Feta und Söhne - Christos Yiannopoulos - E-Book

Feta und Söhne E-Book

Christos Yiannopoulos

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Beschreibung

Marie war in ihrer Ehe glücklich, bis der feurige Göttergatte Adonis auch anderen Frauen seinen Ouzo einschenkte. Seine Eltern wollen sich mit der Trennung nicht abfinden, und so hecken Odysseus und Pepina einen raffinierten Plan aus, um Marie und Adonis wieder zu versöhnen. Sie führen ein irrwitziges Theaterstück auf, das selbst die alten Griechen begeistert hätte – und das seine Wirkung nicht verfehlt.

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Das Buch

Die Buchhändlerin Marie und ihr griechischer Ehemann Adonis treffen sich ein letztes Mal, um die Scheidung unter Dach und Fach zu bringen. Da tauchen plötzlich Adonis’ Eltern auf, Odysseus und Pepina. Mit einem Lamm im Gepäck wollen sie den beiden eine Überraschung bereiten und gemeinsam Ostern feiern.

Als sie von der Trennung hören, sind sie völlig aus dem Häuschen, denn für sie gehören Marie und Adonis einfach zusammen. Doch Marie will mit Adonis nichts mehr zu tun haben. Außerdem hat sie inzwischen mit dem Oberstudienrat Kaspar einen neuen, sehr zuverlässigen Partner – das genaue Gegenteil des feurigen Griechen. Und auch Adonis hatte sich in der Beziehung zuletzt nicht mehr wohl gefühlt und genießt das Leben als Single in vollen Zügen.

Trotzdem wollen sich Odysseus und Pepina damit nicht zufriedengeben. Sie versuchen, die beiden wieder zu versöhnen, doch dann laufen die Dinge völlig aus dem Ruder …

 

Der Autor

Christos Yiannopoulos wurde in Patras/Griechenland geboren. Seit 1964 lebt er in Deutschland. Er studierte Germanistik und ist ein bekannter Drehbuchautor, der erfolgreiche Serien geschrieben hat (Hotel Mama). Nach einigen Jugendbüchern ist Feta und Söhne sein erster Roman für Erwachsene. Christos Yiannopoulos lebt in Düsseldorf.

Die Website des Autors: www.yiannopoulos.‌de

Christos Yiannopoulos

Feta und Söhne

Roman

Ullstein

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Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzungen, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung können zivil- oder strafrechtlich

verfolgt werden.

 

 

 

Originalausgabe im Ullstein Taschenbuch

1. Auflage Mai 2011

© Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2011

Konzeption: HildenDesign, München

Umschlaggestaltung: ZERO Werbeagentur, München

Titelillustration: © Artwork Caro Liepins/HildenDesign

Satz und eBook: LVD GmbH, Berlin

 

ISBN 978-38437-0059-7

1

Es geschah fast auf den Tag genau vor einem Jahr. Marie kam früher von der Arbeit nach Hause und erwischte ihren Gatten Adonis mit einer blonden Frau im Schlafzimmer. Er hatte unten nichts an, sie war oben ohne. Er stand, sie kniete. Und Udo Jürgens sang dazu »Griechischer Wein, komm, schenk dir ein …«

Marie tat ihm den Gefallen. Erst warf sie Adonis aus der Wohnung, dann kippte sie sämtlichen Wein aus Griechenland, den sie in der Wohnung finden konnte, ins Klo.

*

Von alldem ahnte der siebenundsechzigjährige Odysseus Metaxa nichts. Er saß mit seiner zwei Jahre jüngeren Ehefrau Penelope – genannt Pepina – im Flieger nach Deutschland. Sie wollten mit ihrem einzigen Sohn Adonis und dessen Ehefrau Marie nach langer Zeit mal wieder richtig griechisch Ostern feiern, mit Gottesdienst, Innereiensuppe und Osterlamm. Es sollte ein Überraschungsbesuch werden. Dass etwas mit der Ehe von Adonis und Marie nicht stimmen könnte, kam ihnen gar nicht in den Sinn. Die beiden passten ja so gut zusammen.

Während das Flugzeug zum Sinkflug ansetzte und an Höhe verlor, stieg bei Pepina und Odysseus die Wiedersehensfreude. Es würde bestimmt das schönste Osterfest seit langem, mit Lammbraten am Spieß, Tsatsiki und leckerem Feta.

