Fenster zum Tod - Linwood Barclay - E-Book

Fenster zum Tod E-Book

Linwood Barclay

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Beschreibung

Bei einem seiner virtuellen Spaziergänge durch Manhattan zuckt Thomas vor seinem PC zusammen: Im Fenster eines Hauses ist eine menschliche Gestalt zu erkennen, über deren Kopf eine Plastiktüte zusammengezogen wird. Thomas ist fest überzeugt, einen Mord beobachtet zu haben. Doch am nächsten Tag ist die Aufnahme verschwunden, und niemand schenkt ihm Glauben – denn er leidet an Schizophrenie. Dabei sind ihm die Verfolger längst auf den Fersen …

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Linwood Barclay

Fenster zum Tod

Thriller

Aus dem Englischen von Silvia Visintini

Knaur e-books

Inhaltsübersicht

Für meinen Bruder [...]PrologZwei Wochen zuvorEinsZweiDreiVierFünfSechsSiebenAchtNeunZehnElfZwölfDreizehnVierzehnFünfzehnSechzehnSiebzehnAchtzehnNeunzehnZwanzigEinundzwanzigZweiundzwanzigDreiundzwanzigVierundzwanzigFünfundzwanzigSechsundzwanzigSiebenundzwanzigAchtundzwanzigNeunundzwanzigDreißigEinunddreißigZweiunddreißigDreiunddreißigVierunddreißigFünfunddreißigSechsunddreißigSiebenunddreißigAchtunddreißigNeununddreißigVierzigEinundvierzigZweiundvierzigDreiundvierzigVierundvierzigFünfundvierzigSechsundvierzigSiebenundvierzigAchtundvierzigNeunundvierzigFünfzigEinundfünfzigZweiundfünfzigDreiundfünfzigVierundfünfzigFünfundfünfzigSechsundfünfzigSiebenundfünfzigAchtundfünfzigNeunundfünfzigSechzigEinundsechzigZweiundsechzigDreiundsechzigVierundsechzigFünfundsechzigSechsundsechzigSiebenundsechzigAchtundsechzigNeunundsechzigSiebzigEinundsiebzigZweiundsiebzigDreiundsiebzigVierundsiebzigFünfundsiebzig

Für meinen Bruder

[home]

Prolog

Reiner Zufall, dass er ausgerechnet in diesem Augenblick in die Orchard Street einbog und das Fenster sah. Es hätte ohne weiteres eine Woche später sein können. Oder einen Monat. Vielleicht sogar ein Jahr. Aber es sollte eben genau an diesem Tag sein.

Klar, irgendwann wäre er bestimmt hier entlanggewandert. Früher oder später führte ihn sein Weg in jede Straße. Eigentlich wollte er immer methodisch vorgehen – dem Verlauf einer Straße vom Anfang bis zum Ende folgen, dann links oder rechts in die letzte Querstraße abbiegen, bis zur nächsten Ecke laufen, da eine Parallelstraße nehmen und wieder in die Richtung gehen, aus der er gekommen war, so als schlendere er durch die Gänge im Supermarkt. Bei jeder neuen Stadt nahm er sich das ganz fest vor, doch immer kam ihm eine Querstraße buchstäblich in die Quere, irgendetwas erregte seine Aufmerksamkeit, und schon war es um seine guten Vorsätze geschehen.

Als er nach Manhattan gekommen war, war es genau dasselbe, obwohl sich Manhattan von allen Städten, die er schon besucht hatte, am besten dazu eignete, systematisch erforscht zu werden – jedenfalls die Stadtteile nördlich der 14. Straße, die in diesem perfekten Raster von Straßen und Avenues angelegt waren. Südlich davon, in West Village, Greenwich Village, SoHo, Chinatown, ja, da herrschte das totale Chaos, aber das machte ihm nichts aus. Schlimmer als in London oder Rom oder Paris oder Boston North End war es hier auch nicht, und diese Städte zu erforschen hatte ihm großen Spaß gemacht.

Er war von der Delancey Street nach Süden in die Orchard Street abgebogen, aber gestartet war er Ecke Spring Street und Mulberry Street. Von dort war er nach Süden bis zur Grand Street gelaufen, dann in westlicher Richtung bis zur Crosby, zurück nach Norden bis zur Prince, die Prince entlang nach Osten in die Elizabeth, dann nach Süden bis zur Kenmare und weiter nach Osten in die Delancey Street. An der Ecke Orchard Street entschied er sich, rechts abzubiegen.

Eine schöne Straße. Nicht in dem Sinne, dass hier Gärten, Springbrunnen und üppig belaubte Bäume die Gehsteige gesäumt hätten. Und auch nicht schön wie beispielsweise die Váci utca in Budapest oder die Avenue des Champs-Élyssées in Paris oder die Lombard Street in San Francisco, aber charaktervoll und geschichtsträchtig. Schmal und einspurig verlief sie von Süden nach Norden, flankiert von alten Backsteinhäusern. Mietskasernen aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die nur selten mehr als vier Stockwerke hatten, oft sogar nur zwei oder drei. Die verschiedensten Epochen der Stadtgeschichte hatten hier ihre Spuren hinterlassen. Die Gebäude mit ihren Feuerleitern, die sich wie Skelette an die Fassaden klammerten, spiegelten den zu ihrer Entstehungszeit beliebten Neorenaissance-Stil wider: Bögen über den Fenstern, vorspringende steinerne Tür- und Fensterstürze, kunstvoll gemeißelte Blattornamente. Doch in den Läden im Erdgeschoss konnte man vom trendigen Café bis zur Edelboutique alles finden. Es gab aber auch ältere, traditionellere Geschäfte – einen Uniformladen, ein Immobilienbüro, einen Friseur, eine Galerie, ein Koffergeschäft. Viele der geschlossenen Geschäfte waren mit Rollgittern gesichert.

Er schlenderte mitten auf der Straße dahin. Um den Verkehr machte er sich keine Gedanken, nicht jetzt. Seiner Meinung nach entwickelte man das beste Gefühl für eine Gegend, wenn man mitten auf der Straße lief. Hier hatte man den besten Überblick. Man konnte geradeaus schauen oder von links nach rechts oder sich um die eigene Achse drehen und sich alles noch einmal ansehen. Für den Fall, dass es einmal schnell gehen musste, war es von Vorteil, seine Umgebung und die sich daraus ergebenden Möglichkeiten zu kennen.

Was ihn an einer Stadt am meisten interessierte, war die räumliche Anordnung der Häuserblocks, die Architektur, die Infrastruktur – den Menschen, denen er auf seinen Wanderungen begegnete, schenkte er wenig Beachtung. Er begann keine Unterhaltungen. Es war ihm kein Bedürfnis, zu der Rothaarigen, die rauchend an einer Ecke stand, auch nur »Hallo« zu sagen. Es war ihm egal, ob die Frau mit ihrer Aufmachung möglicherweise irgendein Statement abgeben wollte – mit ihrer Lederjacke, ihrem Minirock und den schwarzen Strümpfen, die aussahen, als wären die Laufmaschen absichtlich hineingemacht worden. Er würde auch die Frau mit der schwarzen Baseballkappe, die gerade vor ihm über die Straße schoss, nicht fragen, wie die Yankees sich ihrer Meinung nach dieses Jahr schlagen würden. Baseball interessierte ihn nicht, und er sah sich auch keine Spiele an. Und warum eine Gruppe von Menschen, denen Reiseführer aus den Jackentaschen lugten, einer Frau in ihrer Mitte lauschte, war ihm auch keine Frage wert. Wahrscheinlich war sie eine Fremdenführerin.

Als er zur Broome Street kam, fiel ihm an der Südostecke ein einladend aussehendes Restaurant mit kleinen weißen Tischen und gelben Plastikstühlen ins Auge. Aber niemand saß draußen. Auf einem Schild im Schaufenster stand: »Reinkommen und aufwärmen«. Er ging näher und spähte hinein. Hier saßen Leute, tranken Kaffee, arbeiteten an Laptops, lasen Zeitung.

In der Fensterscheibe spiegelte sich der Wagen wider. Ein unauffälliger Kleinwagen. Vielleicht ein Civic. Mit dieser Apparatur auf dem Dach. Den hatte er auf seinen Wanderungen immer wieder gesehen. So oft schon, dass er beinahe hätte glauben können, der Wagen verfolge ihn. Er verscheuchte diesen Gedanken und blickte durch das Glas hindurch in das Restaurant hinein.

Am liebsten wäre er hineingegangen und hätte sich einen Latte macchiato oder einen Cappuccino bestellt. Er konnte den Kaffee beinahe riechen. Aber er musste weiter. Er musste sich noch so viel auf der Welt ansehen, und die Zeit war so knapp. Morgen wollte er nach Montreal und, je nachdem, wie er dort vorankam, am Tag darauf nach Madrid.

Doch dieser Ort würde ihm im Gedächtnis bleiben. Das Schild im Fenster, die Tische und Stühle vor dem Lokal. Die anderen Läden in der Orchard Street. Die schmalen Passagen zwischen den Gebäuden. Und alles, was er auf der Spring und der Mulberry Street gesehen hatte. Auf der Grand und der Crosby. Der Prince und der Elizabeth, der Kenmare und der Delancey.

An alles würde er sich erinnern.

Er hatte ungefähr ein Drittel der Strecke zwischen der Broome Street und der nächsten Querstraße zurückgelegt, als er nach oben sah.

