Beschreibung

Mal ehrlich: Wie gut kennen Sie die USA denn nun wirklich? Klar, Sie haben schon zahllose amerikanische Filme gesehen, aber wissen Sie, welche Besonderheiten es beim Arztbesuch in den USA gibt, was Sie im Straßenverkehr beachten müssen, um nicht verhaftet zu werden, und welche Dinge Sie sagen und vor allem nicht sagen sollten? Egal, ob Sie den Urlaub oder eine längere Zeit jenseits des Atlantiks verbringen wollen, die Zahl der Fettnäpfchen, in die Sie unwissend tappen können, ist groß. Wenn Sie sich darauf nicht gut vorbereiten, wird es Ihnen wie Torsten F. und Susanne M. ergehen, die sich bei ihrem ersten Aufenthalt in den USA fortlaufend blamieren. Geduldiger Begleiter des Blamagemarathons durch das vermeintlich unkomplizierte Amerika ist ihr Reisetagebuch, das durch einen ketchupverschmierten Zufall den Weg zu Kai Blum findet, der die vielen Fallstricke der amerikanischen Gesellschaft auch aus eigener Erfahrung kennt. Mit Humor und vielen wissenswerten Infos hat Kai Blum das Reisetagebuch kommentiert und somit ein Werk erschaffen, das es Ihnen ermöglicht, auf unterhaltsame Weise von den Fehlern anderer zu lernen und bei Ihrem eigenen USA-Aufenthalt die typischen Fettnäpfchen zu vermeiden. Aktualisierte und komplett überarbeitete Neuausgabe mit noch mehr Fettnäpfchen

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Kai Blum wurde 1969 in Rostock geboren und hat in Leipzig Germanistik, Geschichte und Amerikanistik studiert. Nebenher schrieb er dort für eine Lokalzeitung. 1994 wanderte er in die USA aus und wohnte anfangs in Washington, D. C. und später in Virginia sowie South Dakota. Ende der Neunzigerjahre zog er nach Michigan und seit 2015 wohnt er in Chicago. Beruflich war er bisher u. a. im Buchhandel, in einer Bibliothek und vor allem im Internet-Bereich tätig. Gegenwärtig arbeitet er im Bereich Suchmaschinen-Marketing. Kai Blum erhielt Anfang 2006 die amerikanische Staatsbürgerschaft.

MITTENDURCH UND DRUMHERUM

KAI BLUM

9., komplett überarbeitete und aktualisierte Auflage

© Conbook Medien GmbH, Neuss, 2019, 2010

Alle Rechte vorbehalten

www.conbook-verlag.de

Lektorat: Birgit Schmidt-Hurtienne, www.beesha.de

Einbandgestaltung: Weiß-Freiburg GmbH – Graphik & Buchgestaltung unter Verwendung eines Motivs von © istockphoto.com/smodj Satz: Röser MEDIA, Karlsruhe

Druck und Verarbeitung: CPI books GmbH, Leck

ISBN Print 978-3-95889-173-9ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-95889-232-3

Die in diesem Buch dargestellten Zusammenhänge, Erlebnisse und Thesen entstammen den Erfahrungen und/oder der Fantasie des Autors und/oder geben seine Sicht der Ereignisse wieder. Etwaige Ähnlichkeiten mit lebenden Personen, Unternehmen oder Institutionen sowie deren Handlungen und Ansichten sind rein zufällig. Die genannten Fakten wurden mit größtmöglicher Sorgfalt recherchiert, eine Garantie für Richtigkeit und Vollständigkeit können aber weder der Verlag noch der Autor übernehmen. Lesermeinungen gerne an [email protected]

