Feindesland - Adam Sternbergh - E-Book

Feindesland E-Book

Adam Sternbergh

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Beschreibung

Das Ende ist nah

Terroristen haben New York zweimal in die Luft gesprengt. Das World Trade Center und den Times Square. Beides hat einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Eine Weile lang ist es ruhig gewesen. Kein Wunder, wenn alle nur träumen. Aber jetzt scheinen die Terroristen tatsächlich einen Weg gefunden zu haben, in die Träume einzudringen … Spademan stellt sich ihnen entgegen.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 386

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Das Buch

New York droht der Untergang. Es ist verseucht von einer schmutzigen Bombe. Der letzte Zufluchtsort ist die virtuelle Traumwelt der Limnosphäre. Zumindest für die Reichen. In der einst glänzenden Metropole verdingt sich der frühere Müllmann Spademan als Auftragskiller. Seine bevorzugte Waffe: ein Teppichmesser. Sein neuster Auftrag: Er soll das heruntergekommene Ex-Computerwunderkind Lesser beseitigen. Lesser hat sich durch illegale Schnüffeleien in der Sphäre mächtige Feinde gemacht. Doch als Spademan sein Messer an Lessers Kehle setzt, stellt dieser eine alarmierende Behauptung auf: Islamistische Terroristen planen einen Angriff auf New York. Erneut. Und diesmal schlagen sie in der Sphäre zu.

Durch die erste Bombe hat Spademan die Liebe seines Lebens verloren. Diesmal ist er bereit, alles zu tun, um den endgültigen Untergang New Yorks und den Tod seiner Freunde zu verhindern. Lessers Warnung führt ihn auf einen dunklen Pfad. Mitten hinein in eine gnadenlose Welt aus Korruption und Intrigen bis hinauf in die höchste Politik.

Der Autor

Bevor ADAM STERNBERGH Romanautor wurde, war er Kulturredakteur des New York Times Magazine und Chefredakteur beim Magazin New York. Seine Artikel erschienen in diversen Publikationen wie GQ, The Times und beim Radioprogramm This American Life. Spademan war sein Debütroman, der für den Edgar Award nominiert wurde. Er lebt in Brooklyn, New York.

Lieferbare Titel

978-3-453-26888-3 – Spademan

ADAM STERNBERGH

FEINDESLAND

THRILLER

Aus dem Amerikanischenvon Alexander Wagner

WILHELM HEYNE VERLAGMÜNCHEN

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel

NEAR ENEMY

bei Crown Publishers, an imprint of the Crown Publishing Group,a division of Random House, Inc., New York

Unter www.heyne-hardcore.de finden Sie das kompletteHardcore-Programm, den monatlichen Newslettersowie unser halbjährlich erscheinendes CORE-Magazinmit Themen rund um das Hardcore-Universum.

Weitere News unter www.facebook.com/heyne.hardcore

Copyright © 2015 by Adam Sternbergh

Copyright © 2015 der deutschsprachigen Ausgabe

by Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Redaktion: Kristof Kurz

Umschlaggestaltung: Nele Schütz Design, München,

unter Verwendung von shutterstock/fototehnik

Satz: Schaber Datentechnik, Wels

ISBN: 978-3-641-12593-6

www.heyne-hardcore.de

Für RC

Ich belästige Sie sehr ungern,

aber ich spreche vom Bösen.

Es blüht.

Es isst.

Es grinst.

ANNE CARSON,»Der Fall von Rom: Ein Reiseführer«

I. TEIL

1

Die Stimme am Telefon nannte nur einen Namen.

Lesser.

Eine Frauenstimme. Legte gleich wieder auf.

Eine Stunde später war das Geld überwiesen.

Ich kritzelte den Namen auf einen Zettel. Schob ihn in eine Tasche.

In die andere Tasche den Teppichschneider.

Einfach.

Als sie den Namen nannte, konnte ich unmöglich ahnen, dass es so gründlich schiefgehen würde.

2

Dies war früher eine Stadt der Schlösser.

Mindestens fünf Stück an jeder Eingangstür, wie bei einem Tresor.

Kettenschloss.

Kastenschloss.

Knaufschloss.

Bolzenschloss.

Aber niemand in New York macht sich mehr die Mühe mit so vielen Schlössern. Die Stadt ist sicherer geworden. Oder zumindest unbelebter. Die Häuser stehen leer. Und keiner macht sich mehr die Mühe, irgendwo einzubrechen, denn es gibt nichts mehr zu klauen. Alles ist restlos geplündert, und jeder, der noch in Manhattan lebt und irgendwas Wertvolles zu beschützen hat – Familie, Würde, die Baseball-Karten-Sammlung –, tut das mit einer Schrotflinte und nicht mit einem Bolzenschloss. Das eigentliche Problem für einen Einbrecher ist nicht reinzukommen, sondern wieder rauszukommen.

Wenn man genügend Gewalt anwendet, gibt jedes Bolzenschloss nach.

Aber Schrotflinten sind erbarmungslos.

Natürlich besitzen die Reichen immer noch jede Menge Luxuskram. Nur bewahren sie den Luxuskram nicht mehr hier draußen auf.

Hier draußen brauchen sie nur noch ein Bett und eine Verbindung.

Alles andere horten sie in der Limnosphäre.

Und wenn man reich ist, so reich, dass man den ganzen Tag seinen Körper verlassen, sich einklinken und in die Limnosphäre abtauchen kann, dann wohnt man vermutlich irgendwo hermetisch abgeriegelt in einem Glasturm, beschützt von Code-Schlössern und Portiers, die rund um die Uhr mit Schrotflinten auf den Knien die Straße beobachten.

