Feuerzauber - Felicity La Forgia - E-Book
Beschreibung

Er ist so verrucht wie die Sünde, so heiß wie das Feuer und so geheimnisvoll wie die Kunst, die er beherrscht. Seit Jahren schwärmt Elena Mancini für den Illusionskünstler Zacharias Zealand. Ein Zufall führt sie zusammen, eine Tragödie schweißt sie aneinander. Er zeigt ihr die Erotik im Spiel mit dem Feuer und die Sinnlichkeit lustvoller Unterwerfung. Doch der Tanz auf der Grenze zwischen Lust und Schmerz, zwischen Liebe und Gewalt ist gefährlich.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl:480

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi ohne Limit+” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS

Sammlungen



Feuerzauber

Felicity la Forgia

Feuerzauber

Felicity la Forgia

Copyright © 2015 Sieben Verlag, 64354 Reinheim

Umschlaggestaltung: © Andrea Gunschera

ISBN Taschenbuch: 9783864434976

ISBN eBook-PDF: 9783864434983

ISBN eBook-Epub: 9783864434990

www.sieben-verlag.de

Inhaltsverzeichnis

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

Die Autorinnen

Kapitel 1

Elena Mancini hatte das Gefühl, nicht durch eine gläserne Schiebetür, sondern durch ein Raum-Zeit-Portal zu treten. Das Innere des Onyx Theatre, einer der berühmtesten Show-Bühnen auf dem Las Vegas Strip, verzauberte mit seinerMischung aus nostalgischem Charme und sehr viel Glitter und Glimmer. Wer hier hereintrat, wurde wieder zum Kind, staunend, fasziniert. Auf dem Boden im Foyer lagen muffige, durchgetretene Teppichläufer, deren orientalische Muster mit den Jahren verblasst waren. Plakate im Stil von Pin-ups aus den fünfziger Jahren zierten die Wände rechts und links der Abendkasse, vor der sich eine Menschenschlange wand. Neben der Eingangstür standen als Clowns verkleidete Artisten auf meterhohen Stelzen und jonglierten Feuerbälle. Hier gab es keine Popmusik aus versteckten Lautsprechern, stattdessen unterhielt ein Drehorgelspieler wartende Fans, eine Tänzerin in durchsichtigem weißen Tüllkleid mit Blütenblättern in den blonden Locken baumelte hoch über den Köpfen der hereinströmenden Massen an einer Schaukel.

April neben ihr kicherte. „Das ist so retro“, flüsterte sie in Elenas Ohr.

Elena lachte. „Warum flüsterst du?“

„Weil ich Angst habe, dass die Seifenblase zerplatzt und die Zauberwelt verschwindet. Bestimmt sind wir gleich wieder zurück im D’Alessandro, wo wir bei Antipasti und einem Glas Rotwein auf deinen Geburtstag anstoßen, statt uns hier die Show zu gönnen.“

Immer noch lachend schüttelte Elena den Kopf. Um ehrlich zu sein, sie hätte nichts dagegen gehabt, ihren dreißigsten Geburtstag genauso zu feiern wie die letzten drei davor. Sie mochte das D’Alessandro. Es war ein netter, kleiner Italiener etwas außerhalb des Stadtzentrums. Das Essen dort war göttlich und sie fanden immer einen Tisch, an dem es ruhig genug war, um sich in Ruhe zu unterhalten. Aber April hatte darauf bestanden, dass es dieses Jahr etwas Besonderes sein musste. Immerhin wurde eine Frau nicht jeden Tag dreißig. Von nun an würde es stetig bergab gehen. Sie hatte dabei so liebevoll gezwinkert, dass Elena keine Sekunde lang dachte, dass die Freundin ihre Bemerkung ernst meinte. Da war eine beste Freundin ja wohl verpflichtet, ihr noch einmal das prächtigste und glamouröseste Exemplar der Spezies Mann zu zeigen, das die Menschheit zurzeit zu bieten hatte.

