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Als Kind riss sich Bella Pankow vier mächtige Albtraumgestalten aus dem Kopf und entließ sie in die reale Welt. Nun, zwanzig Jahre später, sind ihre Dämonen zurück und haben es auf Bellas Kräfte abgesehen, mit denen sie in der Lage ist, Fantasien von Kindern in eine physische Form zu bringen. Erneut ist Bella ihren Peinigern schutzlos ausgeliefert. Für sie beginnt ein Kampf ums Überleben, bei dem ihr droht, alles zu verlieren.
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Seitenzahl: 422
Veröffentlichungsjahr: 2023
Impressum neobooks
Alle Rechte an der Geschichte liegen beim Autor.
Copyright © 2021 Florian Bellows
Komplette Gestaltung » Renee Rott
www.cover-and-art.de
Verlag (Self-Publishing) » Norbert Rattinger
c/o Block Services
Stuttgarter Str. 106
70736 Fellbach
Lektorat » Magdalena Bellows
Vertrieb » epubli – ein Service der neopubli GmbH, Berlin
Sämtliche Privatpersonen und Handlungen sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit realen Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.
Das Buch
Bellas Leben ändert sich eines Tages schlagartig, nachdem sie von den Albtraumgestalten ihrer Kindheit gefangen genommen wird. Die Grundschullehrerin steht am Anfang eines Dornenwegs, der sie immer wieder an ihre Grenzen stoßen lässt. Um ihrem Martyrium zu entgehen, bringt sie ein grausames Opfer nach dem anderen. Sie muss alles geben, wenn sie die Schreckensherrschaft ihrer Peiniger endlich beenden will.
Der Autor
Florian Bellows (*1989) wurde im niederbayerischen Deggendorf geboren. Schon seit seiner Kindheit schreibt er Geschichten. Im Sommer 2015 begann er mit dem Verfassen von Kurzgeschichten und Romanen. Der Autor unterrichtet an einer Gemeinschaftsschule in Baden-Württemberg. Er ist verheiratet und Vater einer Tochter.
Florian Bellows
Bella schlägt zurück
Roman
Für alle, die uns unter die Arme gegriffen haben.
„Alles wird gut!“, versichert Bella der völlig aufgelösten Erstklässlerin, die auf ihrem Schoß sitzt. Das Mädchen schüttelt vehement den Kopf. Ihre kupferroten Pippi-Langstrumpf-Zöpfe peitschen dem Mädchen ins Gesicht, schleudern Tränen und Schnodder in den Raum und auf Bellas Bluse. Die plötzliche Nässe auf den Wangen ist dem Mädchen suspekt. Sie wischt sich die Nase am Ärmel ihres Pullovers ab und wringt anschließend ihre ungleich langen Zöpfe aus. Ein seltsamer Anblick, selbst für Bella. Der rechte Zopf des Mädchens ist gut eine Handbreit kürzer als ihr linker. Es guckt zu Bella hoch.
„Wieso hat Rahel das getan?“, fragt es mit bebender Stimme. Das Mädchen reibt sich die roten Augen mit ihren winzigen Fäusten. Hickst.
»Gute Frage! Nächste, bitte!«, denkt Bella.
Bella schätzt das Verhältnis zwischen Teresa und Rahel grundsätzlich als harmonisch ein. Die beiden Mädchen sitzen seit Beginn des Schuljahres nebeneinander. Sie unterstützen sich gegenseitig beim Rechnen und Lesen. Arbeiten produktiv zusammen.
Und dann hat sich Rahel heute in Bellas Bastelstunde radikal an Teresas Frisur zu schaffen gemacht.
„Sag mal: Wie war eigentlich Rahels Geburtstagsfeier?“ Das ist keine Frage hinein ins Blaue. Die Party ist vor einer Woche gewesen. Seither verhält sich Rahel im Unterricht zurückhaltender. Sie meldet sich nicht mehr so häufig. Ist beim Schreiben abgelenkt.
„Schön“, antwortet Teresa. Ihre Stimme klingt heiser. „Es gab Papageienkuchen. Der war innen ganz bunt. Rot und gelb und blau und grün und rosa. Danach haben wir blinde Kuh gespielt und Rahels Papa hat Pizza für alle geholt. Später hat er auch Musik angemacht. Ich hab‘ ganz viel mit Rahel und Conny getanzt.“
„Ach, du bist also eine richtige Tanzmaus?“, fragt Bella.
„Hm? Ja!“, antwortet Teresa und zuckt geschmeichelt die Schultern.
„Gab es auch etwas, das nicht so toll war?“
„Mhm!“, brummt Teresa und lässt den Kopf hängen.
„Erzählst du mir, was?“
„Rahel hat das Handy ihres Papas aus Versehen kaputt gemacht. Er hat damit witzige Musik gemacht. Sie hat beim Spielen einen Stuhl umgeworfen. Da ist es auf den Boden gefallen.“
„Und was hat Rahels Papa dann zu ihr gesagt?“
„Er hat sie laut geschimpft und angeschrien“, antwortet Teresa. „Aber Rahel hat nicht geweint. Erst später, als er ihr in der Küche eine Ohrfeige gegeben hat.“
„Rahels Papa hat ihr eine Ohrfeige gegeben?“
„Ja.“
„Oh, das ist blöd. Und das hätte er auch nicht machen sollen. Kaputtes Handy hin oder her. Hat das sonst wer gesehen? Außer dir?“
Teresas Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen.
„Nein“, sagt sie. „Nur ich. Ich hab’s auch niemandem erzählt. Außer Mama und Papa.“
„Weiß das Rahel?“
„Mhm. Sie hat mich heute gefragt, ob ich’s jemandem erzählt hab.“
»Das erklärt dann auch Rahels Reaktion«, denkt Bella.
Bella schließt Teresa in ihre Arme ein und legt ihr Kinn behutsam auf dem Kopf des Mädchens ab. „Rahel hat das nicht gemacht, weil sie sauer auf dich ist. Ich glaube, sie schämt sich dafür, dass ihr ihr Papa eine Ohrfeige gegeben hat. Und es muss ihr noch viel peinlicher gewesen sein, dass ihre beste Freundin das gesehen hat. Sie hat Angst, dass noch mehr Kinder davon erfahren…“
„Aber nicht von mir!“, schnaubt Teresa. „Und von dir auch nicht, Frau Pankow!“
„Nein, ich sage nichts!“
An einem Gespräch mit Vater und Mutter der beiden führt kein Weg vorbei. Leider sind Teresas und Rahels Eltern nicht so einsichtig wie ihre Kinder. Dazu kommt, dass sie aus zwei vollkommen unterschiedlichen gesellschaftlichen Milieus stammen.
»Das wird ein harter Brocken«, denkt Bella. »Am besten ich telefoniere gleich nachher noch mit Teresas Papa, bevor er Herrn Özgül an die Gurgel geht.«
„Okay, danke Frau Pankow!“
Teresa hüpft Bella vom Schoß und klopft sich ihren Rock zurecht. Das Gesicht des Mädchens ist voller roter Striemen, aber ihr Lächeln verrät, dass ihr Bella eine Last von den Schultern genommen hat.
„Bist du denn gar nicht mehr traurig?“, fragt Bella etwas überrascht nach.
„Ach, was! Ich will nicht, dass es Rahel schlecht geht! Ich gehe später noch zu ihr und frage, ob sie zum Spielen rauskommt.“
Bella stutzt.
„Rahel darf sich glücklich schätzen, eine Freundin wie dich zu haben!“, sagt Bella und lächelt. „Kommst du nochmal kurz her?“
„Was ist?“
Bella macht Teresas Zöpfe auf, kämmt ihr mit den Fingern die Haare und zupft sie zum Schluss mit Pinzettenfingern zurecht.
„Schau dich mal im Spiegel an! Sieht doch toll aus!“, meint Bella.
Teresa hopst zum Waschbecken. Bella packt sie von hinten an den Hüften und stemmt sie hoch, damit sie sich betrachten kann.
Die Frisur ist behelfsmäßig, aber sie erfüllt ihren Zweck. Die gekürzten Strähnen liegen unter Teresas voluminöser Haarpracht fast vollständig versteckt.
