Feuer am Horizont - Sven Bottling - E-Book

Feuer am Horizont E-Book

Sven Bottling

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Beschreibung

Zwei Handlungen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Beim Start einer Passagiermaschine auf dem Hunsrück Airport Hahn explodiert diese mit rund 180 Passagieren. Zur gleichen Zeit bricht in einem Einkaufscenter in Ulm eine Vibrionen-Epidemie aus. Mittendrin der raubeinige Hauptkommissar Oliver Marx aus Simmern und der etwas schusselige Professor Erwin Maria von Mathewicz aus Ulm, der durch die Vibrionen seine Frau verlor. Beide sind so verschieden und doch kämpfen sie für die gleiche Sache. Feuer am Horizont ist bereits das dritte Buch von Sven Bottling und Mike Fischer und nach Verschwunden in Europa – Der erste Fall der Balthasar Freunde und Der Heiopei das dritte Genre an dem sich beide versuchen.

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Seitenzahl: 313

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Zum Buch

Zwei Handlungen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Beim Start einer Passagiermaschine auf dem Hunsrück Airport Hahn explodiert diese mit rund 180 Passagieren. Zur gleichen Zeit bricht in einem Einkaufscenter in Ulm eine Vibrionen-Epidemie aus. Mittendrin der raubeinige Hauptkommissar Oliver Marx aus Simmern und der etwas schusselige Professor Erwin Maria von Mathewicz aus Ulm, der durch die Vibrionen seine Frau verlor. Beide sind so verschieden und doch kämpfen sie für die gleiche Sache.

Zu den Autoren

SVEN BOTTLING, Jahrgang 1977, lebt mit seiner Familie im Hunsrück.

MIKE FISCHER, Jahrgang 1976, lebt mit seiner Familie in Ulm.

„Feuer am Horizont“ ist bereits ihr drittes Buch und nach „Verschwunden in Europa – Der erste Fall der Balthasar Freunde“ und „Der Heiopei“ das dritte Genre an dem sich beide versuchen.

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www. bofiproduction.de

Leserbriefe an:

[email protected]

„Gott hat den Menschen erschaffen, weil er vom Affen enttäuscht war. Danach hat er auf weitere Experimente verzichtet.“

Mark Twain (1835 – 1910)

In Erinnerung an die schöne Zeit am Gardasee im August 2014, wo die Idee zu diesem Thriller geboren wurde…

Kapitel

Flughafen Frankfurt-Hahn, Hunsrück

Einkaufscenter, Ulm

Abflughalle Terminal A, Flughafen Hahn

Zuhause bei den von Mathewiczs

Lautzenhausen, tags zuvor

Bundeswehrkrankenhaus Ulm

LKA Mainz, am nächsten Tag

Rechtsmedizin Ulm

Uniklinik Mainz, Pathologie, zwei Tage zuvor

Rechtsmedizinisches Institut Ulm

Polizeidienststelle Simmern

Polizeidirektion Ulm

Absturzstelle Lautzenhausen

Hauptfriedhof Ulm

Polizeidienststelle Simmern

Polizeidirektion Ulm

Simmern

Suche nach dem Ursprung

Frankfurt am Main

Tropeninstitut Frankfurt am Main

Intercity Hotel Frankfurt am Main

Heilmeyersteige

Irgendwo in Süddeutschland

Zurück in der Heilmeyersteige

In Ulm, um Ulm und um Ulm herum

Tatort Ulm

Hunsrück

Das Landhaus

Simmern ist nicht Ulm, aber Ulm ist Süddeutschland

Autobahn Acht Spezial

Die Öffentlichkeit hat ein Recht auf Information

Die glorreichen Zwei

Die Presse wird aktiv

Schrecksekunden

Zusammenkunft

In netter Gesellschaft

Die Lage spitzt sich zu

Fragezeichen

Zielgerade

Feuer am Horizont

Epilog

1 Flughafen Frankfurt-Hahn, Hunsrück

Es war einer dieser seltenen sonnigen Tage im Hunsrück Mitte Oktober. Der Herbst, der nach einem sehr milden Winter ohne Schnee und Dauerfrost, sowie einem warmen Frühling und einem durchwachsenen Sommer mit viel Regen, so stark begann, schwächelte im Moment sehr. Nach tagelangem Regen und frischen Temperaturen, schien es wieder aufwärts zu gehen. Der Wetterdienst hatte zumindest für die nächsten Tage warme Temperaturen, sowie Sonnenschein voraus gesagt. In vielen Bundesländern waren bereits wieder Ferien. Auch Rheinland-Pfalz, Hessen und das Saarland gehörten seit drei Tagen endlich dazu. Das machte sich auch am Hunsrückflughafen Frankfurt-Hahn bemerkbar.

Es war früher Morgen, hunderte Passagiere tummelten sich vor und hinter der Sicherheitslinie und warteten gespannt auf ihren Abflug gen Süden oder ins europäische Ausland. Neben vielen Geschäftsreisenden fanden sich auch unzählige Familien, und selbst einige Schulklassen, am Gate ein. Schließlich gab es noch Bundesländer, in denen noch fleißig gelernt wurde. Diese Schüler am Gate jedoch, eine Abschlussklasse des Humboldt-Gymnasiums aus Karlsruhe, waren auf Abschlussreise oder -wie es offiziell genannt wurde- Studienreise. Nach 13 Jahren Schule sollte dies ihr Höhepunkt werden. Mit ihrer Lehrerin Frau Schmidtke und zwei Pädagogikstudenten im 3. Semester, hatten sie sich für London entschieden. 5 Tage Big Ben und Buckingham Palace mit jeder Menge Sightseeing waren geplant. Danach würden auch für sie direkt im Anschluss die Herbstferien beginnen, die ja in Baden-Württemberg immer etwas später begangen und eine Woche kürzer waren.

