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Das Passagierschiff, das Carl Röthemeyer zu Beginn des Ersten Weltkriegs von New York in die Heimat zurückbringen soll, wird von der französischen Marine aufgebracht. 730 Männer, darunter zahlreiche Intellektuelle und Künstler, werden in das Internierungslager Île Longue gebracht. Von der Zeit seiner Gefangenschaft wussten die Töchter von Carl Röthemeyer nichts. Eine französische Website enthüllte ihnen - fast 100 Jahre später - eine Fülle von Informationen über ein außergewöhnliches Lager und Einzelheiten über das Schicksal ihres Vaters.
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Seitenzahl: 171
Veröffentlichungsjahr: 2016
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HIER HAT IHR VATER ZUM ERSTEN MAL SEINEN FUSS
AUF FRANZÖSISCHEN BODEN GESETZT!
BERNARD JACQUET
Fragmente aus dem 20. Jahrhundert
Schiffsreise in die Gefangenschaft
Das Lager
Selbstorganisation und Verhandlungen
Sprachrohr - die Lagerzeitung
Zusammenleben
Leuchtturm - das Lagertheater
Deutsche Künstler
Begegnungen
Reisen in die Vendée
Leuchtfeuer - ungarische Künstler
Warten auf die Freilassung
Île Longue - ein besonderer Ort
Das Ziel
Literaturverzeichnis
Ohne je eine Uniform getragen zu haben, wird Carl Röthemeyer im Alter von 23 Jahren Kriegsgefangener in Frankreich.
Als am 1. August 1914 die allgemeine Mobilmachung von Kaiser Wilhelm II. verkündet wird, entschließt er sich, seinen Studienaufenthalt in den Vereinigten Staaten zu beenden, um dem Ruf zu den Waffen zu folgen. In New York geht er an Bord des Holland-America Liners Nieuw Amsterdam mit dem Zielhafen Rotterdam. Vor Brest wird der Dampfer von der französischen Marine aufgebracht und Carl Röthemeyer landet in einem Internierungslager auf der Île Longue.
Dort macht er die Bekanntschaft eines Malers. Er arbeitet auch in der Landwirtschaft und wird von den Bauern so gut behandelt, dass er sich Jahre später entschließt, diese anlässlich einer Frankreichreise zu besuchen.
Abbildung 1: Porträt Carl Röthemeyer von Leo Primavesi, 10.11.1916
AUSDEN Gesprächen mit unserem Vater sind uns drei Töchtern nur diese wenigen Fakten in Erinnerung geblieben. Stumme Zeugen gab es dennoch: Porträts aus der Lagerzeit, signiert von Leo Primavesi. Alle Porträts zeigen einen jungen Mann mit ernstem, ja verschlossenem Gesichtsausdruck, der mit unserem Vater, der meist heiter und humorvoll war, wenig Ähnlichkeit hatte. Diese Bilder hingen in seiner Junggesellen-Wohnung und dann in der Wohnung unserer Eltern.
Auch heute noch begleiten uns diese Bilder als wichtiger Bestandteil des Nachlasses unseres Vaters. Sie erinnerten uns Töchter immer wieder daran, dass ein besonderer Abschnitt seines Lebens uns gänzlich unbekannt war.
IN SEINEM Nachlass fanden wir zwei Dokumente aus der Zeit der Gefangenschaft: Das Ausschiffungspapier der Hamburg-Amerika Linie - ausgestellt am 3. September 1914 - und eine Postkarte seines Bruders Herbert, der ihm aus einem Internierungslager in Pietermaritzburg, Südafrika, im Jahr 1916 geschrieben hatte. Außerdem undatierte Fotos von seiner Frankreich-Reise im eigenen Auto, begleitet von zwei uns unbekannten Personen.
NACHFORSCHUNGEN stellten sich als schwierig heraus. Das Lager existiert nicht mehr, selbst die Besichtigung der Île Longue ist nicht möglich, denn in den 70er Jahren entstand auf dieser kleinen Landzunge vor der Küste von Brest ein Militärstützpunkt mit technischen Anlagen für Atom-U-Boote. Ein Sperrgebiet mit besonderer Sicherheitsstufe, unerreichbar für uns.
