Fettnäpfchenführer Vietnam - David Frogier de Ponlevoy - E-Book

Fettnäpfchenführer Vietnam E-Book

David Frogier de Ponlevoy

4,0

Beschreibung

Wissen Sie, wieso man in Vietnam Geld verbrennt? Weshalb Sie hier geradeheraus auf Ihre Körperfülle angesprochen werden, ansonsten jedoch meist um den heißen Brei herumgeredet wird? Warum Sie keiner versteht, wenn Sie versuchen, Vietnamesisch zu sprechen, es aber sehr gut sein kann, dass der Taxifahrer plötzlich auf Deutsch antwortet? In diesem Buch begleiten Sie Nina, die in Hanoi für eine deutsche Klimaschutzorganisation arbeitet, und Florian, der Vietnam als Tourist besucht, durch das Labyrinth des vietnamesischen (Großstadt-)Dschungels. Dabei führen wir Sie vorbei an den häufigsten Fettnäpfchen, Irrtümern und Missverständnissen und entdecken bemerkenswerte Besonderheiten. Kommen Sie mit auf eine Reise durch das Wunderland der winzigen Plastikstühle, komplizierten Anredepronomen, des proaktiv-fröhlichen Hupens und trickreichen Feilschens – und werden Sie in unserem Crashkurs zum Lächelprofi.

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Seitenzahl: 297

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David Frogier de Ponlevoy hat von 2006 bis 2014 in Vietnam als Journalistenausbilder, PR-Berater, Moderator, Stadtführer und Publizist gearbeitet. In diesen acht Jahren hat er unter anderem mit 30 anderen Passanten an einer (sehr kleinen) Bushaltestelle vor einem Hagelsturm Zuflucht gesucht, ist gemeinsam mit dem nationalen Opernensemble aufgetreten, hat zwei deutschen Außenministern den Literaturtempel gezeigt, auf einem abgelegenen Markt Blutegelschutzstrümpfe gekauft und um 4 Uhr morgens mit Einheimischen am Rande des Urwalds die Fußball-WM im Fernsehen verfolgt, bis der Strom ausfiel. Seit seiner Rückkehr arbeitet er in Darmstadt als Redakteur und fragt sich manchmal, wie viel davon er nur geträumt hat.

Die Schweizerin Anemi Wick ist seit Anfang 2009 in Vietnam und Südostasien unterwegs – als Journalistin, Kolumnistin, Multimedia-Produzentin, Medien- und Kommunikationsberaterin, Zeichnerin, Reisende, Studentin, (Computerspiel-)Übersetzerin und Expertin für alles Mögliche. Ihre Heimat verlassen hatte sie jedoch schon früher: 2002 kam sie als Austauschstudentin nach Berlin, wo sie dann hängen blieb und sechs Jahre als freie Journalistin arbeitete, unter anderem für die Berliner Morgenpost, Die Welt und die Welt am Sonntag. Sie studierte Soziologie und Publizistik- und Medienwissenschaften in Zürich und Berlin und ist Absolventin der Schweizer Journalistenschule MAZ und des Diplomstudiengangs Multimedia Journalism am Konrad Adenauer Asian Center for Journalism.

WO DER BÜFFEL ZWISCHEN DEN ZEILEN GRAST

DAVID FROGIER DE PONLEVOY UND ANEMI WICK

6., komplett überarbeitete und aktualisierte Auflage

© Conbook Medien GmbH, Neuss, 2019, 2013

Alle Rechte vorbehalten

www.conbook-verlag.de

Lektorat: Christiane Barth

Einbandgestaltung: Weiß-Freiburg GmbH – Graphik & Buchgestaltung unter Verwendung eines Motivs von © shutterstock.de/marie martin

Illustrationen im Innenteil: Anemi Wick

Satz: Röser MEDIA, Karlsruhe

Druck und Verarbeitung: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN: 9783958892903

Die in diesem Buch dargestellten Zusammenhänge, Erlebnisse und Thesen entstammen den Erfahrungen und/oder der Fantasie der Autoren und/oder geben ihre Sicht der Ereignisse wieder. Etwaige Ähnlichkeiten mit lebenden Personen, Unternehmen oder Institutionen sowie deren Handlungen und Ansichten sind rein zufällig. Die genannten Fakten wurden mit größtmöglicher Sorgfalt recherchiert, eine Garantie für Richtigkeit und Vollständigkeit können aber weder der Verlag noch die Autoren übernehmen. Lesermeinungen gerne an [email protected]

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INHALT

DANKE

VORWORT

In einem Café in Hanoi

1 DIE WELT UMARMEN?

Begrüßungsrituale und Körperkontakt

2 VIETNAM, UNGEBREMST

Überlebenstraining für Fußgänger

3 GELD VERBRENNEN AM STRASSENRAND

Über Religion, Glücksbringer und Wahrsagerei

4 RUNTER KOMMEN SIE NICHT ALLE

Alles hat seinen Preis – die Frage ist, welchen

5 IST DA DER WURM DRIN?

Essen auf der Straße

6 DINGS, ETWA SO GROSS

Sprachlos beim Einkaufen

7 LACHT SIE ETWA ÜBER MEINE UNTERHOSEN?

Die Sache mit der Putzfrau

8 BRÜLLEN, BIS DER EM OI KOMMT

Bestellen im Restaurant

9 GIBT’S DAS AUCH ’NE NUMMER GRÖSSER?

Das Fiasko im Kleiderladen

10 LET THE SUNSHINE IN!

Erbleichen erwünscht

11 WAS KOSTET EINE IRRFAHRT?

Wie man eine Taxifahrt meistert

12 GEHEIMCODE HANDWEDELN

Von wegen mit Händen und Füßen reden

13 DAS ZIEL IST DER WEG

Verirren ist menschlich

14 DER FREMDE IM SCHLAFZIMMER

Wenn die Handwerker kommen

15 GIBT’S HIER EIGENTLICH SCHLANGEN?

Sich (nicht so) anstellen in Vietnam

16 KÖNNEN DIE NICHT »BITTE« SAGEN?

Das Geheimnis der Höflichkeit

17 KALTER HUND UND SCHLANGENHERZ

Kann man das essen?

