Fettnäpfchenführer Indien - Karin Kaiser - E-Book
Beschreibung

Namaste! Willkommen in den Untiefen der indischen Kultur, zwischen Mantras und Mumbai, Curry und Chaos, Bollywood und Buddha. Lebenskünstlerin Alma, durch und durch Berliner Schnauze, begegnet Indien auf ihrem Trip vom Norden bis tief in den Süden mit Abenteuerlust und Ungeduld. Doch Mother India hält völlig gelassen dagegen. Beharrlich torpediert der indische Alltag Almas deutschen Ordnungssinn mit irrwitziger und zur Weißglut treibender sogenannter Normalität, mit Lärm und Monströsem. Und schon bald wird sonnenklar: Das Einzige, was Alma wirklich von Indien erwarten kann, ist das Unerwartete. Doch wie heißt es so schön im Land der Yogis: no problem! Und auch wenn sich hinter jedem no problem garantiert eine bunte Palette zahlloser Schwierigkeiten materialisiert, seien Sie unbesorgt: Indien kennt keine Probleme, nur Lösungen. Zugegeben, die entfalten sich möglicherweise erst im nächsten Leben, aber auch das ist nur eine Frage der Zeit, und davon gibt es in Indien schließlich mehr als genug. Be happy! Aktualisierte und komplett überarbeitete Neuausgabe mit noch mehr Fettnäpfchen

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Seitenzahl:332

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Aufgewachsen im Schwarzwald, unterrichtete Karin Kaiser nach einem Kunst- und Pädagogikstudium viele Jahre an Berliner Schulen. In ausgedehnten Zwischenzeiten leitete sie ein Berliner Filmkunsttheater, organisierte Filmreihen und Festivals und leitete ein experimentelles Theater in der Off-Szene. Die Mitarbeit an einem Soundprojekt führte sie nach Indien – seitdem lässt sie die Liebe und Faszination für das Land und seine Menschen nicht mehr los. Auf zahlreichen Reisen und bei der Zusammenarbeit mit verschiedenen humanitären Projekten lernte Karin Kaiser Indien von allen Seiten kennen. Aus ihrer jahrelangen Erfahrung heraus beleuchtet sie in ihrem Schreiben sowohl die liebenswerten Eigenheiten als auch die Schattenseiten einer der vielfältigsten Gesellschaften der Welt.

BE HAPPY ODER DAS NO-PROBLEM-PROBLEM

KARIN KAISER

8., komplett überarbeitete und aktualisierte Auflage

© Conbook Medien GmbH, Neuss, 2019, 2012

Alle Rechte vorbehalten

www.conbook-verlag.de

Projektleitung und Lektorat: Julia Kaufhold

Einbandgestaltung: Weiß-Freiburg GmbH – Graphik & Buchgestaltung unter Verwendung eines Motivs von © istockphoto.com/Mlenny

Satz: Röser MEDIA, Karlsruhe

Druck und Verarbeitung: CPI books GmbH, Leck

ISBN Print 978-3-95889-176-0ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-95889-226-2

Die in diesem Buch dargestellten Zusammenhänge, Erlebnisse und Thesen entstammen den Erfahrungen und/oder der Fantasie der Autorin und/oder geben ihre Sicht der Ereignisse wieder. Etwaige Ähnlichkeiten mit lebenden Personen, Unternehmen oder Institutionen sowie deren Handlungen und Ansichten sind rein zufällig. Die genannten Fakten wurden mit größtmöglicher Sorgfalt recherchiert, eine Garantie für Richtigkeit und Vollständigkeit können aber weder der Verlag noch die Autorin übernehmen. Lesermeinungen gerne an feedback@conbook.de