INHALT

VORWORT

1 AUF DEM WEGNACH AMERIKA

25. Juli, Mitten über dem Atlantik

2 FLIEGENGITTER UND KONDOME

25. Juli, Ann Arbor, Michigan

3 IM TRETBOOT IN SEENOT

26. Juli, Ann Arbor, Michigan

4 DAS TISCHGEBET

26. Juli, Ann Arbor, Michigan

5 WASCHBÄREN UND DIE PEST

27. Juli, Ann Arbor, Michigan

6 GESUNDHEIT!

27. Juli, Ann Arbor, Michigan

7 ANDERE LÄNDER, ANDERE KNEIPENSITTEN

28. Juli, Ann Arbor, Michigan

8 AUSFLUG IN DIE MOTOR CITY

28. Juli, Ann Arbor, Michigan

9 HIGH NOON IM SUPERMARKT

29. Juli, Ann Arbor, Michigan

10 BLUTBAD IM STEAKHOUSE

29. Juli, Ann Arbor, Michigan

11 LOKAL-NACHRICHTEN

29. Juli, Ann Arbor, Michigan

12 NACH CHICAGO!

30. Juli, Chicago, Illinois

13 DIE SACHE MIT DER DUSCHE

30. Juli, Chicago, Illinois

14 COLD SORES

1. August, Chicago, Illinois

15 VON SCHOKO-LADENBÄLLEN UND HAIEN

1. August, Chicago, Illinois

16 PINKELN VERBOTEN!

2. August, Chicago, Illinois

17 SCHÜSSE IM KAUFHAUS

2. August, Chicago, Illinois

18 DOLLARMÜNZEN UND NASENBLUTEN

3. August, Chicago, Illinois

19 EINE STIMME UNTERSCHIED

4. August, Ann Arbor, Michigan

20 RECHTSABBIEGEN BEI ROT

4. August, Ann Arbor, Michigan

21 AUF UMWEGEN DIREKT NACH NORDEN

4. August, Traverse City, Michigan

22 STRANDSITTEN

5. August, Traverse City, Michigan

23 TANKSTELLEN OHNE CHEFKOCH

6. August, Traverse City, Michigan

24 IM DINER

6. August, Traverse City, Michigan

25 BRENNENDE HERZEN

6. August, Sleeping Bear Dunes, Michigan

26 VERWIRRTE FAHRRADFAHRER

6. August, Mackinac Island, Michigan

27 IM PARADIES

7. August, Paradise, Michigan

28 BÄREN UND BULLEN

8. August, Frankenmuth, Michigan

29 HÄHNCHENFEST

9. August, Ann Arbor, Michigan

30 ZU BESUCH BEI THOMAS MANN

10. August, Ann Arbor, Michigan

31 TORNADO-ALARM

11. August, Ann Arbor, Michigan

32 AN DEN NIAGARAFÄLLEN

12. August, Niagarafälle, Ontario/Kanada

33 ARZT UND SCHRECKEN

13. August, Ann Arbor, Michigan

34 BABY SHOWER

13. August, Ann Arbor, Michigan

35 TOPFGLÜCK UNDGEMÜSEPECH

14. August, Ann Arbor, Michigan

36 KAMPF DER TRAKTOREN

15. August, Flughafen Detroit, Michigan

37 ABSCHLIESSENDEGEDANKEN

ANHANG

Auf den Spuren von Torsten und Susanne im WWW

ANHANG

10 Dinge, die Sie getan haben müssen

ANHANG

10 Handlungen, die Sie unbedingt vermeiden sollten

GLOSSAR

VORWORT

Eigentlich ist es ja nicht meine Art, im Müll zu wühlen. Schon gar nicht in der Flughafen-Wartehalle von Detroit. Wie schnell könnte man doch mit einem Terroristen verwechselt werden, der da unter Papptellern und Pizzaresten eine Bombe verstecken will! Aber da ich vor dem Fliegen gehörige Angst habe, versuchte ich auch an jenem Tag Mitte August meine Nerven mittels Bierkonsum zu beruhigen – und der nahm mir dann anscheinend auch die Hemmung vor einem beherzten Griff in den Abfallbehälter.

Wie konnte ich auch widerstehen? Nach fast zwanzig Jahren Leben in den USA lechze ich nach jeder deutschen Silbe, und als ich dieses kleine Heft mit den fein säuberlich auf den Deckel geschriebenen Worten »Unser Reisetagebuch« im Müll liegen sah, konnte ich mich nicht einfach abwenden. Da siegte die Neugier sowohl über das Risiko einer Verhaftung als auch über den Ekel wegen der ketchupbeschmierten Essensreste, die auf dem Umschlag klebten und besagte Aufschrift um Haaresbreite verdeckt und damit dieses Kleinod deutscher Urlauber-Tagebücher beinahe für immer der Öffentlichkeit vorenthalten hätten.

Nachdem ich den Umschlag notdürftig mithilfe einiger Servietten gereinigt und die ersten Seiten gelesen hatte, wusste ich, dass ich mit meinem Verlag sprechen musste. Dort hatte man nämlich seit Längerem die Idee gehabt, »Fettnäpfchenführer« für eine ganze Reihe von Ländern herauszugeben. Da ich schon zwei andere Ratgeber für Neuankömmlinge in Amerika geschrieben hatte, war ich folgerichtig auch mit dem Verfassen eines Fettnäpfchen-Buches für die USA beauftragt worden. Das Leben schreibt jedoch bekanntlich die besten Geschichten, und mir war schnell klar, dass ich das gefundene Tagebuch nicht übertreffen konnte, sondern lediglich um einige Erklärungen ergänzen musste.

Hier nun also die Aufzeichnungen zur ersten USA-Reise von Torsten und Susanne inklusive meiner Anmerkungen und Erläuterungen, wie Sie die Fehler der beiden bei Ihrem eigenen Amerika-Aufenthalt von vornherein vermeiden können. Meine ergänzenden Informationen finden Sie hoffentlich auch interessant und unterhaltsam.

Ich wünsche Ihnen viel Spaß bei der Lektüre!

Kai Blum

1

AUF DEM WEG NACH AMERIKA

25. JULI, MITTEN ÜBER DEM ATLANTIK

Torsten | Heute fliegen wir zum ersten Mal in die USA, genauer gesagt nach Detroit im Bundesstaat Michigan. Wir werden dort unsere amerikanischen Freunde Mark und Sarah besuchen, die wir vor zwei Jahren auf der Buchmesse in Leipzig kennenlernten und die letztes Jahr mit uns an der Ostsee Urlaub gemacht hatten.

Die beiden wohnen in einer Stadt mit dem etwas merkwürdigen Namen Ann Arbor, die 64 Kilometer westlich von Detroit liegt. Auf Wikipedia habe ich gelesen, dass es dort eines der größten Sportstadien der Welt gibt, in das praktisch die gesamte Bevölkerung der Stadt hineinpasst, nämlich rund 113.000 Menschen. Die müssen ganz schön sportbegeistert sein!