Abbildung 2: Île Longue
AUF DER Halbinsel Crozon im Departement Finistère, dem westlichsten Teil der Bretagne, beschäftigt sich jedoch seit einigen Jahren eine Gruppe von Geschichtsbegeisterten mit der Aufarbeitung der Geschichte dieses Internierungslagers. Ende 2012 stellten sie eine Website ins Netz.1
An dem Tag, es war der 13. Januar 2013, an dem wir auf diese Website stießen, konnten wir noch nicht ahnen, welche Fülle von Informationen über dieses besondere Lager auf der Île Longue sie uns enthüllen würde. Sehr unterschiedliche Menschen waren in diesem Lager gleich nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs zusammengewürfelt worden. So verschieden wie ihre Nationalitäten waren auch ihre Berufe und die Milieus, aus denen sie stammten. Die meisten von ihnen waren Geschäftsleute, Intellektuelle oder Künstler, die nach Ausbruch des Krieges von Aufenthalten in Übersee zurück in die Heimat fahren wollten.
Durch diese bunte Mischung von Personen ist eine erstaunliche soziale und kulturelle Entwicklung im Lager Île Longue in Gang gesetzt worden.
DIE GRUPPE aus der Bretagne hat neben einer großen Anzahl eigener Ausarbeitungen viele Dokumente sowie Werke der Internierten aus Archiven ins Netz gestellt: Ausgaben der Lagerzeitung Insel-Woche, Sportberichte, Konzertprogramme, Grafiken und Programmhefte des Lagertheaters, das von dem Regisseur G. W. Pabst geleitet wurde.
Dank dieser umfangreichen Sammlung unternahmen wir in den folgenden Monaten eine ungewöhnliche Reise in die Vergangenheit. Die Entdeckung dieser Website und der intensive Kontakt zu Christophe Kunze, dem deutschen Ansprechpartner der Gruppe, inspirierte uns darüber hinaus, selbst in Archiven und Museen weitere Details über unseren Vater und die Geschichte des Lagers zu recherchieren.
Im August 2013 folgte unsere Reise nach Frankreich. Der Aufenthalt in der Bretagne und die Besichtigung der Île Longue haben mich dann veranlasst, unsere Erlebnisse und die Geschichte unseres Vaters aufzuschreiben.
DIESES BUCH soll einen Einblick in die Geschichte dieses Internierungslagers und in die Lebenssituation der Gefangenen auf der Île Longue geben. Dabei werden insbesondere die Aspekte des Lagerlebens beleuchtet, die in Beziehung zu Carl Röthemeyer stehen oder stehen könnten. Mich trieb die Frage an, wie unser Vater im Internierungslager lebte, mit welchen Gegebenheiten und Problemen er konfrontiert war und welchen Menschen er begegnete.
GRUNDLAGE des Textes sind die in Frankreich gesammelten Informationen. Es handelt sich um Dokumente aus verschiedenen Archiven sowie Artikel der Gruppe zu diversen Aspekten der Geschichte des Lagers. Die Fotos des Lagers stammen von alten Foto-Glasplatten. Bernard Jacquet, ein Mitglied der Historiker-Gruppe, hat sie vor ein paar Jahren in Brest entdeckt.2
Hinzu kommen Auszüge aus dem Erlebnisbericht des ebenfalls auf der Île Longue internierten Dichters Hermann von Boetticher sowie Ergebnisse von Recherchen hier in Deutschland.
Neben der Suche nach noch fehlenden Dokumenten, zum Beispiel weiteren Exemplaren der Insel-Woche, konzentrierte ich mich auf Informationen zu den deutschen Künstlern Leo Primavesi und Max Pretzfelder. Die meisten der hier abgebildeten Grafiken sind ihr Werk. Beide haben im Lager deutliche Spuren hinterlassen, sie sind jedoch heute fast in Vergessenheit geraten.