Für Frau Schmidtke war es die letzte Klasse. Sie hatte vor wenigen Monaten ihren 60. Geburtstag gefeiert und beschlossen, nach dieser Reise in den Vorruhestand zu gehen. Ihr Mann war bereits seit einem Jahr Pensionär. Er hatte sich nach über 40 Jahren bei der Deutschen Bahn ebenfalls für den Vorruhestand entschieden. Gemeinsam wollten sie die letzten Jahre jetzt genießen und viele Reisen miteinander unternehmen. Die Wintermonate wollten sie in wärmeren Regionen verbringen und dazu in wenigen Wochen nach Ibiza und Fuerteventura aufbrechen, um geeignete Unterkünfte zu besichtigen. Beide waren in den letzten 30 Jahren sehr genügsam gewesen und hatten sich ein hübsches finanzielles Polster zusammengespart. Dies sollte, zusammen mit ihren Pensionen, reichen, ihre Wünsche und Träume umzusetzen. Bis dahin war noch ein wenig Zeit. Noch musste und wollte sie ja das Schuljahr beenden.

Die ersten Flieger dieses Morgens standen bereits wartend vor der Abflughalle. Kerosin und das Brummen der Triebwerke lagen in der Luft. Drei von ihnen würden in der nächsten Stunde nach Porto, Palma de Mallorca und London Gatwick abheben. Für Flug BF 2002 der Air Britannia nach London, der als erstes in die Lüfte durfte, gab es bereits den zweiten Aufruf.

Air Britannia war die Airline mit den meisten Abflügen hier. Täglich startete sie von hier aus zu über 20 europäischen und nordafrikanischen Zielen. Nur die East Air, sowie die SouthEastExpress hatten ebenfalls vereinzelte Abflüge vom Hahn. Ab und an verirrte sich auch mal eine namhafte große Airline an diesen kleinen Flecken im Hunsrück. Aber nur, wenn im Rest der Republik mal wieder die Welt unterging. Trotz der guten Anbindung an die Autobahn, wurde der kleine Flughafen doch von vielen Airlines gemieden. Die fehlende Bahnanbindung war nur eine Lücke der regionalen Infrastruktur. Gut funktionierende und ausgebaute Fernbusverbindungen und Linienbusnetze ersetzten die fehlende Bahnverbindung und brachten die Fluggäste nach Trier, Luxemburg, Mainz, Koblenz, Heidelberg und Frankfurt am Main.

Neben der Klasse von Frau Schmidtke waren noch etwa 120 weitere Passagiere auf dem Weg aus der Abflughalle hinaus zum Flieger. Über einen eigens für Passagiere gekennzeichneten Korridor ging es zur äußersten der drei Maschinen. Die Triebwerke liefen langsam und die Spiralen schimmerten in der herbstlichen Sonne. In 300 Metern Entfernung rollte die alte Eldorado Air, eine Boeing 747-200, langsam in Richtung Startpunkt am anderen Ende der Rollbahn. Für gewöhnlich starteten hier Maschinen rund um die Uhr, doch in der letzten Nacht wurden Instandsetzungsma ßnahmen auf der Runway durchgeführt, so dass der Flugverkehr zwischen 23:00 Uhr und 06:00 Uhr ruhte und alles gesperrt war. Sie war die erste Maschine, die an diesem Morgen die Startfreigabe erhielt.

Bei der Eldorado Air handelte es sich um eine zum Frachter umgebaute alte Passagiermaschine. Die Airline war eine der vielen Chartergesellschaften, die meist Militärgut der amerikanischen Streitkräfte transportierte.

Die meisten Passagiere von Flug 2002 waren Geschäftsleute, die an diesem Tag Termine in London und Umgebung wahrnehmen mussten. Nur wenige von ihnen reisten von London aus weiter nach Übersee oder in die anderen Commonwealth Staaten, viele von ihnen wollten auch nur ins Umland oder zum Shopping in die Weltmetropole.

Der Flughafen Frankfurt-Hahn, ein kleiner ehemaliger amerikanischer Luftwaffenstützpunkt, beherbergte bis Ende der 90er Jahre tausende von Soldaten und deren Familien. Waren hier nach Ende des zweiten Weltkrieges zunächst französische Besatzungsmächte ansässig, so übernahmen in den sechziger Jahren die Amerikaner das Gelände und legten sie stadtähnlich an. Schnell entstanden eigene Schulen, ein Kino und Supermärkte. Der Stützpunkt gab unzähligen Anwohnern eine sichere Arbeitsstelle. Das Einzugsgebiet dafür erstreckte sich damals in einem Radius von etwa 30 Kilometern. Viele Mitarbeiter und Soldaten lebten aber nicht nur direkt an der Airbase, sondern siedelten sich in Kastellaun oder Birkenfeld an. An diesen Orten gab es ganze Straßenzüge mit typischen Wohnungen. Bis der Tag des Abzuges kam. In den 90er wurde beschlossen, das Areal vollständig aufzugeben und wieder an das Land zurückzugeben. Das Land Rheinland Pfalz, sowie Hessen steckten Millionen in den Umbau zu einem Zivilflughafen, hinzu kamen beträchtliche Subventionen der Europäischen Union. Dazu mussten viele Einrichtungen der Amerikaner schon sehr früh weichen. Heute erinnert nicht mehr viel an die ehemalige Airbase. Nur noch wenige Gebäude von damals stehen noch und einzig der alte Radarturm hält noch heute eingezäunt die Stellung.

Seit 1998 gingen von hier regelmäßige Flüge ins europäische Ausland und nach Nordafrika. Den Anfang machte der Flug nach London Stansted, der ein- bis zweimal pro Woche von hier startete. Schnell folgten viele andere Ziele. Selbst Berlin wurde von dort angeflogen. Auch unzählige Charter- und Frachtfluggesellschaften nutzten den Airport, der in den letzten Jahren stetig wuchs und zu einer der größten Frachtflughäfen Deutschlands avancierte. Die, bereits erwähnte, günstige Autobahnanbindung und den 24-Stunden-Flugbetrieb, im Gegensatz zu den meisten anderen deutschen Flughäfen machte ihn wertvoll und unverzichtbar. Der geplante neue Hochmoselübergang, der in einigen Jahren die Eifel mit dem Hunsrück verbinden soll, würde weitere Fluggäste und Kunden an den Flughafen bringen. Und doch hatte auch dieser Airport, wie so viele kleine andere Flughäfen, finanzielle Probleme.