Was hätte sie dazu sagen sollen? April musste es wissen. Sie war es, die den Mann jeden Samstagabend im Desert Rose Club heimlich anschmachtete, während sie mit tief gesenktem Kopf demütig an ihm vorbeischlich. Elena hielt nicht viel von den Club-Besuchen ihrer Freundin, sie konnte dem Lebensstil nichts abgewinnen. Aber sie verurteiltesie auch nicht dafür, immerhin hielt sie selbst April für die Ausgeglichenere von ihnen beiden. Mit einem hatte April jedenfalls recht. Zacharias Zealand, kreativer Kopf, Produzent und Star der Ethereal Illusions Show, war das prächtigste und glamouröseste Exemplar der Spezies Mann, das die Welt zurzeit zu bieten hatte. Von einem aktuellen Show-Plakat, das in der Nähe des gläsernen Durchgangs zwischen Foyer und Zuschauerraum an der Wand hing, blickte er auf diejenigen herab, die hierher kamen, um sich von ihm verzaubern zu lassen. Es wirkte so lebensecht, dabei war es nur eine Fotografie. Der intensive, erbarmungslose Blick auf die Zuschauer, die sich drängten, um ihn live zu erleben. Kantige Gesichtszüge, scharf geschnittene Lippen. Er hatte sich zwei Adlerfedern ins lange schwarze Haar gezwirbelt, nach Art seiner Vorfahren. Fehlte nur die Kriegsbemalung. Väterlicherseits entstammte er einer Dynastie von Magiern und Illusionisten. Maximilian Zealand hatte noch mit dem niedergehenden Stern der traditionellen Zirkus- und Zauberkunst gekämpft, doch Zacharias drückte dem angestaubten Metier einen modernen Stempel auf. Schon als Zwölfjähriger hatte er die ersten Preise eingeheimst. Er kombinierte klassische Illusionskunst mit Feuerspielen, Tanz und Musik. Die Show war eine Explosion aus Spannung und Energie, der niemand sich entziehen konnte. Seit mindestens zwei Jahren beherrschte er Las Vegas mit dem kleinen Finger, als wäredas gar nichts. Ein Geheimtipp war er schon viel länger gewesen, schon zu Lebzeiten seines Vaters Max.

Es war nur eine Frage der Zeit gewesen, bis das Fernsehen ihn für sich entdeckte. Er war jung, energetisch und überzeugend. Er sah zum Anbeißen aus und wusste die Kameras und die Aufmerksamkeit der Fans für sich zu nutzen. Seine Arroganz wirkte niemals aufgesetzt, ein bisschen einschüchternd, aber gleichzeitig beinahe sympathisch, weil sie gepaart war mit einem Selbstbewusstsein, das aus der Perfektion in seinem Metier geboren war. Heute, elf Jahre nach seinem ersten Auftritt in der Late-Night-Show von Jimmy Kimmel, hatte er einen Emmy, einen Golden Globe und mehrere Zirkus- und Theaterpreise gewonnen. Sein Gesicht zierte zahllose Werbeplakate, sein Körper verkaufte in Fernsehspots teure Autos und luxuriöse Herrenkosmetik. Die Tickets für seine Live-Show im Onyx waren nahezu unerschwinglich und trotzdem waren die Auftritte, fünf Tage in der Woche, meist für über ein Jahr im Voraus ausgebucht.

Nicht nur deshalb hatte Elena Aprils Geschenk nicht ablehnen können. Sie war überzeugt, dass April, oder vielleicht doch eher ihr Lover Tyron, Beziehungen über das Desert Rose hatten spielen lassen, aber es machte nichts. Sie freute sich wirklich auf den gemeinsamen Theaterbesuch. Es war so lange her, dass sie einmal Bühnenluft geschnuppert hatte, fast in einem anderen Leben. Jetzt hier zu sein, den Duft nach gebuttertem Popcorn, Zuckerstangen, gebrannten Mandeln und der kribbeligen Dekadenz von Champagner zu inhalieren, ließ ihr Blut singen. Es war gut zu wissen, dass sie sich die Show aus der Sicherheit des Zuschauerplatzes ansehen konnte. Nah genug dran, um die Atmosphäre zu genießen, weit genug weg, um sich nicht daran erinnern zu müssen, warum sie ihren Traum, Tänzerin zu werden, nie hatte verwirklichen können.

April zog sie zu einer der Getränkeausgaben und bestellte für sie beide ein Glas Sekt.

„Auf uns!“, sagte Elena und ließ ihr Glas gegen das von April klirren.