1 Website: http://www.ilelongue14–18.eu.
2 Diese Foto-Glasplatten wurden von einem Arbeiter angeboten, der beim Abbruch eines Hauses in der Nähe von Brest einen einzigen der insgesamt 30 Kästen mit Fotoplatten retten konnte. Die anderen 29 Kästen waren bei den Abbrucharbeiten bereits zerstört worden.
Carl Röthemeyer war zur Zeit der Mobilmachung Angestellter beim Deutschen Konsulat in Seattle in den USA. Er beschloss, „heim ins Reich“ nach Deutschland zu fahren. Vielleicht fuhr er freiwillig, voller Kriegsbegeisterung. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass er dem Appell seines Konsuls in Seattle folgen musste. Die Konsule hatten alle wehrfähigen Männer im Ausland aufgerufen, zurück in die Heimat zu fahren, um sie zu verteidigen.3
Er reiste von Seattle nach New York, um sich von dort aus nach Europa einzuschiffen. In New York gab es zuerst Schwierigkeiten, denn die Schifffahrtlinien hatten seit Beginn der Kriegshandlungen keine deutschen Passagiere mehr nach Europa befördert. Bald drohte das Geschäft der Gesellschaften zusammenzubrechen, weil in diesen unsicheren Zeiten Europa als Reiseziel nicht nachgefragt wurde. Deswegen annoncierte die Holland-America Line Mitte August: „Wir nehmen wieder Deutsche an Bord“. Carl Röthemeyer buchte eine 7-tägige Überfahrt4 für den 25. August 1914 auf der Nieuw Amsterdam nach Rotterdam. Insgesamt hatten 1.068 Personen diese Passage gebucht. Circa 700 von ihnen waren wehrpflichtige Männer aus Deutschland und Österreich.
Abbildung 3: Postkarte Passagierschiff Nieuw Amsterdam der Holland-America Line (Archives départementales du Finistère)
MIT AN Bord waren zwei Personen, die später über die Ereignisse während der Überfahrt berichteten: Der Dichter Hermann von Boetticher hatte seine Reise in den Vereinigten Staaten abgebrochen, um wegen des Ausbruchs des Krieges zurück in die Heimat zu fahren „aus Gründen, die ein jeder Deutscher begeift.“5 Edward Eyre Hunt, ein amerikanischer Abgesandter von der Kommission des Belgischen Hilfswerks, reiste nach Belgien, um dort die Situation zu erkunden.
VOR DEM Auslaufen des Schiffs kam es bereits zu Spannungen. Patrioten stimmten Lieder an wie Deutschland, Deutschland über alles, Die Wacht am Rhein oder Heil dir im Siegerkranz und ließen sogar lautstark den Kaiser hochleben. Die anderen Passagiere waren befremdet und fühlten sich unwohl.6
Während der Überfahrt war die Stimmung angespannt wegen des militaristischen Verhaltens vieler Reservisten. Es gab jedoch auch friedliche Momente. Hermann von Boetticher beschreibt einen Sonnentag an Deck: „Es war ganz warm und windstill auf dem Deck. Die Pioniere des deutschen Handels liegen hingestreckt und sonnen sich. Aus Chile, Brasilien, Bolivia, Peru, Kolumbien, Venezuela, Kostarika, Panama, Guatemala, Ekuador und Mexiko kommen sie und aus den Vereinigten Staaten und Kanada. Lagerhäuser, Fabriken und Bureaus mit perlender Arbeit verblassen, aber auch die einsamen Farmen und Plantagen, weite Pampas, dunkle Bergwerke und wehende Steppen - Fordernd und mächtig steht vor dem Auge nur eins: Zurück! Die Heimat ist in Not.“7
ALS DIENieuw Amsterdam sich Europa näherte, nahm die Unruhe zu. Die österreichischen und deutschen Reservisten befürchteten einen Übergriff der englischen Marine. Als sie erfuhren, dass der Dampfer Potsdam von einem britischen Kreuzer gezwungen wurde, nach Falmouth einzulaufen und dass Deutsche und Österreicher von Bord geholt worden waren, versuchten sie sogar, den Kapitän zum Umkehren zu bewegen.8
ES WAR nicht die englische Marine, sondern die französische, die die Nieuw Amsterdam stoppen sollte. Vize-Amiral Berryer schildert die Aufbringung des holländischen Passagierschiffs:9 „Die Nieuw Amsterdam ist am Morgen des 2. September westlich der Casquet-Inseln durch den Hilfskreuzer Savoie aufgebracht und am folgenden Tag nach Brest geleitet worden. Die Passagiere waren größtenteils Deutsche und Österreich-Ungarn aus Nord- und Mittelamerika, die, zum Kriegsdienst einberufen, in ihre Heimatländer fahren wollten. Obwohl einige von ihnen ihre Militärpapiere ins Meer geworfen haben, besteht über ihr Reiseziel kein Zweifel, und diese selbst haben nicht ernsthaft versucht, das zu bestreiten.“ Außerdem bestand der Verdacht, dass die Nieuw Amsterdam 1.000 Tonnen illegaler Waren mit an Bord hatte. Die französische Marine konfiszierte deshalb die gesamte Ladung und setzte 730 verdächtige Passagiere fest.