Und da kam der eigentliche Zufall ins Spiel. Dass er in die Orchard Street gelangt war, war nicht weiter bemerkenswert. Aber dass er nach oben sah. Das tat er nicht immer. Er prägte sich die Läden ein, las die Schilder in den Schaufenstern, betrachtete die Menschen in den Cafés, merkte sich die Hausnummern, aber nur selten hob er den Blick und sah über das Erdgeschoss oder den ersten Stock hinaus. Manchmal dachte er einfach nicht daran, manchmal hatte er keine Zeit dazu. Er hätte ohne weiteres diese Straße entlanggehen und nicht zu diesem speziellen Fenster in diesem speziellen Mietshaus hochsehen können.

Dann dachte er wieder, dass von Zufall gar keine Rede sein konnte. Vielleicht sollte er dieses Fenster sehen. Vielleicht war es eine Probe der besonderen Art, auf die er da gestellt wurde. Um zu beweisen, dass er bereit war. Er selbst war sich sicher, aber die, die sich seine Talente zunutze machen würden – die mussten noch überzeugt werden, ehe sie seine Dienste in Anspruch nahmen.

Es war ein Fenster im zweiten Stock. Im Erdgeschoss des Hauses gab es einen Tabak- und Zeitschriftenladen – im Schaufenster spiegelte sich schon wieder dieser Wagen – und noch ein zweites Geschäft, einen Laden für Damenschals. Das Fenster war horizontal in zwei Scheiben geteilt, mit einem vorgebauten Klimagerät, das die Hälfte der unteren Scheibe verdeckte. Etwas Weißes oberhalb der Klimaanlage hatte seine Aufmerksamkeit erregt.

Auf den ersten Blick sah es aus wie einer dieser Styroporköpfe, die in Kaufhäusern und Friseursalons zur Präsentation von Perücken benutzt wurden. Irgendwie komisch, so ein Ding ans Fenster zu stellen, dachte er. Ein kahler, gesichtsloser, weißer Kopf, der die Orchard Street beobachtete. Aber wahrscheinlich gab es nichts, was man an Fenstern in New York nicht finden konnte. Wäre es seiner gewesen, hätte er dem Kopf wenigstens eine Sonnenbrille aufgesetzt, um ihm ein Minimum an Persönlichkeit zu verleihen. Ein bisschen was Extravagantes. Obwohl extravagant zugegebenermaßen nicht unbedingt das Wort war, das Menschen als Erstes zu ihm einfiel.

Doch je länger er den Kopf betrachtete, desto größer wurden seine Zweifel, dass er aus Styropor war. Dazu war die Oberfläche nicht matt genug. Ja, zu glatt und glänzend war sie. Plastik vielleicht, wie die Tüten, die man in Supermärkten bekam, oder in Reinigungen, aber nicht die ganz durchsichtigen.

Das wollte er sich genauer ansehen.

Dieses weiße, beinahe runde Ding am Fenster hatte nämlich trotz allem die Form eines Kopfes. Das Plastik spannte über einer Ausbuchtung, die eigentlich nur eine Nase sein konnte. Es bedeckte etwas, das oben einer Stirn und unten einem Kinn ähnelte. Man konnte sogar die Andeutung eines Mundes sehen, die Lippen geöffnet, wie zum Luftschnappen.

Oder zum Schreien.

Sieht aus, als ob sich einer einen weißen Strumpf über den Kopf gezogen hat, dachte er. Dennoch hatte der Glanz des Materials mehr Ähnlichkeit mit Plastik.

Sehr gescheit war das ja nicht. Sich eine Plastiktüte über den Kopf zu ziehen. Davon konnte man doch ersticken!

Man müsste an der Plastiktüte ziehen, müsste sie von hinten zusammendrehen, damit sie sich so eng ans Gesicht schmiegte. Aber sonst war von dieser Person nichts zu sehen, weder die Arme noch die Hände, die das taten.

War da vielleicht jemand anderes am Werk?

Oh. Oh, nein.

War es das, was er gerade beobachtete? Wie ein Mensch einem anderen eine Tüte über den Kopf zog? Ihm die Luft abdrückte? Ihn erstickte? Sah der Mund deshalb so aus, als ränge er nach Atem?

Mit wem wurde das gerade gemacht? Mit einem Mann? Einer Frau? Und wer machte das?

Plötzlich musste er an den Jungen am Fenster denken. An einem anderen Fenster. Vor vielen Jahren.

Aber der Mensch an diesem Fenster, in diesem Moment, der sah nicht aus wie ein Junge. Oder ein Mädchen. Das hier war ein Erwachsener.

Ein Erwachsener, dessen Leben zu Ende ging.

Auf jeden Fall sah es so aus.

Er spürte, wie sein Herz schneller zu schlagen begann. Auf seinen Reisen hatte er auch früher schon so manches gesehen. Manches, das nicht in Ordnung war.

Aber das war nichts im Vergleich zu dem hier. Keinen Mord. Noch nie.

Und das hier war ein Mord. Da war er sich ganz sicher.

Er schrie nicht. Er griff nicht nach einem Handy in seiner Jacke, um den Notruf zu wählen. Er rannte auch nicht in den nächsten Laden, um jemanden aufzufordern, die Polizei zu rufen. Und er stürmte nicht in das Haus, raste nicht zwei Stockwerke hoch, in der Hoffnung, verhindern zu können, was hinter diesem Fenster geschah.

Er streckte nur zaghaft die Hand aus, als könne er das Gesicht dieses Erstickenden im zweiten Stock berühren, könne ertasten, was er oder sie da um den Kopf gewickelt hatte, irgendwie feststellen, ob –

Klopf, klopf.

Dann, vielleicht konnte er dann besser verstehen, was gerade geschah, mit diesem Menschen am –

Klopf, klopf.

Gebannt starrte er auf das, was an diesem Fenster zu sehen war, und begriff zunächst gar nicht, dass jemand ihn auf sich aufmerksam zu machen versuchte. Jemand war an der Tür.

Er nahm die Hand von der Maus, drehte sich mit seinem gepolsterten Stuhl herum und sagte: »Ja?«

Die Tür öffnete sich einen Spalt breit. Aus dem Flur sagte jemand: »Schwing deinen Hintern runter zum Abendessen, Thomas.«

»Was gibt’s denn?«, fragte er.

»Hamburger. Vom Grill.«

»Ist gut«, sagte der Mann auf dem Computerstuhl mit unbeteiligter Stimme.

Er drehte sich wieder um und konzentrierte sich wieder auf das Standbild auf seinem extragroßen Computerbildschirm. Auf den verschwommenen weißen, verpackten Kopf, der dort schwebte. Wie eine Geistererscheinung.

Hatte das damals jemand gesehen? Hatte jemand nach oben geblickt?

Den Jungen am Fenster hatte niemand gesehen. Niemand hatte nach oben geschaut. Niemand hatte ihm geholfen.

Der Mann ließ das Bild auf dem Bildschirm, damit er es gründlich inspizieren konnte, wenn er nach dem Abendessen zurückkam. Dann würde er entscheiden, was er tun wollte.

Zwei Wochen zuvor

[home]

Eins

Komm doch rein, Ray.«

Harry Peyton schüttelte mir die Hand, führte mich in sein Büro und deutete auf den roten Ledersessel vor seinem Schreibtisch. Er war ungefähr so alt wie mein Vater, sah aber Jahre jünger aus. Er war eins achtzig groß und schlank, und sein Kopf war glatt wie eine Melone. Kahlköpfige Männer wirkten oft älter als sie tatsächlich waren, doch bei Harry war das anders. Er war Langstreckenläufer, und sein teurer Anzug saß wie eine zweite Haut. Sein Schreibtisch war der sichtbare Beweis für seine Ordnungsliebe. Ein Computermonitor, eine Tastatur, eines der neuesten Smartphones. Und ein Aktenhefter. Sonst war der Tisch leer wie eine Leinwand vor dem ersten Pinselstrich.

»Ich möchte dir noch mal sagen, wie leid es mir tut«, sagte Harry. »Es gibt so viel, das man über deinen Vater sagen kann, aber Reverend Clayton hat es sehr schön zusammengefasst. Adam Kilbride war ein guter Mensch.«

Ich rang mir ein Lächeln ab. »Ja, dafür, dass er Dad gar nicht kannte, hat der Pfarrer seine Sache recht gut gemacht. Dad war kein großer Kirchgänger. Wir können wahrscheinlich von Glück sagen, dass wir überhaupt jemand gefunden haben. Danke, dass Sie zur Beerdigung gekommen sind. Damit waren wir fast ein rundes Dutzend.«

Wir waren zu elft gewesen, den Pfarrer und mich eingeschlossen. Harry war da und drei von Dads Kollegen aus der Firma, bei der er gearbeitet hatte, darunter auch sein ehemaliger Boss, Len Prentice, und dessen Frau Marie. Dazu noch ein Freund von Dad, der eine Eisenwarenhandlung in Promise Falls geführt hatte, bis der Heimwerkermarkt am Stadtrand eröffnete und ihn arbeitslos machte. Außerdem war Dads jüngerer Bruder Ted mit seiner Frau Roberta aus Cleveland gekommen, und eine Nachbarin von Dad, eine Frau namens Hannah, keine Ahnung, wie sie mit Nachnamen hieß. Und dann war da noch eine Frau, die Thomas und ich von der Highschool kannten, Julie McGill. Sie arbeitete beim Promise Falls Standard, der Lokalzeitung, und hatte den Artikel über Dads Unfall geschrieben. Sie war nicht gekommen, um über die Beerdigung zu berichten – zwar hatten die Umstände von Dads Tod für eine gewisse Aufmerksamkeit gesorgt, doch war er weder Bürger des Jahres, noch Präsident des Rotary-Club oder etwas in der Art gewesen. Seine Verdienste um die Gesellschaft hatten nicht den geringsten Nachrichtenwert. Julie war einfach nur gekommen, um ihm die letzte Ehre zu erweisen.

