Beschreibung

Stürmische Gefühle auf Deutschlands Promi-Insel Kurz vor dem Sylt-Urlaub zerbröselt Annes Familienidylle. Ihr Mann geht fremd. Was tun? Auf den Schock folgt die Wut. Wenn er es so haben will, bitte! Dann verreist sie eben mit Kind und Kegel ohne Ehemann. Die Koffer sind gepackt - nichts kann Anne mehr aufhalten. Wenn schon unglücklich, dann wenigstens mit Meerblick! Was sie allerdings nicht weiß: Auf der Insel wartet nicht nur ein Landgasthaus mit herzerwärmendem Familienanschluss auf sie, sondern auch ein Mann der Extraklasse ... Die ideale Lektüre für den Urlaub oder um den Duft von Salzwasser gemischt mit einer Portion Liebe nach Hause zu bringen - jetzt als eBook von beHEARTBEAT! Weitere Romane von Nina Kresswitz Ein Mann zum Nachtisch Männer-Mix auf Eis Ein Mann mit Sahnehäubchen Die Männertest-AG Kuschelkurs für Anfänger Ich will alles!

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EPUB

Seitenzahl: 262


Inhalt

CoverÜber die AutorinTitelImpressumFerien auf Sylt-Krokan

Über die Autorin

Nina Kresswitz wurde 1960 in Regensburg geboren. Sie studierte in München Romanistik und Archäologie. 1996 kam ihre Tochter Anna zur Welt.

Nina Kresswitz

Ferien auf Sylt-Krokan

Roman

beHEARTBEAT

»be« – Das eBook-Imprint von Bastei Entertainment

Originalausgabe:

Copyright © 2007/2015/2017 by Bastei Lübbe AG, Köln

Titelgestaltung: Manuela Städele-Monverde unter Verwendung von Motiven von © Shutterstock: Ryszard Filipowicz | Pawel Kazmierczak | Passakorn Umpornmaha und © FredFroese/iStockphoto

eBook-Erstellung: hanseatenSatz-bremen, Bremen

ISBN 978-3-7325-5049-4

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Es gibt Tage, die völlig harmlos beginnen. So harmlos, dass niemand auf die Idee käme, sie könnten mit einem Paukenschlag enden.

Am allerwenigsten rechnete Anne mit irgendwelchen Katastrophen. Wieso auch? Ihr Leben zog in geordneten Bahnen dahin, na gut, vielleicht schrammte es manchmal hart an Eintönigkeit und Langeweile vorbei, aber was machte das schon? Sie hatte einen netten Mann und zwei entzückende Kinder, vormittags jobbte sie in einer Buchhandlung, das Haus war so gepflegt wie ihre Frisur.

Und genauso würde es weitergehen bis in alle Ewigkeit. Dachte sie.

Es war Samstag. Ein paar luftige Sommerwölkchen zogen über den Himmel, als sie am späten Vormittag in der Küche ihren Kaffee trank. Im Radio lief lauter Gute-Laune-Musik, und als sie später die Koffer vom Dachboden holte, summte sie vor sich hin.

Endlich Urlaub! Zwei volle Wochen mit Kind und Kegel auf Sylt! Ihr Kegel hieß Ralf, auch wenn er im Grunde genommen eher mit seiner Firma verheiratet war. Doch Ralf hatte versprochen, woran Anne fast schon nicht mehr geglaubt hatte: einen richtigen Familienurlaub, zwei volle Wochen am Meer, ohne Handy, ohne Laptop, dafür Luft und Liebe satt.

»Wirklich?«, hatte sie entgeistert gefragt. »Ohne Quatsch? Nur du und ich und die Kinder?«

Ralf hatte feierlich genickt. »Aber sicher, Schatz, das haben wir uns doch verdient, oder?«

Wohl wahr. Die letzten fünf Jahre hatte Anne die Ferien allerdings immer allein mit den Kindern in irgendwelchen lärmenden Clubhotels verbracht, weil sich der Gatte im Job so unersetzlich fühlte. Anfangs hatte sie dagegen protestiert, dann hatte sie sich damit abgefunden. Männer sind eben so, hatte sie gedacht. Testosterongesteuerte Alphatierchen, die nach einem Tag am Strand die Flucht ergreifen. Die dauernd kämpfen müssen, sich beweisen wie Superman persönlich. Und kollabieren, wenn sie statt am Schreibtisch mal im Strandkorb sitzen.

Aber offenbar hatte Ralf sich geändert, offenbar hatte selbst er gemerkt, dass eine Familie kein Teilzeitjob ist, sondern zuweilen mehr braucht als den zwar glorreichen, aber abwesenden Ernährer.

Sylt! Noch nie war sie auf dieser sagenumwobenen Insel gewesen, auf der Insel der Reichen und Schönen, die sie nur aus den Klatschblättern und aus dem Fernsehen kannte. Wer weiß, dachte sie, vielleicht werden wir einen echten Promi in Badehose entdecken oder ein Supermodel mal aus der Nähe betrachten. Und das alles mit der ganzen Familie!