Für Ben

INHALT

VORWORT

INTRO Alma und Friedrich

1 EINREISE? NO PROBLEM! Der indische Papiertiger

2 SCHLEPPER? NO PROBLEM! Kidnapping à la Hindustani

3 ARMUT? NO PROBLEM! Aug’ in Aug’

4 TOILETTE? NO PROBLEM! Shit happens

5 STROMAUSFALL? NO PROBLEM! Warte, bis es dunkel wird!

6 TRINKGELD? NO PROBLEM! Lächeln Rupien?

7 MÄNNER? NO PROBLEM! Rahul, Rohit, Raj & Co.

8 STRASSENVERKEHR? NO PROBLEM! Angriff der Killerwespen

9 RIKSCHAFAHRER? NO PROBLEM! Holy Cow, übernehmen Sie!

10 HEILIGE? NO PROBLEM! Nirvana calling

11 TELEFONIEREN? NO PROBLEM! Bolo, India! Bolo!

12 BETTLER? NO PROBLEM! Maa! Paise, Maa!

13 TICKETKAUF? NO PROBLEM! Rette sich, wer kann!

14 AUTOMIETEN? NO PROBLEM! Unterwegs mit Laurel und Hardy

15 RESPEKT (1)? NO PROBLEM! Reine Nervensache

16 GESTEN? NO PROBLEM! Kleiner Finger oder ganze Hand?

17 ESSEN UND TRINKEN? NO PROBLEM! Peel it, boil it or forget it!

18 BAHNREISE (1)? NO PROBLEM! Ganz unten

19 BAHNREISE (2)? NO PROBLEM! Indien in vollen Zügen

20 ASCHRAM? NO PROBLEM? Untrainiert vom Hier ins Jetzt

21 GETIER? NO PROBLEM! Begegnungen der dritten Art

22 NO-GO-AREAS? NO PROBLEM! Hands up!

23 LÄRM? NO PROBLEM! Genetisch gepolt?

24 FOTOGRAFIEREN? NO PROBLEM! Im Angesicht des Todes

25 FEILSCHEN? NO PROBLEM! Gut eingewickelt

26 RELIGION? NO PROBLEM! Asche aufs Haupt

27 WÄSCHE-WASCHEN? NO PROBLEM! In der Grauzone

28 HAUTFARBE? NO PROBLEM! Fair and handsome

29 DIEBE? NO PROBLEM! Filmi, filmi, Alma!

30 PAARE? NO PROBLEM! Denn das Herz spielt verrückt

31 KASTE? NO PROBLEM! Schattenwesen

32 DRESSCODE? NO PROBLEM! Nackte Tatsachen

33 AYURVEDA? NO PROBLEM! Im Reich der Ölsardine

34 DROGEN? NO PROBLEM! Mitgegangen, mitgehangen

35 RESPEKT (2)? NO PROBLEM! Alter vor Schönheit

36 SPRACHE? NO PROBLEM! Babylonische Zustände

37 ZEIT? NO PROBLEM! Lebe und denke nicht an morgen

38 ESSENSEINLADUNG? NO PROBLEM! Je später der Abend

39 FESTE? NO PROBLEM! Grün und blau gejubelt

40 POLITIK? NO PROBLEM! Krieg und Frieden

41 HYGIENE? NO PROBLEM! Linksradikal

42 NOTFALL? NO PROBLEM! Schlafende Hunde wecken

43 KONTAKTE? NO PROBLEM! Hi, my friend!

44 FAMILIENANGELEGENHEITEN (1)? NO PROBLEM! Nicht ohne meine Sippe

45 FAMILIENANGELEGENHEITEN (2)? NO PROBLEM! Die Braut, die sich was traut

EPILOG Mother India

DANKSAGUNG

GLOSSAR

VORWORT

Indien ist eine Herausforderung. Es überwältigt unsere Sinne, lässt uns hinschmelzen angesichts der Kraft und Schönheit der Natur, dem Zauber der Paläste und Tempel, der Lebendigkeit und Liebenswürdigkeit der Menschen, während es uns gleichzeitig abstößt durch das Elend, das grausame Kastensystem, durch Chaos, Schmutz und Lärm in den Städten. Indien überfällt uns, verunsichert uns, macht uns oft hilflos und manchmal auch wütend.

Irritierend, das ist das Wort, das vielleicht am besten bezeichnet, wie das Rätsel Indien auf uns wirkt. Tatsächlich stimmt, was immer wieder gesagt wird: Auf Indien trifft jede Aussage ebenso zu wie ihr Gegenteil. Die gesellschaftlichen Gegensätze und die inneren Widersprüche sind extrem verwirrend. Indien ist für unseren westlichen Verstand eine Zumutung. Uns fehlen Kategorien, mit denen wir das, was wir erleben und wahrnehmen, einordnen und sicher verwahren können. Wir können uns nicht auf bereits Gewusstes und bereits gemachte Erfahrungen beziehen. Denn, so fragen wir mit dem indischen Autor und Politiker Shashi Tharoor: Wie können wir uns wirklich einem Land der Schneegipfel, Dschungel, Wüsten und Meere nähern, einem Land mit über 20 Amtssprachen, Hunderten von Regionalsprachen und unzähligen Dialekten, einem Land von über einer Milliarde Menschen der verschiedensten Religionen und Kulturen? Wie können wir ein Land verstehen, dessen Bevölkerung einerseits zu mehr als einem Viertel aus Analphabeten besteht und das andererseits in der Vergangenheit unschätzbare wissenschaftliche Leistungen und heute einen sich rasant entwickelnden IT-Sektor hervorgebracht hat? Wie wollen wir die Realität der aus den Nähten platzenden Städte erfassen, während gleichzeitig vier von fünf Indern ihren Lebensunterhalt mühselig der nackten Erde abringen?

Indien ist anders!

»Indien ist ein Land voller Gegensätze, ein gigantischer Subkontinent, der in vielen Jahrhunderten gleichzeitig existiert.« So beschreibt die indische Historikerin und Feministin Urvashi Butalia ihr Land. Unser Maßstab des Western Way of Life ist ungeeignet, um sich diesem Land zu nähern. Indien funktioniert aus anderen Tiefen der Geschichte. Jahrtausendealte Mythen und Bilder sind heute noch immer lebendig und prägen das Bewusstsein des ganzen Volkes, ob im Norden oder Süden, ob arm oder reich, ob hochgebildet oder ohne jede Bildung.

Wenn wir wirklich bereit sind, uns für diese fremde Welt zu öffnen, kann es gelingen, uns mit dem Anderssein, dem Fremden zu verbinden. Es besteht die Chance, im Austausch unserer Verschiedenheit mit den Menschen dort Gemeinsamkeit zu schaffen und so Indien wirklich zu begegnen. Dann wird Indien uns aufnehmen und uns beschenken. Und vielleicht geht es uns dann wie Hermann Hesse: »Wer einmal nicht nur mit den Augen, sondern mit der Seele in Indien gewesen ist, dem bleibt es ein Heimwehland.«

INTRO

ALMA UND FRIEDRICH

»Ich hab sofort zugesagt!« Alma stürmt die Stufen hinauf, wirft sich Friedrich, der in der Tür steht, in die Arme. »Indien! Indien!«, jubelt sie. »Stell dir vor, ich werde den Auftrag erledigen, meinen ganzen Urlaub dranhängen und das Land von Norden bis Süden kennenlernen!«

Friedrich schiebt sie behutsam auf Armeslänge von sich: »Alma, das ist großartig!«, und indem er ein Auge zukneift: »Ich schätze, da wird sich Indien warm anziehen müssen!«

»Mensch, Friedrich, was bist du onkelhaft!« Alma fasst ihn um die Taille. »Ich werde arbeiten, ernsthaft arbeiten und mit Verträgen für die genialste Softwareentwicklung ever zurückkommen.«

Friedrich wackelt indisch mit dem Kopf. »Boss will be happy! Und, Alma, solltest du das vergessen haben – ich bin dein Onkel.« Er legt ihr den Arm um die Schultern: »Weißt du, ich sehe dich immer noch kaum ein Jahr alt, unfähig einen Schritt vor den anderen zu setzen, wie du losgestürmt bist – und nach anderthalb Metern, zack, auf der Nase gelegen hast.«

Alma macht sich los und lacht: »Ganz schön draufgängerisch, oder? – Mmmh.«

Sie beugt sich über den Küchentisch, wo rote Chilischoten, Zucchini, gelbe Paprika und Möhren appetitliche Leuchtsignale senden. Mit einer Mohrrübe stupst sie Friedrich vor die Brust: »Sieh mich an. Ich bin jetzt Mitte dreißig«, sie pflanzt sich die Möhre ins Gesicht, »und die Nase ist immer noch dran.«

Friedrich grinst und zieht einen Korbstuhl zum Tisch.

»Außerdem«, fährt Alma fort, »bin ich viel rumgekommen seither, oder?«

»Unbedingt, Meisterin des Universums.« Friedrich deutet eine Verbeugung an und drückt Alma sanft auf den Stuhl. »Und ich sage dir, Indien ist größer. Die Superklasse der Meisterinnen.« Er reicht ihr ein Küchenmesser und ein Büschel Grünes: »Koriander. Schnippeln!«

Mit zärtlichem Blick schaut er auf Almas Kopf, der über das Schneidebrett gebeugt ist. Er greift nach einer Paprikaschote und holt tief Luft: »Alma, Indien ist ein ganz anderes Kaliber als alles, was du bislang erlebt hast.«

Almas Kopf schnellt hoch: »Richtig.« Mit dem Messergriff klopft sie auf den Tisch. »Exakt mein Kaliber!«

Energisch zupft sie Blättchen von einem Korianderstängel, und mit einem Mal ist die Luft von einem bittersüßen Duft erfüllt.

