Fettnäpfchenführer Weihnachten - Nadine Luck - E-Book

Fettnäpfchenführer Weihnachten E-Book

Nadine Luck

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Beschreibung

Gurian Hollerbach reist aus dem Jahr 2226 ins heutige Deutschland und lernt das Weihnachtsfest kennen, das es in seiner Welt nicht mehr gibt. Nach anfänglichem Zögern nehmen ihn seine Vorfahren, die vierköpfige Familie Hollerbach, herzlich gerne bei sich auf. Zusammen bereiten sie sich auf den Geburtstag eines Mannes namens Jesus vor. Gurian gewinnt den Eindruck, dass die Feierlichkeiten vor allem aus vielen Ritualen und ungeschriebenen Regeln bestehen. Wann darf man den ersten Lebkuchen essen? Warum ist das Kostüm, das Gurian als Nikolaus trägt, ein Affront gegen den heiligen Bischof? Wie verhält man sich beim Christbaumschlagen im Wald? An welchem Tag wird der Baum überhaupt aufgestellt und geschmückt? Als Gurian am 2. Februar, zufällig dem offiziellen Ende von Weihnachten, zurück in die Zukunft reisen muss, ist er traurig. Gerne würde er das Weihnachtsfest auch weiterhin feiern … Ein weihnachtlicher Kulturführer mit 24 Episoden Infotainment zum Fest "Dieses Buch zeigt, dass hinter Weihnachten mehr steckt als Geschenke, Tannenbaum und Weihnachtsbäckerei." Rolf Zuckowski

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Nadine Luck ist Journalistin, Autorin und Bloggerin. Ihre Themen sind das Reisen in die nähere Umgebung und in die Ferne sowie das Daheimsein mit der Familie, etwa auf ihrem Blog »Mama und die Matschhose«. Sie ist Mutter von zwei Kindern und lebt in Bamberg.

www.mama-und-die-matschhose.de

DA HABT IHR DIE BESCHERUNG

NADINE LUCK

© Conbook Medien GmbH, Neuss, 2019

Alle Rechte vorbehalten

www.conbook-verlag.de

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literaturagentur

Kai Gathemann.

Einbandgestaltung: Weiß-Freiburg GmbH – Graphik &

Buchgestaltung unter Verwendung eines Motivs von

© iStockPhoto.com / Orbon Alija

Satz: Röser MEDIA, Karlsruhe

Druck und Verarbeitung: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN: 9783958893221

Die in diesem Buch dargestellten Zusammenhänge, Erlebnisse und Thesen entstammen den Erfahrungen und/oder der Fantasie der Autorin und/oder geben ihre Sicht der Ereignisse wieder. Etwaige Ähnlichkeiten mit lebenden Personen, Unternehmen oder Institutionen sowie deren Handlungen und Ansichten sind rein zufällig. Die genannten Fakten wurden mit größtmöglicher Sorgfalt recherchiert, eine Garantie für Richtigkeit und Vollständigkeit können aber weder der Verlag noch die Autorin übernehmen. Lesermeinungen gerne an [email protected]

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INHALT

1 WIE ALLES BEGANN …

Warum Weihnachten?

2 ALLES ZU SEINER ZEIT

Kein Lebkuchen vor dem ersten Advent

3 FEUERALARM AUF DEM ADVENTSKRANZ

Eine Kerze für jeden Adventssonntag

4 MIT VOLLEN TASCHEN RICHTUNG TANNE

Ein Sack voller Weihnachtsgeld?

