Fettnäpfchenführer Korea - Jan-Rolf Janowski - E-Book

Fettnäpfchenführer Korea E-Book

Jan-Rolf Janowski

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Beschreibung

In Korea kann es Ihnen durchaus passieren, dass Sie mit Salz beworfen werfen, dass Ihr Chef Sie füttert oder dass Ihnen fremde Menschen in der U-Bahn den Koffer aus der Hand reißen – als nette Geste, versteht sich. Geschminkten Männern werden Sie sicher ebenfalls häufiger begegnen, Hunden auf dem Teller dagegen selten. Ach ja, Deo sollten Sie besser mitbringen, wenn Sie kein Vermögen ausgeben wollen – außer Ihnen braucht das hier nämlich niemand. Korea ist für uns ein kaum bekanntes Land – und bietet jede Menge Möglichkeiten, ins Fettnäpfchen zu treten. Auch Studentin Julia und Praktikant Nico hangeln sich ganz schön bballi bballi, wie die Einheimischen sagen würden, durch den koreanischen Alltag, kommen dabei vom Tempel ins Rotlichtviertel und von der Hochzeit zur Trauerfeier. Dabei bleibt es nicht aus, dass sie sich ein ums andere Mal mächtig danebenbenehmen. Doch zum Glück sind die Koreaner meist schnell wieder versöhnlich gestimmt. Schließlich wissen sie: Selbst ein Affe fällt mal vom Baum. Aktualisierte und komplett überarbeitete Neuausgabe mit noch mehr Fettnäpfchen

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Seitenzahl: 380

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Jan Janowski, geboren 1985 in Berlin, ist laut Aussage seiner Freunde im vorigen Leben Koreaner gewesen, er selbst erinnert sich jedoch nur schemenhaft. Seit 2002 bereist er Südkorea, wo er von 2007 bis 2012 auch lebte und freiberuflich als Radiomoderator, Journalist und Autor tätig war. Von 2012 bis 2015 lernte er beruflich auch die andere Hälfte Koreas kennen. Seit Ende 2015 versucht er sich mit wechselndem Erfolg in Berlin zu (re)integrieren, stöbert aber regelmäßig in Korea neue Fettnäpfchen auf.

AUCH EIN AFFE FÄLLT MAL VOM BAUM

JAN-ROLF JANOWSKI

Zum Gebrauch der Bezeichnung »Korea«: Gegenstand dieses Buches und Schauplatz der Handlung ist die Republik Korea, auch Südkorea genannt. Immer wenn von Korea die Rede ist, meinen wir den südlichen Teil der koreanischen Halbinsel.

Zur Umschrift: Im Buch wird die Revidierte Romanisierung (RR) des Koreanischen von 2000 verwendet. Dies ist die von der südkoreanischen Regierung für den Gebrauch im In- und Ausland empfohlene offizielle Umschrift des Koreanischen.

6., komplett überarbeitete und aktualisierte Auflage

© Conbook Medien GmbH, Neuss, 2019, 2013

Alle Rechte vorbehalten

www.conbook-verlag.de

Projektleitung und Lektorat: Christiane Barth

Einbandgestaltung: Weiß-Freiburg GmbH – Graphik & Buchgestaltung unter Verwendung eines Motivs von © istockphoto.com/ake1150sb

Satz: Röser MEDIA, Karlsruhe

Druck und Verarbeitung: CPI books GmbH, Leck

ISBN 978-3-95889-184-5ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-95889-238-5

Die in diesem Buch dargestellten Zusammenhänge, Erlebnisse und Thesen entstammen den Erfahrungen und/oder der Fantasie des Autors und/oder geben seine Sicht der Ereignisse wieder. Etwaige Ähnlichkeiten mit lebenden Personen, Unternehmen oder Institutionen sowie deren Handlungen und Ansichten sind rein zufällig. Die genannten Fakten wurden mit größtmöglicher Sorgfalt recherchiert, eine Garantie für Richtigkeit und Vollständigkeit können aber weder der Verlag noch der Autor übernehmen. Lesermeinungen gerne an [email protected]

INHALT

VORWORT DES AUTORS

Korea? Warum, wo und welches überhaupt?

1 DER FLUG

Völkerwanderung ins Flugzeugheck

2 DIE ANKUNFT

Begrüßung durch Opa Taschendieb

3 IM MOTEL

Großstadt-Tarzan verdurstet im Regenwald

4 IM MOTEL II

Nico checkt das Auschecken nicht

5 SPRACHBARRIEREN

Fräulein Sommersushi und Herr Nase

6 ZU GAST

Harte Landung im Barock von Anusville

7 IM BADEZIMMER

Die Feuertaufe mit Bidet

8 ZWEI WELTEN

Kalte Schönheit trifft heißblütige Großmama

9 DAS EINLEBEN

Alien in der Sardinenbüchse

10 DER ERSTE EINDRUCK

Ohne Karte hat man schlechte Karten

11 DAS GESCHÄFTSESSEN

Krebszuzeln mit dem Chef

12 DIE GRUNDAUSSTATTUNG

Wer keinen Kuchen hat, kann Brot essen

13 DIE WILLKOMMENSFEIER

Wie das Hühnchen zu Nico flattert

14 AUF DEM MARKT

Wer nicht arbeitet, isst auch nicht!

15 IM KAUFHAUS

Die Leiden der jungen Julia bei Lotte

16 DER UNI-ALLTAG

Stumme Zeugin, Eindringling, Außenseiterin und Rebellin

17 SMALL TALK

Mit Barbie in die Höhle der Tigerinnen

18 DER AUSFLUG

Ankommen ist das Ziel des Wegfahrens

19 DAS GESCHÄFTSESSEN

Nach Feierabend die Hände in den Schoß legen

20 DIE KOMMUNIKATION

Schwarzer Tag am Black Day

21 DIE DISKUSSIONSKULTUR

Gute Miene machen zum abgekarteten Spiel

22 DER VERHALTENSKODEX

Mike Pence trifft Kim Young-rans Keksdose

23 DIE ELITE

Lady Gaga von Gangnam will gestreichelt werden

24 DIE ZUSAMMENARBEIT

Deutsche Effizienz trifft auf koreanischen Fleiß

25 DIE KONKURRENZ

Mit spec fängt man Kraken

26 DER KÖRPER

Vorurteilsfreiheit und Unterteil-freiheit

27 DIE TRANSPIRATION

Julia friert in der Höllenbahn

28 DIE GESCHLECHTER

Abgedeckte Männer und zerschnippelte Sojabohnenpastenmädels

29 KULINARISCHES

Nico kommt nicht zu des Pudels Kern

30 IN DER SAUNA

Nico wird beim Baden komplimentiert

31 GELEBTE DEMOKRATIE

Zwischen Kerzenschein und Kampfgeschrei

32 IM TEMPEL

Julia fegt die Sorgen weg und trifft Vielleichtverwandte

33 TRADITIONELLE MEDIZIN

Julia lässt was anbrennen

34 DIE HEILKOST

Spatzenzunge im Tee, Loch im Huhn

35 RELIGION

Mutter Gottes lauert vor dem Supermarkt

36 GESELLSCHAFTLICHER STATUS

Yunhee und Donghun ziehen an keinem gemeinsamen Strang

37 DIE FREIHEIT

Yunhees Drogen bringen Julia zur Zelterleuchtung

38 DIE WIEDERVEREINIGUNG

Bei Atom nach unten, bei Gas nach oben

39 DIE POLITIK

Eierfälschende Geschichtsfälscher, geschichtsfälschende Felsenbesetzer und atombombenbauende Schulkameraden

40 DIE VOLKSSEELE

Wir, die da oben, damals und noch früher

41 DAS TRADITIONELLE LEBEN

Konfuzius spricht, aber keiner hört hin

42 NATIONALISMEN

Von dreckigen Kiwis und koreanischen Möwen

43 DIE HOCHZEIT

Nico ist kein Torschlusspaniker

44 DIE TRAUERFEIER

Sakrileg und Salzstreuerin

45 DIE FEIERTAGE

Wenn die Toten zu Besuch kommen

46 DER ABSCHIED

Wenn es inyeon ist, sieht man sich wieder

EPILOG

Die komischen Deutschen!

