Eve of St Agnes

The woods decay, the woods decay and fall,

The vapours weep their burden to the ground.

Die Wälder welken, welken und vergehn,

Die schweren Nebel weinen bis zum Grund.

TENNYSON: Tithonus

If you could hear, at every jolt, the blood

Come gargling from the froth-corrupted lungs

Und hörtest du, wie Blut bei jedem Stoß

aus schaumverstopften Lungen gurgelnd quillt.

WILFRED OWEN: Dulce et Decorum Est

When you are old and grey and full of sleep

And nodding by the fire, take down this book

Und bist du alt und grau und sterbensmüd,

und nickst am Feuer ein, dann nimm dies Buch

W. B. YEATS: When You Are Old

And death ist better, as the millions know,

Than dandruff, night-starvation, or B.O.

Und schlimmer als der Tod, wie jeder weiß,

sind kleiner Hunger, Schuppen, Achselschweiß.

W. H. AUDEN: Letter to Byron, II

He’s worn out. He’s asleep beside the stove.

When I came up from Rowe’s I found him here.

Erschöpft, todmüd. Am Ofen eingenickt.

Als ich von Rowe’s kam, fand ich ihn dort so.

ROBERT FROST: The Death of the Hired Man

Round hayfields, cornfields and potato-drills

We trekked and picked until the cans were full.

Durch Felder, Wiesen, Äcker streiften wir

und pflückten emsig Beeren, dosenvoll.

SEAMUS HEANEY: Blackberry Picking

And praised his wife for every meal she made.

And once, for laughing, punched her in the face.

Und lobt’ die Frau für jedes gute Mahl.

Zerschlug, nur so, ihr lachendes Gesicht.

SIMON ARMITAGE: Poem

Soweit dieser Querschnitt durch fast siebenhundert Jahre englischer fünfhebiger Jamben. Zugegeben, das Markieren der Takte ist keine besonders geistreiche Übung, aber es ist eine gute Methode, um mit den Eigenheiten der Zeile und ihren fünf regelmäßigen Hebungen vertraut zu werden.

Wenn Sie die Zweizeiler durchmarkiert haben, LESEN SIE NOCH EINMAL GANZ VON VORN, entweder laut oder leise für sich. Kosten Sie ihren Reiz so aus, als würden Sie einen guten Wein probieren.

Ich hoffe, Sie stimmen mir zu, wenn ich sage, dass die Zeilen des jambischen Pentameters ein breites Spektrum haben, sie können förmlich, abrupt, fließend, plaudernd, komisch, beschreibend, erzählend, kontemplativ, deklamatorisch sein sowie darüber hinaus jede beliebige Kombination dieser und anderer Eigenschaften enthalten. Ich habe mit Bedacht Zeilenpaare ausgewählt, um das Fließen des Versmaßes über die Zeile hinaus zu verdeutlichen.

Dennoch bleibt die Betonungsfolge in jedem Beispiel gleich. Ich hoffe auch, dass Ihnen die spürbaren Unterschiede in Bewegung und Tempo, An- und Abschwellen, Abruptheit und Melodik nicht entgangen sind. Es sollte bereits klar geworden sein, dass eine scheinbar simple Versform, die auf einfachsten Regeln aufbaut, über ein verblüffendes Potential unterschiedlichster Ausdrucksmöglichkeiten verfügt.

Auch wenn Sie bis jetzt lediglich mit dem Wissen gerüstet sind, dass ein fünfhebiger Jambus eine Wechselfolge von fünf betonten und unbetonten Maßeinheiten ist, wird es langsam höchste Zeit für Sie, es einmal selbst zu versuchen.

Praktische Lyrikübung 2

Ich möchte, dass Sie jetzt sofort dieses Buch beiseitelegen, Ihren Notizblock zücken und mindestens zwanzig Zeilen erste eigene jambische Pentameter schreiben. Sollten Sie gerade keine Zeit haben oder sich an einem ungeeigneten Ort befinden, so warten Sie einen passenden Moment ab oder blättern Sie zurück, um die Beispiele noch einmal zu lesen. Ich möchte auf keinen Fall, dass Sie auch nur eine einzige weitere Zeile in diesem Buch lesen, bevor Sie es nicht mit diesen Übungen versucht haben. Bevor Sie loslegen, hier die Anleitung:

Verfassen Sie E

INZELZEILEN

und Z

EILENPAARE

.

