Verlag: Dressler Kategorie: Für Kinder und Jugendliche Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2013

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E-Book-Beschreibung Feuer - Mats Strandberg

Band 2 der spannenden Engelfors-Trilogie. Das Böse schwelt in Engelsfors, diesem tristen schwedischen Provinznest, und es wird immer stärker. Es zieht die Stadt in seinen Bann. Greift so bedrohlich schnell um sich wie ein Flächenbrand. Und seit die Auserwählten wissen, dass sie dagegen kämpfen müssen, ist ihr Leben nicht gerade einfacher geworden. Im Gegenteil. Eigentlich ist alles noch viel schlimmer als vorher. Langsam beginnen die Mädchen zu begreifen, wie mächtig und wie gnadenlos ihr Gegner wirklich ist. Was er anrichten kann. Dass nicht nur ihr eigenes Leben auf dem Spiel steht, sondern viel mehr. Aber haben sie überhaupt die geringste Chance, das Böse zu stoppen? Schließlich sind sie nur noch zu fünft und keiner steht ihnen bei. Obendrein hat auch der Rat es auf die Mädchen abgesehen. Der Rat, der sie eigentlich beschützen sollte, dem aber Kontrolle und Macht alles bedeuten. Und ihm ist jedes Mittel recht, um beides zu behalten. Nur wenn die Auserwählten ihre Geheimnisse endlich teilen und einander bedingungslos vertrauen, können sie all das vielleicht überstehen. Nur dann lässt sich die dunkle Bedrohung vielleicht noch abwenden. Die Zeit drängt.

Meinungen über das E-Book Feuer - Mats Strandberg

E-Book-Leseprobe Feuer - Mats Strandberg

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1. Teil

1. Kapitel

Sonnenlicht strömt durch die hohen Fenster des Zimmers und offenbart jeden einzelnen Schmutzfleck auf der weißen Vliestapete. Auf dem Boden steht ein Ventilator und dreht sich langsam. Trotzdem ist es unerträglich heiß.

»Wie war dein Sommer?«

Psychologen-Jakob hat Shorts an und sitzt zurückgelehnt in seinem braunen Ledersessel.

Linnéa kann es nicht lassen und streckt ihre Fühler nach seinen Gedanken aus. Sie nimmt ein Unbehagen wahr, weil seine Oberschenkel am Leder kleben, aber auch, dass er sich wirklich freut, sie wiederzusehen. Sie tritt sofort den Rückzug an. Und schämt sich ein bisschen.

»Ganz okay«, beantwortet sie seine Frage und denkt: zum Kotzen.

Sie heftet den Blick auf das eingerahmte Plakat hinter Jakob. Pastellfarbene geometrische Figuren. Linnéa kann sich kaum etwas Nichtssagenderes vorstellen und fragt sich, ob es einen tieferen Sinn hat, dass es hier hängt.

»Ist etwas Besonderes passiert, über das du gerne reden möchtest?«, sagt Jakob.

Definiere »Besonderes«, denkt Linnéa und fixiert ein blaues Dreieck, das über seinem rasierten Schädel schwebt.

»Nicht direkt.«

Jakob nickt und sagt nichts mehr. Seit Linnéa entdeckt hat, dass sie Gedanken lesen kann, fragt sie sich immer mal wieder, ob er über eine gemäßigte Variante ihrer Fähigkeit verfügt, ob er irgendwie sehen kann, was in ihrem Kopf vorgeht. Er weiß immer, wann er auf diese ganz spezielle Art schweigen muss, die sie veranlasst, weiterreden zu wollen. Meistens kann sie widerstehen, aber jetzt sprudeln die Wörter nur so aus ihr heraus.

»Man könnte sagen, ich hatte Streit mit einer Freundin. Eigentlich mit mehreren.«

Linnéa lässt den Flipflop von ihrem Fuß baumeln. Sie hasst Sandalen. Aber wenn es so verdammt heiß ist, kann man ja nichts anderes anziehen.

»Was war los?«, fragt Jakob in neutralem Ton.

»Ich hatte ein Geheimnis, in das ich die anderen hätte einweihen müssen, aber ich habe es für mich behalten. Und als ich es dann doch gesagt habe, waren sie sauer, weil ich ihnen nicht schon viel früher davon erzählt habe. Jetzt vertrauen sie mir nicht mehr.«

»Willst du mir sagen, was für ein Geheimnis das war?«

»Nein.«

Jakob nickt nur. Was würde wohl aus seinem professionellen Tonfall werden, wenn sie ihm die Wahrheit sagen würde? Zuerst würde er ihr definitiv nicht glauben. Doch dann würde sie ihm gestehen, dass sie manchmal gegen ihren Willen seine Gedanken aufgeschnappt hatte, bevor sie ihre Fähigkeit besser kontrollieren konnte. Sie weiß, dass er seine Frau letzten Herbst mit einer Kollegin betrogen hat. Sein dunkelstes Geheimnis.

Jakob würde Angst bekommen. Sich in ihrer Nähe nur noch unwohl fühlen. Genau wie die Auserwählten.

Ein paar Tage nach der Schulabschlussfeier haben sie sich schließlich gegenseitig ihre Geheimnisse verraten. Minoo erzählte die ganze Wahrheit über jene Nacht im Speisesaal, über den schwarzen Rauch, den kein anderer sehen konnte und der sowohl von ihr ausströmte als auch von Max, dem Gesegneten der Dämonen. Anna-Karin beichtete, dass sie das ganze Winterhalbjahr hindurch ihre Mutter verhext hatte, und gab zu, wie weit sie mit Jari gegangen war. Schwerwiegende Geheimnisse, aber nichts im Vergleich zu dem, was Linnéa gestehen musste: dass sie ihre Gedanken lesen konnte. Und dass sie es fast ein Jahr lang getan hatte. Ohne etwas zu sagen.

Seitdem war nichts mehr wie vorher. Den Sommer über haben sie sich regelmäßig getroffen, um ihre magischen Fähigkeiten zu trainieren. Doch jedes Mal merkte Linnéa, wie die anderen ihrem Blick auswichen. Während der gesamten Ferien hat Vanessa kaum ein Wort mit ihr gewechselt. Wenn Linnéa daran denkt, ist es, als würde ihr jemand einen geschliffen scharfen Pürierstab geradewegs durch den Brustkorb jagen und ihr damit das Herz zerfetzen.

»Wie hast du reagiert, als die anderen sauer auf dich wurden?«, fragt Jakob.

»Ich habe versucht, mich zu verteidigen. Aber ich konnte sie ja verstehen. Ich meine … an ihrer Stelle wäre ich ausgeflippt.«

»Warum hast du ihnen nicht früher von deinem Geheimnis erzählt?«

»Weil ich wusste, dass sie durchdrehen würden.«

Da ist es wieder, das Psychologen-Schweigen. Linnéa heftet den Blick auf ihre Füße. Ihre Zehennägel sind schwarz lackiert.

»Und außerdem war es irgendwie schön«, fährt sie fort.

»Was war schön?«

»Ihnen überlegen zu sein.«

»Manchmal ist es anstrengend, andere in sein Leben zu lassen. Zu erlauben, dass sie einem wirklich nahekommen. Manchmal fühlt man sich alleine sicherer.«

Linnéa kann ein abfälliges Lachen nicht unterdrücken, es platzt einfach aus ihr heraus.

»Was ist denn so lustig?«

Sie hebt den Blick und sieht sein mildes Lächeln. Was weiß er denn schon davon, was es heißt, alleine zu sein? Nicht alleine im Sinne von »ausgerechnet heute sind alle so beschäftigt« oder alleine, weil die Ehefrau auf einem Kongress ist. Sondern so alleine, dass es wehtut, dass man spürt, wie sich die Körpermoleküle trennen, wie man sich in ein großes Nichts auflöst. So alleine, dass man laut schreien muss, nur um zu hören, dass man noch existiert. So alleine, dass es niemanden interessieren würde, wenn man sich in Luft auflöste.

In ihrem Kopf ploppt die Liste auf. So lange Linnéa zurückdenken kann, gibt es diese »Wem würde es etwas ausmachen, wenn ich tot wäre?«-Liste. Seit Elias ermordet wurde, kann sie sich bei keinem Namen darauf wirklich sicher sein.

Jakob begreift offenbar, dass sie nicht vorhat, ihm auf seine Frage zu antworten, denn er wechselt das Gesprächsthema.

»Vor den Sommerferien hast du mir erzählt, dass du jemanden kennengelernt hast, für den du etwas empfindest.«

Da ist er wieder, der mörderische Pürierstab.

»Das ist vorbei«, lügt sie. »Es ist zu kompliziert geworden.«

Baumel, baumel, die Sandale baumelt hin und her, während Linnéa vermeidet, Jakob anzuschauen.

Er stellt weiter Fragen und sie antwortet mechanisch, füttert ihn mit kleinen Wahrheiten hier und größeren Lügen da.