18 VORSICHT BEIM LÄSTERN!

Wenn Vietnamesen plötzlich Deutsch verstehen

19 HAST DU ZUGENOMMEN?

Vom tabulosen Smalltalk

20 NA, KLEINE, WARST DU DENN SCHON MAL IM INTERNET?

In Sapa zwischen Wifi und Wasserbüffeln

21 JA, IST DENN HEUT’ SCHON JUNI?

Im Zeichen des Mondkalenders 6

22 WER ARBEITET HIER EIGENTLICH?

Von der Kunst, die Leute auseinanderzuhalten

23 WIE HEISST DENN NUN DIE STADT IM SÜDEN?

Saigon oder Ho-Chi-Minh-Stadt?

24 WUSCHELN, GRABSCHEN, FREMDERZIEHEN

Unterwegs mit einem Baby

25 ES MUSS NICHT IMMER LUSTIG SEIN

Lächeln für Fortgeschrittene

26 THUY ODER THUY?

Gefangen im Labyrinth der Namen

27 LAUTER NULLEN

Und wie soll ich das bloß bezahlen?

28 ABER ER HATTE DOCH »JA« GESAGT ...

Von den Tücken der Kommunikation

29 DIE DONGS IM BRIEFUMSCHLAG

Einladung zu Hochzeitsfeiern, Totenehrungen und Geburtstagen

30 »HALLO?!«

Telefonieren in jeder Lebenslage

31 SCHLAFEN DIE ALLE HIER?

Was einen bei einer privaten Einladung erwartet

32 ZWISCHENLANDUNG IM SCHÄLCHEN

Die wichtigsten Tischsitten

33 GOCKEL GEGEN PRESSLUFTHAMMER

Der Aufschwung ist unüberhörbar

34 ZIEH! DICH! AUS!

An- und Entspannung bei Massage und Spa

35 SIEG ODER FRIEDEN?

Was es mit der ominösen Foto-Pose auf sich hat

36 MOT, HAI, BA, LEBERZIRRHOSE?

Diplomatisches Saufen und unmoralische Angebote

37 KOMMUNISTEN IN DER SHOPPINGMALL

Politik und Wirtschaft auf dem langen Scheideweg

38 VIETNAM, DU NERVST

Wenn der Kulturschock zuschlägt

39 HEN GAP LAI VIET NAM

Der Abschied, und eine Art Schlusswort

ANHANG

Literaturverzeichnis

ANHANG

10 Dinge, Die man in Vietnam getan haben muss

ANHANG

10 Dinge, mit denen Sie sich auf jeden Fall blamieren

ANHANG

Glossar

DANKE

Anemi möchte sich bedanken bei Hùng, Phương, Lan, Liên, Nga, Mạnh, Cường, Tú, Tuấn, Vu, Chan, Thúy, Nga, Hằng, Đức, Hải Vân, Hoa, Dung, Nhân, Nora, Sascha, Daria, Oliver, Philipp, Jenni, André, Stefanie, Doug, Mathias, Geno, Helen, Malte, Marleen, Amber, Mandy, Jamir, Pippa, Erin, Gitta, Ashley, Dana, Lucas, Andreas, Jonas, Anna, Dave, Karen, Anne, Katharine, Jelena, Evee, Jessica, Julia.

David möchte sich bedanken bei Thu Hà, Song Hà, Hạnh, Hoàng Anh, Ngọc, Châu, Thơ, Hải, Hà, Mai Lan, Laura, Vân, Christian, Joe, Tilo, Elke, Sam, Hiền, Marc, Thu, Peter, »Tante« Bác Minh und »Onkel« Bác Kiên, seinen Schwiegereltern, Cô Thơm, dem unbekannten Motorradmonteur und ganz vielen anderen namenlosen Verkäufern, Handwerkern, Taxifahrern, Busgästen und Menschen im Park, die in einem kurzen Gesprächsmoment mehr erklärt haben als hundert Bücher.

Hinweis: Einheimische und Ausländer unterhalten sich in Vietnam meist auf Englisch (wenn nicht auf Vietnamesisch). In diesem Buch wurden solche Gespräche eingedeutscht. Ebenfalls eingedeutscht wurden der Einfachheit halber einige geläufige vietnamesische Ortsnamen (zum Beispiel Vietnam und Hanoi). Vietnamesische Namen von Personen wurden in ihrer vietnamesischen Schreibweise belassen. Deswegen erhält Hồ Chí Minh die vietnamesischen Tonalzeichen, Ho-Chi-Minh-Stadt jedoch nicht.

VORWORT

IN EINEM CAFÉ IN HANOI

David: »Die Episode über die Schweineschwänze gefällt mir echt gut, aber dass die gleichzeitig gedämpften Hund servieren, ist etwas übertrieben – da sollten wir vielleicht was ändern.«

Anemi: »Die Szene ist Wort für Wort wahr ... Aber deine Betel kauende alte Frau im Pyjama, die an dem Baby herumzerrt, die find ich zu arg klischeehaft.«

David: »Klischeehaft? Die hab ich eins zu eins aus dem Gedächtnis kopiert. Absolute Klasse, die Frau! Und was machen wir jetzt mit dem Schmatzen beim Essen?«

Anemi: »Hmmm ... Lass uns noch eine Rundmail verschicken.«

Manche Anekdoten konnten wir uns gegenseitig selbst nicht glauben – wenn sie nicht wahr wären, wären sie schlecht erfunden. Dieses Buch enthält Erlebnisse, die wir in unseren Jahren in Vietnam gesammelt haben. Die Protagonisten in diesem Buch sind frei erfunden. Zahlreiche ihrer Abenteuer aber haben wir selbst so erlebt, ergänzt haben wir sie durch Erzählungen aus unserem Freundeskreis. Die Erklärteile zu den Episoden setzen sich zusammen aus Gesprächen, aus Fachliteratur, aus Medienberichten und aus unseren eigenen Erfahrungen und Einschätzungen. Wir haben zusammengetragen, hinterfragt, ergänzt, wir haben oft gelacht, immer wieder gestaunt, und manchmal sind wir nachdenklich geworden. Aus all dem entstand dieses Buch.

Wir laden Sie ein auf eine turbulente Reise durch das Wunderland der Reisschnapsgläschen, der Hautbleich-Cremes, der neugierigen Handwerker und komplizierten Anredepronomen.

Anemi Wick und David Frogier de Ponlevoy

Hanoi, im Jahr der Schlange

1

DIE WELT UMARMEN?

BEGRÜSSUNGSRITUALE UND KÖRPERKONTAKT

Nina hört das Taxi in die Gasse rollen. Sie tritt auf ihre Dachterrasse und spürt auf der Haut die unsichtbare, dicke Wand aus feuchtheißer Luft, auf der ein dunstig grauer Himmel sitzt. Der Himmel über Hanoi, der Hauptstadt Vietnams im Norden des Landes.