„Oh ja, super!“, staunt Teresa. „Meine Haare sind so schön!“ Bella setzt das Mädchen ab. Sie dreht sich zu ihrer Lehrerin um und sagt: „Danke, dass du mir geholfen hast!“
„Ich habe doch gar nichts gemacht“, sagt Bella und meint es so. „Meldest du dich, wenn der Streit mit Rahel schlimmer wird? Sicherheitshalber.“
Das Mädchen macht „Mhm!“, und nickt energisch. Sie rennt zu ihrem Platz, schultert sich ihren Ranzen um und flitzt zur Klassenzimmertür. Auf der Schwelle macht sie noch einmal Halt, düst zu Bella und drückt ihr den schweren Kopf in den Bauch. Bella umarmt zurück.
„Schöne Ferien wünsche ich dir!“
„Das wünsche ich dir auch Teresa!“
Das kleine Mädchen entlässt Bella aus ihrer Zange und flieht aus dem Klassenzimmer.
»Puh, und das noch am letzten Tag vor den Ferien!«
Bella setzt sich an ihr Pult. Sie ist gerade dabei, ihre Tasche zu packen, als Teresa erneut den Kopf ins Klassenzimmer streckt und ein zweites Mal zu ihr läuft.
„Hast du etwas vergessen?“, erkundigt sich Bella.
„Ich wollte dir nur noch sagen, dass du auch schön bist!“, antwortet die Erstklässlerin. „Ganz besonders mag ich deinen Karamellfleck!“
Teresa fährt mit ihrer kleinen warmen Hand über besagten Fleck auf Bellas linker Wange. Es ist eine Mischung aus einem Mutter- und Feuermal und in etwa so groß wie ein 2€-Stück. Bella hat es seit ihrer Geburt.
Sofort durchfährt Bella ein elektrisches Knistern, das schnell an Intensität gewinnt und in puren brennenden Schmerz ausartet. Vor Bellas Augen flammen bunte Punkte auf, hell wie Sterne.
Teresa bekommt davon nichts mit und verabschiedet sich mit einem fröhlichen „Tschüss!“ und einem Winken. Bella umklammert krampfhaft die Lehne ihres Stuhls. Sie ringt um Fassung.
»Einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig«.
Ein Atemzug nach dem anderen. Das ist eine Technik, die Bella in ihrer Kindheit gelernt hat. Von einer Psychologin, an deren Namen sie sich nicht mehr erinnert.
»Scheiße, ja, das hat mich kalt erwischt!«, denkt Bella und lächelt. Ihre Nerven stehen in Flammen.
Sie bekämpft Feuer mit Feuer. Im heißroten Raum ihrer Gedanken entfacht sie einen Funken, der sich rasend schnell zu einem Brand ausweitet. Es ist eine zerstörerische Macht, die Bella zu kontrollieren gelernt hat. Sie richtet die Flamme auf die panische Angst, die sie zu übermannen droht. Die Hitze breitet sich aus, in all ihre Gliedmaßen. Macht sie langsam schwerer. Bella hält sich vor Augen, dass der Schmerz nur in ihrem Kopf existiert.
„Mann, EY!“, knirscht Bella und schlägt mit der Faust auf ihr Pult. Sie setzt sich abrupt auf und kämpft gegen die Spannung in ihren verkrampften Muskeln an.
Nach einer weiteren Minute steht Bella auf und beginnt damit, Kleinigkeiten aufzuräumen. Sie stuhlt auf, wirft auf dem Boden liegende Papierfetzen in den Papierkorb, stapelt die Hefte ihre Schüler sauber auf. Sie kann nicht gehen, bevor sie sich nicht beruhigt hat.
Zum Schluss nimmt Bella den Besen in die Hand und fegt durch. Putzen schafft Ordnung in ihrem Kopf. Nachdem sie gekehrt hat, ist auch ihrem Pflichtbewusstsein genüge getan und Bella kann, trotz Panikattacke, endlich in die Ferien starten.
»Bleibt nur noch das Telefonat. Dann steht ein paar Tagen Entspannung nichts mehr im Weg.« Bevor sie geht, kontrolliert Bella, ob sie ihr Notizbuch eingepackt hat. Sie versteckt es, vor den Blicken neugieriger Schüler geschützt, im hinteren Fach ihrer Lehrertasche.
Das Lehrerzimmer ist, eine knappe Stunde nach Schulschluss, wie ausgestorben. Bis auf Bellas Chef Martin Holotka ist niemand mehr hier. Trotz seiner Funktion als Schulleiter kleidet er sich, als könnte er jeden Moment zu einem Angelausflug aufbrechen. Braune Khakis, Leinenweste, ein ausgewaschenes Cappy, das mit Sicherheit älter ist als Bella. Davon abgesehen kann sich Bella über ihren Chef nicht beschweren. Sie kommen gut miteinander aus.
Holotka schlürft eine Tasse Espresso und liest Tageszeitung.
„Hallo, Chef!“, trällert Bella und schnappt sich das neon-orangene Post-It, das ihr jemand in ihr Fach gelegt hat. Es ist ein kleiner Feriengruß ihres Kollegen Sascha Brecht. Sie liest es und schiebt es sich - nun deutlich schwermütiger - in die Hosentasche.
„Na, Frau Pankow - den letzten Schultag gut rumgebracht?“
„Ja, schon“, antwortet sie „Ich habe gerade noch ein wenig aufgeräumt. Dann muss ich es schon in den Ferien nicht tun.“
Den Vorfall mit ihren Schülerinnen Teresa und Rahel behält Bella für sich. Zumindest solange, bis sie mit den Eltern der Kinder gesprochen und die Lage sondiert hat. Bella schneidet sich nur ins eigene Fleisch, wenn sie ihren Chef so bald ins Boot holt. Auf dem Lehrerspektrum ist er auf dem… sorgloseren Ende der Skala und legt deswegen großen Wert auf Eigeninitiative.
Eine ganze Reihe benutzter und mit Spülwasser gefüllter Sektgläser zeugt davon, dass der Start in die Pfingstferien feucht-fröhlich begangen worden war. Dass sie den Umtrunk verpasst hat, bricht Bella keinen Zacken aus der Krone. Nur, dass sie sich bei Sascha nicht persönlich verabschiedet hat, rüttelt an ihrem Krönchen. Sie hätte sich mit ihm gerne noch ein bisschen über die Verlobung mit Wanka unterhalten. Erst vor zwei Tagen hat er das Kollegium in den nächsten Schritt seiner Lebensplanung eingeweiht.
»Sascha kriegt nachher noch eine Nachricht von mir«, denkt Bella. »Ich könnte ihn und Wanka zum Kaffee einladen. Dann brauch‘ ich aber noch ein Geschenk für die beiden.«
„Irgendwas vor in den Ferien?“, fragt Holotka und reißt Bella damit aus ihren Gedanken.
„N-nichts Großartiges“, stammelt Bella. Ich habe vor, meine Mutter in Schorfheim zu besuchen.“
Bellas Elternhaus liegt kurz vor Regensburg. Von Ramersdorf aus braucht sie über die A9 etwa eineinhalb bis zwei Stunden nach Hause. Als sie nach ihrem Referendariat in der Oberpfalz nach München versetzt worden war, war sie gezwungen sich auf Teufel-komm-raus eine Wohnung in der Landeshauptstadt zu suchen. Nur mithilfe einer Connection zu einer Studienfreundin und gebürtigen Münchnerin ist sie fündig geworden. Sie pendelt nun jeden Tag eine halbe Stunde mit dem Auto zur Arbeit. Obwohl die Besuche in der alten Heimat mit den Jahren seltener geworden sind, telefonieren Bella und ihre Mutter Astrid beinahe noch täglich. Mit ihrem Vater Max, der nach der Scheidung nach Berlin gezogen ist, hat sie nur unregelmäßig Kontakt.
„Da soll es am Anfang der Woche ja ganz schön gewittern. Laut Wetterbericht sind für Montagmittag sogar heftige Hagelschauer vorausgesagt.“
»Scheiße, echt?«, denkt sie.
„Vielleicht warte ich mit meinem Besuch, bis sich das Wetter beruhigt hat“, sagt sie.
Bella hat schon so genügend Probleme mit dem Fahren. Sie bezeichnet ihren Fahrstil als holprig. Und das ist noch milde ausgedrückt. Da muss sie das Schicksal nicht herausfordern und bei Platzregen und Hagelschauer einen Unfall riskieren.
»Also nachher gleich auch noch mit Mama telefonieren«, vermerkt sich Bella.
„Ich pack’s dann, Chef! Schöne Ferien!“ Bella verabschiedet sich mit einem verhaltenen Winken. Holotka quittiert Bellas Geste mit einem Nicken.
„Ihnen auch“, sagt er. „Gute Erholung!“
Die Tür hinter ihr fällt mit einem Klicken ins Schloss.