Wo man ganz sicher nicht wohnt, wenn man reich ist, ist hier: eine geduckte, weitläufige, baufällige Wohnsiedlung wie Stuyvesant Town, nahe genug am Ufer, um den Fluss riechen zu können. Ein paar Dutzend Ziegel-Apartmenthäuser scharen sich um Innenhöfe, in denen das Gras längst braun und verdorrt ist. Dort verrotten auf Spielplätzen verbeulte Rutschen, schief an Ketten hängende Schaukeln, mit Rostekzemen übersäte Eisen-Schaukeltiere, befallen von irgendeiner ekligen Schaukeltier-Krätze. Diese Apartmenthäuser sind in etwa so einladend wie Gefängnisse der niedrigen Sicherheitsstufe, nur fehlen hier die Sportplätze, die Zäune und die Wachleute, die einschreiten, wenn jemand abzuhauen versucht.

Und deshalb sind auch alle abgehauen.

Die Anlage ist eine Geisterstadt.

Die Lobby steht jedem weit offen.

Nur hereinspaziert.

Stuyvesant Town wurde vor Dekaden für die Mittelklasse gebaut, damals, als es noch so was wie eine Mittelklasse gab. Irgendwann verkaufte die Stadt das Gelände dann an Privatinvestoren. Und nach Times Square überließ man das Ganze einfach sich selbst. Jetzt steht die Siedlung allen offen, ist ein Zuhause für Hausbesetzer, Herumtreiber, Obdachlose, Schmarotzer und Betthüpfer.

Hinter Letzteren bin ich her.

Betthüpfer.

Und zwar hinter einem ganz bestimmten.

Ich muss bekennen, ich habe es vermisst.

Ich war eine Zeit lang anderweitig beschäftigt. Habe mir eine Auszeit genommen. Familienangelegenheiten, wenn man so will. Weil ich jetzt offenbar eine Familie habe. Oder so was in der Art.

Ist irgendwie kompliziert.

Aber das hier?

Das ist einfach.

Sie fragen an. Ich trete in Aktion.

Ursache und Wirkung. So alt wie Kain und Abel. So alt wie das Universum.

Es gibt nicht mehr viele Dinge, die so einfach sind. Nicht in meinem Leben. Nicht in New York. Nicht im Universum.

So viel steht fest.

Sie mögen das vielleicht für kalt und grausam von mir halten, und Sie haben recht. In beiden Fällen.

Kalt und grausam.

Aber so ist das Universum nun mal.

Fragen Sie es doch selbst.

Die Nummer des Apartments steht auf dem Zettel neben Lessers Name.

2B.

Am Ende des Flurs, unter flackerndem Neon.

Unser Freund Lesser scheint weniger vertrauensselig als die meisten zu sein. Er hat ein doppeltes Bolzenschloss und außerdem ein Kastenschloss an der Tür. Also ziehe ich meine kleinen feinen Werkzeuge zum Schlösserknacken aus ihrem Versteck in meinen Haaren –

Scherz.

Ich hieve den Zwölf-Pfund-Vorschlaghammer aus meinem Seesack.

Ich lasse den Sack fallen.

Bevor ich aushole, bemerke ich eine Visitenkarte, die zwischen Tür und Rahmen klemmt.

Ich zupfe die Karte heraus.

Lese sie.

PUSHBROOM.

Keine Nummer.

Kein Garnichts.

Nur Pushbroom.

Ich stecke sie ein.

Dann mache ich mich wieder an die Arbeit.

Packe den Vorschlaghammer.

Sesam, öffne dich.

Ich klopfe dreimal.

Der Türpfosten gibt als Erstes nach.

Gepriesen sei Gott für solche billigen Türrahmen und für nachlässige Vermieter. Und für Nachbarn, die wissen, welche Geräusche sie besser ignorieren.

Ich trete die Tür ein, und erst dann frage ich mich, ob Lesser möglicherweise Gesellschaft hat.

Unwahrscheinlich, dass ich Lesser aufwecke. Er ist berühmt für seinen tiefen Schlaf. Außerdem ist er nicht gerade ein Musterbild an Gesundheit. Er ist fett, und üblicherweise mieft er, als könnte er bestimmte Körperregionen beim Waschen nicht erreichen.

Ich hab Lesser durch meinen Freund Mark Ray kennengelernt, aber vor allem kenne ich ihn, weil ihm ein gewisser Ruf vorauseilt, vor allem in der Hardcore-Einklinkszene. Er war mal eine Art Wunderkind, richtig gut in irgendwas. Aber dann hat er alles hingeschmissen, wurde ein Betthüpfer und verschwendete seine Zeit damit, in den Träumen von anderen Leuten herumzuschnüffeln.

Im Apartment höre ich Schnarchen. Ich folge dem Geräusch den Flur entlang, so wie das Stinktier Pepé Le Pew einem Parfümduft folgt.

Als Kind habe ich Bugs Bunny geliebt.

Aber den Coyoten habe ich gehasst. Und den Road Runner noch mehr.

Sinnentleerter Wüsten-Scheiß.

Le Pew war ganz in Ordnung.

Ich entdecke das Schlafzimmer. Drücke die Tür auf.

Keine Möbel. Ein Besucher. Spindeldürrer Knabe, Junkie-dünn. Hockt vor dem Bett, glotzt Lesser an wie ein besorgter Angehöriger die Leiche bei der Totenwache.

Lessers Bett ist kaum mehr als eine Pritsche. Wirre, verknotete Kabel, alles selbst verlötet, wie bei einem verqueren Jugend-forscht-Projekt.

Übrigens hab ich mir einen von diesen Lern-jeden-Tag-ein-Wort-dazu-Kalendern zugelegt.

Verquer. Wort des Tages von gestern.

Lesser ist abgetaucht, in Träumen versunken. Gelegentliches Schnarchen informiert uns darüber, dass er noch lebt.