Im Cockpit der Boeing 737-800 hatten Flugkapitän Michael Hurst und sein Copilot Will Garcia die letzten Vorbereitungen abgeschlossen. Den Außencheck hatten beide bereits vor zwei Stunden im Hangar absolviert, bevor sie die Maschine vor dem Gate geparkt hatten. Die Boeing hatte gerade den vorgeschriebenen C-Check bekommen, den eine ansässige Firma auf dem Gelände durchführte. Im hinteren Teil der Maschine hatte Stewardess Katherine Hall alles im Griff. Für sie und ihre Kolleginnen Lin Mi Hao und Susan Clark war es bereits der 25. gemeinsame Flug, den sie absolvierten. Sie waren ein eingespieltes Team, was recht selten vorkam, da oftmals untereinander gewechselt wurde. Susan, die Jüngste im Team, würde in wenigen Tagen ihren Dienst in der Luft aufgeben und für unbestimmte Zeit zum Bodendienst wechseln. Es war ihr vorerst letzter Flug als Stewardess. Sie war in der 20. Woche schwanger und bis zum Beginn des Mutterschutzes würde sie die restlichen Wochen dort verbringen. Noch sah man nicht viel von ihrem Babybauch, doch das würde sich in den nächsten Wochen ändern.

Alle Passagiere waren an Bord. Katherine schloss die vordere Tür der Boeing. Susan hatte die Hintere bereits vor wenigen Minuten verschlossen. Die Triebwerke heulten auf und mit Hilfe des Schleppers setzte sich die Maschine langsam in Bewegung. Kurz darauf entfernte ein Angestellter des Flughafens die Stange zwischen Schlepper und Flugzeug und dieses setzte selbstständig den Weg Richtung Startbahn fort.

Michael war 59 und bereits ein alter Hase in der Luftfahrt. Und doch hatte er es nie weiter gebracht als den gewöhnlichen Liniendienst mit einer Boeing 737. Mit mehr als 8000 Flugstunden auf diesem Flugzeugtyp war er routiniert, erfahren und unter den Kollegen angesehen. Zudem war er Vorsitzender der Pilotenvereinigung bei Air Britannia. Sein heutiger Copilot hatte ebenfalls bereits Erfahrung mit diesem Flugzeugtyp und sollte demnächst seinen dritten Streifen erhalten. Beide kannten die Strecke Hahn – Gatwick im Schlaf und flogen diese meist ohne Autopilot.

Im hinteren Teil der Kabine verstauten immer noch einige Passagiere ihr Gepäck unter dem Vordersitz. Routiniert führten Katherine, Lin und Susan die üblichen Sicherheitserklärungen durch. Das Flugzeug bewegte sich langsam in südlicher Richtung. In Kürze würde es den Startpunkt erreichen. Michael und Will hatten bereits die Startfreigabe des Towers erhalten. In wenigen Minuten würden sie das tonnenschwere Objekt auf knapp 11000 Meter Höhe bringen und die anwesenden Passagiere Richtung England befördern.

Langsam näherte sich die 737 der Air Britannia dem alten Jumbo der Eldorado Air. Der Frachter war bis auf den letzten Zentimeter beladen und hatte Mühe, über die Rollbahn zum Ausgangspunkt zu kommen. Sein kleiner Bruder kam schnell näher, hielt aber in einigem Abstand an und wartete.

Die Maschine stand nun auf der Startbahn. Der alte Jumbo startete die 4 Triebwerke mit vollem Schub und heulte unter der Last der Fracht und des Schubes auf. Schwerfällig bewegte sich die Maschine vom Startpunkt weg und verschwand in Richtung Horizont. Michael lenkte seine Boeing 737 auf den Punkt an dem vor wenigen Sekunden noch die 747 stand. Vor sich konnte er den Schleier der Kerosinwolke und die Luftverwirbelung ausmachen, die der Jumbo verursacht hatte. Will legte den Hebel um, und die Maschine bewegte sich unter starker Vibration die Runway entlang. Der volle Schub presste die Crew und die Passagiere in die Sitze. Alles knarzte und ruckelte und die Maschine bewegte sich über den Asphalt. Noch wenige Meter und Will würde die Maschine in die Luft heben. 76 Tonnen Stahl, inklusive Fluggäste, Gepäck, Fracht und Kerosin würden vom Boden abheben.

Einige Passagiere waren angespannt. Nicht alle waren leidenschaftliche Flieger, viele mussten nur aus beruflichen Gründen mehrmals wöchentlich nach London. Die Maschine bewegte sich recht schnell die Startbahn entlang. Die Boeing war völlig ausgelastet, schließlich galt London als Hauptziel der Airline. Es war eine der älteren Maschinen dieses Typs, welche die Airline unterhielt. Mit einem ächzen und zittern hob sie nach knapp 2300 Meter ab und bewegte sich im steilen Winkel Richtung Horizont. Michael und Will waren wie bei jedem Flug äußerst konzentriert, trotz der langjährigen Erfahrung. Von ihren Plätzen aus beobachtete die Crew die ihnen anvertrauten Passagiere. Die Klasse von Frau Schmidtke entspannte in ihren Sitzen und unterhielt sich. Alles war wie immer.

Unmittelbar nachdem die Maschine jedoch abgehoben hatte fing der Rumpf plötzlich an, stark zu vibrieren, stärker als gewöhnlich und üblich. Die beiden Piloten bemerkten es sofort. Die Instrumente zeigten jedoch keine ungewöhnlichen Abweichungen.

Noch bevor die Beiden etwas lokalisieren konnten, spielten alle Bordinstrumente verrückt. Mit einer lauten Explosion zerfetzte zuerst das Heck der Maschine. Hier waren die Geschäftsleute untergebracht. Sie waren, wie so oft die Ersten, die in die Maschine eilten, um die besten Plätze zu bekommen. Nun waren sie auch die ersten, die in Sekundenbruchteilen durch die Explosion zerfetzt wurden.

