Feuerrot - Nina Blazon - E-Book

Feuerrot E-Book

Nina Blazon

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Beschreibung

Ein mysteriöser Gast kommt ins Haus des Ravensburger Kaufmannes Humpis. Schon am ersten Tag flirtet Lucio mit der schönen Magd Magdalene. Doch er ist ihr nicht geheuer, in seinen Bernsteinaugen lodert ein gefährliches Feuer. Ihre Ahnung soll sie nicht täuschen: Als sie nicht auf Lucios Verführungskünste hereinfällt, nennt er sie eine Hexe. In Zeiten der Inquisition kommt dies einem Todesurteil gleich ...

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Als Ravensburger E-Book erschienen 2016Die Print-Ausgabe erscheint in der Ravensburger Verlag GmbH© 2016 Ravensburger Verlag GmbHUmschlaggestaltung: *zeichenpool unter Verwendung eines Fotos von shutterstockLektorat: Iris PraëlAlle Rechte dieses E-Books vorbehalten durch Ravensburger Verlag GmbH, Postfach 2460, D-88194 Ravensburg.ISBN978-3-473-47728-9www.ravensburger.de

Teufelswetter

Von Blitz, Hagel und Sturm erlöse uns, Herr Jesus Christus. Erweise uns Deine Huld, oh Herr, und schenke uns Dein Heil. Herr, erhöre mein Gebet und mein Flehen um Hilfe.

WETTERGEBETDERKATHOLISCHENKIRCHE

Schon den ganzen Tag über drückte sich das Gesinde besorgt an den Fenstern herum. Madda beobachtete, wie die Köchin sich beim Blick in den graugelben Gewitterhimmel jetzt schon zum zehnten Mal bekreuzigte, wieder zum Herdfeuer zurückschlich und zur Sicherheit auch noch in die Glut spuckte, bevor sie ihr Bittgebet vor sich hin murmelte. Aber nicht nur die alte Gret betete darum, dass die Stadt vor einem neuen Sturm verschont bleiben solle. Schon seit Wochen spielte das Herbstwetter verrückt. In den vergangenen Tagen hatte Nebel über Ravensburg gelegen, so dicht, dass man kaum seine Füße sah. Und noch weniger konnte man erkennen, wer einem in den Straßen und Gassen entgegenkam.

An manchen dieser Nebeltage hatte Madda sich mit einem Frösteln vorgestellt, dass die Geister Verstorbener die Stadt heimsuchten: verlorene Seelen, die eine Zeit lang das Fegefeuer verlassen durften, um die Lebenden zu ermahnen, nicht zu sündigen. Zwar war der seltsame Nebel über Nacht verschwunden, doch was sich nun über den Türmen Ravensburgs zusammenballte, war kaum weniger schlimm: Fratzen schälten sich aus den Wolken, die Sonnenscheibe zeichnete sich hinter der dunkelgrauen Wand nur noch als verschwommener Fleck ab.

Selbst mitten am Tag war es im Heim der Kaufmannsfamilie Humpis düster. Auch die Küche schien dunkler als sonst und das Haus ungewöhnlich ruhig. Der alte Hausherr, Onofrius Humpis, war ins Handelskontor gegangen. Seine Frau Barbara dagegen hatte sich seit dem Besuch des Arztes zurückgezogen und betete. Viel Ruhe schien sie dabei allerdings nicht zu finden. Die gespenstische Stille vor dem Sturm ließ jedes Geräusch im Haus, jedes Knarren der Dielen überlaut wirken. Vorhin, als Madda im herrschaftlichen Teil des Hauses Holz nachgelegt hatte, hatte sie die strenge Hausherrin rastlos hin und her wandern hören. Dabei sollte sie sich doch ausruhen und wieder zu Kräften kommen, dachte Madda bei sich.

„Sogar das Feuer duckt sich!“ Gret nahm den metallenen Haken, mit dem sie gewöhnlich den Suppenkessel über dem Feuer zu sich heranzog, und stocherte missmutig in der Glut herum. Im Lichtschein wirkten die Falten in ihrem Gesicht doppelt so tief. „Und du willst wirklich in die Unterstadt, Madda? Also mich würden bei diesem Teufelswetter heute keine zehn Pferde vor die Tür bringen.“

„Sprich nicht so, das hört die Herrin nicht gern“, gab Madda zurück. „Es wird schon genug getratscht in der Stadt.“

„Ist es ein Wunder?“, knurrte Gret. „Diese dauernden Unwetter und der Nebel, kein richtiger Sommer, halb verfaulte Ernten – wer soll denn noch glauben, dass das alles mit rechten Dingen zugeht? Wir haben ja noch Glück. Wir sitzen hier bei den Herrschaften wie die Maden im Speck, aber draußen verhungern die Bauern. Und schlimm trifft es auch die Tagelöhner, die keine Arbeit mehr bekommen, weil es nichts zu ernten gibt. Sieh dir den Himmel an! Wenn du Pech hast, bricht wieder so ein fürchterlicher Sturm los und erwischt dich mitten auf dem Weg.“

„Ich glaube, das Wetter zieht vorbei. Und wenn nicht, muss ich schneller sein als Blitz und Regen. Ich muss unbedingt zu meinen Leuten.“

Und ich verzichte ganz bestimmt nicht auf meinen freien Nachmittag, fügte sie in Gedanken hinzu. Diese Stunden waren ein unverhofftes Geschenk. Um nichts in der Welt würde sie es sich nehmen lassen, ihre Schwestern und ihren Vater zu besuchen. Sie durfte nicht länger warten. Ob es schon zu spät ist? Sofort flatterte wieder die Angst in ihr hoch.Plötzlich konnte sie ihr Haar, das sich aus dem Zopf gelöst hatte, nicht schnell genug zusammenbinden.

„Glaubst du etwa, dass du dem Blitz entkommen kannst? Für wen hältst du dich?“, wetterte Gret. „Hüte deine hochmütige Zunge. Sonst erschlägt dich noch der Hagel mitten auf der Straße wie den lahmen Hans. Weißt du nicht mehr, wie der arme Kerl aussah, als sie ihn mit dem Schinderkarren aufgesammelt hatten? Die Nase hat ihm das Unwetter zerschmettert und jeden Zahn, den er noch im Mund hatte.“

„Der Sturm hat einen Ast von der Linde gerissen. Der hat ihn erschlagen, nicht der Hagel, Gret. Und die Nase hat ihm der Kerl aus dem Wirtshaus gebrochen, weil Hans ihn um Geld geprellt hat. Wäre der alte Betrüger nicht so betrunken gewesen, wäre er nach der Schlägerei auch nicht schnarchend auf der Gasse liegen geblieben. Dann hätte er sich vor dem Hagel ins Spital retten können.“

Gret war alt, aber immer noch flink. Als sie herumfuhr und mit dem Holzlöffel nach Madda schnippte, konnte diese gerade noch ausweichen. „Ich sag’s dir, irgendwann wird dir jemand für dein freches Maul Saures geben, Magdalene“, schimpfte die Köchin.

Madda brachte sich lachend neben dem Regal mit den Gewürztiegeln in Sicherheit. „Ich sage doch nur die Wahrheit. Jeder weiß, dass Hans an diesem Tag alles, was er erbettelt hatte, zu Schnaps gemacht hat. Und als er kein Geld mehr hatte, wollte er die Leute im Wirtshaus mit seinen gezinkten Karten übers Ohr hauen. Dabei ist er halt an die Falschen geraten.“

„Was man weiß und was man sagt, sind aber zwei unterschiedliche Dinge“, grummelte Gret und wandte sich wieder dem Feuer zu. „Und über die Toten sagt man nichts Schlechtes.“ Sie seufzte tief und rührte die Fischsuppe um, die im Kupferkessel vor sich hin simmerte. „Schau dir das an! Was für eine Verschwendung. Die jungen Hausleute haben so viel Appetit wie Spatzen. Beno isst fast nur Brot und Elisabeth scheint vergessen zu haben, dass ein Mädchen auf Bräutigamsuche kein dürrer Stecken sein darf.“ Sie schüttelte verständnislos den Kopf. „Die Herrin Barbara soll laut dem Herrn Medicus keinen Fisch mehr essen und ihr Gemahl schließt sich diesem unsinnigen Fastengebot gleich an. Aber wer sagt es der Köchin, bevor sie den Kessel aufsetzt? Niemand!“

„Du weißt doch, was gestern und heute im Haus los war.“

Gret machte ein bekümmertes Gesicht und schlug wieder ein Kreuz. „Das brauchst du mir nicht zu sagen. Gott erbarme sich der armen Seele.“

Auch Madda wurde es schwer ums Herz, wenn sie an ihre arme Hausherrin dachte, die seit zwei Tagen blass und mit versteinertem Gesicht wie ein Geist durchs Haus schlich. Seltsam, dass gerade das schreckliche Unglück Madda einen freien Nachmittag beschert hatte. Deshalb hatte sie sich vorgenommen, für die Herrin zu beten. Aber erst muss ich nach Hause, dachte sie und holte den kleinen Weidenkorb.