Das Licht im Raum hat die Farbe von rostigem Wasser. Vergilbte Druck-Erzeugnisse ersetzen die Vorhänge. Sämtliche Fenster sind mit Zeitungspapier zugeklebt. Alte Schlagzeilen brüllen die teilnahmslose Welt an wie diese verrückten Gehsteig-Propheten.

DAS ENDE IST NAH.

Übrigens ist Lesser nackt.

Das ist so ein Hüpfer-Ding. Manche sind dabei lieber im Adamskostüm. Ist offenbar ein größerer Kick.

Der andere Bursche, der Spindeldürre, hockt einfach da und starrt mit offenem Mund den Fremden an, der da mit einem großen Vorschlaghammer in der Hand hereinspaziert kommt.

Ich stelle den Hammer ab. Sanft. Strecke eine Hand aus.

Mein Name ist Spademan.

Der Junge blinzelt einmal. Immerhin ein Lebenszeichen.

Ich heiße Moore.

Witzig. Moore und Lesser. Mehr oder weniger. Wie ein Komiker-Duo. Er schüttelt meine Hand nicht. Was soll’s. Ich lasse die Hand wieder sinken.

Könntest du uns wohl für einen Moment alleine lassen? Ich muss mit Lesser reden.

Ich glaube nicht, dass er gestört werden will.

Es dauert nur eine Minute.

Aber ich soll auf ihn aufpassen.

Ich glaube nicht, dass du das sehen willst.

Spindeldürr kapiert den Wink. Packt eilig seine Sachen zusammen. Ein Armeerucksack und eine khakifarbene Uniformjacke, auf die noch der Name des Soldaten gestickt ist.

Als er geht, verbeugt er sich vor mir wie eine Geisha. Merkwürdig.

Sobald er verschwunden ist, greife ich in meine Tasche.

Zücke mein Teppichmesser.

Ich habe gerade die Klinge ausgefahren, da richtet sich Lesser abrupt auf. Er ist hellwach und schreit wie am Spieß. Lauter als ein Feueralarm.

Reißt sich die Kabel raus.

Blut spritzt.

Schreit immer noch.

Reißt sich die Sensor-Pads ab, zerrt die Infusionskanüle raus. Noch mehr Blut.

Schreit immer noch.

Man nennt das den Weckruf. Die Sinne gehen wieder online. Der plötzliche Schock des Wiedereintritts in die reale Welt.

Er klatscht auf seinen Körper ein, als würde er in Flammen stehen.

Schreit immer noch.

Spindeldürr schlüpft wieder herein. Warum auch immer.

Vielleicht hat seine Neugier über seinen Überlebensinstinkt gesiegt. Womöglich macht er sich auch echte Sorgen um seinen Freund. Obwohl das seinem leisen Abgang vorhin widersprechen würde.

Wer weiß das schon. Hüpfer-Logik. Es ist – wie nennt man das noch gleich?

Paradox.

Das Wort des heutigen Tages.

Betthüpfer hüpfen in der Limnosphäre von Traum zu Traum und bleiben dabei völlig unsichtbar. Sie sind wie Spanner, nur schlimmer, weil sie in deinem Kopf unterwegs sind. Sie schnüffeln in deinen Fantasien herum, in den ganz perversen, die du nur in der Sphäre auszuleben wagst, unter absoluter Geheimhaltung, die natürlich einen Haufen Geld kostet.

Es sind diese Träume, die die Hüpfer interessieren. Das ist ihre Leidenschaft.

Hüpfer schauen zu.

Und aus diesem Grund sind sie nicht allzu beliebt. Das Problem ist: Wenn sie es richtig anstellen, merkst du nicht einmal, dass sie da sind. Sie schauen einfach völlig unbemerkt zu. So wie Onkel Scrooge in dieser alten Weihnachtsgeschichte.

Die Geister der gegenwärtigen Perversen.

Hüpfen ist natürlich höchst illegal, doch wenn sie dich dabei erwischen, kriegst du es nicht etwa mit den Cops zu tun. Vielmehr heuern die Betroffenen dann private Traumreiniger an. Die sind wie Rausschmeißer, nur weniger sanft. Wenn die Traumreiniger dich beim Betthüpfen erwischen, dann sorgen sie dafür, dass du es bereust. Auf recht einprägsame Art.

Und nicht hier draußen.

Sondern da drinnen.

Deshalb arbeiten clevere Hüpfer üblicherweise in Zweierteams. Man hat noch einen Kumpel draußen, der nach einem sieht, so wie Spindeldürr hier. Jemanden, der einen notfalls ausklinkt, wenn man geschnappt wird. Denn andernfalls kann es passieren, so erzählt man sich zumindest, dass der Hüpfer wochenlang in der Limnosphäre festgehalten und rund um die Uhr von fiesen Knochenbrechern bearbeitet wird. Er kann weder aufwachen noch sich ausklinken, und wenn hier draußen niemand aufpasst, dann werden sich die Reiniger an ihm richtig gründlich austoben. Sich Zeit lassen. Wochen und Monate. Die Tage mit X im Kalender ankreuzen. Und weitere Zeichen auf seinem Körper hinterlassen.

Die Reiniger können dich nicht töten. Schließlich kann man in der Limnosphäre nicht sterben. Und das nutzen die Reiniger zu ihrem Vorteil.

Und wenn die Person, die du heimlich ausgespäht hast, besonders rachsüchtig ist, verzichtet sie möglicherweise sogar ganz auf einen Reiniger.

Stattdessen heuert sie jemanden wie mich an.

Einen, der dich aufspürt, da draußen in der echten Welt.

Wo eine Strafe auch endgültig sein kann.

Übrigens schreit Lesser immer noch.

Schätzungsweise ist er irgendwo in der Sphäre in Schwierigkeiten geraten. Vielleicht hatten sie ihn gerade in der Mangel, als ich reinkam, und er hat sich soeben befreit. Ein ziemlich ungünstiges Timing für ihn, denn jetzt bin ich da.