Abbildung 4: Ausschiffungspapier der Hamburg-Amerika Linie des Carl Röthemeyer, 3.09.1914
CARL Röthemeyer und seine Leidensgenossen bekamen ihre Ausschiffungspapiere ausgehändigt und mussten dann das Schiff verlassen. „In langen Reihen, das tragbare Gepäck am Arm, verlassen die deutschen und österreichisch-ungarischen Völker das Schiff. Kohlenkähne sind zusammengekoppelt und warten geduldig an Kiel und Bug. Eine Falltreppe und ein Brett führt sicher aus der ‚New Amsterdam‘ in ihre schmutzigen Bäuche die Passagiere hin: weißbärtige Herren in hellem Überrock; verwilderte Burschen mit unrasiertem Kinn; weltsichere Männer mit Gleichmut im Gesicht; kantige Kerls mit zuckendem Stahl im Blick; einfache Alte mit traurig gesenkter Stirn und lächelnde Jugend im Auge lebendigen Sinn.“10
SO WURDE von der französischen Marine ein neutrales Schiff aufgebracht, das von einem neutralen Land zu einem anderen neutralen Land fahren wollte. Das widersprach geltendem Recht. Der wegen der Beschlagnahme der Ladung entstandene diplomatische Konflikt mit den Niederlanden und den Vereinigten Staaten konnte bis 1923 nicht abschließend geklärt werden. Die Gefangennahme von 730 Männern auf einem neutralen Passagierschiff hat weniger Proteste hervorgerufen oder rechtliche Folgen gehabt.
VON französischer Seite war man noch nicht darauf vorbereitet, eine solche Anzahl von Gefangenen unterzubringen. Vize-Admiral Berryer beschreibt das weitere Vorgehen: „Nach Abschluss der ersten Aufteilung wurden alle als Unteroffiziere oder Soldaten eingestuften Gefangenen zur Internierung ins Fort von Crozon gebracht. 32 Deutsche bzw. Österreicher, die sich als Offiziere auswiesen, wurden bis zur Fertigstellung einer besonderen Unterbringung in das Gefängnis von Bouguen (Brest) eingewiesen.“11
Die Gefangenen, die im Fort Crozon untergebracht werden sollten, wurden von Brest zum Hafen Le Fret, unweit von Île Longue, gebracht; unter ihnen Carl Röthemeyer und Hermann von Boetticher.