Unternehmungslustig setzte sie die Koffer im Schlafzimmer ab und öffnete den Kleiderschrank. Ralf würde Augen machen, wenn er sie in ihren Strandkleidern sehen würde, die er nur von verwackelten Urlaubsfotos kannte. Und vielleicht würde er sich sogar daran erinnern, dass eine Ehefrau mehr kann als kochen, putzen und in der Buchhandlung die Neuerscheinungen einordnen. Er würde sie möglicherweise wieder als Frau sehen, eine Frau, die Nähe möchte und sich nach Zärtlichkeit sehnt. Das hatte er nämlich leider im Laufe der Jahre irgendwie vergessen.

Sie hielt sich ein bunt gemustertes Top vor den Körper und betrachtete sich im Spiegel. Gar nicht so schlecht. Ihre Figur war immer noch passabel, abgesehen von den, tja, griffigen Auspolsterungen einer ganz normalen Frau Mitte dreißig. Ein paar kalorienhaltige Seelentröster mussten schon sein, bevor sie abends vor dem Fernseher einschlief, während Ralf Überstunden schob oder auf einer Dienstreise war. Doch von Vollfettstufe konnte noch keine Rede sein. Sie joggte jeden Morgen, und einmal in der Woche ging sie sogar ins Fitnessstudio. Nein, als wandelnde Problemzone konnte man sie wirklich nicht bezeichnen. Nur ihr Rücken, das war ihre Schwachstelle.

Sie atmete tief ein, schloss die Augen und meinte schon die Seeluft zu riechen, die Sonne auf ihrer Haut zu spüren, den Wind, der in ihren Haaren spielte. Herrlich. Am Nachmittag sollte es losgehen, Ralf wollte nur noch die letzten, wichtigen Dinge im Büro erledigen, dann würden sie abdampfen Richtung Norden. Der Platz auf dem Autozug war gebucht, so wie das Hotel in Kampen, ein sündhaft teurer Schuppen mit Reetdach und Wellness-Oase. Ein Traum.

Sie lächelte und öffnete die Augen. Ihr nussbraunes Haar mit den kecken Strähnchen würde noch mehr leuchten, wenn sie gebräunt und erholt durch die Dünen stapfte, Hand in Hand mit dem Mann, den sie immer noch liebte, auch wenn sich die Leidenschaft auf leisen Sohlen davongestohlen hatte. Aber man konnte nie wissen. Schon manch träge dahindümpelnde Ehe hatte im Urlaub kräftig Aufwind bekommen, das hörte man immer wieder.

Außerdem ließ sich ja auch ein bisschen nachhelfen. Mit den Waffen einer Frau. Anne zog die Schublade der Kommode auf und holte die schönste Wäsche heraus, die sie hatte. Spitzen-BHs und hauchzarte Slips glitten durch ihre Finger, bevor sie in den Koffer wanderten. Sie erschauerte bei dem Gedanken, dass dies ein Liebesurlaub werden könnte, ohne das Störfeuer von Hektik und Stress, das Ralf regelmäßig schachmatt setzte. Außerdem erzählte man sich ja Wunderdinge über die erotischen Wirkungen des nordfriesischen Reizklimas. Sie musste kichern wie ein Teenager. Reizklima. Ja, sie war ein kleines bisschen aufgeregt.

Aus dem Garten hörte sie die Stimmen der Kinder, die nicht gerade geräuscharm Fußball spielten. Immer wieder donnerte der Ball gegen die Hauswand, unterbrochen von Kommandos wie »los doch!«, »Doppelpass!« und »Abseits!!«.

Emily war acht, Robert sechs Jahre alt, und sie hatten mindestens so gestaunt wie Anne, als sie erfuhren, dass ihr Papi diesmal mit auf die Reise gehen würde. Papi, das unbekannte Wesen. Papi, der nie Zeit hatte. Papi, der sich am Wochenende hinter Zeitungen verschanzte und dann stundenlang auf seinen Laptop einhackte, um die aktuellen Börsenkurse zu checken.

Anne hatte nie ganz verstanden, was Ralf eigentlich genau machte. Sicher, sie wusste, dass er Anlageberater war, dass er als bester Mann im Team galt und dass sein Chef große Pläne mit ihm hatte. Wie die aussahen, darüber redete Ralf nie.

»Das ist ganz großes Tennis«, raunte er nur, wenn sie ihn danach fragte. »Das erklär ich dir irgendwann mal in einem ruhigen Moment.« Doch der war in fast zehn Jahren Ehe nie gekommen, dieser ruhige Moment.

Fertig. Zufrieden klappte Anne die Koffer zu. Die Sachen der Kinder hatte sie bereits am Vortag in Rucksäcke verstaut, und Ralf hatte seine Reisetasche schon vor einer Woche gepackt, gut getaktet, wie er war. Abfahrbereit stand sie in der Ecke. Anne sah auf die Uhr. Halb drei schon, wo Ralf nur blieb? Sie griff zum Handy, das auf dem Nachttisch lag, doch dann ließ sie es wieder sinken.

Ralf hasste es, wenn sie ihm hinterhertelefonierte. »Keine Kontrollanrufe, bitte!«, bellte er unwirsch, wenn sie ihn anklingelte und fragte, wann er denn nach Hause kommen würde und wo er gerade war. Selbst SMS konnte er nicht leiden. »Job ist Job«, sagte er immer, »da muss ich den Kopf frei haben«. Der Job hatte familienfreie Zone zu sein. Fand er.