Nur drei Autos stehen auf dem Parkplatz. Bellas Wagen ist der in die Jahre gekommene, kadmiumorange Volvo 240 von 1993. Max Pankow hatte ihn ursprünglich gekauft, um damit seine Oldtimer-Sammlung ins Rollen zu bringen. Die Scheidung von Astrid hatte seinem Vorhaben schnell einen Strich durch die Rechnung gemacht. Um ihn nicht verkaufen und die Hälfte des Gewinns an seine Ex-Frau veräußern zu müssen, hatte er den Wagen überraschend Bella geschenkt.
Bella kann es plötzlich kaum erwarten, nach Hause zu kommen. Nach der unangenehmen Erfahrung in ihrem Klassenzimmer sehnt sie sich nach nichts mehr als einem heißen Bad.
»Pizza wäre jetzt auch geil!«, denkt sie beim Aufsperren ihres Autos. Sie ist gerade dabei, ihre Tasche in den Kofferraum zu stellen, als sich ihr jemand von hinten nähert.
„Hey, hast du einen Moment?“, tönt eine Reibeisenstimme hinter ihr. Bella, gedanklich schon in der Badewanne, fährt zusammen. Sie lässt vor Schreck ihre Tasche hart auf dem Kofferraumboden aufschlagen.
„Wer will das wissen?“, fragt Bella und bemüht sich um Contenance.
Hinter ihr steht ein Mann – zwei, vielleicht drei Köpfe größer als sie. Er trägt ein weißes ungebügeltes Hemd und dreckige Jeans. In seinem Mundwinkel glimmt eine Zigarette. Seine fettige Haut glänzt. So sehr, dass seine Halbglatze das Tageslicht reflektiert. Insgesamt macht der Mann keinen sonderlich sauberen Eindruck. Es beschleicht Bella das Gefühl, dass sich dieser Typ an sie herangeschlichen hat.
»Wieso habe ich die Zigarette nicht gerochen?«, fragt sich Bella. „Verzeihen Sie die blöde Frage, aber kenne ich Sie?“, hakt Bella nach. Sie bekommt unerklärlicherweise Gänsehaut an den Armen.
„Du hast es echt drauf!“, sagt der Fremde. „Hast die kleine Teresa solange bearbeitet, bis sie der blöden Schnepfe, die ihr die Haare abgeschnitten hat, nicht mehr böse sein konnte. Gratulation, Frau Pankow!“
Der Mann applaudiert.
Plötzlich schrillen bei Bella die Alarmglocken.
„Sind sie Teresas Vater?“, fragt Bella. Bisher hatte Bella nur Teresas Mutter kennengelernt. Die Väter interessieren sich für gewöhnlich weniger für die Schule. Trotzdem, so hat sich Bella Teresas Papa nicht vorgestellt. „Hat Ihnen Teresa erzählt, was heute passiert ist? Lassen Sie mich erklären.“
Bella will vermitteln. Sie sucht nach einer Möglichkeit, das Gespräch so anzugehen, dass es zu keinen verfrühten Schuldzuweisungen kommt.
„Spar dir die Mühe“, meint der Fremde und grinst ein Grinsen, das man – passend zur Erscheinung des Mannes – nur als dreckig bezeichnen kann. Er tippt sich mit dem Zeigefinger an die Schläfe. „Ich bin praktisch dabei gewesen.“
Bella ist irritiert.
„Wie meinen Sie das? Der Vorfall hat sich doch in meinem Klassenzimmer zugetragen.“ Bella versucht, die Worte des Mannes so auszulegen, dass sie einen Sinn ergeben. „Sind Sie wütend? Das verstehe ich. Ich bitte Sie dennoch darum, nicht voreilig zu handeln. Wir sollten einen Weg finden, wie sich die beiden Mädchen wieder in die Augen schauen können.“
„Da fällt mir nur eine Methode ein“, unterbricht sie der Mann. „Auge um Auge, Zahn um Zahn.“ Der Mann mimt eine Schere mit seiner linken Hand und fährt Bella durch das Haar. „Schnipp, schnapp, Haare ab!“
Bella braucht einen Moment, um den Eingriff in ihre Privatsphäre zu verdauen.
»Heilige Scheiße!«, denkt Bella. »So ein krankes Arschloch von Vater!«
„Das ist keine gute Lösung!“ Bella gibt sich vehement. „Hören Sie zu, ich weiß – das, was Rahel getan hat, ist kein Kinkerlitzchen. Aber Kinder streiten tagtäglich. Beizeiten auch heftiger und manchmal fliegen auch die Fetzen. Aber genau so schnell wie sie sich gestritten haben, vertragen sich Kinder auch wieder.“
„Was hältst du davon, wenn ich der scheiß Kackbratze persönlich den Schädel rasiere?“
„Sollten Sie Rahel zu nahe kommen, sehe ich mich gezwungen, die Polizei zu verständigen.“
»Scheiße, aber zuerst muss ich meinen Chef einschalten«, denkt Bella. »Am besten jetzt sofort!«
Bella schließt den Deckel ihres Kofferraums. „Könnten Sie bitte kurz hier warten? Ich möchte meine Schulleitung gerne zu unserem Gespräch dazuholen.“
Bella macht sich bereit, zu rennen, sollte der Kerl auf die Idee kommen, ihr zu folgen.
„Bella, seit wann verstehst du denn keine Späßchen mehr?“, verhöhnt sie das Arschloch. „Du hast es immer noch nicht gecheckt, oder? Ich bin nicht der Vater dieser dummen Göre.“
Damit bröckelt der Hohn wie nasser Putz aus dem Gesicht des Mannes. Zurück bleibt das Fundament. Die obszöne Grimasse eines Raubtiers, das die Zähne bleckt.
„Wer bist du dann?“, schnaubt Bella. Wenn der Irre sie duzt, tut sie das auch. Es bahnt sich eine Migräne an. Der Schmerz dazu strahlt aus ihrem karamellbraunen Feuermal aus.
„Vielleicht hilft dir das ja auf die Sprünge.“
Der Mann präsentiert Bella zwei schwielige Pratzen samt dreckiger Nägel und wackelt die Finger.
„Hokus Pokus!“, sagt der Mann und lässt die Hände mit mystischem Trara kreisen. „Fidibus!“
Die Hände des Mannes sausen auf Bella zu. Bella versucht, den Schlag abzuwehren. Jetzt bereut sie es, nicht gleich gerannt zu sein.
Der erwartete Schmerz bleibt aus. Stattdessen fördert der Fremde einen weißen Zylinder zutage. Er streicht mit Daumen und Zeigefinger über die Krempe des Hutes und setzt ihn sich auf. Das seidig glänzende Stück passt wie angegossen.
„Simsala-Bim!“
Bellas Beine werden schwer wie Blei. Ihr Zorn kühlt auf absolut Null herunter. Zerberstet wie eine Bologneser Träne.
„Oh, nein“, haucht Bella. „Felix Struwwelpeter… Der Zauberer.“
Bilder eitriger Geschwüre an Armen und Beinen, eines Kleides, das aus Stacheldraht gewoben und das der kleinen Bella an den Leib geschneidert worden ist, von einem Käfig voller Ratten schießen Bella in den Kopf.
„Wie konnte ich dich nur vergessen…? Wie, wie ist das möglich…?“
„Na, was sagt man dazu? Du erinnerst dich ja doch. Hast du mich vermisst, Bella-Schatz?“
Bella igelt sich ein, wirft die Arme über den Kopf, zieht die Knie an und betet, dass sie bloß einen Albtraum hat.
»Mach, dass mir mein Gehirn nur einen bösen Streich spielt!«
Doch Felixs unsichtbare Hände finden problemlos ihren Weg durch Bellas mickrige Verteidigung hinein in ihren Körper. Er zupft an Bellas Nervensträngen wie an den Saiten einer Harfe. Bella erleidet die wildesten Halluzinationen. Purpurrote Spinnen und fingergliedgroße Ameisen klettern ihre Extremitäten empor, schlüpfen durch ihre Kleidung und beißen sie in ihr Fleisch. Bella hört das Gefiepe Tausender Ratten, die immer näherkommen. Riecht einen Geruch nach Desinfektionsmittel, Krankenhaus, Verwesung, Tod.
Bella kreischt, doch kein Geräusch verlässt ihre Lippen. Alles findet in ihrem Kopf statt.
„MACH, DASS ES AUFHÖRT!“, presst Bella durch geknirschte Zähne.