ANHANG

10 Dinge, die man getan haben muss

ANHANG

10 Handlungen, mit denen man sich blamiert

GLOSSAR

VORWORT DES AUTORS

Wer schon Angst vor dem Weg hatte, trifft dann auch noch wirklich auf den Tiger!

Für mich ist Korea seit meiner Jugend das Land der Träume schlechthin. Habe ich Heimweh, denke ich zuerst an Seoul. Korea, der westliche Name für das Volk der Han, wurde von der Goryeo-Dynastie abgeleitet und bedeutet »Hohe Schönheit«. In einem Radius von nur einer Flugstunde offenbart sich diese hohe Schönheit in all ihren Facetten: palmenbewachsene subtropische Inseln, endlose Sandstrände, dichte Kiefernwälder, faszinierende Wattlandschaften und schneereiche Skigebiete. Und bei alledem habe ich nur vom für uns zugänglicheren Süden des Landes gesprochen; vom etwas größeren Norden der koreanischen Halbinsel, der viele Jahrhunderte lang das kulturelle Zentrum des Reichs war, und seinen unendlichen Hochgebirgszügen einmal ganz zu schweigen.

Heute dreht sich natürlich alles um die gigantische Stadt Seoul, mit einer 24 Stunden am Tag verfügbaren Infrastruktur und einem Lebenstempo, das einen schlicht sprachlos macht. Wenn diese Stadt einen erschlägt, reicht aber bereits eine kurze Fahrt mit einem preiswerten Hochgeschwindigkeitszug, und man steht inmitten idyllischen Landlebens in traditionellen Häuschen und findet sich mit dem Hausbesitzer bei einem Schälchen selbst gebrauten Reisweins auf einer 400 Jahre alten Veranda wieder.

Doch Korea ist nicht nur einfach schön. Das Land ist eine dynamische Kultur- und Wirtschaftsmacht mit offenen, herzlichen und flexiblen Menschen, die kein Blatt vor den Mund nehmen und das Leben in all seinen Extremen kennen – und zu nehmen wissen.

Oft habe ich mich gefragt, was für Ausländer den Zugang zu diesem einzigartigen Land erschweren könnte, denn dass sich viele auch noch nach Monaten fremd fühlen, ist kaum zu bestreiten. Inzwischen bin ich zur Überzeugung gekommen, dass es wohl eine Mischung aus Sprachbarriere und Herangehensweise sein könnte, die die kulturellen Unterschiede unüberwindbar erscheinen lässt. An Ersterem können Sie vermutlich auf die Schnelle wenig ändern, Zweiteres hingegen verspricht rascheren Erfolg.

Korea präsentiert sich auf den ersten Blick als moderne, hoch entwickelte Nation, teils stärker im amerikanischen Sinne verwestlicht als der deutschsprachige Raum und an vielen Ecken so betont und bewusst auf Hochglanz poliert, dass man kaum noch eine eigene, in unseren Augen asiatische Identität spürt. Wer jedoch die Augen aufmacht, merkt, dass auch jeanstragende, US-Serien schauende und bei McDonald’s essende Koreaner vor allem eins sind: nicht westlich, sondern einfach koreanisch.

Und auch wenn Koreaner sich tief verbeugen, Reisrollen essen und Karaoke singen, sind sie vor allem eins: nicht asiatisch, sondern einfach koreanisch.

Damit für Sie dieses Adjektiv einen positiven Klang erhält und Sie es sich nicht unnötig schwer machen, gibt es den Fettnäpfchenführer Korea. Die Geschichten in diesem Buch zeigen die gröbsten Klippen auf und helfen Ihnen, diese im Alltag zu umschiffen – oder zumindest darauf gefasst zu sein.

Und vergessen Sie niemals: An den »Eigenarten der Koreaner« sind Sie zu mindestens 50 Prozent mitschuldig, denn eigenartig ist etwas ja nur, weil Sie es in dem Moment eigenartig finden. Im Übrigen werden Sie zumindest bei jungen Koreanern nicht selten auf Verständnis stoßen, viele kulturelle Eigenheiten finden auch sie inzwischen seltsam. Dabei ist es doch eigentlich schade, wenn sich alle Kulturen angleichen. Sollten Sie diese Eigenarten dennoch für allzu gewöhnungsbedürftig halten, können Sie sich heute auch in Korea den ganzen Tag von deutschem Fernsehen berieseln lassen, Eins-a-Steak essen gehen und abends in einem englischsprachigen Theaterverein »unter sich« bleiben. Ein solches Modell ist in Teilen der ausländischen Community durchaus verbreitet, aber ist es wirklich das, was Sie wollen? Da Sie dieses Buch gekauft haben, gehören Sie sicher nicht zu dieser Gruppe, sondern zu den Wissbegierigen, die offen sind für neue Erfahrungen. Herzlichen Glückwunsch, Ihnen werden sich vermutlich die zu Beginn dargestellten wunderbaren Seiten des »Landes der Hohen Schönheit« schneller erschließen.

Natürlich wurden für diesen Band viele verschiedene Phänomene beleuchtet, die eine einzelne Person wohl kaum alle so durchleben wird. Trotzdem lässt sich jede Episode auf einen so oder so ähnlich erlebten Hintergrund zurückführen. Sie würden sich wundern, wie viele der Episoden nicht erfunden sind, sondern höchstens etwas verdichtet aufbereitet wurden.

Diese Realitätsnähe bestätigt mir auch so mancher Leser; oft heißt es dann, man habe eine ähnliche oder sogar noch verwirrendere Situation erlebt. Am allermeisten freut es mich als Autor aber, dass insbesondere viele Koreaner, die das Buch gelesen haben, sich und ihr Land darin wiedergefunden haben. Ein größeres Lob kann es kaum geben.

Der Autor

Legende

Unsere Helden geraten im Laufe des Buches immer wieder in Situationen, in denen blitzschnelles Reagieren gefragt ist. Da sie diese Herausforderungen mal mehr und mal weniger gut meistern, gibt es verschiedene Abstufungen.

Aigu! Korea ist eines dieser Länder, dessen Menschen in kürzester Zeit von euphorisch auf tief betrübt umschalten können. Symptomatisch dafür ist das an jeder Ecke zu hörende »Aigu!«. Kaum übersetzbar, weil in zu vielen Situationen quasi universell anwendbar. Die Handybatterie leer? Aigu! Die Füße schmerzen vom vielen Laufen? Aigu! Das Kind ist hingefallen und hat sich verletzt? Aigu! Das Klagelied am Sarg des Geliebten? Aiguuuu!

Gwaenchana! Noch am ehesten mit dem bajuwarischen »Passt scho!« zu übersetzen, ist dies wohl eines der am häufigsten gebrauchten Wörter der koreanischen Sprache. Immer wenn irgendetwas nicht gerade super ist, aber auch keinen Weltuntergang darstellt, passt gwaenchana.

Olssigu! Wir waren der Meinung, das war spitze! Der Ausruf bedeutet in etwa »Recht so!« und ist heute insbesondere noch bei den traditionellen Ein-Mann-Opern, pansori, zu hören, wenn das Publikum besonders gelungene Teile des Vortrags mit einem emphatischen »Olssigu!« belohnt und so dem Sänger Anerkennung zollt. Leider erleben unsere Protagonisten nur wenige solcher Situationen.

PROLOG

KOREA? WARUM, WO UND WELCHES ÜBERHAUPT?