Es gibt so vieles, das sie ihm nicht erzählen kann: »Die Welt ist nicht, wie Sie denken. Sie ist voller Magie. Und Engelsfors wird das Zentrum eines Kampfes sein, der über die Dimensionsgrenzen hinweg ansteht. Gut gegen Böse. Ein paar andere Mädchen vom Gymnasium und ich gegen die Dämonen. Ich bin übrigens eine Hexe. Ich bin auserwählt, das Böse zu besiegen und die Apokalypse aufzuhalten. Noch Fragen?«

Daneben gibt es genauso viele nicht-magische Geheimnisse, die Jakob niemals erfahren darf: »Nach Elias’ Tod habe ich ein paarmal mit Jonte geschlafen, meinem alten Dealer-Kumpel, und ja, wir haben auch gekifft. Aber ich habe damit aufgehört und es wird nie wieder vorkommen, versprochen. Ich bin verantwortungsbewusst genug, um eine eigene Wohnung zu haben, das glauben Sie mir doch, Sie und Diana vom Jugendamt, oder?«

Das wäre der direkte Weg zurück ins Heim. Oder zu neuen Pflegeeltern. Pflegeeltern, die nicht wie Ulf und Tina sein würden. Die haben nie versucht, perfekte Familie zu spielen oder aus ihr jemand anderen zu machen. Die haben begriffen, dass sie schon seit vielen, vielen Jahre kein Kind mehr ist, vielleicht nie eins war. Hätten die beiden sich nicht in den Kopf gesetzt, in Botswana eine Schule zu gründen, hätte sie gerne noch länger bei ihnen gewohnt.

»Wie geht es dir damit, dass die Schule jetzt wieder anfängt?«, fragt Jakob, und Linnéa realisiert, dass sie eine ganze Weile nichts mehr gesagt hat.

»Okay.«

»Denkst du oft an Elias?«

Manchmal überrascht es sie, wie sehr es immer noch wehtut, wenn jemand seinen Namen sagt.

»Natürlich denke ich an ihn«, faucht sie, obwohl sie weiß, dass Jakob es nicht böse gemeint hat. »Jeden Tag. Heute ganz besonders.«

»Warum gerade heute?«

Sein Verlust pocht in Linnéa, und sie muss sich darauf konzentrieren, nicht loszuheulen.

»Heute ist sein Geburtstag.«

Jakob nickt und schaut sie mitfühlend an. Linnéa hasst ihn. Sie will niemand sein, der allen leidtut. Sie weiß, dass sie kaputt ist, aber sie verabscheut es, diese Tatsache in den Blicken der anderen zu lesen. Zu sehen, wie sie am liebsten ihren Superkleber auspacken möchten und alle Teile zusammenpuzzeln und kleben wollen, bis sie finden, dass Linnéa wieder ganz aussieht.

Sie streckt noch einmal die Fühler aus: Jakob glaubt, er wäre zu ihr durchgedrungen. Er wartet darauf, dass sie sich öffnet und über Elias redet.

Zur Rache schweigt sie sich durch die letzten zehn Minuten.

 

Ich vermisse dich. Es hört nicht auf. Es tut nur manchmal ein bisschen weniger weh.

Ich hasse den Gedanken daran, dass wir gestritten haben, als wir das letzte Mal zusammen waren. Ich habe mir solche Sorgen um dich gemacht, weil ich nicht wusste, was mit dir los ist. Ich glaube, ich kann jetzt verstehen, was du durchgemacht hast. Du hast etwas Neues und Unerklärliches an dir entdeckt – genau wie ich.

Ich dachte, ich würde verrückt werden, und ich bin mir sicher, du hast dasselbe gefühlt. Du musst wahnsinnige Angst gehabt haben.

Hätten wir nur miteinander geredet, unsere Geheimnisse geteilt, dann wäre vielleicht alles ganz anders gekommen.

Wärst du nur nicht hier geboren worden, in dieser verdammten Scheißstadt.

Dann würdest du vielleicht noch leben.

Ich weiß, dass es nichts bringt, so zu denken, aber ich kann nicht anders.

Ich schreibe Listen mit kleinen Details, die dich ausgemacht haben.

Wie du immer die sauren Gurken vom Veggie-Burger runtergesammelt hast und ich nie kapiert habe, warum du nicht einfach einen ohne bestellst. Dass Poppy Z. Brite, Edgar Allan Poe und Oscar Wilde deine Lieblingsautoren waren. Ich unterstreiche die Absätze, die du mir nachts am Telefon vorgelesen hast. Du hast mir versprochen, dass wir zusammen nach Japan fliegen, noch bevor wir dreißig sind. Einmal hast du gesagt, wenn du ein Mädchen wärst, wolltest du Lucretia heißen. Wie bist du darauf gekommen? Du hast dich nie in echte Berühmtheiten verliebt, sondern nur in erfundene Personen wie Misa Amane, obwohl sie so dermaßen nervig ist, oder in Edward mit den Scherenhänden. Und ich musste dir versprechen, dass ich dich nie vergessen werde, falls du vor mir stirbst. So verdammt typisch bescheuert von dir. Als ob ich dich je vergessen könnte.

Du bist mein Bruder, mein Seelenverwandter. Ich liebe dich für immer.

 

Vorsichtig reißt Linnéa die Seite aus ihrem Tagebuch und faltet sie zusammen. Dann gräbt sie ein kleines, aber tiefes Loch in die trockene Erde unter dem Rosenbusch neben Elias’ Grabstein. Die weißen Rosen sind schon verblüht und die Blätter haben hässliche, vertrocknete Ränder. Sie legt den gefalteten Zettel hinein. Beerdigt ihn. Reibt sich die Hände an ihrem schwarzen Rock ab und bleibt sitzen.

Zwischen den alten Linden auf der anderen Seite des Friedhofs kann man das Pfarrhaus sehen. Linnéa schaut zu dem Fenster, das zu Elias’ Zimmer gehörte. Der leuchtend blaue Himmel spiegelt sich in der Scheibe. Elias liebte diesen Blick auf den Friedhof. Was, wenn er gewusst hätte, dass er auf seine zukünftige Grabstätte sah?

Kein Lüftchen regt sich, die Sonne brennt und heizt die Grabsteine auf. Das Gras ist gelb und die Erde ist ganz trocken und rissig. Im Juni berichteten die Engelsfors Nachrichten noch euphorisch über den Rekordsommer. Jetzt im August gilt der Rekord den Alten, die an Austrocknung sterben, und den Bauern, deren Wirtschaftsgrundlage zerstört ist.

Ihr Handy klingelt, aber Linnéa kann sich nicht mal überwinden draufzuschauen. Olivia, die einzige Freundin, die ihr aus der alten Clique noch geblieben ist, hat sie schon den ganzen Vormittag mit SMS bombardiert. Die Ferien über hat Olivia sich nicht ein Mal gerührt, aber jetzt, wo es ihr gerade passt, erwartet sie, dass Linnéa sofort springt. Linnéa hat ganz sicher nicht vor, ihr zu antworten.

Sie nimmt ihre Wasserflasche aus der Stofftasche, schraubt den Deckel ab. Egal, wie viel sie trinkt, hinterher ist sie noch genauso durstig. Den letzten Schluck gibt sie dem Rosenbusch.

Sie packt die Flasche wieder ein und nimmt die beiden roten Rosen, die sie im Storvallspark aus einem Beet geklaut hat. Sie welken schon. Die eine legt sie auf Elias’ Grab. Dann steht sie auf und legt die andere auf das Grab daneben – auf dem Stein steht Rebeckas Name.

Linnéa schaut wieder zu Elias’ Grab. Anfangs hoffte sie, auch die Gedanken der Toten zu hören. Kontakt zu ihnen aufnehmen zu können. Aber bislang ist es ihr nicht gelungen aufzuschnappen, was sie denken, oder herauszufinden, ob sie überhaupt noch da sind.

Früher dachte Linnéa, dass einfach alles zu Ende ist, wenn man stirbt. Jetzt weiß sie zumindest, dass es Seelen gibt.

Sie sind dort, wo sie hingehören, hat Minoo gesagt, als sie sich nach dem Abschlussfest hier an den Gräbern versammelten.

Linnéa hofft, dass es stimmt. Dass Elias noch irgendwo ist, an einem besseren Ort.

Sie denkt daran, wie Max im Speisesaal auf sie eingeredet hat, als er versuchte, sie dazu zu bringen, die anderen Auserwählten zu verraten.

Elias wartet auf dich, Linnéa.

Ein kleiner Teil von ihr fände es verlockend zu erfahren, ob der Verbündete der Dämonen die Wahrheit gesagt hat.

Ihr könnt endlich wieder zusammen sein.

Sie kann die Tränen nicht mehr länger zurückhalten. Sie lässt sie einfach fließen, während sie sich umdreht und weggeht. Scheißegal. Wo sonst sollte es erlaubt sein zu weinen, wenn nicht auf einem Friedhof?

Sie hat noch eine dritte rote Rose in ihrer Stofftasche. Die ist für ihre Mutter.

Linnéa will gerade zum Gedenkstein für die anonymen Gräber gehen, als sie einen schwarzen Schatten bemerkt, der zwischen den Grabsteinen über den Boden huscht.

Sie bleibt stehen.