„Erinnerst du dich jetzt?“, fragt Felix Struwwelpeter, die Reibeisenstimme dick mit Spott belegt. Er drosselt ihren Schmerz. Lässt sie gegen ihren Willen aufstehen. „Dieses Mal gibt es niemanden, der dich beschützt. Keinen Ritter in goldener Rüstung.“
Bella ringt um Atem. Sie gibt sich größte Mühe, bei Bewusstsein zu bleiben.
»ICH MUSS AN DAS NOTIZBUCH HERANKOMMEN!«, denkt Bella in Großbuchstaben. »WIE BESCHISSEN KANN EIN TAG EIGENTLICH SEIN?«
Felix kommt einen Schritt näher, legt Bella eine große Hand auf die Schulter, die andere auf ihren Arsch. Neben den sehr realen Schmerzen überzeugt Bella die intime Berührung endgültig davon, dass sie nicht nur schlecht träumt.
„Die anderen sind schon so gespannt, dich nach so langer Zeit wiederzusehen.“ Felix schnuppert an Bellas Nacken. Ihr dringt sein unausstehlicher Moschus-Geruch in die Nase. „Du bist hübsch geworden, Bella. Ich würde dich sofort rannehmen, keine Frage. Richtig gut ficken.“
Bella versucht vergebens, ihrem Körper ihren Willen aufzuzwingen. Ihn zu bewegen. Irgendwohin. Weit weg von diesem Scheusal. Gegen die Macht des Zauberers ist Bella chancenlos. Sie stöhnt, zischt, keucht. Nicht einmal die Fähigkeit zur Artikulation lässt er ihr.
„Ich stelle dir schon eine Weile nach, Bella. Ich bin in deinen Kopf geschlüpft. Hab‘ die Welt durch deine Augen gesehen. Mhm, ich hab‘ dich beim Duschen und beobachtet und dabei, wie du es dir selbst gemacht hast. Das ist so einfach gewesen.“ Felixs Hand wandert zwischen Bellas Beine. Reiben dort eine empfindliche Stelle. Bella droht, sich zu verlieren. Die Wärme, die sich in ihrem Körper ausbreitet, ist angenehm. „Der Dicke König will dich sehen. Deswegen muss ich dich nun leider bitte, mitzukommen.“
Bella sieht wehrlos mit an, wie ihr Peiniger ein böses Spiel mit ihr treibt. Sie weint eine heiße Träne. Felix nimmt das erneut als Anlass für seinen Hohn.
„Och, arme Bella!“, mokiert er sie. „Hast du wirklich geglaubt, du wärst uns losgeworden? Vor Albträumen kannst du nicht wegrennen. Wir holen dich immer und immer wieder ein. Wir sind ein Teil von dir.“
Felix stupst Bella auf die linke Brustseite und begrabscht anschließend Bellas C-Körbchen. Seine unsichtbaren Hände finden ihren Weg durch Bellas Augenhöhlen hinein in ihren Schädel. Er windet ihr das Gehirn aus.
Bella verliert – gnädigerweise – das Bewusstsein.
Felix spült sich den Mund mit einem Schluck heißen Kaffees aus. Er gurgelt ausgiebig mit der schwarzen Brühe, bevor er sie hinunterschluckt. Bellas Gaumenfleisch wirft Blasen. Speiseröhre und Magen verbrühen. Die Körpermitte krampft. Felix lacht. Es ist Bella, die den Schmerz empfindet.
„Na, gefällt dir das, du dumme Göre?“, hallt Felixs Reibeisenstimme in Bellas Kopf.
Bella ist in tiefer Finsternis gefangen, in einer geheimen Ecke ihres Verstandes. Ihr Körper sendet Starkstromsignale aus, die ihre Welt in kurzen Abständen grell und übersättigt erscheinen lassen.
Felix führt den Pappbecher an Bellas Lippen und spuckt etwas hinein. Hart, cremeweiß und klein wie Maiskörner. Es sind Zähne. Sie versinken im schwarzen Kaffee.
Einer, zwei, drei.
„Upps!“, sagt Felix. „Da braucht wohl jemand ein Gebiss.“
Es ist Felixs alte Masche. Schon früher hatte er Bella auf dieselbe Art gequält. Damals ausschließlich in ihren Träumen. Der Verlust ihrer Zähne ist dabei eine der harmloseren Scherereien des Zauberers gewesen.
»Das ist aber kein Traum!«, denkt sie. Sie hat Recht. Es ist kein Traum nach klassischer Definition.
Bella versucht, ihre Augen zu öffnen. Kurz sieht sie ein verschwommenes blaues Rechteck an sich vorbeiziehen. Ein Autobahn-Schild. Bella liest das Schild wie die Buchstaben bei einem Sehtest.
»Odelzhausen? Bin ich auf der A8?«
Die Strecke kennt Bella von ihren jährlichen Besuchen der Didaktik-Messe in Stuttgart und den gelegentlichen Fahrten ins Legoland in Günzburg.
»Wo bringt er mich hin?« Bella redet sich ein, dass ihr Schicksal davon abhängt, ob sie die Augen offen hält oder nicht. Immer wieder schwärzt sich Bellas Sicht. »Oh Gott, Mama wird sich furchtbare Sorgen machen, wenn ich nicht anrufe. Wie lange wird es dauern, bis sie die Polizei ruft? Mein Handy müsste sich doch orten lassen. Was aber, wenn Felix mein Handy weggeschmissen hat?«
Bella stellt fest, dass es absurd ist, sich diese Fragen zu stellen.
»Was kann die Polizei überhaupt gegen Felix ausrichten?«
Soweit Bella es beurteilen kann, ist Felix kein Mensch. Er dürfte nicht einmal real sein. Ursprünglich ist er einer von vier Hauptakteuren in einer Reihe immer wiederkehrender Albträume gewesen. Einen anderen – den Dicken König – hat Felix namentlich erwähnt.
Das erste Mal träumte Bella im Alter von sieben Jahren von ihnen. Das war kurz nach dem Tod ihres Bruders David. Bella war wochenlang jede Nacht schweißgebadet aufgewacht. Ihre Eltern hatten keine damals Zeit für sie. Max und Astrid Pankow hatten beide Hände voll damit zu tun, ihre kriselnde Ehe zu retten und Bella die dringend benötigte Normalität vorzugaukeln. Die Psychologin, an deren Namen sich Bella nicht mehr erinnert, hatte ihr eine posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert und Bellas Albträume als normale Reaktion auf emotionalen Stress missinterpretiert. Nun versucht Bella, sich an den Namen der Frau zu erinnern. Sie hat entweder Sturm oder Stern geheißen.
Von ihr hat Bella die ersten Techniken des autogenen Trainings gelernt.
»Wenn sie mich jetzt sehen könnte. Der würden die Augen aus dem Kopf fallen.«
Bella gibt nicht auf. Sie kämpft um jedes Bisschen Kontrolle. Das charakteristische Nageln des Motors ihres Volvos dringt durch die Dunkelheit.
»Felix ist mit meinem Wagen unterwegs!«
Sie versucht, den Schleier, der ihr die Sicht versperrt zu lichten und muss sich dafür durch eine Lawine graben, unter der Felix sie verschüttet hat.
Mit einem Mal starrt Bella in ihre Augen. Im Rückspiegel ist ein Teil des goldenen Vollmondes zu sehen. Durch seine Nähe zum Horizont ist er zu gigantischen Proportionen aufgeblasen. Die anbrechende Mainacht ist klar, der Himmel kurz vor Sonnenuntergang hellviolett.
„Schau mal an, wer sich da zeigt!“, hört Bella sich selbst sagen. Der Ton in ihrer Stimme ist unverkennbar fremd. Sie funkelt sich mit Augen aus Feueropal an. „DU SCHEISSKERL, WAS HAST DU MIT MIR GEMACHT?“, brüllt Bella, ohne dass sich dabei ihre Lippen bewegen.
„Wieso gleich so ausfallend?“, lacht Felix mit Bellas Mund und (vollständigem) Gebiss. „Ich bin in dich hineingekrochen wie in eine ausgeleierte Fotze. Ich mache mit dir, was ich will.“
„LASS MICH GEHEN!“ Rote Blitze leuchten am Rande der Welt. Felix nimmt sie ebenfalls wahr.
„Keine Chance, Bella. Nicht bei all dem, was wir mit dir vorhaben. Du bist unser neustes kleines nettes Spielzeug.“
„LASS MICH!“
Bellas Zorn lodert. Das Feuermal auf ihrer linken Wange entzündet sich und strahlt in den buntesten Farben.