5 PÜNKTLICH GRÜSSEN

Kartenschreiben bei Kerzenschein

6 BESCHERUNG IM ADVENTSKALENDER

Der Countdown bis zum Christkind

7 EINE KRIPPE FÜR DEN KÖNIG

Im Futtertrog von Ochs und Esel

8 BESUCH VON BISCHOF NIKOLAUS

Weihnachtsmannfreie Zone

9 BITTE RECHT FINSTER

Die Begleiter des Bischofs

10 IN DER WEIHNACHTSBÄCKEREI

Kein Plätzchen für Kekse

11 WÜNSCH MIR WAS

Ein Brief nach Himmelpforten

12 STIMMUNGSFANG AUF DEM WEIHNACHTSMARKT

Shoppingtrip zu Schittchen und Stollen

13 VON WICHTELN UND RÄUBERN

Das weihnachtliche Überraschungsei

14 ANSTÄNDIG FEIERN IM ADVENT

Kein Dirty Dancing auf der Firmenfeier

15 A TÄNNSCHEN, PLEASE!

Wie die Axt im Wald

16 »WIR SCHENKEN UNS NICHTS, OKAY?«

Eine kleine Konsumkritik

17 SCHMUCK BIS IN DIE SPITZE

Früher war mehr Lametta

18 DER SOUNDTRACK DER STILLEN NACHT

Weihnachtslieder von Weihnachtsbäckerei bis Wham!

19 WER INS WOHNZIMMER KOMMEN DARF

Christkind versus Weihnachtsmann

20 VON KUCHEN UND FLUCHEN

Weihnachtsbesuch in Schwiegermutterhausen

21 ENTE GUT, ALLES GUT

Vom Festtagsgelage

22 IST ES TATSÄCHLICH … LIEBE?

Helene und das Fernsehen an den Feiertagen

23 GOLD, WEIHRAUCH UND MYTHOS

Magischer Besuch aus dem Morgenland

24 DER CHRISTBAUM BLEIBT

Warum bis 2. Februar Weihnachten ist

Für Antonia und Valentin – frohe Weihnachten!

1

WIE ALLES BEGANN …

WARUM WEIHNACHTEN?

Gurian ist euphorisch. Zugleich ist ihm speiübel. Er atmet tief ein und aus, ein und aus. Dann entdeckt er das schwach beleuchtete Display vor sich, ganz unten an der Wand, die er im Dunklen ertastet hat. Er bückt sich und gibt die PIN ein: »2226« – damit er nicht vergisst, woher er kommt, wie Professor Zilius gewitzelt hat.

Es klappt.

Die Tür öffnet sich. Wahnsinn! Gurian schreitet im Bewusstsein aus der Zeitkapsel, gut 200 Jahre in die Vergangenheit gereist zu sein. Jünger fühlt er sich allerdings nicht, im Gegenteil – jeder einzelne seiner 31 Jahre alten Knochen schmerzt. Aber gut, es war eine extreme Reise. Er betrachtet die Kapsel noch mal von außen: Sie sieht tatsächlich wie ein verplombter Müllcontainer aus, was für eine gute Tarnung! Gurian prägt sich den Standort genau ein, immerhin muss er in ein paar Wochen zurückkommen. Dann erinnert er sich, dass da ja noch Geld sein müsste. Er betritt die Kapsel erneut, entdeckt den Rucksack mit den vielen Euro-Münzen und -Scheinen – die Währung der Menschen in der Epoche, in der er sich jetzt befindet. Er schultert das Gepäck. Nun geht es los.

Ihm fällt als Erstes auf, dass es anders riecht als 200 Jahre später. Extremer. Gurians Bauch schmerzt, ihm ist schwindelig. Nochmals tief durchatmen.

Leise ist es. Da sind weder Drohnen noch Roboter auf Botengängen unterwegs, keine Flugautos, die durch die Lüfte düsen. Elektronische Stimmen sind auch nicht zu hören. Langsam durchschreitet Gurian den Hinterhof der Universität, in der seine Zeitreise mehr als 250 Jahre lang organisiert wird. Mit einer Hand umschließt er seinen Brustbeutel. Darin stecken die Beweise für seine Identität, die er seiner Familie aus der Vergangenheit vorlegen wird: einer der Eheringe der Hollerbachs und das inzwischen vergilbte Familienfoto, auf dem sie mit ihren drei Kindern zu sehen sind. Er wird auf seiner Mission die Menschen, die aus Sicht der Zukunft bereits mehr als 100 Jahre tot sind, zum Leben erwecken, mit ihnen sprechen, sie kennenlernen – sofern sie das zulassen. Hoffentlich glauben sie ihm!