Auch der Rest der Maschine wurde in Sekundenschnelle durch eine Mischung aus Sauerstoff und Feuer erfasst und durch den daraus entstandenen Feuerball bis zum Cockpit zerstört. Die Klasse um Frau Schmidtke, hatte nicht den Hauch einer Chance und wurde ebenfalls durch die Wucht der Explosion im Heck zerfetzt. Der vordere Teil inklusive Crew war dem hilflos ausgeliefert und schaute dem Flammenmeer ohne Chance entgegen. Die 76 Tonnen Stahl der Boeing 737-800 verloren innerhalb weniger Sekunden an Auftrieb und schlugen ungebremst am Ende der Start- und Landebahn im Waldstück nahe der B327 wieder auf.

Die Maschine zerschellte trotz der geringen Höhe. In diesem Zustand, voll beladen und mit den vielen Tonnen Kerosin war sie eine tickende Zeitbombe. Das Feuer und die Flammen fraßen sich in atemberaubender Geschwindigkeit durch die bereits aufgerissene Außenhülle, sowie durch das Innere der Maschine. Der hinzukommende Sauerstoff beschleunigte dies um ein Vielfaches. Durch den harten Aufprall wurden viele brennende Passagiere aus der Maschine geschleudert.

Nichts war mehr zu hören. Nur das Knistern der Flammen, das Brennen der Bäume, sowie vereinzelte kleinere Explosionen, die durch die Fracht verursacht wurden. Jeder Fluggast hatte Elektrogeräte und Kosmetika mit an Bord, die durch die Hitze nun explodierten. In der Ferne waren bereits die herannahenden Fahrzeuge der Flughafen-Feuerwehr zu hören. Der Tower hatte alles beobachtet und sofort reagiert.

Der Absturz hinterließ eine Schneise der Verwüstung im Wald. Die Stimmen der Passagiere waren verstummt. Kein Schreien, kein Wimmern war zu hören. In kürzester Zeit war alles Leben ausgehaucht worden. Die komplette Maschine wurde zerfetzt und im Wald, nahe der Start- und Landebahn verteilt. Überall Trümmer und kleinere Feuer. Gepäckstücke hingen in den Bäumen und waren großräumig verteilt. Auf dem Waldboden lagen Flugzeugteile und Überreste von Passagieren und Crewmitgliedern. An einem Baum lagen der angebrannte Kopf einer Puppe, sowie ein klimmender Teddybär. Es war ein grauenhafter Anblick an diesem sonnigen Herbsttag im Oktober und ein schwarzer Tag für die Luftfahrt.

Flug BF 2002 existierte nicht mehr, mit ihm 180 Schicksale.

2 Einkaufscenter Ulm

Zur selben Zeit 350 km südlich im Einkaufscenter Ulm, einem Shopping Paradies, das im Umkreis von 100 km seinesgleichen suchte. Es gab ungefähr 50 verschiedene Geschäfte, die ein buntes Potpourri an allen erdenklichen Einkaufsmöglichkeiten boten. Von Drogeriemärkten, über Bekleidungsgeschäfte, extravaganten Schuhläden, Souveniershops, Buchläden, Reiseanbieter, Juweliergeschäften bis hin zu kleinen Boutiquen.

Die Urlaubsvorbereitungen einiger Passanten zeigten ihre Wirkung und deshalb war an diesem Tag ein reger Kundenverkehr zu spüren. Die Geschäftsleute strahlten vor Freude über den Ansturm und vielen Menschen war ihre Kauflaune auch anzumerken. Trotzdem würde es wieder einer dieser Tage werden, an dem viel Laufkundschaft unterwegs, aber wenig Kaufkraft vorhanden war.

So auch eine Familie aus dem Allgäu, die laut flachsend und gut gelaunt die Damenabteilung eines Geschäftes besuchte. Die Eltern benahmen sich wie junge Teenager, während die beiden Kinder auf den dort vorhandenen Spielgeräten spielten. Sie wurden argwöhnisch von der älteren Verkäuferin beobachtet.

Ein junger Mann, Mitte 20, stürmte hektisch umher und suchte zwischen dem Drogeriemarkt und dem Kofferladen den Ausgang, als wenn er sich nicht auskennen würde. Er fand allerdings nach kurzer Zeit die Rolltreppe und somit den Weg aus dem Einkaufscenter über den Dachparkplatz.

Auch die Familie von Professor Doktor Erwin Maria von Mathewicz war an diesem Tag in reger Kauflaune und machte gerade das obere Stockwerk des Centers unsicher.

Sybille von Mathewicz, eine attraktive 54-Jährige und ihre Tochter Natasha, 22 Jahre, kurz vor Studienbeginn, hatten schon verschiedene Läden besucht. Dies sah man an den vielen Taschen und Tüten an ihren Handgelenken, die sie freudestrahlend um sich herumschwangen. Natasha stieß mit einem jungen Mann zusammen, konnte sich aber gekonnt mit einem Lächeln wieder von ihm abwenden. Professor Doktor von Mathewicz, ein 56-Jähriger Akademiker im Vorruhestand mit gelocktem schwarz gefärbtem Haar, machte es sich derweil in einem Café gemütlich und las die regionale Tageszeitung. Eine gelungene Abwechslung zu seiner sonstigen Tätigkeit im Universitätsklinikum Ulm, wo er aushilfsweise als Professor mit biologischen Forschungsaufgaben beschäftigt war. Er genoss das rege Treiben der Passanten und die damit verbundene Freiheit, einmal etwas anderes zu tun, als in seinem Labor nach seltenen Arten biologischer Substanzen zu forschen. Wenn er das nicht tat, pflegte er seinen Garten zu Hause, in einem kleinen Stadtteil von Ulm. Die von Mathewiczs gehörten zur Oberschicht, vermieden es aber, dies nach außen zu zeigen. Sie liebten das einfache, beschauliche Leben inmitten der normalen Gesellschaft.

Frau von Mathewicz und ihre Tochter waren nun im Drogeriemarkt im Erdgeschoss angekommen, wo sie sich noch schnell ein paar Kosmetikartikel aussuchen wollten. An einem Stand, an dem man neues Parfum testen konnte, standen eine ganze Menge Leute eng aneinander gedrängt. Sybille und Natasha stellten sich dazu und lauschten der Verkäuferin, die gerade das neuste Parfum eines Hollywoodstars in die Runde reichte. Plötzlich verspürte Sybille von Mathewicz ein leichtes Stechen im Nacken, verbunden mit einem unangenehmen Brennen. Sie griff sich gleich an diese Stelle, bemerkte allerdings nichts Ungewöhnliches. Sie drehte sich in alle Richtungen und beobachtete mehrere Menschen, die aber genauso der Verkäuferin lauschten wie der Rest der Gesellschaft.

