Fettnäpfchenführer Bayern - Nadine Luck - E-Book

Fettnäpfchenführer Bayern E-Book

Nadine Luck

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Beschreibung

Jochen aus Wuppertal liebt die schöne Magdalena, die Gott aus Bayern direkt in seine Arme gesandt hat. Doch als er seine Liebste in ihrer Heimat besucht, lernt er nicht nur ihre Familie und eine fremde Kultur, sondern auch ganz wunderliche Seiten an Magdalena selbst kennen: Warum bringt sie andauernd "der", "die" und "das" durcheinander? Wieso reagiert ihr Vater so ungehalten, als er ihn zum FC-Bayern- Spiel einladen will? Und was sucht dieses grüfelloähnliche Tier mit Hauern, Hörnern, Hasenkopf und Entenfüßen im Wirtshaus? Jochen tritt von einem Fettnäpfchen ins nächste, denn der weißblaue Himmel steigt ihm gehörig zu Kopf. Doch mit jedem Tag gewinnt er mehr Verständnis für den Bavarian Way of Life und die Maß aller Dinge, und bald liebt er Land und Leute fast so sehr wie Magdalena. Zurück nach Wuppertal? Das will Jochen niemals nie nicht. Aber ob er seinen Sohn wirklich Sepp nennen könnte …

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Seitenzahl: 211

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Nadine Luck kam in Niederbayern zur Welt, hat in München studiert und gearbeitet und lebt inzwischen im fränkischen Bamberg, wo sie mit ihrem nordrhein-westfälischen Gatten den Culture Clash jeden Tag selbst erlebt. Als Buchautorin, Journalistin und Bloggerin (»Mama und die Matschhose«) schreibt sie am liebsten übers Reisen und über die liebe Familie. Nadine Luck ist Mutter von zwei Kindern.

www.mama-und-die-matschhose.de

DIE MASS ALLER DINGE

NADINE LUCK

© Conbook Medien GmbH, Neuss, 2019

Alle Rechte vorbehalten

www.conbook-verlag.de

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literaturagentur Kai Gathemann.

Textredaktion: Imke Sörensen, Hamburg

Einbandgestaltung: Weiß-Freiburg GmbH – Graphik & Buchgestaltung unter Verwendung eines Motivs von © istockphoto.com/damedeeso

Karte: © grebeshkovmaxim/Shutterstock.com

Satz: Röser MEDIA, Karlsruhe

Druck und Verarbeitung: CPI Books GmbH, Leck

ISBN: 9783958892132

Die in diesem Buch dargestellten Zusammenhänge, Erlebnisse und Thesen entstammen den Erfahrungen und/oder der Fantasie der Autorin und/oder geben ihre Sicht der Ereignisse wieder. Etwaige Ähnlichkeiten mit lebenden Personen, Unternehmen oder Institutionen sowie deren Handlungen und Ansichten sind rein zufällig. Die genannten Fakten wurden mit größtmöglicher Sorgfalt recherchiert, eine Garantie für Richtigkeit und Vollständigkeit können aber weder der Verlag noch die Autorin übernehmen. Lesermeinungen gerne an [email protected]

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Für Harry, meinen Mo.A Hund is er scho!

INHALT

1 BAYERNS UHREN TICKEN ANDERS

Von dreiviertel sieben bis viertel acht

2 DAS MASS ALLER DINGE

Biertrinken wie ein Bayer

3 ALLES IM BUTTER?

Grammatikalische Schwankungen

4 SAG NIEMALS NIE NICHT!

Das Ja-Wort und die doppelte Verneinung

5 WAU, DER WALDI

Das Zamperl als heilige Kuh

6 GEOGRAFISCH UNLOGISCH

Das alles ist Bayern

7 HABEDERE

Grüßen auf Bairisch

8 KRUZIFIX

Bayern, ein Kirchenstaat?

9 WEIL’S NICHT WURST IST

Der Weißwurst-Knigge

10 HASE KÜSST REH

Die aufregende Jagd nach dem Wolpertinger

11 ICH WÄR SO WEIT

Der bairische Konjunktiv

12 DIE DOMSTADT, DIE VIELE REGISTER ZIEHT

Politik, Pointen – Passau!