Es ist noch früh, kurz nach sieben Uhr. Phương, Ninas Kollegin aus dem Büro, hatte schon vor einer halben Stunde unten geklingelt. Sie hatte Drachenfrüchte, Mangostanfrüchte und Rambutans zum Frühstück mitgebracht. Nachher wollen sie gemeinsam zu einem Termin beim Arbeitsministerium fahren. Nina und Phương arbeiten bei einer deutschen Klimaschutzorganisation. Es ist Ninas erste Stelle in Südostasien, nach einem Aufbaustudium in Internationalem Management.

Hanoi hat Nina von der ersten Sekunde an in ihren Bann gezogen und auf ganz besondere Weise provoziert. »Man liebt sie oder man hasst sie, diese Stadt. Oder manchmal auch beides gleichzeitig. Kalt lässt sie kaum jemanden«, hatte sie auf Skype zu Florian gesagt.

Nina sieht, wie Florian unten vor dem Haus aus dem Taxi steigt und sich einen riesigen Rucksack auf den Rücken wuchtet. Dann wendet er sich dem Taxifahrer zu, faltet die Hände feierlich vor der Brust und verbeugt sich zum Abschied ein paarmal. Die Bewegung erinnert Nina an einen dieser kleinen Wackeldackel fürs Auto. Nina lächelt. Florian ist ihr bester Freund seit Kindertagen und gerade fertig mit seinem Informatikstudium. Er kommt sie besuchen und will durch Vietnam reisen. »Aber dir gefällt’s doch in Vietnam, oder?«, hatte Florian sie auf Skype gefragt. »Ja«, hatte Nina gesagt. Und dann geschwiegen. Wie kann man jemanden in drei Sätzen auf Vietnam vorbereiten, oder allein schon auf Hanoi? Florian, dachte sie, wird mir ohnehin nicht glauben. Nina rennt die drei Stockwerke hinunter und öffnet erst die Haustür und schließlich das große Eisentor. Florian, der jetzt vor ihr steht, scheint wie aus einer anderen, fernen Welt zu kommen, mit seinen Berlin-Turnschuhen, dem Hipster-Shirt und der teuren Sonnenbrille. Eine Welt, die in den vier Monaten, seit Nina selbst in Vietnam angekommen ist, in ihrem Kopf weit in den Hintergrund gerückt war. Nina kann sie fast riechen, die Welt der pünktlichen Verabredungen und funktionierenden Automaten, der leeren Bürgersteige, der kurz gemähten Wiesen, der Wartenummern und Umweltzonen, als die beiden sich mit großem Hallo in die Arme fallen.

»Und das hier ist Phương«, stellt Nina ihre vietnamesische Kollegin vor. Florian drückt auch Phương herzlich an sich. Dann schaut er sich um, im geräumigen Eingangsbereich mit Steinplattenboden, einer großen Küche, einem massiven Holztisch, einer Helmablage aus Bambus und Gemälden an den Wänden. Eine breite Treppe aus dunklem Holz führt in die oberen Stockwerke. »Wow!«, sagt Florian. »Dafür, dass du in einem Drittweltland lebst, lässt du es dir aber ziemlich gut gehen.«

Wen Sie wie und wo berühren dürfen

Willkommen in Vietnam! Mit der Begrüßung fängt alles an: Sollte man dieses Land knuddeln, es umarmen, ihm erst mal schüchtern zuwinken oder sich verbeugen? Wie sagt man sich in Vietnam hallo?

Phương wurde von Florians stürmischer Begrüßung wohl ein bisschen überrumpelt. Die Umarmung ist in Vietnam nicht besonders verbreitet. Ebenso befremdend kann es wirken, wenn Ausländer mit einem Wangenküsschen-Gruß auffahren.

Auch die Verbeugung mit vor der Brust gefalteten Händen, wie man sie vielleicht aus anderen asiatischen Ländern wie Thailand kennt, werden Sie in Vietnam sehr selten antreffen. Hier besteht eine Begrüßung im Allgemeinen aus einem freundlichen, respektvollen leichten Kopfnicken.

Händeschütteln ist in Vietnam inzwischen vor allem im Geschäftsleben weitverbreitet, es handelt sich hierbei um einen Import aus westlichen Ländern. Aber bitte sanft – nicht quetschen! Wer einer um einiges älteren Person die Hand reichen möchte, umfasst als Zeichen des Respekts die rechte Hand dieser Person zum Gruß mit beiden Händen.

Auch das Überreichen und Entgegennehmen von Dingen wie Geld oder Visitenkarten darf mit beiden Händen geschehen. Dies gilt als besonders höflich. Eine zackig-auffordernd hingestreckte Hand hingegen könnte unter Umständen, gerade gegenüber älteren Personen, zu forsch wirken.

Abgesehen davon gibt es in Vietnam zwischen Frauen und Männern, die kein Paar sind, im Allgemeinen keinen Körperkontakt. Dies sollten Sie im Umgang mit vietnamesischen Freunden oder Kollegen nicht ganz außer Acht lassen. Auch in sehr ungezwungener Atmosphäre, etwa auf Partys, könnte es Ihrem Gegenüber vom anderen Geschlecht unangenehm sein, wenn Sie vermeintlich harmlose, freundschaftlich-vertraute Gesten wie etwa Umarmungen, Schulterklopfen, Hand auf die Schulter oder Berührungen der Hand oder am Arm verteilen. Insbesondere in der Öffentlichkeit rücken Sie Ihre vietnamesischen Bekannten damit möglicherweise unwissentlich in ein falsches Licht.

Umso mehr gehören Berührungen zwischen Frauen sowie von Mann zu Mann in Vietnam zum Alltag: Befreundete Frauen haken sich auf der Straße beim Gehen häufig unter, berühren einander beim Reden am Arm, und auch Ausländerinnen werden von Frauen oft sehr ungezwungen berührt. Eine amerikanische Bekannte in Hanoi zum Beispiel wird von der vietnamesischen Haushaltshilfe regelmäßig am Po getätschelt. Auch unter Männern kommt es in Vietnam weit häufiger als bei uns in der Öffentlichkeit zu zärtlichen Berührungen – sie halten sich gerne mal brüderlich umschlungen. Einem männlichen Ausländer kann es durchaus passieren, dass ihm ein vietnamesischer Bekannter oder Geschäftspartner in einer Kneipe nach ein paar Bier eine Hand auf den Oberschenkel legt. Unter Männern ist eine solche Geste nicht anzüglich gemeint, sondern normaler Umgang. Wenn Sie dagegen eine Frau sind, müssen Sie solche Berührungen von Männern nicht tolerieren – sie sind gegenüber Frauen jenseits von Sitte und Anstand.