Mark und Sarah werden uns am Flughafen abholen und wir bleiben zunächst ein paar Tage bei ihnen, damit wir uns an die USA gewöhnen können, besonders was die Sprache betrifft. Mein Englisch ist ja eigentlich ganz gut und ich war in den letzten Jahren auch ein paar Mal in London gewesen, aber wer weiß, ob das mit der amerikanischen Aussprache hinhauen wird. Susanne kann nicht so gut Englisch, glaube ich, da sie in der Schule hauptsächlich Russisch gelernt hat.

Nach der Eingewöhnungsphase in Ann Arbor fahren wir dann mit dem Zug nach Chicago im Bundesstaat Illinois und bleiben drei bis vier Tage dort. Eigentlich wollten wir ja unseren gesamten Urlaub in Michigan verbringen, aber Mark und Sarah hatten mehrmals betont, dass Chicago eine ganz tolle Stadt sei, die wir uns unbedingt ansehen sollten. Die Zugfahrt von Ann Arbor nach Chicago dauere außerdem nur fünf Stunden.

Und da so eine amerikanische Großstadt bestimmt ganz hektisch ist, wollen wir uns danach so richtig in der Natur erholen. Mark hatte uns erzählt, dass es im Norden von Michigan sehr schön sei. Viel Wasser und Natur. Sogar Bären, Wölfe und Elche soll es da geben. Klingt doch super! Wir werden uns ein Auto mieten und quer durch Michigan dorthin fahren. So ein Roadtrip ist sicher auch ganz spannend.

Unsere Freunde zu Hause hatten gesagt, dass wir sie auf Facebook über unsere Reise auf dem Laufenden halten sollen. Aber ich finde es ehrlich gesagt blöd, auch im Urlaub dauernd online zu sein. So haben Susanne und ich dann beschlossen, mal ein paar Wochen ohne Internet zu leben und unsere Erlebnisse in einem altmodischen Tagebuch per Hand aufzuschreiben. Ich komme mir jetzt schon wie Jack London vor …

2

FLIEGENGITTER UND KONDOME

25. JULI, ANN ARBOR, MICHIGAN

Torsten | Jetzt sind wir in den USA! Die Landung war perfekt, und auch bei der Passkontrolle gab es keine Probleme. Man hört ja immer, dass mit den amerikanischen Grenzbeamten nicht zu scherzen sei. Die Frau am Schalter wollte zwar genau wissen, wo ich hinwill und wie lange ich in den USA bleibe, war aber insgesamt gar nicht unfreundlich. Auch Susanne kam am Nachbarschalter ohne Probleme durch. Am Ausgang warteten Mark und Sarah auf uns. Sie waren braun gebrannt und frohgemut. Sarah war im achten Monat schwanger und kugelrund. Wir freuten uns alle riesig über das Wiedersehen.

Um zu ihrem Auto zu gelangen, führten Mark und Sarah uns durch ein Labyrinth aus Rolltreppen und Fahrstühlen in dem sehr modern aussehenden Flughafen. Die Wanderung endete jedoch in einem extrem schlecht beleuchteten Parkhaus, dem zu entkommen dann wegen der verwirrenden Ausschilderung auch gar nicht so einfach war. Mark fuhr erst einmal einige Runden im Kreis, ohne den Weg zum Ausgang zu finden. Aber schließlich ging es über verschiedene Rampen einige Stockwerke hoch zur Kasse und nach dem Bezahlen wieder hinab und durch einen Tunnel unter den Landebahnen hindurch, bis wir das Flughafengelände endlich verlassen konnten. Während unserer Irrfahrt spekulierten wir, ob der Architekt des Parkhauses Kafka-Fan war.

Draußen schien die Sonne, und wir sogen erst einmal die ersten Eindrücke von Amerika in uns auf. Alles war irgendwie größer: die Fahrspuren, die Autos und Laster sowie die Werbetafeln am Rand der Autobahn. Da sahen wir Werbung für eine Uni, ein Krankenhaus, ein Waffengeschäft und mehrere Anwaltskanzleien. Und von wegen in den USA wird langsam gefahren … Stimmt nicht! Auf der Autobahn rasen hier auch alle wie die Verrückten und überholen zudem rechts genauso wie links und ohne zu blinken. Auch die riesigen Brummis hielten sich nicht an die Geschwindigkeitsbegrenzung. Selbst einer dieser typisch amerikanischen Schulbusse war bei der Raserei auf der recht holprigen Fahrbahn dabei. Mark fluchte einmal lautstark, als er beinahe auf einen Langsamfahrer auffuhr, der sein Handy am Ohr hatte und ganz in ein Gespräch versunken war.

Dann ging’s plötzlich runter von der Autobahn und wir fuhren nach Ann Arbor hinein. Die Stadt gefiel uns auf den ersten Blick. Schöne Häuser und gepflegte Grünanlagen, wohin wir schauten. Im Stadtzentrum lag ein Restaurant neben dem anderen und die zahllosen Freisitze davor waren alle besetzt. Kellner balancierten mit gefüllten Biergläsern zwischen den Tischen hindurch. Die Leute schienen den Sommer in vollen Zügen zu genießen.