„Auf dich und darauf, dass du endlich findest, was dich glücklich macht.“

„Ich bin glücklich, April.“ Das Gebräu war nicht besonders gut, aber es kitzelte in der Nase und schwemmte den Anflug von Irritation, den sie bei Aprils Toast gern empfunden hätte, einfach so weg. „Nicht jeder braucht einen Mann an seiner Seite, um zufrieden zu sein. Was du mit Tyron hast, ist außergewöhnlich.“

„Aber du lässt den Männern ja gar keine Chance. Wenn du nicht bereit bist, sie auch einmal hinter deine …“

Das Klingeln ihres Handys verhinderte, dass April mit ihrer Predigt fortfahren konnte. Nicht, dass Elena nicht auch so gewusst hätte, worauf die Freundin hinauswollte. Sie hatte sich das schon zig Mal angehört. Und zig Mal hatte sie sich gewunden, weil sie insgeheim wusste, dass April recht hatte. Aber etwas zu wissen und seine Verhaltensweise auch zu ändern, waren zwei unterschiedliche Dinge. Klar war sie neidisch auf das, was April und Ty hatten. Aber sich auf einen Mann einzulassen, bedeutete, sich öffnen zu müssen, und eher würde sie als alte Jungfer sterben, als dass sie jemandem erlaubte, einen Blick in die Abgründe ihrer Seele zu werfen.

Ein Blick auf das Display des Handys verriet ihr, wer dran war. Sie wischte über den Bildschirm und nahm das Gespräch an. „Hey, Randall.“

„Elena …“ Seine Stimme klang abgehackt und rau. Elena drehte sich mit dem Gesicht in die nächstbeste Ecke, damit sie ihm besser zuhören konnte. Er sprach so leise.

„Was ist?“, wollte sie wissen. „Ich habe dir doch erzählt, dass ich heute mit April …“

„Mir ist das Essen angebrannt.“

Er sprach so erschöpft, dass sich ein erster Anflug schlechten Gewissens regte. Seit Melissa vor gut eineinhalb Jahren gestorben war, kämpfte ihr Pflegevater mit dem Alltag. Auch sie trauerte noch immer um die Frau, die ihr das Selbstbewusstsein wiedergegeben hatte, das Leben anzugehen. Doch für Randall, der beinahe ein halbes Jahrhundert an der Seite seiner Ehefrau verbracht hatte, war es besonders schlimm.

„Kannst du nicht Karen fragen, ob sie dir etwas vorbeibringen kann?“

„Ich bin so müde, Darling.“

„Ich weiß, Dad.“ Absichtlich benutzte sie den Kosenamen, bei dem sie Randall selten nannte. Sie war schon zu alt gewesen, als Randall und Melissa sie aufgenommen hatten. Ein Teenager, ja, aber mit einem Erfahrungsschatz, der den meisten Menschen ein Leben lang erspart blieb.

„Kannst du nicht vielleicht …“

Der Gong rief die Zuschauer zu ihren Plätzen. „Dad, ich muss jetzt Schluss machen. Ich bin mit April im Onyx. Wir schauen uns die Zaubershow an, ich habe dir davon erzählt. Wir müssen jetzt zu unseren Sitzen.“

„In Ordnung, Kleines. Ich verstehe schon.“

Sie schloss kurz die Augen. Gott, wie sie es hasste, wenn sie diese Enttäuschung in seiner Stimme hörte. Sie liebte Randall. Liebte ihn von ganzem Herzen. Sie wusste, was sie ihm und Melissa zu verdanken hatte. Die beiden waren die besten Menschen auf der Welt. Sie hatten ihr ein Zuhause gegeben, eine Perspektive, und ihr beigebracht, an sich zu glauben. Aber in Augenblicken wie diesem fühlte sie einfach nur Erschöpfung. Zwar las Randall immer noch die Messen in der Baptistischen Gemeinde in Summerlin, der er vorstand, und arbeitete als Seelsorger im High Desert Gefängnis, aber seit Melissas Tod hatte er sich mehr und mehr aus dem sozialen Leben der Gemeinde zurückgezogen. Er verkroch sich in seinem Haus und die Einzige, die er wirklich noch an sich heranließ, war sie. Wenn sie ihm von einem Erfolg in ihrem Job erzählte, blühte er auf. Dann glomm ein Rest von dem Funkeln in seinen Augen, das ihn immer zu etwas Besonderem gemacht hatte. Wenn sie niedergeschlagen war oder deprimiert, weil es auf der Arbeit nicht lief, wie es sollte, ärgerte er sich mit ihr. Ihre Gefühle waren zu seinen geworden. Ihr Leben zu seinem. Das war so anstrengend. Sie tat, was sie konnte. An mindestens drei Tagen unter der Woche fuhr sie nach Feierabend hinauf nach Summerlin. Dann kochte sie Tee für sie beide und erzählte Randall von der Arbeit. Der gemeinsame Lunch an den Sonntagen war ebenfalls eine Tradition, die sie nicht einschlafen lassen wollte. Nebenbei sorgte sie ein bisschen für Ordnung im Pastorenhaus oder kochte für Randall. Sie tat es gern, gleichzeitig hasste sie es, weil es bedeutete, dass ihr Leben nie vollständig ihr gehörte. Es vermittelte ihr ein Gefühl, als würde sie auf ewig ein Kind bleiben. Gott, sie war so eine miserable Tochter. Sie atmete einmal tief durch. Der zweite Gong ertönte.