„Der kleine grauweiße Fischerhafen ist von ruhenden Segelbooten gefüllt. Netze hängen überall, Fischer stehen müde in den Abend hin. Voll geheimer Sehnsucht grüßt ihr Leben uns. Von den goldgrünen Hängen lösen sich rote und blaue Gestalten. Abenddunkle Rufe klingen durch die Luft. Alle Dinge stehen auf einmal zueinander in tiefem geheimen Bezug. Gedrückt und lauschend sehen Gesichter aus dem Halbdunkel heraus; bretonische Frauen, Knaben und Mädchen kommen in klappernden Holzschuhen und glauben an Spuk. Bajonette blinken und von den Uniformen das Rot. In langem Zug schreiten wir an harten Gewehrkolben vorbei. Die Häuser treten immer tiefer in die Nacht zurück, durch ihre Fenster bricht gelbes Licht. Zwischen Hafen und Dorf geht die Straße hin. Vor einem niederen Gebäude, einem verlassenen Ziegenstall, stehen wir still. Seine Tür steht weit auf, zu beiden Seiten Posten mit blinkendem Gewehr, wir reichen durch sie hindurch unser Gepäck in schwarze Finsternis und schreiten wieder weiter in endlosem Zug. Hinter uns weigert sich eine Stimme.… Dann tönt in der wartenden Stille ein Schuß.… ‚Was ist, Korporal?‘ ‚Man hat getötet, still!‘“12
EIN Österreicher hatte sich geweigert, seinen Koffer, in dem er 3.000 Dollar transportierte, abzugeben. Sein Widerstand war so heftig, dass ein Leutnant zur See auf ihn zielte und ihn erschoss. Die nächtliche Wanderung zum Fort Crozon war sowohl für die Gefangenen als auch für die Soldaten Furcht erregend. Für die bretonischen Soldaten war diese Aktion bestimmt keine Routine-Angelegenheit, wahrscheinlich war es ihr erster Einsatz in Kriegszeiten.
IM ALTEN Fort Crozon angekommen, wurden die Gefangenen in ein Gewölbe gebracht. „Durch dunkle Gänge geht es eine Treppe herauf; wieder in einen unübersehbaren Gang, dann: Halt! Der Schlüssel des Korporals ist rostig und lärmt im Schloß. Als die Tür aufgeht, taumeln wir in ein bleiches Gewölbe hinein. In der Mitte liegt ein Haufen Stroh, der ist zum Schlafen für uns. Die Tür fliegt zu.
Eine halbe Stunde später rasselt es draußen im Gang. Die Tür öffnet sich, eine Laterne und zwei Posten mit aufgepflanztem Bajonett treten herein, zwischen ihnen durch ein langer Offizier mit einem Revolver in der vorgestreckten Hand: ‚Liegen bleiben, oder ich schieße‘, ruft er sanft. Dann bringen hinter ihm Soldaten Essen und ein Faß für die Notdurft herein. Der lange Offizier aber erklärt uns für Gefangene und läßt uns, den Revolver einziehend, allein.
Abbildung 5: Die Gefangenen im Fort Crozon, Zeichnung von Max Pretzfelder, aus: IW (Lagerzeitung Insel-Woche) Nr. 47 vom 24.02.1918 (Archives départementales du Finistère)
Die Nacht ist um, Flüstern, Ächzen, Schnarchen, Flüche und Träume. Eine graue Helligkeit bricht in die dünnen Ritzen durch die Fensterschienen herein. Fröstelnde, wie schmutzige Wäsche zusammengeknäulte Gestalten richten sich auf und sehen einander in das verwandelte Gesicht. Stroh sitzt in Hemden und Haar, die Augen sind klein und rot, die Antlitze gefleckt oder bleich.“13
CARL war, wie auch Hermann von Boetticher, mit jeweils 70 Männern in einem Gewölbe zusammengepfercht worden. 20 Tage mussten die Gefangenen in diesem düsteren Fort unter unwürdigen Bedingungen zubringen. Etliche von ihnen, darunter auch Hermann von Boetticher, erkrankten. Es war der schrecklichste September, den Carl je erlebt hatte.
DER 14. September 1914 ist in der Familienbibel der Röthemeyers vermerkt. Nicht nur Carl, auch seinen zwei Jahre älteren Bruder Ernst, hatte es nach Frankreich verschlagen. Ernst, ein Bankkaufmann, trat gleich zu Beginn des Krieges in die Armee ein. Als Offiziers-Stellvertreter der 6. Kompanie des Reserve-Infanterie-Regiments 16 kämpfte er um die Höhenstellung des Chemin des Dames gegen die Engländer und Franzosen.