Im Beerdigungsinstitut blieben eine Menge Eiersalat-Sandwiches übrig. Ich wurde genötigt, ein paar für meinen Bruder mit nach Hause zu nehmen. Ich hatte seine Abwesenheit damit erklärt, dass er sich nicht wohl fühle, aber niemand, zumindest niemand, der meinen Bruder kannte, nahm mir das ab. Auf der Heimfahrt war ich nahe daran, die Sandwiches aus dem Wagenfenster zu werfen. Sollten doch die Vögel sich daran gütlich tun und nicht mein Bruder. Aber ich tat es nicht. Ich brachte sie nach Hause, und sie wurden alle gegessen.

»Ich hatte gehofft, dein Bruder würde kommen«, sagte Harry. »Ich habe ihn schon lang nicht mehr gesehen.« Anfangs dachte ich, Harry meinte zu dieser Besprechung. Das wunderte mich, denn mein Bruder war ja nicht in der Lage, sich um den Nachlass unseres Vaters zu kümmern. Dann wurde mir klar, dass Harry die Beerdigung meinte.

»Tja, ich hab alles versucht«, sagte ich. »Krank war er jedenfalls nicht.«

»Dachte ich mir.«

»Ich wollte ihn überreden, aber es war sinnlos.«

Peyton schüttelte teilnahmsvoll den Kopf. »Euer Vater hat für ihn getan, was er konnte. Wie damals, bevor eure Mutter – Rose, Gott hab sie selig – von uns ging. Wie lange ist das jetzt her?«

»Das war 2005.«

»Danach muss es noch viel schwerer für ihn gewesen sein.«

»Damals war er noch bei P&L«, sagte ich. Die Druckerei Prentice und Long. »Er ist kurz darauf in Frührente gegangen. Ich glaube, daraufhin ist es richtig schlimm für ihn geworden. Den ganzen Tag im Haus zu sein. Das hat ihm wirklich aufs Gemüt geschlagen, aber er war nicht der Typ, der sich vor etwas drückte.« Ich biss mir auf die Lippe. »Mom … sie hat es irgendwie geschafft, sich nicht unterkriegen zu lassen. Für sie war es immer leichter, sich mit den Tatsachen abzufinden, als für Dad.«

»Adam war ja noch jung«, sagte Harry. »Zweiundsechzig. Das ist doch kein Alter. Es hat mich glatt umgehauen, als ich es hörte.«

»Tja, mich auch«, sagte ich. »Ich weiß nicht, wie oft Mom ihm im Laufe der Jahre gesagt hat, das es gefährlich ist, diesen steilen Hang mit dem Rasentraktor zu mähen. Aber er meinte immer, er hätte alles im Griff. Leider liegt dieser Teil des Grundstücks ziemlich weit ab vom Haus, man kann ihn weder von der Straße noch von den Nachbargrundstücken aus einsehen. Das Gelände fällt dort fast fünfundvierzig Grad zum Bach hin ab. Dad hat immer parallel zur Böschung gemäht und sich mit dem Körper zum Hang hin gelehnt, damit der Traktor nicht umkippt.«

»Was glaubst du, Ray, wie lange hat dein Vater wohl da draußen gelegen, bevor sie ihn fanden?«

»Wahrscheinlich hat er nach dem Mittagessen mit dem Rasenmähen begonnen, und gefunden wurde er erst kurz vor sechs. Als der Traktor auf ihn kippte, grub sich die Oberkante des Lenkrads da hinein –«, ich zeigte auf meine Körpermitte, »– in den Bauch, und zerquetschte ihm die inneren Organe.«

»Lieber Gott«, sagte Harry. Er berührte dabei seinen eigenen Bauch und versuchte wahrscheinlich, sich die Schmerzen vorzustellen, die mein Vater weiß der Himmel wie lange hatte ertragen müssen.

Dem hatte ich nichts hinzuzufügen.

»Er war ein Jahr jünger als ich«, sagte Harry und verzog das Gesicht. »Hin und wieder sind wir zusammen etwas trinken gegangen. Als Rose noch lebte, haben wir manchmal eine Runde Golf gespielt. Aber deinen Bruder so lange allein zu lassen, wie man für achtzehn Löcher braucht, das schien ihm dann doch zu riskant.«

»Und ein Golf-Ass war er ja auch nicht gerade«, sagte ich.

Harry lächelte betrübt. »Ich will nicht lügen. Beim Putten war er gar nicht schlecht, aber seine Drives waren schlicht Scheiße.«

Ich lachte. »Stimmt.«

»Aber als Rose dann nicht mehr war, hatte dein Vater nicht einmal mehr Zeit, einen Eimer Bälle auf dem Übungsplatz zu verschlagen.«

»Er hat immer in den höchsten Tönen von Ihnen gesprochen«, sagte ich. »Sie waren vor allem ein Freund, der Anwalt kam erst an zweiter Stelle.« Die beiden hatten sich fast ein Vierteljahrhundert gekannt. Seit damals, als Harry seine Scheidung durchgefochten hatte. Nachdem er seiner Ex-Frau das Haus überlassen hatte, wohnte er eine Zeitlang oberhalb eines Schuhgeschäfts hier im Zentrum von Promise Falls. Harry witzelte oft darüber, dass es ganz schön dreist von ihm sei, seine Dienste als Scheidungsanwalt anzubieten, nachdem er sich bei seiner eigenen so über den Tisch hatte ziehen lassen.

Harrys Handy gab einen Ton von sich, der den Eingang einer E-Mail verkündete, doch er würdigte es keines Blickes.

»Als ich das letzte Mal mit Dad telefoniert habe«, sagte ich mit einer Kopfbewegung Richtung Handy, »war er gerade am Überlegen, sich auch so ein Ding zuzulegen. Er hatte zwar eines, mit dem man fotografieren konnte, aber das war nicht mehr ganz neu, und die Fotos waren nicht besonders. Außerdem wollte er ein Handy, mit dem das Versenden von E-Mails keine Hexerei ist.«

»Adam hatte keine Berührungsängste mit diesem High-tech-Kram«, sagte Harry. Dann klatschte er in die Hände. Zeit, zum eigentlichen Grund meines Besuchs zu kommen. »Bei der Beerdigung hast du gesagt, dass du noch dein Studio hast. In Burlington, oder?«

Ich wohnte jenseits der Grenze des Staates New York, in dem Promise Falls liegt, in Vermont.

»Stimmt.«

»Beruflich läuft’s gut?«

»Kann nicht klagen. Die Branche ist im Umbruch.«

»Ich habe was von dir gesehen, eine deiner – wie nennt man das – Zeichnungen?«

»Genau«, sagte ich. »Illustrationen. Karikaturen.«

»Vor ein paar Wochen habe ich in der Literaturbeilage der New York Times eine gesehen. Deinen Stil erkenne ich überall. Deine Figuren haben alle diese Riesenschädel und winzigen Körper, dass man glaubt, sie müssen jeden Moment umkippen. Und diese abgerundeten Ecken. Wie du die verschiedenen Hautfarben schattierst und alles, das gefällt mir sehr. Wie machst du das eigentlich?«

»Mit Airbrush.«

»Zeichnest du viel für die Times?«

»Nicht mehr so viel wie früher. Es ist ja viel einfacher, sich ein Bild aus dem Internet zu holen, als jemanden mit einer aufwendigen Neuillustration zu beauftragen. Von Zeitungen und Zeitschriften kommt immer weniger. Inzwischen mache ich mehr Webseiten.«

»Du gestaltest Webseiten?«

»Nein, ich mache nur den grafischen Teil und gebe das dann an die Webdesigner weiter.«

»Ich hätte gedacht, wenn man für Magazine und Zeitungen in New York und Washington arbeitet, muss man vor Ort wohnen, aber wahrscheinlich spielt das heutzutage keine Rolle mehr.«

»Was man nicht scannen und mailen kann, kann man mit FedEx verschicken«, sagte ich. Harry wartete, ob ich noch etwas hinzufügen wollte, dann schlug er den Ordner auf seinem Schreibtisch auf und studierte die Papiere darin.