Sie hält abrupt inne und tätschelt Friedrichs Arm: »Damals in den Sechzigern auf eurem Trip durch Indien wart ihr doch Babys, aufgezogen hinter den sieben Bergen, ohne Internet, ohne Welt. Ich bin anders, wir sind heute anders. Ich geh da hinaus, es ist das einundzwanzigste Jahrhundert, und ich bin vorbereitet.«

Alma packt das Messer und mit gezielten Schnitten zerteilt sie die zarten Blättchen. Friedrich wiegt die Paprika in seiner Hand. Er muss lächeln, als er Alma betrachtet, wie sie so verbissen auf den unschuldigen Koriander einhackt, eine Falte aus Trotz, Widerstand und Rechthaberei über der Nasenwurzel. Er nickt. Diese wilde Kratzbürste, die vor Lebendigkeit nur so funkelt, würde er niemals zähmen, so viel steht fest. Und wenn er ehrlich ist, er will es auch gar nicht.

»Indien bleibt immer Indien«, setzt er dennoch nach. »All die rasante Entwicklung, die ich die letzten Jahre gesehen habe, wenn ich bei Suriya in Südindien zu Besuch war, kann das nicht überspielen. Und«, er streckt die Hand aus, »Friede. Ich verspreche: ab hier, vortragsfreie Zone.«

Alma streicht das geschnittene Koriandergrün mit der Handkante in das bereitgestellte Schüsselchen, dann hebt sie den Kopf und mit einem Lächeln schlägt sie ein. Sie hält Friedrichs Hand fest und zieht ihn auf den Stuhl neben sich: »Eines möchte ich aber doch noch wissen: Wie war das damals für dich, diese Geschichte mit dem heiligen Mann? Diesem orangerot gewandeten, unterwegs ins Nirwana.«

»Ach«, Friedrich zieht die Augenbrauen hoch, »daran erinnerst du dich noch?«

Alma nickt.

Er greift sich in den Nacken, überlegt und stützt dann die Ellbogen auf die Knie: »Mein Gott, war ich erschöpft damals. All das Elend, die Armut, das Chaos – und diese Schönheit. Das Nichtverstehen hat mich ausgebrannt. Und dann war da dieser zerlumpte Mann, mit Schmutzkrusten auf der Haut. Er sei ein Anhänger Shivas, hieß es. Hat mich angesehen, Augen wie Kristalle. Mit seinem harten Englisch, seinem harten Daumen und mit Asche hat er mir die Worte in die Stirn gerieben: You take India nice and slow! Immer und immer wieder. Und die Asche ist in meine Augen gerieselt, und Tränen sind geflossen.« Er richtet sich auf und sieht Alma mit einem langen Blick direkt in die Augen: »Ich habe mich immer daran erinnert. Alles war anders danach.«

Alma neigt sich zu Friedrich, nähert ihre Stirn der seinen und flüstert: »Das nehm ich mit. Danke.« Und während sie aufspringt und nach den Zucchini greift: »Rufst du mich an, damit ich’s nicht vergesse?« Mit Daumen und kleinem Finger simuliert sie ein Handy an ihrem Ohr: »Stell dir vor, die haben jetzt Buschtelefon da unten.« Sie dreht den Wasserhahn voll auf. »Und übrigens, auf der Hochzeit der Tochter deines Freundes Suriya vertrete ich dich gerne, aber die Idee mit dem Cousin der Braut, diesem Karthik, als Reisebegleitung – das kannst du komplett streichen.«

»Alma ...«

»Nein!« Sie stößt prustend Luft aus. »Entschuldige mal, ich brauche wirklich kein Kindermädchen!« Blitzschnell dreht sie sich um: »Kapiert?!«, und schleudert eine Zucchini quer durch die Küche. Friedrich erwischt sie mit einem Hechtsprung, kurz bevor sie am Kühlschrank zerschellt wäre.

»Genau!«, ächzt er. »Forever nice and slow!«

1

EINREISE? NO PROBLEM!

DER INDISCHE PAPIERTIGER

Alma, auf den Knien, kauert neben dem Immigrationsschalter. Um sie herum, wie nach einer Explosion verstreut, der Inhalt ihrer Tasche.

»Dieser blöde Wisch!«, schnaubt sie. »Will ich hier etwa meine Einbürgerung beantragen? Oder was?«

Mist! Offensichtlich hat sie das obligatorische Einreiseformular – tausenderlei Fragen auf einem winzigen Zettel – im Flugzeug vergessen. Nach zehnstündigem Flug um drei Uhr früh auf dem Indira-Gandhi-Flughafen in Neu-Delhi, nach einer gefühlten Ewigkeit in der Ausländerschlange mit einem Vorgeschmack auf das Schneckentempo der indischen Bürokratie vernebelt Müdigkeit Almas Kopf.

Endlich hat sie ein Ersatzpapier für das vergessene Einreiseformular ausgefüllt und sich erneut am Ende der Schlange eingereiht. Wieder fixiert sie der Beamte missmutig. Mit herablassender Miene blättert er vor und zurück im Pass, hält das Visum dicht vor seine Augen, setzt den Stempel aufs Stempelkissen, legt ihn wieder ab und starrt ihr ins Gesicht. Alma blinzelt. Stimmt etwas mit ihrer Augenfarbe nicht? Jetzt blättert er wieder. Almas Fußspitze tappt auf den Boden, ihre Nackenmuskeln spannen sich an. Mit geradezu übermenschlicher Anstrengung hält sie zurück, was ihr ganz vorne auf der Zunge liegt und was sie Autofahrern, die in zugeparkten Straßen millimeterweise vorankriechen, gerne aufmunternd zuruft: »Come on, baby, du schaffst es!«

Neidisch blickt sie auf die Inder, die lässig und zügig den Schalter für residents passieren und, wie Alma findet, mit einem aufreizend triumphierenden Lächeln zu ihr herüberblicken. Doch, jetzt! Tatsächlich ergreift der Beamte den Stempel und nach einer weiteren zögerlichen Schweberunde landet dieser mit einem Knall wie ein Startschuss auf den Seiten des Visums.

Vor lauter Erleichterung strahlt Alma den alten Miesepeter an, der schon mit allerknappster Handbewegung den nächsten Reisenden heranwinkt.

»Bye, bye!«, flötet sie und eilt erlöst Richtung Gepäckausgabe.

Am Kofferband herrscht Hochbetrieb. Rumpelnd und polternd trifft Koffer auf Koffer über die Rutsche ein. Gepäckkarren, kreuz und quer vor dem Band geparkt und teilweise schon turmhoch bepackt, versperren Alma den Weg. Auf Zehenspitzen tänzelnd versucht sie, ihren Koffer auszumachen. Der vertraute dunkelgrüne ist nicht zu entdecken. Ihre Augen brennen vor Schlafmangel und den Nachwirkungen der Desinfektionswolke, die kurz vor Verlassen der Maschine wie eine Unkrautbekämpfungsmaßnahme von den indischen Stewardessen über alle Passagiere gesprüht wurde. Bei dem Gedanken daran wallt in Alma noch einmal Empörung auf: Kommt sie nicht aus einem geradezu keimfreien Land? Und besucht sie nicht einen zugegebenermaßen von vielen Plagen heimgesuchten Subkontinent? Wie kann es sein, dass sie desinfiziert werden muss? Irgendwie setzt das ganze Empfangsprogramm ihren freudigen Erwartungen einen Dämpfer auf.