Und wie halten es Paare in der Öffentlichkeit? Zwischen vietnamesischen Pärchen und Ehepartnern ist der öffentliche Körperkontakt zurückhaltend. Küsse, auch flüchtige, sind so gut wie gar nicht zu sehen. Wer aber in den Städten jugendliche Pärchen aneinandergekuschelt auf Parkbänken sitzend oder umschlungen auf Motorrollern fahrend sieht, merkt, dass das Austauschen von Zärtlichkeiten zumindest bei der jüngeren Generation kein komplettes Tabu darstellt. Das vietnamesische Gesellschaftsleben ist zwar eher konservativ, jedoch nicht über alle Maßen prüde. Wenn Sie als Paar unterwegs sind, müssen Sie liebevolle Berührungen untereinander nicht gänzlich unterdrücken. Aber vielleicht sparen Sie sich innige Küsse für besondere Momente auf, in denen Sie unter sich sind.

»DRITTWELTLAND« VIETNAM?

Vietnam ist kein Entwicklungsland mehr: Gemäß Weltbankdefinition ist Vietnam seit Beginn des Jahres 2011 ein Schwellenland(lower-middle-income country). Seine Wirtschaft wuchs zwischen 1990 und 2010 im Durchschnitt jährlich um 7,3 Prozent, und das Pro-Kopf-Einkommen hatte sich in dieser Zeit verfünffacht – ein rasend schneller Aufstieg für ein Land, das in den 1980er-Jahren noch zu den ärmsten Ländern der Welt gehörte. Eine aufstrebende Mittelschicht, die etwa 13 Prozent der Bevölkerung ausmacht und bis 2026 auf 26 Prozent ansteigen soll, gewinnt immer mehr an Kaufkraft.

Vietnam zählt heute zu den weltweit größten Exporteuren von Reis, Kaffee und Pfeffer. Zu den wichtigsten Exportprodukten gehören zudem Textilien, Elektronik, Rohöl, Schuhe, Fisch und Meeresfrüchte. 41 Prozent der Bevölkerung waren 2017 in der Landwirtschaft tätig, 26 Prozent im Industrie- und 34 Prozent im Dienstleistungssektor. Das jährliche Pro-Kopf-Einkommen betrug 2018 mehr als 2.500 US-Dollar. An Stelle der Entwicklungshilfe sind unter anderem Instrumente zur Finanzierung des Klimaschutzes getreten; Vietnam gilt aufgrund seiner 3.444 Kilometer langen Küste und seiner zwei Deltaregionen als eines der Länder, die vom Klimawandel am meisten betroffen sind.

Eckdaten Vietnam

Fläche: 331.210 Quadratmeter

Einwohner: 97 Millionen (2018)

Klima: Subtropisch im Norden mit Regenzeit von Mai bis September und Trockenzeit von Oktober bis März oder April. Die Temperaturen können zwischen Dezember und Februar bis auf 12 Grad sinken; im Sommer um die 32 Grad. Tropisch im Süden mit Regenzeit von Juni bis Oktober, die Temperaturen bewegen sich zwischen 21 und 34 Grad.

2

VIETNAM, UNGEBREMST

ÜBERLEBENSTRAINING FÜR FUSSGÄNGER

Florian möchte nochmals einen Blick auf den Stadtplan werfen, aber stehen bleiben ist unmöglich, da ihm gleichzeitig eine Frau, schwer beladen mit zwei großen Tragekörben, entgegenkommt, eine zweite ihm frittierte Teigtaschen verkaufen will und jemand direkt neben ihm einen Motorroller auf den Gehsteig fährt. Florian macht einen Schritt zur Seite, um nicht in einen am Boden stehenden Korb voller knallroter Chilischoten zu treten. »Shoe shine?«, fragt ihn ein Schuhputzer von der Seite. Florian atmet aus. Er kommt gar nicht hinterher mit Neinsagen und Abwinken.

Nina hat ihn auf dem Weg zur Arbeit in der Altstadt abgesetzt, wo Florian sich an seinem ersten Tag in Hanoi etwas umsehen will. Vor ihm liegt eine große, weite Straßenkreuzung. Da musst du jetzt durch, denkt er. Ampeln sieht er keine. Aus allen Richtungen fließen endlose, brummende Schwärme von Motorrollern ineinander, durcheinander hindurch und wieder auseinander. Dazwischen hupende Taxis und eine Frau mit Strohhut, die einen Handwagen voll beladen mit T-Shirts und Plastiklatschen durch das Verkehrsgewirr schiebt. Auf einem Motorroller sitzt eine fünfköpfige Familie samt Baby, dessen Kopf in ein Moskitonetz gehüllt ist. Auf einem weiteren Roller duckt sich ein mittelgroßer Hund vorne im Fußraum und hält seine Schnauze in den Fahrtwind. Eine junge Frau in pinkfarbenem Kleid fährt auf einer Vespa vorbei und spricht dabei in ein Smartphone mit weißen Häschenohren.

Florian schaut auf die Uhr. Sie zeigt noch die Zeit in Deutschland. Fünf Uhr früh. In Vietnam ist es bereits zehn Uhr morgens. Florians Hemd ist durchgeschwitzt. Er steht noch immer am Straßenrand und hofft auf eine Lücke im Verkehr, um diese Kreuzung zu überqueren. Aber da kommt keine Lücke. »Motobye?« Ein Motorrollertaxi bleibt vor seinen Füßen stehen. »Nein!«, sagt Florian und macht um den Motorroller herum ein paar Schritte vorwärts auf die Straße. Jetzt oder nie. Auf beiden Seiten tost der Verkehr. Ein schwarzer Toyota kommt direkt auf ihn zu. Florian macht einen Schritt zurück. Der Fahrer blinkt wild mit der Lichthupe. Florian hebt kurz dankend die Hand und nimmt dann drei schnelle Schritte vorwärts. Der Autofahrer bremst brüsk vor ihm ab, ein Motorroller knattert mit einem Schlenker vor Florian vorbei und verfehlt ihn um Haaresbreite. Florian hält die Luft an. Er kommt sich vor wie in einem Traum, den Kopf noch vom Jetlag benebelt.