Das Lamm im Frachtraum dachte allerdings ganz anders. Als Braten serviert zu werden, und dann noch mit Tsatsiki als Beilage, fand es gar nicht lustig.

Als Odysseus und Pepina mit Koffer in der Hand und Lammbock an der Leine zwei Stunden später bei Adonis und Marie klingelten, machte keiner auf. Zum Glück hatten sie die Telefonnummer von Adonis’ Reisebüro. Seine Angestellte, Frau Glockenzopf, meldete sich. Es war ihr letzter Arbeitstag vor dem Urlaub.

»Adonis ist nicht da, Frau Metaxa. Er hat einen Gerichtstermin.«

»Um Himmels willen! Was ist denn passiert?«, rief Pepina in den Hörer, während Odysseus besorgt ihre Hand nahm.

»Nichts Schlimmes. Er lässt sich scheiden«, beschied Frau Glockenzopf knapp und legte auf. Sie hatte es eilig, in die Mittagspause zu gehen. Sie freute sich auf ihren verdienten Urlaub: zwei Wochen türkische Riviera. Ihrem Chef Adonis verschwieg sie das allerdings. Urlaub im Feindesland hätte er sicher mit einer Lohnkürzung bedacht.

Pepina und Odysseus, die das Reiseziel von Frau Glockenzopf keinen Deut interessierte, schauten sich entgeistert an und brachten keinen Ton heraus. Auch das Lamm schwieg. Seine Gedanken kreisten um Ostern. Eine Lösung musste her!

2

Viele Jungs wollen später mal Lokomotivführer oder Gangsta-Rapper werden. Anders Ralf Schlüter. Von Kindesbeinen an hatte er nur einen Wunsch: Er wollte Richter werden und spektakuläre Prozesse leiten. Morde, Entführungen, Kannibalismus, Spionage. Leider machte ihm seine Karriere einen Strich durch die Rechnung, und er endete als Familienrichter, der tagein, tagaus Scheidungsurteile aussprach.

Über Abwechslung konnte er sich trotzdem nicht beklagen. Da waren die streitenden Eheleute, die sich im Gerichtssaal noch ein letztes Gefecht lieferten, oder die glücklichen Paare, die die Scheidungszeremonie mehr genossen als ihre Trauung.

Das Paar heute stellte jedoch alles bisher Erlebte in den Schatten. Die beiden ließ die Scheidung völlig kalt. Der Ehemann, Adonis Metaxa, spielte die ganze Zeit über mit seinem iPhone, während seine blonde Noch-Gattin, Marie Metaxa, demonstrativ ihre Nägel feilte. Mit anderen Worten, sie behandelten Richter Schlüter, der seinen Wunschberuf ausübte und gerade die Scheidungsurkunde vorlas, wie Luft.

Auch seine vorwurfsvollen Blicke fruchteten wenig. Unbeeindruckt scrollte Adonis weiter über den Touchscreen. Fieberhaft suchte er nach der Telefonnummer der rothaarigen Kundin, mit der er sich unbedingt verabreden wollte. Am liebsten noch heute, um sich zu beweisen, dass er Marie kein bisschen nachtrauerte. Warum auch? Sie hatte die Scheidung eingereicht und sie sollte sie bekommen, so einfach war die Sache. Gut, in der Ehe mit Marie hatte es schöne Momente gegeben, aber warum sollte er jetzt sentimental werden? Er war kein Malaka, was wörtlich übersetzt zwar etwas sehr Unfeines hieß, in Griechenland aber so häufig gebraucht wurde wie etwa »Vollidiot« in Deutschland. Nein, nein, Spaß brachte nur der Blick nach vorn. Wie hieß die Rothaarige noch mal?

Maries Blick war eher nach hinten gerichtet. Und er war voller Zorn, auch wenn sie zu stolz war, um es in Adonis’ Gegenwart zu zeigen. Er hatte sie so schamlos betrogen. Und kein Wort des Bedauerns herausgebracht, von einer Entschuldigung ganz zu schweigen. Adonis’ Ignoranz setzte sich sogar heute im Gerichtssaal fort. Bedurfte es eines größeren Beweises, dass Adonis über die Sensibilität einer vollen Mülltonne verfügte? Die erlittene Kränkung schmerzte Marie mehr als ein eitriger Weisheitszahn. Sehnsüchtig schaute sie zum Richter, in der Hoffnung, dass er ihr endlich diesen Zahn ziehen würde.