13 BAYERN, DIE BELLEN, BEISSEN NICHT

Tierische Grüße aus der Oberpfalz

14 FUSSBALLER UND ANDERE (ANTI-)HELDEN

Die Ruhmeshalle und der Rekordmeister

15 VON EUROPÄISCHER RELEVANZ UND BAYERISCHEM KOKAIN

Rallye durch Regensburg

16 DER BERG RUFT

Bis Haxen, Füße und Beine schmerzen

17 UND OB ICH DES SO MEIN’

Der bayerische Grantler

18 BUSINESSMACHEN IN BAYERN

Mit Laptop und Lederhose

19 BEZIEHUNGS-STATUS: SCHLEIFE RECHTS

Die Macht der Tracht

20 AUF DER WIESN

Von Zelten, Mindestverzehr und hendlfettigen Händen

21 WIR SIND CSU

Die Erfinder des weißblauen Himmels und von Recht und Ordnung

22 ZWEI FRÄNKISCHE LKW

Oder: Mia san mia san die anderen

23 KELLER MIT AUSSICHT

Bambergs beste Lage

24 FLASCHEN ZUM KUGELN

Wein(Franken) auf Bier, das rat ich dir

25 WO BAYERN SCHWÄBISCH SCHWÄTZT

Von schönen Kühen und Frauen

26 PKW-MAUT AUF DEM HIGHWAY TO HELL

Der Bayer, ein Rache suchender Hinterwäldler?

27 HONEYMOON, THE BAVARIAN WAY

Vom bayerischen Meer bis China

28 ES WAR EINMAL EIN MÄRCHEN

Der ewige Bayernkönig

ANHANG

10 Dinge, die Sie in Bayern unbedingt tun sollten

ANHANG

10 Dinge, mit denen Sie sich auf jeden Fall blamieren

ANHANG

Glossar

1

BAYERNSUHREN TICKENANDERS

VON DREIVIERTEL SIEBEN BISVIERTEL ACHT

»Um dreiviertel sechs vor dem Hugendubel am Stachus«, hat sie gesagt. Die U-Bahn steckt fest, Jochen wird fünf Minuten zu spät kommen. Na, das sollte ihm seine Liebste aber verzeihen. Als Tourist in einer Großstadt mit nur fünf Minuten Verspätung dran zu sein – das ist ziemlich gut, findet er.

Doch, um es kurz zu machen: Er sieht schon auf dem Weg von der Rolltreppe zum Buchhändler, dass Magdalena dampft. »Warum hast du mir nicht Bescheid gesagt?«, fährt sie ihn zur Begrüßung an, ganz ohne »Hallo«, »Servus« oder Küsschen. »Das ist doch keine Art! Ist dein Handy kaputt? Oder gehen die Uhren in Bayern tatsächlich so anders als bei euch in Wuppertal?«

Jochen ist perplex. Dafür, dass er erst zum zweiten Mal in seinem Leben und nun auch erst seit zwei Tagen in der Weltstadt München ist, kommt er sich grandios pünktlich vor. »Ehrlich, Magdalena, wegen fünf Minuten regst du dich auf? Die U-Bahn steckte kurz fest, sonst wäre ich sogar überpünktlich gewesen. So grazil wie unsere Schwebebahn bewegt sich euer öffentlicher Nahverkehr halt nicht fort … Echt, wenn ich wegen fünf Minuten Verspätung Bescheid geben würde, würde ich jetzt ja immer noch an der WhatsApp an dich tippen!«

»Fünf Minuten? Mensch, Jochen! Eine geschlagene Stunde warte ich hier – und warte und warte, bis der werte Herr …«

»Wieso eine Stunde? 18.45 Uhr hast du doch gesagt, ich hab das noch genau im Ohr!«

»Nein, mein Lieber: Dreiviertel sechs haben wir ausgemacht.«

»Ja, sag ich doch!«

Da lacht Magdalena lauthals los. »Du weißt nicht, was dreiviertel sechs bedeutet? Ehrlich nicht? Sorry, das hätte ich nicht für möglich …« Sie hakt sich bei Jochen ein und zieht ihn in Richtung Marienplatz. Auf dem Weg erklärt sie ihm, wie die Uhren in Bayern ticken – beziehungsweise Münchens Uhren. Dabei bummeln sie fröhlich durch die Fußgängerzone, halten beim indianisch aussehenden Künstler, der seiner Panflöte wunderschöne Melodien entlockt, und bestaunen die neugotische Fassade des Rathauses. Und tatsächlich ist es schade, dass sie nicht schon deutlich früher unterwegs sind: Denn täglich um 17 Uhr bestaunen Touristen das Glockenspiel im Mittelturm des Rathauses, wie Jochen von Magdalena erfährt. Dabei zeigen 32 Figuren auf mehreren Ebenen Szenen aus der Stadtgeschichte.