»Ray, ich gehe davon aus, dass du das Testament, das dein Vater aufgesetzt hat, schon gesehen hast.«

»Ja.«

»Es ist schon lange her, dass er es aktualisiert hat. Die letzten Änderungen hat er nach dem Tod deiner Mutter vorgenommen. Einmal habe ich ihn zufällig bei Kelly’s getroffen, und er hat mich auf einen Kaffee eingeladen. Er saß ganz allein in einer Nische am Fenster und schaute abwechselnd auf die Straße hinaus und in den Standard, aber ohne wirklich zu lesen. Ich habe ihn häufiger da gesehen. Ich glaube, er brauchte Zeit für sich, weg von zu Hause. Jedenfalls winkte er mich zu sich und sagte, er denke über eine Ergänzung nach, von seinem Testament, meine ich. Er müsse vielleicht die eine oder andere Sonderklausel hinzufügen. Aber dann ist er nicht mehr dazu gekommen.«

»Davon hatte ich zwar keine Ahnung«, sagte ich, »aber ganz unerwartet kommt es nicht. So, wie’s um meinen Bruder steht, kann ich mir gut vorstellen, dass er dem einen mehr hinterlassen wollte als dem anderen.«

»Also, um ehrlich zu sein, wenn Adam gekommen wäre, um das Testament in diese Richtung zu ändern, hätte ich vielleicht versucht, ihm das auszureden. Ich hätte ihm gesagt, dass es am besten sei, alle Kinder gleich zu behandeln. Sonst gibt es nur böses Blut zwischen den Hinterbliebenen. Natürlich wäre es noch immer seine Entscheidung gewesen. Das aktuelle Testament ist zwar ziemlich eindeutig, aber es gibt da ein, zwei Dinge, über die du dir Gedanken machen solltest.«

Ich stellte mir meinen Vater vor, wie er allein da an dem Vierertisch gesessen hatte. Selbst wenn er, genau genommen, nicht der einzige Bewohner war, hatte er seit Moms Tod das Haus praktisch für sich. Er musste nirgendwo anders hingehen, um allein zu sein. Aber ich konnte verstehen, dass er das Bedürfnis hatte rauszukommen. Manchmal musste man sich einfach ganz sicher sein, dass einen niemand überraschen konnte. Man brauchte Tapetenwechsel. Der Gedanke, dass mein Vater womöglich in dieser Gemütsverfassung gewesen war, machte mich traurig.

»Das heißt dann also fifty-fifty«, sagte ich. »Wenn der Nachlass liquidiert ist, geht eine Hälfte an mich und die andere an meinen Bruder.«

»Ja. Immobilien und Kapital.«

»Das sind so um die hunderttausend«, sagte ich. »Alles, was er und Mom für die Rente zusammengekratzt haben. Sie haben jahrelang gespart. Nie einen Cent für sich ausgegeben. Mit diesen hundert Riesen wäre er bis zu seinem Tod ausgekommen.« Ich stockte. »Auch wenn er noch zwanzig, dreißig Jahre gelebt hätte, meine ich. Und soweit ich weiß, gibt’s auch noch eine Lebensversicherung, eine relativ kleine.«

Harry Peyton nickte und lehnte sich zurück, die Finger hinter dem Kopf ineinander verflochten. Er zog ein wenig Luft durch die Zähne. »Du wirst dir überlegen müssen, was du mit dem Haus tun willst. Nichts spricht dagegen, dass du es verkaufst und den Erlös mit deinem Bruder teilst. Es liegt keine Hypothek drauf, und ich würde schätzen, drei-, vierhunderttausend könntest du schon dafür kriegen.«

»So um den Dreh. Es sind fast sechseinhalb Hektar Grund.«

»Wenn ihr so viel bekommt, dann stünde jeder von euch mit plus/minus einer Viertelmillion da. Alles in allem ein schöner Batzen Geld. Wie alt bist du, Ray?«

»Siebenunddreißig.«

»Und dein Bruder ist zwei Jahre jünger, stimmt’s?«

»Ja.«

Peyton nickte langsam. »Wenn er klug investiert, könnte er einige Jährchen davon zehren, aber er ist noch jung. Und bis er Rente beantragen kann, ist es noch eine Weile hin. Nach allem, was ich von deinem Vater gehört habe, ist er ja eigentlich nicht arbeitsfähig.«

Ich zögerte. »Kann man wohl so sagen.«

»Für dich sieht das schon anders aus. Du könntest das Geld anlegen, dir ein größeres Haus anschaffen, für den Tag – ich weiß, du bist nicht verheiratet, Ray, aber eines Tages lernst du jemanden kennen, bekommst Kinder –«

»Schon klar.« Bevor ich dreißig wurde, war ich schon ein, zwei Male nahe dran gewesen, den Bund fürs Leben zu schließen, doch dann war nichts daraus geworden. »Aber Kinder seh ich weit und breit nicht.«

»Das weiß man nie.« Wieder winkte er ab. »Geht mich aber auch nichts an, wenigstens nicht in meiner amtlichen Funktion. Aber ich glaube, euer Vater hätte es gern gesehen, dass ich mich ein bisschen um euch kümmere, euch gegebenenfalls mit meinem Rat zur Seite stehe.« Er lachte. »Aber ihr seid natürlich keine Kinder mehr. Das ist schon lange vorbei.«

»Ich weiß das zu schätzen, Harry.«

»Worauf ich hinaus will, Ray: Für dich ist das ein warmer Regen, sicher, aber du kommst auch ohne gut zurecht. Du verdienst nicht schlecht, und wenn das, was du jetzt machst, nicht mehr genug einbringt, dann wirst du etwas Neues finden. Du wirst immer auf die Füße fallen. Aber für deinen Bruder ist diese Erbschaft alles, was er je haben wird. Gut möglich, dass er seinen Anteil am Erlös des Hausverkaufs braucht, um sich über Wasser zu halten, vorausgesetzt, er findet eine passende Bleibe. Eine Wohnung in einem Heim oder was in der Art.«

»Darüber hab ich auch schon nachgedacht.«

»Die Frage ist, wirst du es schaffen, ihn aus dem Haus zu bringen? Du weißt schon, nicht nur einen Nachmittag lang, sondern ein für alle Mal?«

Ich blickte mich um, als könnte ich die Antwort darauf irgendwo in Harrys Büro finden. »Keine Ahnung. Er leidet ja nicht an – wie heißt das? – Agoraphobie. Dad hat ihn schon hin und wieder aus dem Haus gebracht. Im Wesentlichen, wenn er zum Arzt musste.« Ich hatte Schwierigkeiten mit dem Wort »Psychiater«, aber Harry wusste ja Bescheid. »Ihn zu überzeugen, aus dem Haus zu gehen, ist nicht das Problem. Ihn vom Computer loszueisen, daran beißt man sich die Zähne aus. Jedes Mal, wenn Dad und er unterwegs waren, kamen sie auf dem Zahnfleisch wieder zurück. Ihn dazu zu bringen, aus diesem Haus aus- und woanders einzuziehen, sich dort einzugewöhnen, das ist, wovor mir graut.«

»Diesen Stein werde ich ins Rollen bringen«, sagte Harry. »Für dich als Nachlassverwalter gibt’s eigentlich nicht viel zu tun, außer gelegentlich mal vorbeizuschauen und was zu unterschreiben. Bei dem einen oder anderen, wenn ich deine Meinung brauchen, dann wird Alice dich anrufen. Vielleicht willst du das Anwesen ja schätzen lassen, um eine Vorstellung zu bekommen, was du dafür verlangen kannst.« Er blätterte sich durch die Akte. »Deine Telefonnummern, E-Mail-Adresse – das steht alles hier drin, glaube ich.«

»Bestimmt.«

»Und hier habe ich eine Kopie der Lebensversicherung, die hat dein Vater mir mal geschickt. Dass er eine Unfallklausel hatte, wusstest du ja?«

»Ich hatte keine Ahnung.«

»Noch mal fünfzigtausend. Ein kleines Zubrot.« Harry ließ mir Zeit, die Neuigkeit zu verdauen. »Du wirst also nicht so bald nach Burlington zurückfahren?«

»Erst, wenn ich alles geregelt habe.«

Das war es dann. Zumindest für heute. Harry begleitete mich hinaus. Er legte mir die Hand auf den Arm.

»Ray«, fragte er zögernd, »meinst du, es hätte was geändert, wenn dein Bruder gemerkt hätte, dass euer Vater schon so lange weg war? Wenn er sich früher auf die Suche nach ihm gemacht hätte?«

Diese Frage hatte ich mir auch schon gestellt. Dad, mehr oder weniger in Rufweite, unter dem Traktor eingeklemmt, wahrscheinlich mehrere Stunden, bevor mein Bruder ihn fand. Es musste doch einen ziemlichen Lärm gegeben haben, als es passierte. Das Umkippen des Traktors, das Jaulen der rotierenden Schneidmesser.

Hat Dad geschrien? Und wenn, hätte man ihn bei dem Getöse, das der Rasenmäher machte, hören können? Wären überhaupt irgendwelche Geräusche bis nach oben zum Haus gedrungen?

Mein Bruder hat wahrscheinlich nichts davon mitbekommen.

»Ich rede mir ein, dass es nichts geändert hätte«, sagte ich. »Alles andere hat keinen Sinn.«

Harry nickte verständnisvoll. »Ja, das ist wahrscheinlich das Beste. Was geschehen ist, ist geschehen. Man kann die Uhr nicht zurückdrehen.« Ich wartete, ob Harry noch einen Gemeinplatz auf Lager hatte, doch er meinte: »Er lebt wirklich in seiner eigenen kleinen Welt, was?«

»Sie ahnen nicht, wie sehr«, sagte ich.

[home]

Zwei

Ich stieg in den Wagen und fuhr zum Haus meines Vaters zurück.