Mark und Sarah wohnten in einem sorgfältig restaurierten alten Holzhaus in der Nähe vom Stadtzentrum. Beim Betreten des Hauses wurden wir von einem Schäferhund namens Max stürmisch begrüßt. Der Hund war erst ein Jahr alt und deshalb immer noch sehr verspielt. Nachdem er sich etwas beruhigt hatte, führten uns Mark und Sarah durch das Haus. Es war ihnen anzumerken, dass sie sehr stolz darauf waren. Sie hatten es erst letztes Jahr gekauft und dann mehrere Monate lang renoviert.

Die riesige Küche sah aus wie aus dem Ikea-Katalog, und als ich dies erwähnte, lachte Sarah und sagte, dass es hier in der Gegend tatsächlich ein ei-kie-a-Kaufhaus gäbe und dass sie die Kücheneinrichtung dort gekauft hätten. Susanne meinte, sie hätte auch gerne so eine Küche – nur kleiner natürlich, denn alle Geräte sind hier viel größer als bei uns. Besonders der Kühlschrank, der gute zwei Meter hoch und beinahe genauso breit war und zwei gleich große Türen hatte: links für den Gefrierschrank und rechts für die normalen Lebensmittel. An der Gefrierschranktür gab es eine Vorrichtung, die Eiswürfel ausspuckte. Mark hatte damit unmittelbar nach unserer Ankunft bereits einige Gläser gefüllt und uns dann Cola eingegossen. Mir gefiel das, aber Susanne fand die Cola viel zu kalt und wollte am liebsten die Eiswürfel herausfischen. Irgendwie schmeckte die Cola auch anders als zu Hause.

Der Kühlschrank war mit einem Speisevorrat gefüllt, der sicher ein halbes Jahr reichen würde. Dass er so gigantisch ist, liegt sicher auch daran, dass die Verpackungen hier ebenfalls wesentlich größer sind als bei uns. Die Milch kommt hier z. B. in riesigen Plastikbehältern mit Griff. One gallon steht auf dem Etikett. Das sind beinahe vier Liter! Auf der Milch, auf den Eiern und auf den Äpfeln waren Sticker mit dem Wort organic aufgeklebt. Als ich fragte, was das bedeutet, erklärte Sarah, dass es sich dabei um Bioprodukte handelt und dass sie jetzt, da sie schwanger sei, auf gesunde Ernährung besonderen Wert legt. »Aber manchmal sündige ich auch.« Mit diesen Worten öffnete sie den Gefrierschrank und deutete auf einen kleinen Eimer, der sich bei näherer Betrachtung als eine riesige Packung Schoko-Eis herausstellte.

KENNZEICHNUNG VON (BIO-)OBST UND GEMÜSE

Obst aus Bio-Anbau kann man außer an der Kennzeichnung organic an einer aufgeklebten Nummer, dem sogenannten PLU code erkennen. Er hat eine fünfstellige Nummer, die mit einer neun beginnt, z. B. 94011. Normales Obst und Gemüse hat dagegen eine vierstellige Nummer, z. B. 4011. Aber Vorsicht: Der PLU code für genmanipuliertes Obst und Gemüse hat ebenfalls fünf Stellen, beginnt jedoch mit einer acht, also z. B. 84011.

Als wir in den Raum neben der Küche traten, dachte ich wegen des riesigen Flachbildschirms an der Wand zuerst an ein Kino, aber es war dann natürlich doch nur das Wohnzimmer. Ein kleiner Flur führte zu Sarahs Arbeitszimmer, das überquellende Bücherregale an allen Wänden hatte. Daneben war ein Klo mit Duschkabine. Auf der zweiten Etage befand sich ein riesiges Schlafzimmer, an das eine Kleiderkammer und ein eigenes Badezimmer angeschlossen waren. Das zukünftige Kinderzimmer, in dem wir schlafen, liegt gleich daneben. Es ist himmelblau gestrichen, denn die beiden erwarten einen Jungen.

Bei unserem Rundgang fielen mir einige Besonderheiten auf: In diesem Haus gibt es keine Türklinken, sondern nur Drehknöpfe. Die Fenster werden nicht aufgeklappt, sondern hochgeschoben und sind alle mit Fliegengittern versehen. Und die Toilettenspülkästen sind mit schätzungsweise fünf Litern Wasser gefüllt, die jedes Mal komplett weggespült werden. Eine Zweistufenregelung wie bei uns scheint es hier nicht zu geben.

Nachdem wir drinnen alles gesehen hatten, begaben wir uns auf die aus Holz gebaute Veranda hinter dem Haus, die Mark und Sarah »deck« nannten. Dort stand ein gigantischer, mit Propangas betriebener Grill, der so groß war, dass man mit ihm mühelos einen ganzen Fußballverein auf einmal mit Bratwürsten versorgen könnte. Die tennisplatzgroße Rasenfläche, die den gesamten Garten bedeckte, war kurzgeschnitten und sah absolut perfekt aus, ebenso wie der Rasen vor dem Haus. Bei den Nachbarn war auch alles makellos.

Rings um den Rasen steckten kleine Fähnchen im Boden. Sie trugen alle die Aufschrift invisible fence. Wo der Deutsche einen massiven Zaun hat, um sein Grundstück abzugrenzen, reichen hier offenbar ein paar Fähnchen. Aber nachdem ich mich diesbezüglich lobend geäußert hatte, lachte Mark und sagte: »Schau mal!«

Er hielt Max einen Tennisball vor die Nase und warf ihn dann in Richtung Nachbargrundstück. Der Hund rannte zuerst blitzschnell hinterher, blieb dann aber wie angewurzelt stehen, als der Ball an einem der Fähnchen vorbei rollte. Er bellte in Richtung Ball, ging aber nicht weiter. Mark rief Max zu uns und wies mich auf eine kleine Schachtel an seinem Halsband hin.