Die Halloween-Nacht erschien Professor Zilius äußerst geeignet für Gurians Ankunft in der Vergangenheit, immerhin ist es das größte Familien- und Freundesfest im Jahreskalender. Da würden ihm doch die Verwandten nicht die Tür vor der Nase zuschlagen?

Gurian kennt den Weg zu ihrem Haus, die Straße existiert auch noch in 200 Jahren. Die Flugtaxistation gleich an der Universität gibt es leider noch nicht, aber er hat auch gar nichts dagegen, auf einem Spaziergang die Gegend zu inspizieren. Die Gebäude sehen sehr einfach aus. An den Fassaden sind keine Werbescreens zu sehen. An Fenstern und Balkonen ist keine opulente Halloween-Kulisse angebracht, Gurian sieht nur ab und zu ein paar Kürbisse mit eingeschnitzten Fratzen vor den Türen stehen. In den ausgehöhlten Gewächsen scheinen Kerzen zu flackern. Gut 200 Jahre später würden an denselben Stellen als Deko gruselige Geisterschiffe in Originalgröße zu sehen sein, die um die Häuser zu segeln scheinen und deren Besatzungen jeden, der an die Tür klopft, erst einmal mit schaurigem Gesang begrüßen. Sehr minimalistisch ist das alles hier, in der Vergangenheit. Gurian war auch noch nie in solch einer dunklen Stadt unterwegs, dabei befindet er sich gar nicht im tiefsten Mittelalter.

Endlich steht er vor dem Haus der Hollerbachs. Der Moment, vor dem er solchen Respekt hatte, ist gekommen: Er würde seine Familie sehen – seine Familie, die längst tot ist. Und er muss sich als der Verwandte vorstellen, der noch lange nicht geboren und dennoch schon 31 Jahre alt ist. Professor Zilius hat recht: Die Nacht der lebenden Toten eignet sich tatsächlich bestens für den Start seiner Mission.

Das Mädchen macht auf – Sophie.

»Das ist ein tolles Kostüm«, sagt sie mit Blick auf seine metallene Jacke, deren Stimmrekorder hier, in der Vergangenheit, nutzlos sein dürfte. »Du kannst eine Praline haben.« Sie hält ihm einen Teller voller Schokoladenbonbons hin. »Du bist der erste Erwachsene, der klingelt. Sonst waren nur Kinder da.«

»Das ist nett«, sagt Gurian. »Aber dürfte ich zuerst deine Eltern sprechen?«

»Äh … «, wundert sich das Mädchen und ruft nach der Mutter.

»Kann ich Ihnen helfen?«, fragt Annette, die herangeeilt kommt und das Mädchen an sich zieht. Sie sieht Gurian neugierig an. Bemerkt sie bereits eine Ähnlichkeit? Etwa die smaragdgrünen Augen, die sie und ihre Kinder haben – genau wie Gurian? Das jedenfalls entdeckte Professor Zilius als Erstes, als er das Familienfoto der Hollerbachs sah.

»Frau Hollerbach, es klingt verrückt …«, fängt Gurian an. Und als Jürgen dazukommt, umreißt er in wenigen Sätzen seine Mission und holt schließlich die Beweise hervor. Er zeigt ihnen den Ehering, den er geerbt hat. »A & J, 23. Juli 2009« ist eingraviert.

»Wo haben Sie den denn her?«, fragt Jürgen. Er hat ihn verlegt und weiß nicht, wo. Annette und er hatten schon Streit deswegen.