Gewissermaßen vom Regen in die Traufe.

Endlich hört Lesser auf zu schreien. Geht über zu einer Art Stottern.

Murmelt irgendwas.

Er sagt etwa Folgendes:

Nicht sie nicht sie nicht sie nicht sie nicht sie nicht sie.

Nicht hier.

3

Verdammt.

Ein kurzer Hausbesuch wächst sich zu einer fünfzigminütigen Couchsitzung aus. Mit mir in der Rolle des Therapeuten.

Und ausgerechnet heute habe ich meinen Rollkragenpullover und meine Pfeife nicht dabei.

Klar, ich könnte die Sache immer noch schnell hinter mich bringen und früh wieder zu Hause zu sein. Aber ich bin neugierig.

Nicht sie.

Nicht hier.

Also ziehe ich mir einen Stuhl heran und schicke Spindeldürr runter zum Deli, damit er ein Sixpack und einen Liter Milch holt. Ich drücke ihm zwei Zwanziger in die Hand. Mehr als er braucht. Das großzügige Trinkgeld sorgt hoffentlich dafür, dass er zurückkommt, weil er auf mehr spekuliert.

Er kommt zurück.

Bringt mir das Sixpack, den Liter Milch und ein Truthahn-Sandwich. Für den Fall, dass ich Hunger habe.

So langsam kann ich mich richtig für Spindeldürr erwärmen.

Ich reiße den Milchkarton auf.

Milch beruhigt Hüpfer.

Keine Ahnung, warum.

Das Sixpack ist für mich. Spindeldürr geht leer aus.

Lesser richtet sich im Bett auf, kippt die Milch in sich rein.

Weiße Kaskaden strömen über seine Brust. Rinnen seinen Bauch runter. Bilden eine Pfütze über seinem Intimbereich. Die ihn bedeckt.

Gnädigerweise.

Dann fordere ich Lesser auf, mir zu erzählen, was er gesehen hat.

Finanztyp. Orgie. Jeden Samstagabend. Immer pünktlich um die gleiche Zeit.

Milch blubbert auf Lessers Lippen, während er sich beeilt, seine Geschichte auszuspucken.

Bin da schon öfter reingehüpft. Das ist ziemlich leicht, fast schon so, als wüsste er, dass du kommst und es ihn zusätzlich scharfmacht, wenn ihm jemand zuschaut.

Komm auf den Punkt, Lesser.

Lesser wischt sich über die Lippen. Schaut sich um. Merkt, dass er nackt mit seinem dürren Freund und einem Unbekannten in einem dunklen Raum hockt. Und mit einem Vorschlaghammer, warum auch immer.

Er stellt den leeren Milchkarton ab.

Kann ich meinen Bademantel haben?

Lesser, ich dachte schon, du würdest nie fragen.

Lesser ist aufgestanden, quetscht seinen fetten Leib in einen Sessel. Im Bademantel. Frotteestoff. Kaum gewaschen. Hat schon bessere Tage gesehen. Hoffentlich auch bessere Körper.

Lesser ist erst Anfang zwanzig, aber so wabbelig, dass er auch fünfzig sein könnte. Strähniges, kinnlanges Haar. Die typische Hautfarbe von jemandem, der nie seine Bude verlässt. Ein Teint wie eine Gipsmauer.

Er fährt fort.

Also, ich schlüpfe rein, und zwar im kompletten Tarnmodus. Ich kann ihn sehen, aber niemand kann mich sehen, es sei denn, er hält nach mir Ausschau, was aber definitiv keiner tut. Nicht in diesem Raum, der so voller Ablenkungen ist. Wir reden hier ausschließlich von perfekt geformten Nacktmodellen. Wohin du blickst, überall eingeölte Kurven. Wie so ein Vintage-Playboy-Mansion-Scheiß.

Lesser beugt sich vor, als wolle er uns ein Geheimnis verraten.

Und dieser Typ steht auf Amputierte. Total schräger Fetisch. Die Hälfte der Damen hat keine Beine. Keine Arme. Tja, ich weiß auch nicht. Ein paar –

Das ist ja alles sehr interessant, Lesser. Aber ich schätze, das ist nicht der Grund, weswegen du so rumgeschrien hast.

Nein. Wie auch immer. Dieser Finanztyp. Total durchtrainiert. Da drin zumindest. Hier draußen ist er schätzungsweise so um die siebzig. Aber da drin, da ist er ein goldener Gott. Als wäre er gerade frisch vom Olymp herabgesurft.

Lesser.

Schon gut. Also die Orgie. Das Übliche. Der Raum ist mit Seidentapeten verkleidet, wie ein viktorianischer Salon oder so. Überall Sofas, so altmodische Dinger, mit Samt bezogen. Der Typ ist behängt wie ’n Gaul. Übertreibt es echt ein bisschen, was die Schwanzlänge betrifft. Mein Gott, diese alten Knacker und ihre Fantasien. Ich rede hier von ’nem knielangen Gerät.

Lesser.

Sorry. Also, alles läuft wie erwartet. Dann klopft es an der Tür. Und – der Typ scheint überrascht. Nicht wirklich verängstigt. Noch nicht. Nur – neugierig. Vielleicht ein bisschen genervt. Zunächst.

Okay.

Also, die Tür geht auf, und heilige Scheiße – ich fasse es nicht –, die Temperatur sinkt schlagartig. So unter null Grad. Und diese Nacktmodelle? Die beginnen einfach – zu flimmern. Frieren ein. Als hätte sich das ganze Programm aufgehängt. Und natürlich ist unser Finanztyp jetzt superangepisst. Weil das Ganze ein absurd teures Konstrukt ist.

Aber wer ist an der Tür?

Lesser verschränkt die Arme. Umklammert sich selbst. Schaut sich um.