Wo sie Bomben bauen und Hunde essen

Für viele Europäer ist es bekanntlich schon schwierig genug, Chinesen und Japaner auseinanderzuhalten, und dann hat sich die Weltgeschichte erlaubt, da noch ein Völkchen dazwischenzusetzen, das zwar durchaus Einflüsse der großen Nachbarn aufgenommen hat, aber in seiner langen Geschichte immer eigenständig und unverwechselbar blieb. Das war nicht selbstverständlich, denn Chinesen und Japaner haben sich immer wieder dafür eingesetzt, es für die Westler einfacher zu machen, indem sie versuchten, das kleine, unbeugsame Völkchen in ihrer Mitte schlicht einzuverleiben und seine kulturelle Identität auszulöschen. Wie auch immer, das hat offensichtlich nicht funktioniert, nur hat davon außerhalb Asiens selten jemand etwas mitbekommen. So liegt der Bekanntheitsgrad der kleinen ostasiatischen Wirtschaftsund Kulturmacht denn auch bei uns in Mitteleuropa noch immer irgendwo zwischen Koriander und Chorea Huntington. Und wo Korea in die Schlagzeilen kommt, ist es meist der nördliche Teil, der für die Südkoreaner aber so etwas wie der zurückgebliebene Onkel ist, den man nicht unbedingt beim ersten Treffen präsentieren möchte (siehe Episode 39).

WIE ALT IST KOREA EIGENTLICH?

Koreaner sprechen gern von einer 5.000 Jahre alten Geschichte, wobei das aus mehreren Gründen unglücklich und wohl eher auf die Konkurrenz mit dem großen Nachbarn China zurückzuführen ist, der Ähnliches für sich in Anspruch nimmt. Der nationale Gründungsmythos der Koreaner spricht vom Jahr 2333 v. Chr. als Ausgangspunkt, wir befinden uns daher nach der Zeitrechnung dangi im Jahr 4345 der koreanischen Zivilisation. Historiker gehen realistisch davon aus, dass ein koreanischer Staat im eigentlichen Sinne des Wortes wohl »erst« knapp 2.000 Jahre alt ist. Die Vorfahren der heutigen Koreaner wiederum haben die Halbinsel aber wohl schon vor mindestens 10.000 Jahren besiedelt. Man kann sich also am besten darauf einigen, dass Korea »sehr« alt ist, auch wenn man nicht weiß, wie alt. Sicher ist jedenfalls, dass Koreaner seit Jahrhunderten gemeinsam in einem Staat (beziehungsweise seit einigen Jahrzehnten leider in zwei Staaten) leben und dies zu einer starken nationalen Identität geführt hat, die auch brutale Kolonialisierung durch die Japaner von 1910 bis 1945 nicht auslöschen konnte.

»Nord oder Süd?« war dann natürlich prompt die erste Frage, die Julia von ihrer besorgten Verwandtschaft gestellt bekam, als sie beim Geburtstagskaffee für Oma Hilde stolz offenbarte, dass sie sich für ein Austauschsemester an einer koreanischen Universität eingeschrieben hatte.

»Diese Stolperfußballer von Koreanern haben uns doch rausgehauen bei der WM in Russland, was willst du denn da!«, protestierte ein nicht gerade weit gereister Schwager, woraufhin sich auch schon Oma Hilde ins Gespräch einklinkte: »Julchen, die essen da Hunde, denk doch an deinen kleinen Berti, den würden die da essen!«

»Omi, das ist doch Quatsch. Es gibt doch in Deutschland auch Leute, die Pferd essen, und trotzdem gibt es auch Reiterhöfe.«

»Aber da regiert doch so ein dicker Diktator, der streitet sich mit den Amerikanern drum, wer den größeren Atomknopf hat, stand in der Zeitung.« Oma Hilde war kaum mehr zu beruhigen.

Dachte Hildes Julchen hingegen an dicke Koreaner, dann fiel ihr vor allem einmal Psy ein, der Sänger aus dem Youtube-Video, das um die Welt gegangen war. Aber zu koreanischer Popmusik und dann auch zu Filmen hatte sie ja schon viel früher gefunden. Die meisten ihrer Lieblingsgruppen waren inzwischen aus Korea. Klar, sie waren zuckersüß, schnulzig und irgendwie auch ein bisschen austauschbar, aber so wunderbar anders als alles, was sie bisher gesehen hatte. Sie war natürlich kein so richtig krasser Fan, der zu Konzerten durch ganz Europa reiste, aber Fernsehen tat sie meist auf dem Laptop – und zwar koreanische TV-Serien mit Untertiteln, Internet sei Dank. Als sich dann auch noch an der Uni eine koreanische Freundin fand, die Julia eine ganze Menge von Land und Leuten erzählte, war es vollends um sie geschehen. Es folgten kostspielige Besuche beim örtlichen Koreaner, die aufgrund der Schärfe des Essens regelmäßig in ausgebrannter Mundhöhle endeten – und Versuche, sich anhand von Liedtexten die fremde Sprache mit den vielen eos und eus (siehe Episode 5) anzueignen.

Als dann in einem Seminar an der Uni gefragt wurde, wer gerne einmal ein Austauschsemester in Korea machen möchte, war sie natürlich sofort Feuer und Flamme. Sofort sagte sie zu, und da außer ihr nicht allzu viele Studenten überhaupt etwas über Korea wussten, hatte sie schnell einen Platz an einer guten Uni sicher. Sorgen machte sie sich keine: Das, was sie in den Filmen gesehen hatte, konnte ja so falsch nicht sein. Und wenn doch, wollte sie das jetzt selbst herausfinden.

TEURER GENUSS: KOREANISCHE RESTAURANTS IN DEUTSCHLAND

Es gibt inzwischen in allen größeren Städten im deutschsprachigen Raum koreanische Restaurants, natürlich mit unterschiedlichem Authentizitätsgrad. Grundregel: Je hipper die Nachbarschaft, desto größer die Kimchi-, Chicken- und Korean-BBQ-Dichte. Aber egal, ob Imbiss oder Hipsterschuppen, spätestens in Korea selbst fühlt man sich im Nachhinein betrogen: Dort kostet das exakt gleiche Gericht mit sieben Beilagen und kostenlosem Wasser dazu am Ende oft weniger als ein Drittel. Hoher Preis und sparsamer Gewürzeinsatz sind dann auch die Hauptfaktoren, die eine noch weitere Verbreitung der koreanischen Küche in Europa bislang verhindern. Und das, obwohl auch aufeinanderfolgende koreanische Regierungen den Kimchi-Kulturexport quasi zur Chefsache machten.

Bei Nico wiederum lief alles ganz anders. Weil sein Vater vor vielen Jahren schon einmal in Japan für sein Unternehmen tätig gewesen war, hatten Nico und seine Familie einige Zeit dort gelebt und ein paar Mal Korea besucht.

Auf den Fotos, die sich manchmal gemeinsam anschauten, sah man unter anderem Nico auf einer steinernen Empore, die zum Thronsaal eines Königspalastes in Seoul führt, einen steinernen Wächter reiten, der aussieht wie ein Tiger. Papa würde dann immer erläutern, dass das gar kein Tiger sei, sondern eigentlich eine mythische Figur, die noch am ehesten einer Giraffe ähnele, worauf Mama dann immer einwerfen würde, dass es doch in Korea gar keine Giraffen gäbe. Nico war das recht egal; er fand einfach schön, wie glücklich er damals aussah.