Es wird eher Trauerbewältigung als Patriotismus gewesen sein, dass Friederike Röthemeyer, seine Mutter, in die Bibel schrieb: „Am 14. September 1914 starb er in Cerny-en-Laonnois den Heldentod.“
Abbildung 6: Foto Ernst Röthemeyer, 1914
Die Haftbedingungen im Fort Crozon waren so katastrophal, dass als Zwischenlösung das alte Kriegsschiff Charles Martel umgerüstet wurde. Nach drei Wochen war es endlich so weit. Die Gefangenen wanderten zum Fischerhafen Le Fret zurück, von wo aus sie mit kleinen Booten zum Hafen von Brest gebracht wurden. Dort ankerte ihr schwimmendes Gefängnis.
Abbildung 7: Postkarte Kriegsschiff Charles Martel
„Es ist der Charles Martell, ein stolzes Kriegsschiff aus vergangenem Jahrzehnt, jetzt nur ein dunkles Hindernis, als altes Eisen verkauft. Wir klettern die eisernen Treppen herauf und treten in der Dämmerung auf dem höchsten Decke an. Verspätete Möwen umkreisen Turm und Mast. Blaue Schatten senken sich tiefer herab. Ein kühler Wind weht vom Kanal her. Wir ziehen mit Hängematten, wie Fischer mit Netzen am Abend, über Schulter und Arm müde im dunklen Schiff umher und suchen Platz für die Nacht. Als wir liegen, irgendwo hingestreckt, schlafen wir süß mit freundlichen Gefühlen in der Brust.“14
Carl und seine Leidensgenossen waren erleichtert, das düstere Fort Crozon hinter sich gelassen zu haben. Tagsüber konnten sie sich auf dem Schiff relativ frei bewegen. Ihr Schlafplatz befand sich unter Deck. Hermann von Boetticher beschreibt, dass sie wie große Fledermäuse in ihren Matten unter Deck hingen. Aber sie konnten das Meer sehen, manche hatten sogar über den Hafen hinweg einen Blick auf Brest.
NACH zehn Tagen veränderte sich die Situation auf dem Schiff. In zwei Booten kamen die ersten Verwundeten an Bord. „So langsam kommen sie. So von weit her. Fuß vor Fuß und Schritt für Schritt die eiserne Treppe herauf. Das ganze Schiff wird still. Freund und Feind hält in der Kehle das Wort. Matt, bleich und hinkend, mit blutigen Tüchern, schmutzig und weiß, in zerrissenem Rock, ohne Mütze und Knopf. Gestützt auf Schultern und Krücken, die Stirn geneigt, im Auge Verstörtheit, unschuldige Frage und Fieberglanz, den Mund verschüttet in Qual, tragen sie die Schuld des Menschen am Menschen in stummer Anklage hin. Wir betten sie auf den Boden, wo Platz ist, hin. Als der letzte untergebracht ist, ist der alte Panzer bis in die Küchengänge gefüllt.“15
Die Gefangenen waren begierig, Neuigkeiten von der Front zu hören. Sie saßen bei den Verwundeten und lauschten ihren Berichten. Von „Heldentaten“ oder „Heldentod“ werden die wenigsten erzählt haben, eher von der grausamen Realität des Kampfgeschehens.
Carl dachte voller Sorge an seine Brüder Ernst und Friedrich, die beide in den Krieg gezogen waren und von deren Schicksal er nichts wusste.
WEITERE sechs lange Wochen mussten die meisten der Gefangenen noch auf dem Schiff zubringen. In ihnen wuchs die Ungeduld und viele von ihnen liefen unruhig auf dem Schiff hin und her. Die Tage wurden kürzer, Herbststürme kamen auf, die Temperaturen sanken so wie auch das „Stimmungsbarometer“. „Immer seltener können die Gefangenen auf geschütztem Platz in der Sonne liegen und Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in den Himmel verträumen.“16
Abbildung 8: Foto Ernst und Friederike Röthemeyer
CARL hatte viel Zeit, über sich und sein Leben nachzudenken.