Während Anne das Gepäck runterschleppte und zum Auto brachte, spürte sie ihren Rücken. Der Arzt hatte ihr strikt verboten, schwere Gegenstände zu heben, aber was sollte sie machen? Der Autozug ging um acht, und bis zur Verladestation in Dagebüll mussten sie mindestens drei Stunden fahren. Man musste nicht Mathematik studiert haben, um zu wissen, dass sie spätestens um vier auf dem Weg sein sollten – Pipipausen für die Kinder und die obligatorischen Ferienstaus eingerechnet. Nervös massierte sie die Stelle über ihrem fünften Lendenwirbel. Ihre Schwachstelle. Dass sich die Bandscheibe meldete, hatte ihr gerade noch gefehlt.

Als sie am Auto auftauchte, kamen auch schon die Kinder angelaufen und bestürmten sie mit Fragen.

»Fahren wir jetzt los? Hast du auch was zu essen eingepackt? Dürfen wir Cola? Kann ich meinen Gameboy mitnehmen? Gibt es auf Süd Tsunamis?«, rief Robert und tänzelte aufgeregt um sie herum.

»Nicht Süd – Sylt heißt die Insel«, verbesserte Anne ihren Sohn, »und Tsunamis gibt es da garantiert nicht. Aber schöne große Wellen, über die wir springen können.«

Emily stemmte skeptisch die Arme in die Hüften. »Und was ist mit den Feuerquallen?«

Ächzend hievte Anne das Gepäck in den Kofferraum. »Feuerquallen? Die machen wir platt«, zischte sie mit zusammengebissenen Zähnen.

Ein brennender Schmerz war ihr Rückgrat entlang geflammt. Jetzt nur nicht schlappmachen, ermahnte sie sich. Alles in bester Ordnung.

»Aber was ist mit den Haien?«, wollte Robert wissen.

»Die freuen sich schon auf dich, weil sie dich zum Frühstück verputzen werden«, sagte Emily mit der typisch überlegenen Grausamkeit der großen Schwester.

Durch Roberts Angstgeheul hindurch hörte Anne ihr Handy klingeln. Das war bestimmt Ralf! Na, endlich! Sie warf die Heckklappe zu und rannte ins Haus, ohne auf ihren schmerzenden Rücken zu achten. Doch als sie hechelnd im Schlafzimmer stand, war das Ding schon wieder stumm wie ein Fisch. Es blinkte nur noch. Sie klickte die Mailbox an.

»Hallo, Maus, es wird ein bisschen später, hier im Büro ist die Hölle los. Jede Menge E-Mails, die ich noch beantworten muss. Mach dir keine Sorgen, ich schaffe es schon rechtzeitig.«

Rechtzeitig? Der Mann hatte Nerven! Ausgerechnet heute! Es war schließlich Samstag! Warum konnte er nicht einfach wie jeder andere normale Mensch auch seinen Computer ausstellen und losfahren, verflixt? Aber Ralf war eben Ralf. Wieder sah sie auf die Uhr. Drei. Es wurde allmählich eng.

Unschlüssig stand sie da. Am liebsten hätte sie jetzt einen Kuchen gebacken. Kuchenbacken war ihre Passion, auch wenn ihre Freundinnen sie auslachten und das eine sturzblöde Hausfrauennummer nannten. Die wussten ja nicht, dass Kuchenbacken Anne beruhigte, dass es immer half, wenn sie geheime Zweifel bekam, ob ihr Glück wirklich so perfekt war, wie sie immer behauptete. Zog sie erst mal eine goldbraune Apfeltorte aus dem Ofen oder einen duftenden Pflaumenkuchen, hatte sie immer das angenehme Gefühl, dass die Dinge wieder im Lot waren.

Ziellos stromerte sie durch das Haus, auf der Suche nach etwas, was sie ablenken könnte. Aber es gab nichts mehr zu tun: Alles war penibel aufgeräumt, jede Pflanze war mit einem Zettel für die Nachbarin versehen, mit Angabe der nötigen Wassermenge, die Jalousien waren heruntergelassen, der Stecker aus dem Fernseher herausgezogen. Himmel noch mal, dieses Warten war wirklich nervtötend!

»Hunger! Können wir noch was essen, bevor es losgeht?«

Sie schrak zusammen. Die Kinder waren so plötzlich aufgetaucht, dass sie sich ertappt fühlte. Sofort setzte sie ihr Allzweck-Sorglos-Lächeln auf.

»Klar, im Kühlschrank sind noch zwei Joghurts. Bedient euch!«

Während die Kinder in die Küche liefen, hypnotisierte Anne ihr Handy. Schick doch wenigstens eine SMS, dass du jetzt unterwegs bist, bat sie flehentlich. Sag, dass du gleich da bist!

Seufzend klickte sie das Display an, obwohl kein Blinken und kein Piepen irgendwelche Nachrichten signalisierten. Nichts. Gar nichts. Ob sie vorsichtshalber doch mal im Büro anrufen sollte? Das hier war schließlich ein Ausnahmefall. Wenn sie den Autozug verpassten, war erst mal Ende im Gelände. Wie war noch die Büronummer? Sie tippte die Rufliste an, markierte die Nummer des letzten Anrufs und drückte auf den kleinen grünen Hörer. Pieeep. Wenigstens war nicht besetzt. Ein gutes Zeichen. Sicher war Ralf längst auf dem Weg.