Die einzige direkte Erinnerung, die Nico noch an Korea hatte, war so ein Geruch in der Nase. Faulig irgendwie, nicht unangenehm, aber auch nicht eben verlockend. Dieser schien sogar am kleinen Tiger Hodori zu kleben, dem Maskottchen der Olympischen Spiele 1988, den ihm damals sein Vater von einer Geschäftsreise mitgebracht hatte. Und auch wenn die letzte Reise nach Korea schon viele Jahre zurücklag, erzählte der Vater auch heute noch fast allabendlich, wie »die Koreaner« seien: hart arbeitende, freundliche Menschen und vor allem immer noch mit viel Potenzial. Ganz anders als Deutschland. Korea sei jedes Mal neu, immer im Wandel, the place to be für alle, die was mit Wirtschaft machen. Es klang wie ein Befehl.

Als Nico dann kurz nach seinem Abschluss in BWL immer noch nicht in die Gänge kam, wurde das elterliche Drängen stärker. Der Vater beschloss, Nico müsse jetzt langsam mal Auslandserfahrung sammeln, so richtig Ausland. Nico hatte zwar in Maastricht studiert, war durchaus international geprägt und Asien an sich auch nicht abgeneigt, aber so recht begeistert war er von der Aussicht auf ein halbes Jahr Reisessen und sinnlose Überstunden nicht unbedingt. Denn das waren die Erinnerungen seiner Mutter an die Arbeit des Vaters in Japan: Selten war ihr Mann vor 22 Uhr zu Hause, oft noch später. Sie saß unterdessen mit dem kleinen Nico im Tokioter Großstadttrubel und konnte sich nicht verständigen. Jeder Gang zum Supermarkt ein Abenteuer. Asien, das kam für sie zumindest nicht mehr infrage.

Aber natürlich widersprach sie ihrem Mann nicht, denn der kannte sich ja am besten aus. Nach wenigen Telefonaten mit alten Kollegen hatte Papa seinem Sohnemann einen Praktikumsplatz bei einem angesehenen Unternehmen in Seoul besorgt. »Nach Hongkong oder Peking gehen sie heute doch alle«, kommentierte der Vater das Ergebnis knapp, und Sohnemann durfte immerhin noch formal zustimmen. Also ergab sich Nico wieder einmal in sein Schicksal und begann sich zu informieren. Im Internet fand er bald heraus, dass Seoul nicht nur wirtschaftlich und technologisch eine weltweit führende Metropole sei, sondern auch ein einzigartiges Nachtleben zu bieten habe. Insbesondere Zweiteres trug maßgeblich dazu bei, dass Nico sich sehr bald mit dem Gedanken, ein Wiederriechen mit dem fauligen Geruch seiner Kindheit zu feiern, anfreunden konnte. Da es schon in wenigen Wochen losgehen würde und er noch seine Studentenwohnung in Maastricht auflösen musste, hatte er aber kaum Zeit, sich in aller Tiefe vorzubereiten. Aber wie sagte Papa immer: »Arbeit ist Arbeit, Menschen sind Menschen, überall auf der Welt.«

1

DER FLUG

VÖLKERWANDERUNG INS FLUGZEUGHECK

Wenn gar nichts klappt, findet man selbst in einem Ei noch Knochen

Endlich ist der große Tag gekommen. Julia hat sich gründlich vorbereitet. Sie weiß auch schon, dass es an Bord vermutlich bibimbap geben wird, gemischten Reis mit Gemüse und Spiegelei obendrauf, dafür ist die koreanische Fluglinie bekannt, mit der sie fliegt.

Doch das Erlebnis beginnt schon auf dem Flughafen in Frankfurt, von wo aus Julias Direktflug nach Seoul startet, beziehungsweise nach Incheon, wie sie die Frau am Schalter korrigiert. Jaja, dass der Flughafen außerhalb der Stadt ist, das weiß sie selber. Gut, dass sie diese deutsche Detailversessenheit jetzt erst einmal hinter sich lassen kann. Weiter hinten in der Schlange erblickt Julia einige junge koreanische Individualreisende, die jedoch so uniformiert angezogen sind, dass sie schon wieder wie eine Gruppe erscheinen: die Damen dunkle Sonnenbrillen, betont lässige, aber hochwertige Freizeitkleidung, die Männer in Karohemden und mit Basecap tief ins Gesicht gezogen. Youtube hatte Recht, denkt Julia gerade, alle Koreaner sehen so aus wie die attraktiven Darsteller aus den Serien und Musikvideos, da wird sie plötzlich von hinten von etwas gerammt.

Sie hat sich noch nicht umgedreht, da hört man schon Kichern. Eine ältere Koreanerin, kaum 1,60 m groß, hat eine riesige Kiste mit Zwilling-Messern unbedacht manövriert und ist Julia mit dem Gepäckwagen direkt in die Hacken gefahren. Julia erschrickt bei dem Anblick. Ein Glück, dass die Messer gut verpackt sind und ihre Hacken keine direkte Bekanntschaft mit ihnen machen mussten. Weil die Dame offenbar kein Englisch spricht, lächelt sie verlegen, verbeugt sich leicht und versucht die Situation damit zu bereinigen. Julia ist verwirrt. Was will die Frau mit so vielen Messern? Gibt es in Korea etwa keine scharfen Schneidwerkzeuge zu kaufen?

KOREA SETZT AUF »MADE IN GERMANY«

Messer der Firma Zwilling, in Korea ssangdungikal genannt, sind ein beliebtes Mitbringsel für ältere Koreaner. Obwohl heute fast alles in gleicher Qualität auch in Korea selbst hergestellt wird, hält sich beständig das Image von deutscher Wertarbeit. Bei allen sensiblen Bereichen wie Babynahrung, Hygieneartikel oder Kochzubehör gelten deutsche Produkte grundsätzlich als überlegen, was sich Koreaner wiederum einiges kosten lassen. Man sieht daher oft die notorischen koreanischen Reisegruppen bei der Rückreise mit riesigen Kartons voller Haushaltswaren, was unbedarfte Beobachter zur Annahme verleitet, es gäbe so etwas in Korea nicht.

Auch deutsche Lebensmittel sind in Korea beliebt. Gut betuchte Koreaner lieben deutsche Bio-Kost aller Art, vom Müsli über Babymilch und eingelegte Gurken bis hin zu Dinkelschnitten und Karottensaft. Die Lebensmittelabteilungen der großen Kaufhausketten (Lotte, Hyundai, Shinsegae) bieten dementsprechend eine große Auswahl deutscher Produkte.

Nach diesem Erlebnis verläuft der Flug zunächst ereignislos: Nur die einzigartig freundliche Begrüßung durch die makellos schönen Stewardessen fällt Julia auf. Als sie sich nach einigen Stunden Flug die Füße vertreten will, ist sie erneut erstaunt. Anstatt sich irgendwie einzukuscheln, wie sie es vergeblich versucht hat, schlafen die meisten Koreaner einfach mit dem Kopf auf dem ausgeklappten Tisch vor sich. Julia fällt ein, dass sie das schon von ihrer koreanischstämmigen Freundin Sonya in Deutschland gehört hat. Koreaner hätten kein Problem, auch an unbequemen Orten einzuschlafen, weil aufgrund des anstrengenden Lebens jede freie Minute für ein Nickerchen genutzt werden müsse. Julia hat ungeachtet der Begründung diese Fähigkeit für beneidenswert gehalten, jetzt, wo sie es aber realiter sieht, zweifelt sie, ob sie sich je daran gewöhnen können würde – und will. Noch faszinierender ist für Julia allerdings, dass zwischendrin die anderen, die nicht schlafen, wie wild auf allerlei technischen Geräten in den unterschiedlichsten Formen rumhämmern. Koreaner machen sich ihr On-Board-Entertainment offenbar selbst. Im Flugzeug sieht es denn auch vor lauter Flackern aus wie in einer zwielichtigen Spielhölle. Die Klapptischschlafenden lassen sich davon aber ganz offensichtlich nicht aus dem Konzept bringen.