„Das lässt du mal besser sein!“, sagt Felix, statt mit Hohn mit heiligem Ernst in der Stimme.
Der Griff um Bellas Kern wird stärker. Die Kontrolle, die sie sich mühsam erkämpft hat, entgleitet. Bellas letzter wacher Gedanke gilt einer Nacht vor zwanzig Jahren, in der sie voller Verzweiflung vor dem Spiegel im Schlafzimmer ihrer Großmutter gestanden war.
„Wie habe ich das nur vergessen können?“, fragt sie sich erneut und schläft ein.
Bella kommt inmitten einer weiten Ebene zu sich. Um sie herum blühen unzählige Bäume in den schillerndsten Farben. Sie verströmen ein Aroma, das Bella an Vanille, an gebrannte Mandeln und Milcheis denken lässt. Der Himmel besteht aus einer Gold- und Silberlegierung und kupferfarbenen Wolken. Die ersten Sonnenstrahlen eines neuen Tages streicheln Bellas Wangen.
„Hier bin ich schon lange nicht mehr gewesen“, sagt Bella gedankenverloren.
Sie macht ein paar Schritte durch das hüfthohe Gras. Kühler Tau benetzt ihr weißes Kleid und gibt ihrer durstigen Haut zu trinken. Es ist ein angenehmes Gefühl.
»Ob er nach all den Jahren immer noch hier ist?«, fragt sich Bella.
Sie ist sich der harten Realität bewusst – doch an diesem Ort haben Raum und Zeit außerhalb ihrer Gedanken keine Bedeutung. Bella hat sich in ihr Schneckenhaus zurückgezogen. In das heilige Sanktuarium, das sie sich nach dem Tod ihres Bruders aufgebaut hat, um sich vor der grausamen neuen Ordnung in ihrem Leben zu schützen. Felix erreicht sie hier nicht.
»Alles ist noch wie damals«, stellt Bella fest. »Die Welt draußen hat sich weiterbewegt, aber hier ist alles gleichgeblieben.«
Bella macht sich an den Aufstieg hoch zu einem kleinen Hügel. Dort oben steht ein alter Baum, der Stamm schwülstig, die Rinde dick und rissig, die Blätter geformt wie Speerspitzen und störrisch wie altes Leder. Es ist ein Olivenbaum. Er ist einem Baum im Rom nachempfunden, von dem Bellas Großmutter Selena ihr so oft erzählt hat.
Nachdem bei David das Glioblastom festgestellt worden war, hat Bella einen ganzen Sommer auf dem Hof ihrer Oma verbracht. Ihre Eltern haben sich währenddessen um Behördenkram und Davids Behandlung gekümmert: Besuche bei zig verschiedenen Fachärzten, Termine bei der Versicherung und ihrer Psychologin. Selena Landgraf hatte sich ihrer Enkelin in dieser schwierigen Zeit angenommen. Das hat die beiden eng zusammengeschweißt. Selena ist – vor allem in Bellas Jugend – zu ihrem großen Vorbild avanciert. Bella hatte sie damals schon – trotz ihrer beginnenden Demenz – als einen Menschen wahrgenommen, der seiner Zeit voraus war. Selena ist die erste Frau in Bellas Familie, die studiert hat. Auch, wenn ihr Kunst- und Architekturstudium in Rom ein jähes Ende genommen hat. Sie war nach Deutschland zurückgekehrt, um ihren Vater zu unterstützen, nachdem es auf seinem Hof einen Tuberkulose-Ausbruch gab und die Hälfte seiner Rinder verendete. Selena war damals schwanger, hat später dann einen anderen Mann geheiratet. Bellas Mutter Astrid und ihr Onkel Matteo stammen nicht vom selben Erzeuger.
Zeit ihres Lebens ist Selena in das fremde Land und ihre Leute verliebt gewesen.
„Ärgere niemals einen Italiener!“, hat sie oft bei einer Tasse Espresso gesagt, und: „Wenn du einen Italiener als Freund hast, hast du einen Freund fürs Leben.“
Bei Bella eingebrannt haben sich Erzählungen über ein schattiges Stückchen Erde unter der Krone eines tausendjährigen Olivenbaums auf dem Palatin – einem der sieben Hügel Roms. Selena hatte dort oft gemalt und Menschen und Architektur studiert. Bellas Onkel Matteo hat einige der Bilder seiner Mutter bei sich zuhause hängen. Das Gemälde eines tieforangenen Sonnenuntergangs über dem Circus Maximus ist eines von Bellas Favoriten. Die Sonne auf dem Bild scheint in derselben Farbe wie Bellas hellstbraune Augen.
Das Wonnegefühl, das ihre Großmutter Bella beim Erzählen ihrer Geschichten vermittelt hat, hat sich Bella bis ins Erwachsenenalter bewahrt.
Diesen Ort hat Bella entstehen lassen, bevor Felix und die anderen erschienen sind. Bis zu ihrem Verschwinden hatte sie diesen Ort oft und regelmäßig besucht, um sich ihrer Folter zu entziehen. Vom höchsten Punkt ihres Hügels aus, sieht Bella nun, dass das Tal zu ihren Füßen von dickem Nebel eingehüllt ist. Er zieht sich hoch bis in den Himmel. Die Sonne dahinter erscheint als silberweiße Scheibe aus Licht.
Sie nähert sich dem Olivenbaum und legt eine Hand auf seinen Stamm. Die Rinde unter ihren Fingern fühlt sich pelzig an. Wie alles hier, ist auch dieser Baum im Grunde genommen nichts weiter als eine Sinnestäuschung.
„Wieso bin ich hier? Hast du mich gerufen?“
Ohne Vorwarnung geht der Baum in Flammen auf. Seine Hitze versengt sie nicht. Was in der Asche zurückbleibt, ist ein Gegenstand, den sie auf Anhieb wiedererkennt, obwohl sie ihn das letzte Mal vor zehn Jahren gesehen hat. Es ist der Schlafzimmerspiegel ihrer Großmutter. Bella berührt das Glas. Es glüht noch. Im Spiegel sieht Bella ein kleines Mädchen. Die strohblonden Haare wild durcheinander, die Augen verheult.
Erinnerungen brechen über Bella herein.
Es ist die schlimmste Nacht ihres Lebens. Ihre Eltern sind den ganzen Tag bei David im Krankenhaus gewesen, Bella bei ihrer Großmutter. Max und Astrid sind abends noch vorbeigekommen, um ihrer Tochter zumindest gute Nacht zu sagen und haben dabei Briefe in Selenas Kühlschrank entdeckt. Ihre Eltern haben sich auf dem Weg zu ihrem Auto fürchterlich gestritten. Das hat Bella vom Fenster im Wohnzimmer aus gesehen.
Bella war wieder einmal mit kaltem Schweiß am gesamten Körper aufgewacht. Ihre Großmutter hatte auf dem Schaukelstuhl neben ihrem Bett geschlafen, das große Märchenbuch noch in den Händen. In ihrem Traum hatte Felix Bella mit scharfen Krallen aufgerissen und ausgeweidet wie ein Huhn. Bevor sie aufgewacht war, hat er sie mit ihren Gedärmen gewürgt, bis sie keine Luft mehr bekommen hat. Bella war aus dem Bett gehüpft, um aus dem Schlafzimmer ihrer Mutter ihren größten Schatz zu holen. Einen gelben Stoffhasen mit dem originellen Namen „Hasi“. Zum Einschlafen hatte sie ihn nicht gebraucht, deswegen lag er noch im Koffer, den Astrid am Morgen hastig gepackt hatte. Der Koffer stand hinter Selenas kunstvoll verzierten Walnussholz-Spiegel. Bella war davor stehen geblieben, hatte sich mit großen Augen betrachtet und den silbernen Schein ihrer nassen Haut bewundert. Dann war ihr eine Idee gekommen.
Sie hat beide Hände auf den Kopf gelegt und sich die Haare gerauft. In Wirklichkeit hat Bella an dem gezogen, was unter ihrer Schädeldecke die bösen Träume verursacht hat. Auch Bella besitzt Finger, die man mit dem bloßen Auge nicht sieht. Sie hat die schwarzen Fäden in ihrem Kopf gepackt und mit einem Ruck herausgerissen.
Aus den Nähten zwischen den Schädelplatten war Schwarzlicht gekommen. Finsterer Qualm hat sich um sie gelegt. Dick und zähflüssig wie Öl. In dem Strudel aus Schwärze hat etwas golden geschimmert. Dann war der Qualm durch die Fensterscheibe hindurch in die Nacht entkommen.