Florian steht jetzt mitten auf der Straße, weder vor noch zurück hält er für eine gesunde Option, aber auch stehen bleiben erscheint ihm selbstmörderisch. Ganz kurz fragt er sich, ob er nicht fürs Erste einfach bei Nina zu Hause auf der Couch hätte bleiben sollen. Ein Buch lesen. Oder schlafen. Da taucht plötzlich neben ihm eine alte, bucklige Frau in einem violetten Pyjama auf. Ohne nach rechts und links zu schauen, schiebt sie sich mit kleinen Schritten durch den Verkehrsstrom, der geschmeidig an ihr vorbeifließt. Knallhart, die Oma!, schießt es Florian durch den Kopf. Dann wittert er die Gelegenheit, schließt sich an die alte Frau an und trippelt mit ihr durch den rollenden Wahnsinn.

Zwei Schritte noch. Geschafft. Florian erreicht mit seinem unfreiwilligen Schutzengel endlich die andere Straßenseite, das rettende Ufer. Während die alte Frau, ohne ihn eines Blickes zu würdigen, schnurstracks weitergeht, schaut er sich etwas ratlos um. Er hat vergessen, wo er eigentlich hinwollte.

»Na, Flo, wie war dein erster Tag in der Altstadt?«, fragt ihn Nina später am Abend.

»Gut«, sagt Florian, »mir hat eine alte Frau über die Straße geholfen.«

Wie Sie lebend auf die andere Straßenseite kommen

Loslaufen. Schritt für Schritt. Nicht stehen bleiben, vorwärts blicken, gleichmäßig gehen, weder zögern noch hasten. Was wie eine alte viet namesische Lebensweisheit klingt, ist in Wirklichkeit schlicht eine Anleitung, wie Sie etwas auf den ersten Blick Unmögliches schaffen: eine Straße zu überqueren. Wer in Vietnams Großstädten am Straßenrand stehen bleibt und auf die nächste Lücke im Verkehr wartet, darf sich auf eine sehr lange Wartezeit gefasst machen. An manchen verkehrsreichen Ecken würden Sie vielleicht sogar den ganzen Tag warten.

Stattdessen tauchen Sie ein. Der Verkehr wird Sie umfließen wie ein Fischschwarm. Motorroller bremsen kaum, sie weichen normalerweise aus und fahren meist hinter dem Fußgänger vorbei. Die Fahrer achten nämlich durchaus auf andere, auch wenn es manchmal nicht so aussehen mag. Wenn jedoch das »Hindernis«, also der Fußgänger, plötzlich die Geschwindigkeit oder Richtung ändert oder stehen bleibt, stört er dieses eingespielte Umfahrmanöver und riskiert Zusammenstöße.

Bei den etwas weniger beweglichen Fahrzeugen, den Autos, Bussen und Lastwagen, empfiehlt es sich je nach deren Geschwindigkeit jedoch deutlich häufiger, abzuwarten, statt einfach loszumarschieren; hier könnte es gefährlich werden. Die Lichthupe ist in Vietnam zudem kein Signal dafür, dass der Fahrer Vorfahrt gewährt, wie das Florian missverstanden hat – sondern für das Gegenteil: dass er hier jetzt geradewegs durchfahren möchte!

Das Straße-Überqueren ist in Hanoi und Ho-Chi-Minh-Stadt eine Art Pfadfindertaufe für Neuankömmlinge. Die Hauptstraßen von Saigons Distrikt 1 und die große Kreuzung am Nordende des Hoàn-Kiếm-Sees im Zentrum von Hanoi, wo Florian seine Erstüberquerung meisterte, sind dafür während der Stoßzeiten besonders berüchtigt. Wenn Sie sich in den Gebäuden rund herum in eines der Cafés ein paar Stockwerke höher setzen, können Sie diese legendäre Kreuzung von höherer Warte aus beobachten und werden unter anderem feststellen: Der Rechtsverkehr wird auf Vietnams Straßen zuweilen höchst flexibel interpretiert. Und Kreisverkehr-Mittelinseln werden in beide Richtungen umfahren.

Im Touristenviertel von Ho-Chi-Minh-Stadt werden in den Shops T-Shirts verkauft, auf denen die Regeln beim Überqueren der Straße aufgedruckt sind: »keinen Augenkontakt, kein Stoppen, keine unberechenbaren Bewegungen, kein Warten, kein Nudelsuppe-Essen, keine Panik, kein Händchenhalten, kein Hinterfragen, kein Zurück«. Ein Journalist der New York Times berichtete von einem Merkblatt, das in einem Hanoier Hotel an Touristen ausgehändigt wird und ihnen rät: »Seien Sie entspannt und selbstbewusst.« Und »gehen Sie bewusst langsam«. Die Boulevardzeitung Toronto Sun verglich das Überqueren der Straße in Vietnam treffend mit dem alten Videospiel Frogger, in dem man einen Frosch über eine fünfspurige Straße führen muss.

Als Einstieg in die Kunst des Straße-Überquerens eignet sich der Windschatten-Trick, der auch Florian aus der Bredouille half: Heften Sie sich einfach dem nächstbesten erfahrenen Städter an die Fersen.

Und falls Sie sich dann doch noch nicht trauen: In den Großstädten ist es meist auch möglich, bis zur nächsten Ampel zu laufen. Hier sei allerdings zur Vorsicht gemahnt: Halten Sie beim Überqueren immer nach Fahrern Ausschau, die die Sache mit den Ampeln nicht so eng sehen und bei Rot durchbrettern. Auch Rechtsabbieger kommen einem dabei häufig in die Quere. Ach ja, und manchmal funktionieren die Ampeln nicht. Es gibt auch vereinzelt Zebrastreifen ohne Ampeln. Diese sind rein dekorativ und werden komplett ignoriert. Und noch ein Tipp: Schauen Sie generell vor dem Überqueren jeweils nach beiden Seiten. Auch bei Einbahnstraßen.

Sie werden auch feststellen, dass Gehsteige nur beschränkt als eigentliche Fußgängerzonen gelten: Zwischen all den Menschen, die dort kochen, Dinge verkaufen, Babys füttern, Häuser bauen, Suppe essen, Stempel schnitzen, Bambuspfeife rauchen, auf winzigen Plastikhockern sitzend Grüntee trinken und ihre Fahrzeuge parken, ist oft kaum ein Durchkommen. Der Gang durch die Stadt ist kein Spaziergang, sondern ein Zickzack- und Hürdenlauf, der den Status einer Olympiadisziplin verdient hätte.