Obwohl der Geräuschpegel nicht allzu hoch ist, macht das ewige Geklicke und Geklacker Julia ganz kirre. Das Flugzeug auf dem Bildschirm, der anzeigt, wo man sich gerade befindet, kommt auch nicht recht voran: Seit Stunden scheint der Flieger über den Ural zu schweben. Sie kann jedenfalls nicht schlafen. Als sie im Heck des Flugzeugs ankommt, sieht sie die kleine Frau vom Flughafen wieder. Sie und ihre Reisegefährtinnen, allesamt recht rundliche Damen mit Korkenzieherlocken, sind völlig vertieft in Dehnübungen. Große kreisende Bewegungen gefolgt von gegenseitigem Hüftenklöppeln zur Entspannung. Julia ist fasziniert, auch davon, wie viele verschiedene Blumenmuster in Neontönen es offenbar in Korea zu kaufen gibt.

MODETRENDS GESTERN UND HEUTE

Korkenzieherlöckchen, nach dem englischen Wort für Dauerwelle, perm, auf Koreanisch pama genannt, sind eine kulturelle Ikone. Noch bis ins neue Jahrtausend hinein waren sie eine fast schon uniforme Frisur für alle verheirateten Frauen. Internationale Trends haben den Anblick dieser stahlwolleähnlichen Kurzhaarfrisuren leider mehr und mehr bedroht. Auf dem Land, bei sehr alten Damen und in Restaurantküchen sieht man sie jedoch noch öfter. Dort ist auch die für unsere Augen möglichst wilde Kombination von leuchtenden Farben und Mustern noch stark verbreitet. Bei den jüngeren Koreanern hingegen kommen die Trends inzwischen direkt aus Hollywood beziehungsweise aus Paris. Als »Paris Asiens« gilt Seoul nämlich inzwischen, vor allem deshalb, weil die Damen der Stadt sehr viel Modebewusstsein an den Tag legen und sich gerne schmücken. Denselben Damen begegnet man dann aber im Supermarkt um die Ecke im Schlabberlook mit ungekämmten Haaren und Hornbrille auf der Nase. Irgendwo muss man schließlich auch mal entspannen dürfen.

Plötzlich wird der Vorhang zur Bordküche aufgerissen und auf Koreanisch sagt eine der Stewardessen leise etwas zu den umstehenden Damen. Wie auf Kommando werden die Übungen eingestellt und Hals über Kopf schiebt sich ein Teil des bunten Damensportteams in die enge Bordküche, einige trippeln aber auch zu ihren Plätzen und bringen auf dem Rückweg ihre Familienmitglieder mit. Im Handumdrehen hat sich das Flugzeugheck in einen koreanischen Markt verwandelt und Julia überlegt kurz, ob eine solche Verschiebung der Fluggäste Auswirkungen auf das Gleichgewicht des Fliegers haben kann. Als die ersten mit Instant-Nudelsuppen – und strahlenden Gesichtern – aus dem Heck zurückkommen, versteht Julia langsam. Nach und nach erwacht die gesamte koreanische Gästeschar aus dem Tischschlaf, pardon, Tiefschlaf, und schlurft wie in Trance ins Heck.

Einer der älteren Herren hat wohl Julias Verwunderung registriert und bemerkt lässig: »Germany castle very good! Germany food – oh no! Korean power only when eat Korean noodles!«

Das ist also das Geheimnis des koreanischen Wirtschaftswunders. Die berühmten ramyeon-Nudeln, in Deutschland besser bekannt unter dem japanischen Namen ramen, hat Julia schon oft probiert. Sie stellt sich also in die Reihe und ein älterer Mann bemerkt zweifelnd: »You eat ramyeon? Too spicy for westerner!« Na danke, denkt Julia, was hält der denn von mir. Klar kann ich ramyeon essen, so scharf sind die ja nun wirklich nicht. Als sie ihren Becher Nudelsuppe und die Stäbchen bekommt, reißt sie, wie sie das von ihrer Freundin zu Hause kennt, den Deckel auf, splittet die Holzstäbchen entzwei, gießt das heiße Wasser darauf und wartet, bis die Nudeln ordentlich durchgeweicht sind. Eine der Korkenzieherlockenträgerinnen hält ihr plötzlich die Stäbchen vors Gesicht und redet wie wild auf sie ein. Schon klar, schon klar, ich kann mit Stäbchen essen, denkt sich Julia nur und hält es gar nicht für nötig, das Thema weiter zu erörtern. Plötzlich sackt das Flugzeug ab, ihr fällt dabei der Becher mit der Nudelsuppe aus der Hand und alles schwappt auf den Kabinenboden. Die Stewardessen sind zwar rasch da, um alles aufzuwischen, aber Julia ist außer sich vor Scham und Sorge, ob sich jemand etwas getan hat.

Aigu! – Oh weh!

Eine der ersten Fragen, die man in Korea gestellt bekommt, ist, ob man scharfes Essen vertrage und das koreanische Nationalgericht kimchi, scharf eingelegten Chinakohl, essen könne. Ebenso beliebt ist die Frage, ob man mit Stäbchen essen könne – Julias Reaktion nach zu urteilen, hat sie diese wohl schon in Deutschland einige Male von Koreanern zu hören bekommen. Manchmal lohnt es sich aber, hinzuhören und nicht zu schnell rückzuschließen. Die Dame wollte sich nämlich nicht nach Julias Stäbchenfertigkeiten erkundigen, sondern ihr erklären, dass man im wankenden Umfeld des Flugzeugs, aber auch anderswo die Holzstäbchen, die noch halb zusammenstecken, nicht einfach auseinanderreißt, sondern sie als eine Art Verschluss zwischen Nudelbecherrand und Deckellasche einklemmt, sodass der Inhalt auch bei abrupten Stößen drinnen bleibt. Klingt nach einer Lappalie, aber wir haben ja soeben gesehen, wie sehr solche Kleinigkeiten helfen können. Immerhin wurde bei Julias erstem Test niemand verletzt.

2

DIE ANKUNFT

BEGRÜSSUNG DURCH OPA TASCHENDIEB

Gerade noch den Hund gekrault, wird der Besitzer von ihm gebissen

Auf eine weitere Portion Nudeln hat Julia nach dem Schock keine Lust mehr. Stattdessen wartet sie jetzt brav aufs Frühstück. Als dann am Morgen ein westliches Frühstück mit Brot und Butter serviert wird, lassen viele Koreaner das Tablett unberührt wieder zurückgehen. Julia versteht das nicht. Man geht doch ins Ausland, um etwas Neues zu probieren. Ihre Nudeln bekommen sie doch früh genug wieder und von den ramyeon sind sie bestimmt nicht noch so voll, dass sie jetzt kein Brot vertragen. Sie jedenfalls wird in Korea nicht ein einziges Mal etwas Deutsches essen. So, das wäre beschlossen!

Nach dem Frühstück geht dann auch alles ganz schnell. Direkt nach Peking beginnen schon die Landevorbereitungen, die arrival cards werden ausgeteilt, die alle Ausländer ausfüllen müssen, die nach Korea einreisen.

Ein Visum hätte Julia für die Einreise gar nicht gebraucht, sie hätte als EU-Bürgerin auch 90 Tage visumsfrei bleiben können, aber vorbildlich, wie sie nun mal ist, hat sie ihr Studienvisum bereits in Deutschland beantragt. Das erspart ihr die Umwandlung des Besuchsvisums in ein Studienvisum in Korea selbst, denn sie will ja an einem Uniaustausch teilnehmen, der ein ganzes Semester dauert.