Noch lange nach dem Tod meiner Mutter war es für mich das Haus meiner Eltern gewesen, auch als mein Vater ohne sie dort wohnte. Ein volles Jahr hatte ich gebraucht, um mich an diesen Gedanken zu gewöhnen. Dad war noch nicht mal eine Woche tot. Mir war klar, dass es noch einige Zeit dauern würde, bis es in meinen Gedanken nicht mehr das »Haus meines Vaters« war.

Das war es nämlich nicht. Nicht mehr. Es war meines.

Und das meines Bruders.

Ich hatte nie da gewohnt. Es gab ein Gästezimmer, in dem ich schlief, wenn ich zu Besuch kam, doch darin gab es keine Andenken an meine Kindheit. Keine Kommodenschublade mit stapelweise Playboy und Penthouse, keine Regale voller Modellautos, keine Poster an den Wänden. Ich war schon einundzwanzig, als meine Eltern das Haus kauften, und wohnte nicht mehr bei ihnen in unserem alten Haus am Stonywood Drive im Zentrum von Promise Falls. Meine Eltern hatten gehofft, dass einer ihrer Söhne es zu etwas bringen würde, diesen Traum aber auf Eis gelegt, als ich die Uni in Albany schmiss und mir einen Job in Saratoga Springs suchte. In einer Kunstgalerie in der Beekman Street.

Meine Eltern waren nie Farmer gewesen, doch als sie dieses Anwesen sahen, war die Sache entschieden. Erstens war es auf dem Land, der nächste Nachbar mehrere hundert Meter weit weg. Da waren sie ungestört, sogar ein bisschen isoliert. Damit verringerte sich die Wahrscheinlichkeit, dass es zu einem weiteren Zwischenfall kam.

Zweitens hatte mein Vater es auch von hier nicht allzu weit zur Arbeit. Allerdings fuhr er nicht durch die Innenstadt von Promise Falls und auf der anderen Seite wieder heraus, sondern er nahm die Umgehungsstraße, die Ende der siebziger Jahre gebaut worden war. Dad arbeitete gern bei P&L. Er wollte sich nichts anderes suchen, nur weil er dann einen kürzeren Anfahrtsweg gehabt hätte.

Drittens war das Haus mit seinen Gauben und seiner rundumlaufenden Veranda einfach entzückend. Mom hatte immer gern da gesessen, und drei Viertel des Jahres war das auch möglich. Zum Haus gehörte eine Scheune, die Dad eigentlich gar nicht brauchte. Er hatte dort nur sein Werkzeug und den Rasentraktor stehen. Aber beide liebten den Anblick dieses Gebäudes, auch wenn dort im Sommer kein Heu eingelagert wurde.

Das dazugehörige Grundstück war riesig, aber meine Eltern hielten nur ein knappes Hektar in Schuss. Hinter dem Haus gab es einen Garten, der sich ungefähr fünfzig Meter über ebenes Gelände erstreckte. Danach fiel er zu einem Bach hin ab und war nicht mehr einzusehen. Der Bach schlängelte sich bis zum Fluss, der wiederum mitten durch Promise Falls floss und schließlich den Wasserfall bildete, welcher der Stadt ihren Namen gab.

Seit meiner Rückkehr war ich erst einmal unten am Bach gewesen. Ich hatte dort zwar noch etwas zu erledigen, aber darauf musste ich mich erst noch seelisch vorbereiten.

Ein Teil des ebenen, baumlosen Geländes jenseits der Fläche, die Dad pflegte, war als Farmland an Nachbarn verpachtet. Das hatte meinen Eltern jahrelang ein – wenn auch nur symbolisches – Nebeneinkommen beschert. Die nächstgelegenen Wälder befanden sich jenseits der Schnellstraße. Wenn man von der Hauptstraße ab- und die Zufahrt hochfuhr, saßen das Haus und die Scheune am Horizont wie zwei Kisten auf einem Podest. Mom hatte immer gesagt, sie liebe diese lange Auffahrt, weil sie ihr genügend Zeit ließ, sich auf alles gefasst zu machen, wenn Besuch kam, was – wie sie selbst sofort zugegeben hätte – nicht oft geschah.

»Die Leute kommen nur selten mit guten Nachrichten zu einem«, hatte sie mehr als einmal gesagt. Und sie sprach aus Erfahrung. Am nachhaltigsten war ihr der Besuch der Regierungsangestellten in Erinnerung, die, als sie ein junges Mädchen war, gekommen waren, um ihrer Mutter mitzuteilen, dass ihr Mann nicht aus Korea zurückkehren werde.

Ich fuhr mit meinem Audi Q5 dicht an die Verandastufen heran und parkte ihn neben dem zehn Jahre alten Chrysler meines Vaters. Er hielt nicht viel von meinem deutschen Gefährt. Er hatte seine Zweifel, dass es richtig war, die Wirtschaft von Staaten zu fördern, gegen die wir einst Krieg geführt hatten. »Und wenn sie eines Tages Autos aus Nordvietnam importieren«, hatte er vor ein paar Monaten zu mir gesagt, »dann kaufst dir wahrscheinlich auch so eins.« Da ihn das derart bekümmerte, bot ich ihm an, seinen geliebten Sony-Fernseher zurückzubringen, dessen Bildschirm so groß war, dass er bei den Play-off-Spielen des Stanley Cup sogar den Puck sehen konnte.

»Immerhin kommt er aus Japan«, hatte ich gesagt.

»Rühr das Ding ja nicht an, sonst reiß ich dir den Kopf ab«, hatte er erwidert.

Zwei Stufen auf einmal nehmend, stieg ich die Verandatreppe hoch, sperrte die Haustür auf und ging in die Küche. Ich hatte immer meinen eigenen Schlüssel gehabt, musste mir also nicht erst den von Dads Schlüsselbund abmachen. Die Wanduhr zeigte fast halb fünf. Zeit, sich langsam über das Abendessen Gedanken zu machen.

Ich inspizierte den Kühlschrank, um zu sehen, was vom allerletzten Einkauf meines Vaters noch übrig war. Er war zwar kein großer Koch gewesen, die Grundbegriffe der Essenszubereitung hatte er jedoch beherrscht. Er konnte Wasser für Nudeln zum Sieden bringen und ein Hähnchen im Ofen braten. Für die Tage, an denen er sich zu so etwas Raffiniertem nicht aufschwingen konnte, hatte er die Tiefkühltruhe bis oben hin mit Hamburgern, Fischstäbchen, Pommes und Fertiggerichten vollgestopft. Er hätte problemlos seinen eigenen Tiefkühlvertrieb aufziehen können.

Für heute würde noch reichen, was der Kühlschrank hergab, aber morgen würde ich um eine Einkaufsfahrt nicht herumkommen. Um die Wahrheit zu sagen, auch an mir war kein Koch verlorengegangen, und daheim in Burlington gab es viele Abende, an denen eine Schüssel Cheerios das Aufwendigste war, zu dem ich mich aufraffen konnte. Ich glaube, wenn man allein lebt, ist es sehr schwierig, sich zu motivieren, richtig zu kochen oder anständig zu essen. Oft genug aß ich abends in der Küche im Stehen und sah mir dabei die Nachrichten im Fernsehen an. Oder ich nahm mir meine Lasagne aus der Mikrowelle mit nach oben ins Arbeitszimmer und aß am Zeichentisch.

Im Kühlschrank standen auch sechs Dosen Budweiser. Mein Vater hatte nichts übrig gehabt für teures Chichi-Bier. Es fühlte sich irgendwie komisch an, seinen letzten Sechserpack zu schlachten, doch das hielt mich nicht davon ab, eine Dose herauszunehmen und zu öffnen.

»Auf dich, Dad«, sagte ich und hob die Dose. Dann setzte ich mich an den Küchentisch.

Das Haus war noch fast so aufgeräumt wie bei meiner Ankunft. Mein Vater war sehr akkurat, weshalb es ihm umso schwerer gefallen war, den Zustand des oberen Flurs zu akzeptieren. Ich führte seine Pingeligkeit auf seine Zeit beim Militär zurück. Nach seiner Einberufung hatte er zwei Jahre gedient, den größten Teil davon in Vietnam. Er sprach nie darüber. »Vorbei ist vorbei«, sagte er jedes Mal, wenn das Thema zur Sprache kam. Er selbst neigte eher dazu, seine Gewohnheiten seiner Arbeit als Schriftsetzer zuzuschreiben, bei der Präzision und ein Auge fürs Detail das A und O waren.

Ich saß da, trank Dads Bier und sammelte die Kraft, um etwas aufzutauen oder in die Mikrowelle zu stellen. Während ich Sachen aus dem Gefrierschrank holte, gönnte ich mir ein zweites Bier. Da ich mich in dieser Küche nicht auskannte, musste ich mehrere Schubladen öffnen, um Sets, Besteck und Servietten zu finden.

Als alles fast fertig war, ging ich ins Wohnzimmer. Die Hand schon auf dem Geländer, um nach oben zu gehen, blieb ich kurz stehen und sah mich in dem Zimmer um. Da war die karierte Couch, die meine Eltern vor zwanzig Jahren aus dem Haus in Albany mitgebracht hatten, der Fernsehsessel, von dem aus mein Vater in seinen Sony guckte. Der ramponierte Couchtisch, den sie zusammen mit der Couch gekauft hatten.