Er war tatsächlich im Begriff, den erlösenden Satz auszusprechen: »Und hiermit ist die Ehe des Ehepaars Metaxa …«, als krachend die Tür aufflog und ein donnernder Schrei den Raum erfüllte: »Nein!«

Es war, als hätten die Götter den Olymp verlassen und die Bühne betreten, im Schlepptau ein weißes Lamm. Die nun folgenden tumultartigen Szenen sollte Richter Schlüter später zum Anlass nehmen, seinem Sohn nahezulegen, lieber Lokomotivführer zu werden. Zunächst fiel Adonis das teure Smartphone aus der Hand, und Marie knipste sich vor Schreck den kleinen Fingernagel weg. Aber es sollte noch dicker kommen. Richter Schlüter gab eine unfreiwillige Probe seiner Vorliebe für Verwechslungskomödien zum Besten: »Hunde müssen draußen bleiben! Bringen Sie bitte den Pudel weg!«

»Das ist kein Pudel, Herr Gerichtspräsident, das ist ein Lamm. Unser Osterlamm«, korrigierte Odysseus den erstaunten Richter, und seine zierliche Frau Pepina fügte mit unerwartet sanfter Stimme hinzu: »Wir wollen doch mit den Kindern Ostern feiern, und deswegen dürfen die beiden auch nicht geschieden werden!«

Marie vermutete beim Anblick des elterlichen Rollkommandos eine Intrige. Die beiden hatte doch sicher Adonis herbeizitiert!

»Das hast du ja schön eingefädelt!«, zischte sie ihm zu.

»Ich habe nichts damit zu tun. Die kannst nur du geholt haben!«, konterte er. Marie wollte ihn wohl vor seinen Eltern bloßstellen!

Der Richter dachte was ganz anderes: Die beiden Eindringlinge wollen mich hier doch veräppeln! Wütend richtete er seinen Kuli wie ein Schlachtmesser auf den Lammbock. »Egal ob Pudel oder Lamm, das Tier hat hier nichts zu suchen! Raus, aber sofort!!!«

Sein Schrei erschütterte das Justizgebäude und löste beim Lamm die instinktive Reaktion in Momenten höchster Gefahr aus: Es entleerte seinen Darm. Und auch noch genau vor dem Tisch des Richters.

»Ach herrje! Was ist das denn?« Richter Schlüter starrte ungläubig auf den Haufen. Beim Anblick der Kötel erlebte er eine weitere Premiere in seiner Karriere: Ihm fehlten die Worte. Er wusste einfach nicht, was er sagen sollte. Sein Kiefer klappte nach unten wie der eines Breitmaulfroschs auf Fliegenjagd.

»Kommt, Kinder, lasst uns gehen, das ist das Beste für euch und für den Herrn Richter!«, sagte Odysseus mit Blick auf Schlüters krebsrot angelaufenes Gesicht.

»Nein!« Wie von der Tarantel gestochen sprang Marie auf und ruderte aufgeregt mit den Armen. »Ich will sofort meine Scheidung!«

»Marie, wir sollten darüber noch einmal ganz in Ruhe sprechen, es ist bestimmt alles nur ein Missverständnis!«, bat Pepina und schaute Marie mit großen Augen an. »Du darfst dich nicht scheiden lassen, wir finden bestimmt eine Lösung.«

»Nein, Pepina, nein! Ich will die Scheidung, und zwar sofort!«, insistierte Marie. Ihre Stimme klang scharf wie ein Fallbeil. Was immer Adonis’ Eltern auch sagten oder wollten, sie würde diesen Raum entweder geschieden oder tot verlassen!

»Machen Sie weiter, Herr Richter. Wofür werden Sie bezahlt?!«, fuhr sie Richter Schlüter an, der immer noch wie hypnotisiert auf die Hinterlassenschaften des Lammbocks starrte.

»Natürlich, die Scheidung …«, rief er sich seine Pflicht ins Gedächtnis und widmete sich wieder seinen Akten. Das war alles zu viel für ihn, und er wollte es fix hinter sich bringen.