„Hör zu, Dad. Ich komme morgen vorbei, in Ordnung? Ich hab zwar Spätschicht, aber ich werde einfach länger Mittag machen. Ich bring ein paar Einkäufe mit, okay?“

„Ist schon gut. Du hast immer viel zu tun. Du kannst dich nicht dauernd um deinen alten Pflegevater kümmern. Ich verstehe das schon.“

Seine Worte verengten ihr die Kehle. Sie hieß das Gefühl willkommen. Nicht nur, weil sie es verdiente, sondern auch, weil der Kloß in ihrem Hals sie daran hinderte loszubrüllen. Er verstand gar nichts! Oder doch, er verstand sehr gut, und irgendwo im rationalen Teil ihres Hirns wusste sie, dass er es auch ernst meinte. Aber er erdrückte sie. Er erdrückte sie mit seiner Liebe und seinem Verständnis und mit der dreimal zur Hölle verfluchten Einsamkeit, die sie in seiner Stimme hörte. Es wäre so viel leichter, wenn er sie nicht verstanden hätte.

„Hab viel Spaß, mein Mädchen. Du bist doch das Einzige, was ich habe.“

„Danke“, presste sie an dem Kloß vorbei. „Ich muss jetzt wirklich aufhören. Bis morgen.“ Ob es ihr gelungen war, so fröhlich zu klingen, wie sie beabsichtigt hatte, konnte sie nicht sagen. Zu laut rauschte das Blut in ihren Ohren, so erleichtert war sie, als sie das Gespräch endlich beendete. Oh, sie war eine solche Heuchlerin. Er konnte doch nichts dafür, dass er alt geworden war und sein Leben ihn einsam machte. Das war der Lauf der Dinge. Man nannte es Generationenvertrag. Eltern gaben ihren Kindern Schutz und Liebe, wenn sie klein waren. Und später, wenn die Eltern alt wurden, waren es die Kinder, die diese Liebe und Fürsorge zurückgaben. Randall und Melissa hatten immer alles für sie getan. Viel mehr, als es ihre Pflicht gewesen wäre. Sie war diejenige, die etwas falsch machte. Weil sie egoistisch war und einen Abend lang Bühnenluft und Champagner schnuppern wollte, ohne dabei an Randall denken zu müssen, wenn sie sich insgeheim vorstellte, den glamourösen Zacharias Zealand von oben bis unten mit der Zunge abzuschlecken. Als ob das nicht reichte, wurde sie wütend auf Randall, weil der ihr bewies, dass er an sie dachte und sie liebte.

„Alles klar bei Randall?“, fragte April, die ihr offensichtlich an der Miene ablesen konnte, dass gar nichts klar war.

Elena zwang sich zu einem Grinsen. „Alles bestens. Komm, Mr. Zealand wartet auf uns.“ Sie hakte sich bei ihrer Freundin ein und gemeinsam suchten sie den richtigen Eingang zum Parkett. Morgen, sagte sie sich. Ab morgen werde ich endlich lernen, eine bessere Tochter zu sein.

*

Lateinamerikanische Klänge brandeten durch das Theater, ein treibender Rhythmus. Lichteffekte, dezent genug, um die Flammenspiele nicht zu ersäufen, aber brillant genug, um die Bühne in ein Meer aus Farben zu tauchen. Die Show ging ins letzte Drittel. Zweimal hatte Zacharias Zealand bereits ins Publikum gegriffen, hatte sich Zuschauer ausgesucht, die kein Problem damit hatten, sich im Rampenlicht zum Kasper zu machen. Es erforderte eine Menge Menschenkenntnis, dem richtigen Trick auch das richtige Opfer zuzuordnen. Der Trick mit den zu Staub zerfallenen Eheringen funktionierte jedes Mal, auch bei den überschminkten Frauen in der ersten Reihe, die er alle schon so oft in seinem Theater gesehen hatte, dass er sich wunderte, ihre Namen noch nicht zu kennen. Mit einem jungen Mädchen hatte er der uralten Geschichte von der zersägten Frau einen neuen Twist gegeben. Diesen Trick wendete er selten an, weil er an die Nerven ging. Nicht seine Nerven, sondern die seines Publikums. Heute hatte er das gebraucht. In seiner Version wurde die willige, weil das Rampenlicht liebende, junge Frau in ihrem hautengen Kleid auf der Pritsche festgeschnallt. Das Gefühl lederner Riemen in seiner Hand, das Gefühl von Haut, die unter seinen Fingern klamm wurde vor Nervosität. Wie er danach gegiert hatte, heute.