„Ich sage dir eins“, fuhr Gret betont barsch fort. „Dieser ach so studierte Medicus mag ja Ahnung davon haben, wie man Armbeugen für den Aderlass aufsticht, aber aus meiner Küche soll er sich raushalten. Was ist das für ein Unsinn, der Frau Barbara sogar Räucheraal zu verbieten? Jeder Idiot weiß doch, dass Aalfett Fieber und Schwäche aus dem Körper zieht. Ich habe es ihr gesagt, aber sie zuckte nur mit den Schultern und sagte, sie schenke mir den Aal. Solle er mir Gesundheit geben. ‚Wird Euch nur nichts nützen, Herrin‘, hab ich geantwortet. ‚Ihr müsst gesund werden, nicht ich. Bei der alten Gret zwackt nur das Knie – und manchmal das Gewissen.‘ Da hat sie wenigstens gelächelt. Doch dann hat sie sich gleich wieder zu ihrem Gebetbuch zurückgeschleppt, statt sich ins Bett zu legen. Aber auch die Mutter eines toten Kindes ist eine Wöchnerin, sag ich da nur. Doch auf mich hört ja keiner.“

Sie rührte die Suppe so heftig, dass Brühe über den Rand schwappte und fettige Tropfen auf dem heißen Kupfer zischten. Es duftete verführerisch nach Kerbel und Lorbeer.

„Mach dir keine Sorgen um das Essen“, sagte Madda tröstend. „In diesem Haus ist noch nie etwas verkommen. Vielleicht bringt Herr Onofrius ja Geschäftspartner zum Abendessen mit. Oder der Handelszug aus Italien kommt heute an. Dann wird ein Kessel Suppe allerdings kaum reichen.“

Sie legte sich das Wolltuch um die Schultern und packte sorgfältig ihre Äpfel in den Korb. Sie freute sich schon darauf, sie ihren Geschwistern zu geben. In Zeiten wie diesen waren Äpfel für jemanden wie sie eine Kostbarkeit, selbst wenn die Früchte schon seit Wochen im Keller lagerten und runzlig geworden waren. Seit dem verheerendsten Hagelsturm seit Menschengedenken gab es nur noch wenig zu ernten, der Sturm hatte das Schussental auf Jahre hin verwüstet. Obstbäume und Weinstöcke waren von faustgroßen Hagelkörnern entlaubt worden. Seitdem wuchs kaum noch ein Apfel am Baum und keine Rebe am Stock. Und ja, natürlich fürchtete auch Madda ein neues Unwetter. Aber sie musste nur an ein kleines, blasses Gesicht denken und eine viel stärkere Angst flammte in ihr auf. Was, wenn ich zu spät komme?

„Ich bin vor Sonnenuntergang wieder da“, sagte sie und wollte schon gehen, aber Gret rief sie barsch zurück.

„Warte gefälligst!“ Sie legte den Kochlöffel beiseite und wischte sich die Hände an der Schürze ab. Dann ging sie ächzend und behäbig zu dem Eichentisch, auf dem noch das Messer lag, mit dem sie den frischen Fisch zerteilt hatte. Fischschuppen glänzten wie Silberstücke am Messergriff. Gret zog ein Tuch von einer Holzschüssel. Das Aroma von Räucherfisch ließ Madda das Wasser im Mund zusammenlaufen. Ein vertrocknetes, schwarzes Fischgesicht starrte sie an. Das Maul des Aals war weit aufgerissen, als würde er sich gegen die Menschenhände wehren, die ihn jetzt in das Tuch wickelten.

„Da, nimm du ihn“, sagte Gret und steckte den kleinen Aal kurzerhand zu den Äpfeln in Maddas Korb.

„Du schenkst mir den ganzen Fisch?“, rief Madda fassungslos.

„Nicht dir, du Gierschlund. Der ist für eure Kranke. Damit sie bald wieder auf den Beinen ist.“

Jetzt musste Madda schwer schlucken. Nicht nur, weil das Geschenk der Köchin so großzügig war. Sondern vor allem, weil die Alte über Marie so sprach, als könnte sie tatsächlich wieder gesund werden.

„Danke, Gret!“, sagte Madda aus vollem Herzen. „Du bist wirklich eine gute Seele!“ Die Köchin winkte unwillig ab. „Ja, ja“, knurrte sie in ihrer barschen Art. „Verschwinde schon, bevor die Herrin es sich anders überlegt und dich zum Arbeiten zurückruft. Verdient hättest du es ja, du Wechselbalg. Und lass dich unterwegs nicht von den Burschen ansprechen!“

Die Marktstraße wirkte heute wie ausgestorben. Die wenigen Menschen, die unterwegs waren, hatten es eilig. Offenbar traute niemand diesem Himmel. In der Ferne quietschte ein Wirtshausschild, das zu lose aufgehängt war, an seinen Ketten. Der Wind spielte sogar mit dem Armesünderglöckchen, das in dem kleinen Erker am Stadtturm hing, der Wachturm und oberes Stadttor zugleich war. Dieses leise, unregelmäßige Klingeln war besonders unheimlich. Normalerweise schlug die helle Glocke am Obertor nur, wenn ein Verurteilter zu seiner Hinrichtung geführt wurde. Madda schaute besorgt in den Oktoberhimmel. Wolken jagten über den Dächern dahin.

Sie rannte bergab über das bucklige Pflaster. In diesem Teil der feinen Oberstadt, wo die Patrizier und reichen Bürger lebten, türmte sich der Unrat nicht bis unter die Fenster. Regen wusch den Dreck regelmäßig stadtabwärts und viele der Katzenkopfsteine waren von den Sohlen teurer Schuhe blank gescheuert – und an einigen Stellen rutschig. In der Nähe des Wirtshauses wäre Madda fast auf ein paar verfaulten Kohlblättern ausgerutscht, die wohl noch vom Markt dort lagen. Im letzten Moment fing sie sich – und schnappte nach Luft, als ihr wie aus dem Nichts ein scharfer Windstoß ins Gesicht fegte. Er war erstaunlich kalt und riss ihr das Tuch von einer Schulter. Sie drückte sich in den Schutz eines Türstocks und wartete mit klopfendem Herzen auf Blitz und Donner. Aber sie hörte nur das Echo von Hufschlag und das Quieken eines mageren Schweins, das ein Mann mit dem Stock die Straße entlangtrieb. Keine Spur von Regen. Und Wind allein macht noch keinen Sturm. Dennoch war Madda mulmig zumute. Zurückgehen? Nein, sie war schon beim Rathaus, und von dort war es nur noch ein Katzensprung bis zur Unterstadt.

Ein Rumpeln und Klappern näherte sich. Gerade bog ein älterer Mönch aus einer Seitengasse in die Straße ein. Am Strick führte er einen angeschirrten Esel. Sein Karren polterte über das Kopfsteinpflaster und die Reisetruhe darauf ruckelte hin und her. Der hagere Mönch gehörte dem Dominikanerorden an, das zeigte seine weiße Kutte, die im Wind unter dem offenen schwarzen Reisemantel hervorblitzte. Offenbar hatte der Mann einen langen Weg hinter sich, der Saum seiner Kleidung war von Schlamm verschmutzt, und er stützte sich auf einen Wanderstock. Sein Anblick ließ den Sturm für Madda in weite Ferne rücken. Der Alte hob seine Augen nämlich nicht ängstlich zum Himmel, und er trieb auch den Esel nicht zur Eile an, sondern schritt in aller Ruhe bergauf in Richtung Obertor. Als er Madda entdeckte und sie ihm ein höfliches „Gott zum Gruß“ zurief, nickte er bedächtig und ging weiter, als gäbe es keinen Sturm zu fürchten. Das war beruhigend.

Madda sprang auf die Straße und rannte gegen die nächste Bö an, die aus einer Seitenstraße heranfegte. Ein Schatten ließ sie zurückzucken, etwas Riesiges, Dunkles sprang sie an. Dann wurde sie von einem Schlag gegen die Schulter zur Seite geschleudert. Drahtiges Haar streifte ihren Mund, der Geruch von Pferdeschweiß fing sich stechend in ihrer Nase. Noch im Sturz nahm sie wahr, wie der Korb ihr vom Arm rutschte. Äpfel tanzten davon – und im letzten Moment wich sie einem Huf aus, der um ein Haar ihre Hand am Boden festgenagelt hätte. „He!“, brüllte sie. „Pass doch auf!“ Mit einem Satz war sie auf den Beinen und brachte sich in Sicherheit. Der Reiter, dem sie in den Weg gelaufen war, hatte alle Hände voll damit zu tun, sein Pferd zu bändigen. Es scheute vor Madda und warf den Kopf hoch, als wollte es auf die Hinterbeine steigen. Doch schließlich kam es zum Stehen, zitternd wie von einem langen Lauf, mit dampfendem, schweißbedecktem Fell. Es war ein Rotfuchs von einer Rasse, die Madda noch nie gesehen hatte: riesengroß, mit einem gebogenen Schwanenhals, einem zierlichen Kopf und dichtem Behang an Kinn und Fesseln. Und der Reiter war eindeutig ein junger Patrizier. Schon sein langer Mantel deutete darauf hin. Es war eine Schaube, deren breiter Pelzkragen dem Mann bis über die Schultern fiel. Eine teure Silberspange hielt den Mantel zusammen. Außerdem trug der Fremde fein gearbeitete Handschuhe aus gelb gefärbtem Leder.

„Madonna mia!“, rief er und lachte. „Che brutto tempo, ha?“

Madda zitterte immer noch vor Schreck. Sie verstand zwar kein Wort, aber sie erkannte die Sprache der italienischen Geschäftspartner, die im Sommer im Haus Humpis zu Gast gewesen waren. Ich habe sein Pferd aufgescheucht und ihn auch noch angeschrien. Und als ob das nicht schon schlimm genug gewesen wäre, war das Schwein seinem Treiber ausgebüxt und machte sich mit einem gierigen Grunzen über die verirrten Äpfel her. Natürlich konnte sie jetzt unmöglich losrennen und die Äpfel retten – zumal ihr das Pferd den Weg versperrte.