»… und hiermit ist die Scheidung rechtskräftig und wasserdicht«, verkündete er, während er das Scheidungsdokument unterschrieb. »Im Namen des Volkes, des Geistes und so wahr mir Gott helfe. Und wer entfernt mir jetzt die Scheiße?!«

Marie jedenfalls nicht. Sie spurtete aus dem Gerichtssaal, vorbei an den enttäuschten Gesichtern ihrer früheren Schwiegereltern, die sie immer gemocht hatte, auf die sie aber keine Rücksicht mehr nehmen konnte. Nur weg hier!

Auch Adonis wollte sich verdünnisieren. Er hatte so gar keine Lust, seinen Eltern den Grund für die Scheidung zu erklären. Er wollte unauffällig zur Tür verschwinden, als er auf dem Haufen ausrutschte.

»Mist!«, konnte er noch ausrufen, ehe er eine Pirouette wie ein besoffener Eiskunstläufer drehte und dann mit voller Wucht auf dem Richter landete, den er unter sich begrub.

Das Chaos war komplett. Für Richter Schlüter stand eines fest: Er würde seinen Griechenlandurlaub stornieren. Und Lammfilet auf die Rote Liste setzen.

3

Wieso hast du uns nichts von der Scheidung gesagt?«

»Warum habt ihr euch überhaupt scheiden lassen?«

»Hast du sie schlecht behandelt?«

»Hast du sie vernachlässigt?«

»Oder wolltest du immer recht haben?«

Adonis kam sich vor wie in einem Kreuzverhör. Aber das konnte er aussitzen. Sollten sich die Eltern doch austoben. Irgendwann würde ihren Akkus der Saft ausgehen, und dann würde er ihnen kurz irgendetwas von Zerrüttung und so weiter erzählen, da machte er sich keine Sorgen. Aber sollten sie ihm Vorwürfe machen und ihn mit »mein Junge« ansprechen, dann würde er auf den Putz hauen. Er war schließlich achtundzwanzig und hatte überhaupt keine Lust, wie ein Kleinkind behandelt zu werden. Aber noch spielten sich seine Mutter und sein Vater wie Die drei ??? auf und bombardierten ihren schweigenden Sohn mit Fragen.

Der Lammbock verfolgte das Frage-ohne-Antwort-Spiel vom Balkon aus. Aha! Da deutete sich ja eine interessante Entwicklung mit lebensrettenden Aussichten an … Zufrieden begann er die Begonien anzufressen.

Adonis hingegen gingen seine Eltern langsam auf die Nerven. Aber noch blieb er ruhig.

»Du hast sie doch nicht etwa geschlagen?«

»Oder wollte sie ein größeres Auto?«

Plötzlich trat Odysseus vor Adonis und richtete seinen Zeigefinger auf ihn: »Soll ich dir mal was sagen? Du hast ganz schönen Mist gebaut, mein Junge!«

Da war es: Mein Junge! Bei dem verfluchten Reizwort reagierte Adonis wie der pawlowsche Hund und ging der Provokation seines Vaters voll auf den Leim. Er stampfte wie ein Kleinkind mit dem Fuß auf und vergaß sein Schweigegelübde.

»Nenn mich nicht mein Junge! Ich werde in zwei Jahren dreißig!«, brüllte er und war sogleich wütend, dass er wütend war und sich nicht mehr im Griff hatte. Als sein Blick obendrein auf das Lamm fiel, das dabei war, seine Balkonkästen leer zu fressen, verlor er vollends die Fassung.

»Ihr macht mich wahnsinnig! Und dieses Viech auch!« Er eilte auf den Balkon und zog das Tier ins Wohnzimmer. »Warum habt ihr es denn überhaupt mitgebracht? Glaubt ihr, wir haben in Deutschland kein Lammfleisch?!«

Seine Reaktion löste bei den Eltern nur Kopfschütteln aus.

»Das ist dein Sohn, Pepina! Erst kriegt er seine Zähne nicht auseinander, dann brüllt er wie ein kastrierter Esel!«

»Man schreit seine Eltern nicht an. Ich bin sehr enttäuscht von dir. Wenn man einen Fehler macht, dann muss man wie ein Mann dazu stehen, mein Junge«, warf ihm seine Mutter vor.

Mit aller Kraft versuchte Adonis, das »mein Junge« zu überhören und seinen Adrenalinspiegel abzusenken.

»Bitte, Mutter, bitte, Vater! Ich würde euch ja alles erklären, aber ihr lasst mich doch gar nicht zu Wort kommen!«

»Dann spuck es endlich aus! Warum habt ihr euch scheiden lassen?«

»Gut, es war vielleicht ein Fehler, euch nichts davon zu sagen. Aber ich wollte euch nicht mit meinen Problemen belasten«, begann Adonis und schlüpfte in die Rolle des Sohnes, der sich um die Eltern sorgte.