»Hier ist ein Funkempfänger drin. Die Fähnchen markieren Sensoren, die ein Signal senden, wenn Max zu nahe kommt.«

»Verstehe ich nicht.«

»Max bekommt jedes Mal einen leichten Stromschlag versetzt, wenn er dem unsichtbaren Zaun zu nahe kommt. Er hat so ganz schnell gelernt, wo die Grundstücksgrenze verläuft.«

Als ich das hörte, musste ich unwillkürlich an die Selbstschussanlagen an der ehemaligen innerdeutschen Grenze denken. Den Machthabern in der DDR hätte die Technologie des unsichtbaren Zaunes sicher gefallen. Ich stellte mir in Gedanken vor, wie die Menschen im Osten alle eine kleine Plastikschachtel am Hals trugen.

»Träum nicht!« Susanne riss mich aus meinen Gedanken. Sie zog mich, Mark und Sarah folgend, in die Garage. Dort standen ein kleiner Traktor, der sich als Rasenmäher entpuppte, auf dem man sitzen konnte, sowie zwei Fahrräder, mit denen Sarah und Mark oft zur Arbeit fahren. Mark arbeitet als Pfleger im Krankenhaus und Sarah als Lektorin im Universitätsverlag. Deshalb war sie auch vor zwei Jahren auf der Buchmesse in Leipzig gewesen. Der Verlag, bei dem Susanne arbeitet, hatte einen Stand in der gleichen Halle. Die beiden waren ins Gespräch gekommen, als Sarah ein Becher Kaffee genau vor Susannes Stand aus der Hand rutschte und diese ihr beim Aufwischen half.

Sarahs Verlag hat dann letztes Jahr ein Buch aus Susannes Verlag übernommen, das sich sehr erfolgreich in den USA verkaufte, nachdem es eine gute Kritik in der New York Times erhalten hatte. An unserem letzten Tag hier soll Susanne nun in Sarahs Verlag einen Vortrag zum deutschen Buchmarkt halten und Möglichkeiten für eine weitere Zusammenarbeit zwischen den beiden Verlagen besprechen. Sie ist schon ganz schön aufgeregt deswegen, weil ihr Englisch ja nicht so gut ist, aber Sarah hat gesagt, dass sie sich keine Sorgen machen solle.

Nachdem uns unsere Gastgeber Haus und Garten gezeigt hatten, wollten wir ein wenig spazieren gehen und die Nachbarschaft erkunden. Wir waren zwar hundemüde, aber nach dem stundenlangen Sitzen im engen Flugzeug würde es uns bestimmt gut tun, wenn wir uns etwas die Beine vertraten. Zudem war es ein sehr schöner Sommerabend und ins Bett gehen, solange es noch hell war, konnten wir irgendwie auch nicht.

Sarah und Mark, die noch ein kleines Abendbrot vorbereiten wollten, fragten uns, ob wir Max auf unseren Spaziergang mitnehmen würden. »Er kann euch ja die Gegend zeigen«, sagte Mark und legte dem aufgeregten Vierbeiner eine Leine an. Er gab uns auch eine Plastiktüte mit, falls Max number two machen würde. Auf Nachfrage erklärte Mark lachend, dass Pinkeln number one ist – was number two sei, könnten wir uns dann doch sicher denken. Wie wir später mehrmals sahen, schien es hier bei den Herrchen und Frauchen selbstverständlich zu sein, pflichtbewusst die Hinterlassenschaften ihrer Hunde per Plastiktüte von den gepflegten Rasenflächen vor den Häusern zu entfernen.

Die Nachbarschaft war wirklich schön. Fast alle Häuser waren aus Holz gebaut und in den verschiedensten Farben gestrichen, wobei Weiß, Gelb und Grün überwogen. Vereinzelt gab es auch gemauerte Häuser, die allesamt unverputzt waren. Der ganze Stadtteil war sehr grün. Es gab saftige Rasen mit Blumen vor und hinter den Häusern und viele alte Bäume, die eine Menge Schatten spendeten. Richtige Zäune gab es fast keine, aber wir kamen an einem weiteren unsichtbaren Zaun vorbei, mit einem Hund auf der anderen Seite, der uns zuerst aufmerksam beäugte, dann wegen Max wie verrückt bellte und ärgerlich hin und her lief – aber letztendlich wohl doch keine Lust auf einen Stromschlag hatte.

Die Leute, denen wir auf unserem Spaziergang begegneten, grüßten uns alle sehr freundlich. Bis auf eine Ausnahme: Als wir eine große Grünanlage durchquerten, ließen wir Max von der Leine und warfen einen Stock, den er freudig zurückbrachte. Wir wiederholten das einige Male, bis Max plötzlich einen kleinen Hund entdeckte, der von seinem Frauchen spazieren geführt wurde. Er lief sofort zu seiner Entdeckung, worauf die Frau sehr ärgerlich wurde und ihren Hund auf den Arm nahm. Als sie uns sah, rief sie uns einige wütende Worte zu, die wir aber nicht verstanden. Wir riefen Max’ Namen mehrere Male, bevor er auch zurückkam und wir unseren Spaziergang schleunigst fortsetzten. Warum die Frau so ärgerlich war, habe ich nicht so richtig begriffen – Max ist nun wahrlich kein aggressiver Hund.