Mitarbeiter des Einkaufscenters hatten vor wenigen Tagen begonnen eine Ausstellung tropischer Pflanzen aufzustellen und die angestellten Gärtner waren gerade dabei, diese zu bewässern. Deshalb war auch ein frischer, blumiger Duft im gesamten Bereich zu spüren, den fast jeder Passant in die Nase bekam und freudestrahlend zur Kenntnis nahm. Verblühte Pflanzen wurden durch neue ersetzt, welke Blätter wurden entfernt und der Boden aufgelockert.

Das Center schloss an diesem Tag wie immer um 20:00 Uhr seine Pforten und die Sicherheitsleute hatten mal wieder alle Hände voll zu tun, die letzten Kunden aus dem Parkhaus hinaus zu lotsen. Auch Familie von Mathewicz war wie viele andere Besucher an diesem Tag bis zum Ende der Öffnungszeiten geblieben und hatte Mühe, die gesamten Einkäufe im Kofferraum ihres kleinen Autos zu verstauen. Es ging zurück in ihr kleines beschauliches Zuhause. Sie versuchten, wie die vielen anderen, das Parkhaus des Einkaufscenters zu verlassen, was ihnen auch nach mehreren Minuten gelingen sollte.

3 Abflughalle Terminal A, Flughafen Hahn

Am gleichen Tag in der Abflughalle A des Terminals am Airport Hahn, hatte sich Hauptkommissar Oliver Marx gerade von seiner Tochter Carolina verabschiedet.

Sie war auf dem Weg nach Portugal, um ihre Mutter Christa zu besuchen, die bereits seit mehr als acht Jahren an der Algarve lebte. Sie hatte vor knapp neun Jahren in einem Urlaub mit ihrer besten Freundin ihren jetzigen Lebensgefährten Paolo kennen und lieben gelernt. Bereits vier Wochen später packte sie über Nacht ihre Sachen und zog Hals über Kopf nach Portugal. Oliver, mit dem sie damals noch verheiratet war, blieb mit Tochter Carolina zurück im Hunsrück. Für beide kam die plötzliche Wandlung von Christa überraschend. Carolina war damals erst Sieben. Für sie brach eine Welt zusammen. Monatelang hatte sie Alpträume, konnte nicht alleine einschlafen und weinte sich jede Nacht in den Schlaf. Oliver war damals häufig überfordert mit der Situation und griff öfter mal zur Flasche, wenn Carolina schlief.

Über Nacht wurde er zum alleinerziehenden Vater einer siebenjährigen Tochter. Die ganzen Jahre zuvor hatte er sich nicht um die häuslichen Angelegenheiten kümmern müssen. Dafür war immer Christa da gewesen. Sie regelte meist alles, während Oliver im Schichtdienst bei der Bereitschaftspolizei in Simmern und später als angehender Kommissar in Mainz seinen Dienst verrichtete. Er war mittlerweile 44 Jahre alt. Oliver hatte immer noch volles Haar, das allerdings bereits grau meliert war. Sein Gesicht zierte meist ein 3-Tage Bart, was seine Vorgesetzten nicht so gerne sahen. Zudem hatte er einen leichten Bauchansatz, den er gerne mit dunklen T-Shirts und Pullovern kaschierte. Sport fand bei ihm nur vor dem Fernseher statt. Viel lieber ging er abends in die Kneipe um die Ecke. Oftmals kam er nach diesen Besuchen aber erst am frühen Morgen nach Hause. Carolina bekam dies meist gar nicht mit.

Oliver war kein einfacher Kollege, denn er hatte seinen eignen Kopf, den er des Öfteren auch gerne mal anderweitig einsetzte. Dafür brauchte er aber auch seine Fäuste und wusste diese Kombination in der Vergangenheit mehrmals gekonnt einzusetzen. Daher verbrachte er auch schon mal die eine oder andere Nacht in der Zelle bei den Kollegen, nachdem er es einmal alleine mit 20 Bauern in einer Kneipe aufgenommen hatte und die Einrichtung natürlich auch komplett neu dekorierte. Es gab derzeit in der nahen Umgebung nur noch wenige Lokale, in denen er noch gern gesehen war.

Oliver und Christa waren fast 10 Jahre verheiratet, als sie damals die Reise nach Portugal machte. Er war sich bis zu jenem Zeitpunkt sicher gewesen, dass er der einzige Mann wäre und auch bleiben würde. Sicher gab es hin und wieder Reibereien, so etwas war normal in einer Ehe. Im Bett lief es aber all die Jahre hervorragend. Christa wollte und er konnte auch immer. Sie war ein kleines versautes Luder und für alle sexuellen Praktiken offen, nicht nur in den eigenen Wänden, was dieser Portugiese wohl auch herausbekommen hatte. Jedenfalls war sie wenig später weg.

Seit dem lief nicht mehr allzu viel bei ihm, was den Sex betraf. Seit er alleinerziehender Vater war, hatte er dafür nicht mehr viel Zeit gefunden. Angebote gab es einige, aber keine dieser Frauen passte in sein Schema. Die eine war zu dick, die andere zu hässlich und wieder eine andere hatte selbst schon 3 Kinder. Also eine Gebrauchte wollte er nicht, gebraucht war er selber. Er wollte etwas Unverbrauchtes, Junges und Hübsches.

Wie bereits erwähnt, standen beide in der Abflughalle. Carolina war ein wenig nervös. Das war sie immer, wenn sie zu ihrer Mutter flog. Sie hatte zwar regelmäßigen Kontakt, konnten sich jedoch nur in den Ferien sehen. Die Kosten für das Flugticket wurden untereinander aufgeteilt. Mal zahlte Oliver, mal Christa. Oliver war aber in der Zwischenzeit so clever, dass er bereits Monate vorher das Ticket kaufte. So bekam er mit Air Britannia immer einen günstigen Flug und das Ticket meist zum Nulltarif. Christa buchte meist teurer. Oliver erzählte ihr davon natürlich nichts, wobei er sicher war, dass man so doof gar nicht sein konnte.