Doch diese Masche zog überhaupt nicht. Seine Mutter hob ihre Hand.

»Halt uns ja nicht für blöd, sonst setzt es was!«

»Aber das tue ich nicht, Mutter, wirklich nicht. Davon abgesehen, was hättet ihr auch tun können? Nichts. Die Ehe ist eben kaputtgegangen.«

Odysseus war mit dieser Aussage nicht zufriedengestellt. »Unsinn! In Deutschland ist nichts unmöglich. Alles kann man reparieren. Schiefe Zähne, Krampfadern, Hängebrüste, und da willst du mir erzählen, dass eure Ehe nicht zu kitten war? Warum hast du uns nicht Bescheid gesagt?!«

»Was hätte das geholfen, Vater? Außerdem war das meine Ehe!«

»Aber solange du lebst, bist du unser Sohn!«, rief ihm seine Mutter in Erinnerung.

»Und wo kämen wir hin, wenn wir dich im Stich lassen würden? Dann könnten wir uns nicht mehr in die Augen schauen«, ergänzte sein Vater.

»Bitte, nun beruhigt euch doch. Eine Scheidung ist kein Weltuntergang. Wir waren keine drei Jahre verheiratet!«

»Aber ihr wart füreinander geschaffen wie zwei Magnete. Ihr hättet bis an euer Lebensende zusammenbleiben können«, sagte sein Vater ungewohnt sanft.

»Vater, jede zweite Ehe wird mittlerweile geschieden«, sagte Adonis.

Pepina zeigte sich nicht empfänglich für Statistiken: »Aber nicht bei uns in Griechenland!«

»Wart’s ab, Mutter, wir werden auch da aufholen. Genauso wie beim Fußball und beim Grand Prix d’Eurovision!«, sagte Adonis. Er wollte das Thema jetzt endgültig beenden. »Es tut mir leid, euch das sagen zu müssen, aber die Ehe ist vorbei. Punkt, aus!«

»Also gut, aber verrate uns doch bitte trotzdem mal, warum ihr sie an die Wand gefahren habt.«

»Marie war einfach nicht die richtige Frau für mich«, antwortete Adonis.

»Ach, was weißt du, welche Frau gut für dich ist!«, erwiderte Pepina.

»Mutter! Ich bin erwachsen! Und nimm das endlich …«

Sein Vater fiel ihm ins Wort: »Na klar! Warum bin ich nicht eher darauf gekommen: Du hast das arme Mädchen betrogen!«

»Du bist doch nicht etwa fremdgegangen?«, hakte Pepina besorgt nach.

Jetzt musste Adonis aufpassen. Das war vermintes Gelände. Auf keinen Fall durften seine Eltern von seinen Frauengeschichten Wind bekommen. Dummerweise kaute das Lamm gerade das pinkfarbene Bustier einer Kundin an, das es unter dem Sofa hervorgezogen hatte. Die Frau hatte das scharfe Stück bei Adonis gelagert, weil ihr Mann es auf keinen Fall zu Gesicht bekommen durfte. Bei Adonis schrillten die Alarmglocken. Das Corpus Delicti musste sofort verschwinden.

»Frauengeschichten? Schön wär’s! Nein, Mutter, Marie war eifersüchtig auf meinen Erfolg! Sie konnte es nicht ertragen, dass mein Reisebüro wie eine Bombe eingeschlagen hat«, begann er zu erklären und ging dabei unauffällig rückwärts in Richtung Lamm, um ihm das Dessous aus dem Maul zu nehmen. »Ich durfte auch keine Überstunden machen, sollte immer früh nach Hause kommen. Und dann hat sie mir immer Affären mit meinen Kundinnen angedichtet!«

Adonis’ Rettungsversuch in Sachen Unterwäsche scheiterte. Sein Vater hatte das verräterische Indiz erspäht.

»Nanu? Was kaut das Tier denn da?«

Odysseus zog dem Lammbock das Bustier aus dem Maul. Die Träger waren angeknabbert, aber die Körbchen in Fußballgröße breiteten sich einladend aus.