»Einen schönen guten Tag, hier ist das Hotel Maritim in Dollenberg, mein Name ist Melanie Wagner, was kann ich für Sie tun?«

Was? Wie war das? Anne unterbrach das Gespräch sofort. Hatte sie sich verwählt? Nein, das war unmöglich, sie hatte doch … Eine kalte Hand griff nach ihrem Herzen. Was bedeutete das? Sie starrte ihr Handy an. Ralf war in einem Hotel? Wieso denn? Was machte er … Und überhaupt, warum nahm er ein Hotelzimmer? Warum war er nicht im Büro? Ohne lange zu überlegen, drückte sie auf die Wahlwiederholung.

»Einen schönen guten Tag, hier ist …«

»… das weiß ich!«, unterbrach Anne unwirsch die sanft leiernde Frauenstimme. »Ich wollte, das heißt, könnte ich mal meinen …, äh, ich würde gern Ralf Berger sprechen.«

»Aber natürlich, ich verbinde Sie gern.«

Ein fröhliches Gedudel erklang, unterbrochen von der Ansage »bitte warten«. Ha, dachte Anne grimmig, ich befinde mich in der Warteschleife. Im wahrsten Sinne des Wortes. Was ist hier eigentlich los? Dann wurde endlich abgenommen.

»Halloooo?«, sagte eine rauchige Frauenstimme gedehnt.

Im Hintergrund hörte man leise klassische Musik. Mozarts Kleine Nachtmusik. Annes Lieblingsstück. Sie kannte jede Note.

Ihre Hände wurden eiskalt, während ihr gleichzeitig der Schweiß ausbrach. Das musste eine Verwechslung sein. Das war eine Verwechslung! Sie legte auf und wählte ein drittes Mal die Nummer. Ohne irgendwelche einstudierten Formeln abzuwarten, verlangte sie sofort Ralf Berger zu sprechen.

»Oh, hat das nicht geklappt?«, flötete die Empfangsdame. »Vielleicht ist das Ehepaar Berger im Restaurant. Soll ich es dort versuchen?«

Das. Ehepaar. Berger. Jedes dieser drei Worte traf Anne wie ein Faustschlag. Ihre Hände begannen zu zittern.

»Nicht nötig«, krächzte sie heiser. »Vielen Dank.« Dann straffte sie sich. »Ich probiere es später noch mal. Wie lange werden, äh, die Bergers denn noch bei Ihnen sein?« Sie hörte das Klappern einer Tastatur.

»Einen Moment, ach ja, hier haben wir sie. Sie sind erst heute Mittag angereist. Bis morgen früh werden sie auf jeden Fall noch erreichbar sein«, gab die Hotelangestellte bereitwillig Auskunft. »Soll ich Sie wirklich nicht zum Restaurant durchstellen?«

»Nicht nötig«, stöhnte Anne.

»Dann noch einen schönen Tag«, säuselte es.

Das Gespräch war zu Ende. Doch noch gab es Hoffnung. Noch gab es die irrwitzige, verrückte Möglichkeit, dass aus einem unerfindlichen Grund der Telefonteufel zugeschlagen hatte. Wenn auch nicht viel dafür sprach. Doch Anne wollte nicht grübeln, sie wollte Gewissheit. Hastig tippte sie Ralfs Handynummer ein.

»Anne? Ich habe dir doch hundertmal gesagt, du sollst nicht …«

Anne hörte gar nicht hin. Sie hörte nur die Kleine Nachtmusik, mittlerweile war es der zweite Satz.

»Du – bist in einem Hotel«, sagte sie so ruhig, ja, fast kaltblütig, dass sie sich über sich selbst wunderte. »Du bist dort mit einer Frau. Und ihr habt euch als Ehepaar Berger ausgegeben.«

Schweigen. Nur die Geigen waren zu hören. Die Kleine Nachtmusik. Ausgerechnet die Kleine Nachtmusik.

»Ralf?« Annes Stimme klang fordernd. »Hast du mir irgendetwas zu sagen?«

Noch immer war nichts zu hören außer der Musik. Nie wieder würde Anne dieses Stück hören können. Sie lauschte angestrengt, während ihr Herz so laut klopfte, als sei es ein Fußball, der gegen eine Wand gedonnert wird. Warum sagte er nichts? Oder war da ein leises Flüstern? Plötzlich spürte sie nur noch eiskalte Wut, die langsam zu Hass gefror.

»Ich nehme an, dass ich die Koffer wieder auspacken kann, richtig?«, fragte sie so sachlich wie möglich.

Nun endlich erwachte Ralf endlich aus dem Schock. »Nein, nein, ich bin in einer halben Stunde da, mach jetzt bitte keine Szene, ich erkläre es dir in einem ruhigen Moment!«

»Den wird es nicht mehr geben, diesen ruhigen Moment«, erwiderte Anne heiser. »Bleib einfach, wo du bist.«

»Aber …«

Anne hatte genug. Es reichte. Sie klickte Ralf weg, schleuderte das Handy von sich, dann krümmte sie sich auf einem Sessel zusammen, von einem Schluchzen geschüttelt, das so wehtat wie nichts zuvor in ihrem Leben. Sie konnte nicht mehr denken, sie konnte nur noch tatenlos geschehen lassen, wie etwas mit der Wucht einer Naturkatastrophe über sie hereinbrach. Im Strudel ihrer Gefühle tauchten einzelne Wörter auf, zusammenhanglos erst, doch aus ihnen formte sich das noch unscharfe Bild eines Totalschadens. Untreu. Affäre. Überstunden. Hotel. Urlaub. Urlaub? Kein Urlaub. Kein Ehemann. Es war alles aus.