Sie gehen weiter durchs Tal – ebenfalls eine gleichermaßen beliebte wie belebte Einkaufsstraße – und stehen schließlich vor dem Isartor, einem der alten Stadttore Münchens. Aus den Augenwinkeln bemerkt Jochen oben im Turm des Tors eine Uhr. Er blickt hoch und traut seinen Augen nicht. Er hat geschätzt, dass es ungefähr 8 Uhr abends sein müsste, denn inzwischen hat er einen Bärenhunger und freut sich aufs Abendbrot, das sie im berühmtesten Wirtshaus der Welt essen wollen, dem Hofbräuhaus. Der Stundenzeiger der Uhr aber bewegt sich in diesem Moment auf die Vier – und zwar gegen den Uhrzeigersinn, von der Fünf kommend.

»Magdalena, siehst du das auch?«, fragt er. »Was soll denn das schon wieder? Was ist mit euren Uhren los?«

Sie grinst. »Schau mal genau hin. Die Uhr zeigt die Zeit exakt an. Aber sie liest sich anders. Denk mal ein bisschen mit …«

Da sieht Jochen nochmals hin und erkennt, dass nicht nur die Uhr augenscheinlich rückwärtsläuft – auch die römischen Ziffern sind verkehrt herum angeordnet. Nachdem er das herausgefunden hat, sieht er, dass es tatsächlich genau 8 Uhr ist. »Schön, dass es so unkompliziert ist bei euch«, sagt er.

Jochen beschließt, während seines Aufenthalts in Bayern eher niemanden nach der Zeit zu fragen und sich auch nicht auf öffentliche Uhren zu verlassen.

DIE VER-RÜCKTE UHR VON KARL VALENTIN

»In Bayern gehen die Uhren anders.« Dieses Zitat stammt vom ehemaligen deutschen Bundeskanzler Willy Brandt. Der ehemalige bayerische Landesvater Franz Josef Strauß meinte dazu: »Wenn man manchmal sagt, in Bayern gehen die Uhren anders, kann das höchstens heißen, dass sie anderswo falsch gehen.« Die Uhr im Münchner Isartor läuft allerdings wirklich gegen den Uhrzeigersinn und damit verkehrt herum. Die Künstlerin Petra Perle spendierte sie der Stadt – als Hommage an den großen Komiker Karl Valentin, dem ein »Musäum« im Isartor gewidmet ist. Denkmalschützer votierten zwar im Jahr 2005 gegen die Installation dieser buchstäblich ver-rückten Uhr, doch der Stadtrat sprach sich dafür aus.

Obacht, neidabbd!*

Wenn der Bayer sagt, es ist »dreiviertel zwei«, dann ist es 1.45 Uhr – oder auch 13.45 Uhr. Wenn es 7.15 Uhr ist, ist es noch komplizierter. Dann ist es nördlich der Donau, etwa in der Oberpfalz, in Franken und auch quer durch die neuen Bundesländer hinauf bis zur Insel Rügen »viertel acht«. Traditionell sagen Ober- und Niederbayern derweil zu 7.15 Uhr »Viertel über sieben« – wie Magdalenas Opa aus Niederbayern. Die jüngeren Leute sagen »Viertel nach sieben«.

Wenn nun ein Franke mit einem Niederbayern ein Treffen für »viertel sieben« vereinbart, kann es glatt passieren, dass der Niederbayer von »Viertel über sieben« ausgeht – und im Zweifel eine ganze Stunde zu spät kommt. Diese genannten Regeln gelten meistens – und manchmal auch nicht. In einigen Gegenden Bayerns ist mit »viertel zwölf« mal 11.15 Uhr, 12.15 Uhr oder auch mal 11.45 Uhr gemeint. Und mitunter klingt die Uhrzeit in Bayern in den Ohren Auswärtiger tatsächlich wie höhere Mathematik, etwa wenn jemand die Frage nach der Uhrzeit mit »fünf vor dreiviertel sechs« beantwortet. Kann passieren.

Eine höhere Uhrzeit als die Zahl 12 gibt es übrigens nicht in Bayern: 2 Uhr ist 2 Uhr – egal, ob es sich dabei um 2 Uhr nachmittags oder nachts handelt. Was gemeint ist, erschließt sich in der Regel aus dem Kontext.