Sie hört ein lang gezogenes Miauen und Nicolaus’ Familiaris schlüpft vor ihr auf den Weg. Die Katze, die nie einen anderen Namen als Katze bekommen hat, scheint über den Sommer noch mehr Fell verloren zu haben. Sie starrt Linnéa mit ihrem einen grünen Auge an.

Linnéa hat es noch nie geschafft, die Gedanken eines Tiers zu lesen, aber sie versteht sofort, dass die Katze etwas von ihr will. Sie streckt sich und maunzt. Dann schleicht sie auf einen schmalen Pfad, der zum älteren Teil des Friedhofs führt. Immer wieder hält sie an, um sicherzugehen, dass Linnéa ihr folgt.

Im Schatten der niedrigen Steinmauer, die den Friedhof umgibt, bleibt die Katze vor einem etwa einen Meter hohen Grabstein stehen. Er ist über und über mit Moos und hellgrauen Flechten bewachsen.

Die Katze miaut laut und fordernd und stupst den Kopf sacht gegen den Stein.

»Ja, ja«, sagt Linnéa und kniet sich hin.

Der Boden fühlt sich an ihren nackten Beinen überraschend kühl an. Sie streckt die Hand aus, kratzt das Moos vom Grabstein und versucht, die verwitterten Buchstaben zu entziffern.

NICOLAUS ELINGIUS

MEMENTO MORI

 

Eine Kälte breitet sich in Linnéas Körper aus, als würden sich die Seelen der Toten durch die Erde nach ihr ausstrecken.

2. Kapitel

Im Garten auf der Rückseite des Hauses, im Schatten eines Ahorns, hat sich Minoo eine Ecke eingerichtet, in die sie sich mit ihren Büchern auf einen Liegestuhl zurückziehen kann. Der Platz ist so weit vom Haus entfernt, wie es nur möglich ist. Leider nicht weit genug, um zu ignorieren, was drinnen vor sich geht.

Minoo kann durch das Küchenfenster die Silhouette ihres Vaters sehen, der mit großen Schritten quer durch den Raum marschiert. Als er aus ihrem Blickfeld verschwunden ist, hört sie ihn brüllen. Eigentlich müssten die Fensterscheiben klirren, so laut ist er. Mama schreit irgendwas zurück. Minoo setzt Kopfhörer auf und versucht, sich in Nick Drakes Lied zu verlieren. Aber die Musik bewirkt nur, dass sie die Geräusche, die sie auszuschließen versucht, noch deutlicher wahrnimmt.

Bis vor Kurzem leugneten ihre Eltern noch, dass sie Streit hatten, nannten es »Diskussionen«, wenn sie wegen Arbeitszeiten und Papas Gesundheit aneinandergerieten. Aber irgendwann im Laufe des Sommers hörten sie auf, so zu tun als ob alles gut wäre.

Vielleicht wäre es erwachsen, die Streitereien gesund zu finden. Weil das, was so lange unter der Oberfläche brodelte, endlich rauskommt. Aber Minoo fühlt sich wie ein ängstliches Kleinkind, wenn sie an das Wort »Scheidung« denkt. Vielleicht wäre es einfacher, wenn sie Geschwister hätte. Aber diese Familie ist nun mal die einzige, die sie hat. Mama, Papa und sie.

Minoo versucht, sich auf das Buch zu konzentrieren, das auf ihren Knien liegt. Es ist ein Georges-Simenon-Krimi, den sie in Papas Regal gefunden hat. Der Buchrücken ist brüchig und manchmal fallen ihr beim Umblättern vergilbte Seiten entgegen. Es ist ein gutes Buch. Glaubt sie wenigstens. Es gelingt ihr absolut nicht, sich auf die Handlung einzulassen. Als wäre die Tür zur Welt des Buches für sie verschlossen.

Aus den Augenwinkeln erspäht Minoo etwas Helles. Hastig nimmt sie die Kopfhörer ab und dreht sich um.

Gustaf hat ein weißes T-Shirt an, das seine sonnengebräunte Haut hervorhebt, den goldenen Glanz in den sommerblonden Haaren. Manche Menschen sind offenbar wie für den Sommer geschaffen. Minoo gehört eindeutig nicht dazu.

»Hi«, sagt er.

»Hi«, erwidert Minoo.

Sie wirft einen nervösen Blick zum Haus. Drinnen ist es still. Aber wie lange noch?

»Du siehst überrascht aus«, sagt Gustaf. »Hast du vergessen, dass wir für heute verabredet sind?«

»Nein, ich habe nur die Zeit ein bisschen aus dem Blick verloren.«

Im Haus knallt eine Tür und Papa brüllt wieder. Mama antwortet mit einer langen Schimpftirade. Gustaf lässt sich nichts anmerken, aber er muss die beiden gehört haben. Minoo steht so abrupt auf, dass ihr das Buch ins Gras fällt. Sie lässt es liegen.

»Komm«, sagt sie und geht mit schnellen Schritten weg.

Als sie am Gartenzaun angekommen ist, dreht sie sich ungeduldig um. Gustaf hat das Buch aufgehoben und auf den Liegestuhl gelegt. Er schaut hoch und lächelt, bevor er eilig nachkommt.

 

Sie gehen langsam durch Engelsfors. Es ist unmöglich, sich in normalem Tempo fortzubewegen. Die Hitze drückt einen nach unten, als hätte sich die Erdanziehung verzehnfacht.

Minoo konnte noch nie nachvollziehen, was so toll daran ist, am Strand zu liegen. Aber in diesem Sommer war sogar sie kurz davor, an den Dammsee zu gehen, so wie der Rest von Engelsfors, der dorthin pilgert, um sich ein wenig Abkühlung zu verschaffen. Die Vorstellung, sich vor anderen Leuten ausziehen zu müssen, hat sie davon abgehalten. Sie mag ja kaum ihr Gesicht zeigen. Diese Hitzewelle war nicht gerade ein Geschenk für ihre Haut. Ein besonders hartnäckiger Pickel pocht an ihrer Schläfe, und sie versucht, ihn hinter einer Haarsträhne zu verstecken, damit Gustaf ihn nicht bemerkt.

Es ist genauso schwierig, den Zeitpunkt zu benennen, an dem ihre Eltern angefangen haben, offen miteinander zu streiten, wie zu sagen, wann sie und Gustaf Freunde geworden sind.

Nachdem Minoo sich endlich getraut hatte, den anderen Auserwählten von dem schwarzen Rauch zu erzählen, wurde der Abstand zwischen ihr und der Umwelt ein bisschen kleiner. Doch sie ist nicht mehr dieselbe Minoo wie vorher. Ihre Freundin Rebecka ist tot. Ermordet von Max, den Minoo mehr geliebt hat als irgendjemanden sonst. Max, der sagte, dass die Dämonen einen Plan für sie hätten. Sie weiß nicht, wie dieser Plan aussieht, und genauso wenig weiß sie über die Kräfte, die sie in sich trägt.

Inmitten dieser ganzen Verwirrung war Gustaf für sie da. Am Anfang der Sommerferien versuchte er, sie zu überreden, mit an den Dammsee zu kommen, aber weil Minoo immer neue Ausreden fand, fingen sie stattdessen an, spazieren zu gehen. Oder sie saßen einfach nur bei ihm im Garten und unterhielten sich, lasen zusammen oder spielten Karten.

Gustaf ist der lokale Fußballstar und einer der beliebtesten Jungen der Schule. Minoo hat in den letzten Jahren eine Menge schwärmerischer Dinge über ihn gehört. Meistens Varianten davon, wie perfekt er ist, aber das Wort, das ihn in Minoos Augen am besten beschreibt, ist »angenehm«. Mit ihm klingt alles so einfach. Ihre gemeinsame Zeit ist für sie die Zuflucht in einer Welt geworden, die sonst das glatte Gegenteil von einfach ist.

Wenn sie nicht mit Gustaf zusammen ist, kommt die Unsicherheit zurück. Sie fragt sich, warum er sich eigentlich mit ihr abgibt, ob sie so eine Art Wohltätigkeitsprojekt für ihn ist.

Sie schlendern über die Kanalbrücke, folgen dem schwarzen, wirbelnden Wasser, vorbei am Schleusentor und weiter auf einem Pfad unter dem schattigen Blätterdach. Eine Wespe schwirrt hartnäckig um Minoo herum und sie wedelt sie weg.

»Wie geht es dir eigentlich?«, fragt Gustaf.

Die Wespe verschwindet zwischen den Bäumen. Minoo weiß, dass er sich auf das Geschrei bezieht, das aus dem Haus zu hören war, auf das, was er sicher schon den ganzen Sommer ahnt.

»Tut mir leid, vielleicht willst du lieber nicht darüber reden?«, sagt er.

Minoo zögert. Diese Freundschaft ist ihre einzige Fluchtmöglichkeit vor den Problemen zu Hause. Sie will sie nicht beschmutzen.

»Streiten sich deine Eltern auch so?«, fragt sie.