Die Möbel waren schon reichlich angejährt, aber was technische Geräte anging, war mein Vater auf dem neuesten Stand. Da war zunächst einmal der Fernseher selbst: Ein 36-Zoll-Flachbildschirm mit HD, den er sich vor einem Jahr gekauft hatte, um Football und Hockey anzuschauen. Er liebte Sport, auch wenn er sich allein damit vergnügen musste. Dann gab es noch einen DVD-Spieler und eins dieser Dinger, mit denen man Filme aus dem Internet abrufen kann.

Er sah sie sich allein an.

Das Wohnzimmer war ein Wohnzimmer wie Millionen andere. Normal. Nichts Außergewöhnliches.

Am oberen Ende der Treppe sah das ganz anders aus.

Meine Eltern hatten getan, was sie konnten, damit die Obsession meines Bruders nicht über seine eigenen vier Wände hinausdrang, doch es war ein aussichtsloser Kampf. Der Flur, den Mom vor Jahren gelb gestrichen hatte, war von oben bis unten zugeklebt, es gab kaum einen freien Quadratzentimeter. Auf dem oberen Treppenabsatz stehend, betrachtete ich diesen Flur, von dem die Türen zu den drei Schlafzimmern und dem Bad abgingen, und überlegte, wie ein unterirdischer Kartenraum im Zweiten Weltkrieg wohl ausgesehen haben mochte. Bestimmt waren auch dort die Wände vollgehängt mit überdimensionalen Karten von Feindgebieten und überall Militärstrategen, die, ihre Zeigestäbe schwingend, ihre Invasionspläne schmiedeten. Doch ein derartiges Durcheinander von Karten hätte in so einer Kommandozentrale garantiert nicht geherrscht. Da waren die Deutschlandkarten bestimmt alle an einer Wand aufgehängt, die Städte fein säuberlich dort, wo sie hingehörten, während Frankreich wahrscheinlich an einer anderen Wand hing und Italien an einer weiteren.

Wohl kein Kriegsstratege, der sein Geld wert war, hätte eine Polenkarte neben eine von Hawaii geklebt. Oder zugelassen, dass ein Stadtplan von Paris in eine Übersichtskarte der Autobahntankstellen in Kansas hineinragte. Eine topographische Karte von Algerien neben Satellitenaufnahmen von Melbourne gehängt oder eine zerfledderte National-Geographic-Karte von Indien neben eine Karte von Rio de Janeiro direkt in die Wand getackert wurde.

Gegen diesen Wandbehang, diesen verrückten Landkarten-Quilt auf dem Flur im ersten Stock, hatte nicht das kleinste Stück Wand eine Chance. Es sah aus, als hätte jemand die Welt in einen Mixer gekippt und zu einer Tapete verrührt.

Rote Leuchtstiftmarkierungen zogen sich von einer Karte zur anderen und stellten geheimnisvolle, anscheinend willkürliche Verbindungen her. Überall waren Anmerkungen hingekritzelt. Quer über eine Portugalkarte war, ohne ersichtlichen Grund, »380 Kilometer« geschrieben. Breiten- und Längengrade waren wahllos den ganzen Flur entlang an die Wände geschmiert worden. Manche Orte waren mit Fotos geschmückt. Der Ausdruck eines Fotos der Oper von Sydney war mit einem kleinen Stück grünem Malerkrepp auf eine Australienkarte, ein ausgefranstes Foto des Tadsch Mahal mit einem Klumpen Kaugummi auf eine Indienkarte geklebt.

Wie war es meinem Vater gelungen, sich mit diesem Zustand abzufinden, als meine Mutter nicht mehr lebte? Sie war immer ein Puffer gewesen, hatte ihren Mann aus dem Haus geschickt, in eine Sportbar, damit er sich dort mit Lenny Prentice oder sonst jemandem von der Arbeit ein Spiel ansah. Oder mit Harry Peyton. Wie hat er es angestellt, Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat diesen Flur entlangzugehen und so zu tun, als wäre an den Wänden nichts als das zarte Gelb, in dem er sie vor langer, langer Zeit mit seiner Frau gestrichen hatte?

Ich ging zur Tür des ersten Schlafzimmers, die wie üblich geschlossen war. Schon hatte ich die Hand zum Anklopfen erhoben. Doch ehe meine Knöchel das Holz berührten, ließ mich etwas aufhorchen.

Auf der anderen Seite der Tür hörte ich jemanden reden. Es klang wie ein Gespräch. Allerdings hörte ich nur eine Stimme, und was gesprochen wurde, konnte ich nicht verstehen.

Ich klopfte.

»Ja?«, sagte Thomas.

Ich öffnete die Tür. Vielleicht war er ja am Telefon. Aber er hatte keinen Hörer in der Hand. Ich sagte ihm, es sei Zeit fürs Abendessen, und er erwiderte, er käme gleich runter.

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Drei

Das ist aber nett, dass Sie sich melden.«

»Danke, dass Sie meinen Anruf entgegennehmen.«

»Ich gebe meine Privatnummer nicht jedem. Sie sind ein vielversprechendes Talent.«

»Freut mich sehr, das zu hören, Sir. Freut mich wirklich.«

»Ich habe Ihre letzte E-Mail bekommen. Läuft anscheinend alles nach Plan.«

»Ja, alles bestens.«

»Das hört man gern.«

»Ich würde nur gern wissen … haben Sie schon eine Ahnung, wann es so weit sein wird, Sir?«

»Wenn wir das nur wüssten. Das ist, als würde man sich erkundigen, wann genau Terroristen als Nächstes zuschlagen wollen. Wir wissen es einfach nicht. Aber wir müssen auf alles vorbereitet sein. Ob und wann es passiert, kann keiner sagen.«

»Natürlich.«

»Und ich weiß, dass Sie bereit sein werden. Sie werden von unschätzbarem Wert für uns sein. Eine riesengroße Hilfe.«

»Sie können auf mich zählen, Sir.«

»Das Ganze ist nicht ungefährlich. Sind Sie sich dessen bewusst?«

»Völlig.«

»Es gibt feindliche Mächte, die nur zu froh wären, Sie in ihre Fänge zu bekommen.«

»Das ist mir klar, Sir.«

»Gut zu wissen. Also, ich muss jetzt Schluss machen. Meine Frau kommt heute aus dem Nahen Osten zurück.«

»Tatsächlich?«

»Ja. Sie hat ganz schön was um die Ohren, so viel steht fest.«

»Bedauert sie, dass sie nicht Präsidentin geworden ist?«

»Ich sag Ihnen was: Ich glaube nicht, dass sie auch nur einen Moment Zeit hatte, sich darüber Gedanken zu machen.«

»Da haben Sie wahrscheinlich recht.«

»Wie dem auch sei: Machen Sie weiter so.«

»Danke. Danke, Herr Präsident. Das – das ist doch noch immer die korrekte Anrede für Sie, oder?«

»Selbstverständlich. Den Titel behält man, auch wenn man nicht mehr im Amt ist.«

»Ich melde mich wieder.«

»Das weiß ich.«

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Vier

Sagen wir, du wohnst im Hotel Pont Royal und möchtest in den Louvre, wie kommst du da hin?«

»Was?«, fragte ich. »Von welcher Stadt redest du überhaupt?«

Er seufzte und sah mich über den Küchentisch hinweg traurig an, als wäre ich ein Kind, das ihn enttäuscht hat, weil es nicht bis fünf zählen kann. Wir sahen uns sehr ähnlich, Thomas und ich. Wir waren beide eins achtzig groß und hatten schwarzes Haar, das sich schon zu lichten begann. Allerdings wog Thomas ein paar Pfund mehr als ich. Ich war der schlanke Vince Vaughn aus Swingers, Thomas der fleischigere Vince Vaughn aus Trennung mit Hindernissen. Ich sah eindeutig gesünder aus, doch das lag nicht am Körperumfang. Wenn man das Haus kaum verließ und dreiundzwanzig Stunden am Tag in seinem Zimmer verbrachte – Thomas schaffte es, Frühstück, Mittagessen und Abendessen zu drei Zwanzig-Minuten-Pausen zu komprimieren – brauchte man sich über eine ungesunde, käsige Gesichtsfarbe und eine beinahe krankhafte Blässe nicht zu wundern. Wahrscheinlich litt er an Vitamin-D-Mangel. Was er brauchte, war eine Woche auf den Bermudas. Da war er zwar noch nie gewesen, trotzdem hätte er mir mit Sicherheit die Namen aller dortigen Hotels samt Adresse sagen können.

»Ich sagte Louvre. Was glaubst du wohl, von welcher Stadt ich da rede? Louvre, Louvre, denk mal nach.«

»Ja, natürlich«, sagte ich. »Paris. Du redest von Paris?«

Er nickte aufmunternd, ja direkt begeistert. Er war mit seinem Teller Hackbraten aus der Tiefkühltruhe schon fertig, während ich von meinem noch nicht mal die Hälfte gegessen hatte. Mehr würde ich wahrscheinlich auch nicht hinunterbringen. Da hätte ich noch lieber Schaumpappe mit Butter drauf gegessen. Er saß auf seinem Stuhl, den Oberkörper schon der Treppe zugewandt, so, als mache er sich bereit, im nächsten Moment aufzuspringen und nach oben zu stürmen. »Gut, du willst also zum Louvre. Wie gehst du?«

»Ich habe keine Ahnung, Thomas«, sagte ich müde. »Ich weiß, wo der Louvre ist. Ich war auch schon im Louvre. Mit siebenundzwanzig hab ich sechs ganze Tage dort verbracht, als ich in Paris war. Ich habe einen Monat in Paris gelebt. Einen Kunstkurs besucht. Aber ich habe nicht die leiseste Ahnung, wo das Hotel sein soll, von dem du redest. Ich hab nicht in einem Hotel gewohnt, sondern in einem Hostel.«

»Das Pont Royal«, sagte er.