Jetzt stoppt die Kofferrutsche. Und wo ist nun ihr Koffer? Sie drängelt sich nach vorne – nichts! Sie hat es ja geahnt! Hier steht sie nun in Delhi, und ihr Koffer wurde einfach nach Vancouver durchgecheckt. Oder Sydney. Alles verloren: ihr weißes Kostüm für den Vortrag bei der Konferenz, ihr neuer Bikini, ihre Sonnencreme Lichtschutzfaktor 50 – ach, ach, ach.

»No problem!«, tönt es da von der Seite.

Alma wendet sich nach links. Aber hallo, klar gibt’s hier ein Problem, möchte sie sofort gereizt dagegenhalten, doch augenblicklich steigt warme Freude in ihr auf, als ihr ein breites Lächeln entgegenblitzt, viele weiße Zähne und strahlende dunkle Augen.

»No problem. Coming, coming!«, beruhigt sie kopfwackelnd der Inder neben ihr, der mit weicher Geste in Richtung der stillstehenden Kofferrutsche wedelt.

Problem hin oder her, plötzlich fühlt Alma sich glücklich. Da hat Indien echt hart daran gearbeitet, dem sich womöglich überlegen fühlenden firangi (Weißer/Fremder) die kalte Schulter zu zeigen, mit giftigen Dämpfen, kleinkrämerischer Bürokratie und arroganten Staatsdienern – und was hat’s genützt? Gar nichts! Ein einziges herzliches Lächeln plus liebenswürdigem Wortgeklingel, und Alma fühlt sich willkommen und freundlich aufgenommen.

Und Wunder über Wunder, nach weiteren zehn Minuten setzt sich die Kofferrutsche abermals aufheulend in Bewegung und speit drei Nachzügler aus, darunter Almas grünen Koffer, den sie mit einer überschwänglichen Umarmung vom Band stemmt.

In der Ankunftshalle empfängt Alma dröhnender Lärm. Massen dunkler Menschen drängen gegen Barrieren, schwenken Schilder mit aufgemalten Namen, winken, rufen, schreien. In Almas Kopf dreht sich alles. Klar, Indien hat mehr als eine Milliarde Einwohner, meldet ihr Verstand, aber warum sind die verflixt noch mal alle hier? Ihr inneres System funkt Alarm: Nix wie weg!

Widerstandslos lässt sie sich vom strudelnden Strom der Reisenden fortspülen. Undeutlich taucht in ihr der Gedanke auf: Geld wechseln? Ach, später! Sie hat ja noch die 2.000 Rupien, etwa 24 Euro, die ein Kollege ihr zugesteckt hat, Überbleibsel von seiner letzten Indienreise. Erst mal raus hier!

Schiebende, schubsende Menschen bugsieren sie auf den Vorplatz. Die Nachtluft, die ihr entgegenschlägt, ein feuchtheißes Tuch, nimmt ihr den Atem. Ihre Wolljacke, Rettung während des tiefgekühlten Flugs, umschließt sie wie ein Panzer. Und plötzlich hat sie das Gefühl, in einen Mahlstrom gerissen zu werden. Überfallartig umringen sie gestikulierende Männer, sie drängeln, überschreien sich: »Taxiiiii! Taxiiiii, Madam!«. Einer zerrt an ihrem Koffer, ein anderer versucht sie in die Gegenrichtung zu schieben, ein Dritter reißt an ihrer Jacke: »Come! Come!«

Dunkle Hände fuchteln vor ihrem Gesicht herum. Alma möchte laut schreien, aber unter dem Angriff versagt ihr die Stimme. Wie ein Schwimmer ans rettende Ufer wirft sie sich auf den Rücksitz eines Ambassador-Taxis, dessen kleiner, flinker Fahrer die Autotür aufgerissen hat, und hievt ihren Koffer neben sich. Entkommen!

What’s the problem?

»Alma, Indianice and slow – das war wohl nix«, seufzt Friedrich.

Alma hat sich ihren Start durch ihre Ungeduld und Anspannung ganz schön erschwert. Verständlich, wenn man die Umstände betrachtet. Und schon ganz zu Beginn wird klar, was Indien für uns alle bereithält: eine Lektion in gelassenem Annehmen aller möglichen und unmöglichen Situationen. Wir lernen, dass wir Kräfte sparen, wenn wir langsam und weich reagieren und den indischen Schwingungen Zeit geben zu wirken. Hat sich die angespannte Situation am Kofferband nicht schließlich in Wohlgefallen aufgelöst? Glauben Sie mir, immer wieder wird es Alma so ergehen: Chaotische, nervenzerfetzende, scheinbar ausweglose Situationen lösen sich schließlich wie Zauberknoten, und alles fällt an seinen Platz – na ja, meistens.

Und doch, Alma hat sich an der Stelle, wo sie wirklich empfindlich ist, da, wo bei ihr alle Widerstände gegen autoritäre Behandlung losgetreten werden, bewundernswert beherrscht. Sie hat das Fettnäpfchen »Genervter Ausländer sagt mal ganz klar, was er von dem Betrieb hier hält« tapfer, wenn auch knapp, umschifft. Gut so!

Das Fettnäpfchen aber, in das Alma mitten hineingesprungen ist, ja, das ist schon ein richtig großes, weil regelrecht illegal: ihre unbedachte Mitnahme von Rupien. Es ist definitiv verboten, Rupien einzuführen. Selbst eine so kleine Summe wie 2.000 Rupien kann Ihnen vielfältigen Ärger bescheren, sollte diese bei einer stichpunktartigen Zoll-Überprüfung entdeckt werden.

No problem – relax!

Der Flughafen von Neu-Delhi, Indira Gandhi International Airport, ist Indiens größter Flughafen. Hier kommen die meisten Indien-Reisenden an. Flüge von Europa nach Indien landen regulär zwischen null und vier Uhr morgens. Weitere wichtige internationale Flughäfen sind: Mumbai (Bombay) – Sahar International Airport, Chennai (Madras) – Chennai Madras Meenabakkam International Airport und Kolkata (Kalkutta) – Netaji Subhas Chandra Bose Airport.