»Ich dachte, du wärst nicht fremdgegangen?!«

»Das ist nicht von einer Frau!«, erwiderte Adonis. Im selben Augenblick wurde ihm klar, dass das wohl die bekloppteste Ausrede seines Lebens war.

»Du bist schwul? Gott im Himmel!« Pepina bekreuzigte sich mehrmals, und ihr Ehemann ergänzte: »Das erklärt natürlich einiges!«

»Nein, verdammt! Es gehört Marie, ich habe es als Andenken behalten«, schwindelte Adonis und versuchte dabei nicht rot zu werden. Dass Marie unmöglich diese Körbchengröße haben konnte, übersahen die Eltern zum Glück.

»Du liebst sie also noch! Habe ich es doch gewusst«, freute sich Pepina. »Dann könnt ihr euch ja wieder vertragen, oder nicht?«

Adonis’ Antwort blieb aus. Ihm war die Angelegenheit zu bunt geworden. Er wollte nur noch seine Ruhe.

»Bitte, Mutter, rühr doch nicht in so einer alten Suppe. Es ist vorbei! Am besten, ihr fahrt zurück und feiert Ostern im Dorf.«

»Von wegen! Wir bleiben hier und regeln die Sache«, sagte Pepina mit Blick auf Odysseus, der zustimmend nickte.

»Nichts werdet ihr regeln. Das ist meine Ehe!«

Erbost nahm Adonis seine Jacke von der Garderobe und ging zur Tür. Er brauchte Abstand von seinen Eltern. Keine weiteren Fragen mehr. Keine Vorwürfe.

»Wo willst du denn hin, Junge? Das Abendessen ist doch gleich fertig! Ich mache Spinatreis«, rief ihm seine Mutter hinterher.

»Und es gibt köstliche Oliven«, fügte Odysseus hinzu. »Ich habe einen Zweiliterkanister für dich und Marie mitgebracht.«

Aber auch die kleinen Schwarzen konnten Adonis nicht halten.

»Mir ist der Appetit vergangen!«

Krachend fiel die Tür ins Schloss. Odysseus und Pepina wechselten ratlose Blicke. Nur der Lammbock schaute zufrieden drein. Je mehr sie sich stritten, desto weiter rückte für ihn das Osterfest in die Ferne. Erste Hoffnungsschimmer keimten auf: »Mäh, mäh!«

*

Unten auf der Straße hatte Adonis ein Problem. Abstand hin, Abstand her – der Spinatreis seiner Mutter wirkte auf ihn so verlockend wie der Heilige Gral auf die Artusritter. Mit Zitrone und Dill angemacht, einfach wunderbar! Aber nein. Lieber einen Döner und keine Vorwürfe.

Doch auch als er beim Türken saß und abschalten wollte, musste er an seine Eltern denken. Er war schon ein wenig stolz auf sie. Gleich nach ihrer Hochzeit in den sechziger Jahren waren sie nach Deutschland gegangen, um dort ihr Glück zu suchen. Damals galten Ausländer noch als Gastarbeiter und nicht als Bürger mit Migrationshintergrund. Und in der Tat verstanden sich seine Eltern als Gäste, die irgendwann zurück in die Heimat wollten. Schnell lernten sie nicht nur die neue Sprache, sondern auch die Vorteile der deutschen Kultur schätzen, wie amerikanische Fernsehserien und die italienische Küche. Anders als in Griechenland schützte eine Straßenverkehrsordnung die Fußgänger vor den Launen der Autofahrer. Was konnte also schiefgehen? Nichts.

Fleißig schufteten sie in den unterschiedlichsten Jobs und wunderten sich über die vielen Krankmeldungen ihrer deutschen Kollegen. Aber niemals verloren sie ein böses Wort über ihre neue Heimat oder stimmten in die Nörgeleien der Eingeborenen ein, die für zwei Prozent mehr Lohn mit Streik drohten und lieber nach Mallorca reisten anstatt in den schönen Schwarzwald.

Adonis, den ein persischer Arzt mit Unterstützung einer holländischen Hebamme ans Licht der Welt befördert hatte, machte ihr Glück perfekt. Natürlich wurde er in eine deutsche Schule gesteckt und nicht in ein griechisches Lyzeum. Dort preisten eingeflogene Lehrer die unzähligen Siege Alexanders des Großen, hatten aber keinen blassen Schimmer vom Satz des Pythagoras. Nein, Adonis sollte in Deutschland die bestmögliche Ausbildung erhalten und später einen anständigen Beruf ausüben, anstatt sich in die lange Reihe der griechischen Imbissstubenbesitzer einzureihen.