»Mami? Was hast du denn? Warum weinst du?« Emily stand mit einem Mal vor ihr, die Augen vor Schreck geweitet. Anne wischte sich mit dem Handrücken die Tränen von der Wange, doch es kamen immer neue. Sie konnte einfach nicht mehr aufhören zu weinen.

»Die … die Bandscheibe«, schluchzte sie. »Mein Rücken, es tut ganz doll weh!«

»Heißt das etwa, wir können nicht losfahren?«

Anne nickte. Es zerriss ihr fast das Herz, wie sie Emily fassungslos dastehen sah, tief enttäuscht, das liebe Gesichtchen vor Kummer verzogen. So ein Schuft, dachte sie wütend, dass er mir das antut, ist schlimm genug, aber hat er auch nur ein einziges Mal an seine Kinder gedacht?

»Robert, es ist was Schreckliches passiert, wir müssen hierbleiben!«, mit dieser Hiobsbotschaft rannte Emily davon, während Anne hilflos auf ihrem Sessel zurückblieb. Das ist ungerecht, dachte sie. Das ist so ungerecht! Schon kam Robert angelaufen.

»Ist das wahr, Mami? Stimmt das, was Emily sagt?«

Anne nahm ihn in den Arm und drückte ihn fest an sich. Sie spürte sein kleines Herz im wilden Stakkato klopfen, während sich seine Augen mit Tränen füllten. Seit Wochen hatten die Kinder von nichts anderem geredet als von diesem Urlaub. Und nun lag alles in Trümmern.

»Ihr Süßen, ich lege mich einen Moment hin«, flüsterte Anne mit letzter Kraft. »Und nachher backe ich euch einen schönen Schokoladenkuchen.«

»Ich will keinen Schokoladenkuchen, ich will nach Süd«, sagte Robert schluchzend.

In diesem Moment klingelte Annes Handy. Das war bestimmt Ralf, das Monster. Vielleicht würde er bald schon hier sein. Wenn er wirklich sofort losgescheppert war, stand er in einer halben Stunde vor der Tür. Und dann? Er würde den Kindern sagen, dass sie selbstverständlich trotz Mamis Rückenschmerzen verreisen könnten. Er würde ihnen den Superpapi vorspielen, und dann müssten sie gemeinsam losfahren, mit Lügen und Betrug im Gepäck. Nein, so lief das nicht. Anne spürte wieder diesen tiefen Hass. So nicht! Die Aussicht, mit diesem verlogenen Typen auch nur einen einzigen Urlaubstag zu verbringen, ging über ihre Vorstellungskraft.

Gab es denn gar keinen Ausweg? Oder musste sie wie andere betrogene Ehefrauen auch gute Miene zum bitterbösen Spiel machen und Familienglück heucheln? Doch dann, wie eine Eingebung, kam ihr eine Idee.

»Es gäbe da eine Möglichkeit«, sagte sie mit fester Stimme.

»Was denn? Sag’s schon, Mami!«, rief Emily. Ihre verweinten Augen leuchteten voller Hoffnung.

»Es gibt da – einen sehr, sehr guten Arzt auf Sylt«, schwindelte Anne. »Der kriegt meinen kranken Rücken vielleicht wieder hin. Wir müssten aber sofort losfahren, ohne Papi.«

»Ohne Papi? Wieso denn?« Emily runzelte die Stirn. Sie war sehr helle für ihr Alter, und es war ihr nicht entgangen, dass Annes Argument irgendwie nicht logisch klang.

»Weil Papi sich verspätet hat, und wenn wir erst morgen fahren, hat der Arzt keine Zeit mehr«, improvisierte Anne. »Los jetzt, keine Fragen mehr – wollt ihr Urlaub oder nicht?«

»Ja!«, schrien die Kinder.

Anne erhob sich, obwohl ihr Rücken dabei in Flammen aufging. Sie brauchte wirklich einen Arzt, außerdem eine Spritze, eine Massage, eine Fangopackung. Oder mehr. Aber dafür war jetzt keine Zeit. Sie bückte sich ächzend nach dem Handy, schnappte sich ihre Handtasche, warf einen letzten Blick auf das, was sie zurückließ, und wunderte sich, wie leicht ihr der Abschied fiel. Vielleicht würde sie dies alles nie wiedersehen. Egal. Sie wollte nur noch weg.

So schnell waren die Kinder noch nie im Auto gewesen. Sonst trödelten sie herum und wollten im letzten Moment noch tausend Dinge mitnehmen, aber offenbar spürten sie instinktiv, dass Geschwindigkeit jetzt die einzige Chance auf ihren lang ersehnten Urlaub war. Anne verschloss die Haustür und eilte im Laufschritt zum Wagen.

»Alle an Bord? Gut! Anschnallen! Wir heben ab!«, rief sie und legte einen Kavalierstart hin, der den geharkten Kies der Auffahrt nach allen Seiten wegspritzen ließ.

»Krass, Mami!«, brüllte Robert begeistert.

Es gibt Tage, die völlig harmlos beginnen. Bis etwas passiert, was alles auf den Kopf stellt. Und vielleicht sogar ein ganzes Leben in Schutt und Asche legt. Anne hatte das Gefühl, einem Trümmerfeld zu entfliehen.