„Verzeiht, Herr, ich wollte Euer Pferd nicht erschrecken“, brachte sie hervor und machte einen hastigen, zittrigen Knicks. Dabei hob sie verstohlen den Aal auf, der ebenfalls auf die Straße gefallen war.

Der Mann sprang vom Pferd. Bisher hatte sie sein Gesicht nur als Schattenriss gegen den gleißenden Himmel wahrgenommen. Jetzt war Madda überrascht, wie jung er war – vielleicht zwei oder drei Jahre älter als sie, höchstens zwanzig. Ein junger Patrizier mit blonden Locken, die unter einer gelben Kappe hervorquollen und ihm bis über die Schultern fielen. Er sah auffallend gut aus, hatte dichte, geschwungene Brauen und einen Mund, den ihre Schwestern sicher als Engelsmund bezeichnet hätten.

Sein Pferd zog am Zügel, aber diesmal brachte er es mit einem entschiedenen Ruck zur Ruhe. Er musterte sie unverschämt direkt. Sein Blick verharrte entschieden zu lange auf der Höhe ihres Busens. Sie wollte sich besser bedecken, doch erst jetzt bemerkte sie, dass der Knoten aufgegangen und ihr das Tuch von den Schultern gerutscht war. Das zu hastig gebundene Haar hatte sich gelöst, die langen dunkelbraunen Strähnen flatterten im Wind und entblößten ihren Hals. Und prompt grinste der feine Herr und hob vielsagend eine Augenbraue. Madda schoss vor Ärger und Scham das Blut in die Wangen.

Hastig hangelte sie nach dem Tuch, von dem ein Ende bereits im Straßendreck hing, und raffte eilig mit einer Hand ihre Haare zu einem Nackenknoten, den sie unter das Tuch stopfte. Aber nun wirbelte der Wind ihren Rock hoch und entblößte die Beine bis zu den Knien.

„Schau an, eine Windsbraut!“ Jemand pfiff, Lachen ertönte hinter ihr. Madda blickte über die Schulter. Offenbar waren nicht nur zwei junge Männer, die gerade aus dem Gasthaus gekommen waren, stehen geblieben. In den Nachbarhäusern hatten sich auch die Fenster geöffnet. Gaffer steckten die Köpfe heraus. So ein Schauspiel ließ sich natürlich keiner entgehen: ein ausländischer Edelmann, ein scheuendes Pferd, ein Schwein, das Äpfeln nachjagte – und ein Mädchen, das versuchte, Tuch und Rock im Wind zu bändigen. Zu allem Überfluss war auch der Mönch auf der anderen Straßenseite stehen geblieben und beobachtete mit strenger Miene das Geschehen.

„Hört ihr wohl auf, anständigen Mädchen unter den Rock zu glotzen!“ Liese, die Frau des Apothekers, steckte ihren Kopf noch weiter aus dem Fenster im ersten Stock und fuchtelte mit einem Besenstiel nach den beiden feixenden Wirthausbrüdern, die direkt hinter Madda standen. „Helft ihr lieber, die Äpfel aufzusammeln, ihr Maulaffen!“

„Das macht schon ein anderer“, erwiderte einer der Kerle und deutete grinsend auf das Schwein, das gerade mit wippenden Ohren zum nächsten Apfel trabte.

„Halt dein Schwein von meinen Äpfeln weg!“, fuhr Madda den Treiber an.

Aber der spuckte nur aus. „Dann schmeiß sie meiner Sau nicht vors Maul.“

„Dein diebisches Vieh soll sich den Magen daran verrenken“, stieß Madda verärgert hervor. Der Mann schnaubte, aber er machte nun wenigstens einen halbherzigen Versuch, sein Tier wieder einzufangen.

„Ja, leg dich nicht mit einer wilden Stute an, wenn du keine Sporen trägst, Tölpel!“, rief einer der zwei Kerle hämisch dem Treiber zu. Sein Kamerad lachte, als wäre er betrunken. Liese schimpfte los, dass sie sich trollen sollten, der Treiber ließ den Spruch des Großmauls auch nicht auf sich sitzen, brüllte und fuchtelte mit seinem Stock. Nur der Ausländer kümmerte sich keinen Deut um den Tumult, er musterte Madda von Kopf bis Fuß.

„Sei una Eva, hm?“, sagte er.

„Ich … verstehe nicht, Herr.“

Die Augen der Schaulustigen wurden noch größer, als der Italiener sich bückte, als wollte er tatsächlich Maddas Korb aufheben, der neben dem Vorderhuf seines Pferdes lag. Aber er nahm nur den einzigen Apfel, der noch im Korb lag, heraus, und richtete sich wieder auf. Madda musste zähneknirschend mit ansehen, wie er genüsslich ein Stück von der Frucht abbiss.

„Ich sagte: Du bist eine Eva“, wiederholte nun der Fremde. Er betonte die Wörter seltsam falsch, aber immerhin hatte er das Deutsche so gut gelernt, dass man ihn verstand. Mit dem angebissenen Apfel deutete er auf den Aal, den sie in ihrer Armbeuge barg. Das Einschlagtuch war verrutscht, der Kopf des Fisches ragte hervor, und das weit aufgesperrte Maul schien den Italiener anzufauchen. „Das ist die Schlange“, erklärte der Fremde. „Und in meiner Hand halte ich la mela di Eva – den Apfel der Eva. Aber wenn sie so schön war wie du, dann lasse ich mich heute gerne wie Adam in Versuchung führen.“

Madda biss die Zähne zusammen. Kannte er keinen Anstand? Wenn er irgendein dahergelaufener Kerl gewesen wäre, dann hätte sie ihm jetzt mit aller Schärfe die Meinung gesagt. Aber einen Patrizier zurechtweisen? Dennoch konnte sie sich eine Antwort nicht ganz verkneifen. „Dieser Apfel stammt nicht aus dem Paradiesgarten“, erwiderte sie höflich, aber bestimmt. „Sondern aus dem Obstgarten eines Bauern am See. Und diese Schlange hat Fischgräten und hätte Adam und Eva wohl höchstens dazu verführen können, die Brunnenkresse zu kosten, edler Herr.“

Der Fremde hob überrascht die Augenbrauen. Er musste wohl erst einmal Maddas Ravensburgerisch für sich übersetzen – dann lachte er. Aber seine Augen wurden schmal und er musterte sie noch eindringlicher als zuvor. Vielleicht lag es an dem kühlen Wind, aber Madda fröstelte vor Unbehagen. Die Augen dieses Fremden waren hellbraun, fast golden. Doch in dem schwefelfarbenen Wolkenlicht wirkten sie gelb.

In aller Ruhe nahm er noch einen Bissen von dem Apfel – und schob dann den Rest seinem Pferd ins Maul. Maddas Hand krampfte sich noch fester um ihr Tuch. Meine guten Äpfel!

Der Ausländer blickte zu Liese hoch. „Wo lebt Onofrius Humpis?“

Arme schwenkten aus den Fenstern, alle Zeigefinger deuteten bergauf in Richtung Obertor. Jetzt fand sich für Madda endgültig alles zu einem Bild. Er ist ein Gast von Herrn Onofrius! Der Handelszug aus Genua ist also angekommen. Dieser Mann gehörte dazu, sicher war er einer der italienischen Geschäftspartner ihres Dienstherrn. Aber warum ist er ohne Eskorte unterwegs?

„Folgt einfach der Jungfer Madda, Herr“, rief Liese. „Sie bringt Euch hin. Sie gehört dort zum Gesinde.“

Der Gast dankte mit einem Nicken und wollte wieder aufsitzen. Doch sein Pferd begann zu tänzeln und zur Seite auszuweichen. Madda rettete ihren Weidenkorb, bevor er zertrampelt werden konnte. Dann brachte sie sich ein paar Schritte weiter in Sicherheit.

Offenbar war die Vorstellung damit vorbei. Fenster klappten zu, der Schweinetreiber machte seinem Tier mit Stockhieben und Zungenschnalzen Beine. Nur der Dominikanermönch auf der anderen Straßenseite rührte sich nicht. Für den Italiener hatte er keine Augen, nur für Madda. Sie zuckte zusammen, so streng und finster war die Miene des Mönchs. Er hatte graue, ungewöhnlich buschige Augenbrauen und eine tiefe Zornesfalte auf der Stirn. Sein Mund war zusammengekniffen, eine Grimasse des Misstrauens. Was habe ich getan?, dachte Madda verwundert. Sie blickte an sich herab und konnte nichts Ungehöriges entdecken.

„Worauf wartest du denn, Mädchen?“, rief Liese. „Mach, dass du nach Hause kommst!“

Madda schluckte. Genau da wollte ich ja hin. Nach Hause. Aber es half nichts. Der Italiener hangelte schon mit einem Fuß nach dem Steigbügel. Die freien Stunden waren verwirkt. Und ausländische Gäste mit ihren fremden Gewohnheiten und Sonderwünschen bedeuteten stets besonders viel Arbeit.