Wechseln Sie gleich nach der Ankunft am Flughafen eine größere Summe Bargeld. Die Wechselschalter befinden sich innerhalb der Ankunftshalle, außerhalb dieses Bereichs gibt es keine Möglichkeit mehr, Geld zu tauschen. Lassen Sie sich eine Quittung ausstellen, um sich nicht dem Verdacht der unerlaubten Einfuhr von Rupien auszusetzen. Übrigens, anders als in vielen anderen Ländern erhält man in Indien am Flughafen oft den besten Kurs.

Bevor Sie den Einreiseschalter verlassen, überprüfen Sie, ob Ihr Pass ordnungsgemäß abgestempelt wurde, um Komplikationen beim Rückflug zu vermeiden. Überprüfen Sie außerdem Ihr Gepäck vor Verlassen des Flughafens auf eventuelle Beschädigungen. Sollte das der Fall sein, reklamieren Sie diesen Umstand sofort bei der zuständigen Fluggesellschaft.

Für den Zoll können Sie die internationalen Flughäfen durch zwei Ausgänge verlassen: durch einen roten und einen grünen. Rot, wenn Sie zu verzollende Ware anzugeben haben, grün, wenn Sie nichts zu verzollen haben. Sollten Sie beim Verlassen über den grünen Weg dazu aufgefordert werden, etwas, das Sie zum persönlichen Gebrauch mitgebracht haben, zu verzollen, veranlassen Sie, dass ein Eintrag in Ihren Pass gemacht wird, der Sie dazu verpflichtet, den Gegenstand beim Rückflug wieder auszuführen, um keinen Einfuhrzoll bezahlen zu müssen.

Und was das Einreiseformular betrifft, das die Stewardessen kurz vor der Landung verteilen: Besser, Sie halten es sorgfältig ausgefüllt bereit. Vielleicht fehlt Ihnen sonst nach all dem Warteschlangen-stress einfach die Kraft, lächelnd in die neue Daseinsform einzutauchen, die Indien für uns Weißnasen darstellt – und das wäre doch schade.

2

SCHLEPPER? NO PROBLEM!

KIDNAPPING À LA HINDUSTANI

Endlich raus aus diesem Flughafen-Wahnsinn! Alma atmet tief durch. Das Taxi startet, rollt wie ein kleiner Panzer los, teilt die Menschenmenge, die draußen knäult. Alma schüttelt ihren Rucksack von den Schultern und knöpft die Jacke auf.

»Pahar Ganj!«, versucht sie die wummernde Musik aus den Lautsprechern zu übertönen. Von dort will sie weiterreisen.

Pahar Ganj, auch Main Bazar genannt, befindet sich an der Nahtstelle von Alt- und Neu-Delhi am Hauptbahnhof Neu-Delhi. Der Bereich, außerhalb der (ehemals) ummauerten Altstadt mit der großen Freitagsmoschee und dem Roten Fort gelegen, erfuhr nach der Teilung Indiens durch den Zustrom der Hindu-Flüchtlinge aus Pakistan einen enormen Aufschwung. Dort, in zentraler Lage, gibt es heute ein großes Angebot an günstigen Hotels, Restaurants und dhabas (Einfachst-Restaurants bzw. Garküchen an der Straße), außerdem eine Vielzahl von Läden für Einheimische und Touristen.

Die Musik rast, die Trommeln dröhnen, die Sänger jodeln. Ein Schrein mit einer tanzenden Gottheit auf der Ablage über dem Armaturenbrett und die Lichterkette rund um die Windschutzscheibe senden soundsynchrone Blinkzeichen, erleuchten das Wageninnere wie ein Lichtgewitter. Vom Fahrer keine Reaktion.

Alma beugt sich nach vorne und brüllt: »Pahar Ganj!«

Wieder nichts.

Ist er taub? Alma rüttelt an seiner Schulter.

Ruckartig dreht er sich zu ihr um, die Augen schreckgeweitet: »Ohhh Madam ... ohhh ... biiiiiig accident! Terrrrrrible! Bombing! Pahar Ganj not possible ... no! Burned down ... police closed all ... not possible!«

»Was?« Alma, völlig perplex, sinkt auf den Sitz zurück.

»No problem, Madam, no prrrroblem!« Der Fahrer dreht sich wieder zu ihr – »I bring you to very best hotel, no prrrroblem!« – und wirft mit einem unverständlichen Wortschwall beide Hände in die Luft. Die Kiste schlingert führerlos über die Mittellinie und rast in die aufgeblendeten Scheinwerfer eines Truckdämons. Panisch schlägt Alma die Hände vors Gesicht und hört den Laster vorbeidonnern. Das war knapp! »No prrrroblem! You see, very suuuuuper hotel!«, sieht sie den Fahrer durch ihre Finger in den Rückspiegel grinsen.

Alma streicht sich die verschwitzten Haare aus der Stirn. Ihr ist übel.

Draußen zieht in der Dunkelheit Brachland vorüber, gesäumt von riesigen Reklametafeln, auf denen Menschen – alle geisterhaft weißhäutig – strahlend auf sie herablächeln. Um die Bogenlampen wallen grünliche Nebelschwaden. Die Luft, die durch die halb heruntergekurbelten Autofenster dringt, schmeckt gelbgiftig. Sie drückt ihren Schal fest auf Mund und Nase, wagt kaum zu atmen.

LUFTVERSCHMUTZUNG

Bereits 1985 richtete die indische Regierung ein Umweltministerium ein. Genutzt hat es wenig – die Luftverschmutzung in den indischen Metropolen sucht ihresgleichen, und Neu-Delhi gehört noch immer zu den Städten mit der stärksten Luftverschmutzung weltweit. Obwohl im September 2002 die U-Bahn in Betrieb genommen wurde und sogar die Motorrikschas mit Erdgas durch die Straßen knattern, verdunkeln fast täglich, besonders im Winter, wenn wegen der warm-kalten Luftschichten der Smog nicht abziehen kann, Abgaswolken das Tageslicht. Schon jetzt verstopfen über vier Millionen Autos die Straßen von Neu-Delhi und täglich kommen fast 1.000 neue dazu. Der Staub der nie endenden Bautätigkeit und die unzähligen Dieselgeneratoren, die bei den täglichen Stromausfällen eingesetzt werden, tun ihr Übriges. Viele Motorradfahrer und Fußgänger tragen an den schlimmsten Tagen Gazemasken, um sich vor dem giftigen Luftgemisch zu schützen. Sollten Sie besonders empfindliche Atemwege haben, empfiehlt es sich, dass auch Sie sich mit einer solchen Maske ausrüsten.

Nervös rutscht Alma auf dem Rücksitz des Ambassadors herum: »Was ist denn um Himmels willen im Pahar Ganj passiert? Ein Terrorangriff? Gibt es Verletzte? Tote?«

Ihre aufgeregten Fragen prallen am Rücken des Fahrers ab. Das Lenkrad nun fest im Klammergriff brettert er, angetrieben von den fiebrig heißen Rhythmen aus den Boxen, durch menschenleere Straßen. Haltsuchend packt Alma ihren Koffer fester am Griff und tastet nach ihrer Handtasche mit den Papieren – wenigstens hat sie ihre Habe noch beisammen. Angst schnürt ihr die Kehle zu. Was kann sie bloß tun?