Ich sah ihn verständnislos an und wartete.

»In der Rue de Montalembert«, fügte er hinzu.

»Verdammt noch mal, Thomas, was weiß denn ich –«

»Die geht direkt von der Rue du Bac ab. Komm schon. Es ist ein altes Hotel, ganz aus grauem Stein, hat eine Drehtür, die aussieht, als wäre sie aus Nussbaum oder so, und gleich daneben ist ein Röntgenlabor oder etwas in der Art, da steht nämlich Mammographie und Radiologie über den Fenstern, und in der Etage darüber … das könnten Wohnungen sein, da stehen nämlich Pflanzen in Tontöpfen vor den Fenstern, und insgesamt hat das Haus acht Geschosse, und links neben dem Hotel ist ein Restaurant, das sehr teuer aussieht, mit einer schwarzen Markise und dunklen Fenstern, und es stehen keine Tische und Stühle davor wie sonst meistens vor Pariser Cafés, und –«

Das alles aus dem Gedächtnis.

»Ich bin echt müde, Thomas. Ich musste heute zu Harry Peyton.«

»Nichts ist leichter, als von hier zum Louvre zu kommen. Man kann ihn fast schon sehen, wenn man aus dem Hotel kommt.«

»Willst du gar nicht wissen, wie’s beim Anwalt war?«

Er gestikulierte eifrig vor meiner Nase herum. »Du gehst über die Rue de Montalembert und dann über so ein dreieckiges Stück Gehsteig, und dann bist du in der Rue du Bac, und dann gehst du rechts und geradeaus, dann überquerst du die Rue de l’Université, dann weiter geradeaus, über die Rue de Verneuil – ich weiß nicht, ob ich das alles richtig ausspreche, ich hab ja in der Highschool nicht Französisch gehabt – und da an der Ecke ist dieser Laden mit den süßen Teilchen im Schaufenster, die sehen echt lecker aus, und Brot gibt es da auch, und dann kommt die Rue de Lille, aber du gehst immer weiter und –«

»Mr. Peyton hat gesagt, Dad hat sein Testament so gemacht, dass uns das Haus gemeinsam gehört.«

»– und wenn du geradeaus schaust, dann siehst du ihn schon. Den Louvre, mein ich. Obwohl er am anderen Flussufer steht. Du gehst weiter, dann über die Straße, die heißt Quai Anatole France, aber nur links, rechts heißt sie Quai Voltaire, und du hältst dich leicht rechts, gehst aber über die Brücke drüber. Das ist der Pont Royal. Ich glaube Pont heißt Brücke. Und wenn du auf der anderen Seite bist, stehst du direkt davor. Siehst du, wie einfach das war? Da muss man nicht ständig abbiegen, mal links, mal rechts. Du gehst raus aus dem Hotel, einmal rechts und gleich bist du da. Jetzt machen wir was Schwierigeres. Sag mir den Namen eines Hotels in irgendeinem anderen Stadtteil, und ich sag dir, wie du hinkommst. Auf dem kürzesten Weg. Manchmal gibt es hundert verschiedene Möglichkeiten an ein und denselben Ort zu kommen, aber die Entfernung ist immer ungefähr dieselbe. Wie in New York. Na ja, nicht ganz wie in New York, in Paris laufen die Straßen nämlich kreuz und quer und nicht normal zueinander, aber du weißt schon, was ich meine, oder?«

»Thomas, du musst mir jetzt einen Moment zuhören«, sagte ich geduldig.

Er blinzelte ein paarmal. »Was ist denn?«

»Wir müssen über Dad reden.«

»Dad ist tot.« Wieder sah er mich an, als wäre ich ein bisschen minderbemittelt. Dann huschte etwas wie ein Anflug von Trauer über sein Gesicht, und er sah aus dem Fenster. »Ich hab ihn gefunden. Unten am Bach.«

»Ich weiß.«

»Er war spät dran mit dem Abendessen. Ich hab drauf gewartet, dass er klopft und sagt, Zeit zum Essen, und ich hatte schon richtig Hunger, also bin ich runtergegangen, um zu sehen, was los ist. Zuerst hab ich das ganze Haus abgesucht. Ich bin in den Keller gegangen, hätte ja was mit der Heizung sein können oder so, aber da war er auch nicht. Sein Wagen war da, also konnte er nicht weit sein. Als ich ihn im Haus nicht gefunden hab, bin ich rausgegangen. Als Erstes hab ich in die Scheune geschaut.«

Das hatte ich alles schon mal gehört.

»Aber da war er auch nicht. Dann bin ich überall rumgegangen, und als ich dann den Hang runterschaue, seh ich ihn da unten liegen, der Traktor auf ihm drauf.«

»Ich weiß, Thomas.«

»Ich hab den Traktor hochgestemmt. Das war echt schwer, aber ich hab’s geschafft. Aber Dad ist nicht aufgestanden. Da bin ich wieder hochgelaufen und hab den Notruf gewählt. Die sind gekommen und haben gesagt, Dad ist tot.«

»Ich weiß«, sagte ich noch einmal. »Das muss schlimm für dich gewesen sein.«

»Er ist noch immer da unten.«

Der Traktor. Ich musste ihn holen und in die Scheune bringen. Seit dem Unfall hatte er dort unten gestanden, ich wusste nicht einmal, ob er anspringen würde. Gut möglich, dass das Benzin ausgelaufen war, schließlich war er ja umgekippt. In der Scheune stand ein halbvoller Benzinkanister, falls ich welches brauchte.

»Es gibt einiges zu besprechen«, sagte ich. »Was getan werden muss, jetzt, wo Dad … wo er nicht mehr da ist.«

Thomas nickte und überlegte. »Ich frage mich, ob ich jetzt vielleicht auch Karten an die Wände in seinem Zimmer hängen kann. Der Platz reicht nicht mehr. Er und Mom haben ja gesagt, dass ich im Erdgeschoss und im Treppenaufgang nichts aufhängen darf, aber sein Zimmer ist im ersten Stock. Und da wollte ich wissen, wie du darüber denkst. Er schläft da ja nicht mehr. Und Mom ist auch nicht mehr da, also schläft da jetzt gar niemand mehr.«

So ganz stimmte das nicht. Ich hatte zwar die ersten Tage in dem unbenutzten Zimmer geschlafen, das Mom immer für mich bereitgehalten hatte. Für den Fall, dass ich zu Besuch kam, was allerdings nicht allzu oft geschah. Doch letzte Nacht war ich von diesem Zimmer, das neben dem von Thomas lag, in das weiter hinten gelegene Zimmer meines Vater umgezogen, weil mir das ständige Mausgeklicke aus Thomas’ Zimmer den letzten Nerv raubte. Einmal war ich zu meinem Bruder gegangen, um ihm zu sagen, er solle Schluss machen, doch er hatte mich ignoriert. Also zog ich um. Anfangs fühlte es sich seltsam an, unter die Decke meines Vaters zu schlüpfen, aber das dauerte nicht lange. Ich war müde, und Sentimentalität war nie mein Problem gewesen.

»Du kannst nicht allein in diesem Haus leben«, sagte ich.

»Ich bin nicht allein. Du bist doch hier.«

»Irgendwann muss ich wieder nach Hause.«

»Du bist doch zu Hause. Hier ist zu Hause.«

»Aber es ist nicht mein Zuhause, Thomas. Ich wohne in Burlington.«

»Burlington, Vermont. Burlington, Massachusetts. Burlington, North Carolina. Burlington, New Jersey. Burlington, Washington. Burlington, Ontario, Ka…«

»Thomas.«

»Ich wusste nicht, ob du weißt, wie viele Burlingtons es sonst noch gibt. Du musst genau sein. Du musst Burlington, Vermont, sagen, sonst wissen die Leute doch nicht, wo du wirklich wohnst.«

»Ich dachte, du weißt es«, erwiderte ich. »Soll ich das tun? Soll ich wirklich jedes Mal, wenn ich nach Burlington zurückfahre, dazusagen ›Vermont‹, Thomas?«

»Sei nicht böse auf mich«, sagte er.

»Ich bin nicht böse. Aber wir müssen über ein paar Dinge reden.«

»Na gut.«

»Ich mach mir Sorgen, was aus dir wird, so ganz allein, wenn ich wieder zu mir nach Hause fahre.«

Thomas schüttelte den Kopf, als gäbe es da gar nichts, um das ich mich sorgen müsste. »Ich komm zurecht.«

»Dad hat hier alles gemacht«, fuhr ich fort. »Er hat gekocht, geputzt, die Rechnungen bezahlt. Er ist zum Einkaufen in die Stadt gefahren, er hat sich darum gekümmert, dass die Heizung funktioniert, und den Heizungsmenschen angerufen, wenn nicht. Alles, was sonst kaputt ging, hat er selbst repariert. Wenn das Licht ausging, ist er in den Keller gegangen und hat den Strom wieder eingeschaltet. Weißt du, wo der Schaltkasten ist, Thomas?«

»Die Heizung funktioniert bestens.«

»Du hast keinen Führerschein«, sagte ich. »Wie willst du Lebensmittel einkaufen?«

»Ich werde sie mir bringen lassen.«

»Wir sind hier am Ende der Welt. Und wer soll in den Supermarkt gehen und die Sachen zusammensuchen, die du magst?«

»Du weißt, was ich mag.«

»Aber ich werde nicht da sein.«

»Aber du kannst kommen«, sagte er. »Einmal in der Woche, und mir Sachen zum Essen mitbringen und die Rechnungen bezahlen und nachschauen, ob mit der Heizung alles in Ordnung ist, und dann kannst du wieder zurückfahren. Nach Burlington.« Gleich darauf fügte er hinzu: »Vermont.«

»Und die anderen Tage? Nehmen wir mal an, du hast Essen im Haus. Kannst du dir selbst was kochen?«

Thomas sah weg.