GANZ OBEN: KOREANISCHE AIRLINES

Es gibt zwei international bekannte koreanische Fluglinien: Korean Air und Asiana. Wem welche besser gefällt, ist in etwa eine Frage wie Cola oder Pepsi. Jedenfalls sind beide preislich wie qualitativ im gehobenen Bereich anzusiedeln. Bis vor einigen Jahren war die einzige Direktverbindung nach Korea aus dem deutschsprachigen Raum eine tägliche Verbindung von Frankfurt nach Seoul. Inzwischen wird aus Deutschland jedoch auch ab München nach Korea geflogen, eine Verbindung von Berlin aus ist seit Längerem im Gespräch.

Wer als FlugbegleiterIn für eine der koreanischen Airlines arbeiten will, muss sich anstrengen. Wenn die großen Airlines zum Casting rufen, kommen Hunderte, ja, Tausende. Universitätsabschluss ist Einstellungsvoraussetzung. Makelloses Auftreten und exzellente Manieren sind Pflicht. Diese strenge Selektion hat dazu geführt, dass koreanische Airlines regelmäßig Preise bei internationalen Awards für Kabinenservice abräumen. Für die Gründerfamilie von Korean Air gelten solche Qualitätsstandards leider nicht; ihre Manieren sind ausweislich zahlloser Skandale, u.a. der berühmten »Erdnussaffäre«, inzwischen über Korea hinaus bekannt – eine echt abgehobene Familie!

Am Flughafen Incheon angekommen, ist Julia völlig überwältigt, wie blitzblank alles ist und vor allem, wie schnell und effizient hier gearbeitet wird. Kein Vergleich zu Frankfurt. In wenigen Minuten ist sie durch die Einreisekontrolle, dabei hat sie nicht einmal die Schlange für voll automatisierte Einreise benutzt, wie viele Koreaner das machen, die vorher ihren Pass dafür haben freischalten lassen.

Sie ist nun also in Korea. Der Beamte am Schalter hatte ihr noch ein »Welcome to our country« mit auf den Weg gegeben. Auch das hatte sie bereits vorher gehört: Koreaner untereinander sprechen von ihrem Land schlicht als urinara, »unserem Land« und nicht von Korea. Schwuppdiwupp hat sie ihr Gepäck, die Tür geht auf und da stehen lauter Koreaner. Ja, jetzt ist sie wirklich da, jetzt ist urinara auch ihr Land. Durch die helle Ankunftshalle sucht sie den Weg zur Flughafenbahn. Alles ist selbsterklärend und Julia in völliger Hochstimmung.

Schnell eine Fahrkarte am Automaten gelöst und schon geht es mit der topmodernen Flughafenbahn ins Zentrum. Am Inlandsflughafen in Gimpo steigt sie um in die normale Seouler U-Bahn; auch modern, aber total überfüllt. Und mit dem Gepäck eigentlich auch keine rechte Freude.

Um möglichst wenig im Weg zu stehen, stellt sich Julia dicht vor eine der Sitzreihen, doch oh Schreck! Der ältere Mann vor ihr zerrt an ihrer Tasche, reißt sie ihr förmlich weg. Sie zerrt zurück, doch der Mann packt sie nun am Arm, will sie zu sich hinunterziehen. Julia ist völlig schockiert, schreit auf, guckt den Mann böse an und wechselt sofort in einen anderen Waggon. Dabei hatte sie gehört, dass Korea so ein sicheres Land sei. Besonders schockiert ist sie aber davon, dass offenbar niemand von dem Vorfall Notiz genommen hat. Zumindest hat niemand eingegriffen, um ihr zu helfen. So schnell ist der gute Eindruck vom Flughafen wieder kaputt, da können die Beamten ihr noch tausend Mal ein Willkommen zusäuseln, wenn das gleich so losgeht! Das ist nun wirklich nicht ihr Land.

Aigu! – Oh weh!

Was Julia hier nicht bedacht hat: Der bei uns meist etwas despektierlich als asiatischer »Kollektivismus« bezeichnete Gemeinschaftssinn der Koreaner, der bei unseren Protagonisten noch mehrfach für Missverständnisse sorgen wird, hat auch seine guten Seiten, denn in Korea fühlen sich alle irgendwie zusammengehörig und füreinander verantwortlich, eben urinara. So war auch in der U-Bahn der ältere Mann natürlich kein Taschendieb und kein Belästiger. Sein Zerren war lediglich eine typische Geste des koreanischen Gebens und Nehmens: Im Gegenzug dafür, dass er als alter Mensch einen Sitzplatz in der überfüllten U-Bahn hat und die schwer bepackte Frau stehen muss, wollte er nur helfen, indem er zumindest ihre Tasche auf seinen Schoß nimmt. In Korea wurde da früher nicht groß gefragt, sondern beherzt zugegriffen. Der Mann wusste nicht, dass die Ausländerin die freundliche Geste falsch deutet. Er hat wohl gedacht, die junge Dame ziert sich aus Respekt vor dem Alter, ihm die Tasche aufzuladen, also wurde er etwas rabiater, um ihr die Entscheidung leichter zu machen.

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IM MOTEL

GROSSSTADT-TARZAN VERDURSTET IM REGENWALD

Die kleinsten Chilischoten sind die schärfsten

Auch Nico ist inzwischen angekommen. Sein Flug war weniger ereignisreich. Viel mitbekommen hat er ohnehin nicht, denn die Nacht vor dem Abflug hatte er mit seinen Freunden feiernd verbracht, sodass ihm der Schädel noch jetzt ganz schön brummt. An den fauligen Geruch, auf den er eigentlich achten wollte, denkt er auch nicht mehr. Stattdessen steigt er gleich ins Deluxe-Taxi und lässt sich vom englischsprachigen Fahrer in das Viertel bringen, das ihm zuvor die freundliche Dame aus seinem Praktikumsbüro für eine erste Unterkunft empfohlen hat. Dabei muss er das Taxi nicht mal mit ausgestrecktem Arm und Handfläche nach unten heranwinken, wie es ihm sein Vater gesagt hat, denn die Taxen stehen auf dem Flughafen natürlich nur so Schlange. Die Dame aus dem Büro hat den Namen des Viertels auch gleich auf Koreanisch aufgeschrieben, sodass Nico nur auf die Silben zeigen muss: Sin-chon. Sie meinte damit das Universitätsviertel und zum Glück hat sich das der Taxifahrer beim Anblick des jungen Nico auch gleich gedacht.

TAXI IST (NICHT) GLEICH TAXI

Die schwarzen Taxis, Deluxe-Taxi, koreanisch mobeom taeksi, bieten laut übereinstimmender Meinung der Expats in Korea den gleichen Service wie normale Taxis, nur zu deutlich erhöhten Preisen – der Koreaneuling outet sich durch die Wahl eines solchen Taxis sofort als blutiger Anfänger. Die normalen Taxis waren früher metallic-grau, inzwischen werden sie in Seoul einheitlich lehmfarben eingetüncht, wenn sie neu zugelassen werden. Der Wandel wird also in wenigen Jahren vollzogen sein. Ob ein Taxi frei ist oder nicht, sieht man am LED-Display in der Frontscheibe, aber nur wenn man Koreanisch kann: yeyak heißt reserviert, bin cha heißt leeres Auto.

Als das Taxi ihn am U-Bahnhof Sinchon abgesetzt hat, fühlt sich Nico wie erschlagen: Eine sechsspurige Straße kreuzt sich mit einer achtspurigen, an allen Ecken Hochhäuser und ein Haufen Menschen, die er schon durch den reinen Umstand, dass er stillsteht, zu behindern scheint. Wo er asiatisches Marktgewusel erwartet hat, umweht ihn an den Glitzerfassaden ein Duft von Seife, Waffeln und Hamburgern.

Weil Nico etwas Geld sparen will, geht er die erste Nacht nicht wie von Papa empfohlen in ein nahes Luxushotel, dessen Schild schon aus der Ferne sichtbar ist, sondern er will ein Motel ausprobieren. Diese seien laut dem Online-Artikel, den er vor einiger Zeit überflogen hat, sauber, preiswert, modern – kurzum die perfekte Alternative zu den überteuerten Bettenburgen Seouls. Als er auf der Straße nach »Motel« fragt, schauen ihn jedoch alle verständnislos an. Ein Mädchen springt sogar mit deutlich angewidertem Blick zur Seite.