Gurian weiß auch nicht, wo Jürgen ihn verloren hat – doch: Seine Großmutter hat ihn gehabt, als Erbstück ihrer Eltern, also muss er offenbar in der Vergangenheit, die jetzt noch Zukunft ist, wieder aufgetaucht sein. Gerne gibt er ihn zurück. Dann holt er das Foto heraus.

Annette reißt es ihm aus der Hand. Darauf sind sie und Jürgen und drei Kinder zu sehen. »Warum sind da drei Kinder drauf?«, fragt sie, und ihre Stimme bricht ab.

»Na, Sie mit Ihren drei Kindern eben …«, sagt Gurian. »Eins hat mir doch die Tür auf…«

»Wir haben nur zwei Kinder«, unterbricht ihn Annette, ihr wird schwummrig. Wenn das Bild keine Fälschung ist, wenn der Mann wirklich aus der Zukunft stammt, dann würde das bedeuten, dass sie bald noch ein Kind bekommen sollten. Einen Jungen. Ein Glücksgefühl macht sich in ihr breit. Kann das sein?

Alles, was der Mann sagt, klingt unglaublich – und doch bitten sie ihn ins Haus und geben ihm die Gelegenheit, die gesamte Geschichte zu erzählen. Die smaragdgrünen Augen sind Annette tatsächlich sofort aufgefallen …

Gurian redet und redet und fordert sie auf, die ersten Forschungen zur Zeitreise in der Universität einzusehen, an der zahllose Wissenschaftler bereits jetzt arbeiten – auch wenn sie noch in den Kinderschuhen stecken. Er erzählt weiter, dass beim größten Hackerangriff in der Geschichte der Menschheit im Jahr 2137 viel Wissen über die Gepflogenheiten des 21. Jahrhunderts und der Jahrhunderte davor verloren gegangen sind. Dieses soll er zurückholen, etwa über Alltagsbräuche und ein Fest namens Weihnachten, über das er zum Beispiel recherchieren soll.

»Das feiern Sie ähnlich groß wie Halloween, oder?«, fragt er.

Die Hollerbachs wissen nicht, ob sie entsetzt sein oder lachen sollen.

»Groß wie Halloween? Halloween ist sehr umstritten, das mag nicht jeder …«, sagt Jürgen.

»Oh, dann feiern Sie Weihnachten gar nicht so opulent?«, will Gurian wissen.

»Doch, natürlich. Das wissen Sie wirklich nicht? Es ist das Fest der Feste!« Annette ist schockiert. »Gottes Sohn, Jesus, ist dann geboren. Heißt das, Sie kennen Weihnachten in der Zukunft nicht mehr?«

»Gottes Sohn?« Gurian blickt sie entgeistert an. Wovon spricht sie? »Ein Gott soll einen Sohn haben – und das feiern Sie? Ganz im Ernst?«

Annette blickt ebenso entgeistert. »Das ist aber nicht Verstehen Sie Spaß? jetzt, oder?«, fragt sie.

Die Hollerbachs können Gurians Erzählungen nicht glauben, und irgendwann glauben sie sie doch. Gurian weiß zwar nichts über Weihnachten, aber er kennt ihre gesamte Familiengeschichte, und zwar mit so vielen Details, wie sie ein Unbekannter nicht recherchieren könnte. Obwohl alles so ungeheuerlich klingt, siegt die Neugier der Hollerbachs. Sie laden den Verwandten aus der Zukunft ein, die kommenden Wochen bei ihnen zu verbringen, denn die Gelegenheit, einen dermaßen persönlichen Blick in die Zukunft werfen und mit dem Verwandten aus der Ferne sogar Weihnachten feiern zu können – die wollen sie ergreifen.