Madda versuchte die Tränen zu unterdrücken. Das fehlte noch, dass dieser eingebildete Herr sie heulen sah! Sie bettete den Aal in den Korb und rettete rasch noch ein paar Äpfel. Viele waren es nicht, die Schaulustigen hatten wohl auch einige Früchte eingesteckt. Eine Frucht war auf der anderen Straßenseite zum Liegen gekommen – genau vor dem Eselskarren. Der Esel hatte den Leckerbissen natürlich entdeckt und machte schon einen langen Hals. Aber Madda zögerte, zu dem Mönch hinüberzugehen, so feindselig starrte er sie an. Dann fiel sein Blick auf den Apfel. Er hätte ihn aufheben können, aber Madda sah voller Bestürzung, wie er den Esel grob am Strick zurückriss und der Frucht mit angewiderter Miene einen Stoß mit dem Wanderstock versetzte: als wollte er den Apfel um keinen Preis berühren. Dann versetzte er dem Esel einen rüden Hieb, das Tier machte einen Satz und der Karren rumpelte bergauf. Madda hechtete sofort zu dem rollenden Apfel, bevor sie zu dem Edelmann zurückeilte. Der schien es jedoch keineswegs eilig zu haben.

„Madda heißt du also“, bemerkte er von seinem Ross herab.

„Magdalene, edler Herr“, antwortete sie. „So lautet mein Taufname. Magdalene Weißhaar.“

„Bene“, sagte er freundlich, aber mit der lässigen Überheblichkeit eines Patriziers, der das Befehlen gewohnt war. „Ist es noch weit zum Haus?“

„Nein. Nur ein Stück die Straße hoch.“

Der Dominikaner war ihnen mit dem Eselskarren schon ein ganzes Stück voraus. Als er das Hufgeklapper des Rotfuchses hinter sich hörte, zog er die knochigen Schultern fast bis zu den Ohren hoch und trieb den Esel noch mehr an, als wollte er so schnell wie möglich einen Abstand zwischen sich und Madda bringen.

*

Zumindest Gret wird sich über hungrige Gäste freuen, dachte Madda niedergeschlagen. Immer noch musste sie Tränen der Enttäuschung herunterwürgen. Aber sobald sie an Marie dachte, war es mit der Beherrschung vorbei. „Das ist das Haus“, murmelte sie und wischte sich verstohlen über die Wangen.

„Ah, die berühmten Hunde.“ Der Italiener brachte das Pferd zum Stehen und betrachtete das Wappen über dem Blendbogen der Tür. Drei edle Hunde waren da in den Stein gehauen, schlanke Windspiele mit offenen Mäulern und langen Zungen. Auch der ringförmige Türklopfer aus Eisen wurde von einem Hundekopf gekrönt. Gret hatte Madda erzählt, dass der Herr diesen besonderen Türklopfer vor Jahrzehnten von seiner allerersten Handelsreise nach Italien mitgebracht hatte. Madda wollte gerade nach dem Ring greifen, als die Tür plötzlich mit Schwung aufgerissen wurde. Und heraus stürzte … der junge Herr Beno.

Madda sprang erschrocken zurück. Noch nie zuvor hatte sie den Enkel ihres Hausherrn ohne Buch in den Händen gesehen – und noch nie hatte sie ihn so ungestüm erlebt. Er kam abrupt zum Stehen, aber fast wären sie dennoch zusammengestoßen. Es scheint ja heute mein Los zu sein, von einem hohen Herrn nach dem anderen umgerannt zu werden, dachte sie.

Herr Beno runzelte die Stirn. „Magdalene“, sagte er verwundert. „So früh zurück?“

Er spähte über ihren Kopf hinweg straßauf, dorthin, wo der Karren des Mönchs vor sich hin rumpelte. Hat er etwa nach dem Mönch Ausschau gehalten? Es sah aus, als wollte Beno an ihr vorbei, aber das Schnauben des Pferdes ließ ihn innehalten. Er wandte sich um und entdeckte den Italiener. Der war schon aus dem Sattel gesprungen und hielt ihm nun allen Ernstes mit herrischer Geste die Zügel hin.

„Mein Pferd muss sofort versorgt werden und der Reisesack soll auf mein Zimmer“, befahl er. „Signor Onofrius erwartet mich. Meldet ihm Lucio Malaspani di Genova.“

Madda hielt den Atem an. Der Italiener verwechselte den jungen Herrn tatsächlich mit einem Diener! Beno hob nur die linke Augenbraue.

„Hab ich mich nicht klar ausgedrückt?“, sagte der Italiener verärgert.

Madda wich unwillkürlich einen kleinen Schritt zurück. Aber der junge Herr überraschte sie ein zweites Mal, indem er nun tatsächlich die Zügel nahm und mit einem Kopfnicken eine kleine Verbeugung andeutete.

„Sehr klar, Signor Malaspani“, sagte er langsam. „Euer Pferd wird – wie das eines jeden höflichen Gastes – gut versorgt. Tretet ein, der Hausherr wird Euch gleich empfangen.“

Offenbar war der Genueser taub für den spöttischen Unterton, er nickte nur knapp und schenkte Madda ein Lächeln.

„Danke, dass du mir den Weg gezeigt hast, Bellissima“, sagte er und trat, ohne Beno eines Blickes zu würdigen, über die Schwelle.

Spar dir deine schönen Worte, dachte Madda grimmig. Deine Sorte kenne ich.

Beide schauten sie dem Gast nach. Wie immer blieb Beno kühl und beherrscht. Keine Regung zeigte sich in seinem schmalen Gesicht, nur seine graublauen Augen funkelten vor Missbilligung.

Dieser Malaspani sollte sich warm anziehen, dachte Madda.

Als hätte er ihren schadenfrohen Gedanken gehört, wandte sich Herr Beno ihr zu. „Geh in die Küche, Magdalene. Sag Gret Bescheid. Sie soll sofort ein Mahl richten und dabei nicht mit dem grünen Pfeffer sparen.“

Madda nickte. „Ja, Herr.“ Ich werde Marie nicht wiedersehen. Hastig senkte sie den Kopf. Einen Moment lang hatte sie ihren Kummer vergessen, aber jetzt kehrte er umso heftiger zurück.

Beno runzelte die Stirn. „Warum weinst du denn?“

„Ich weine doch gar nicht. Es ist nur der Wind.“

„Du bist keine gute Lügnerin, Magdalene.“

Sie sah ertappt zu ihm hoch. Aber er wirkte nicht verärgert, da war nur dieser unendliche Ernst. Er musterte sie prüfend, während er dem Pferd mit freundlicher Geste die Stirnfransen glatt strich. Seine Augen waren wie Seen, ruhig und klar, aber mit Untiefen, die sicher mehr bargen, als mancher vermutete. Gret behauptete immer, der junge Herr sei wie ein Adler, er blicke stets weiter als jeder andere im Haus. „Aalfett gegen Gliederschwäche und Lähmungen?“ Er deutete auf ihren Korb.

Sie nickte zaghaft. Sie konnte sich kaum vorstellen, dass er wusste, für wen das Heilmittel gedacht war. Aber dann überraschte er sie ein drittes Mal.

„Wird Marie es überstehen?“

Seine Direktheit und sein Mitgefühl berührten sie. Er weiß es? Aber von wem? Gret? Und warum kümmerte er sich um so etwas?

„Ich … hoffe es, Herr Beno. Und ich bete jeden Tag für ein Wunder. Aber niemand weiß, ob sie jemals wieder gesund wird.“

Beno blickte besorgt in den Himmel. Der Wind war etwas abgeflaut, doch die Luft schmeckte nach Regen.

„Beeil dich. Dann schaffst du es vielleicht noch, ohne nass zu werden.“

Madda blieb der Mund offen stehen. „Aber … das geht nicht, ich muss hierbleiben. Der Gast … und Frau Barbara. Und Elisabeth braucht mich doch für …“

„Mach dir keine Sorgen, ich regle das. Geh schon! Und falls es Regen oder Sturm gibt, bleibst du über Nacht bei deinen Leuten, hörst du? Eine Magd, die vom Blitz erschlagen wird oder am Husten stirbt, nützt keinem etwas. Sieh nur zu, dass du morgen zur Messe wieder da bist.“

Gold und Bernstein

Edelsteine heilen und schützen vor Giften, Unglück und Zauberei. Ein gelber Topas ist für schöne Jungfern der richtige Schmuckstein, denn er bewahrt ihre Keuschheit. Bernstein hält Hexen, Dämonen und die Pest fern. Reisende und Kaufleute müssen stets ein Schutzamulett mit einem roten Granat mitnehmen. Dieser Edelstein bewahrt seinen Träger vor Überfällen, bringt ihm Glück und Erfolg und schützt außerdem vor Vergiftungen. Gefahren für seinen Herrn zeigt er an, indem sein klares rotes Licht sich eintrübt.

NÜTZLICHEALLTAGSMAGIEFÜRALLJENE, DIESICHEDELSTEINELEISTENKÖNNEN

Elisabeth horchte auf, als Beno draußen jemandem eine Anweisung zurief. Sofort sprang sie auf und warf ihre Stickerei hin. Durch die bleiverglasten Scheiben sah sie gerade noch, wie unter dem Fenster ein gesatteltes Pferd davongeführt wurde. Die Italiener sind also schon da, dachte sie. Am liebsten hätte sie gejubelt, doch das gehörte sich in dieser Zeit, da alle im Haus nur auf Zehenspitzen herumliefen, noch weniger als heimliche Freude. Aber es fühlte sich an, als schlügen plötzlich zwei Herzen in ihrer Brust. Das eine war nach wie vor voller Trauer und Mitgefühl für ihre Tante. Aber das andere Herz tanzte, so sehr sehnte es sich nach dem Glanz der Ferne und dem Lachen, das Gäste ins Haus brachten. Und sie sind bereits hier!