„So Paps ich geh dann mal. Ich melde mich, wenn ich angekommen bin. Schick dir ‘ne Nachricht oder so.“

Oliver verzog das Gesicht, denn er hasste diesen neumodischen Kram mit Internet, Messenger und Smartphone. Er hatte aus Protest noch sein altes Nokia 6310 und zu Hause stand ein alter, ausrangierter Rechner seiner Dienststelle. Damit surfte er, wenn es unbedingt nötig war, mal kurz im Internet, verzichtete aber weitestgehend darauf. Wofür gab es schließlich die Bild und die Rhein-Hunsrück-Zeitung.

„Pass auf dich auf, meine Kleine. Du weißt ja, nicht alle Südländer sind nur freundlich und hilfsbereit!“

„Ja, Paps, ich weiß, du und deine Vorurteile und Nöte!“

Sie gab Oliver einen Kuss auf die Wange, winkte zum Abschied und ging an der Kontrolle vorbei zum Sicherheitscheck.

Oliver hasste diese Abschiede und doch freute er sich immer auf ein paar Tage oder gar Wochen Ruhe. Das war die Zeit, die er für sich nutzen konnte. In zwei Wochen würde er sie in Frankfurt wieder abholen. Christa hatte mal wieder die TAP (Portugiesische Airline) gebucht und die landete bekanntlich nur dort.

In diesem Moment erschütterte ein lauter Knall die Hektik des Terminals. Das ganze Gebäude vibrierte und einige Scheiben bekamen leichte Risse. Instinktiv warfen sich Einige auf den Boden. Menschen fingen an, hysterisch zu schreien und wild durcheinander zu rennen. Oliver war einer von denen, die sich auf den Boden warfen. Schnell sondierte er die Situation und sprang als Einer der Ersten wieder auf. Er hielt Ausschau nach Carolina, die gerade am Sicherheitscheck stand als es knallte. Sie kauerte auf dem Boden. Er sah, dass Sie weinte, jedoch in Ordnung war. Oliver schaute sich um. Panik machte sich breit. Er lief in Richtung Ausgang. Draußen angekommen, sah er, dass viele Personen wild durcheinander liefen.

Überall standen Koffer herum. An der rechten Ausfahrtsschranke des Parkhauses hatten sich zwei Fahrzeuge ineinander verkeilt. Einer der Fahrer gestikulierte wild und schimpfte auf den anderen ein. Der Andere schaute mit großen Augen nach oben in den Himmel. Etwas abseits stand eine Menschenmenge und starrte ebenfalls gen Himmel und in Richtung Tower. Aus dieser Richtung war ein Feuerball zu sehen. Oliver erblickte diesen ebenfalls und war im ersten Moment geschockt. Sein Mund stand offen. Lange hatte er geglaubt, der Hunsrück würde niemals eine Katastrophe erleben. Sicher mal einen Unfall, einen Brand oder auch einen Diebstahl, aber sicher nicht eine Feuerwalze am Flughafen!

Was war nur geschehen? Von der Runway tönten die Martinshörner der Feuerwehr herüber. Auch die Bundespolizei machte sich auf den Weg. In diesem Moment schossen die Fahrzeuge in einiger Entfernung über die Runway. Die komplette Staffel war ausgerückt. Immer noch war Feuer zu sehen. Schwarzer Rauch mischte sich dazu.

Instinktiv lief er zu seinem Fahrzeug. Im Laufen kramte er sein altes Nokia raus und wählte die Nummer seiner Dienststelle. Der alte Schaller Hubert meldete sich.

„Schick mal schnell ein Fahrzeug zum Flughafen, oder gleich alle. Hier ist was passiert!“

Mehr sagte er nicht, ließ seinen Kollegen auch nicht zu Wort kommen, legte wieder auf und lief tief schnaufend zu seinem Auto. Mit diesem hielt er es, wie mit allen anderen Dingen: Neumodischer Kram kam ihm nicht auf den Hof. Sein alter beigefarbener Ford Taunus, Baujahr 1982, stand einsam im 5. Stock des Parkhauses. Oliver hasste es eigentlich, den erstbesten Parkplatz zu nehmen, doch nun bereute er es. Außer Atem und wild keuchend nach Luft ringend kam er auf dem Parkdeck an und stieg sogleich ein. Mit quietschenden Reifen fuhr er los, schoss aus dem Parkhaus heraus und schob sich hupend über den Bürgersteig an den wartenden Fahrzeugen vorbei. Passanten sprangen wütend zur Seite.

Beide Ausfahrten waren blockiert. Auf der einen Seite standen noch immer die beiden Fahrzeuge, die sich ineinander verkeilt hatten. An der anderen Schranke hatte ein älteres Ehepaar aus Trier wohl alle Zeit der Welt. Hupend beschleunigte er das Ganze, bis diese ihm den Weg durch hinausfahren frei machten. An der Schranke angekommen drückte er den Knopf und wartete.

„Ja, bitte!“, näselte es nach einigen Sekunden aus dem Lautsprecher.

„Hauptkommissar Marx, Kripo Simmern, machen Sie bitte auf!“

„Da könnte ja jeder kommen!“, ertönte es aus dem Lautsprecher.

„Wenn Sie nicht sofort aufmachen, dann hatten Sie die längste Zeit eine Schranke!“, erwiderte Oliver völlig entnervt.

Die Schranke öffnete sich und er fuhr mit schrill quietschenden Reifen los. Den Blick in Richtung Feuerball gerichtet, raste er die Straße entlang. In der Linkskurve am Busbahnhof hatte er Mühe, den alten Ford in der Spur zu halten.