Nichts. Sie ist dem Fahrer vollkommen ausgeliefert. Alma strafft ihre Schultern: Na, das schaff ich schon. Ich bin ja, Gott sei Dank, Berlinerin. Doch die von Marlene Dietrich entlehnte Beschwörungsformel scheint heute nicht zu greifen. Ihr Magen krampft sich zusammen.

What’s the problem?

»Herrje!« Friedrich schlägt die Hände über dem Kopf zusammen. »Alma! Das ist ja nun gleich zu Beginn die volle Packung!«

Touristenverschaukeln, tja, das ist ein Job in Indiens Megametropolen – nothing personal, überhaupt nicht persönlich gemeint. Pahar Ganj ist zu diesem Zeitpunkt völlig intakt, und der Fahrer darf sich auf eine Provision freuen, wenn er die in der menschenleeren Stadt hilflose Alma in einem Hotel ablädt, mit dem er einen Deal vereinbart hat. Nichts für ungut! Das Leben ist hart, und besser man ist flink und schlau und nimmt sich, was erreichbar ist. Und natürlich ist eine solche Situation, praktisch eine Entführung, für die Betroffenen zutiefst beängstigend und stressvoll.

Zum Trost: In der überwältigenden Mehrzahl der Fälle ist dabei niemals Gewalt im Spiel. Betrügereien und Schlitzohrigkeit: ja. Offene Bedrohung und Aggression: nein. Und noch ein Trost: Fast jeder tappt mal in so eine Falle. Die kleinen Gauner sind begnadete Schauspieler und überrumpeln geschickt verunsicherte Reisende. Und das sind wir alle, zumindest zu Beginn auf diesem fremden Planeten namens Indien.

Direkt nach der Ankunft besteht an den Touristen-Hotspots immer das Risiko, von Schleppern oder Rikschafahrern übers Ohr gehauen zu werden. Und die Provision, die diese Schlepper von den Hotelbesitzern dafür bekommen, Ihnen ein Zimmer aufgedrängt zu haben, wird direkt auf den Zimmerpreis aufgeschlagen.

No problem – relax!

Um eine solche Situation, wie Alma sie gerade erlebt hat, zu vermeiden, gibt es die Möglichkeit, ein sogenanntes Prepaid-Taxi zu benutzen. Überall im Land befindet sich in jeder Flughafenankunftshalle ein offizieller Taxischalter, den Sie leicht beim Flughafenpersonal erfragen können, der auch gut sichtbar gelb ausgeschildert ist. Dort haben Sie die Möglichkeit, ein Taxi zu buchen. Sie geben Ihren Zielort an, zahlen den behördlich festgesetzten Preis, Ihr Name, Ihr Ziel und der Fahrer sind registriert. Selbst wenn der Fahrer versuchen sollte, am Ende der Route mit irgendwelchen haarsträubenden Geschichten noch mehr Rupien herauszuschlagen – alles ist beglichen. Sie befinden sich auf der sicheren Seite, buchstäblich.

Leider haben sich in der letzten Zeit in Prepaid-Taxen immer wieder Überfälle auf allein reisende Frauen ereignet. Deshalb empfiehlt sich hier Vorsicht. Als Alleinreisende sollten Sie sich zu ihrem Schutz am Flughafen unbedingt anderen Reisenden anschließen, um ins Zentrum zu gelangen. Am Flughafen von Neu-Delhi haben Sie allerdings mit der Metro eine komfortable Alternative. Hier bringt Sie die Airport-Express-Linie in zwanzig Minuten absolut sicher in die Innenstadt. Einziger Nachteil: Der Fahrbetrieb beginnt erst um 4.45 Uhr morgens, das heißt, Sie müssen je nach Ankuft Ihres Fliegers einige Zeit im Flughafen verbringen.

Ein Hotel müssen Sie nicht unbedingt vorab buchen: In Ihrem Reiseführer sind Hotels nach Standard aufgelistet und bewertet, sodass Sie sich gut informiert selbst auf die Suche machen können. Normalerweise. Denn drei oder vier Uhr morgens ist eben keineswegs »normalerweise«, sondern noch mitten in der Nacht, und eine Suche um diese Zeit vergeblich. Am einfachsten ist es natürlich, schon von Deutschland aus ein Zimmer in einem guten Hotel zu reservieren, am besten über ein Reisebüro, wo man sich beraten lassen kann. Außerdem gibt es im Internet viele Adressen samt ausführlichen Beschreibungen, Bewertungen und Fotos. Diese Hotels bieten auch einen Abholdienst an. Für den Betrag, den Alma für die betrügerische Taxifahrt loswerden wird, hätten diese ihr glatt zwei Autos geschickt, Wartezeit von jeweils vier Stunden inbegriffen. Eine sichere, relativ bequeme Methode.

3

ARMUT? NO PROBLEM!

AUG’ IN AUG’

»Verdammt, verdammt!«, murmelt Alma vor sich hin. Kalte Angst presst ihren Brustkorb zusammen. Völlig kraftlos hängt sie, mehr als dass sie sitzt, auf der Rückbank des Ambassadors. Der Wagen röhrt durch die Nacht, durch eine unwirtliche, verlassene Welt. Weit und breit keine Menschenseele zu sehen, nur ab und zu taucht ein Fahrzeug auf der Gegenfahrbahn auf. Millionen Menschen scheinen wie vom Erdboden verschluckt. Sie ist in einem Paralleluniversum gestrandet! Was soll bloß aus ihr werden?

Plötzlich schreckt sie auf. Der Fahrer stoppt an einer Kreuzung. Mit offenem Mund starrt Alma hinauf zur Ampel. RELAX! Weiße Buchstaben auf leuchtendem Rot springen ihr in die Augen. RELAX! Gebieterisch, von oben herab gesprochen. Sie ist fassungslos. Ha, braust sie auf, will sie da jemand verhohnepipeln? Einfach mal so entspannen in diesem Horrorfilm, klar, no problem! Schaudernd zieht sie ihre Jacke trotz der Hitze enger um die Schultern und stiert aus dem Fenster, wirft der Ampel einen feindseligen Blick zu. Das Grün hält wenigstens die Klappe, sendet keine Befehle in weißen Lettern. Die Fahrt geht weiter, und sie hat keine Ahnung, wohin.