Der Spiegel war in diesen Tagen der Trauer mit einem Leintuch verhängt. Es anzuheben würde nur Unglück bringen. Also sprang sie zu der Eichenkommode, auf der ein kleiner Kupferteller mit ihren drei schönsten Ringen stand: ein gelber Topas, ein Achat, so grün wie ihre Augen, und ein Silberring mit einem ovalen Granat. Dieses Schmuckstück war die einzige Kostbarkeit, die sie von ihrer verstorbenen Mutter geerbt hatte. Elisabeth steckte die Ringe hastig an und hielt den blank polierten Kupferteller prüfend vors Gesicht. Doch auch der beste Spiegel nützte nichts, wenn einem ein übermüdetes Gespenst entgegenblickte. Die letzten Tage hatten ihre Spuren hinterlassen. Unter ihren Augen lagen Schatten und ihre Sommersprossen wirkten in dem blassen Gesicht noch auffälliger als sonst. Ihr Haar, sonst eine Flut wilder rotblonder Wellen, war züchtig zurückgekämmt. Auf dem Kopf trug sie einen breiten Haarreif mit Schleiertuch, das sie wie eine Nonne wirken ließ. Oder wie eine Büßerin. Jeder würde sehen, dass sie heute geweint hatte. Ihre Augen waren noch ganz rot und verschwollen.

Bevor die Hebamme ein Tuch über das kleine, leblose Bündel gebreitet hatte, hatte Elisabeth einen Blick auf die unfassbar winzigen roten Fäustchen erhascht. Dieses Bild verfolgte sie bis in ihre Träume. „Nicht weinen“, flüsterte sie sich zu. „Nicht schon wieder.“ Sie atmete tief durch, zog entschlossen den Haarreif herunter und schüttelte ihr Haar aus. Es fühlte sich sofort besser an, lebendig und vertraut. Und als sie ihrem Spiegelbild im Kupferteller aufmunternd zulächelte, erkannte sie sich endlich wieder.

„Elisabeth?“ Ertappt fuhr sie herum. Wie immer war Beno völlig lautlos aufgetaucht, nicht einmal die Tür hatte geknarrt. Nur das Talglicht flackerte im Luftzug. Hastig verbarg sie den Teller hinter ihrem Rücken, aber es war unnötig. Beno vermied es auch heute, sie anzusehen. Stattdessen musterte er stirnrunzelnd die Stickerei, die Elisabeth in der Eile auf den Scherenstuhl geworfen hatte und die auf den Boden gerutscht war. Sie konnte Benos Tadel fast spüren. Sein schmales, ernstes Gesicht erinnerte sie an einen Heiligen. Einen sehr jungen Heiligen allerdings.

„Der Reedersohn aus Genua ist hier“, sagte er mit gesenktem Blick. „Er wartet bereits im Kaminzimmer. Ich werde mich um alles kümmern, aber sag Barbara Bescheid.“

„Nur ein Gast? Wo sind die anderen?“ Sieh mich an!, dachte sie. Sieh mir endlich wieder in die Augen!

„Das wird er uns hoffentlich gleich erklären“, erwiderte Beno, ohne aufzuschauen.

Sein Schatten tanzte mit dem Flackern der kleinen Lampenflamme an der Tür. Das ist das Einzige, was an ihm tanzt, dachte Elisabeth. Dabei war es Beno gewesen, der ihr vor Jahren einen wilden spanischen Tanz mit vielen Stampfschritten und Drehungen beigebracht hatte. Wann haben wir einander verloren?, dachte sie verzagt. Was ist passiert? Aber auch heute fand sie keine Antwort darauf.

„Ich sage es Barbara“, erwiderte sie.

Beno nickte und ging ebenso lautlos, wie er gekommen war.

Draußen hatte es zu regnen begonnen, schwere Tropfen klatschten an die Scheiben und in der Ferne glaubte sie schon Donnergrollen zu erahnen. Auf Zehenspitzen trat Elisabeth zu der Tür, die ihr Zimmer von dem großen Schlafgemach ihrer Tante und ihres Onkels trennte.

Es war still, doch als sie klopfte, hörte sie das Knarren von Schritten. Die Tür schwang auf und ein aromatischer Duft schlug Elisabeth entgegen. Aus einer Steinschale stieg der heilende Rauch von verglühenden Harzen auf, der alle bösen Einflüsse aus dem Zimmer fernhalten sollte. Es war ungewohnt, Tante Barbara so blass und schwach zu sehen – und mit offenem Haar. Ihr rechter Ärmel war hochgebunden und um die Armbeuge trug sie einen festen Verband. Dort hatte der Arzt sie gestern zur Ader gelassen. Ihren Rosenkranz aus roten, spanischen Korallenperlen hatte sie sich um Finger und Handgelenk geschlungen. Aber geweint hatte sie auch heute nicht, ihre Augen waren völlig klar. Bei Elisabeths Anblick hellte sich ihre ernste Miene sofort auf und sie lächelte sogar. „Was gibt es denn, Lies?“

Elisabeth stutzte, aber dann wallte eine jähe Zärtlichkeit für ihre Tante in ihr auf. Lies – so hatte ihre Tante sie früher als Kind liebevoll genannt. Aber es war Jahre her, seit sie diesen Kosenamen aus Barbaras Mund gehört hatte.

„Der Gast aus Genua ist da. Der Sohn von Malaspani, der im Kontor lernen soll.“

„Dann müssen die restlichen Gebete warten, Lies. Das Leben und die Geschäfte müssen schließlich weitergehen, nicht wahr?“ Barbara klang bei diesen Worten nicht bitter, nur vernünftig.

Wie kann sie nur so gleichmütig sein?, dachte Elisabeth. Ich an ihrer Stelle würde mich auf den Boden werfen, mir die Haare raufen und laut losheulen. Und Gott persönlich anklagen für mein Unglück.

Aufrecht und mit ruhigen Schritten trat ihre Tante zum Stehpult am Fenster. Darauf lag die Heilige Schrift in einer kostbaren, mit Blattgold verzierten Ausgabe.

Barbara nahm den Rosenkranz ab und legte ihn auf das offene Buch. „Worauf wartest du? Komm schon rein und hilf mir beim Anziehen!“

Heute war es seltsam, das Zimmer zu betreten. Die Stühle und die Gerätschaften des Arztes waren fortgeräumt worden, das wuchtige Himmelbett mit den schweren samtbraunen Vorhängen war frisch gelüftet, mit neuen Laken bezogen und mit Kräuterwasser besprengt worden. Alles wirkte, als wären die vergangenen drei Monate seit der frohen Botschaft des Arztes nur ein Traum gewesen, als hätten Hoffnung und fiebrige Vorfreude niemals existiert. Aber als Barbara sich zu Elisabeth umwandte, senkte deren Hand sich aus Gewohnheit auf ihren immer noch leicht gerundeten Bauch, als hätte sie vergessen, dass dort kein zweites Herz mehr schlug. Dann wurde es ihr wohl bewusst und die Hand zuckte weg, als hätte sie sich an der Berührung verbrannt. Barbara straffte die Schultern. „Hol mir das Mantelkleid. Das weite, dunkelblaue, nicht das mit dem engen Mieder. Und die neue Haube mit der Mailänder Spitze und den Perlen.“

Barbara schlüpfte in die weiten, gebauschten Ärmel und damit zurück in die strenge Rolle der Hausherrin. Als Elisabeth schließlich noch Barbaras Haar zusammengefasst und unter der steifen Haube mit dem Spitzenschleier verborgen hatte, war ihre Tante wieder ganz die würdevolle und wohlhabende Kaufmannsfrau. Ihr Bauch war unter den gefältelten Raffungen des Kleides unsichtbar geworden.

Als wäre nie etwas gewesen, dachte Elisabeth. Es war wirklich wie in einer verkehrten Welt. Ihr und nicht Barbara stiegen die Tränen in die Augen, als ihr Blick auf die verwaiste Stelle fiel, an der noch vor drei Tagen die geschnitzte, prächtig bemalte Wiege gestanden hatte.

„Oh, nicht doch, Lies!“, rief ihre Tante. „Immer so nah am Lachen – und ebenso nah am Weinen. Eine Frau darf vor Gästen niemals Tränen zeigen!“ Sie strich Elisabeth liebevoll über die Wange. „Und wir zwei dürfen nicht mehr traurig sein“, fügte sie leiser hinzu. „Es ist, wie es ist, und bald lachen wir wieder. Und bis dahin musst du eben noch für eine kleine Weile meine Tochter sein.“

Elisabeth war taktvoll genug, um zu nicken. Denn plötzlich verstand sie, warum ihre Tante sie plötzlich wieder Lies nannte und worauf sie hoffte, wenn sie „bis dahin“ sagte. „Leider habe ich Madda heute Nachmittag freigegeben“, fuhr Barbara fort. „Also wirst du selbst zu Gret hinuntergehen. Hol den italienischen Wein und die vergoldeten Gläser. Geh vor, ich komme gleich!“

Elisabeth war froh, aus dem Zimmer zu kommen, aber die unausgesprochenen Gedanken ihrer Tante ließen sich nicht sofort abschütteln. Sie hofft also tatsächlich! Nun tat ihr Barbara so leid, dass ihre Kehle ganz eng wurde. Denn alle Hoffnung konnte nichts ausrichten gegen die Natur: Ihre Tante war alt wie eine Großmutter, über vierzig Jahre schon. Es war ein Wunder, dass sie in ihrem Alter überhaupt zum ersten Mal schwanger geworden war. Und für ein zweites Kind, dachte Elisabeth, wären wohl zwei Wunder nötig.

*

Die Tür zum Kaminsaal stand offen. Schritte knarrten, dann war es plötzlich still. Vermutlich hatte der Gast an dem großen Eichentisch Platz genommen.