Währenddessen beruhigte sich die Situation im Terminal langsam wieder. Sicher auch dank des Einschreitens von Sicherheitspersonal, Sanitätern und Bundespolizisten vor Ort. Carolina war mittlerweile ebenfalls wieder auf den Beinen und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. Obwohl sie nicht wusste, was passiert war, nahm sie die Situation doch sichtlich mit. Einige Mitarbeiter der Security wussten nicht, was sie machen sollten und standen nur wartend herum. Viele Reisende waren aus dem Gebäude gerannt. Carolina konnte von ihrem Standpunkt aus sehen, wie ihr Vater mit quietschenden Reifen das Gelände verließ. Sie hasste den alten Ford und schämte sich jedes Mal, wenn er sie damit irgendwo hinfuhr. Daher vermied sie es, so gut es ging, auf die Dienste von Oliver zurückzugreifen. In diesem Moment war sie aber einfach nur stolz, denn sie wusste, dass er jetzt dort raus musste und man seine Hilfe benötigte.

In diesem Moment ertönte die Durchsage in Deutsch, Englisch und Portugiesisch, dass bis auf weiteres alle Flüge gestrichen waren.

In der Zwischenzeit war Oliver an der Unglückstelle angekommen. Er war nicht der Erste und es bot sich ihm und seinen Kollegen ein Bild des Grauens. Überall Feuer, Rauch und Gepäckstücke der verunglückten Maschine. Er stellte seinen Ford am Straßenrand ab und stieg aus. Beißender Rauch, vermischt mit einem stechenden Geruch schlug ihm entgegen. Er kramte ein Taschentuch aus seiner Hosentasche und hielt es sich vor die Nase. Er musste würgen. Ein Zeichen dafür, dass der beißende Geruch mehr war als von Rauch und Wrackteilen. Viele Opfer mussten jämmerlich verbrannt sein. Der Gedanke daran, ließ ihn abermals würgen und er musste sich sogleich übergeben.

In einiger Entfernung hörte er die herannahenden restlichen Rettungsfahrzeuge des Flughafens. Er blickte sich um. Überall waren Teile des Flugzeuges zu sehen. Feuer loderte noch an vielen Stellen.

Er schaute nach unten auf den Boden. Zwei leere Augenhöhlen blickten ihn an. Vor ihm lag ein verkohlter Oberkörper mit stechendem Blick. Der Rest davon war nicht mehr da. Der Oberkörper gehörte einmal einer jungen Frau, etwa in Carolinas Alter. Abermals musste Oliver würgen. Er drehte sich um und übergab sich erneut.

4 Zuhause bei den von Mathewiczs

Stunden später, es war so gegen 3:15 Uhr in der Früh, sprang Sybille von Mathewicz aus ihrem Bett in der Heilmeysteige, einer Straße in Ulm, und eilte zur Toilette. Sie musste sich übergeben! Nach ungefähr 10 Minuten verließ sie wieder das Badezimmer und betrachtete sich im Spiegel. Was sie dort erblickte, raubte ihr kurz den Atem, denn ihr ganzes Gesicht war von der Stirn bis zum Kinn feuerrot. Außerdem brannte es wie Chili in ihrem Mund. Das Gesicht war zudem zerfurcht von vielen feinen Rissen, die schon bei sanfter Berührung langsam aufzureißen drohten.

Sie schrie nach ihrem Mann: „Erwin, Hilfe! Komm schnell! Erwin, Mensch Erwin, komm schnell ins Bad!“

Professor Doktor von Mathewicz schreckte aus dem Schlaf und versuchte kurz den Schrei seiner Frau zu lokalisieren. Er sprang aus dem Bett und irrte die ersten paar Sekunden planlos im Schlafzimmer umher.

„Sybille, Sybille wo bist du?“

„Im Bad… hier, bitte… Komm schnell! Es ist… etwas passiert, ich… ich sehe schrecklich aus!“

Erwin eilte ins nahegelegene Badezimmer, das sich auf einer Etage mit dem Schlafzimmer befand. Nach dem Öffnen der Tür musste er sich erst an das grelle Licht der Badezimmerlampe gewöhnen. Dann erblickte er seine Frau. Er sah Sybille auf dem Boden sitzend, mit den Händen vor dem Gesicht. Als er sie ansprach, nahm sie langsam ihre Hände vom Gesicht und dieser Anblick ließ ihm den Atem stocken.

„Liebling, was ist denn mit dir geschehen? Wie schaust du denn aus? Was ist mit dir passiert?“

„Erwin, ich weiß es nicht!“

Dabei rollten Tränen über ihr Gesicht. Sybille zeigte ihrem Mann ihr Gesicht und zum Vorschein kam etwas, was nichts mehr mit dem zu tun hatte, mit dem er vor ein paar Stunden gemeinsam ins Bett gegangen war.

„Schatz, entschuldige wenn ich das jetzt sagen muss, aber du siehst grauenvoll aus. Was ist mit dir geschehen? Was ist mit deinem Gesicht passiert?“, fragte er sie aufgeregt und jetzt mit den Händen fuchtelnd.

„Ich weiß es nicht, mir war schlecht und ich musste mich auf der Toilette auch mehrmals übergeben, Erwin!“, antwortete sie.

„Soll ich einen Arzt rufen, oder …oder … oder … was soll ich tun?“, stotterte er aufgeregt.

„Ich weiß es nicht, gut geht es mir nicht. Mir ist schlecht und ich glaube mein Gesicht sieht auch nicht normal aus und es brennt wie Feuer. Es wäre besser, wenn du einen Krankenwagen bestellen würdest!“

Kurz darauf stand Erwin von Mathewicz, nur mit einem Morgenmantel bekleidet, vor der Haustür und wartete auf einen Krankenwagen, den er kurz davor per Notrufnummer alarmiert hatte.

Nach nur wenigen Minuten traf dieser aus dem nahegelegenen Bundeswehrkrankenhaus an der Wohnung der von Mathewicz ein. Die Sanitäter eilten herbei und Erwin von Mathewicz zeigte ihnen den Weg. Im Badezimmer angekommen, in dem Sybille von Mathewicz immer noch saß, erschraken die beiden Helfer bei deren Anblick. So etwas hatten auch sie, in ihrer Laufbahn als Sanitäter, noch nicht zu Gesicht bekommen.