*

Es gibt sie doch, Engel und Teufel. Auch wenn aufgeklärte Zeitgenossen ihre Existenz immer wieder leugnen. Engel und Teufel – die einen beschützen, die anderen verführen und zerstören. Immer noch. Totgesagte leben länger.

Anne jedenfalls hatte das untrügliche Gefühl, dass gleich eine halbe Fußballmannschaft teuflischer Wesen sie am Wickel hatte. Einer jedenfalls hatte ihren Mann in die außereheliche Spaßzone gelockt, ein anderer hatte den Kindern den Vater genommen, ein dritter hatte den Familienurlaub in die Tonne getreten. Und offenbar gab es einen besonders gemeinen Spezialteufel für Rückenschmerzen. Zur Hölle mit dieser Truppe!

»Die weiteren Aussichten: heiter und sonnig«, tönte es aus dem Autoradio. »Die Temperaturen liegen zwischen fünfundzwanzig Grad im Binnenland und zweiundzwanzig Grad an der Küste. Es weht ein leichter Ostwind.«

Ein Laster bog direkt vor ihr auf die Straße. Anne überholte ihn hupend und klammerte sich ans Lenkrad. Die weiteren Aussichten. Was für Aussichten hatte sie schon? Heitere ganz bestimmt nicht. Sie schob eine Kinderkassette ins Autoradio, und schon hörte sie das vertraute »Törööö!« des einzigen sprechenden Elefanten der Welt.

»Ich will aber lieber ›Fünf Freunde‹ hören«, maulte Emily. »Benjamin Blümchen ist doch für Babys!«

»Gar nicht!«, protestierte Robert. »Außerdem: Du bist selbst ein Baby!«

»Ach nee, und wer nuckelt noch heimlich am Daumen?«, spielte Emily ihren fiesesten Trumpf aus.

»Ruhe im Karton!«, beendete Anne das Scharmützel auf dem Rücksitz. »Ich muss mich konzentrieren, sonst kommen wir nie an!«

Sie hatte Mühe, den Verkehr im Blick zu behalten, denn an der ersten Raststätte hatte sie mit einem scheußlich bitteren Kaffee zwei Schmerztabletten runtergespült, um sich überhaupt auf ihrem Sitz gerade halten zu können. Sie fühlte sich ausgelaugt und müde. Und sie wusste, dass das nicht nur an den Tabletten lag.

Während sie an blühenden Rapsfeldern und grünen Wiesen vorbeiraste, fuhren ihre Gedanken Karussell. Ob das schon länger ging mit Ralfs Affäre? Warum hatte sie nichts bemerkt? Wer war diese Frau, mit der er als »Ehepaar« im Maritim abgestiegen war? Hatte sie selbst Schuld, dass Ralf ein Abenteuer gesucht hatte? War sie zu langweilig, zu berechenbar geworden? Ein Hausmütterchen, nett, aber doof, kein Aufreger, keine interessante Partnerin?

»Achtung, Mami, roooot!«

Emilys Hand verkrallte sich angstvoll in Annes Schulter. Sofort stieg Anne auf die Bremse, und der Wagen kam schleudernd zum Stehen. Das war knapp gewesen. Sie begann wieder zu schluchzen. Es war einfach zu viel. Sie legte ihre Stirn auf das Lenkrad. War es richtig, dass sie geflohen war? Hätte sie nicht auf Ralf warten müssen? Aber ein Showdown in Anwesenheit der Kinder wäre nicht in Frage gekommen. Ob er sie suchen würde? Hinter ihnen herfahren? Der Gedanke durchzuckte Anne wie ein Stromstoß.

Als sie wieder anfuhr, spielte sie im Turbomodus die Möglichkeiten durch. Variante eins: Er war bei seiner Geliebten geblieben und tafelte gerade gemütlich mit ihr im Hotelrestaurant. Unwahrscheinlich. Variante zwei: Er war sofort losgefahren, hatte das Haus leer vorgefunden und betrank sich jetzt vor dem Fernseher. Auch unwahrscheinlich. Variante drei: Er hatte das Haus nach einer Botschaft abgesucht, keine gefunden und sich sofort wieder in seinen Sportwagen gesetzt, um sie aufzuspüren. Bingo. Ralf war ein Kontrollfreak, er ließ seine Familie nicht einfach losdüsen in dieser Situation.

Anne gab Gas. Nur einen einzigen Platz hatten sie auf dem Autoreisezug gebucht, mehr gab es nicht, es war Hauptsaison. Wer zuerst kommt, mahlt zuerst, dachte sie trotzig. Es waren nur noch fünfzig Kilometer bis Dagebüll, außerdem hatte sie trickreich zwei Staus umfahren, weil ihr Navigationssystem unschlagbar war und solche Komplikationen bravourös meisterte. Ralf hatte kein Navigationssystem. Er sagte immer, dass sei etwas für orientierungslose Weicheier. Das hatte er nun davon.

»Schafe!«, rief Robert. »Ganz viele! Kuckma!«

Die Landschaft war flacher geworden, geduckte Katen und blitzsaubere weiße Häuschen säumten den Weg, dahinter leuchteten endlose Wiesen in sattem Grün, auf denen Kühe und Schafe weideten. In der Ferne drehten sich riesige Windräder. Idylle pur. Anne sehnte sich nach Idylle. Das Leben konnte so einfach sein. Theoretisch. Doch leider war es höllisch kompliziert geworden.