»Als ich klein war, schon. Inzwischen ist das vorbei«, sagt er und macht eine Pause. »Ich glaube, dafür sind sie sich nicht mehr wichtig genug.«

Minoo sieht ihn erstaunt an. Sie hatte immer den Eindruck, Gustafs Familie wäre wie diese Heile-Welt-Familien in amerikanischen Comedyserien, in denen es vielleicht mal ein paar lustige Missverständnisse gibt und jeder auf jeden sauer ist, bis sich am Ende alle in den Armen liegen und wieder etwas dazugelernt haben.

»Ich versuche, nicht zu viel darüber nachzudenken, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass sie sich scheiden lassen, sobald ich ausgezogen bin«, fährt er fort. »Ich bin ja das letzte Kind, das noch zu Hause wohnt. Nach mir gibt es nichts mehr, was sie zusammenhält.«

»Glaubst du wirklich?«

»Ich denke, man merkt es, wenn zwei Menschen sich lieben. Es ist so, als wäre da … eine Art Magie zwischen ihnen. Weißt du, was ich meine?«

Minoo murmelt eine zustimmende Antwort. Sie weiß es ganz genau. Sie hat diese Art von Magie selbst gespürt – zwischen sich und Max. Bevor sie erfuhr, wer er wirklich war. Dass er Rebecka umgebracht hat.

»Zwischen meinen Eltern existiert so etwas nicht«, sagt Gustaf. »Das ist mir klar geworden, als ich mich selbst verliebt habe.«

Gustaf verstummt, und Minoo weiß, dass er an Rebecka denkt.

Rebeckas Tod hat sie zusammengeführt. Aber sie sprechen immer seltener über sie. Minoo vermeidet das Thema. Je näher sie Gustaf kommt, umso schwieriger wird es, die Lüge aufrechtzuerhalten, dass der Tod seiner Freundin ein Selbstmord war.

Sie sieht den vertrauten Schatten über sein Gesicht ziehen, und sie will ihn fragen, wie es ihm geht, ob er noch immer diese Albträume hat, in denen er mit ansieht, wie Rebecka stirbt, ob er sich noch immer Vorwürfe macht. Sie will die gute Freundin sein, die er verdient.

Aber wie soll sie eine Freundin sein und ihn gleichzeitig in einer so wichtigen Sache belügen?

Sie wünschte, sie könnte ihm die Wahrheit sagen, doch das wird niemals möglich sein.

Der Wald endet an einem Feld, auf dem die Sommerblumen längst verdorrt sind. Gegenüber liegt der alte, verlassene Herrenhof.

»Wusstest du, dass das früher mal ein Hotel mit einem Restaurant war?«, fragt Minoo, um das Gesprächsthema zu wechseln.

»Nein«, sagt Gustaf. »Wann denn?«

»Mein Vater hat mir davon erzählt. Das war in den Neunzigern. Ein paar Gastronomen aus Stockholm haben das Haus gekauft und es für unglaublich viel Geld renoviert. Der Laden erhielt wahnsinnig tolle Kritiken, aber nach einem Jahr mussten sie schließen. Es kamen keine Gäste. Papa sagt, die Leute in Engelsfors hätten sich darauf geeinigt, diesen Stockholmern ihr Geld auf keinen Fall in den Rachen zu werfen. Als hätte nicht die ganze Stadt davon profitiert, dass sich hier endlich mal was tat.«

Gustaf lacht auf.

»Typisch Engelsfors.«

Sie bleiben stehen und schauen eine Weile zum Herrenhof. Ein riesiges weißes, zweistöckiges Holzhaus. Definitiv das größte und schönste Haus der Stadt. Nicht dass die Konkurrenz besonders groß wäre. Eine breite Steintreppe führt vom verwilderten Garten auf die Veranda, wo zwei massive Säulen den großen Balkon des zweiten Stocks stützen.

»Wollen wir uns mal umsehen?«, fragt Gustaf.

»Okay«, sagt Minoo.

Sie gehen über das Feld. Das völlig vertrocknete Gras reicht Minoo bis zu den Knien, und mit Unbehagen denkt sie an all die ausgehungerten Zecken, die jetzt vermutlich Blut wittern.

»Willst du in Engelsfors bleiben?«, fragt sie. »Wenn wir mit der Schule fertig sind, meine ich.«

»Ich werde wohl erst mal arbeiten. Was danach ist, weiß ich noch nicht. Irgendwie mag ich die Stadt. Ich bin hier zu Hause. Aber man hat hier keine Zukunft. Andererseits sollte man vielleicht gerade deshalb irgendwann zurückkommen. Etwas aufbauen.«

»Vielleicht ein Hotel-Restaurant eröffnen?«

»Denkst du, zu mir würden sie kommen?«

Ja, denkt Minoo. Das würden sie garantiert tun. Weil du du bist.

»Na klar. Du bist ja kein Stockholmer«, sagt sie.

Aus der Nähe sieht man, wie heruntergekommen das Haus ist. Die Farbe blättert von der Fassade, an manchen Stellen kann man sogar schon das blanke Holz sehen. Die Fenster im Erdgeschoss sind mit Klappläden verschlossen. Minoo denkt an die früheren Besitzer, an die viele Arbeit, die sie in das Gebäude investiert haben. Und jetzt verfällt es wieder.

Gustaf geht die Treppe zur Veranda hoch, aber auf der Hälfte bleibt er stehen. Lauscht.

»Was ist los?«, fragt Minoo.

»Ich glaube, im Haus ist jemand«, sagt Gustaf leise.

Langsam geht er an der Holzwand entlang. Minoo folgt ihm, schaut nervös zu den Fenstern im oberen Stock. Sie biegen um die Ecke und stehen an der Vorderseite des Hauses.

Ein dunkelgrünes Auto parkt auf der Kiesauffahrt. Die Beifahrertür steht weit offen und Minoo sieht einen jungen Mann im Wagen sitzen.

Als er sie entdeckt, steigt er mit einer einzigen fließenden Bewegung aus.

Er ist in ihrem Alter, aber größer als Gustaf. Aschblonde Locken umrahmen sein Gesicht mit der glatten, makellosen Haut. Er sieht aus, als wäre er einer dieser exklusiven Werbeanzeigen entsprungen, in denen alle immerzu segeln und Golf spielen.

»Hi«, sagt Gustaf. »Entschuldige, wir dachten, das Haus würde leer stehen …«

»Da habt ihr falsch gedacht.«

Er hat genau diesen »vornehmen« Stockholmer Dialekt, der die meisten Leute hier in Engelsfors so provoziert, ganz egal, wie freundlich die Person auch ist. Und in diesem Fall liegt nicht mal ein Hauch von Freundlichkeit in der Stimme.

Gustaf schaut ihn überrascht an.

Natürlich, denkt Minoo. Für ihn ist es völlig neu, dass jemand nicht nett zu ihm ist.

»Sieht so aus«, sagt Gustaf. »Zieht ihr hier ein?«

»Ja«, sagt der Fremde in einem Tonfall, der erahnen lässt, dass er sich in seinem ganzen Leben noch nie so sehr gelangweilt hat wie jetzt.

Minoos Ohren werden heiß. Sie will nur noch weg. Dieses Gespräch weiterzuführen, hat überhaupt keinen Sinn. Nicht mal Gustafs Charme wird bei diesem Typen fruchten, der jetzt die Autotür zuschlägt und mit den Händen über die Bügelfalten seiner Hose streicht. Dann hebt er den Kopf und schaut Minoo intensiv an.

Sie hat das Gefühl, als könnte er direkt in ihr Innerstes sehen und als wäre er von dem Anblick nicht gerade beeindruckt.

»Komm. Wir gehen«, murmelt sie und fasst Gustaf am Arm, zieht ihn mit sich.

»Der Typ wird den Ruf der Stockholmer in dieser Stadt sicher nicht verbessern«, sagt Gustaf, als sie über das Feld zurückgehen.

»Nicht direkt«, sagt Minoo.

Als sie am Waldrand ankommen, dreht sie sich noch einmal nach dem Herrenhof um. Sie glaubt, im oberen Stock eine Bewegung wahrzunehmen.

»Was willst du jetzt machen?«, fragt Gustaf.

»Ich weiß nicht«, sagt sie.

Ihr Handy piept und sie nimmt es aus der Rocktasche. Eine Nachricht von Linnéa. Sie öffnet die SMS.

»Ist was passiert?«, fragt Gustaf.

»Nein«, lügt sie. »Gar nicht.«

3. Kapitel

Große Schatten fallen auf den Boden, aber sie kühlen nicht. Im Gegenteil, hier im Wald ist die Hitze noch drückender. Die Luft ist schwer und riecht nach Harz, Nadeln und sonnenwarmen Bäumen. Dann ist da noch dieser besondere Waldgeruch, für den Anna-Karin keine Worte hat. Sie atmet ihn tief ein, während sie einem schmalen Pfad folgt, der sich zwischen den rauen Stämmen durch die Blaubeerbüsche schlängelt.

Um sie herum ist es vollkommen still. Aber die innere Ruhe, die sie im Wald sonst findet, will sich nicht einstellen.