O du Peinliche

Für einen Menschen aus der Zukunft klingt die Geschichte der Geburt Jesu so unglaublich wie für die Hollerbachs die Geschichte von Gurians Zeitreise. Mit etwas Abstand betrachtet, ist es offenbar schwer vorstellbar, dass dieses Ereignis 2.000 Jahre später mit allem Pomp gefeiert wird. Auch aus heutiger Sicht darf darüber gestaunt werden, dass Weihnachten für so viele Menschen das wichtigste Fest im Jahr ist. Natürlich halten zumindest gläubige Christen nicht Halloween für das »beste Fest des Jahres« – aber Ostern könnte der Titel grundsätzlich schon gebühren, denn: Weihnachten feiern die Menschen die Geburt Jesu; Ostern hingegen feiern sie, dass er von den Toten auferstanden ist. Das ist natürlich wesentlich bahnbrechender und Grund genug dafür, dass Ostern aus kirchlicher Sicht das bedeutendste Ereignis im Jahreskalender ist. Wie konnte es daher passieren, dass Weihnachten dem wundersamen Osterfest den Rang abgelaufen hat?

Nun ja: Weihnachten hat diesbezüglich einen langen Weg hinter sich. In den ersten Jahrhunderten des Christentums feierten die Menschen lediglich Jesu Auferstehung. Erst ab dem frühen vierten Jahrhundert gibt es Belege dafür, dass auch der Geburt gedacht wurde – allerdings wohl in eher beschaulichem Rahmen, in Form von Gottesdiensten. Wäre es dabei geblieben, wäre das Weihnachtsfest für die Masse der Menschen heute kaum bedeutungsvoller als Festtage wie Christi Himmelfahrt oder Mariä Lichtmess. Damit es zu dem Ereignis wurde, dem wir heute Jahr für Jahr mit größtem Prunk huldigen, mussten über viele Jahrhunderte hinweg etliche Traditionen dazukommen. Wobei an dieser Stelle gesagt werden muss: Die meisten Weihnachtsrituale sind vergleichsweise neu. Das Weihnachtsfest in der Form, wie wir es heute zelebrieren und wie wir es für ein ewiges, unantastbares Ideal halten, gibt es noch keine 200 Jahre – auch wenn seine Wurzeln wesentlich weiter zurückreichen.

In jedem Fall sind die Traditionen, die sich in der Gesellschaft und in jeder einzelnen Familie entwickelt haben, vielen Menschen wichtig. Sie begehen das Fest alljährlich mit größtem Aufwand, um von Adventsbeginn bis mindestens zum zweiten Feiertag weihnachtlich gestimmt zu sein. Das gelingt oft nur so halb, natürlich ist gestresst, wer zum Fest Großputz, Großeinkauf, Gottesdienst, Geschenke, Galamenü und die großartige Helene Fischer Show unter einen Hut bekommen will. Doch die meisten nehmen das in Kauf, weil die Menschen alles, was zum Weihnachtsfest gehört, mehr beeindruckt als gefärbte Eier, geschmückte Ostersträuche und ein Hase als Geschenkebringer. Und was ist ein Ritual wie die Ostereiersuche im Vergleich zur Adventszeit mit ihrer sinnlichen Atmosphäre? Auch in Sachen Osterlieder sieht es dünn aus – oder kennt jemand mehr davon als Stups, der kleine Osterhase von Rolf Zuckowski? Und was ist das überhaupt, verglichen mit Stille Nacht in der magischen Heiligen Nacht?

Auch wenn Kritiker beklagen, dass Weihnachten in der heutigen Gesellschaft zum reinen Konsum- und Familienfest ganz ohne Jesus verkommt, beschäftigen sich viele Menschen in der sentimentalen Zeit kurz vor dem Jahreswechsel mit Wertigem. Sie versuchen, Gutes zu tun, vielleicht indem sie etwas Geld an Bedürftige spenden oder sich bei der ungeliebten, aber einsamen Tante Frida melden – und sie besinnen sich auf ihre Liebsten, sie werden ruhig, ziehen sich zurück, gönnen sich und anderen Ruhe. Dabei fühlen sich viele von ihnen eigenartig verbunden mit einem Ereignis, das vor über 2.000 Jahren passiert ist.