Im Jahr 1851 fasste sein Großvater Heinrich Röthemeyer den Entschluss, am neu errichteten Durchgangsbahnhof in Bad Oeynhausen eine Gastwirtschaft zu errichten. Die Gemeinde Oeynhausen war ein aufstrebender Kurort: Im Jahr 1860 wurde die Gemeinde Oeynhausen zur Stadt erhoben und führte bald darauf den Titel „Königliches Bad Oeynhausen“.
Carls Vater, Ernst Röthemeyer, übernahm die Gastwirtschaft von seinem Vater. Er hatte eine Frau geheiratet, die für einen solchen Betrieb gut geeignet war. Friederike stammte von einem Hof und hatte ihre Ausbildung, das „Mädchenjahr“, auf dem Gut Ribbentrup am Vierenberg bei Schötmar absolviert. Sie war dafür bekannt, dass sie gut kochte. Der Spruch „Unser Rikchen ist ein Rieben-Donnerschlag“ war das Urteil der Ribbentrops über ihre Kochkünste, in dem sie andeuteten, dass Friederikes Kochkünste insbesondere auf die reichhaltige Auswahl guter Zutaten zurückzuführen war.
Am 30. April 1891 wurde Carl in Bad Oeynhausen geboren und wuchs mit seinen fünf Geschwistern in unmittelbarer Nähe des Bahnhofs auf, der Bad Oeynhausen mit der großen weiten Welt verband. Das Rattern der Züge hat ihn wahrscheinlich in den Schlaf gewiegt.
Abbildung 9: Foto Die Kinder von Ernst und Friederike Röthemeyer, 1902
Von links: Carl, Herbert, Friedrich, Elfriede, Ernst und Heinz (vorne).
Die Gastwirtschaft lief gut, denn die Entwicklung der Stadt war rasant. Namhafte Architekten wurden für die Gestaltung der Stadt gewonnen: Peter Josef Lenné entwarf den Kurpark, ein Schüler Schinkels plante den Bau des Badehauses. Zusammen mit den herrlichen Villen war es eine gelungene, architektonisch vielseitige Bebauung. Das Ensemble war auch als das „Architekturmuseum des 19. Jahrhunderts“ bekannt.
Inzwischen hatte Carl seine Schulzeit beendet. Nach dem Abschluß in der Realschule in Herford machte er eine kaufmännische Ausbildung bei der Im- und Exportfirma Louis Ritz & Co. in Hamburg. Diese Firma vertrieb vor allem Musikinstrumente der amerikanischen Firma Estey Organ Company of Brattleboro in Vermont. Nach seiner Lehrzeit entschloss er sich, in die Vereinigten Staaten zu fahren. Er wollte reisen, Land und Leute kennen lernen. Darüber hinaus waren die USA für die Kaufleute das, was Paris damals für die Künstler war, das Land der „unbegrenzten Möglichkeiten“. Wirtschaft und Handel blühten, es gab neue Erkenntnisse zu Werbe- und Marketingkampagnen.
Abbildung 10: Foto Haus (mit Gastwirtschaft) von Ernst Röthemeyer, Bad Oeynhausen, 1903
Carl bereiste die USA und Kanada. Zuletzt, im Jahr 1914, zur Zeit des Kriegsausbruchs, war er in Seattle beim deutschen Konsulat beschäftigt.
Seine nächste Reise war die Reise in die Gefangenschaft, die „direkte Verbindung“ New York - Brest.
DA WAR er nun mitten in Kriegszeiten eingesperrt auf einem rostigen, französischen Kriegsschiff, verankert vor der damals noch schönen, weißen Hafenstadt. Er hatte einen Blick über die Rade von Brest auf die Halbinsel Crozon, auch auf die kleine Landzunge Île Longue, wo er fast drei Jahre seines Lebens hinter Stacheldraht zubringen würde. Die Wellen klatschten an die Schiffswand, die Möwen schrien und die Wolken zogen vorbei, so wie seine Gedanken. Wie wird er sich seine Zukunft vorgestellt und ausgemalt haben? Seine Vorstellungen waren mit Sicherheit anders als der tatsächliche Verlauf der nächsten Jahre.
NACH