EINMAL AUF DIE UHR GESCHAUT

Uhrzeit

In München

In Franken

In Niederbayern

In Wuppertal

13.45 Uhr

dreiviertel zwei

dreiviertel zwei

dreiviertel zwei

Viertel vor zwei

13.15 Uhr

Viertel nach eins

viertel zwei

Viertel über eins (trad.)

Viertel nach eins

2

DAS MASSALLER DINGE

BIERTRINKEN WIE EIN BAYER

»Ein Candle-Light-Dinner wird das nicht«, sagt Jochen mit Blick auf die Tische für jeweils mehrere Personen, an denen in der weltberühmten Schwemme des Hofbräuhauses zahllose Menschen aus der ganzen Welt sitzen. Es ist voll und laut – und es riecht nach Bier. »Wir müssen uns irgendwo dazusetzen.« Magdalena nickt und geht zu einem Tisch, an dem nicht alle Plätze besetzt sind. »Ist hier noch frei?«, fragt sie.

»Haut’s eich hera, na samma mehra«, antwortet ein freundlich aussehender Mann. »Setzt euch hin, dann sind wir mehr«, flüstert Magdalena in Jochens Ohr und sagt laut zu den Herren am Tisch: »Dankeschön!«

Das verliebte Paar nimmt bei den Bayern Platz und Jochen schaut sich erst mal um. Ein prächtig bemaltes Kreuzgewölbe mit lukullischen Motiven wie servierfertigen Schweinsköpfen und gegrillten Hühnchen prangt über ihnen. »Durst ist schlimmer als Heimweh« steht über einem Rundbogen, unter dem Gäste in andere Teile des Wirtshauses gehen. Musiker in Tracht sitzen auf einem Podium im Zentrum des Saales und geben laute, volkstümliche Musik zum Besten. Einige Gäste schunkeln. Eine Kellnerin im Dirndl schiebt sich durch die Reihen, um Riesenbrezn zu verkaufen. »Jetzt ist doch kein Karneval«, denkt Jochen mit Blick auf ihr Outfit und eigentlich mit Blick auf die gesamte Szenerie – und muss schmunzeln. Zünftig ist das, würden die Bayern wohl dazu sagen. Die Stimmung in einem Bierzelt auf dem Oktoberfest dürfte sich von der im Hofbräuhaus nicht wesentlich unterscheiden. Jochen sieht zwei Menschen unschlüssig herumstehen. Aufgrund ihrer lässigen Sweatshirts vermutet er, dass es Amerikaner sind. Sie trauen sich offenbar niemanden zu fragen, ob sie sich dazusetzen dürfen. Verständlich. Es muss seltsam sein für Menschen aus einem Land, in dem die Plätze im Restaurant vom Kellner zugewiesen werden, sich zu fremden Leuten zu quetschen. In ihrer Heimat würde niemand auf die Idee kommen, Gästen dieses Gedränge zuzumuten. Da würde eher in einer langen Schlange am Eingang gewartet, bis großzügige Plätze frei geworden sind. Jochens Gedanken werden unterbrochen, denn eine Kellnerin im Dirndl kommt an den Tisch und fragt: »Was darf’s sein?«

»Ein Maß, bitte«, sagt Jochen.

»A Preiß«, meint der Bayer grinsend, der Magdalena und Jochen gerade an den Tisch gebeten hat – und den Jochen sofort deutlich weniger freundlich findet.

Bevor er etwas erwidern kann, sagt die Kellnerin zu dem Bayern: »Das macht nichts, ich hab ihn schon verstanden. Wir haben ja öfter welche hier.«

»Ich dachte, hier bestellt man Maß«, wendet sich Jochen an Magdalena. »Ich hätte ja auch ein Kölsch getrunken, aber ich vermute mal, das gibt es hier nicht. Ihr macht euch ja immer über unsere Getränke in den kleinen Reagenzgläsern lustig …«

»Passt schon«, flüstert seine Liebste ihm zu. »Ich erklär dir später, was der Mann gemeint hat.«

Wenig später ist die Kellnerin mit schweren Maßkrügen für die ganze Runde zurück. Durstig nimmt Jochen sein Bier in die Hand und setzt an.

Doch: »Nur ein Schwein trinkt allein«, sagt der Herr von gerade eben und lacht.

»Jochen, lass uns anstoßen«, sagt Magdalena und zischt ihm zu: »Nimm es nicht persönlich, das ist nur so ein Spruch.«

Jochen ist zwar genervt von »nur so ein Spruch«, aber er stößt an und trinkt. Aus den Augenwinkeln heraus sieht er, dass die Bayern den Krug nochmals auf dem Tisch absetzen, bevor sie trinken.