Wie eine Erscheinung taucht in der Ferne eine dunkle Silhouette aus dem Nebel auf. Ein ungeheuerer Hügel, nein, ein Berg wächst urplötzlich aus der flachen Landschaft. Almas Augen verengen sich zu Schlitzen: Was ist das? Und was bewegt sich da? Sie beugt sich nach vorne und erkennt schattenhafte Wesen an den Abhängen. Riesige Krähen? Als der Wagen abermals hält, sieht sie in der nebligen Reflexion der Straßenlampen, dass Abhänge in ausgefaserten Rändern auslaufen, geschichtete Klippen aufragen, Hänge scharfkantig abbrechen, in Verwerfungen enden. Das ist Müll, dämmert es Alma. Ein Gebirge aus Müll!

Und dort, Alma beißt sich auf die Unterlippe, dass es weh tut, das, was sie für Krähen gehalten hat, das sind Menschen. Gebückt krauchen zehn, zwanzig abgezehrte Gestalten in Fetzen, Säcke hinter sich herschleifend, über Hänge und Schwellen. Sie sieht gesenkte Köpfe, gebeugte Rücken. Hände wühlen in der schwarzen Aschemasse, befingern Fundstücke, stopfen sie hastig in Säcke. Alma schnappt nach Luft. Drüben erblickt sie eine Gruppe, vielleicht eine Familie, fünf Menschen, die auf Händen und Füßen hügelaufwärts kriechen. Die Kinder rutschen plötzlich ab, wirbeln im Fallen Staub auf, und die ganze Szene versinkt unter einem dunklen Schleier.

Almas Gedanken rasen. »Das ist ein Film, das geschieht nicht wirklich«, plappert ihr Hirn. »Relax! Relax!«, stößt sie höhnisch aus.

Wenn sie doch nur ein Wort mit jemandem wechseln könnte! Wenn da bloß eine Stimme wäre, die ihr versicherte, dass alles gut würde – für alle. Der Fahrer vor ihr trommelt im Rhythmus eines aufbrausenden Songs kleine Wirbel auf das Lenkrad. Ja, der ist völlig relaxt, stellt Alma erbittert fest. Ihr kribbelt es in den Fingern, ihn wieder an den Schultern zu packen, um irgendeine Reaktion aus ihm herauszuschütteln. Fest schlingt sie die Arme um ihren Körper – bloß keine unkontrollierbaren Wutreaktionen! Sie lässt den Kopf hängen und starrt auf ihre Knie.

Die Dämpfe des schwelenden Müllbergs dringen stechend ins Wageninnere. Alma fühlt erneut Übelkeit, die in einer Welle über sie hereinzubrechen droht. Sie schluckt verzweifelt, atmet flach und versucht das Fenster zu schließen. Vergeblich. Nach ein paar Umdrehungen klemmt die Kurbel und eine Öffnung bleibt. Mit zitternden Fingern kramt sie im Rucksack nach einem Taschentuch.

Ein Schreckensblitz durchzuckt sie, als sie sich wieder aufrichtet. Sie fährt mit einem Aufschrei zurück: Ein schwarzes Gesicht starrt aus dem Dunkel zu ihr herein. Unter einem Wust filziger Haare glühen riesige Augen. Eine blutrote Narbe zieht sich vom Nasenflügel zur Stirn. Aug’ in Aug’ findet Alma sich mit einem Gnom! Der schartige Mund öffnet und schließt sich, stößt unverständliche Laute aus. Alma hört das Getrommel kleiner Fäuste auf dem Glas der Scheibe. Jetzt drängt sich eine schmutzverkrustete Kinderhand durch den Fensterschlitz, grapscht nach ihr und streift ihre Wange. Alma wirft sich entsetzt zur Seite und hält eine Hand schützend vor ihr Gesicht. In diesem Augenblick schaltet die Ampel auf Grün, und der Fahrer, der im Diskorausch nichts mitbekommen hat, haut den Gang rein, sodass der Wagen mit einem Satz nach vorne schießt. Das Kind, das buchstäblich am Auto klebt, wird roh zur Seite geschleudert. Schockiert fährt Alma herum und sieht durchs Rückfenster gerade noch ein kleines Wesen barfuß über die Straße taumeln, bevor es der Nebel verschluckt.

Ihr drehen sich Herz und Magen um. Erschüttert schließt sie die Augen. Sie hat genug, sie will nichts mehr sehen! Auf welchem Planeten ist sie hier um Himmels willen gelandet?

What’s the problem?

Friedrich möchte Alma am liebsten in die Arme nehmen. »Ich verstehe deinen Schrecken, dein Zurückweichen«, will er sie trösten. »Ich habe das auch erlebt.«

Das Elend am Straßenrand, von dem Alma sich abwendet, ist eine alltägliche indische Realität. Immer und überall wird Ihnen auf Ihrer Reise schreiendes Elend begegnen, denn in Indien ist Armut noch immer ein Problem der Massen. Bilder von verrottenden Slums, von Bettlern auf Straßen und Plätzen und von Elendsgestalten, die auf dem nackten Boden schlafen – diese Bilder sind real. Leben im Elend ist für Millionen Menschen in Indien Wirklichkeit. Um diese Art von Leben, das sich da vor unseren Augen entfaltet, zu verstehen, fehlen unserem Verstand meist alle Referenzpunkte.

Wie schnell und weit das Wachstum in bestimmten Sektoren auch vorangeschritten sein mag, extreme Armut bleibt ein riesiges Problem für den Subkontinent. Auf der Weltbühne deutlich sichtbar strebt Indien politisch und wirtschaftlich nach globaler Macht, während im Land selbst die Kluft zwischen Arm und Reich weiter auseinanderklafft als je zuvor.

IM ARMENHAUS

In nüchternen Zahlen: Mehr als 40 Jahre nachdem Indira Gandhi »Garibi hatao – Kampf der Armut« zu ihrem politischen Programm erklärt hat, leben noch immer 44 Prozent der Einwohner Indiens unter der Armutsgrenze, mit weniger als einem US-Dollar pro Tag.

Wenn es auch gelungen ist, Hungersnöte zu bannen, so sind Unterund Fehlernährung besonders auf dem Land alarmierend. Vor allen Dingen Kinder sind in dramatischem Ausmaß vom Mangel betroffen. Nach einer Studie des Internationalen Ernährungsforschungsinstituts IFPRI sind 43 Prozent aller Kinder bis zum Alter von fünf Jahren unterernährt. Die Landbevölkerung – massenhaft durch staatliche Liberalisierungsmaßnahmen im Sinne des globalen Marktes (z. B. durch genmanipuliertes Saatgut oder Baumwollimporte) in den Ruin getrieben – drängt in die Städte, um zu überleben. In direkter Nachbarschaft der Prachtbauten von Reichen und Superreichen errichten sie ihre Hütten im Staub und Dreck. Ein Drittel der Einwohner der Millionenstädte lebt in Slums. Im größten Slum Asiens, Dharavi in Mumbai, ballen sich eine Million Menschen auf einer Fläche von einer Quadratmeile zusammen.