Ich muss weg. Hier können wir nicht bleiben. Wir müssen weg.

Er starrt mich an.

Wir müssen unbedingt hier weg.

Lesser, wer war da?

Schwarze Augen.

Er wiederholt es zweimal.

Schwarze Augen.

Schwarze Typen?

Nein. Schwarze Augen. Nur ihre Augen. Die schwebten da. Von ihr war nichts zu sehen. Sie war komplett verhüllt. Schwebte. Sie trug so eine – wie heißt das noch gleich?

Lesser macht eine Geste. Der ganze Körper. Von Kopf bis Fuß. Sucht nach dem Wort.

Du weißt schon, wie ein Geist.

Ein Geist?

Ja. Ein schwarzer Geist.

Mir dämmert, was er meint.

Eine Burka?

Lesser nickt.

Ja. Eine Burka. Also, man konnte nur ihre Augen sehen. Diese schwarzen Augen.

Lesser zittert.

Dieser Banker-Typ, er fing einfach an zu lachen. Splitternackt. Fing an zu lachen, als wäre das ein Überraschungsgeschenk, das ihm irgendjemand geschickt hat, um die ganze Sache noch prickelnder zu gestalten. So eine Art Partygag. Diese Frau in der Burka. Sie hat sich nicht bewegt. Hat ihn einfach nur angesehen. Und er marschierte direkt auf sie zu, splitterfasernackt, dieser Typ. Und er schaute sie an und sagte: Was ist das? Ein Geschenk? Für mich? Dann wollen wir’s mal auspacken. Er kam ihr richtig nahe. Sagte zu ihr, mit tiefer Stimme: Ich werde dich jetzt aus deinem Gewand schälen.

Und was passierte dann?

Lessers Augen werden leer. Er antwortet flüsternd.

Oh. Dann hat sie ihn geschält.

Spindeldürr meldet sich.

O Scheiße.

Lesser schaut angsterfüllt drein.

Sie hatte diesen Dolch.

Er krächzt jetzt nur noch.

Diesen Krummdolch. Und sie hat den Typ einfach der Länge nach aufgeschlitzt. Ihn gehäutet – ohne ihn zu töten.

Und was dann?

Na ja, alle andern sind ausgerastet. Diese Nacktmodelle flimmerten. Zwei oder drei suchten panisch den Ausgang – keine Ahnung, schätzungsweise waren zwei oder drei von denen real. Also mit einer realen Peson hier draußen verbunden. Freundinnen, Callgirls, keine Ahnung. Und sie kreischten, brüllten Security! Security!, als würde das irgendwas helfen. Und diese Frau hatte diesen beschissenen Krummdolch oder was auch immer unter ihrem Umhang hervorgezogen. Die Klinge war jetzt total blutig. Sie hat ihn einfach aufgeschlitzt, Mann. Der Länge nach. Und seine Haut – sie hielt seine beschissene Haut –

Lesser unterbricht sich. Würgt. Kotzt Milch.

Kotze klatscht auf den Holzboden.

Er wischt sich den Mund ab.

Er fährt fort, alles in leuchtenden Farben zu schildern, trotz des gelegentlichen Würgens.

Frau in einer schwarzen Burka. Mit einer blutigen Klinge.

Schwebt zwischen den Nacktmodellen umher.

Sorgt für mehr Amputierte.

Was dann, Lesser?

Was dann?Dann hab ich diesem Fliegenschiss hier ein Zeichen gemacht, dass er mich ausstöpseln soll.

Deutet auf Spindeldürr.

Ich hab verdammt noch mal jeden Rettungsruf geschrien, den ich kenne.

Und da bist du zurückgekommen?

Nein. Nein, noch nicht gleich. Aber zum Glück hat er angefangen, mich auszustöpseln.

Was ist passiert?

Was passiert ist? Sie hat sich in die Luft gesprengt.

Lesser durchlebt es erneut. Seine Stimme ist jetzt nur noch ein heiseres Raspeln.

Sie hat einfach ihre Arme um den Banker geschlungen, und dann hat sie sich selbst in die Luft gesprengt.

Wir sehen die Ereignisse über sein Gesicht flackern wie über eine Kinoleinwand.

Alles in Fetzen. Überall Körperteile. Beschissenes Feuer. Ich stand in Flammen.

Spindeldürr zuckt zusammen.

Heilige Scheiße.

Und die Schreie, alle haben geschrien, und ich hab gebrannt.

Die Geschichte ist zu Ende. Der Film ist aus. Die letzte Einstellung des Horrorfilms läuft als Endlosschleife auf Lessers bleichem Gesicht.

Lesser und Moore sind beide mehr oder weniger fertig mit den Nerven.

Moore heult. Lesser brabbelt.

Kapierst du nicht? Wenn die draufgekommen sind –

Ich muss nachhaken.

Lesser, wenn die auf was gekommen sind –

Wenn die in ein Konstrukt eindringen können, wenn die es sprengen, einfach jemanden in die Luft jagen und töten können, dann sind wir alle geliefert. Kapierst du nicht?

Wen töten, Lesser?

Diesen Typen. Den Banker.

Aber Lesser, er ist nicht tot. Nicht wirklich –

Glaub mir, Mann. Ich habe in der Sphäre Millionen Leute sterben sehen. Der hier war anders. Jemand ist eingedrungen.

Lesser, das ist Blödsinn.

Und wenn sie dort eindringen und das tun können, wenn sie einen Typen wirklich töten können –

Aber du bist nicht tot, Lesser. Dir geht’s gut. Du bist rausgekommen.

Kapierst du denn nicht? Es ist schon beschissen genug, dass die hier draußen alles in die Luft gesprengt haben. Sie haben die ganze beschissene Stadt hochgehen lassen. Weißt du nicht mehr? Da draußen –

Lesser, du bist draußen. Alles ist in bester Ordnung.