WAS HEISST »WEIHNACHTEN«?

Das Wort zum Fest

Weihnachten ist ein Wort, das im Plural steht, im Singular heißt es »Weihnacht«. Bereits seit dem 12. Jahrhundert ist es im deutschen Sprachraum geläufig, im Mittelhochdeutschen feierten die Menschen entweder im Singular die wîhenaht oder im Plural wîhennahten. Aber woher kommt der Begriff? Nun ja, die Silbe »Weih-« kennen wir auch von anderen Wörtern, etwa von Weihrauch oder Weihwasser. Sie lässt sich auf das 8. Jahrhundert zurückverfolgen, als mittel- und althochdeutsches wîhen. Das germanische Wort weiha wies auf heilige Dinge und Menschen hin. Wenn wir heute das Verb »weihen« verwenden, dann heiligen wir etwas. Zu »Weih-« kommt noch die »Nacht« dazu, die mittel- und althochdeutsche naht, die oft auch den Abend einschloss. WeihNacht ist also ein Synonym für den Heiligen Abend beziehungsweise die Heilige Nacht. Die Pluralendung -en entstand, weil sich das Wort aus dem mittelhochdeutschen ze den wîhen nahten, also »in den heiligen Nächten« herausbildete.

2

ALLES ZU SEINER ZEIT

KEIN LEBKUCHEN VOR DEM ERSTEN ADVENT

Gurian ist zutiefst dankbar, dass ihm seine Familie aus der Vergangenheit glaubt. Er will ihr so wenig wie möglich zur Last fallen – also versucht er, sich nützlich zu machen. Wenn er Aufgaben übernimmt, wird es auch leichter für ihn sein, den Alltag und die Gepflogenheiten der Menschen so gut wie möglich kennenzulernen. Auf einem Stück Papier hat Annette in ihrer altertümlichen Schrift alles aufgeschrieben, was in Kühlschrank und Speisekammer fehlt – gerne will er das besorgen. Seine Verwandte hat ihm grob erklärt, wie das Einkaufen in ihrer Welt funktioniert. Was für eine mühselige Art und Weise, zu seinen Lebensmitteln zu kommen – in der Zukunft spricht Gurian die Dinge, die er braucht, in den Stimmrekorder, den er von überall aus anquatschen kann. Selbst wenn er gerade spazieren ist, kann er mit seinem persönlichen Lieferdienst kommunizieren. Innerhalb einer Stunde kommen die gewünschten Dinge schließlich per Drohnentransport zu ihm nach Hause – oder in den Park, ins Schwimmbad oder ins Flugmobil; dorthin jedenfalls, wo er seine Einkäufe benötigt.

Als Gurian den sogenannten Supermarkt betritt, muss er sich erst orientieren. Er sieht, wie die anderen Menschen einen großen Metallkorb auf Rädern durch das Geschäft schieben und die Produkte hineinlegen. Das macht er ihnen nach. Alles, was gekauft werden kann, liegt hier zur Ansicht bereit. Bananen, Kiwis, Granatäpfel. Er hofft, Annettes Wünsche richtig entziffert zu haben, und legt die Waren in das komische Korbgefährt.

»Mozzarella«, liest er etwa. Wo soll der denn sein? Wie finden sich die Menschen nur in diesem Geschäft zurecht? Müssen sie hier wirklich alles selbst einsammeln? Gurian braucht lange, bis er alles beisammen hat. Einmal muss er fragen, wo die Hefe ist. Seinen Ausflug aber findet er spannend. Was es alles gibt – und mehr noch: Was es alles nicht gibt! Er findet etwa nur eine kleine Auswahl an Limonaden vor. Seine Lieblingssorte, Limonade mit Ananas-Papaguri-Geschmack, ist leider nicht dabei. Aber klar, in so ein Geschäft passt nicht alles rein, was das Herz begehrt.