»Ist ihnen der Krug zu schwer, um ihn sofort zum Mund zu führen?«, flüstert er in Magdalenas Ohr und nimmt gleich noch einen Schluck aus dem schweren Gefäß.

Obacht, neidabbt!

Das Bier ist in Bayern ein Heiligtum, über das die Bewohner gerne und ständig philosophieren. Wer braut das beste, welcher Wirt schenkt welches aus? Oft wird dem Bier aus der örtlichen Brauerei gehuldigt – und meistens zu Recht. Denn Bierbrauen, das können die Bayern. Sie schenken ihr flüssiges Gold auch gerne an Fremde aus. Wenn ein Gast allerdings nicht weiß, wie er die Maß korrekterweise bestellt, dann macht er sich zum Gespött. Und wer sie zwar richtig bestellt, aber falsch ausspricht, taugt ebenfalls zur Lachnummer. Touristen und Zugereiste sollten also besser lernen, wie das gewünschte Bier in lupenreinem Bairisch geordert wird – auch wenn die Bayern es ansonsten nicht ausstehen können, wenn Preußen ihren Dialekt nachahmen.

Einfach ist das nicht. Manche halten ja schon 0,4 Liter für viel Bier – und im Norden der Republik ist es das auch, verglichen mit dem ansonsten ausgeschenkten 0,2-Liter-Kölsch. Die Bayern aber verspotten das »große« 0,4er als Preißn-Halbe. In Bayern entspricht ein kleines Bier 0,5 Litern. Wer dies trinken will, bestellt »eine Halbe« und meint damit 0,5 Liter helles Bier. Das »Helle«, wie es kurz genannt wird, ist eine höchst süffige, helle bis goldgelbe Biersorte mit einer moderaten Hopfennote. Erfunden wurde es als Antwort auf das böhmische Pilsener. In Franken wird der halbe Liter Bier auch gern als Seidla bezeichnet und ebenso bestellt. »Ein Seidla, bitte.« Der Liter Bier heißt in Bayern hingegen »Maß« – eine Bezeichnung, die es außerhalb der bairischen Sprache nicht gibt und die Menschen, die des Bairischen nicht mächtig sind, Probleme bereitet. Denn woher sollen sie wissen, ob es die oder das Maß heißt? Wer sich im Wirtshaus, im Biergarten und auf dem Oktoberfest nicht blamieren will, bestellt jedoch EINE Maß. Und spricht sie aus, als würde in der Getränkekarte »Mass« stehen, mit kurzem »a«, wie in »nass« oder – was im Kontext mindestens genauso gut passt – wie in »Fass«. Wie wir an dieser Stelle lesen können, war der Maß die Rechtschreibreform herzlich wurst. Wer mag, darf allerdings auch »Mass« schreiben. Der Duden erlaubt es, den Bayern aber gefällt diese Schreibweise eher nicht.

Wenn die Halbe oder die Maß schließlich serviert sind, stoßen alle, die gemeinsam am Tisch sitzen, mindestens vor dem ersten Schluck mit einem herzlichen »Prost!« an. Hierfür fassen sie den Bierkrug am Henkel, denn würden sie den Krug direkt umfassen, könnten sie sich beim Anstoßen die Finger quetschen. Nach dem Anstoßen dürfen die Trinker die Krüge gerne nochmals absetzen. Warum das viele Bayern tun, weiß jedoch niemand so recht. Möglicherweise rührt dieser Brauch daher, dass früher aus Krügen aus Steingut mit Zinndeckeln getrunken wurde. Beim Absetzen stießen die Biertrinker den Deckel mit dem Daumen der Hand, die den Krug hielt, auf, um trinken zu können. Eine andere Erklärung ist, dass durch das Berühren des Tisches symbolisch mit dem Erdboden angestoßen und somit der Verstorbenen gedacht wird. Auch wird das Absetzen mit einem kurzen Innehalten begründet, um Gott für den Genuss dieses wunderbaren Bieres zu danken. Daneben gibt es vermutlich aber auch eine rein praktische Ursache: Beim Anstoßen umfasst man aus oben angeführtem Grund den Krug am Henkel. Das Bier wiegt rund zweieinhalb Kilo, wenn der Krug voll ist – also ziemlich viel. Es ist daher sinnig, abzusetzen und umzugreifen, um den Krug nicht mehr am Henkel, sondern direkt zu umfassen. So hält man ihn stabiler in der Hand. Einheimische greifen automatisiert um und haben diese Trinkweise perfektioniert. Ach ja, wer aus Weizenbiergläsern Weißbier trinkt, stößt mit Gleichgesinnten über die untere Kante des Glases an. Und ein Tipp noch für Jochen, der mit dem Spruch »Nur ein Schwein trinkt allein« konfrontiert wurde: Er könnte antworten: »Nur a Sau nimmt’s genau.«