Die Sphäre ist der letzte Ort, an den wir uns flüchten können. Aber wenn sie jetzt da auch noch dort sind? In der beschissenen Sphäre?

Das wird schon wieder.

Wenn sie dich in deinen beschissenen Träumen finden können –

Lesser –

– wenn die dich da drin aufstöbern und auch noch töten können? Dann ist niemand sicher. Niemand ist mehr sicher. Kapierst du das denn nicht?

Danach ließ ich Lesser natürlich am Leben.

Wenn man so eine Geschichte hört, kann man anschließend schwer sagen: Toll. Danke dafür. Doch da wäre noch eine Kleinigkeit.

Außerdem will ich herausfinden, was genau Lesser da drin gesehen hat. Denn das, was Lesser da auf seine brabbelnde Art beschrieben hat, sollte eigentlich nicht möglich sein.

Getötet zu werden, während man in der Sphäre ist.

Andererseits weiß das niemand besser als ein Hüpfer wie Lesser. Trotzdem wirkt er absolut überzeugt davon.

Ich frage ihn ein letztes Mal.

Wer war es, Lesser? Wen hast du da drin gesehen?

Er zögert. Schweigt. Als würde er nachdenken. Irgendwas abwägen. Dann sagt er schlicht:

Ich weiß nicht. Keine Ahnung.

Was ist mit dem Banker?

Nur so ein Typ, den ich ausgespäht habe. Ich kenne seine Realwelt-Identität nicht.

Und wie können wir rausfinden, ob er wirklich tot ist?

Lesser blicke zu mir auf. Immer noch angsterfüllt. Und immer noch überzeugt.

Vertrau mir. Er ist tot. Ich weiß es.

Ich lasse Lesser mit Spindeldürr und weiteren zwanzig Dollar zurück. Keine Ahnung, warum. Vielleicht damit er ihm ein paar Heftpflaster kauft.

Dann mache ich mich auf den Weg zurück nach Hoboken und denke darüber nach, was er gesagt hat.

Nicht sie. Nicht hier.

Terroristen haben diese Stadt zweimal in die Luft gesprengt. Die reale, meine ich jetzt.

World Trade Center und Times Square. Beides hat einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Und der letzte Anschlag auch noch einen toxischen Nachgeschmack.

Es ist eine Weile lang ruhig gewesen. Kein Wunder, wenn alle nur träumen.

Aber wenn sie jetzt tatsächlich eine Möglichkeit gefunden haben, in die Träume einzudringen –

Ich persönlich bin kein großer Freund des Einklinkens.

Ich habe viel Zeit in den Betten verbracht, aber das war nicht von Dauer.

Ich ziehe die faktische Wirklichkeit vor.

Echte Schmerzen. Harte Tatsachen.

Ich schätze das, ganz im Ernst.

Aber ich verstehe Lessers Sorge.

Diese verkrüppelte Stadt kann ohne ihre Krücken nicht leben.

4

Am nächsten Tag, es ist früher Sonntagmorgen, holt mich Mark Ray bei meinem Apartment in Hoboken ab, und wir machen unseren wöchentlichen Ausflug ins Hinterland von New York. Ich erzähle ihm Lessers Geschichte und bitte ihn, mir zu erklären, was das bedeuten soll.

Seine Erklärung fällt ziemlich knapp aus.

Das ist unmöglich.

Bist du dir sicher?

Er lacht, dann dirigiert er unseren gemieteten Mini-Van in Richtung der Holland-Tunnel-Einfahrt.

Wie lautet die erste Regel der Sphäre, Spademan?

Mark sagt das, als hätte er es mit einem Kleinkind zu tun.

Sag du’s mir, Mark.

Man kann in der Sphäre nicht getötet werden. Das ist die erste und einzige Regel. Nein, das ist nicht mal wirklich eine Regel. Mehr ein Gesetz. So wie die Schwerkraft.

Ich dachte, in der Sphäre ist alles möglich. So lautet zumindest ihre zentrale Werbebotschaft.

Alles, außer Sterben.

Warum nicht?

Mark wird ernst. Schließlich ist er langjähriger Bett-Junkie. Wenn es um die Sphäre geht, hört für ihn der Spaß irgendwann auf.

Er spricht mit weihevollem Tonfall.

Denn wenn es einen Weg gäbe, jemanden in der Sphäre zu töten, Spademan, wenn einen also tatsächlich jemand dort aufspüren und so töten könnte, sodass man auch hier draußen stirbt – dann wäre es das Ende. Die Sphäre wäre nicht mehr überlebensfähig. Wenn es da drinnen wirklich so gefährlich wäre? Ende der Vorstellung. Dann müsste man den Hauptschalter umlegen und den Laden dichtmachen.

Mark ist ehemaliger Jugendseelsorger aus Minnesota. Auf seinem Kopf sprießt ein Mopp blonder Locken, mit dem er aussieht wie der Leadsänger einer Surf-Band aus den Sechzigern, der Typ, auf den alle Mädchen stehen. Doch zu ihrem Pech steht er nicht auf Frauen. Die unsinnigen Schuldgefühle deswegen haben ihn seine Priesterschaft an den Nagel hängen lassen. Er hat der Kirche den Rücken gekehrt. Ist nach New York geflüchtet und in Vollzeit-Bett-Aufenthalte.

Trotzdem, er hat ein gutes Herz. Ist ein guter Mensch. Vermutlich der beste, den ich kenne. Obwohl das angesichts meines übrigen Bekanntenkreises nicht viel heißen will. Höchstwahrscheinlich wäre er mit diesem Kompliment auch gar nicht einverstanden. Mark geht diesbezüglich ziemlich hart mit sich ins Gericht.