Sie selber versuchten ihm ein Vorbild zu sein und machten sich das deutsche Sicherheitsbedürfnis zu eigen. Im Unterschied zu ihren Gastgebern legten sie ihr Erspartes allerdings nicht in ausländischen Fonds an, sondern in soliden Rentenbriefen. So wurde der Lohn ihrer Arbeit nicht von den gefräßigen Heuschrecken des Weltkapitalismus aufgefressen. Nach dreißig Jahren reichte es zwar nicht für ein Reedereiimperium wie das eines Onassis, aber immerhin für ein gemütliches Einfamilienhaus in Agia Paraskevi, in das sie pünktlich zu Rentenbeginn einzogen.

Dass Adonis seine Wurzeln in Deutschland sah und dort blieb, machte ihnen keine Sorgen. Warum auch? Er sollte da leben, wo es ihm am meisten zusagte. Und Adonis’ Entscheidung hatte spätestens seit seiner Pubertät festgestanden, was nicht unwesentlich damit zusammenhing, dass er schon in geschlechtsreifem Alter eine Vorliebe für blonde Frauen entwickelte.

4

Im Gericht war der Teufel los! Plötzlich sind Adonis’ Eltern reingeplatzt und wollten die Scheidung verhindern – das reinste Tohuwabohu!«

Während Marie die turbulenten Ereignisse im Gericht Revue passieren ließ, wirbelte ihr neuer Freund Kaspar wie ein Küchenderwisch um die Arbeitsplatte herum. Hacken, schneiden, würzen, jeder Handgriff verriet den kundigen Hobbykoch. Und Marie konnte sich darauf verlassen, dass er ihr dabei aufmerksam zuhörte. Im Unterschied zu anderen Männern beherrschte er nämlich Multitasking. Multiveranlagt war auch Adonis gewesen: sprechen, flirten und gleichzeitig in seiner Hosentasche mit seinem Goldkettchen spielen. Doch das gehörte für Marie der Vergangenheit an.

»Aber warum musste er ihnen auch die Scheidung verheimlichen? Dann wären sie gar nicht erst nach Deutschland gekommen, um mit uns Ostern zu feiern!«

Eigentlich bedauerte sie Adonis’ Eltern. Sie konnten ja nichts dafür, dass ihr Sohn sie so schamlos betrogen hatte. Nein, sie hatte Pepina und Odysseus als nette und anständige Menschen in Erinnerung. Aber Schluss mit sentimentaler Gefühlsduselei, sagte sie sich. Der Blick nach vorn war jetzt angesagt.

»Wie dem auch sei, im Nachhinein finde ich das Chaos im Gericht ja ganz lustig. Du hättest das Gesicht des Richters sehen sollen, als die beiden mit dem kleinen Osterlamm auftauchten …«

»Für mich ist das pervers. Man schlachtet ein unschuldiges Tier und feiert dann Ostern! Die Griechen sind wohl in der Steinzeit stehengeblieben!«, ereiferte sich Kaspar, während er eine Tüte mit Thymian aus dem Regal nahm.

Der intensive Geruch des Gewürzes löste bei Marie Erinnerungen aus. Sie dachte an das erste Osterfest, das sie in Griechenland erlebt hatte. Es war im April vor zwei Jahren gewesen, als die Ehewelt noch in Ordnung war. Sie war mit Adonis zum ersten Mal nach Agia Paraskevi gefahren, um mit seiner Familie zu feiern. Das pittoreske Dorf auf dem Peloponnes war nur über schwindelerregende Serpentinen zu erreichen. Unterwegs sahen sie blühende Mandelbäume, und es duftete nach frischem Thymian und wildem Rosmarin. Die Sonne hatte das Grün der Natur noch nicht ausgetrocknet, die Schmetterlinge flogen mit den Vögeln um die Wette, und weit und breit waren keine Touristen. Die reisten lieber im Hochsommer nach Griechenland, um sich Hautkrebs einzuhandeln.