DER BIERMARKT SCHÄUMT IN BAYERN ÜBER

Deutschlandweit hat der Bierkonsum seit einigen Jahren eine Durststrecke. In Bayern aber hat davon niemand etwas mitbekommen, da schäumt der Biermarkt von jeher über. Während im Bundesdurchschnitt statistisch jeder Mensch, vom Baby bis zum Greis, pro Jahr rund 105 Liter des Gerstensaftes trinkt, genehmigen sich die Bayern 130 bis 135 Liter. Damit können sie beinahe den Biertrinkeuropameistern, den Tschechen, das Wasser, äh, den Bierkrug reichen. Dort wurden im Jahr 2016 ganze 143 Liter pro Kopf konsumiert. Noch mehr Bier würde im Freistaat weggehen, wenn es – wie früher – selbstverständlich wäre, dass auch in den Firmenkantinen Bier ausgeschenkt würde. Kein Wunder jedenfalls, dass Bayern auch den höchsten Pro-Kopf-Brauereien-Anteil der Republik hat. Mit rund 600 bayerischen Brauereibetrieben gibt es im Freistaat ziemlich genau so viele wie im Rest des Landes zusammen. Zu den 600 Brauereien gehören freilich nicht nur die großen Münchner Bier-Global-Player, sondern auch viele kleine und mittelständische Betriebe.

Seit 2001 ist die Herkunftsangabe »Bayerisches Bier« EU-weit geschützt und gilt nur für »flüssiges Brot«, wenn es aus bayerischen Sudkesseln stammt und nach dem Bayerischen Reinheitsgebot von 1516 gebraut wurde. Dieses fordert, dass Bier nur aus Hopfen, Malz, Hefe und Wasser bestehen darf. Beim Brauen gelten verschiedene, zum Teil jahrhundertealte Vorschriften. Trotz dieser Regelwut ist Bayerns Bier nicht gleich Bier. Rund 40 Biersorten und 4.000 verschiedene Biere gibt es im Freistaat. Am beliebtesten sind das Helle und das Weißbier – pur oder als Mischgetränk. Mit Zitronenlimonade wird das Helle zum »Radler« und das Weißbier zum »Russ«. Beide Mischgetränke gelten in Bayern als Biergartenklassiker.

WEISSBIER-METROPOLE BAYERN

Bayern ist unbestrittener Nabel der Weißbierwelt, obwohl diese spezielle Biersorte ursprünglich aus dem Orient zu stammen scheint, was Abbildungen auf uralten Tongefäßen nahelegen. Der heutige Weißbier-Weltmarktführer sitzt in Erding in Oberbayern und liefert das flüssige Gold in mehr als 70 Länder. Doch praktisch jede der 600 bayerischen Brauereien hat Weißbier, das außerhalb Bayerns als Weizenbier firmiert, im Sortiment. Aber was genau ist ein Weißbier überhaupt? Es ist ein obergäriges Bier mit einem eher geringen Hopfenanteil, wodurch es weniger bitter ist als andere Sorten. Um zum Weißbier zu werden, muss das Getränk zudem mindestens zur Hälfte aus Weizenmalz hergestellt werden. Seine Farbe ist mal naturtrüb, mal kristallklar, mal hell, mal dunkel. Die Trübung ergibt sich durch die beim Brauvorgang eingesetzte Hefe. Was alle Weißbiere auszeichnet: der hohe Kohlensäuregehalt.

Beim Genuss eines Weißbieres ist es am wichtigsten, Zeit mitzubringen. Es lässt sich nicht eben mal aus der Flasche kippen. Weißbier wird seit jeher aus einem hohen, geschwungenen Glas getrunken, das in der Regel einen halben Liter des Getränks fasst. Das hat zwei Gründe. Zum einen schäumt das Weißbier sehr stark und sollte vor dem Trinken im Glas erst einmal zur Ruhe kommen. Ansonsten besteht die Gefahr, dass ein Großteil des Bieres statt im Mund auf Kleidung, Tisch oder Boden landet. Zum anderen setzt sich die Hefe des Weißbieres am Flaschenboden ab. Würde man es direkt aus der Flasche trinken, hätte man anfangs keine Hefe im Bier – und gegen Ende zu viel. Darunter würde der Geschmack des Bieres leiden.