Nach etwas Suchen findet er endlich eines. Doch beim Betreten überkommt ihn ein leichter Schauer: Die Rezeption ist eingebunkert hinter einer Milchglasscheibe, in die eine winzige Durchreiche eingelassen ist. Eine ältere Frau schaut nur kurz durch das Loch und fragt trocken: »Alone?«, was Nico bejaht. Sodann zeigt die Dame mit ihren Fingern eine Vier. Nico versteht zunächst nicht recht, doch als sie auf einen Zettel »40.000 Won« schreibt, kapiert auch er, dass es offenbar im Vorhinein ans Bezahlen geht.

Dafür bekommt er dann auch einen Schlüssel und einen schicken Kulturbeutel überreicht, in dem zu seinem Erstaunen neben einer Zahnbürste und einem Einwegrasierer auch Kondome und Gleitcreme enthalten sind …

Im Zimmer angekommen der nächste Schock: Das Bad mit riesiger runder Whirlpool-Badewanne ist nur durch eine Glasscheibe vom Schlafbereich abgetrennt. Je mehr er sich umschaut, desto unheimlicher wird ihm das Ganze. Wie er sich so auf seinem Bett mit Massagefunktion hinlegt, wird ihm klar, wo er hier gelandet ist. Und offenbar hat er ein Zimmer mit thematischer Ausrichtung »Urwald« erwischt. Mitten im Raum überragt eine künstliche Palme alles und einige Bambusstangen dienen als Kleiderhaken. Auch die Kuscheltiere, die in allen Ecken des Zimmers lauern und einen wahren Streichelzoo ergeben, huch, was macht denn der Pinguin im Regenwald, irritieren Nico zunächst ein wenig. Was mit der starken Liane, die quer durchs Zimmer hängt, von den Vorbenutzern schon so alles angestellt worden sein mag, möchte Nico sich dann gar nicht mehr ausmalen.

Na ja, bei dem Preis beschwert man sich besser nicht. Apropos Preis, da kommt er ins Grübeln. Wie viel sind 40.000 Won denn eigentlich? Am Rechner, der natürlich auch im Zimmer steht, schnell ins Internet gegangen und geschaut: aktueller Wechselkurs 1.300 Won und ein paar Zerquetschte, also knapp 31 Euro für ein großes Zimmer mit riesigem Fernseher und kostenlosem Internet. Durchaus in Ordnung. Länger als nötig will er diesen Computer aber auch nicht benutzen, denn was er so in der Favoritenleiste und auf dem Desktop an Seiten und Dateien entdeckt, lässt ihn über die hygienische Beschaffenheit der Tastatur ins Grübeln kommen.

HIGH-SPEED-WELTMEISTER

In allen Messungen der Internetgeschwindigkeit liegt Südkorea regelmäßig ganz weit vorne – meist auf Platz eins. Als in Deutschland noch viele Haushalte gar nicht am Netz waren oder mit Modem surften, war in Korea bereits flächendeckend Breitband verlegt. Die Spitzenposition hat man einem ambitionierten Plan der Regierung Kim Dae-jung zu verdanken. Dem Friedensnobelpreisträger, der im Ausland eher für seine Aussöhnung mit Nordkorea und seinen Kampf für Demokratisierung bekannt ist, galt das Internet als möglicher Ausweg aus der Asienkrise 1997. Während die Aussöhnung mit dem Norden durchaus unterschiedlich beurteilt wird, ist der Erfolg der Internetpolitik unbestritten.

Nico greift zu seiner Geldbörse und holt seine ersten Won heraus. Fasziniert betrachtet er das Geld mit den vielen Nullen, das er sich jetzt zum ersten Mal in Ruhe anschaut. Der gelbe Schein, mit 50.000 Won mehr als eine Nacht im Motel wert, zeigt eine strenge Dame mit ausgefallenem Haarknoten. Nicht gerade K-Pop-sexy. Der grüne Schein, der 10.000er: alter Mann drauf. Der braune, der 5.000er: noch älterer Mann drauf und hinten seltsamer Gemüsegarten mit allerlei Getier. Und auf dem blauen, 1.000er dann, genau: noch ein alter Mann.

Die Münzen enttäuschen ebenfalls mit der Motivwahl: alter Mann, Kranich und Pagode.

Nach der nur kurzen Entdeckerfreude bemerkt Nico, dass er verdammt Durst hat. Er traut sich aber nicht, die Getränke aus der Minibar zu nehmen. Zweimal läuft er vorbei. Tür auf, Tür zu. Und noch einmal schaut er. Schaut genau, ob nicht irgendwo eine Preisliste für Getränke rumliegt wie in normalen Hotels. Aber sich nach dem langen Flug noch in einen Supermarkt zu werfen? Das wäre auch zu viel des Guten. Hin- und hergerissen überlegt er eine ganze Weile, die Kehle brennt immer mehr. Soll er vielleicht einfach das Leitungswasser trinken? Und warum stehen die Becher in einem Panzerschrank aus UV-Licht? Vielleicht wird ja damit das Wasser gereinigt, denn einen Wasserkocher kann er nirgends entdecken.

SHOPPINGPARADIES 24 – ÖFFNUNGSZEITEN

Kaufhäuser sind mit Ladenschluss um 19 oder 19:30 Uhr recht früh dran. Die meisten Supermärkte haben bis 22 oder 23 Uhr auf, die kleineren Kioske (bzw. »Convenience Stores«) sogar rund um die Uhr. Schnell muss hingegen sein, wer zu einer Bank möchte, denn diese machen oft bereits um 16:30 Uhr für den Publikumsverkehr zu.

Aigu! – Oh weh!

Es fing gut damit an, dass Nico einen Zettel mit der koreanischen Schreibweise seines Ziels dabei hatte, denn er wäre nicht der Erste gewesen, der nach Sinchon (»Neudorf«) gewollt hätte, aber in Sincheon (»Neuquell«) angekommen wäre, einem Wohnviertel am anderen Ende der Stadt. Weil das Problem mit ähnlichen Ortsnamen bzw. Aussprachen nicht nur Ausländern begegnet, wurde der Bahnhof Sincheon inzwischen sogar auf Druck der Bevölkerung umbenannt in Saenae, was auch »Neuquell« bedeutet, aber komplett anders klingt.

Nun aber zu den Fragen, die Nico sich kaum noch zu recherchieren traute – auf einige davon hätte er vermutlich auch im Netz auf die Schnelle keine Antwort gefunden. Der Reihe nach. Ja, man kann das Leitungswasser bedenkenlos trinken, wenn man nicht allzu empfindlich ist, es schmeckt nämlich extrem nach Chlor. Ansonsten ist es unbedenklich, auch wenn viele übervorsichtige Koreaner etwas anderes erzählen mögen. Jede Familie und jede öffentliche Institution hat eigene Wasserspender. Koreaner trinken meist auch in Deutschland kein Leitungswasser; das Gerücht hält sich unter Koreanern standhaft, dass Deutsche so viel Bier trinken, weil das Leitungswasser zu dreckig sei. Das führt dann im Umkehrschluss lustigerweise bei Deutschen zu dem Eindruck, dass das koreanische Leitungswasser extrem schmutzig sein muss – denn Koreaner trinken ja ums Verrecken kein Leitungswasser.