Der Wald, die Tiere und Großvater sind immer Anna-Karins Zuflucht gewesen. Doch erst seit Mama und sie in die Wohnung im Zentrum von Engelsfors gezogen sind, hat sie wirklich begriffen, wie viel ihr das alles bedeutet.

Der Bauernhof ist verkauft. Großvater wohnt im Altenheim. Aber der Wald ist Anna-Karin geblieben. In den Ferien war sie beinahe jeden Tag hier. Weit weg von anderen Menschen, die sie von allen Seiten bedrängen, von ihren Blicken, von Asphalt, Backsteinen, Beton und Hässlichkeit. Hier kann sie leichter atmen. Hier traut sie sich sogar zu träumen.

Ja. So ist es sonst. Aber heute ist etwas anders.

In Engelsfors wachsen alle Kinder mit den mahnenden Worten auf: »Bleib im Wald immer auf den Wegen.« Karten und Kompass scheinen hier nie zu funktionieren, wie sie sollen, und sämtliche Versuche, Wandertage mit Orientierungslauf zu veranstalten, wurden schon lange eingestellt. Es endete immer in einer großen Suchaktion. Es ist, als wäre der Wald von innen heraus größer, als wenn man ihn von außen betrachtet. In Anna-Karins Kindheit verschwanden mehrere Menschen spurlos.

Aber jetzt geht es ihr zum ersten Mal so wie den meisten anderen im Wald von Engelsfors: Sie verspürt Unbehagen. Ihr wird klar, dass sie keinen einzigen Vogel singen, kein einziges Insekt surren hört. Trotzdem geht sie tiefer in den Wald, lässt sich von ihm umschließen.

Schweiß rinnt ihr die Schläfen hinunter, und sie registriert, dass sie bergauf geht. Die Steigung ist so schwach, dass man sie kaum sieht, aber man spürt sie in den Beinen. Rechts von ihr glitzert die Sonne in einem wassergefüllten Grubenloch. Die spiegelblanke Oberfläche erinnert Anna-Karin daran, wie durstig sie ist. Wie konnte sie vergessen, etwas zu trinken mitzunehmen?

Der Weg wird immer steiler und steiniger. Es kommt Anna-Karin vor, als hätte jemand die Heizung hochgedreht. Wenn sie herunterhängende Zweige beiseiteschiebt, knistert das trockene Laub. Der Schweiß auf ihren Lippen schmeckt salzig und sie hört ihren eigenen keuchenden Atemzügen zu.

Der Boden wird ebener, und die Bäume lichten sich, als sie endlich die Kuppe erreicht hat. Sie setzt sich auf einen morschen Baumstumpf, versucht, zu Atem zu kommen. Unter dem Schweißfilm sind die Lippen trocken. Der Durst ist schlimmer als je zuvor, und als sie die Augen zumacht, wird ihr schwindelig. Sie bemüht sich, langsam und tief durchzuatmen, aber sie hat nur das Gefühl, wieder und wieder dieselbe verbrauchte Luft zu inhalieren.

Sie öffnet die Augen.

Die Luft flimmert. Die Farben kommen ihr plötzlich viel kräftiger vor, die Gerüche noch intensiver.

Vor ihr steht ein toter Baum. Er erinnert an einen Menschen, der die Arme in den Himmel streckt. Das Loch im Stamm sieht aus wie ein Mund. Die rissige Rinde hat die Farbe von Asche

Dieser Baum war vorher noch nicht da.

Der Gedanke ist natürlich lächerlich. Ein Baum schleicht sich nicht an. Und schon gar kein toter.

Anna-Karin steht auf. Das Schwindelgefühl kommt zurück. Sie muss nach Hause. Braucht Wasser.

Aber der tote Baum lockt sie. Sie verlässt den Weg und geht auf ihn zu. Trockene Zweige knacken unter ihren Füßen. Ein lautes Geräusch in der kompakten Stille. An manchen Stellen sind die Blaubeerbüsche so verdorrt, dass sie zu Staub zerfallen, sobald sie darauftritt. Sie streckt eine Hand aus, berührt den heißen Stamm und geht mit einem traumähnlichen Gefühl weiter.

Hinter dem gespenstischen Baum liegt ein schroffer Abhang. In der Ferne sieht sie die Schornsteine der stillgelegten Stahlhütte.

Hier und da sind noch mehr kahle Bäume zu erkennen. Hohe Stämme, die von der Sonne zu weißen Gerippen ausgeblichen worden sind.

Schuld daran ist nicht nur die Trockenheit, sie weiß es plötzlich, ohne zu ahnen, woher diese Erkenntnis kommt. Da ist etwas anderes, das den Wald sterben lässt.

Langsam dreht sie sich um. Es dauert ein paar Sekunden, bis sie den Fuchs entdeckt, der direkt neben dem Baumstumpf steht, auf dem sie eben noch gesessen hat. Seine bernsteinfarbenen Augen erwidern ruhig ihren Blick.

Die Sonne drückt wie ein glühend heißes Gewicht auf Anna-Karins Kopf, und der Schweiß rinnt ihr in die Augen, während sie und der Fuchs sich gegenseitig mustern. Sie wagt es nicht, sich zu rühren, will ihn nicht erschrecken.

Aber schließlich muss sie sich die Augen reiben, das brennende Salz wegwischen.

Als sie ihre Hände herunternimmt, ist der Fuchs verschwunden.

 

Anna-Karin tritt im Altenheim aus dem Aufzug. Ihre Sohlen machen schmatzende Geräusche auf dem Kunststoffbelag des Korridors. Im Aufenthaltsraum sitzt Großvater im Rollstuhl am Fenster. Er ist so dünn geworden. Jedes Mal, wenn sie ihn sieht, kommt es ihr vor, als wäre er wieder ein bisschen geschrumpft.

Eine alte Frau mit typischer Oma-Dauerwelle ist in ihrem Sessel eingeschlafen. Außer ihr ist nur Großvater im Raum. Er lächelt, als er Anna-Karin sieht. Seine Augen sind wach. Er erkennt sie. Heute scheint ein guter Tag zu sein. Anna-Karins Herz schwillt an, läuft fast über. Sie gibt ihm das Kreuzworträtselheft, das sie an Leffes Kiosk für ihn gekauft hat.

»Bekommt man heute gar keine Umarmung?«, fragt er und legt das Heft auf den Rollstuhltisch.

»Ich bin so verschwitzt. Das magst du sicher nicht.«

»Du spinnst, Mädchen. Komm her«, sagt Großvater.

Früher hat Großvater nie jemanden umarmt. Aber er hat sich in so vielem verändert. Vorsichtig nimmt Anna-Karin den zerbrechlichen alten Männerkörper in den Arm.

»Hast du heute gegessen, Großvater?«, fragt sie und lässt ihn los.

»Ich habe keinen Hunger, wenn ich mich nicht bewegen darf. Still sitzen oder herumliegen, das ist alles, was ich tue.«

Sofort sind die Schuldgefühle da. Sie kann sich selbst nicht verzeihen. Sie ist dafür verantwortlich, dass der Hof abgebrannt ist, dass Großvater verletzt wurde.

»Außerdem ist es so verdammt heiß«, fügt er hinzu.

»Aber du trinkst doch ordentlich, ja?«, fragt sie und schielt zu dem halb vollen Glas mit Apfelsaft, das auf dem Rollstuhltisch steht.

»Ja, ja«, sagt er und wedelt abwehrend mit der Hand.

Anna-Karin denkt, dass sie die Pfleger fragen muss, ob ihr Großvater wirklich genug trinkt. Anfang des Sommers war er so ausgetrocknet, dass sie ihn an den Tropf hängen mussten.

»Was hast du heute gemacht?«, erkundigt sich Großvater. »Warst du im Wald?«

»Ja«, sagt Anna-Karin und zögert.

Jedes Mal, wenn sie ihn hier besucht, bittet er sie, ihr jedes Detail zu beschreiben, alle Gerüche, jeden Laut, jede Veränderung in der Natur. Aber sie ist sich nicht sicher, ob sie ihm erzählen soll, was sie heute gesehen hat. Sie will ihn nicht beunruhigen.

»Spätzchen«, sagt er. »Was beschäftigt dich?«

Sie entscheidet sich. Sie muss ihm von der angsteinflößenden Stille und dem sterbenden Wald erzählen. Denn wenn es etwas gibt, was ihren Großvater aufleben lässt, dann das Gefühl, nützlich zu sein. Gebraucht zu werden. Dass jemand hören will, was er zu sagen hat.

Großvater verzieht keine Miene, solange Anna-Karin redet, aber sie erkennt an seiner Haltung, dass er unter Hochspannung steht.

Als sie anfängt, von dem toten Baum zu erzählen, nimmt er ihre Hand.

»Du hast den Weg verlassen«, sagt er. »Tu das nicht.«

»Es war nur ein kleines Stück.«

»Das genügt dem Wald, um dich zu holen. Irgendetwas geht dort vor. Bleib auf den Wegen, Anna-Karin.«

Sie sieht ihren Großvater unruhig an. Er hat ihr beigebracht, die Natur zu respektieren, aber er hat nie versucht, ihr Angst zu machen.