Geh weiter und hol den Wein!, befahl sich Elisabeth. Aber sie konnte nicht widerstehen. An der Treppe zum Erdgeschoss kehrte sie um und spähte aus dem Schatten des Türstocks in den Raum. An dem wuchtigen Eichentisch, dem Herzstück des Raums, saß niemand. Nur über einer Stuhllehne lag lässig hingeworfen ein Mantel. Das feine Stück war innen mit Marderfell gefüttert und auf dem Tisch entdeckte Elisabeth ein Paar gelbe Handschuhe. An den geweißelten Wänden hoben sich die mit Blattgold verzierten Wandmalereien besonders leuchtend ab, denn das Feuer im Kamin loderte lichterloh und tauchte den Raum in warme Helligkeit. Holz klackte gegen Holz, ein Scheit polterte auf den Boden.

Ist das Beno, der Holz nachlegt?, dachte Elisabeth im ersten Augenblick. Aber dann erschien eine Hand in ihrem Sichtfeld und ergriff den eisernen Schürstock mit dem Hundekopfknauf neben dem Kamin. Der Ärmel lag am Unterarm eng an und bauschte sich weiter oben. Rot und gelb leuchtete der Samt und dazwischen blitzte heller, feiner Hemdstoff hervor. An der Hand funkelte ein Goldring mit einem großen Bernstein.

Elisabeth hielt den Atem an. Der Gast kauerte vor dem Kamin, schürte eigenhändig das Feuer und legte Scheite nach wie ein Bediensteter! Sie reckte den Hals, aber der Tisch und die Stühle mit den breiten Lehnen versperrten ihr die Sicht. Als sie sich bückte, um wenigstens unter dem Tisch hindurch einen Blick auf den Fremden zu erhaschen, hörte sie Schritte hinter sich und wich ertappt zur Seite. Beno kam die Treppe hoch, auf den Armen einen Stapel Feuerholz. Er stutzte kurz, als er sie sah, ging jedoch ohne Kommentar an ihr vorbei in den Raum.

Spätestens jetzt hätte sie nach unten laufen und den Wein holen sollen, aber wieder zögerte sie. Und ihre Neugier wurde belohnt. Der Gast am Kamin erhob sich und drehte sich zu Beno um. Elisabeth hielt unwillkürlich den Atem an. In ihrer Vorstellung war der Gast ein gewöhnlicher Kaufmannssohn gewesen, nicht besonders hübsch, wahrscheinlich sogar fett und verwöhnt wie so viele reiche Erben. Aber Malaspanis Sohn hatte ein fein geschnittenes Gesicht und goldblondes Haar, das er nach italienischer Mode bis über die Schultern fallend trug. Seine runde Kappe hatte etwas Orientalisches. Sein Obergewand war viel kürzer und lag enger an als die weiten, faltenreichen Gewänder der schwäbischen Handelsleute. Solche Kleidung kannte Elisabeth nur von Gemälden. Sie betonte, wie schlank der Reedersohn war. Dass er aus einer vermögenden Familie stammte, zeigte schon der reich verzierte Dolch an seinem Gürtel. Der Schutz bringende Granatstein, der den Griff zierte, funkelte wie rote Glut. Aber all die Pracht war nichts gegen seinen Blick. Seine Augen sind aus Bernstein!, dachte Elisabeth fasziniert.

„Ich sehe, Ihr habt es Euch schon behaglich gemacht“, hörte sie Beno nicht gerade freundlich sagen.

„Zeit genug hatte ich ja“, erwiderte der Italiener. „Wurde meine Ankunft dem Hausherrn denn nicht gemeldet?“ Obwohl er offenbar ungeduldig und leicht verärgert war, klangen seine Worte wie eine sanfte Melodie. Er klopfte sich die Ascheflocken vom Ärmel und sah Beno fragend an. Beno lud in aller Ruhe das Holz ab.

„Ich habe etwas gefragt!“, mahnte der Italiener.

Beno richtete sich auf. Er war hochgewachsen und überragte den Gast um einen halben Kopf. Aber jetzt sah er auch noch ganz bewusst auf ihn herab. Elisabeth konnte es nicht fassen. Höflichkeit sah anders aus!

„Ob Onofrius schon benachrichtigt wurde?“, sagte Beno langsam. „Hm, lasst mich nachdenken. Nein!“

„Nein?“, brauste der Italiener auf. „Was soll das heißen?“

„Das heißt, dass ich bei Sturm sicher nicht ins Kontor renne und den Hausherrn in den Regen hinauszerre. Ihr werdet also warten müssen. Und bis mein …“

„Was ist das für eine unhöfliche Art!“, unterbrach ihn der Fremde scharf. „Ich habe eine lange Reise hinter mir.“

„Das ist mir bekannt. Ich habe die Einladung, die Onofrius Eurem Vater schickte, schließlich mit eigener Hand verfasst. Und wenn Ihr so höflich wärt, mich ausreden zu lassen: Bis mein Großvater – das ist nämlich Onofrius Humpis – nach Hause kommt, werdet Ihr mit mir als Gastgeber vorliebnehmen müssen. Ich habe bereits Anweisung gegeben, dass Euch ein Mahl bereitet wird.“

Der Gast versuchte gar nicht erst, seine Verblüffung zu verbergen. Ungläubig musterte er Benos schwarze, schlichte Kleidung. Elisabeth konnte die Verwunderung des Italieners gut verstehen. Seit Beno sich seinen religiösen Studien bei Magister Gremper verschrieben hatte, lehnte er allen Luxus ab, der bei jungen Männern seines Standes üblich war. Der einzige Schmuck, der seine Hand zierte, war ein schlichter Rubinring.

Der Italiener hatte seine Sprache wiedergefunden. „Ihr seid also …“

„Beno Humpis. Meinen Namen habt Ihr sicher schon oft genug in den Auftragsbüchern Eurer Schifffahrtsgesellschaft gelesen.“ Beno gab sich keine Mühe, langsam zu sprechen, obwohl der Gast sich sichtlich konzentrieren musste, um die deutschen Sätze zu verstehen.

Dabei kannst du fließend Italienisch, Beno, dachte Elisabeth grimmig. Beno war offenbar gekränkt, weil der Fremde ihn für einen Dienstboten hielt. Aber wunderst du dich wirklich darüber, Beno? In dieser Aufmachung konnte man ihn tatsächlich für einen jungen Hausdiener halten, einen Studenten – oder vielleicht noch für den Gehilfen eines Arztes. Auch war Benos dunkles Haar nach burgundischer Mode kurz geschnitten und über den Ohren und im Nacken ausrasiert, was ihm fast etwas Mönchisches gab. Neben Lucio erschien Beno ihr wie ein Rabe neben einem Falken. Und im Augenblick schien die Luft zwischen Rabe und Falke zu knistern wie vor einem Gewitter. Elisabeth wollte schon eintreten und Benos Unhöflichkeit durch eine freundliche Begrüßung wettmachen, als Lucio sich zu ihrer Überraschung vor Beno verbeugte.

„Dann entschuldige ich mich in aller Form für das Missverständnis“, sagte er völlig aufrichtig und ohne Groll. „Die Männer der Familie Humpis sind in Genua eher für Silber, Seide und Diamanten bekannt.“

Beno zuckte mit den Schultern. „Meiner Meinung nach kleiden Höflichkeit und Bescheidenheit einen Mann besser als Brokat und Seide. Und in jedem Fall sollte man genau hinsehen, bevor man ein Urteil fällt. Ihr kennt ja das Sprichwort: Non tutto quello che luccica è oro.“

Elisabeth zog verärgert die Brauen zusammen. Sie wusste, was die Worte bedeuteten: „Es ist nicht alles Gold, was glänzt.“ Hoffentlich würde der Gast sich nicht beleidigt fühlen. Aber Lucio lachte nur überrascht und ehrlich erfreut auf. „Ich hätte sofort stutzig werden müssen, als Ihr mich vorhin mit Signor angesprochen habt“, sagte er anerkennend. „Euer Italienisch ist weitaus besser als mein Deutsch. Mein Vater sagt, Ihr seid nicht nur ein hervorragender Mathematiker, sondern auch ein Sprachgelehrter.“

Beno runzelte etwas irritiert die Stirn. „Ich … lasse Euch das Zimmer herrichten.“

Beim Hinausgehen warf er Elisabeth einen fragenden Blick zu und formte mit den Lippen: „Barbara?“

Sie nickte und wartete, bis Beno auf der Treppe war, dann warf sie noch einen letzten Blick ins Zimmer. Der Gast wirkte plötzlich müde und erschöpft. Er seufzte tief, zog sich die Kappe vom Kopf und strich sich mit beiden Händen das Haar zurück. „Dio mio“, murmelte er. „Beno Humpis!“ Er schüttelte den Kopf, als würde er sich selbst tadeln.

Dann wandte er sich zur Tür und entdeckte Elisabeth. Vor Verlegenheit wurde er ein wenig rot. „Eine gute Art, mich als Gast sofort zum Narren zu machen, nicht wahr?“ Er verzog den Mund zu einem zerknirschten Lächeln. „Und als würde das nicht genügen, habt Ihr meine Niederlage auch noch mit angesehen.“

Kein Mann, den ich kenne, würde so offen sprechen, dachte Elisabeth erstaunt. Und schon gar keinen Fehler zugeben. Sie räusperte sich und trat dann möglichst würdevoll aus dem Türschatten. Als hätte ich dort nicht gelauscht wie ein neugieriges Frettchen.