Selbst Motorrollerfahrer machen hier den Fußgängern den Platz streitig: Bei Staus rinnt der Verkehr oft einer geplatzten Ader gleich über die Gehsteige. Kein vietnamesischer Fußgänger würde sich übrigens über hupende und drängelnde Motorroller auf dem Gehsteig beschweren.

Da für sie auf dem Gehsteig offensichtlich kein Platz mehr ist, weichen einheimische Fußgänger mit stoischer Ruhe auf die Straße aus. Ausländer hingegen kämpfen anfangs bisweilen mit dem Gefühl, etwas Unerlaubtes zu tun und möglichst schnell wieder von der Straße verschwinden zu müssen.

Sie werden jedoch, einmal abgesehen von den Touristen und den Straßenverkäufern, gar nicht viele Menschen antreffen, die zu Fuß unterwegs sind. Die Mehrheit der Vietnamesen bewegt sich auch für kleinste Strecken per Motorroller von A nach B, und den vielen Motorradtaxifahrern, die Ihnen auf Schritt und Tritt eine Fahrt auf dem Rücksitz anbieten, ist es meist völlig unverständlich, weshalb Sie sich auf Teufel komm raus zu Fuß durch die Straßen quälen wollen.

DER TOD AUF DER STRASSE

Laut Statistik verliert annähernd jede Stunde ein Mensch sein Leben bei einem Verkehrsunfall in Vietnam; darunter vereinzelt auch junge ausländische Besucher, die während eines Motorradausfluges als Selbstfahrer tödlich verunglücken. Vietnam kam im Jahr 2018 mit 26 Verkehrstoten pro 100.000 Einwohner auf den traurigen zweiten Rang der Statistik in Südostasien, hinter Thailand. Die Weltgesundheitsorganisation berichtet, dass Verkehrsunfälle in Vietnam die häufigste Todesursache für Menschen zwischen 15 und 29 Jahren darstellen. 91 Prozent der tödlichen Verkehrsunfälle weltweit geschehen laut Weltgesundheitsorganisation in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen, obwohl diese nur über rund die Hälfte der Fahrzeuge verfügen.

Das Auswärtige Amt rät in seinen allgemeinen Reiseinformationen für Vietnam zu größtmöglicher Vorsicht im Straßenverkehr und warnt nachdrücklich davor, während des Urlaubsaufenthaltes angemietete Pkw oder Mopeds eigenhändig in dem ungewohnten Verkehr zu steuern. Vietnamesische Zeitungen haben berichtet, dass laut Fachleuten bis zu 80 Prozent der Helme in Vietnam im Ernstfall gar nicht vor Kopfverletzungen schützen würden. Insbesondere Leuten, die längere Zeit in Vietnam verbringen, empfehlen wir, etwas mehr Geld in einen teureren, stabilen Vollhelm zu investieren.

3

GELD VERBRENNEN AM STRASSENRAND

ÜBER RELIGION, GLÜCKSBRINGER UND WAHRSAGEREI

Vor Staunen hätte Nina beinahe einen Lastwagen gerammt. Als sie mit dem Motorroller zur Arbeit fährt, sieht sie, wie eine junge Frau am Straßenrand kauert und bündelweise Geldnoten ins Feuer wirft.

Eigentlich wollte Nina ihre Kollegin fragen, was es damit auf sich hat. Aber im Büro sind gleich wieder so viele Dinge zu tun, dass Nina die Sache beim Eintreten bereits vergessen hat. »Sag mal, Phương, kommst du am Dienstag auch zu diesem Workshop über kapazitätsbildende Fördermaßnahmen auf der Gemeinde-, Dorf- und Provinzebene?«, fragt Nina mit Blick auf ihren Smartphone-Terminkalender.

»Dienstag? Ich muss schauen, ob das ein guter Tag für mich ist«, sagt Phương und klickt sich durch eine Website.

»Hast du dann schon andere Termine?«

»Nein«, sagt Phương. Dann sagt sie: »Am Dienstag kann man ganz viele Dinge tun. Auch zum Arzt gehen zum Beispiel. Am Tag darauf sollte man jedoch nicht weit verreisen.«

»Redest du vom Wetterbericht?«, fragt Nina. »Und was hat das mit dem Arzt zu tun?« Manchmal wird sie aus Phương nicht ganz schlau.

»Kein Wetterbericht«, antwortet Phương. Sie hat gerade in einem Mondkalender-Horoskop nachgeschaut.

»Und was sagt dein Horoskop? Ist Dienstag nun ein guter Tag für kapazitätsbildende Wasauchimmer?«

»Fördermaßnahmen. Ja, ein guter Tag«, sagt Phương.

»Heißt das, du würdest ernsthaft nicht hingehen, wenn es kein guter Tag wäre?«

Phương lächelt in den Bildschirm hinein. »Ach, ich mach das nur so aus Spaß.«

»Was denn nun?«, fragt Nina.

»Nun ja«, sagt Phương, »wenn ich etwas wirklich Großes vorhätte, etwa eine Reise in den Süden, würde ich sie verschieben, wenn dafür kein guter Tag wäre.«

Nina grinst. »Kann es sein, dass du ein bisschen abergläubisch bist?«, fragt sie Phương. Und dann fällt ihr ihre seltsame Beobachtung von der Hinfahrt wieder ein. »Phương, sag mal, verbrennst du eigentlich auch dein Geld?«

Warum in Vietnam auch iPads in Flammen aufgehen

An bestimmten Tagen, meist am 1. und 15. Tag nach dem Mondkalender, sieht man in Vietnam viele Leute auf der Straße Geld verbrennen. Auch Mobiltelefone, iPads und ganze Tankstellen gehen zuweilen in Flammen auf. Es handelt sich um Opfergaben für die Ahnen, verstorbene Familienmitglieder. Solche Gaben werden in Privathäusern und Geschäften auch auf kleine Altäre gelegt. Nun kann es sich natürlich kaum jemand leisten, bündelweise echtes Geld ins Feuer zu werfen. Es sind unechte Noten, Geld für das Jenseits, das es in den Städten überall zu kaufen gibt. Auch bei den iPads und anderen Wohlstands- und Luxusgütern, die verbrannt werden, handelt es sich um Attrappen aus Papier, die in speziellen Läden zu kaufen sind.

Ein Freund in Hanoi erzählte uns, dass das Jenseits, die Welt, in der die Verstorbenen sich befinden, sehr ähnlich der unsrigen, irdischen aussieht; dass man sich dort genauso Dinge kaufen und sich durch einen Alltag kämpfen muss, dass man Hitze, Kälte oder Hunger verspürt, sich also nicht einfach auf einer Wolke ausruhen kann. Deswegen ist es für die Hinterbliebenen so wichtig, ihren verstorbenen Ahnen nützliche Gegenstände zukommen zu lassen – oder das entsprechende Geld, um sich diese Sachen im Jenseits kaufen zu können.