In dieser Übung soll noch

nicht

gereimt werden.

Schreiben Sie Zeilen oder Zeilenpaare in einem lockeren Plauderton, erst einfache, dann kompliziertere, sowie beschreibende, alberne und schließlich ganz ernsthafte.

Steigern Sie beim Schreiben Ihr Tempo: lassen Sie sich Rhythmus und Zeilenlänge in Fleisch und Blut übergehen. Sie werden merken, dass Sie sehr schnell ein

Gefühl

für die zehn Silben und fünf Hebungen einer jambischen Zeile entwickeln. Sie werden förmlich hören können, wie die Versfüße vor Ihnen in die betonte Endsilbe springen.

Sie dürfen Ihre Zeilen selbstverständlich überarbeiten und neu schreiben, aber Sie sollten sie keinesfalls unnötig aufpolieren oder nach Effekten haschen, mit Ausnahme des Metrums natürlich.

Dies ist eine

Übung

: Auch wenn Sie schon einmal etwas von Enjambement und weiblichen Endungen, von trochäischen und pyrrhischen Substitutionen gehört haben –

Finger weg!

Sollten Sie noch keine Ahnung davon haben, zerbrechen Sie sich nicht unnötig den Kopf und lassen Sie sich nicht entmutigen. Schon bald werden Sie mitreden können.

Nehmen Sie sich pro Zeile dreißig Sekunden Zeit. Das sind zehn Minuten für zwanzig Zeilen. Nicht länger. Hier geht es nicht um hohe Ansprüche, sondern Sie sollen ein Gefühl für das Metrum entwickeln, und es soll Ihnen in Fleisch und Blut übergehen.

Versuchen Sie, unterschiedlich lange Wörter zu verwenden: Beherzigen Sie Alexander Popes Warnung vor Einsilblern:

And ten low words oft creep in one dull line. [4]

Zu zehnt folgt eng und platt bloß Wort auf Wort.

Vermeiden Sie unnötige »Wortquälerei«, ein

gequälter

Akzent ist die Falschbetonung eines Wortes, bloß um es in ein metrisches Schema zu pressen, wie etwa:

He chose a word to force a wrenched accént

Er setzt das Wort in qualvollé Hebúng

Schreiben Sie

Gegenwartssprache

, und meiden Sie altertümlich »poetisches« Vokabular, Wortinversionen, überflüssige Füllwörter (»Expletive«) wie »tat« und »so« in gespreizten Konstruktionen der Art:

The swain did stand ’midst yonder sward so green

Wie tat er wandeln nur auf jener Flur so grün

Then heard I wide the vasty portals ope

Dann hörte ich das mächt’ge Tor weit öffnen sich

Ich werde die Übung jetzt selbst machen und mich dabei streng an alle Spielregeln halten, um so eine ungefähre Vorstellung von dem zu vermitteln, was ich von Ihnen erwarte.

Tack-tick tack-tick tack-tick tack-tick tack-tick …

Gut. Und das ist mir dazu eingefallen:

Die blöde Post braucht heute wieder lang.

Um acht Uhr nix, vielleicht kommt sie um neun?

Der Vorhang fällt, der Tod ist uns gewiss.

Den schlappen Darm beschwingt ein sanftes Öl.

Man staunt, dass auch der Unsinn rhythmisch jambt.

Du schaust mich an, die Glückshormone sprühn.

Ich kann und will jetzt nicht ans Telefon.

Das Band bewahrt die Nachricht bestens auf.

Des Menschen Geist ist nie sich selbst genug.

Man sieht, der Rhythmus prägt sich einfach ein.

So leicht hat man das Metrum im Gefühl.

Das Versmaß fließt, wenn ich die Zeile schreib’.

Kein Wort von dir kann meine Schmerzen lindern.

Wie unbeschreiblich schön ist dieses Pult –

Papier und Tinte – eine eigne Welt.

Viel Not lässt unser Leben sorglos sein.

Dein Haarschnitt ist, ich schwör’s bei Zeus, so schlecht,

dass nur mein Schlips dir schlimmer scheinen mag.

Dein böser Witz zerreißt mein armes Herz.

Ich glaub’, ich reime ziemlich großen Mist.

Ich hoffe, das macht Ihnen Mut und lässt Sie begreifen, dass es in dieser Übung nicht um Qualität, poetische Visionen oder Wortakrobatik geht.