Bella steht vor dem Spiegel ihrer Großmutter, als sie sagt: „Scheiße, was habe ich da bloß getan?“
Ihre Knie geben nach. Es fängt an zu regnen.
Ein stechender Schmerz in den Waden reißt Bella aus ihrem Traum. Sie ist benommen. Völlig desorientiert massiert Bella sich die steinharten Waden, in der Hoffnung auf Linderung.
„Scheiiiiße, verdammt!“, zischt sie. Sie schafft es nicht, ihr verkrampftes Fleisch mit den Fingerspitzen zu lockern. Dennoch macht sie beharrlich weiter. Bis sie sich zu ihren Kniescheiben vorarbeitet und der Schmerz in seiner Intensität schlagartig exponentiell zunimmt. Bella meint, ihr Bindegewebe explodiert und Knochensplitter fliegen ihr um die Ohren.
Bella begibt sich in die Fötushaltung, rollt seitwärts und fällt. Ihr Fall dauert nur einen Augenblick. Sie schlägt Kopf voran auf schwarzen Granitfliesen auf. Der Schmerz potenziert sich erneut. Bella ächzt durch geschlossene Lippen. Sie versucht panisch, Luft durch die Nase anzusaugen.
„Wir haben uns etwas besonderes einfallen lassen müssen, um dich zu wecken“, sagt jemand zu ihr.
»Oh Gott, das kann nicht wahr sein! Lass das bitte nicht wahr sein!«
Es ist einer von Bellas alten Bekannten. Der Schmerz lässt nach. Ihre pochenden Muskeln entspannen sich. Doch Bella will nichts mehr, als auf dem kalten Fußboden liegenzubleiben.
„Setz dich ordentlich hin, wenn ich mit dir rede!“, sagt der Dicke König. Ein Mann mit graumeliertem, ehemals blondem Haar, feisten rötlichen Backen und unschuldigen Kulleraugen. Sein kindliches Aussehen verleiht ihm ein gewisses Maß an Obszönität. Er sitzt hinter einem Schreibtisch aus hellem schwerem Holz. Seine Wampe drückt gegen die Tischkante, als er sich zu Bella herunterbeugt.
„Komm schon, oder muss dir Felix noch einen Schock verpassen?“
Bella bäumt sich auf, nicht ohne ihren Widerwillen zu demonstrieren. Sie lehnt sich gegen das mit rotem Brokat bezogene Prunksofa, von dem sie gefallen war. Der Dicke König grinst Bella an und präsentiert dabei seinen goldenen Eckzahn. In Bella erwachen Gefühle der Mordlust.
„Anselm Zahnlücke…“, zischt sie. Die Zahnlücken, nach denen Bella ihn benannt hat, sind professionell verschlossen worden, wie es scheint. Auch Felix ist da. Statt dreckigen Jeans trägt er einen maßgeschneiderten Designeranzug. Den Eindruck, dass er durch und durch schmutzig ist, wird Bella trotz seiner teuren Kleidung nicht los. Neben ihren Albträumen befindet sich noch eine zierliche Frau mit im Raum, der mit seiner breiten Fensterfront, den mit Ordnern bestückten Regalen und dem massiven Tisch in der Mitte wie das Büro eines Steuerberaters wirkt. Die Hände der Frau liegen in ihrem Schoß, den Kopf hat sie gesenkt. Im Gegensatz zu Felix oder dem Dicken König sagt Bella ihr Gesicht nichts.
„Lasst mich doch einfach alle in Ruhe!“, sagt Bella. Sie versucht, sich aufzurichten. Versucht, zu gehen.
„Du setzt dich besser!“, sagt Anselm Zahnlücke mit der Fistelstimme eines katholischen Chorknaben. Von den beiden wirkt Felix deutlich bedrohlicher, doch der Schein trügt. In puncto Grausamkeit stellt er alle übrigen Albträume in den Schatten. Er ist ein wahrer Sadist.
Felix grinst sein Hyänengrinsen. Er lässt Bella wissen, dass sie sich besser nicht widersetzt.
„Du bist doch in der Gesellschaft alter Freunde, und da willst du uns schon wieder verlassen. Es gibt so viel, über das wir reden müssen.“
Der Dicke König erhebt sich. Sein Bürostuhl rollt nach hinten, kracht mit Schmackes gegen die Fensterfront und fällt um.
Bella ist vom Poltern des Stuhls so eingenommen, dass sie zu spät bemerkt, wie Felix ihr etwas zuwirft. Das kleine schwarze Kästchen aus Glas und Plastik trifft sie mitten an der Stirn.
„Au!“, schrillt Bella. Sie sieht bunte Sterne. Taubheit breitet sich spinnennetzartig über ihr gesamtes Gesicht aus. Bella verliert die Balance, kippt nach hinten und stürzt auf das Sofa. Zwischen ihren Beinen liegt ihr Handy. Das Display ist zersprungen.
„Deine Mutter weiß Bescheid. Ich hab‘ ihr gesagt, du kommst sie nicht besuchen. Sie war richtig enttäuscht“, sagt Felix.
Bella bückt sich und hebt ihr Telefon auf. Sie versucht, es anzuschalten. Sie sieht darüber hinweg, dass der Akku fehlt. „War die schon immer so strunzdumm?“, gackert der Dicke König. „Hexe, mach‘ was!“
Die zierliche Frau steht auf und nähert sich Bella zurückhaltend. Bella nimmt das aufgrund der Versuche, ihr Handy einzuschalten, nicht wahr.
Die junge Frau mit den schwarzen, seidig glänzenden Haaren kniet sich zu Bella herunter und nimmt ihren Kopf zwischen die Hände. Sie rückt ihn zurecht – so, dass sich die beiden Frauen anschauen. Die Augen von Bellas Gegenüber brennen in einem unnatürlichen purpurviolett.
„Kenne ich dich?“, fragt Bella und runzelt die gerötete Stirn.
„Ich bin Cassandra“, sagt die zierliche Frau und lächelt ein Lächeln, das nicht auf ihre harten Augen übergeht. Dann küsst sie Bella.
Bellas Sinne werden von heißen Blitzen bombardiert, die ihre Desillusionen in Schall und Rauch auflösen. Als sich die Münder der beiden Frauen trennen, hängt ein Speichelfaden zwischen ihnen.
„Du bist keiner meiner Albträume!“, jappst Bella. Cassandra setzt zu einer Antwort an, doch der Dicke König untersagt es ihr.
„UNTERSTEH DICH!“, brüllt er, schäumend vor Wut.
Felix steht mit seinem Handy über den zwei Frauen, knipst ein Foto und sagt: „Geile Wichsvorlage!“ Dann packt er es weg.
Cassandra zieht sich zurück. Ihr Blick ist von grauen Wolken verhangen. Nun fallen Bella auch die schwarzen Augenringe und die blasse Haut der jungen Frau auf.
„Jetzt, da du endlich bei Sinnen bist, können wir endlich zum Geschäftlichen kommen“, sagt der Dicke König und breitet seine fetten Arme aus.
»Zwei meiner Albträume fehlen«, denkt Bella, nun wieder im vollen Besitz ihrer geistigen Kräfte. »Das hat nichts zu bedeuten. Sie sind sicher auch hier irgendwo. Außerdem: Wer ist diese Frau…? Ihr Name ist Cassandra?«
„Ich möchte, dass du für mich arbeitest, Bella“, sagt der Dicke König. „Nachdem du uns aus deinem Kopf vertrieben hast, musste ich mir ein neues Standbein suchen. Ich habe mich sozusagen selbstständig gemacht. Das hier ist meine Brauerei.“ Er macht den Weg herum um seinen Schreibtisch, setzt sich mit seinem breiten Hintern auf ihn. „Wir brauen das beste Bier Deutschlands. Das sage ich dir im vollen Bewusstsein darüber, wie anmaßend sich das anhört. Aber nicht ohne Grund. Du wirst gleich sehen, warum. Ich möchte, dass du uns hilfst, unseren Umsatz weiter zu steigern.“
»Du willst mir jetzt nicht wirklich verklickern, dass du unter die Bierbrauer gegangen bist?«
„Der Grund für unseren Erfolg ist eine kleine Geheimzutat“, sagt der Dicke König. Er holt ein winziges Glasfläschchen aus seiner Jacketttasche und hält es Bella vor die Nase. Es ist mit einer öligen Flüssigkeit gefüllt. Darin schwimmen cyanblaue, magentafarbene und goldgelbe Schlieren.