»Was meinst du?«

Doch er antwortet nicht. Er schaut zum Flur. Åke, einer seiner ältesten Freunde, kommt zu Besuch und winkt ihnen gut gelaunt zu.

Anna-Karin sieht die Verwirrung in Großvaters Blick.

»Schau, da kommt Åke«, sagt sie.

Großvater räuspert sich.

»Ja, wie nett.«

Anna-Karin lächelt, als Åke näher kommt.

»Du siehst deiner Mutter von Tag zu Tag ähnlicher«, begrüßt er sie.

Anna-Karin versucht krampfhaft, das Lächeln im Gesicht zu halten. Es piept in der Jacke ihres Trainingsanzugs. Sie kramt ihr Handy raus.

Eine Nachricht von Minoo.

4. Kapitel

Ida geht auf die Terrasse an der Rückseite des Hauses. Der Holzboden fühlt sich weich unter den Füßen an. Sie beugt sich über das Geländer und atmet die süßlichen, fast muffigen Gerüche ein.

Familie Holmströms Garten ist verdächtig grün und üppig. Idas Vater lässt die Bewässerungsanlage nachts laufen, trotz der Aufforderung der Gemeindeverwaltung, Wasser zu sparen. Ihre Mutter war zunächst gar nicht einverstanden, weil sie Angst hatte, die Nachbarn könnten etwas bemerken, aber schließlich beschloss sie doch, darüber hinwegzusehen. Denn warum sollten sie ihre teuren, aufwendig gelieferten Rosen opfern, nur weil die Stadtwerke ihren Job nicht erledigten und dafür sorgten, dass es genug Wasser gab?

Jetzt kniet Mama vor einem der blühenden Büsche. Neben ihr steht ein Korb mit Gartengeräten. Mit konzentriertem Hass attackiert sie das Unkraut.

»Maa-ma!«, schreit Lotta, die auf einem gigantischen Trampolin weiter hinten im Garten auf und ab und auf und ab springt. »Maa-ma, wir haben Hung-er!«

»In der Küche sind Dickmilch und Flakes«, ruft Mama und rupft ein widerspenstiges Wurzelnetz aus dem Beet.

»Wir wollen keine Dickmilch! Wir wollen Pfannkuchen!«, schreit Rasmus, der neben seiner großen Schwester hopst.

Mama seufzt, zieht ihre Gartenhandschuhe aus und wirft sie in den Korb.

»Ach, ihr wollt Pfannkuchen? Dann müssen wir wohl welche machen«, sagt Mama und Idas sechs- und achtjährige Geschwister kreischen vor Freude.

»Mama ist die Beste! Mama ist die Beste!«, rufen sie rhythmisch und hüpfen weiter, dass ihnen die blonden Haare nur so um den Kopf fliegen.

»Meine kleinen Schätzchen«, lacht Mama und steht auf.

Ida versucht, ihren Ärger zu unterdrücken. Es ist kindisch und lächerlich, aber es nervt sie extrem. Als sie klein war, ist Mama nicht aufgesprungen, um Pfannkuchen zu backen, sobald sie es verlangte.

»Wolltest du nicht an den Dammsee?«, fragt Mama, als sie an ihr vorbeigeht.

»Ich warte doch auf dich.«

»Aber Süße, ich habe heute den ganzen Tag zu tun.«

Mama zieht ihre Sandalen aus, tritt durch die offene Terrassentür und geht mit leichtem Schritt über den weiß lasierten Boden. Ida folgt ihr in die Küche.

»Wir wollten doch eine Übungsfahrt machen«, sagt Ida.

»Darüber haben wir geredet, aber wir haben nichts fest vereinbart.«

Sie nimmt eine weiße Schüssel aus dem weiß lackierten Küchenschrank und stellt sie auf die weiße Marmor-Arbeitsplatte unter das weiße Bild mit den Worten HOPE und LOVE. Mama führt ein Einrichtungsgeschäft in Borlänge und ihr Zuhause sieht aus wie ein dreidimensionaler Reklamekatalog.

»Natürlich haben wir das«, sagt Ida und hört selbst, dass sie genauso quengelig klingt wie Lotta und Rasmus.

»Wir müssen es ein andermal machen«, sagt Mama und holt Eier und Milch aus dem Kühlschrank.

»Wir fahren fast nie. Julia und Felicia schaffen ihren Führerschein bestimmt noch vor mir.«

»Das werden sie auf keinen Fall. Sie haben weder deine Disziplin noch deinen Siegerinstinkt.«

Mama dreht sich um, schaut Ida an und lächelt.

»Du bist genau wie ich in deinem Alter.«

Ida kann nicht länger sauer sein. Julia und Felicia jammern und beschweren sich die ganze Zeit über ihre Mütter, aber Carina Holmström ist Idas größtes Vorbild. Sie ist immer am hübschesten und frischesten, ohne zu diesen peinlichen Müttern zu gehören, die sich zu jugendlich anziehen oder versuchen, mit ihren Kindern befreundet zu sein.

»Wartet Erik nicht auf dich?«, fragt Mama.

»Doch.«

»Was stehst du dann noch hier herum?«

Sie schaltet das Radio ein, und ein alter Schlager, der den Sommer bejubelt, plärrt aus den Lautsprechern, die in die Wände eingebaut sind. Mama fängt an, den Pfannkuchenteig zu rühren – mit derselben zornigen Energie, mit der sie eben noch Unkraut gerupft hat.

Ida geht nach draußen, holt ihr Fahrrad aus der Garage und schiebt es durch den Garten. Als sie an ihren kleinen Geschwistern vorbeigeht, sagt sie:

»Trampolinspringen macht inkontinent.«

»Was heißt das?«

»Das wirst du dann schon merken«, sagt Ida.

Vanessa wird davon wach, dass Melvin irgendwo in der Wohnung schreit. Sie setzt sich auf und die Kopfschmerzen schlagen Purzelbäume unter ihrer Schädeldecke. Die Rollos sind runtergelassen, im Zimmer ist es dämmrig.

Sie steht mit wackeligen Beinen auf und begutachtet sich selbst in dem Ganzkörperspiegel, der an der Wand lehnt.

Ihre Augen sind rot. Die Reste ihres Make-ups haben sich mit Schweiß vermischt und Streifen auf ihren Wangen hinterlassen. Als sie sich mit der Zunge über die Zähne fährt, fühlt sich der Belag wie ein Filzteppich an. Auch der dunkle Haaransatz sieht schlimmer aus als sonst, ihre Haare sind total zerzaust und verschwitzt. Außerdem tut ihr aus unerklärlichen Gründen der rechte große Zeh weh.

Vanessa nimmt ihren Morgenmantel vom Schreibtischstuhl und macht das Radio an. Ein hysterischer Dance-Song füllt den Raum. Zusammenhanglose Erinnerungen an die Nacht blitzen auf und ziehen vorbei. Sie haben Wahrheit oder Pflicht gespielt und sie hat Evelina geküsst. Michelle stand in Jontes Küche und heulte wegen Mehmet. Vanessa und Wille hatten Sex auf der Tischtennisplatte. Und jetzt weiß sie auch wieder, warum ihr Zeh wehtut. Sie ist über den Staubsauger in der Diele gestolpert, als sie heute Nacht nach Hause gekommen ist.

Vanessa fährt sich mit den Fingern durch die Haare und bindet sie zu einem Pferdeschwanz zusammen. Dann holt sie tief Luft, öffnet die Tür und geht in die Küche.

Mama und Nicke sitzen am Tisch und trinken Kaffee. Vanessas kleiner Bruder Melvin liegt nackt auf dem Fußboden. Sein Gesicht ist ganz rot, so wie immer, wenn er einen Wutanfall hatte. Neben ihm liegt der Schäferhund Frasse und lässt die Zunge fast bis auf den Boden hängen.

»Guten Morgen«, sagt Vanessa.

Nicke schaut von den Engelsfors Nachrichten auf und trinkt einen Schluck Kaffee. Sie wird das Gefühl nicht los, dass er ein gehässiges Grinsen hinter der Tasse versteckt.

»Wenn man das noch Morgen nennen kann«, sagt er.

Vanessa wirft einen Blick auf die Uhr. Nicht mal halb elf.

»Du siehst müde aus«, sagt Nicke.

»Wie soll man bei der Hitze auch schlafen.«

Er lässt die Tasse sinken. Eindeutig ein gehässiges Grinsen. Hat er gehört, wie sie über den Staubsauger gestolpert ist? Aber dann fällt ihr wieder ein, dass Nicke diese Woche Nachtdienst hat. Er ist erst vor wenigen Stunden nach Hause gekommen.

Seit Vanessa wieder bei ihrer Mutter eingezogen ist, haben sie und Nicke, so gut es eben geht, versucht, sich gegenseitig zu respektieren. All das Unausgesprochene liegt zwischen ihnen wie ein Minenfeld, aber ihre Schritte sind vorsichtig, jeder wartet den Zug des anderen ab. Vanessa tut so, als würde sie Mamas und Nickes Regeln befolgen. Und Nicke tut so, als würde er ihr das glauben. Aber Vanessa weiß, dass er nur auf die Gelegenheit wartet, ihr etwas anzuhängen, ganz der Bulle, der er ist.