Vorsicht: Weißbier einzuschenken, ist eine Herausforderung! Wer einfach loslegt und es wie beispielsweise Wasser ins Glas fließen lässt, scheitert am überschäumenden Temperament des Bieres. Zu starkes Aufschäumen vermeidet, wer das längliche Weißbierglas vor dem Einschenken mit klarem kaltem Wasser ausspült und es hinterher nicht abtrocknet. Ein leichter Wasserfilm sollte im Glas bleiben. Jetzt gilt es, das Glas leicht schräg zu halten – mindestens im 30-Grad-Winkel. Denn je flacher es beim Einschenken steht, desto weniger Schaum bildet sich. Dreiviertel des Glases dürfen so gefüllt werden. Um auch die Hefe vom Flaschenboden zu lösen, wird die Flasche geschwenkt. Fertig? Jetzt wird der Rest des Bieres mit der gelösten Hefe steil von oben ins Glas geschenkt. Auf diese Weise sollte sich auf dem Weißbier eine prächtige Schaumkrone bilden. Prost!

Die schlechte Nachricht lautet: Ein halber Liter Weißbier hat rund 250 Kalorien. Die gute Nachricht: Wissenschaftler der TU München bescheinigen dem Gerstensaft positive Auswirkungen auf die Gesundheit von Sportlern. Läufer, die sich nach dem Training eine Halbe gönnen, sind um ein Drittel weniger anfällig für Infekte als die Vergleichsgruppe. Wenn sie doch eine Erkältung bekommen, verläuft sie milder oder kürzer. Der Haken an der Geschichte: Der Effekt tritt nur bei der alkoholfreien Variante ein. Doch es gibt ein Happy End: Wer statt zu normalem Weißbier zu alkoholfreiem greift, spart rund 40 Prozent Kalorien.

3

ALLES IMBUTTER?

GRAMMATIKALISCHESCHWANKUNGEN

Am Morgen nach dem Hofbräuhaus-Erlebnis können Magdalena und Jochen ausschlafen. Endlich Wochenende! Endlich gemeinsam frühstücken! Darauf freuen sie sich seit Tagen. Außerdem hat Jochen eine Überraschung für seine Liebste. Doch dafür braucht er Ruhe und Zeit mit ihr allein.

Sie sitzen in der kleinen Küche in Magdalenas Wohnung im Münchner Stadtteil Thalkirchen und türmen alles voreinander auf, was sie fürs Frühstück brauchen: Semmeln, wie die Brötchen in Bayern heißen, Croissants, Butter, Schinken und Käse, Marmelade und Ei – und natürlich frisch gebrühten Cappuccino! Allerdings fehlt Magdalena noch etwas.

»Ist es okay, wenn ich den Radio einschalte?«, fragt sie. »Oder stört er dich? Ich bin es gewohnt, morgens immer etwas Musik und die Nachrichten zu hören. Dann ist es nicht so leise in der Wohnung. Wobei, wenn du wirklich irgendwann hierherziehen solltest, brauche ich das vielleicht gar nicht mehr …«

»Nein, nein«, sagt Jochen. »Ich drehe es morgens auch immer an.« Es irritiert ihn jedoch etwas, dass Magdalena »der Radio« gesagt hat. Aber egal, jetzt hat er endlich einmal Gelegenheit, Bayern 3 zu hören, den Sender, bei dem TV-Entertainer Thomas Gottschalk angefangen hat. Als Magdalena etwas später allerdings fragt: »Kannst du mir bitte den Butter reichen?«, da kann Jochen sich das Lachen nicht mehr verkneifen.