Und dann entdeckt er an einem Tisch allerlei Naschwerk, das er so nicht kennt: Zwergenhafte Figuren in roten Mänteln und mit einer zipfeligen Kapuze auf dem Kopf. Vermutlich sind sie aus Schokolade, jedenfalls sind sie in buntes Silberpapier gewickelt. Gurian nimmt die Süßigkeiten für die Kinder mit, da freuen sie sich hoffentlich. »Lebkuchen«, »Dominosteine« und »Vanillekipferl« liest er auf Kekspackungen, auch das kommt mit, für Annette und Jürgen. Wie gerne hätte er der Familie farbewechselnde Schokolade oder sprechende Bonbons geschenkt, aber er konnte all das nicht aus der Zukunft mitnehmen. Dann muss er ihnen halt Mitbringsel aus ihrer eigenen Welt geben.

Wieder daheim packt er stolz seine Einkäufe aus. Freudestrahlend geht er zu Annette und den Kindern in die Küche, um ihnen Lebkuchen, die Kapuzenmännchenschokolade, die sogenannten Vanillekipferl und diese Dominosteine zu überreichen. Er strahlt sie an. »Schaut mal, für euch, für heute Nachmittag, zum Naschen«, sagt er. »Und vielleicht gebt ihr mir auch was ab. Ich bin gespannt, wie das alles schmeckt.«

»Oh, toll«, sagt Sophie strahlend, doch ihre Mama stürzt sofort auf ihn zu.

»Gurian, pack das sofort weg! Das ist jetzt noch nichts«, sagt Annette. »Du willst uns doch nicht die Vorfreude auf den Advent vermiesen?«

»Äh, nein, natürlich nicht. Ich will euch doch nur ein Geschenk machen.« Gurian versteht die Welt nicht mehr. Warum freut Annette sich nicht?

»Pack das alles weg, sofort, das geht echt gar nicht«, zischt sie. »Hättest du nicht einfach Gummibärchen mitbringen können?«

Wieso kann man diese Süßigkeiten jetzt nicht essen? In der Zukunft gibt es bei Lebensmitteln ein Mindesthaltbarkeitsdatum, von einem Zeitpunkt, vor dem etwas nicht gegessen werden darf, hat Gurian noch nie gehört. Verlegen und auch ein bisschen beleidigt nimmt er die Leckereien mit in sein Zimmer und räumt sie unters Bett. Er wollte der Familie doch nur eine Freude machen, warum mögen sie das nicht? Warum gehen diese Lebkuchen und die Schokolade jetzt gar nicht, warum wären Gummibärchen die bessere Wahl gewesen? Und warum werden die Sachen verkauft, wenn sie die Vorfreude auf diesen Advent, wer auch immer das ist, vermiesen können?

O du Peinliche

Kein Dominostein im Oktober, kein Lebkuchen vor dem ersten Advent – Menschen, die Weihnachtstraditionen aufrecht halten, richten sich nach diesem ungeschriebenen Gesetz. Das liegt nicht daran, dass ihnen Lebkuchen, Plätzchen und Dominosteine nicht schmecken würden – im Gegenteil: Ihnen ist das Gebäck besonders wertvoll. Die Naschereien, die oft mit besonderen Gewürzen gespickt sind, erst in der zauberhaften Vorweihnachtszeit zu genießen – das macht diese noch schöner. Die Magie des Advents wäre für traditionsliebende Menschen nicht dieselbe, wenn sie bereits im September und Oktober ständig Weihnachtsgebäck naschen würden. Plätzchen und Printen gehören für sie in die Zeit, in der die Familie an den Adventssonntagen in Vorfreude auf das nahende Weihnachtsfest zusammensitzt.