Nach unserem Spaziergang ist dann noch etwas sehr Lustiges passiert: Ich war schon mit Sarah und Mark auf der Veranda, wo Letzterer den Grill angeworfen hatte. Susanne wollte, nachdem sie auf dem Klo war, auch rauskommen und schritt freudig durchs Wohnzimmer auf uns zu. Als sie bei der Verandatür ankam, passierte es! Die Glastür war zwar zur Seite geschoben, aber es gab da noch eine extra Schiebetür mit einem Insektengitter, in die Susanne voll reingerannt ist. Sie hat die Tür komplett ausgehebelt und ist zu uns auf die Veranda gestürzt! Das war ein richtig filmreifer Stunt! Schade, dass ich keine Videokamera dabei hatte!

Mark meinte, dass es hier die Fernsehsendung America’s Funniest Home Videos gibt, die sich auf derartige Heimvideos spezialisiert hat und dass man da sogar viel Geld bekommen kann, wenn den Zuschauern das Video gefällt. Ich wollte Susanne dazu überreden, den Stunt vor laufender Kamera noch einmal zu wiederholen, aber sie hatte irgendwie keine Lust, in Amerika berühmt zu werden.

Susanne | Ich hatte das Fliegengitter überhaupt nicht gesehen. Woher sollte ich denn wissen, dass da eins war? Das kann doch wohl jedem passieren! Aber Torsten ist auch was Peinliches unterlaufen: Er hat Mark nach einem Radiergummi gefragt, worauf dieser ihm dann ein Kondom gegeben hat. Von wegen gutes Englisch! Das kann ja noch was werden …

An die Klimaanlage muss ich mich auch erst einmal gewöhnen. Im Haus herrscht eine Eiseskälte, die aus diversen Luftschächten geblasen kommt. Sarah und Mark scheinen es so kalt zu mögen, auch im Auto hatte ich schon gefroren – da lief die Klimaanlage ebenfalls auf Hochtouren. Sarah fragte mich, ob mir kalt war, aber ich wollte mich nicht gleich beschweren, wir waren ja gerade erst angekommen. Heute Nacht lassen wir dann einfach das Fenster auf, sonst holen wir uns hier am ersten Tag schon eine Erkältung.

Was ist diesmal schiefgelaufen?

Warum war die Besitzerin des kleinen Hundes wütend, als Max, der ein Jahr alte Schäferhund, auf sie zugelaufen kam? Die Frage ist einfach zu beantworten: Hunde werden in den USA grundsätzlich an der Leine geführt. Einige Leute reagieren recht unwirsch, wenn man dies nicht beachtet. Vielerorts bekommt man zudem einen Strafzettel, wenn man seinen Hund außerhalb des eigenen Grundstücks frei herumlaufen lässt. Außerdem kann man in den USA als Hundebesitzer auf hohe Geldsummen verklagt werden, wenn das Tier jemanden beißt. In Restaurants darf man Hunde nicht mitnehmen und in Geschäfte nur dann, wenn es ein Schild mit einer entsprechenden Einladung gibt, z. B. pets welcome. In öffentliche Verkehrsmittel dürfen Hunde nur dann, wenn es sich um Vierbeiner handelt, die Behinderten zur Seite stehen.

Susannes Ungeschick mit der Fliegengittertür kann eigentlich jedem passieren, der nicht weiß, dass in amerikanischen Häusern in der Regel nicht nur alle Fenster ein Fliegengitter haben, sondern dass es neben der eigentlichen Balkon- oder Verandatür meistens auch noch eine weitere locker eingehängte Schiebetür gibt. Sie besteht aus einem sehr dünnen, leichten Rahmen und einem sehr straffen und feinmaschigen Fliegengitter, sodass man die Verandatür auf- und frische Luft hineinlassen kann. Besonders am Abend werden zugleich Fliegen und Mücken gehindert einzudringen. Wenn man nicht weiß, dass es eine solche Tür gibt und man den Blick eher auf etwas anderes gerichtet hat, z. B. auf Freunde, die draußen auf der Veranda sitzen, so wie das bei Susanne der Fall war, kann man das Fliegengitter schon mal übersehen und dagegen laufen. Wegen ihrer Leichtbauweise geben diese Türen schnell nach und lassen sich ohne Weiteres aus der Aufhängung drücken. Das erneute Einhängen ist zum Glück auch sehr einfach.

Und warum hat Torsten von Mark ein Kondom bekommen, als er nach einem Radiergummi fragte? Er hat um einen rubber gebeten, so wie er es in der Schule gelernt hatte. In den USA wird ein Radiergummi jedoch als eraser bezeichnet. Unter rubber versteht man hier ein Kondom. American English unterscheidet sich vom British English hauptsächlich durch die Aussprache, aber auch in Rechtschreibung und Wortschatz. Also war es kein Wunder, dass Mark Torsten missverstanden hat, als dieser um einen rubber bat.