»Schatz, warum machst du die Butter männlich?« Jochen findet es wirklich witzig. Sonst legt Magdalena so viel Wert auf weibliche Formen und spricht immer von »Politikerinnen und Politikern« und »Ärztinnen und Ärzten«. Kurz bevor sie ein Paar geworden sind, hatte sie in einem Gespräch erklärt, warum sie das wichtig findet: »Wenn ich nur die männliche Wortform verwende, denke ich auch nur über Männer nach. Auch wenn ich über dich sehr gerne nachdenke«, hatte sie gesagt. Jochen weiß noch genau, wann das war. Er hatte sie an dem Tag von ihrer Arbeit abgeholt, vergangenes Jahr, als sie ihr einjähriges Pflichtpraktikum als angehende Apothekerin bei Bayer in seiner Heimatstadt absolviert hatte. Ein paar Tage vorher hatten sie sich über seinen Freund und ihren Kollegen Alexander beim Feierabendkölsch kennengelernt. Jochen war sogleich angenehm verwirrt gewesen, als sie zugegeben hatte, an ihn zu denken. »Ehrlich, diese attraktive Münchnerin macht sich Gedanken über mich?«, dachte er. Sie wiederum vertiefte das nicht weiter, sondern fügte hinzu: »Wir sollten jedenfalls die weiblichen Formen und damit uns Frauen nicht unter den Tisch fallen lassen.« Umso mehr wundert er sich jetzt darüber, dass seine Liebste, wenn sie an Butter denkt, unnötigerweise die männliche Form ins Spiel bringt. »Sagst du ›der Butter‹, weil du mit mir Butter bei die Fische machen magst?«, scherzt er.

»Was soll das denn jetzt?«, entgegnet sie etwas beleidigt.

»Nicht böse sein«, bittet Jochen. »Denn gerade heute will ich mich besonders gut mit dir vertragen.« Er zieht eine kleine Dose aus seiner Hosentasche, öffnet sie, räuspert sich und fragt: »Willst du meine Frau werden, Magdalena?« Dann deutet er auf die kleine Schatulle. »Der, die, das Ring hier drinnen ist für dich, mein Schatz.«

Obacht, neidabbd!

Von »dem Butter« zu reden, ist kein Magdalen’scher Spezialausdruck. Viele Bayern sagen es. Aber warum tun sie das? Aus bayerischer Sicht war das gerade die falsche Frage an dieser Stelle. Korrekterweise müsste die Frage lauten: Warum heißt es in der Hochsprache »die Butter«? Und noch mehr: Warum heißt es nicht »das Teller« und »der Radio«? Die bairische Version des grammatikalischen Geschlechts dieser Begriffe ist nämlich sprachgeschichtlich betrachtet die logischere oder zumindest die genauso offensichtliche – und somit kein bayerischer Sonderweg. Was die Bayern zu ahnen scheinen, ist Folgendes: Das unscheinbare Wörtchen Butter hat sich aus dem altgriechischen Wort für Kuhquark – boútyron – und schließlich aus dem Lateinischen butyrum entwickelt. Den Endungen zufolge war die-der Butter damals noch ein Neutrum. In den romanischen Sprachen, die aus dem Lateinischen entstanden sind, wurde das sachliche Substantiv männlich. Butter wurde im Französischen und Italienischen zu le beurre und il burro und im verwandten Bairischen eben zu »der Butter«.

Dass sich anderswo »die« Butter herauskristallisiert hat, liegt daran, dass das lateinische butyrum in der Mehrzahlform als butira auf den Tisch gekommen ist und aufgrund der Endung als weiblich missverstanden wurde.

Auch zum bairisch-maskulinen Artikel des Begriffs Radio servieren uns Sprachforscher eine logische Geschichte. Weil es früher der Radio-Apparat hieß, sagen die Bayern häufig »der Radio« und beziehen sich dabei auf den ursprünglich angehängten männlichen Begriff Apparat. Aus dem Radio-Gerät dürfte sich hingegen in der Schriftsprache »das Radio« entwickelt haben.

Ähnlich verhält es sich beim Begriff Teller, der vom altfranzösischen tailleoir abstammt. Hiermit war das Brett gemeint, auf dem Obst, Gemüse und Fleisch klein geschnitten wurden. Damit hierzulande auch dem letzten Küchenjungen klar war, welchem Zweck diese Platte diente, hängte man im Deutschen früher das Wort Brett an. Speisen gab es folglich auf dem tailleoir-brett. Von diesem tailleoir-brett stammt das sachliche Geschlecht ab, das die Bayern behalten haben – auch nachdem das Wort im Deutschen zum Teller verkürzt wurde. Die Bayern teilen also das Teller aus, um sich darauf den Butter aufs Brot zu schmieren.

Was noch auf dem Tisch steht? In Altbayern findet man manchmal neben »dem Butter« auch »das Marmelad« oder als Nachspeis’ »den Schokolad«. »Das