Er hält das Lenkrad mit seinen beiden tätowierten Händen umklammert: DAMN steht auf den Knöcheln seiner einen Faust, ABLE auf der anderen.

DAMN und ABLE.

DAMNABLE. Verdammenswert.

Das fasst Marks Lebensphilosophie ziemlich gut zusammen.

Als wir uns dem Holland Tunnel nähern, geht er vom Gas, und wir rollen im Schritttempo auf die Reihen von Cops zu, die an der Zufahrt Wache schieben. Schließlich winkt uns einer von ihnen durch, wir beschleunigen wieder und tauchen in den strahlenden Glanz der Tunnelröhre ein. Da wir in den Staat New York unterwegs sind, hätten wir natürlich auch einfach auf direktem Weg nach Norden durch Jersey fahren und außerhalb der Stadt den Thruway nehmen können. Doch als stolzer Manhattaner möchte Mark ein bisschen mit dem neu eröffneten Holland Tunnel angeben, der frisch restauriert und wieder voll befahrbar ist; die Eröffnungszeremonie war erst vor wenigen Wochen. Seit Times Square war eine Fahrspur des Holland Tunnel viele Jahre geschlossen und der Rest eine Baustelle. Ein Times-Square-Nachahmungstäter hatte einen holzverkleideten Kombi, vollgestopft mit selbstgebasteltem Sprengstoff, in den Tunnel gefahren und die Kiste auf halber Strecke nach Manhattan in die Luft gejagt.

Mit ihm explodierten ein Ausflugsbus, zwei Taxis und ein kleines Stück Tunneldecke.

Doch ein kleines Stück Decke in einem unter dreißig Metern Wasser verlaufenden Tunnel reicht völlig aus.

Der Tunnel wurde überflutet. Dann lag er lange Zeit brach, man wartete auf Geldmittel der Regierung, die nie kamen. Bis ihn schließlich die Stadt wieder auspumpte, notdürftig reparierte und mit halber Kapazität weiterbetrieb. Wobei sich die wenigen Benutzer nur mit gekreuzten Fingern und aufgeblendeten Scheinwerfern in die finstere Röhre hinabwagten.

Meist waren diese Autos voller Menschen, die ihre Habseligkeiten zusammengepackt hatten und New York für immer verließen.

Doch in diesem Jahr machte der Bürgermeister ein Riesentamtam um die Komplettsanierung. Ein eher zynisch denkender Mensch hätte meinen können, das neu entdeckte Interesse des Bürgermeisters an der Verkehrsinfrastruktur hätte mit den bevorstehenden Wahlen zu tun. Oder mit der Tatsache, dass er diesen Herbst zum ersten Mal seit Times Square einen ernsthaften Konkurrenten zu befürchten hat. Einen Supercop namens Robert Bellarmine. Die Klatschpresse hat ihn Top Cop getauft. Er ist der Chef der Anti-Terror-Brigade, die nach Times Square gebildet wurde, um dem Ausbluten der Stadt Einhalt zu gebieten. Die Einheit sollte massiv zurückschlagen, was sie auch tat. Wobei allerdings nicht ganz sicher ist, wie viele ihrer Schläge tatsächlich Terroristen trafen. Doch die Botschaft kam definitiv an.

Jetzt ist Robert Bellarmine wieder da, um eine neue Botschaft zu verkünden.

Während wir den Tunnel in Richtung Manhattan verlassen, kommen wir an riesigen Plakaten vorbei, auf denen steht: MACHT BELLARMINE ZUM BÜRGERMEISTER.

Eine strenge Miene, ein gesträubter, schwarzer Schnauzbart und darunter ein zwei Stockwerke hoher Wahlkampfslogan.

WÄHLEN SIE BELLARMINE. DAMIT SIE RUHIG SCHLAFEN KÖNNEN.

Jeden Sonntag machen Mark und ich dieselbe Tour ins Hinterland. Mark holt mich in Jersey ab, dann verlassen wir New York in Richtung Norden. Er mietet dafür immer denselben Wagen. Einen großen, weißen Mini-Van, obwohl wir nur zu zweit sind. Er sagt, er mag die Beinfreiheit. Er mietet ihn bei diesem Billigladen, einem der letzten Autoverleiher, die noch eine Filiale in der Stadt betreiben. Die großen nationalen Ketten haben keine Vertretungen mehr vor Ort, weswegen man sich mit klobigen Familienkutschen wie dieser zufriedengeben muss.

Die Autovermietung nennt sich »Schon Erledigt«. Auf der Seite des Mini-Vans klebt ihr Webeslogan:

SCHON ERLEDIGT: EINE SACHE WENIGER AUF IHRER TO-DO-LISTE.

Ich persönlich bin lieber in einem etwas sportlicheren Gefährt unterwegs, aber Mark steht nun mal auf seinen Mini-Van. Er bezeichnet ihn gerne als Raumwunder. Ich erkläre ihm, dass heutzutage niemand mehr diesen Ausdruck gebraucht.

Ist nicht wahr, widerspricht er. Ich zum Beispiel.

Also fahren wir jeden Sonntag in unserem Raumwunder rauf in den Staat New York. Gewöhnlich reden wir dabei nicht allzu viel. Wir genießen die Aussicht. Aber heute habe ich Fragen. Ich schildere ihm den Rest von Lessers Szenario.

Mark schüttelt den Kopf.

Wie schon gesagt. Unmöglich.

Aber ich habe doch selbst schon miterlebt, wie du in ein Konstrukt eingedrungen bist.

Klar. Das Problem ist ja auch nicht, dass diese Frau in ein Konstrukt eingebrochen ist. Die Frage ist, ob dabei jemand getötet wurde. Schließlich kannst du in der Sphäre jemanden nach Belieben kurz und klein hacken, ohne dass er hier draußen auch nur den geringsten Kratzer abkriegt. Bist du überhaupt sicher, dass der Typ, den sie angegriffen hat, tot ist?