AMERICAN ENGLISH VS. BRITISH ENGLISH

Bezeichnung

Großbritannien

USA

brew

Tee

Bier

casket

Schmuckkästchen

Sarg

entrée

Anfangs-/Zwischenspeise

Hauptgericht

fag

Zigarette

Schwuler

first floor

Stockwerk über Erdgeschoss

Erdgeschoss

football

Fußball

American football

geezer

Gangster

alter Knacker

hockey

Feldhockey

Eishockey

hole-in-the-wall

Geldautomat

kleines, unbekanntes Restaurant

holiday

Ferien, Urlaub

Feiertag

homely

gemütlich

unattraktiv, in Bezug auf eine Person

jam

Marmelade

Konfitüre

mad

verrückt

verärgert

Mid-Atlantic

Mitte des Atlantiks

Mitte der Atlantikküste der USA

muffin

flache, brötchenähnliche Backware,

kuchenähnliche Backware, die es auch in Deutschland gibt

pants

Unterhose

Hose

pavement

Bürgersteig

Straßenbelag

purse

Geldbörse für Frauen

Handtasche

restroom

Pausenraum

öffentliche Toilette

to ring s.o. up

jemanden anrufen

jemanden an der Kasse bedienen

run-in

der letzte Teil eines Wettrennens

Konflikt

semi

Doppelhaushälfte

Sattelschlepper

sherbet

Brausepulver

Sorbet, das auch etwas Milch als Zutat enthält

silverware

Dinge aus Silber

Besteck

tradesperson

Verkäufer

Facharbeiter

tube

U-Bahn

Fernseher

In der Rechtschreibung gibt es folgende Hauptunterschiede: Die meisten Wörter, die im British English auf den unbetonten Silben -our (z. B. colour, flavour, neighbour) und -re (centre, litre, theatre) enden, werden im American English mit -or (color, flavor, neighbor) bzw. -er (center, liter, theater) geschrieben. Ferner wird im American English die Endung -ize (organize, realize, recognize) verwendet, während im British English oft die Endung -ise (organise, realise, recognise) geschrieben wird. Außerdem haben manche Wörter im Britischen ein Doppel-l, im Amerikanischen jedoch nur ein l: cancelled/canceled, modelling/modeling, travelling/traveling. Andererseits schreiben die Amerikaner bestimmte Worte lieber mit Doppel-l, die Briten jedoch nur mit einem l: fulfil(l)ment, enrol(l)ment, instal(l)ment. Auch im Zusammenhang mit Ableitungen und Nachsilben gibt es Unterschiede in der Buchstabierung verschiedener Wörter, wie z. B. ageing (British English) und aging (American English).

Bei der Aussprache gibt es keine wirkliche Standardversion des American English. Nachrichtensprecher und Schauspieler nehmen jedoch oft Unterricht, um ohne erkennbare regionale Akzente sprechen zu lernen. Dieses Englisch wird mitunter Standard American English genannt. Die regionalen Unterschiede innerhalb des American English sind allerdings wesentlich geringer als die Unterschiede innerhalb des British English. Als Nichtamerikaner kann man vielleicht erkennen, dass jemand aus den Südstaaten kommt. Aber bei den anderen Gegenden, z. B. beim Mittleren Westen, wird das schon wesentlich schwerer. Die Unterschiede sind für das ungeschulte Ohr oft kaum bemerkbar. Zudem entwickelt sich die Sprache ständig weiter, und bei jüngeren Leuten haben Sprachwissenschaftler in den letzten Jahren zunehmend Dialektangleichungen beobachtet.

AFRICAN-AMERICAN VERNACULAR ENGLISH

Afroamerikaner sprechen teilweise einen Dialekt, der in der Sprachwissenschaft African-American Vernacular English und in der Umgangssprache Ebonics genannt wird. Dieser Dialekt vereint Einflüsse des Southern American English der ehemaligen Sklavenhalter-Staaten im Süden der USA und westafrikanischer Sprachen.

African-American Vernacular English zeichnet sich durch Unterschiede in Aussprache, Grammatik und Wortschatz aus. So betonen viele Afroamerikaner z. B. die erste Silbe in Wörtern wie police, guitar und Detroit, während weiße Amerikaner die zweite Silbe betonen. In der Grammatik gibt es u. a. zusätzliche Möglichkeiten, die Vergangenheit auszudrücken, z. B. I been bought it oder I done buy it. In der Negierung wird häufig ain’t verwendet, z. B. I ain’t know that. Auch eine doppelte Negierung ist oft anzutreffen: I didn’t go nowhere.

Während viele Weiße das African-American Vernacular English schlichtweg als fehlerhaftes Englisch bewerten, sehen Sprachwissenschaftler es in der Regel als Dialekt des American English an. Eine Minderheit betrachtet es sogar als eigenständige Sprache. Wie dem auch sei, auf jeden Fall haben wir der afroamerikanischen Umgangssprache den mittlerweile fast weltweit verbreiteten Slang-Gebrauch des Wortes cool zu verdanken.

3

IM TRETBOOT IN SEENOT

26. JULI, ANN ARBOR, MICHIGAN

Torsten | Ann Arbor liegt an einem Fluss, dem Huron River, und es gibt gar nicht weit vom Stadtzentrum den schönen Gallup Park, wo das Wasser zu einem See aufgestaut wurde. Zu diesem Park sind wir nach dem Frühstück mit Mark gefahren, der heute Spätschicht hatte. Beim Spazierengehen kamen wir nach einigen Minuten an einem Bootsverleih vorbei und wir entschieden uns spontan zu einem kleinen Ausflug auf dem Wasser. Das Wetter war einfach herrlich!