Die Hollerbachs, die diese Tradition leben, sind keineswegs allein damit: 80 Prozent der Deutschen finden, dass Lebkuchen und Konsorten zu früh im Einzelhandel erhältlich sind. Nur neun Prozent können sich mit dem Verkaufsstart um den meteorologischen Herbstanfang, den 1. September, anfreunden. Das ergab eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov. Doch die Deutschen greifen offenbar trotz ihrer Skepsis beim frühen Lebkuchen zu, denn ein Drittel der Weihnachtsgebäckeinnahmen erzielt der Handel üblicherweise bereits im September, wie Hermann Bühlbecker, Geschäftsführer der Aachener Printen- und Schokoladenfabrik Henry Lambertz, der Zeitung Welt verriet. »Üblicherweise« sagte er, weil es auch vom Wetter abhängt: Mit der Niederschlagsmenge steigt die Lust auf Lebkuchen, bei Sonne bleibt es länger beim Eis-Hunger.

Dennoch, die Feinde des frühen Lebkuchengenusses wollen nicht in Versuchung geführt werden: Durch die Medien geisterte bereits die Forderung, ein Gesetz einzuführen, das den Verkauf erst später im Jahr ermöglicht. Lambertz-Chef Bühlbecker empörte das. Gegenüber der Welt sagte er: »Wo kommen wir denn hin, wenn dem Verbraucher künftig per Gesetz vorgeschrieben wird, wann er welche Produkte kaufen kann? Dann müsste man auch Eis oder Erdbeeren im Winter verbieten. Wir sind hier nicht in der DDR.«

Für Traditionalisten hat es indes einen besonderen Reiz in einer Zeit, in der das ganze Jahr über alles zu haben ist – Spargel im Winter, zur Nachspeise Erdbeeren mit Vanilleeis –, eine Nische für das Außergewöhnliche zu bewahren. Denn: Worauf sollen sich die Menschen überhaupt noch freuen, wenn der Lebkuchen schon ab 1. September auf dem Tisch steht, Weihnachtsdeko die Fenster im Oktober ziert und der Christbaum ab November in den Wohnzimmern nadelt? Wenn alles gleich verfügbar ist und dadurch beliebig wird? Außerdem: Die Gefahr ist groß, dass Menschen, die früh zu naschen beginnen, im Advent keine Lust mehr auf Plätzchen und Kipferl haben.

DIE GESCHICHTE DES LEBKUCHENS

Lebkuchen im Sommer zu essen – ist das tatsächlich ein respektloses Vergehen? Nun ja: Wenn man in die Zeit vor dem Dreißigjährigen Krieg zurückgeht, lernt man Lebkuchen und Spekulatius als Ganzjahresgebäck kennen, das vornehmlich in Klöstern zubereitet wurde. Das lag daran, dass sich Mönche eher als Privathaushalte die teuren Zutaten leisten konnten. Zwischen 1618 und 1648 wurden diese allerdings zur Mangelware. Das geliebte Gebäck hielt man daher für die kalte Jahreszeit vor, in der es keine frischen Früchte mehr gab – und für besondere Anlässe. Um die Not der Hungernden etwas zu lindern, gaben ihnen die Mönche in schlimmen Zeiten von den süßen und energiespendenden Lebkuchen ab. Aus den Klöstern stammt übrigens auch die Lebkuchenvariante, bei der der Teig auf Oblaten platziert und gebacken wird. Darauf hält er besonders gut, und der Lebkuchen trocknet mit einer Oblate als Unterlage weniger schnell aus.

Grundsätzlich aber beginnt die Geschichte des Lebkuchens deutlich vor dem 17. Jahrhundert und auch vor dem Mittelalter: Seine Vorläufer wurden bereits in der Antike genossen, was Hinweise aus dem Jahr 350 vor Christus belegen: Damals erfreuten sich die Ägypter bereits an Honigkuchen und legten sie ihren Verstorbenen mit ins Grab. Die Römer kosteten zu ihrer Zeit ein mit Honig bestrichenes panis mellitus.