Ich bin nicht mal sicher, wer er ist. Irgendein perverser Banker.

Mark lacht.

Das engt die infrage kommende Personengruppe wohl kaum ein. Hör zu, man kann niemanden durch die Sphäre töten. Punkt. Dein Banker ist sicher irgendwo in seinem Hightech-Bett reumütig und mit bösen Kopfschmerzen aufgewacht. Unglücklich, aber unversehrt.

Mark hat recht. Damals, als ich mich selbst noch einklinkte, war ich oft genug in der Sphäre, um das zu wissen. In der Sphäre kann man jemandem einen Schlag verpassen, und er spürt den Treffer und den Schmerz, schmeckt vielleicht sogar das Blut. Aber es ist nicht echt, es findet alles nur im Kopf statt; Gefühle und Wahrnehmungen, die direkt ans Gehirn geleitet werden. Höchstwahrscheinlich sind dabei dein Körper und mein Körper in der echten Welt hier draußen kilometerweit voneinander entfernt an unsere jeweiligen Betten geschnallt. Und kein noch so großer Schaden, der mir da drinnen zugefügt wird, kann mich hier draußen umbringen. Die Limnosphäre lässt das nicht zu. Sie spuckt mich aus, bevor das geschieht.

Also frage ich Mark.

Was ist, wenn ich mir eine Axt schnappe und dir den Kopf abhacke? In der Sphäre?

Bringt mich nicht um.

Du rennst einfach ohne Kopf rum?

Klar. Eine Weile lang zumindest.

Was ist, wenn ich dich in eine Hackschnitzelmaschine stopfe? Wie in diesem alten Film?

Spielt keine Rolle, Spademan. Das Konstrukt wirft mich irgendwann raus, sobald das Szenario nicht mehr aufrechtzuerhalten ist. Du wärst dann zwar noch da, aber ich würde verschwinden. Und in meinem Bett wieder aufwachen.

Und was ist mit diesen Tricks, die du abziehst?

Welche Tricks?

Der mit den Flügeln zum Beispiel.

Mark lächelt.

Tja, wenn du dich oft genug einklinkst, bist du irgendwann geübt in solchen Dingen. Du lernst, alle möglichen Dinge heraufzubeschwören. Du kannst zwar das elementare Konstrukt nicht ändern, aber du kannst deine Präsenz darin verändern. Du kannst deine jeweilige Erscheinungsform frei wählen, dir selbst unterschiedliche Attribute verleihen. Zum Beispiel Flügel. Das ist sozusagen eine Zusatzleistung der Limnosphäre. Einmal habe ich einen Typen gesehen, der hat sich seinen Arm, der ihm bei einem Schwertkampf abgehackt worden war, durch reine Willenskraft wieder angefügt. Ich muss zugeben, das war beeindruckend.

Und wer hat ihm den Arm abgehackt?

Mark zuckt mit den Achseln.

Er ist frech geworden.

Eins noch, Mark.

Was denn?

Wenn das alles tatsächlich zutrifft, was genau hat Lesser dann gesehen?

Mark runzelt die Stirn. Starrt auf die Straße. Legt die Stirn noch tiefer in Falten. Dann antwortet er.

Keine Ahnung.

Denn Lesser hat bestimmt schon eine Menge gesehen. Ich glaube nicht, dass er so leicht zu erschrecken ist.

Ich weiß. Und das ist mir unerklärlich. Ich meine, Lesser kennt sich echt aus. Er ist ein cleveres Kerlchen, Spademan.

Warum? Weil er sich in die Träume anderer Leute einschleichen kann?

Mark blickt mich an, überrascht von meiner Ahnungslosigkeit.

Spademan, Lesser ist nicht irgendein x-beliebiger Betthüpfer. Lesser ist der Mann, der die Schwachstelle in der Limnosphäre entdeckt hat, die das Betthüpfen überhaupt erst möglich macht.

Unser Gespräch verstummt, wir setzen unseren Weg nach Norden fort und verfolgen im Rückspiegel, wie die Stadt schrumpft. Manhattan weicht der Bronx, diese weicht Westchester, das wiederum den Wäldern weicht. Alles inzwischen mehr oder weniger verlassen.

Allerdings sind die Wälder etwas netter anzuschauen.

Schließlich stellt Mark mir die Frage, von der ich weiß, dass sie ihm schon die ganze Zeit auf den Nägeln brennt.

Warum in aller Welt hast du überhaupt mit Lesser gesprochen?

Wir sind uns zufällig über den Weg gelaufen.

Mark wirkt skeptisch. Verständlicherweise.

Er ist ein guter Junge, Spademan. Er hat es nicht verdient – was auch immer du mit ihm vorhattest.

Diesmal runzle ich die Stirn.

Wer hat das schon?

Danach fahren wir schweigend weiter. Irgendwann erreichen wir unsere Ausfahrt. Mark biegt vom Highway ab und rollt tiefer in die Wälder hinein.

Die ganze Zeit über ist er in Gedanken versunken. Er scheint verwirrt. Irgendwie besorgt. Trotz all seiner an sich selbst diagnostizierten Fehler ist er im Grunde seines Herzens ein Chorknabe. Trinkt nicht. Raucht nicht. Flucht nur selten. Möglicherweise finde ich es gerade deswegen alarmierend, dass er das Thema schließlich wieder aufgreift.

Man kann nicht in der Limnosphäre sterben, Spademan. Ende der Diskussion. Lesser muss falschliegen. Er muss da was missverstanden haben.

Dann murmelt er einen letzten Satz leise vor sich hin, fast wie ein flehendes Gebet.

Verdammt noch mal, zumindest hoffe ich das.

5

In den Jahren nach Times Square blühte das Hinterland auf.

Die Ortschaft Beacon.