Bleiben wir beim Thema Flüssigkeiten. Bei der Minibar zurückhalten muss Nico sich nicht. Im Motel ist alles inklusive, sogar die Kekse, und niemand sagt etwas, wenn man auch noch das Feuerzeug, die Zahnbürste und alles andere mitgehen lässt. In besseren Motels findet man sogar oft noch eine kleine Snackbar mit Eis und Kaffee auf dem Flur. Dafür gibt es kein Frühstück, aber die meisten Gäste sind ja nur ein paar Stunden da und wollen bei ihrem persönlichen »walk of shame« nicht den anderen Gästen im Frühstücksraum begegnen …

Hätte Nico noch ein bisschen genauer geguckt, hätte er sogar kleine Pins oder Speisekarten von Lieferservices entdecken können, die ihm frittiertes Hühnchen und andere Leckereien inklusive Getränke bis aufs Zimmer geliefert hätten. Und dass die Becher ultraviolett angestrahlt in einer Art Brutkasten ruhen, hat tatsächlich hygienische Gründe; das hält die Gläser trotz Mehrfachbenutzung zuverlässig steril und ermöglicht ungetrübten Trinkgenuss – wenn man sich denn mal trauen würde, den Brutkasten auch zu öffnen.

Ach so, dass die Damen komisch reagierten, als Nico sie nach einem Motel fragte, ist vielleicht jetzt auch verständlicher. Oder wie würden Sie reagieren, wenn Sie jemand fragt, ob Sie einen Ort kennen, an dem man in Ruhe die Briefmarkensammlung durchblättern kann? Kein Koreaner würde einen ausländischen Gast in einem Motel unterbringen, obwohl es tatsächlich die unkomplizierteste Art des Reisens ist, auf diese überall massenhaft anzutreffenden, oft strategisch günstig in Nähe des Haupt(bus)bahnhofs gelegenen Herbergen zurückzugreifen. Ohne vorher zu reservieren, kann man in Korea zu jeder Tages- und Nachtzeit eine moderne Unterkunft mit Internet und TV für um die 30 Euro finden. Wenn das kein Argument für das Motel ist. Natürlich nur, wenn man das Kopfkino ausschalten kann, was die Aktivitäten der Vorbenutzer angeht. Aber mal im Ernst: Wissen Sie, was in Ihrem schicken Hotelzimmer vorher schon für Orgien gefeiert wurden?

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IM MOTEL II

NICO CHECKT DAS AUSCHECKEN NICHT

Nur weil die Elster von außen schwarz ist, muss sie von innen nicht auch schwarz sein

Um die Spannung zu nehmen: Ja, Nico hat sich tatsächlich durchgerungen, sich an der Minibar zu bedienen. Eine kleine Dose, die ein Erfrischungsgetränk vermuten ließ, deren Inhalt Nicos Gaumen zufolge aber nach abgestandenem, gezuckertem Abwaschwasser schmeckte.

Ob es nun an diesem unschönen ersten Erlebnis liegt oder doch eher am Jetlag, für Nico beginnt dieser Tag eins jedenfalls schon morgens um fünf, als er nach kurzem Schlaf senkrecht im Bett steht. Da er nicht wieder einschlafen kann, macht er, was Menschen in seinem Alter nun einmal tun: den Fernseher an. 150 Kanäle. Lauter bunte Leute, die wild lachen oder verrückte Spiele spielen. Da ist er, der berühmte »Starcraft«-Sender! Und noch einer! Die spielen tatsächlich Videospiele mit Live-Kommentar, diese verrückten Koreaner! Wusste er es doch. Nico fühlt sich ein wenig wie damals in Paris, als er dem ersten Franzosen mit einem Baguette unterm Arm begegnete. Er zappt weiter: Angeln, Go-Spiel, ja, es gibt offensichtlich sogar einen Kanal für traditionelle Handarbeit. Das schmälert natürlich die Besonderheit des »Starcraft«-Kanals. Da er im Fernsehen aber außer einem Haufen amerikanischer TV-Serien mit Untertiteln, die er sowieso schon kennt, so ziemlich gar nichts versteht, beschließt er, mutig zu sein und sich raus aus dem Zimmerdschungel, rein in den Großstadtdschungel zu wagen. »Rein ins echte Leben«, wie sein Papa ihm immer auftrug.

DIE MEISTER DES »STARCRAFT«

Trotz des sehr realen Siegs gegen Deutschland 2018 wissen die Koreaner: In der virtuellen Welt kommen die Talente der Nation zum Tragen und nicht auf dem grünen Rasen. Onlinegamer rund um den Globus erstarren bei internationalen Turnieren in Ehrfurcht, wenn die mit hoch dotierten Sponsorenverträgen ausgestatteten südkoreanischen Gamer die Bühne betreten. In Seoul gibt es eigene Stadien nur für professionelle Computerspieler, die sogenannten gosu (Trommler – das heißt die, die den anderen richtig einheizen kann und den Ton angeben), während die meisten ausländischen Hobbysportler nur chobo (Anfänger) sind. Nachdem der Boom vor inzwischen 20 Jahren mit »Starcraft« begann, hat sich die koreanische Dominanz inzwischen auch auf andere Bereiche des E-Sports ausgeweitet. Die Neymars, Ronaldos und Mbappés der Onlinewelt sind allesamt Koreaner, auch wenn das Geld im Markt inzwischen aus China kommt.

Allzu abenteuerlustig will Nico nun doch nicht gleich sein, nur nicht verlaufen im asiatischen Chaos: Eine Kollegin, Jane Roh, will ihn schließlich bereits um zehn Uhr abholen und dann mit ihm zusammen ins Büro fahren. So viel Zeit hat er also nicht mehr.

Frisch geduscht, macht er sich zum Frühstück einen fürchterlich süßen Instant-Kaffee und isst einen nicht minder süßen Keks, auf dessen Verpackung »Choco Pie« steht und dessen Konsistenz ihn wieder einmal an die Grenzen des Bekannten stoßen lässt: Als er fertig ist, verlässt er sein Zimmer für einen Spaziergang und gibt – wie er das aus Hotels gewöhnt ist – an der Rezeption seinen Schlüssel ab. Sein Magen knurrt, während er die Straße entlangläuft. Zum Glück gibt es hier genug Läden. Mutig betritt Nico ein kleines, exotisch aussehendes Geschäft. Bei der Auswahl einer Stärkung geht er dafür lieber auf Nummer sicher und greift nach einer Bananenmilch. Erst an der Kasse merkt er, dass er sein koreanisches Geld vergessen hat. Als er der Verkäuferin Euros zeigt, lacht die ihn nur freundlich, aber bestimmt aus und winkt wild mit den Händen ab.

SÜSSE VERSUCHUNG AUF KOREANISCH

Sikhye heißt ein traditioneller Reispunsch, der in Dosen erhältlich ist und oft auch als Nachtischersatz in Restaurants gereicht wird: Die aufgequollenen Reiskörner schwimmen schon leicht gräulich in einer trüben Brühe. Früher sehr beliebt wegen seines hohen Nährwerts, ist sikhye heute ein Nostalgiegetränk.

Süßer Instant-Kaffee kommt in Korea ebenfalls langsam aus der Mode, auch weil es inzwischen an jeder Ecke Coffeeshops gibt. Auf dem Land wird er jedoch noch gern getrunken.

Ein Dauerbrenner ist hingegen Choco Pie – die begehrteste Süßigkeit mehrerer Generationen von Koreanern. Pappiger Kuchen mit einer Schicht pappigem Marshmallow in der Mitte, überzogen mit Schokolade. Kalorienbombe und Kulturexport der besonderen Sorte: Selbst im verfeindeten Nordkorea gilt er als bewundertes Symbol des Wohlstands des Südens.

Also zurück ins Motel, wo seine Won liegen, doch als er ankommt, ist die Rezeption verwaist. Aus einem der oberen Stockwerke sind Stimmen zu hören, Nico geht also die Treppe hoch und sieht im ersten Stock, wie die Rezeptionistin mit einem anderen Mann in sein