Wie hieß noch das Hotel auf Sylt? Angestrengt dachte sie nach. Sie wusste nur, dass es in Kampen lag und eine Wellness-Oase hatte. Doch der Name des Luxusschuppens war ihr in der Aufregung komplett verloren gegangen. Im selben Moment fiel ihr ein, dass sie dort nicht absteigen konnte. Ralf würde leichtes Spiel haben, sie dort zu finden. Und auf diese Begegnung des Schreckens konnte sie leichten Herzens verzichten. Aber wohin? Es war Ferienzeit, sicher war alles bis unters Dach besetzt. Sie seufzte.

Bei so viel Unglück ist ja wohl auch mal ein bisschen Glück drin, überlegte sie. Wenn schon die Teufel es auf sie abgesehen hatten, musste doch wenigstens ein klitzekleiner Engel aktiv werden. Wir werden schon ein Plätzchen ergattern, wir drei, sprach sie sich tapfer Mut zu. Im Rückspiegel betrachtete sie Emily und Robert, die schläfrig aus dem Fenster starrten, während sie den Abenteuern von Benjamin Blümchen lauschten.

Wo Ralf wohl gerade war? Immer wieder sah sie abwechselnd auf die Uhr und auf die Kilometerangaben der Wegweiser. Noch zwanzig Kilometer. Noch zehn. Als sie endlich in Dagebüll angekommen war, zeigte ihre Uhr viertel vor acht. Erleichtert reihte sie sich in die Schlange vor dem Autozug. Warum ging das nicht schneller? Am liebsten hätte sie alles weggehupt, was sich ihr in den Weg stellte. Um zwei Minuten vor acht ratterten sie endlich auf die Verladerampe. Geschafft!!

»Juchhuuu! Wir sind drauf!«, schrie sie, stellte den Motor aus und warf die Arme in die Luft. Dann ließ sie die Scheibe herunter, beugte sich aus dem Fenster und sah vorsichtshalber zurück. War das da hinten ein anthrazitfarbenes Sportcoupé? Sie bekam eine Gänsehaut. Nein, sie sah Gespenster. Ralf hing bestimmt irgendwo im Stau. Wo er hingehörte. Wenn es nach Anne gegangen wäre, hätte er ewig darin festhängen können. Dann ruckelte der Zug endlich los.

»Voll fett – wir fahren durchs Wasser!«, rief Emily, als die Bahn das Festland hinter sich gelassen hatte und auf einem schmalen Damm mitten durchs Meer fuhr.

»Ist der Zug wasserfest? Müssen wir ertrinken?«, fragte Robert ängstlich.

»Klar, die Haie warten schon«, ätzte Emily. »Wo schlafen wir eigentlich heute Nacht?«

»Mal sehen«, wich Anne aus. »Wir nehmen das schönste Hotel, das wir finden.«

Sie schloss die Augen und lehnte sich zurück. Es tat gut, das Land hinter sich zu lassen. Noch nie hatte sie eine Reise als so befreiend empfunden. Doch was bedeutet diese neue Freiheit? Würde sie für immer allein sein? Auf der Flucht vor Ralf? Sollte sie die Scheidung einreichen? Würde er sie mit den gewieftesten Rechtsanwälten austricksen, sodass sie ohne Geld dastand, seiner Gnade ausgeliefert? Doch dann schob sie ihre Ängste beiseite. Der Tag war anstrengend genug gewesen, jetzt wollte sie sich nur noch fallen lassen.

Wenigstens hatte sie daran gedacht, dass Ralf ihr möglicherweise die EC-Karte sperren würde und war nach einem Pipi-Boxenstopp in einem hübschen kleinen Städtchen zur örtlichen Bank marschiert, um das Girokonto leer zu räumen. Sie wolle eine Ferienwohnung auf Sylt kaufen und bräuchte das Geld als Anzahlung, hatte sie dem verdutzten Schalterbeamten erklärt. Das Bündel Scheine lag in einem dicken Kuvert in ihrer Handtasche.

Fluchtgeld. Man konnte nie wissen. So doof war sie nämlich gar nicht, die kleine betrogene Ehefrau. Anne grinste bei der Vorstellung, wie Ralf online den Kontostand kontrollierte und feststellte, dass ganze zehntausend Euro fehlten. Bestimmt hatte er jetzt schon ihre Mailbox zugebrüllt.

Neugierig holte sie ihr Handy aus der Handtasche, die auf dem Beifahrersitz stand. Klar. Es blinkte. Und wie! Fünfzehn Anrufe in Abwesenheit. Jede Menge Chaosanrufe von Ralf, soviel stand fest. Sie hatte keine Lust auf Chaos. Sie hatte keine Lust auf Handys. Eine Weile drehte sie das silberglänzende Hightechteil in ihren Händen hin und her, ein Geburtstagsgeschenk von Ralf, dann warf sie es in hohem Bogen aus dem Fenster. Klatschend landete es in den Wellen. Sollten sich doch die Fische Ralfs wutschnaubende Beschimpfungen anhören. Von nun an würde sie unerreichbar sein. Wie wunderbar das klang: unerreichbar.

»Jetzt dreht sie total durch«, tönte es vom Rücksitz. »Wer schmeißt denn sein Handy ins Meer?« Emily klang so entrüstet wie eine Gouvernante.