Unterwegs in Indien – im Süden seltener als im Norden – werden Bilder größter Not auf Alma einstürmen. Es wird schwer für sie sein, das Gesehene und Erlebte zu verarbeiten. Vielleicht wird sie sich unter Druck setzen, etwas unternehmen zu müssen, um ein diffuses Schuldbewusstsein als überaus privilegierte Westlerin zu besänftigen. Oder aber sie wird sich abwenden, verschließen, vielleicht sogar wütend werden.

No problem – relax!

Ja, entspannen Sie sich, hier geht es tatsächlich nicht ums Richtigoder Bessermachen, sondern ums Bewusstmachen. Für Alma und uns alle ist es dabei wichtig, sich klar vor Augen zu halten, dass wir bloß Besucher in Indien sind – für sehr kurze Zeit. Es liegt nicht in unserer Macht und es ist nicht unsere Aufgabe, die vielschichtige indische Realität zu ändern. Eines aber können wir tun: Wir können genau hinschauen, diese bestürzende Realität ungefiltert aufnehmen und die Gefühle, die entstehen, zulassen. Mit unserem offenen Blick zollen wir dem Schicksal der Menschen Respekt, erkennen die Schwere ihrer Bürde an und verhindern so, dass diese Menschen im Elend von uns zu einem Nichts degradiert werden. (Mehr zum Umgang mit Bettlern in Episode 12)

4

TOILETTE? NO PROBLEM!

SHIT HAPPENS

Hinter Almas geschlossenen Augen wollen die Bilder des menschlichen Elends, das sie gerade so hautnah erlebt hat, nicht verschwinden. Als sie aufblickt, biegt der Wagen in einen schmalen, trübe beleuchteten Weg ein. Der Straßenbelag, aufgerissen, wie zerbombt, lässt den Ambassador holpern und schlingern, sodass Alma durchgeschüttelt wird wie ein Sack Erbsen. Links und rechts der Straße reihen sich niedrige Gebäude in unklarem Zustand – Abriss oder Aufbau? Ein dunkler zweistöckiger Betonkasten, dessen verwaschenes Schild »Hotel Kashmir Palace« verkündet, taucht vor ihren Augen auf. Schwungvoll hält der Ambassador vor den Eingangsstufen, scheucht eine Bande gelber Straßenköter aus den Papier- und Plastikfetzen im Straßenstaub auf, die kläffend auf das Auto zustürzt. Alma zieht scharf den Atem ein und reißt die schon halb geöffnete Autotür wieder zu sich heran. Der Fahrer droht der Meute mit der Faust und zischt einen harschen Befehl. Winselnd stieben die Hunde davon.

»Palast! Na super«, seufzt Alma mit einem Blick auf die von Feuchtigkeit schwarzfleckigen Wände des Hotels. »Davon habe ich doch immer schon geträumt – just Bollywood!«

Im funzeligen Licht des Vorraums schläft ein Mann auf einer Bastmatte. Als der Fahrer Almas Koffer neben ihn knallt, fährt er auf. Der heftige Wortwechsel zwischen den beiden klingt in Almas Ohren wie ein beginnender Streit. Mürrisch greift der Mann hinter den Tresen, holt eine Kladde hervor, deutet auf die Spalten »name«, »passport number« und hält ihr einen Stift hin. »800 Rupies – now«, verlangt er gähnend, und der Fahrer fällt hastig ein: »Madam, taxi is 1.200 Rupies only.«

Alma zuckt zusammen. Viel Geld, oder? Sie kann es nicht festmachen, ihr Rechenzentrum ist unter dem Stress zusammengebrochen. Über ihre Angst legt sich Wut. Wird sie hier ausgenommen wie eine Weihnachtsgans?

»But ...«, stammelt sie, schaut vom einen zum anderen, von der ausgestreckten Hand des Fahrers in die düstere Miene des Verschlafenen. Blitzschnell wird ihr klar: Je eher sie die Tür ihres Zimmers hinter sich verriegeln kann, desto besser. Während sie hastig die Scheine auf den Tresen legt, schickt sie im Stillen ein Dankeschön an ihren Kollegen, der ihr die Rupien zugesteckt hat – für alle Fälle. Und »alle Fälle« haben sich auf alle Fälle gerade materialisiert.

Endlich in ihrem Zimmer, den Riegel sorgfältig zugeklinkt, sinkt Alma wie vor den Kopf geschlagen aufs Bett, ein Brett auf Stützen, darauf eine klumpige, gräuliche Matratze. Das blau milchige, zittrige Licht der Neonröhre an der Decke beleuchtet abgeblätterte Wände und einen löchrigen Zementfußboden. Da, wo vorher ein Ventilator gehangen haben muss, ragen zerfranste Kabel aus einer Höhlung. Keine Hoffnung auf ein wenig Kühlung in der Hitze der Nacht. Alma versucht, einen klaren Gedanken zu fassen, doch all die Eindrücke, die sie seit ihrer Ankunft überrollt haben, wirbeln wild in ihrem Kopf herum. Die überstandene Angst macht ihre Glieder schwer, sie wünscht sich, endlich schlafen zu können. Ach ja, und waschen würde sie sich auch gerne. Ihre Kleidung klebt wie eine zweite Haut am Körper, ihre Hände fühlen sich dreckig an. Hinter einer halben Zwischenwand entdeckt sie ein rostiges Waschbecken. Als Alma den Hahn aufdreht – wie? Nach rechts? – stößt dieser bloß ein heiseres Röcheln aus und spuckt ein paar braune Tropfen ins Waschbecken. Ende. Enttäuscht schaut sie sich um, tritt näher an das Loch im Boden in der Ecke heran – und würgt: die Toilette. Und was hat es mit dem Plastikeimer und dem kleinen Kännchen daneben auf sich? So gerne sie sich frisch machen würde, sie traut dem Wasser im Eimer nicht.

Nachdem Alma trotz ihres Ekels widerstrebend die Toilette benutzt hat, ist ihr völlig klar, dass Yoga aus Indien stammen muss. Um die nötige hockend-schwebende Haltung einnehmen zu können, sollte man gut trainiert sein und kein Knieproblem haben! Klopapier? Natürlich Fehlanzeige, damit hat sie schon gerechnet. No problem – sie hat ja glücklicherweise Papiertaschentücher dabei. Jetzt findet sie es doch sehr praktisch, dass der Wassereimer daneben steht. Mit Schwung kippt sie eine Ladung Wasser das Loch hinunter. Und gleich noch den Rest hinterher. Geschafft! Gerade als sie sich wieder zum Zimmer wenden will, passiert es. Ein tiefes gurgelndes Geräusch lässt sie herumfahren. Hilfe! Aus dem Loch im Boden quillt eine dunkle Brühe, die sich sekundenschnell ausbreitet. Alma macht einen Satz hinter die Zwischenwand.

»Shit! Shit! Shit!«