„Es war eher eine Niederlage für uns als Gastgeber. Beno und ich hätten uns sofort vorstellen sollen.“

Lucio zog die Stirn kraus, als würde er überlegen, ob sie sich über ihn lustig machte. „Grazie für Euren Versuch, aus dem Narren einen König zu machen.“ Dann straffte er die Schultern, umrundete mit langen Schritten den Tisch und trat zu ihr – so nah, dass sie den Rauchgeruch seiner Kleidung wahrnahm. „Da wir gerade beim Vorstellen sind: Lucio di Lorenzo di Genova. Lorenzo Malaspanis Sohn.“

Es gehörte sich nicht, alleine mit einem Fremden zu sprechen, aber sie konnte nicht gehen. Nicht jetzt, als er mit einer Verbeugung ihre Hand ergriff und sie mit einem nur angedeuteten Kuss auf den Handrücken sehr höflich begrüßte. Die sanfte Berührung ließ ihr Herz schneller schlagen.

„Und Ihr seid …?“

„Elisabeth.“

Er überraschte sie mit einem offenen freundlichen Lächeln.

„Elisabetta“, sagte er in diesem Singsang, der sie daran erinnerte, dass es irgendwo außerhalb dieser Stadtmauern eine Welt voller Farben und Musik gab.

Plötzlich wurde ihr schmerzlich bewusst, dass sie in einem unvorteilhaften Hauskleid vor ihm stand, blass von den schlaflosen Nächten und sicher mit noch immer geröteten Augen. Aber Lucio sah sie an, als wäre sie die Engelsgestalt in diesem Raum und nicht er.

„Und Ihr seid Benos … Schwester?“

Warum klingt diese Frage so, als würde er auf ein Ja hoffen?

„Nein. Ich bin Frau Barbaras Nichte.“

Er seufzte. „Helft Ihr mir dabei, mich im Hause Humpis nicht noch einmal zu blamieren? Barbara heißt doch die Gemahlin von Onofrius, nicht wahr?“

Elisabeth nickte.

„Dann ist sie also Benos nonna?“, fragte Lucio vorsichtig weiter. „Ich meine, seine … Großmutter?“

Beinahe hätte Elisabeth gelacht. Niemals würde Beno Barbara so nennen. „Die zweite Frau seines Großvaters“, korrigierte sie. „Benos Vater ist Onofrius’ Sohn aus erster Ehe. Onofrius’ erste Frau starb vor einigen Jahren. Er war Witwer und dann heiratete er meine Tante. Und – unter uns gesagt – sie würde es gar nicht schätzen, Großmutter genannt zu werden. Egal von wem.“

Lucio dankte ihr mit einem Nicken, aber er sah sie immer noch so prüfend an, als wollte er eine Antwort in ihrem Gesicht lesen. Nur leider kannte sie die Frage nicht.

„Warum seid Ihr alleine hier?“, brach sie das verlegene Schweigen. „Ihr … solltet doch mit dem Handelszug ankommen?“

„Ja, aber ich konnte es nicht länger ertragen, im Schritt hinter den Wagen herzuschleichen. Also bin ich vor ein paar Tagen vorausgeritten.“

„Vor ein paar Tagen? Dann seid Ihr entweder sehr mutig oder sehr leichtsinnig.“ Elisabeth deutete auf seinen kostbaren Ring. „Es ist gefährlich, ohne Eskorte unterwegs zu sein. Erst neulich ist ein Handelszug kurz vor Ravensburg von Räubern überfallen worden.“

Lucios Augen blitzten auf. „Jede Gefahr birgt auch eine Chance. Wäre ich nicht vorausgeritten, hätten wir beide nicht allein miteinander sprechen können.“

Jetzt hätte sie beinahe gelächelt. Das ist nur die galante Art der Italiener, dachte sie. Es hat nichts zu bedeuten. Aber dann flüsterte Lucio: „Darf ich ehrlich sein, Elisabetta? Ich bin froh zu hören, dass Beno doch nur so etwas wie ein Verwandter von Euch ist. Ich fürchtete, Ihr würdet sagen, er sei Euer Verlobter.“

So etwas wie ein Verwandter. Sie hätte ihm erklären müssen, dass das ganz und gar nicht stimmte. Aber er war trotz allem ein Fremder und sie hatte schon mehr preisgegeben, als es der Anstand erlaubte.

Das fragende Schweigen dehnte sich. Und schließlich konnte Elisabeth nicht anders, als sein Lächeln zu erwidern. Geh endlich, Elisabeth!, befahl sie sich. Doch dieses Gespräch war wie ein Tanz, dem sie nicht widerstehen konnte.

„Erwartet Ihr jetzt ernsthaft, dass ich Euch verrate, ob ich einen Verlobten habe?“

„Kommt darauf an, wie die Antwort lautet. Falls es ein Ja ist, verschweigt mir bitte die grausame Wahrheit.“

Sie wusste nicht, ob sie lachen oder empört auf dem Absatz kehrt machen und gehen sollte. Seltsamerweise war sie erleichtert und enttäuscht zugleich, Barbaras Schritte zu hören. „Fragt doch meine Tante, wenn Ihr es wissen wollt“, raunte sie Lucio zu. Damit drehte sie sich um und eilte die Treppe hinunter, ohne sich umzusehen. Sie wollte nicht, dass der Gast aus Genua ihr Lächeln sah. Aber in ihrem Rücken fühlte sie warm wie einen Sonnenstrahl immer noch Lucios Bernsteinblick.

Eisen und Wasser

Häng ein Hufeisen so über die Tür, dass der offene Teil zum Himmel zeigt. Ist der Bogen unten, wirkt er nämlich als eine eiserne Schale, die den Blitz einfängt, wenn er aus den Wolken herunterschießt. Das Hufeisen hilft aber auch gegen andere Kräfte des Bösen. Denn jeder weiß, dass Dämonen kein Eisen mögen. Sei also froh, dass dein Vater Schmied ist, Madda, und ehre das Eisen.

RATSCHLAGVONANNAMINDELHEIM

Noch bevor Madda das Rathaus passiert hatte, waren schon die ersten Tropfen vom Himmel gefallen. Sie zog sich das Tuch über den Kopf und rannte in Richtung Unterstadt. Einmal hatte sie gehört, wie Beno Gästen erzählt hatte, dass Ravensburg noch vor hundert Jahren nur aus der Oberstadt bestanden hatte. Dann hatte man einen Teil der Stadtmauer abgerissen und die Stadt erweitert. Der Stadtgraben war aufgeschüttet worden und der daraus entstandene breite Platz diente heute als Viehmarkt, Feuerschneise und Grenze zwischen der altehrwürdigen Oberstadt und der neueren Unterstadt. Maddas Weg führte an dieser Grenze entlang nur ein Stück in Richtung des Gefängnisturmes und weit vor dem Judenviertel nach links in die Gassen.

Jedes Mal, wenn sie in die Unterstadt zurückkehrte, trug ihr der Wind den wohlvertrauten Geruch nach dem stinkenden Gerbersbach, nach Schweinekoben und den Ausdünstungen von Kohlküchen entgegen. Dann kam es ihr vor, als würde sie eine kleine, aber viel heimeligere Welt betreten, eine Stadt der ärmeren Bürger, kleinen Handwerker und Arbeiter.

In der Ferne blitzte es bereits, Donner grollte heran, aber selbst die Furcht konnte Madda nicht mehr aufhalten. Sie erreichte die Kirche des heiligen Jodok im selben Moment, als mit lautem Glockenklang das Sturmläuten begann, welches das nahende Unwetter vertreiben sollte. Leute flüchteten sich zum Gebet in die Sicherheit der Kirchenmauern. Madda dagegen bekreuzigte sich nur und eilte mit klopfendem Herzen weiter in Richtung untere Stadtmauer. Keuchend erreichte sie das Ende einer winzigen Straße, die sie und ihre Geschwister seit jeher nur als „Hühnergasse“ bezeichneten. Dort lief nämlich das magere Federvieh herum, das sich die alte Anna hielt, um wenigstens ein paar Eier auf dem Markt verkaufen zu können. Auch heute waren ein paar ihrer dürren, zerrupften Hühner durch den löchrigen Gartenzaun entwischt und staksten mitten auf dem Weg herum. Der alte schwarze Hahn floh erst vor Madda, als sie ihn fast über den Haufen rannte. Und am Ende der Gasse, hinter einer niedrigen Mauer, sah sie schon die Schmiede. Wie immer, wenn sie nach Wochen im prächtigen Humpis-Haus nach Hause zurückkehrte, erschien ihr das Elternhaus winzig klein und schäbig. Nach dem schrecklichen Hagelschlag war das Dach an einer Seite nur notdürftig geflickt worden. Der angebaute Schuppen, der als Holz- und Kohlelager diente, hatte auch schon bessere Zeiten gesehen. Aber im Unterstand vor dem Erdgeschoss glühte das Schmiedefeuer und beim Klang der Hammerschläge auf den Amboss wurde Madda ganz heiß vor Freude. „Vater!“, rief sie schon von Weitem. „Marie! Ursel! Ellen!“

Krachender Donner ließ sie erschrocken zur Seite springen. Ein gleißend heller Blitz zuckte direkt über der Stadt, gefolgt vom nächsten Krachen, das Madda durch und durch ging. Sie drückte sich gegen einen Zaun und krümmte sich zusammen, die Hände fest auf die Ohren gepresst. Und als würde der Himmel bersten wie ein morsches Fass, platzte von einem Moment auf den anderen der Regen auf sie herunter. Auf der Stelle verwandelte sich die Gasse in einen Bach aus spritzendem Schlamm und Hühnermist.