Melvin jammert ein bisschen, als wollte er alle darauf aufmerksam machen, dass er auch noch existiert.

»Was ist mit Melvin?«, fragt Vanessa.

»Er will sich nicht anziehen«, seufzt Mama und betastet die Tätowierung an ihrem Oberarm, eine Schlange, die sich in den Schwanz beißt. »Irgendwann habe ich aufgegeben, ich kann ihn ja verstehen. Ich würde bei diesen Temperaturen auch lieber nackt rumlaufen.«

»Ich hätte nichts dagegen«, sagt Nicke feixend.

Mama kichert. Vanessa verdreht die Augen.

»Was hast du heute vor?«, fragt Mama.

»Ich treffe mich mit Michelle und Evelina am Dammsee.«

»Und Wille kommt nicht mit?«, fragt Nicke unschuldig.

»Doch, kommt er«, sagt Vanessa und lächelt routiniert, während sie gleichzeitig denkt: Stirb, stirb, stirb, du elender Versager. »Ich gehe jetzt duschen.«

Sie genießt die kühle Dusche ausgiebig, putzt sich die Zähne und wäscht sich das Gesicht mit eiskaltem Wasser. Nimmt ein paar Kopfschmerztabletten. Als sie in ihr Zimmer kommt, schwitzt sie zwar schon wieder, aber nachdem sie sich geschminkt hat, sieht sie wenigstens einigermaßen menschlich aus.

Sie schaut auf ihr Handy. Wille hat gesimst, dass sie unterwegs sind. Sie zieht ihren türkisblauen Bikini an und darüber ein dünnes Top und Jeansshorts. Dann packt sie ihr Badehandtuch, ein Kissen und ein Buch in die Strandtasche.

Sie geht in die Küche und füllt ihre Wasserflasche.

»Ich muss los«, sagt sie.

»Willst du nicht erst noch frühstücken?«, fragt Mama.

»Das schaffe ich nicht mehr. Michelle bringt was zu essen mit.«

»Soll ich nicht mitkommen? Es wäre doch toll, die Mama am Dammsee dabeizuhaben?«

Das ist ein sinnloser Scherz, den ihre Mutter schon den ganzen Sommer immer wieder zum Besten gibt. Offenbar hat sie ihn immer noch nicht über. Vanessa dagegen schon. Aber sie kann nicht darauf reagieren, denn ihre Strandtasche kippt um und das Buch rutscht auf den Küchenboden.

»Hoppala«, sagt Melvin und lacht.

»Was liest du denn da?«, fragt Mama.

Hastig hebt Vanessa das Buch auf und packt es wieder ein.

»The Stand, diesen Horror-Schinken? Herrgott noch mal, Nessa. Wieso liest du so was? Gibt es nicht schon genug Tod und Elend auf der Welt?«

»Ich habe es aus eurem Bücherregal!«

»Das ist dein Buch, Jannike«, sagt Nicke amüsiert.

Mama schüttelt den Kopf.

»Diesen Schund zu lesen, ist dasselbe, als würde man sich den Kopf von innen mit Müll zukleistern. So was will ich gar nicht im Haus haben.«

Vanessa seufzt. So ist ihre Mutter seit dem letzten Kurs, in dem sie mal wieder den Sinn des Lebens gefunden hat. Dieses Mal heißt ihre Lehrmeisterin Helena Malmgren. Elias’ Mutter hat aufgehört, als Pfarrerin zu arbeiten, und ist stattdessen unter die Selbsthilfegurus gegangen.

»Wir sind alle selbst dafür verantwortlich, welche Energien wir in unser Leben lassen«, fährt Mama fort. »Man kann nämlich entscheiden, ob man die positiven oder die negativen Kräfte im Universum bejahen will. Man muss bloß positiv denken, dann löst sich das meiste von ganz alleine. Wenn man aber nur negativ denkt, ja, dann darf man sich natürlich auch nicht wundern, dass nichts funktioniert.«

Vanessa wird wütend. Sie hat dieses dämliche Gerede so satt.

»Aha, mit anderen Worten, alle Menschen, die krank sind oder Probleme haben, sind selbst schuld, oder wie?«, sagt sie. »Verhungern die Kinder in Afrika, weil sie negative Energien bejaht haben, oder gelten im Universum verschiedene Regeln für verschiedene Kontinente?«

Mama sieht eingeschnappt aus.

»So habe ich das nicht gemeint«, sagt sie. Ihre übliche Ausflucht.

Vanessa beugt sich nach unten und kitzelt Melvins weichen Kinderbauch, bis er nicht mehr kann vor Lachen.

»Tschüss«, sagt sie und geht.

»Grüß Wille von mir!«, ruft Nicke ihr nach.

Willes Auto steht im Leerlauf an der Bushaltestelle. Vanessa lässt sich auf den Beifahrersitz fallen und knallt die Tür zu.

»Hi, Schatz«, sagt Wille und gibt ihr einen Kuss auf die Wange, bevor sie losfahren.

»Alter, war das gestern ein krasser Abend!«, sagt Michelle träge auf dem Rücksitz.

»Ich kann mich echt an nichts erinnern«, kichert Evelina.

»Tust du wohl, du willst es nur nicht zugeben«, sagt Vanessa, wirft ihr einen Blick im Rückspiegel zu und leckt sich vielsagend die Lippen.

Sie lachen und Vanessa lehnt sich im Sitz zurück. Sie hält die Hand aus dem offenen Fenster und genießt den Fahrtwind.

»Können wir am Imbiss vorbeifahren? Ich habe es nicht mehr geschafft zu frühstücken«, sagt sie zu Wille.

»Kein Problem, aber erst müssen wir Jonte und Lucky abholen.«

»Und wo sollen die sitzen? Lucky alleine braucht doch schon Platz für drei.«

»Die beiden müssen die Mädels eben auf den Schoß nehmen.«

Michelle und Evelina protestieren lautstark.

»Schau mal ins Handschuhfach«, sagt Wille.

Vanessa bemerkt ein kleines Lächeln, das seine Mundwinkel umspielt. Sie öffnet das Handschuhfach. Darin liegt ein kleiner Teddy, der sich an ein großes Stoffherz klammert, auf dem I LOVE YOU steht.

»Danke«, sagt Vanessa.

Der Teddy ist so albern und niedlich zugleich, dass sie ganz gerührt ist.

»Oh, ist der süüüüß!«, quietscht Evelina.

Als sie die Landstraße erreicht haben, gibt Wille Gas.

»Ich liebe dich«, sagt er und schaut Vanessa an.

»Ich dich auch«, antwortet sie.

Sie dreht ihren Verlobungsring hin und her und spürt, wie ernst es ihr ist.

Es hört irgendwie nie auf, denkt Ida, dreht die Sonnencremetube auf und drückt sich einen großen Klacks in die Handfläche.

Wenn man sich eincremt, kommt es einem vor, als hätte man mehrere Quadratkilometer Haut. Und nach dem Baden darf man die ganze Prozedur wiederholen. Und selbst wenn man nicht badet, hat man bei dieser ekelhaften Hitze doch in fünf Minuten alles runtergeschwitzt.

Ida sehnt sich nach Regen, nach einem wolkigen Himmel, einem winzigen Windhauch. Jedes kleine Geräusch bleibt in der reglosen Luft hängen. Die kreischenden Kinder, die im Wasser planschen. Julias und Felicias Geplapper. Robins und Eriks nerviger Hip-Hop, der aus einem scheppernden Lautsprecher dröhnt.

Ida trägt Sonnenpflegestift auf die Lippen auf. Die weiße, zähe Masse erinnert an Ektoplasma, das Zeug, das ihr offenbar aus dem Mund trieft, wenn sie besessen ist. Genervt verscheucht sie den Gedanken und legt sich auf ihr Badehandtuch. Sie versucht zu entspannen, aber ihr ganzer Körper ist glitschig und klebrig. Und jetzt rutscht Erik näher an sie heran, presst seinen verschwitzten Oberschenkel an ihren.

»Kannst du mal aufhören, wie eine eklige Warze an mir zu kleben?«, sagt sie.

Julia und Felicia verstummen, und Ida muss sie gar nicht anschauen, um zu wissen, dass sie nervöse Blicke wechseln.

»Hast du deine Tage, oder was?«, motzt Erik, aber wenigstens rückt er wieder ein Stück von ihr ab.

Julia und Felicia unterhalten sich weiter. Darüber, dass heute der letzte Ferientag ist und wie unmenschlich es ist, bei dieser Hitze in die Schule zu müssen. Julia erzählt, dass sie die Rektorin Adriana Lopez in diesem Eso-Laden in der Citygalerie gesehen hat.

Ida versucht, nicht zuzuhören. Sie will nicht an die Rektorin mit der gruseligen Narbe über der Brust denken. Sie setzt sich wieder auf und greift nach der Wasserflasche, schraubt mit klebrigen Fingern den Deckel ab. Das Wasser ist abgestanden und schmeckt nach Plastik. Ekelhaft, ekelhaft, alles ist so ekelhaft.