»Sieht aus wie Druckertinte«, assoziiert Bella. »Wie, wenn man eine Multikartusche in eine Glasflasche ausdrückt.«
„Magna Vis!“, huldigt der Dicke König seine kleine Phiole. „Es ist eine körpereigene Substanz. Ein Gemisch aus Endorphinen, Serotonin, Dopamin und Opioiden. Beamt härter weg als Heroin. Und macht genauso süchtig. Du wirst uns helfen, es zu extrahieren. Unsere Quellen werfen derzeit nicht genügend ab, um unseren Umsatz zu steigern. Deswegen wirst du unsere Ausbeute erhöhen.“
„Wie hast du dir das vorgestellt?“, fragt Bella nach.
„Du wirst uns deine Kräfte zur Verfügung stellen“, antwortet der Dicke König.
„Vergiss es, Fettsack!“
Anselm Zahnlücke wirft Felix einen Blick zu. Lediglich zwei Worte kommen ihm über die Lippen. „Tu es!“
Felix schlägt seine unsichtbaren Krallen in Bella und spielt sie wie eine Zither. Schmerzen elektrisieren sie. Sie übergibt sich.
„Ihr Drecksäcke!“, keucht Bella. Die Luft, die sie einatmet, brennt in der Luftröhre.
„Wischt das jemand auf!“, befiehlt der Dicke König. „Cassandra!“
Die junge Frau mit den purpurleuchtenden Augen verschwindet durch eine Seitentür.
„Du wirst das tun, was ich dir sage! Ich sitze am längeren Hebel. Je früher du das checkst, desto besser!“
Cassandra kommt zurück. Sie trägt gelbe Gummihandschuhe und hat einen vollen Putzeimer dabei. Die »Hexe« lässt sich nichts anmerken, als sie Bellas Erbrochenes aufwischt.
„Vielleicht finden wir auch dafür Verwendung!“ Der Dicke König präsentiert Bella das rote Notizbuch aus ihrer Schultasche. Er blättert mit seinen Wurstfingern voller goldener Ringe darin herum. Einzelne Blätter fallen auf den Boden. Bunte krude Kinderzeichnungen.
„ARSCHLOCH!“, brüllt Bella. „Gib mir das wieder!“
Felixs Hyänengrinsen genügt, um Bella zu besänftigen.
„»Böser Mann im Schrank«, »Mörder mit Spaghetti-Armen und Fleischermesser«, »milchig-grünes Gruselgespenst«, »Hirnbrutzel-Spielekonsole«, »Blauschimmel-Schmelzkäse-Monster«. Was soll der Mist?“
„GIB MIR DAS ZURÜCK!“, brüllt Bella. Ihre Stimme bricht aufgrund der Lautstärke.
„Ist es das, was ich denke? Hast du Albträume gesammelt?“
„GIB MIR DAS BUCH!“ Bellas Feuermal flammt auf. Die mit Bleistift, mit Kugelschreiber, mit Füller und verschiedenen Fineliner-Stiften geschriebenen Buchstaben in Bellas Notizbuch leuchten auf.
Der Dicke König schlägt das Buch zu und lässt es in einer Schublade seines Schreibtisches verschwinden.
„Du bist verdrehter als es den Anschein macht“, sagt er. „Das gefällt mir! Möglicherweise haben wir mehr gemein, als man auf den ersten Blick vermuten könnte!“
Der Dicke König hebt eines der Blätter auf, die auf den Boden gefallen sind. „Aber das ist nicht alles“, sagt er. Die Zeichnung zeigt ein kugeliges Schaf mit rosa Glitzerwolle. Sein Fell erinnert einen an Zuckerwatte. Am unteren Rand steht in Bellas Handschrift: »Zuckerschaf, Alexandra, 5 Jahre«.
„Bei Albträumen bist du nicht geblieben?“
„WIR HABEN NICHTS MITEINANDER GEMEIN!“ Cassandra, zu Bellas Füßen, schreckt auf. „IHR SEID EIN HAUFEN MONSTER!“
„Gut, dass wir uns da einig sind“, reagiert der Dicke König gefasst. „Ja, das sind wir! Oliver ist gerade auf dem Weg nach Berlin. Er holt deinen Vater ab. Wir behalten uns ihn als Druckmittel.“
„Woher wisst ihr…?“
„Felix hat in deinen Erinnerungen herumgestöbert, als du ohnmächtig gewesen bist. Er hat ein paar interessante Dinge über dich erfahren.“
Bella knurrt. Sie malt sich aus, wie sie dem Dicken König an die Gurgel geht. Wie sie ihm seinen Adamsapfel mit den Zähnen herausreißt.
„Mach es wahr!“
Der Dicke König schiebt Bella die Zeichnung des Zuckerschafs unter die Nase. „Ich muss wissen, ob du das noch kannst.“
„Das mache ich nicht!“, erwidert Bella. „Vergiss es!“ Bellas Bravado flaut allerdings ab.
„Denk an deinen Vater“, mahnt der Dicke König. „Oder sollen wir uns etwa auch deine Mutter vorknöpfen?“
»Mama könnt ihr nicht entführen«, schießt es Bella durch den Kopf. »Das würde im Zusammenhang mit meinem Verschwinden zu viele Fragen aufwerfen.«
„Also, was ist jetzt?“
„Habe ich eine Wahl?“, zischt Bella. Anselms Grinsen reicht als Antwort. Bella nimmt ihm die Zeichnung ab, schließt ihre Augen und konzentriert sich. Der Rest kommt ganz natürlich. Sie beherrscht diesen Trick schon seit frühster Kindheit.
Bellas Karamellfleck schillert in den buntesten Farben.
Vor ihr materialisiert sich ein kleines Schaf mit leuchtendem Glitzerfell. Der Buntstift, mit dem Alexandra das Bild gemalt hat, löst sich mit einem Zischen in Rauch auf. Das Lämmchen blökt.
„GROSSARTIG!“, brüllt Anselm Zahnlücke. „GENAU SO HABE ICH MIR DAS VORGESTELLT!“ Er spuckt Bella beim Sprechen ins Gesicht. „DU WIRST MIR GOLD, JUWELEN UND SCHÄTZE AUS DEN KÖPFEN DER KINDER HOLEN! DU WIRST MICH NOCH REICHER MACHEN!“ Anselm Zahnlücke lacht manisch. „Für’s erste wirst du für unseren Hort arbeiten. Als stinknormale Erzieherin. Das sollte dir nicht allzu fremd sein. Siehst du etwas in den Köpfen der Bälger, das sich zu Geld machen lässt, dann besorgst du es mir! Verstanden?“
„Dafür habt ihr mich hergeholt?“ Bellas verzweifelter Blick findet die ungewöhnlichen Augen der zierlichen Frau. Cassandra sieht weg.
„Wir werden Mittel und Wege finden, um dein Talent voll auszureizen. Keine Sorge! Aber jetzt mach es dir erst einmal in deinem neuen Zuhause gemütlich. Du wirst noch viel Zeit hier verbringen.“
Bella versucht erneut, aufzustehen. Bevor es ihr gelingt, die Balance zu finden, wird sie von kräftigen Pranken gepackt und in die Tiefen ihres Bewusstseins geschubst.
„Und als Magnus, der kleine Zauberer, die verbotene Tür im Haus seines Großvaters öffnete, konnte er seinen Augen nicht trauen. Bis zur Decke stapelten sich die Goldteller und das Silbergeschirr. Reich befüllte Schatzkisten voller Schmuck und glitzernder Juwelen standen in allen Ecken des Raumes. Hunderte – wenn nicht sogar tausende – Perlenketten und Goldmünzen bedeckten den Boden, so dass es Magnus es schwer hatte, sich im geheimen Zimmer seines Großvaters zu bewegen.
Magnus hatte eine wahre Schatzkammer entdeckt! Der kleine Zauberer spielte mit dem Gedanken, sofort die Treppe hinunterzustürmen und seinem Opa von seiner Entdeckung zu berichten, doch da…“
Bella bemerkt, dass ihr Ärmel feucht ist.
Der Junge in ihrem Arm grunzt und windet sich. Er atmet sanft und gleichmäßig. Sein Mund steht weit offen.
»Als könnte er kein Wässerchen trüben«, denkt Bella.
Bella legt das Kinderbuch, aus dem sie Theodor vorgelesen hat, vorsichtig auf den Schemel neben sich. Es rutscht und klatscht mit einem lauten Knall auf den Boden.