»Mami, Mami, hast du wirklich dein Handy aus dem Fenster geschmissen?«, wollte Robert wissen.

»Wir haben noch superleckere Brote«, lenkte Anne ab, als hätte sie die Frage nicht gehört. »Oder will jemand ’ne Cola?«

Das war ein Stichwort, auf das die Kinder zuverlässig reagierten, denn Cola war normalerweise streng verboten. Selig machten sich die beiden über die Flaschen her, die Anne nach hinten reichte. Sie selbst hatte weder Hunger noch Durst. Verträumt sah sie den Möwen zu, die elegant über die Wellen strichen. Durch das geöffnete Fenster wehte eine frische Brise herein. Die vielen kleinen Wölkchen am weiten Himmel färbten sich zartrosa.

»Sylt«, flüsterte sie vor sich hin. Eine unbestimmte Erwartung hatte sie ergriffen, so als sei diese Insel ein Versprechen – ein Versprechen auf etwas noch völlig Unbestimmtes. Doch eine innere Stimme sagte ihr, dass es etwas Schönes sein würde. Auch wenn im Moment noch alles dagegen sprach.

Ewig hätte Anne auf diesem Autozug bleiben mögen, im Nirgendwo des Meers, im Niemandsland der Wellen. Doch schneller als erwartet kam Land in Sicht.

»Da ist es – das ist Süd!«, rief Robert aufgeregt und hüpfte auf dem Sitz auf und nieder wie ein Gummiball.

»Sylt«, verbesserte Emily ihren kleinen Bruder. »Bin gespannt, wann du das mal endlich schnallst.«

Es ging eine Weile durch flache Marschwiesen, bis sie schließlich den Bahnhof von Westerland erreichten. Rumpelnd fuhren sie vom Zug und bogen in eine Straße ein, die zu einer Kreuzung führte. Wie jetzt? Rechts, links, geradeaus? Jede Menge Hinweisschilder wiesen den Weg nach Keitum, Rantum, nach List und Kampen, nach Wenningstedt und anderen Dörfchen, deren Namen Anne noch nie gehört hatte. Auf einmal wurde ihr bewusst, worauf sie sich eingelassen hatte. Es dämmerte schon, sie wusste nicht, wohin, und die beiden Kinder brauchten dringend ein Bett.

Ob es so etwas wie ein Fremdenverkehrsamt gab? Aber das hatte sicherlich längst geschlossen. Von den Reichen und Schönen war jedenfalls nichts zu entdecken. Ein paar bunt gekleidete Touristen schlenderten die Bürgersteige entlang, und Westerland sah auch nicht viel anders aus als Hannover oder Gelsenkirchen, fand Anne. Sie fuhr spontan in eine Seitenstraße und hielt beim erstbesten Hotel, das sie sah. Es wirkte nicht gerade einladend, aber für heute Nacht musste es reichen.

»Ihr bleibt hier, ich mache das Hotel klar«, sagte sie bestimmt und stieg aus.

Beklommen betrat sie den düsteren Kasten. Innen war er ganz im Kaufhausbarock gehalten, mit schweren dunklen Möbeln und rosa Lämpchen. Es roch etwas muffig. Hinter dem schmierigen Tresen residierte eine ältere Dame mit grauer Dauerwelle, die gelangweilt Kreuzworträtsel löste. Widerwillig besah sie sich Anne, die noch immer verweint aussah, dann täuschte sie einen Heiterkeitsanfall vor, als Anne nach einem Zimmer fragte.

»Dschä, mein Kind, da müssen Sie aber früher aufs-tehen«, kicherte sie. »Wir sind voll, und die anderen Hotels auch. Es ist Saison, da werden sogar die Dachkammern und die Keller vermietet.«

»Vielen Dank für die Auskunft«, sagte Anne hoheitsvoll. So eine blöde Kuh.

Doch nach dem dritten Hotel war ihr das Herz längst in die Hose gerutscht. Alle Urlauber dieser Welt schienen sich verabredet zu haben, ausgerechnet auf Sylt ihre Ferien zu verbringen. Auf Anne und ihre Kinder hatte hier nun wirklich keiner gewartet. Ob sie doch nach Kampen fuhr? So schwierig konnte es ja nicht sein, das gebuchte Hotel zu finden. Die Aussicht auf ein frischbezogenes Bett ließ sie fast schwach werden.

»Wo können wir denn hin? Müssen wir draußen schlafen?«, jammerte Robert, der zu einem Häuflein Elend zusammengesunken war, als Anne wieder einmal erfolglos zum Wagen zurückkehrte.

»Ja, genau, und außerdem gibt es hier auch Bären und Wölfe«, kommentierte Emily gewohnt sarkastisch. »Sehr, sehr hungrige Bären und Wölfe.« Doch ihre Stimme zitterte.

»Keine Sorge, beim nächsten Hotel klappt es bestimmt«, erwiderte Anne und bemühte sich, ihrer Stimme einen optimistischen Klang zu geben. Dabei hätte sie am liebsten losgeheult. Nein, Kampen musste sie knicken. So, wie sie Ralf kannte, würde er als rasender Rächer morgens um sechs auf der Matte stehen. Der würde sogar nach Sylt schwimmen, um die liebe Familie in aller Herrgottsfrühe aufzustöbern.