Sie schielt zu den anderen. Julia redet und zupft das T-Shirt zurecht, das sie über ihren Bikini gezogen hat. Felicia tut so, als würde sie ihr zuhören, aber eigentlich ist sie völlig auf Robin fixiert, der nichts davon merkt. Er ist garantiert der Einzige, der nicht kapiert, dass Felicia in ihn verknallt ist.

»Bin ja gespannt, welcher Psycho sich dieses Jahr umbringt«, sagt er plötzlich und die anderen lachen, Felicia am lautesten von allen.

Ida trinkt einen Schluck Ekelwasser, um nicht mitlachen zu müssen. Sie will nicht an Elias’ und Rebeckas sogenannte Selbstmorde denken. Müssen sie immerzu alle und alles an die Auserwählten erinnern und an den ganzen Scheiß, der im letzten Schuljahr passiert ist?

»Bald sind keine mehr übrig«, sagt Felicia zu Robin.

Aber etwas anderes beansprucht seine Aufmerksamkeit. Er haut Erik auf den Brustkorb.

Erik grunzt und setzt sich auf.

»Was ist los?«

Dann sieht er, was Robin gesehen hat, und verstummt.

Ida muss gar nicht in dieselbe Richtung schauen, um zu wissen, dass es Vanessa Dahl ist. Wäre Ida aufmerksamer gewesen, hätte sie diesen extrem nervigen Minitornado bemerkt, den Vanessas Energie schon in hundert Metern Entfernung auslöst. Ida kennt ihn nur zu gut von ihren gemeinsamen Trainingsstunden. Sie dreht sich um. Vanessa hat ihr ganzes albernes Pack im Schlepptau.

»Angeblich ist die mit jedem von denen schon im Bett gewesen«, sagt Felicia. »Bestimmt auch mit dem Dicken da.«

Ida und Julia kichern. Aber die Jungs sind still. Starren Vanessa an, die sich in ihrem minikleinen Bikinihöschen nach vorne beugt und ihr Handtuch ausbreitet. Sie ist so perfekt gebräunt, wie Idas Pigmente es nie erlauben würden.

»Schicker Haaransatz«, sagt Ida.

Vanessa hat mehrere Zentimeter dunkelbraunes Haar unter der weißblonden Pracht. Ida spielt mit einer naturblonden Haarsträhne, die ihr aus dem Pferdeschwanz gerutscht ist. Das fühlt sich beruhigend an.

Vanessa dreht sich um, und für einen Augenblick ist Ida sicher, dass sie gleich Hallo sagen wird.

Aber Vanessa sagt nichts, sondern legt sich auf ihr Handtuch. Ida ist erleichtert. Für die fünf Auserwählten gibt es keinen Grund mehr, zu verheimlichen, dass sie einander kennen. Die Dämonen wissen, wer sie sind. Aber sollte der Rest von Engelsfors auf die Idee kommen, Ida und Vanessa hätten etwas gemeinsam, wäre Ida leider gezwungen, sich umzubringen.

Vanessas Dealerfreund legt sich neben sie, und es dauert ungefähr eine halbe Sekunde, bis sie anfangen rumzuknutschen.

Ida schielt zu Erik. Am liebsten würde sie ihn anschreien, dass er aufhören soll, Vanessa anzustarren, aber das sähe ja so aus, als hätte sie damit ein Problem.

Stattdessen legt sie den Kopf schief und mustert nachdenklich seine dunklen Haare, bis er merkt, dass sie ihn anschaut.

»Was ist los?«, fragt er gereizt.

Er schämt sich offenbar kein bisschen dafür, dass er Vanessa angafft. Ida hält ihre Stimme so ruhig, wie es nur geht.

»Wahnsinn, dass mir das nicht schon viel früher aufgefallen ist«, sagt sie.

»Und zwar?«

»Ach, nichts«, sagt Ida und schaut weg.

»Verdammt noch mal, sag schon.«

Ida dreht sich wieder zu ihm. Lächelt.

»Ach, weißt du, wenn man hier so in der Sonne sitzt, sieht man nur, dass du ziemlich früh eine Glatze haben wirst.«

Robin prustet los und Julia und Felicia kichern überdreht.

»Werde ich überhaupt nicht«, sagt Erik und sein Blick verdunkelt sich.

»Jetzt sei doch nicht sauer«, sagt Ida. »Das dauert noch Jahre, bis man es richtig sieht. Es war nur eben in diesem Licht …«

Robin rubbelt Erik fest über den Kopf.

»Sollen wir schauen, ob sie schon ausfallen?«, sagt er. Erik schlägt seine Hand weg und wirft Ida einen wütenden Blick zu.

Sie hebt die Augenbrauen.

»Bist du jetzt etwa sauer auf mich? Du wolltest es doch unbedingt wissen. Ich sage nur, wie es ist.«

Ihr Handy piept in der Strandtasche und im selben Moment klingelt es auch ein Stück weiter weg. Sie sieht, wie Vanessa ihr Handy nimmt.

Ida hat ein komisches Gefühl im Magen. Das kann kein Zufall sein.

Sie zerrt ihr Telefon aus der Tasche. Die Sonnencreme an ihren Fingern hinterlässt weiße Streifen auf dem Display.

Eine Nachricht von Minoo. Sie ruft die SMS auf und liest, während sie gleichzeitig spürt, dass Vanessa sie von ihrem Handtuch aus beobachtet.

Ida löscht die Nachricht und stellt sich hin. Sie zupft ihren Bikini zurecht und geht zum Wasser.

»Willst du baden?«, ruft Felicia ihr nach.

»Was denkst du denn?«, antwortet Ida, ohne stehen zu bleiben.

Sie geht zwischen den kreischenden Kindern und ihren mindestens genauso lauten, gluckigen Eltern durch.

Das Wasser umspült lau ihre Waden. Sie geht tiefer rein und dann taucht sie unter, schwimmt, bis sie die kalte Strömung im See spürt, und bleibt dort. Die ganze Zeit pulsiert ein einziger Satz durch ihren Körper.

Ich will nicht. Ich will nicht. Ich will nicht.

Aber sie weiß, dass sie es tun wird. Sie wird heute Nacht mit den anderen auf den Friedhof gehen. Nicht, weil ein alter Grabstein, auf dem Nicolaus’ Name steht, sie sonderlich interessiert, sondern weil sie das Versprechen halten muss, das sie dem Buch der Muster gegeben hat.

5. Kapitel

Das Abendessen besteht aus Schichtsalat und Tiefkühl-Hackbällchen, die Anna-Karins Mutter in der Mikrowelle aufgewärmt hat. Sie essen wie immer vor dem Fernseher. Das hätte Mama am liebsten schon so gemacht, als sie noch auf dem Hof wohnten. Es war Großvater, der darauf bestand, dass sie gemeinsam am Küchentisch aßen.

Anna-Karin und ihre Mutter reden kein Wort miteinander. Im Fernsehen geht es um einen Millionär, der so tut, als wäre er arm. Dann verrät der Millionär, wer er wirklich ist, und verschenkt einen Haufen Geld an Menschen, die wirklich arm sind und vor lauter Glück und Dankbarkeit anfangen zu weinen. Anna-Karin wird schlecht davon. Oder vielleicht auch vom Schichtsalat. Sie hat schon wieder zu viel gegessen, obwohl es nicht mal geschmeckt hat.

»Danke für’s Essen«, sagt Anna-Karin und steht auf.

»Schon gut«, sagt Mama abwesend und steckt sich eine Zigarette an.

Sie lässt den Fernseher nicht aus den Augen.

Anna-Karin geht in ihr Zimmer und schaltet den Rechner an. Während Peppar auf ihrem Schoß liegt und schnurrt, sucht sie nach Informationen über Waldsterben, aber sie findet nichts, das zu dem passt, was sie gesehen hat. Stattdessen träumt sie sich weg, indem sie nach Möglichkeiten sucht, weit entfernt von Engelsfors Tiermedizin zu studieren. Jetzt kommt es nur noch darauf an, dass sie dieses und das nächste Jahr auf dem Gymnasium übersteht. Und dass die Apokalypse ihr nicht zuvorkommt.

Sie schaut auf die Uhr. Es ist Zeit, Nicolaus abzuholen. Sie hat ihm gesagt, sie hätte auf dem Weg zum Friedhof gerne Begleitung, aber eigentlich wollte sie nur sehen, wie er auf Linnéas Entdeckung reagiert.

Der Fernseher läuft immer noch, als Anna-Karin vorsichtig ins Wohnzimmer geht. Mama liegt auf dem Sofa und schnarcht leise. Anna-Karin schleicht zu ihr, nimmt den Aschenbecher, geht damit in die Küche und ertränkt alle Kippen unter dem Wasserhahn.

Anna-Karin tritt aus der Tür und schaut direkt auf die ehemalige Bibliothek im Haus gegenüber. Den ganzen Sommer über wurden die Räume renoviert. Die großen Fenster sind mit braunem Papier abgedeckt, aber durch die Ritzen schimmert Licht.

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