„Madda!“ Es war nicht ihr Vater, der im Regen mit langen, federnden Sprüngen auf sie zurannte, sondern Martin. Seine lederne Schmiedeschürze war schon gefleckt vom Regen und glänzte gleich darauf dunkel und nass. Dann war der Schmiedegeselle schon bei ihr, breitete eine gefilzte Pferdedecke über ihren Kopf und hielt sie so, dass sie beide einigermaßen trocken zur Schmiede kamen. Gleißend hell zuckte ein neuer Blitz über den Dächern. Im Gewitterlicht leuchtete das Hufeisen auf, das Madda noch eigenhändig über das Tor zwischen Schmiedewerkstatt und Haus genagelt hatte. Immer noch zitterte Madda vor Schreck.

„Du bringst ja ein Wetter mit!“ Martin schüttelte die Pferdedecke aus. Tropfen landeten in der Glut der Esse und verdampften mit einem Zischen.

„Wo ist Vater?“, fragte Madda.

„Oben“, sagte Martin in seiner knappen Art. „Ruht sich aus.“

Madda machte einen Satz zum Amboss, als es donnerte. Hier, in der Nähe des Eisens, fühlte sie sich sicherer. Auch Martin lauschte besorgt auf das Gewitter. In dem rötlichen Licht wirkte sein verrußtes Gesicht finster und das Weiß seiner Augen gespenstisch hell. Das war aber auch schon alles, womit er kleinen Kindern hätte Angst machen können.

Zu Maddas Erleichterung schien das Gewitter sich zu beruhigen. Der Donner entfernte sich bereits wieder, umso lauter rauschte nun der Regen. Auch Martin atmete auf. „Was machst du hier?“, sagte er zu der Zange, mit der er nun ein Stück Eisen aus der Glut nahm. „Ich dachte, du kämst erst nächsten Sonntag wieder?“

„Der junge Humpis hat mir freigegeben“, erwiderte Madda atemlos. „Und dafür wird er bestimmt Ärger mit der Hausherrin bekommen. Sie haben nämlich Gäste aus dem Ausland, aber er hat mich trotzdem gehen lassen.“

„Soso“, murmelte Martin nur.

„Ich darf sogar bis morgen bleiben.“

Seltsamerweise verfinsterte sich Martins Miene. Er schwieg und fachte mit dem Blasebalg die Glut an.

„Was ist los?“, fragte Madda. „Hast du eine Spinne verschluckt, dass du so ein Gesicht machst?“

Martin schnaubte nur. Aber dann murmelte er: „Nimmt ja viel für dich in Kauf, der junge Humpis.“

„Herr Beno hat einfach ein gutes Herz.“

„Und freigebig ist er auch, was?“ Martin deutete mit einem Kinnrucken auf ihren Korb.

Jetzt konnte Madda ein Lachen nicht unterdrücken. „Die Äpfel gehören mir und der Fisch ist von Gret. Was bist du? Ein eifersüchtiger Esel?“

Martin zog die Brauen zusammen und arbeitete mürrisch weiter, platzierte das Eisenstück mit der Zange auf dem Amboss und griff zum Schmiedehammer, als wäre er nur ein leichtes Stück Holz.

Madda musste lächeln. Leute, die Martin nicht kannten, wären nie auf den Gedanken gekommen, dass er als Nagel- und Hufschmied arbeitete. Dafür war er zu hager und linkisch in seinen Bewegungen. Aber der Eindruck täuschte: Martin war stark wie ein Ochse und er wurde auch mit dem bösartigsten Pferd fertig. Ganz zu schweigen von den Kerlen, die ihn wegen seiner stillen Art unterschätzten und glaubten, sich ungestraft über ihn lustig machen zu können. Es war sehr lange her, dass Madda ihn noch um einen ganzen Kopf überragt und ihn sogar einmal verprügelt hatte. Aber eine Fopperei konnte sie sich auch heute nicht verkneifen.

„Jedenfalls danke für das mutige Geleit durch den Sturm“, sagte sie und strahlte ihn an. „Das hätte der hübsche Herr Beno auch nicht besser gemacht.“

„Treib’s nicht zu weit, Jungfer Weißhaar“, knurrte Martin. „Los, mach Platz, anständige Leute müssen arbeiten!“ Aber sie wusste, dass er sich über den Dank freute und unter seiner Maske aus Ruß und Gleichgültigkeit rot wurde. Der Hammer sauste auf das erhitzte Eisenstück nieder. Das sirrende Nachklingen des Ambosses war eine so vertraute Melodie, dass ihr ganz warm wurde. Endlich zu Hause!

Sie wandte sich zur Tür um, die ins Haus führte. Aber sie zögerte. Wie schlimm wird es sein?

Martin und sie kannten einander schon so lange, dass er ihre Gedanken sofort erriet. Er legte den Hammer hin und gab ihr einen freundschaftlichen Schubs zwischen die Schulterblätter. „Geh ruhig hoch, Hasenherz. Du wirst staunen.“

Weit kam Madda nicht. Kaum war sie im Haus und bei der hölzernen Stiege, kam ihr von oben schon Ursel entgegen und übersprang die letzten Stufen.

„Madda!“, rief die Schwester so laut, dass ihr die Ohren klingelten. „Ich wusste doch, ich hab dich rufen hören. Aber Vater sagte, du kannst es nicht sein!“ Und mit einem verschmitzten Grinsen setzte sie hinzu: „Aha, du drückst dich also lieber hier unten beim Gesellen herum, statt zu uns zu kommen.“

Über die Schulter sah Madda noch, wie Martin grinste, dann wurde sie von ihrer jüngeren Schwester schon über die Stiege nach oben in den Flur und in die große Wohnstube gezogen.

„Da ist ja unsere Oberstädterin!“, rief ihr Vater. Sein Haar war wüst zerzaust und auf seiner Wange zeichneten sich die Abdrücke von dem Stroh ab, das sich wohl durch die Stoffhülle der Bettunterlage gedrückt hatte. Er umfasste ihr Gesicht mit seinen schwieligen Händen und küsste sie auf Stirn und Wangen. Dann betrachtete er ihre Kleidung, die zwar einfach, aber immer noch feiner war als alle Röcke und Mieder ihrer Schwestern. „Gut siehst du aus!“

„Ja, wie eine nasse Katze“, feixte Ursula und bekam von Ellen, der Ältesten, sofort einen Klaps gegen den Hinterkopf. „Wenn du weiter so frech herumgackerst, kannst du Annas Hühnern im Regen Gesellschaft leisten!“

Aber Ursel lachte nur. Wieder einmal fiel Madda auf, dass ihre jüngere Schwester längst kein Kind mehr war. Wann ist sie so hübsch geworden? Heimweh überwältigte sie, obwohl sie ja hier war. Wenigstens für eine Nacht! In diesem Moment hätte sie Beno für seine Großzügigkeit am liebsten umarmt. Stattdessen drückte sie nun auch Ellen an sich. Dann nahm sie ihren Mut zusammen und trat ans andere Ende der Stube, wo ein Bett direkt am Kachelofen stand, vom restlichen Raum abgeteilt durch einen Lakenvorhang , damit sich dort die Wärme besser hielt. Maries mühsames, geräuschvolles Atmen dahinter machte Madda wenig Hoffnung. Doch als sie hinter den Vorhang spähte, blieb ihr fast das Herz stehen. Marie saß! Und nicht nur das: Die teigige Totenblässe war verschwunden, die Kleine hatte rosige Wangen und strahlte übers ganze Gesicht. Sie streckte sogar die dünnen Arme aus, als wäre die Lähmung einfach verschwunden. „Madda!“

Madda wurde ganz warm ums Herz, als sie ihren Namen aus dem Mund der Kleinen hörte. Denn Marie hatte ihn erfunden, als sie, noch gesund, sprechen gelernt hatte. Irgendwann hatten alle nur noch Madda gesagt, bis sie selbst manchmal fast vergaß, dass sie eigentlich Magdalene hieß.

„Mariechen, das ist ja ein Wunder! Da müssen wir den Aal, den ich dir als Medizin mitgebracht habe, wohl wieder schwimmen lassen.“

Marie strahlte noch mehr, ein kleiner dunkelhaariger Engel mit Zahnlücken. „Am See?“, fragte sie mit leuchtenden Augen. Sie sprach undeutlich, auch ihre Zunge war von der Lähmung befallen.

„Ja, am Bodensee lassen wir ihn frei“, erwiderte Madda.

Da wurde der kleine Körper in ihrer Umarmung schlaff wie der einer Puppe. Madda spürte, wie der halb gelähmte Arm zitterte und heruntersank. Vorsichtig bettete sie Marie wieder auf den Strohsack.

Ellen legte Madda die Hände auf die Schultern. „Lass sie schlafen. Wenn sie aufgeregt ist, wird sie schnell müde.“

Madda nickte, strich Marie das Haar aus der Stirn und summte ein Lied, bis ihrer jüngsten Schwester die Augen zufielen. Draußen war der Regen fast versiegt und auch das Sturmläuten der Kirche hatte aufgehört. Nur der Amboss war zu hören, beruhigend und regelmäßig, ein Schlaflied für Marie. Unter der Decke zeichnete sich der Umriss ihres rechten Beins ab. Es war verkürzt, als hätte es nach dem schlimmen Fieber vor zwei Jahren einfach vergessen zu wachsen. Vor einer Woche war die tückische Krankheit aus heiterem Himmel wieder ausgebrochen, und diesmal so heftig, dass keiner mehr an eine Genesung glaubte.

„Oh, Äpfel hast du auch mitgebracht!“, rief Ursel und holte einen Zinnteller und ein Messer.