In Vietnam trifft man auf eine ganze Reihe von Glaubensrichtungen, Philosophien, Bräuchen, Traditionen und Ritualen, die koexistieren und zum Teil auch stark ineinanderfließen und vermischt werden.

Zwar lässt sich Zensus-Ergebnissen entnehmen, dass sich nur gut 18 Prozent der Bevölkerung einer Religion zugehörig fühlen, nämlich rund 8 Prozent Buddhisten, 7 Prozent Katholiken, 1,7 Prozent Hòa Hảo, knapp 1 Prozent Cao Đài, knapp 1 Prozent Protestanten und 0,1 Prozent Muslime. Das mag aber daran liegen, dass wesentliche Glaubensrichtungen wie der Ahnenkult oder der Konfuzianismus nicht erhoben oder angegeben werden und dass spirituelle Praktiken oft wie erwähnt eine Mischform aus verschiedenen Strömungen darstellen. Ein realistisches Bild bietet diese Statistik deshalb kaum.

Die Ahnenverehrung ist in Vietnam weitverbreitet. In den allermeisten Haushalten und Geschäften befindet sich ein Ahnenaltar, auf den Opfergaben wie Früchte, das erwähnte Papiergeld, Papiergegenstände, Obst, ein Schälchen mit Reis und oft auch Schnaps und Zigaretten gelegt werden. Am Ahnenaltar wird regelmäßig, vor allem an Feiertagen und an jedem 1. und 15. Tag des Mondkalenders, zu den verstorbenen Verwandten gebetet, ihnen berichtet und sie um Rat gefragt. Dem Ahnenaltar sollte, wenn möglich, nicht der Rücken zugekehrt werden. Darüber hinaus werden auch Schutzgötter verehrt, unter anderem der Küchengott, der Dorfgott oder der Gott des Meeres.

Der Konfuzianismus, der auf die Lehren des chinesischen Denkers Konfuzius zurückgeht, dominierte in Vietnam während der Lê-Dynastie im 15. Jahrhundert und prägt noch heute stark die vietnamesische Gemeinschaft und Gesellschaft. Konfuzianismus ist eine eher philosophisch-moralische Glaubensrichtung, die auf Tugenden basiert wie Menschenliebe, Bildung, Gehorsam gegenüber den Eltern (dazu gehört auch die Ahnenverehrung), Untertanentreue und Harmonie in der Familie, im Dorf, in der Provinz und im Staat durch streng hierarchische Über- und Unterordnung.

HURRA, ES IST EIN JUNGE! DER STATUS DER FRAU IN VIETNAM

Obwohl in Vietnam die Gleichstellung von Mann und Frau seit 2006 im Gesetz verankert ist, sind konfuzianische Werte in der Bevölkerung immer noch prägend. Diese sehen für die Frau Unterordnung gegenüber dem Vater, nach der Heirat gegenüber dem Ehemann und als Witwe gegenüber dem erwachsenen Sohn vor. Ein Bericht der Weltbank stellt fest, dass in Vietnam nicht nur viele Männer, sondern auch Frauen es ablehnen, dass Frauen Führungspositionen übernehmen.

Als Karrierehindernis führt der Bericht zudem die Doppelbelastung durch Beruf und unbezahlte Arbeit auf, da Männer immer noch unverändert signifikant weniger Hausarbeit übernähmen. Frauen machen in Vietnam 48,6 Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung aus, dies gilt als eine der höchsten Quoten in der Region. Die Ungleichheit der Einkommen ist geringer als in vielen anderen ostasiatischen Staaten (Frauen verdienen durchschnittlich rund 75 Prozent des Gehalts von Männern). Verstärkt von Armut betroffen sind Witwen und alleinerziehende Mütter. Deutlich verringern konnte Vietnam geschlechtsspezifische Ungleichheiten in den Bereichen Bildung und Gesundheit. Die Müttersterblichkeit ging stark zurück.

Zu den neueren Gesetzen zur Gleichstellung gehört auch eines, das häusliche Gewalt unter Strafe stellt. Der Weltbankbericht bemängelt die Durchsetzung dieser Gesetze als »äußerst unzureichend« und bezeichnet sie als »Lippenbekenntnisse«. 32 Prozent der vietnamesischen Frauen, die verheiratet sind oder waren, haben laut einem Bericht der Vereinten Nationen körperliche Gewalt durch ihren Ehemann erfahren.

In der patriarchalischen vietnamesischen Gesellschaftsordnung wird von den Söhnen erwartet, die Familienlinie zu erhalten und sich um ihre Eltern und die Ahnenverehrung zu kümmern. Frauen hingegen verlassen bei der Heirat ihr Elternhaus und leben traditionell fortan im Haus der Schwiegereltern. Somit kommt einer Tochter ein minderwertiger Status zu, Paare wünschen sich spätestens bei der zweiten Schwangerschaft sehnlichst einen Sohn. Ein bekannter Satz, der oft Konfuzius zugeschrieben wird, lautet: »Mit einem Sohn hast du einen Nachkommen, mit zehn Töchtern hast du nichts.«

Diese Geschlechtspräferenz führte zu Abtreibungen weiblicher Föten und damit zu einem kontinuierlich steigenden Ungleichgewicht des Geschlechterverhältnisses in der Geburtenstatistik. 2018 kamen 110 Jungengeburten auf 100 Mädchengeburten (biologischer Durchschnitt: 105:100). Im Bevölkerungsfünftel mit dem höchsten Einkommen und daher leichteren Zugang zu Ultraschalluntersuchungen und Abtreibungen war die Quote noch deutlich höher. Sofern keine »drastischen Maßnahmen« ergriffen würden, könnte es nach Regierungsprognosen im Jahr 2030 rein aufgrund des Geschlechterungleichgewichts für rund drei Millionen vietnamesische Männer schwierig werden, überhaupt eine Frau zum Heiraten zu finden.

Der Taoismus (oder Daoismus; »der Weg«) ist ebenfalls eine Weltanschauung aus China, die auf den Lehren des Laotse beruht. Eine ihrer Kernelemente ist die »Zweiheit« der Welt, das Wechselspiel von Licht und Schatten. Eines der bekanntesten Symbole ist das schwarz-weiße Yin-und-Yang-Zeichen. Über vielen Hauseingängen hängen achteckige Spiegelamulette mit solchen Zeichen, sie sollen Geister abwehren. Taoistische Elemente erscheinen oft in Verbindung mit dem Mahayana-Buddhismus und dem Konfuzianismus.