Theodor fährt benommen hoch, schläft danach aber ungestört weiter. Bella trägt den Jungen auf das Sofa in der Kuschelecke und legt ihn behutsam ab. Anschließend wäscht sie sich am Waschbecken auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes den Ärmel aus. Zum Schluss rubbelt sie das Porzellan mit dem Handtuch trocken.
Seit Bellas Entführung sind genau 100 Tage vergangen. Das Mitzählen hatte ihr Mühe bereitet, dennoch ist sie sich sicher, dass es Anfang September ist. Beginn des neuen Schuljahres. Knapp eine Woche nach ihrer Ankunft hatte Felix Bella einen Zeitungsausschnitt präsentiert, der sich mit dem mysteriösen Verschwinden einer Grundschullehrerin befasste. Ihr brennender Wagen war nicht weit von der A9 nahe Leipzig gefunden worden. Laut Polizei sei von einem gewaltsamen Verbrechen auszugehen. Gedanken, wie die Außenwelt auf ihr Verschwinden reagiert haben könnte, macht sich Bella aus Selbstschutz nicht. Ihr war schon nach wenigen Stunden in Gefangenschaft klar geworden, dass sie nichts davon hat, in Selbstmitleid zu versinken, sondern dass sie aktiv etwas unternehmen muss. Sprich: sich ein Ziel zu setzen. Das Ziel, dem Dicken König und seinen Schergen zu entkommen.
Der Sommer hat Bella mürbe gemacht. In ihrer Eingewöhnungszeit durfte sie nur zwei Stunden täglich ihre Zelle verlassen, um zu arbeiten. Den Rest des Tages hatte sie in ihrer Kammer verbracht und den gedämpften Geräuschen des Betriebs um sich herum gelauscht. Da hat es nicht geholfen, dass die Temperatur mitunter Spitzenwerte von gefühlt 40°C erreichen konnte. Bella hat – bis auf Slip und BH entblößt – die meiste Zeit geschlafen. Schlaf, der ihr jetzt fehlt.
Die Fliegen, die ihren Fäkalieneimer umschwirrten, haben sich als ernsthaftes Problem entpuppt. Wie sie ihren Weg in Bellas fensterlose Zelle gefunden haben, ist Bella noch immer ein Rätsel. Die stehende Hitze hat dazu beigetragen, dass sie sich explosiv vermehrt haben. Tagsüber haben sie sich von Bellas Exkrementen ernährt, nachts dann von ihrem kalten Schweiß und dem nassen Film ihrer Augen. Eines Morgens hatte sie ihren Frühstücksteller benutzt, um den Eimer abzudecken, nur um am nächsten Tag ihr Frühstück auf demselben Teller serviert zu bekommen. Seither hat Bella sich dazu gezwungen, die Fliegen weitgehend auszublenden. Vor zwei Wochen hat sich ihre Zahl dann deutlich reduziert. Die Zeit, die Bella außerhalb ihres Zimmers verbringt, hat zugenommen.
»Ich komme hier raus!«, denkt sie und schickt Hitze in all ihre Glieder. Bella holt aus ihrem neuen Pult ein schwarzes Buch heraus. Ein gespitzter Bleistift – Stärke HB – liegt akkurat daneben. Das Buch ist ein billiges Ding, keines wie das ihre aus Italien. Das Rote aus handgeschnittenem Leder. Bellas Mutter hatte es ihr zum abgeschlossenen Studium geschenkt.
Bella setzt sich mit dem offenen Buch und Bleistift neben den schlafenden Jungen. Seine Augen hinter den halbgeschlossenen Lidern rollen. Gedankenverloren fährt Bella die Rillen im Papier nach. Gelöschte Worte. Die letzten Spuren der Gegenstände, die Bella hat real werden lassen.
In der einen Hand hält Bella den Bleistift, mit der anderen streichelt sie Theodor sanft über die Stirn. Bella schließt die Augen und visualisiert, wie ihre Finger durch den Schädel des Buben sickern. Ihr Feuermal schillert hell. Sein Licht ist für Kinderaugen unsichtbar.
Bella dringt in den Traum des Jungen ein. Sieht sich plötzlich neben ihm stehen. Theodor trägt einen verschlissenen Mantel aus dunkelrotem Samt und einen grünen Zylinder. Er schleicht den schmalen Gang eines alten Herrenhauses entlang. Die Wände und Türen sind windschief, der Parkettboden vollkommen verzogen.
»Albtraumhaft«, urteilt Bella.
Theodor bewegt sich auf Zehenspitzen. Trotz der Mühe, die er sich gibt, quietschen die alten Holzdielen bei jedem Schritt. Bella tätschelt sich das Gesicht und folgt Theodor in das geheime Zimmer von Zauberer Magnus‘ Großvater. Da sie einen halben Meter über dem Boden schwebt, bewegt sie sich geräuschlos. Theodor kann Bella nicht sehen.
Bella assoziiert ihre Umgebung mit einem Erlebnis aus ihrer Kindheit.
Bella hatte auf dem Bauernhof ihrer Großmutter Milch aus dem Keller geholt – eine mit Findlingen gemauerte Grube im Fundament des Hauses. Den Geruch im Gewölbe des aus den Anfängen des 20. Jahrhunderts stammendem Gebäude verbindet Bella mit einem Aroma nach Moder, Nässe und Schimmel.
Auf dem Weg hinauf – über morsche Holztreppen. Bella hatte die beiden Glasflaschen mit frischer Milch unter ihrer Achsel. – hatte eine ausgewachsene Ratte ihren Weg gekreuzt.
Bella hatte die Milchflaschen vor Schreck fallen gelassen und war Hals über Kopf nach oben gerannt. In Sicherheit. Selena – sie hatte mit Bella nicht geschimpft – hatte ihren Knöchel untersucht und war mit ihr noch am selben Tag zum Arzt gefahren, um einen Rattenbiss auszuschließen.
»Mit der Pest habe ich mich nicht infiziert. Dafür mit einer lebenslangen Abscheu vor Ratten und dunklen engen Räumen.«
Theodor schleicht ungestört den schmalen Gang entlang. Er scheint gar nicht aufzuhören.
„Mist, verdammt!“, dämmert es Bella. „Er ist eingeschlafen, bevor ich ihm vorgelesen habe, wie Magnus die Tür zum geheimen Zimmer seines Großvaters öffnet.“
Theodor fährt zusammen. Er dreht sich zu Bella um, die wie vom Donner gerührt stehen bleibt. »Scheiße, scheiße, scheiße, hat er mich etwa gehört?«
„Hokus Krokus!“, brüllt Theodor aus voller Kehle. Aus dem Zauberstab in seiner Hand schießt ein lila Blitz. Der Blitz jagt auf Bella zu, und fliegt durch sie hindurch.
„Volltreffer!“, jubelt Theodor. Auf den Boden gleitet eine züngelnde Flamme: die brennenden Überreste einer zehnbeinigen schwarzen Tarantel. Theodors Augen glänzen vor Stolz, Bella schaudert.
»Kinder können die grausamsten Dinge tun, ohne mit der Wimper zu zucken.«
Dann ein Rucken, wie ein Erdbeben, das nur Bella spürt. Zum Ekeln bleibt Bella keine Zeit, denn das Fenster in den Traum des Jungen schließt sich bereits.
»Ich darf nicht mit leeren Händen zurückkehren! NICHT SCHON WIEDER!«
Bella schnappt nach dem Erstbesten, das Theodors Fantasie ihr bietet: den Zauberstab in der Hand des kleinen Jungen.
Auf die Berührung reagiert Theodor mit einem natürlichen Reflex. Er vertreibt den Eindringling ohne große Anstrengung, dafür aber mit der Gewalt eines entgleisenden Güterzugs, aus seinem Kopf.
Bella öffnet die Augen und ist zurück in den Räumlichkeiten der Königsbrauerei. Ihr Herz poltert.
„Der Kleine ist ganz schön kräftig“, jammert Bella und schüttelt sich die Hand aus, die Zauberer Magnus‘ Zauberstab umklammert. Der Stab könnte als gewöhnliches, etwa 15 Zentimeter großes Stöckchen durchgehen, wären da nicht die Funken aus Licht, die sein Holz durchziehen. Die Worte, die Bella völlig unbewusst aufgeschrieben hat, verblassen bereits.
»Zauberer Magnus‘ Zauberstab« verschwindet Buchstabe für Buchstabe mit einem Zischen.
Ungeachtet des Eingriffs in seine intimsten Gedanken döst Theodor weiter.