Ich beugte mich vor und legte ihm die Hand auf den Arm. »Schau mich an.« Widerstrebend dreht er den Kopf.

»Vielleicht«, sagte ich, »könntest du dich ja ein bisschen umgewöhnen. Vielleicht kannst du ein paar von diesen Arbeiten selbst übernehmen.«

»Was meinst du damit?«

»Na, dass du dir deine Zeit vielleicht ein bisschen besser einteilen musst.«

Er sah mich ratlos an. »Ich teile mir meine Zeit sehr gut ein.«

Ich nahm die Hand von seinem Arm und legte beide Handflächen auf den Tisch. »Und zwar wie?«

»Ich tu’s einfach. Ich nütze meine Zeit sehr gut.«

»Wie sieht dein Tagesablauf aus?«

»Was für ein Tagesablauf? Unter der Woche oder am Wochenende?« Er wollte Zeit schinden.

»Würdest du sagen, dass dein Tagesablauf von Montag bis Freitag sich sehr von dem unterscheidet, was du am Wochenende machst?«

Er überlegte. »Wahrscheinlich nicht.«

»Dann ist es egal. Such dir einen Tag aus.«

Jetzt sah er mich misstrauisch an. »Machst du dich lustig über mich? Willst du mich runtermachen?«

»Du hast gesagt, du nützt deine Zeit vernünftig, also sag mir, wie.«

»Also ich steh gegen neun auf und geh mich duschen, und dann macht Dad mir Frühstück, so um halb zehn, und dann mach ich mich an die Arbeit.«

»Die Arbeit«, wiederholte ich. »Erzähl mir was darüber.«

»Du weißt doch, was ich mache.«

»Schon, aber ich glaube nicht, dass du das schon mal als Arbeit bezeichnet hast. Erzähl mir davon.«

»Nach dem Frühstück setze ich mich an die Arbeit, und ich mache eine Pause zum Mittagessen, und dann arbeite ich wieder, bis es Zeit ist fürs Abendessen, und dann arbeite ich weiter, bis ich ins Bett geh.«

»Und das ist wann? So um eins, zwei, drei Uhr morgens?«

Er nickte.

»Erzähl mir von der Arbeit.«

»Warum tust du das, Ray?«

»Vielleicht denke ich ja, dass du dich, wenn du ein bisschen weniger Zeit auf diese Arbeit verwenden würdest, besser um dich selbst kümmern könntest. Thomas, es ist kein Geheimnis, dass es da ein paar Probleme gibt, an denen du zu knabbern hast, und zwar schon sehr lange. Und die werden auch nicht einfach weggehen, das versteh ich. Genau wie Dad und Mom es verstanden haben. Und verglichen mit anderen, denen es genauso geht wie dir, die aber die Stimmen nicht ausblenden können oder andere Symptome haben, geht es dir wirklich gut. Du stehst auf, du ziehst dich selbst an, du und ich, wir können hier sitzen und uns vernünftig unterhalten.«

»Ich weiß«, sagte Thomas leicht indigniert. »Ich bin vollkommen normal.«

»Aber die Zeit, die du bei … deiner Arbeit verbringst, hält dich davon ab, dich allein um dieses Haus zu kümmern oder allein hier zu wohnen, und wenn du dazu nicht fähig bist, dann müssen wir uns nach einer anderen Lösung umsehen.«

»Was meinst du damit? Eine andere Lösung?«

Ich zögerte. »Dass du umziehst. Vielleicht in eine Wohnung, in der Stadt. Oder, und das muss ich mir erst noch alles durch den Kopf gehen lassen, dass du wohin ziehst, wo andere Menschen leben, die ähnliche Probleme haben wie du, wo es Leute gibt, die sich um alles kümmern, worum du dich nicht selbst kümmern kannst.«

»Warum sagst du dauernd ›Probleme‹? Ich hab keine Probleme, Ray. Ich habe ein Nervenleiden, das wir sehr gut im Griff haben. Wenn du Arthritis hättest, würdest du dann wollen, dass ich sage, du hast ein Problem mit deinen Knochen?«

»Tut mir leid. Ich wollte nur …« Ich wusste nicht, was ich sagen sollte.

»Da, wo ich hingehen soll, ist das ein Krankenhaus? Für Verrückte?«

»Ich hab nie gesagt, dass du verrückt bist, Thomas.«

»Ich will nicht in einem Krankenhaus wohnen. Das Essen dort ist fürchterlich.« Er schaute auf den Hackbraten, den ich nicht aufgegessen hatte. »Sogar noch schlimmer als das. Und ich glaube nicht, dass es in einem Krankenhauszimmer Internet gibt.«

»Von einem Krankenhaus ist doch gar nicht die Rede. Aber vielleicht eine Art, ich weiß nicht, eine Art betreute Wohngemeinschaft. Da könntest du wahrscheinlich sogar selbst kochen. Ich könnte es dir beibringen.«

»Ich kann hier nicht weg«, sagte Thomas sachlich. »Mein ganzes Zeug ist hier. Meine Arbeit ist hier.«

»Thomas, du verbringst den lieben langen Tag am Computer, bis auf die Stunde, die du fürs Essen brauchst, und die paar Stunden Schlaf. Tag für Tag, Monat für Monat. Das ist nicht gesund.«

»Aber erst in letzter Zeit«, erwiderte er. »Vor ein paar Jahren hatte ich nur meine Landkarten und meine Atlanten und meinen Globus. Da gab es noch kein Whirl360, das diese 360-Grad-Panoramabilder machte. Jetzt ist alles viel besser. Auf so etwas warte ich schon mein ganzes Leben.«

»Du hattest schon immer diese Kartenmanie, aber –«

»Interesse. Ich habe mich schon immer für Landkarten interessiert. Ich sag ja auch nicht, du hast eine Zeichenmanie, nur weil du doofe Bildchen von Menschen zeichnest. Ich hab das eine von Obama in diesem Magazin gesehen, das mit dem weißen Mantel und dem Stethoskop, wo er aussieht, als wäre er Arzt. Ich fand, da sah er doof aus.«

»Das war ja genau der Sinn der Sache«, sagte ich. »Das war das, was die Leute von dem Magazin wollten.«

»Und? Würdest du das als Manie bezeichnen? Ich glaube, das ist einfach deine Arbeit.«

Nicht ich war hier das Thema. »Diese neue Technik«, fuhr ich fort, »dieses Whirl360, ist nicht gerade ideal für dein Interesse an Karten. Du marschierst die Straßen von allen möglichen Städten der Welt ab, und ich gebe gern zu, dass das wirklich interessant sein kann, aber Thomas, du tust nichts anderes mehr.«

Er sah wieder zu Boden.

»Hörst du? Du gehst nicht aus dem Haus. Du triffst dich mit niemandem. Du liest keine Bücher und keine Zeitschriften. Du guckst nicht mal fern. Du kommst nie runter und schaust dir einen Film an.«

»Es läuft ja auch nichts Gescheites«, sagte er. »Die Filme sind sehr schlecht. Und sie sind voller Fehler. Sie sagen zum Beispiel, sie sind in New York, aber am Hintergrund kannst du erkennen, dass es Toronto oder Vancouver oder irgendwas anderes ist.«

»Du sitzt nur am Computer und klickst dich von einer Straße zur nächsten. Hör mal, du willst die Welt sehen? Such dir eine Stadt aus. Ich flieg mit dir nach Tokio. Ich bring dich nach Bombay. Du willst Rom sehen? Wir fliegen hin. Wir setzen uns in ein Restaurant am Trevi-Brunnen, und du kannst dir Pizza bestellen oder Pasta und hinterher ein Gelato, und das wird der größte Spaß sein, den du je erlebt hast. Du kannst dir die Stadt anschauen, in echt und nicht irgendein lebloses Bild auf einem Computermonitor. Du kannst berühren, was du siehst, die Ziegel von Notre- Dame unter deinen Fingerspitzen spüren, den Nachtmarkt in der Temple Street in Hongkong riechen, dir in Tokio Karaoke anhören. Such dir eine Stadt aus, und ich bring dich da hin.«

Thomas sah mich unbeeindruckt an. »Nein. Das will ich doch gar nicht. Mir gefällt’s hier sehr gut. Ich hole mir keine Krankheiten, verlier mein Gepäck, lande in einem Hotel mit Bettwanzen oder werde ausgeraubt oder krank in einem Land, dessen Sprache ich nicht spreche. Und außerdem hab ich nicht genug Zeit.«

»Wie, nicht genug Zeit?«