Doch als sie ins Dorf kamen, war es mit der Idylle vorbei. Hier herrschte ein wahres Inferno. Sämtliche Männer waren auf den Beinen und beschossen sich gegenseitig mit Gaspistolen, Böllern und Feuerwerkskörpern. Marie dachte, ein Bürgerkrieg wäre ausgebrochen, aber Adonis erklärte ihr, dass die an sich tiefgläubigen Griechen an Ostern mit dem Knallen die heidnischen Geister vertreiben wollten. Und dann nahm er sie liebevoll in die Arme und rettete sie.

Im Haus seiner Eltern wurde sie herzlich empfangen und bewirtet. Zu essen gab es nur eine karge Kichererbsensuppe ohne Olivenöl, weil gefastet wurde. Kein Fleisch, kein Öl, kein Sex, erklärte Adonis das Prinzip des Fastens, hatte aber selbst keine Probleme damit, Marie unter einem Granatapfelbaum zu lieben.

Und dann der Ostersonntag! Die Fastenzeit war vorbei, die Party konnte beginnen. Fressen, saufen und das andere. Nicht umsonst wurden die meisten Kinder in Griechenland im Januar geboren. Sein Vater Odysseus hatte ein Lamm geschlachtet und grillte es an einem langen Spieß. Marie lief das Wasser im Mund zusammen. Der Duft des gegrillten Fleischs lockte das halbe Dorf ins Haus. Immer mehr Menschen strömten herbei und wünschten Hronia Pola. Marie lernte die Cousine des Neffen vom Onkel des Schwagers der Tante kennen und noch zig andere nahe und entfernte Verwandte. Sämtliche Nachnamen endeten mit der Silbe -los und reimten sich: Markopulos, Papadopulos, Giannopulos. Anders als in Deutschland, wo die weihnachtliche Familienzusammenführung für Neurosen, Depressionen und Dramen sorgte, herrschte in Griechenland Familienfrieden, Freude und Eierkuchen. Alle aßen, tranken und tanzten bis zum Abwinken. Natürlich unter freiem Himmel, da das Wetter in Griechenland über Ostern immer mitspielte. Marie, die normalerweise kaum Alkohol trank, war drei Tage im Dauerrausch und verliebt bis über beide Ohren. In Adonis und in die verrückte Mentalität seiner Landsleute.

Wehmütig dachte sie an diese Tage zurück, die sich trotz Scheidung nicht aus ihrem Gedächtnis tilgen ließen. Aber dann holte die Realität sie ein. Flatsch – irgendetwas Glibbriges landete in ihrem Nacken. Was klebte da an ihrem Hals? Angewidert streifte sich Marie einen pappigen Grünstreifen von der Haut.

»Kaspar! Was um Himmels willen ist das?«, rief sie entgeistert und pfefferte das ihr unbekannte Material in die Mülltonne.

Der Herr der Zwiebelringe versuchte sie zu beruhigen. »Nur ein Algenstreifen, ist gut für die Haut«, sagte er, ehe er einen kräftigen Schuss Öko-Ouzo in die Pfanne goss. Ein aromatischer Atompilz hüllte die Küche kurzzeitig in Finsternis.

»Kaspar, mach bitte die Abzugshaube an!«

»Warum, das ist doch nur Energieverschwendung«, entgegnete Kaspar und benutzte die Ouzoflasche weiter wie einen Flammenwerfer. Die Küche roch mittlerweile nach Hafenbecken. Maries Geruchsnerven rebellierten.

»Es stinkt fürchterlich. Was kochst du da eigentlich?«

»Meine neueste Kreation: Algengyros komplett«, sagte Kaspar stolz. Er schaute sie an wie Daniel Düsentrieb, der seinem Helferlein etwas zu erklären versuchte.

»Als überzeugter Veganer bevorzuge ich Algen. Tofu ginge auch, wird aber aus dem Regenwaldkiller Soja hergestellt und ist für mich daher tabu. Kannst du dich nicht an die Algenwurst von neulich erinnern?«

Marie konnte. Zunächst hatte sie an einen Witz gedacht, als er ihr die Algenwurst mitbrachte – wobei sie Algen mit Quallen verwechselt hatte –, aber schließlich ließ sie sich nach einem Vortrag über die ökologischen Vorzüge des Algenanbaus überreden, die Placebowurst zu probieren. Nun ja, sie hatte nicht nach Meer, sondern nach weniger geschmeckt, aber Marie wollte versuchen, sich daran zu gewöhnen.

»Trotzdem stinkt dieses Zeug.« Mit einem Lappen wischte sich Marie den Schmierfilm von ihrer Haut.