Wir liehen uns einen Wassertreter aus, weil Susanne das so wollte, und Mark nahm ein Kanu. Dass wir uns dann alle Schwimmwesten anlegen sollten, fand ich aber total übertrieben. Ich stieg einfach ohne eine solche auf den Wassertreter. Da hatte ich die Rechnung aber ohne den Angestellten des Bootsverleihs gemacht, der vehement darauf bestand, dass ich meine Weste tragen müsse. Als ob wir kleine Kinder wären … Zuvor hatten wir schon unterschreiben müssen, dass wir den Verleih nicht verklagen würden, falls uns etwas passierte. Beim Fallschirmspringen oder Bergsteigen hätte ich das ja verstanden, aber ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass wir beim Wassertreten dem Tod ins Auge sehen würden.

Nun ja, wir stießen dann schließlich in See und anfangs lief auch alles ganz wunderbar. Aber als wir in etwa die Seemitte erreicht hatten und ich gerade meine Schwimmweste ablegen wollte, funktionierte plötzlich das Steuerruder nicht mehr. Irgendwas schien zu klemmen. Für uns bedeutete dies, dass wir uns nur noch im Kreis bewegen konnten. Susanne bekam es mit der Angst zu tun. Auch ich wusste nicht, wie wir es zum Ufer schaffen würden. Schwimmen wollte ich nicht unbedingt. Susanne würde vielleicht sogar ernsthafte Probleme bekommen, denn sie war wahrhaftig keine Wasserratte.

Mark hatte schließlich die rettende Idee: Er schlug mit seinem Paddel kräftig gegen das Ruderblatt und schaffte es tatsächlich, dieses so auszurichten, dass wir zumindest geradeaus und in Richtung Ufer fahren konnten. Wir traten kräftig drauflos und hielten direkt auf einige Leute zu, die dort auf einer Bank saßen und total verdutzt schauten, als ich ins kniehohe Wasser sprang und den Treter mit der schluchzenden Susanne darauf so nah wie möglich ans Ufer zog.

Nachdem ich Susanne geholfen hatte, einigermaßen trocken an Land zu kommen, machten wir uns zu Fuß auf den Rückweg zum Bootsverleih, wo wir uns mit Mark treffen wollten.

Die Leute am Ufer staunten wahrscheinlich nicht schlecht, dass wir den Wassertreter einfach so zurückließen. Ich hatte keine Lust, die Umstände zu erklären – dazu war ich einfach zu sauer. Aber jetzt wurde mir wenigstens klar, warum der Bootsverleih solchen Wert darauf legte, dass alle Kunden eine Schwimmweste trugen und auf mögliche Klagen von vornherein verzichteten. Plötzliches technisches Versagen aufgrund von akuter Materialermüdung schien hier beileibe kein Einzelfall zu sein. Wer weiß, wie viele Wassertreter schon auf dem Grunde dieses Sees ruhten …

Während ich in derartige Gedanken versunken war, hörte ich in einiger Entfernung hinter mir eine Stimme, die irgendwie vertraut klang. Neugierig drehte ich mich um und sah, wie Susanne sich mit einem älteren Herrn im Gras wälzte und schimpfte, während ein anderer Mann und ein kleiner Hund dabei zuschauten. Was war denn da los? Ich begriff erst einmal gar nichts. Der Rentner, der auf Susanne lag, trug Rollschuhe und versuchte vergeblich, wieder auf die Beine zu kommen.

»Nun guck doch nicht so blöd«, rief Susanne, die immer noch ihre Schwimmweste trug, zu mir herüber. »Hilf uns lieber!« Gemeinsam mit dem Hundebesitzer gelang es mir, den Herrn wieder auf die beräderten Beine zu stellen. Er sah etwas mitgenommen aus, rückte aber beherzt seinen Helm zurecht und entschuldigte sich vielmals bei Susanne. Aber eigentlich war es wohl eher ihre Schuld gewesen, dass es zu diesem Zusammenstoß kam. Sie hatte, statt mir zu folgen, mit dem Hündchen gespielt und war dabei in die Bahn des Rollschuh laufenden Senioren geraten.

Zum Glück wurde niemand verletzt! Das wäre auch was gewesen, wenn Susanne, nachdem sie gerade dem Ertrinken entkommen war, nun doch noch im Krankenhaus gelandet wäre – oder wenn der sportliche Opa sich das Genick gebrochen hätte. (Überhaupt, das ist uns heute mehrmals aufgefallen, scheinen ältere Leute hier viel aktiver zu sein als in Deutschland.)

Mark wartete am Bootsverleih auf uns. Sein Rückweg auf dem Wasser war wesentlich kürzer und ereignisärmer gewesen als unserer auf dem Landweg. Er hatte den Leuten vom Verleih schon erklärt, was passiert war und wir bekamen daraufhin ohne Weiteres unser Geld zurückerstattet.

Nach diesem Abenteuer brauchten wir erst einmal eine Stärkung. Deshalb sind wir kurz bei McDonald’s vorbeigefahren. Mark wollte aber nicht anhalten, sondern schnell durch den drive-thru gehen. Damit meinte er den Drive-in. Das gehe viel schneller, sagte er voller Überzeugung. Als wir an der Wechselsprechanlage anhielten, fragte uns Mark, was wir haben wollten.