Der Cao-Daismus ist eine sehr junge vietnamesische Glaubensrichtung aus dem 20. Jahrhundert, die ein großes Spektrum an Religionen, Philosophien und historischen Persönlichkeiten fusioniert – von Buddhismus und Konfuzianismus über Christentum und Islam bis zu Shakespeare, Lenin und Victor Hugo. Das zentrale Symbol ist das göttliche Auge im Innern eines Dreiecks, oft mit Strahlen verziert.

Der Hòa-Hảo-Buddhismus hat seine Ursprünge im Mekongdelta als »Buddhismus für die Bauern«. Die Glaubenspraxis zu Hause und im Herzen und die Hilfe für Bedürftige wird über aufwändige, teure Zeremonien und Tempel gestellt.

Die vietnamesische Astrologie unterscheidet sich von der in westlichen Ländern verbreiteten. Die Tierkreiszeichen im vietnamesischen Mondkalender sind beinahe identisch mit den chinesischen, außer dass in Vietnam die Katze anstelle des Hasen steht. Die insgesamt zwölf Zeichen (Ratte, Büffel, Tiger, Katze, Drache, Schlange, Pferd, Ziege, Affe, Huhn, Hund und Schwein) wechseln im Jahresturnus, sie wiederholen sich also alle zwölf Jahre einmal. Ähnlich wie im westlichen Horoskop werden Kindern je nach Tierkreiszeichen besondere Eigenschaften zugeordnet.

Der Gang zu einem Wahrsager ist insbesondere vor der Heirat oder vor dem Neujahrsfest (Tết) beliebt. Manche Wahrsager nehmen Kontakt mit Verstorbenen auf, manche benutzen Karten oder bedienen sich der Astrologie oder des Handlesens. Die Wahrsagerei wird aber auch kritisiert. So schreibt Minh Huong in der staatlichen englischsprachigen Tageszeitung Viet Nam News in einem Kommentar, sie sei »weit davon entfernt«, der Wahrsagerin ihrer Freunde den geringsten Glauben zu schenken. Die Autorin berichtet unter anderem von einer Mutter zweier Töchter, die von ihrem Ehemann verlassen wurde – auf Anraten eines Wahrsagers, der ihm nahelegte, eine andere Frau zu heiraten, die ihm dann einen Sohn gebären würde. Sie zitierte außerdem einen Psychologen damit, dass Wahrsager die Rolle eines Therapeuten innehätten und den Leuten Hoffnung und Mut schenken würden, um ihre Alltagsprobleme zu überwinden.

Es ist möglich, dass Sie in Vietnam hin und wieder mit Glücks- und Pechträgern aus dem Volksglauben konfrontiert werden. Etwa dann, wenn Sie eines Morgens, wenn Sie einen Laden betreten, gebeten werden, doch bitte später wiederzukommen. So geschehen in einem teuren Geschäft in einem luxuriösen Shoppingcenter am Hanoier Westsee. Denn wenn der erste Kunde am Morgen nichts kauft, bringt das Unglück. »Ein Schaufensterbummel am frühen Morgen in Hanoi ist nicht das Angesagteste«, sagte uns eine junge Vietnamesin halb im Spaß, halb im Ernst. Manche Verkäufer sagen auch einfach hoffnungsvoll: »Sie sind mein erster Kunde«, und erwarten, dass Sie dann wissen, welche Verantwortung auf Ihnen lastet. Weitere Dinge, die Unglück bringen, sind das Essen von Eiern oder anderen Nahrungsmitteln, die der Zahl Null ähneln, wenn eine wichtige Prüfung bevorsteht; Haare schneiden vor einem Examen; die Zahl Vier; oder am Morgen beim Verlassen des Hauses als Erstes eine Frau anzutreffen. Glück bringen unter anderem die Zahlen Zwei und Acht (die Glückstelefonnummer 0988888888 wurde für unglaublich viel Geld an einen reichen Vietnamesen verkauft), die Farbe Rot, eine Schlange auf der Straße und mit dem rechten Fuß zuerst aus dem Haus zu treten.

Laut Wikipedia wird die Bezeichnung Aberglaube »abwertend auf Glaubensformen und religiöse Praktiken angewandt, die nicht den eigenen, meist orthodoxen Lehrmeinungen entsprechen. Er wird im allgemeinen Sprachgebrauch mit Unvernunft und Unwissenschaftlichkeit gleichgesetzt.« Wahnsinnig sensibel hat sich Nina ihrer Kollegin Phương gegenüber offenkundig nicht verhalten. Fragen zur Spiritualität sind jedoch nicht tabu, und es ist interessant und aufschlussreich, sich von vietnamesischen Freunden die unterschiedlichen Bräuche und Praktiken erklären zu lassen. Dies funktioniert dann am besten, wenn sie sich nicht belächelt fühlen.

JINGLE BELLS IM JULI – VIETNAM IM WEIHNACHTSDEKO-RAUSCH

Knallrote Nikolauskostüme, glitzernde Weihnachtskugeln, blinkende Sterne, Krippen, Plastiktannen und Styropor-Kunstschnee, und durch die Shopping-Malls schallt die Pop-Version von Jingle Bells – von Jahr zu Jahr wird Weihnachten in Vietnam rauschender, lauter und kitschiger gefeiert. Und dies, obwohl der christliche Festtag hier überhaupt nicht im Kalender steht und die Christen im Land nur eine kleine Minderheit ausmachen. In manchen Cafés hängt der Weihnachtsschmuck gar ganzjährig. Und auch Weihnachtslieder dudeln gelegentlich im Juli noch aus den Boxen.

Wie kommt’s? Eine Ladenbesitzerin an der Hang-Ma-Straße in Hanoi, wo sich ein Deko-Geschäft an das andere reiht und im Dezember überall Weihnachtsschmuck verkauft wird, erklärte, die Menschen in Vietnam hätten einfach Spaß an der fröhlichen Deko. Mit Religion habe das nichts zu tun. In der Hang-Ma-Straße gibt es überdies auch vor Halloween und vor dem Valentinstag allen nur erdenklichen Schmuck zu kaufen, den man für diese importierten Feste brauchen könnte.

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RUNTER KOMMEN SIE NICHT ALLE

ALLES HAT SEINEN PREIS – DIE FRAGE IST, WELCHEN