„Ich glaube, wir machen hier keine weiteren Maßnahmen, wir warten bis der Notarzt angekommen ist. Geht es ihnen gut?“, erkundigte sich einer der Sanitäter.

„Mir geht es nicht gut, ich glaube mir wird wieder schlecht. Ich muss noch einmal ….“ Weiter kam sie nicht und bewegte sich schnell wieder Richtung Toilette.

Sie sahen Sybille sich über die Toilette beugen und mit einem erneuten Brechreiz ihr bereits gegessenes Abendessen in die Schüssel spucken.

Kurz darauf war auch der Notarzt vor Ort. Nach einer kurzen Sichtung Sybilles entschied er den Abtransport von Sybille ins Krankenhaus. Die Sanitäter halfen ihr und brachten sie zum Rettungswagen. Erwin fragte den Arzt, ob es bereits eine grobe Diagnose gäbe und dieser erwiderte, dass er seine Frau mit dem Verdacht auf eine Viruserkrankung, sowie einer allergischen Reaktion erst einmal mit ins Krankenhaus nehmen wolle. Erwin, immer noch im Morgenmantel und völlig verwirrt suchte schnell nach Kleidung um seine Frau zu begleiten.

Ohne viel Aufsehen zu erregen, luden die Sanitäter Frau von Mathewicz mit samt ihrem Ehemann in den Krankenwagen ein und fuhren in das nahegelegene Bundeswehrkrankenhaus. Herr von Mathewicz hatte sich schnell etwas angezogen, seine Tochter geweckt und ihr mitgeteilt, dass ihre Mutter ins Krankenhaus müsse und er sie begleiten würde. Natasha war viel zu müde, um zu reagieren. Sie war bis vor zwei Stunden auf einer Party gewesen und wollte nur noch schlafen.

Nach einer rasanten Fahrt war man nun, nach nur vier Minuten, vor der Notfallaufnahme des Bundeswehrkrankenhauses Ulm angekommen. Die Sanitäter zogen langsam die Trage mit Frau von Mathewicz aus dem Fahrzeug. Die Rollen mit samt dem Gestell klappten beim Herausziehen, mit einem lauten Knall auf den Asphalt. Sybille von Mathewicz erschrak dabei, legte ihren Kopf allerdings gleich wieder auf das Kissen, da ihre Schmerzen sie dazu zwangen. Das Brennen im Gesicht wurde stärker und Erwin von Mathewicz konnte seiner Frau kaum in die Augen schauen, so sehr schmerzte es ihn selber.

Nach nur wenigen Metern erreichten sie den Eingangsbereich der Notaufnahme. Die Sanitäter schoben die Trage schnellen Schrittes über den langen Flur, bis zu einer Krankenschwester, die ihnen den Weg in den nächstgelegenen freien Behandlungsraum wies. Erwin von Mathewicz wurde von der Dame am Empfang aufgehalten, um die Personalien seiner Frau anzugeben. Aufgeregt und mit zittriger Hand füllte er die Anmeldeformulare aus, musste allerdings ein paar Felder freilassen, da ihm die Daten der Krankenversicherung nicht einfallen wollten. Nach einer gefühlten Ewigkeit war er mit der Prozedur fertig und setzte sich direkt vor den Behandlungsraum, um auf eine positive Reaktion von dort zu warten.

„Herr von Mathewicz, Herr von Mathewicz, Herr von MATHEWICZ!“, weckte ihn eine immer lauter werdende Frauenstimme.

Er musste wohl kurz eingeschlafen sein. Langsam rappelte er sich von seiner leicht schrägen Position hoch und schaute in die Augen einer, noch recht jung ausschauenden, Krankenschwester. Mit einem sehr angespannten Blick teilte sie ihm mit: „Herr von Mathewicz, ihre Frau ist auf die Intensivstation verlegt worden.“

„Was ist mit meiner Sybille?“

„Dazu kann ich Ihnen leider keine Auskünfte erteilen, da müssen Sie warten, bis der zuständige Arzt da ist.“

„Wo finde ich den und wo muss ich jetzt hin?“

„Am besten, Sie fahren in den dritten Stock auf die Innere. Melden Sie sich dort an und warten Sie auf den Arzt.“, erklärte sie ihm in einem ruhigen, aber bestimmenden Ton.

„Aber was ist denn mit meiner Sybille? Sie können mir doch sagen,… was mit ihr ist. Wie geht es ihr? Es geht ihr doch schon besser,… oder etwa nicht? Sagen Sie schon!“, stotterte er vor sich hin.

„Herr von Mathewicz, es tut mir leid. Ich kann und darf Ihnen auch nichts sagen.“, erklärte sie und zeigte dabei auf den Aufzug.

„Dritter Stock sagten Sie?“

„Ja. Viel Glück und alles Gute.“, ergänzte sie.

Erwin von Mathewicz ging einsam und geknickt, mit schlürfenden Schritten in Richtung Aufzug. Er drückte die Aufzugstaste und wartete bis der nächste der acht Aufzüge auf seiner Etage angekommen war. Er stieg ein, drückte die Taste mit der Nummer zwei, die für den dritten Stock war und lehnte sich an die Wand des Aufzugs.

Dort angekommen, schaute er nach rechts, erblickte die Fensterfront und schaute in die andere Richtung. Dort sah er Schilder, die ihm den Weg zur Intensivstation wiesen. An seinem Ziel lauschte er den Stimmen, die aus einem offenen Zimmer kamen. Er klopfte und wartete auf ein „Herein“, das allerdings ausblieb. Er wartete. Nach etwa einer Minute trat eine ältere Krankenschwester vor die Tür und schaute ihn von unten bis oben an.

„Bitteschön, was kann ich für Sie tun?“, fragte sie.

„Ich … mein Name … ich suche … Mathewicz … Sybille … ich bin ihr Mann … ist sie da? … Erwin … ich heiße Erwin …ich bin ihr Mann …“

„Mal ganz langsam, wen suchen Sie jetzt?“

„Sybille!“

„Welche Sybille?“

„Sybille von Mathewicz. Sie ist … heute … gerade … vorher … SIE SOLL HIER BEI IHNEN LIEGEN!“, stotterte er und vollendete seine Worte mit einem leicht erhöhten Ton.