Er hasste die Show am Mittwoch. Die erste nach den beiden Tagen am Wochenanfang, an denen das Theater ruhte. Zu lange seit Samstag. Sein Körper und sein Geist begannen zu kribbeln, sich zu sehnen. Zu lange hin bis zum nächsten Samstag, sodass er unleidlich wurde und sich wünschte, dass nach der Show eine Frau auf ihn warten würde wie die, die er zum Zersägen auf die Pritsche geschnallt hatte. Eine, die ihn in seinem Penthouse noch ganz andere Dinge mit ihrem Körper tun ließ. Aber da wartete keine, und wenn es nach ihm ging, würde nie eine warten. Er holte sich seine Frauen samstags aus dem Desert Rose Club in Paradise und sonst nirgendwo her. Dort spielten Namen keine Rolle, dort war er nur Master Z. Ein Leben wie das, welches er führte, brachte auch Nachteile. Bei den Frauen, die er im Club kennenlernte, waren die Rollen klar verteilt. Die wollten nicht Zacharias Zealand, die wollten Master Z. Auch wenn es ihm manchmal mehr abforderte, als er zugeben wollte, wusste er, dass das Desert Rose der einzige Ort war, wo dies so war. Nur dort verblassten sein Geld und sein Status hinter dem, was er zu geben hatte.

Der Rhythmus der Musik änderte sich, elektronische Mambo-Klänge waberten über die Bühne, aus den Bodenfackeln schossen Funkenfontänen. Marilou hatte sich umgezogen und betrat im freizügigen Latina-Tanzkostüm die Bühne. Ein paar schnelle Schritte, Drehungen, mehr Funkenflug. Zacharias’ weit offener Mantel schwang um seine Beine und um ihre. Seine Lederhose schmiegte sich weich und geschmeidig an seine Beine, gab ihm genug Bewegungsfreiheit. Der Klammerblues erinnerte die Zuschauer an einen Klassiker unter den Tanzfilmen der Achtzigerjahre, die Fans johlten und pfiffen, er zog seine Assistentin in ein paar zusätzliche Drehungen, um die Menschen zu verwöhnen.

„Hast du ausgesucht?“, fragte Marilou, als ihr Mund an seinem Ohr vorbeiwischte.

Im letzten Drittel der Show wurde die Hitze hochgedreht, im wahrsten Sinne des Wortes. Die Lichtshow auf ein Minimum heruntergefahren, die ganze Bühne stand in Flammen. Die atemlose Spannung, die sich unter den Zuschauern ausbreitete, griff auf die Protagonisten auf der Bühne über, obwohl alle dort wussten, was wann und warum passierte. Zacharias hatte seine fast hüftlangen Haare zu einem festen Zopf geflochten. Offenes Feuer und langes Haar vertrugen sich nicht. Er suchte sich für den letzten Akt gewöhnlich eine Frau mit goldener Haut, dunklen Haaren und tiefbraunen Augen aus. Eine Feuerbraut. „Habe ich“, sagte er und grinste sie an.

„Du wirkst angespannt“, informierte sie ihn. „Ich glaub, die erste Reihe merkt das genau.“

„Ich bin in der Tat angespannt, meine Schöne, und diese erste Reihe merkt aber auch alles.“

Er ließ ihre Hüften los, wirbelte sie um sich herum, ging in die Hocke und ergriff Marilous Knie. Das hörbare Luftschnappen des Publikums war die Belohnung, als er seine Assistentin in die Luft warf und sie nach einem schwerelos anmutenden Salto nahtlos zu schweben begann. Beleuchtet vom Flammenschein, eingehüllt in Rauchschwaden. Die Illusion war perfekt. Er folgte ihr, sie setzten ihren Mambo hoch in der Luft fort, das Publikum tobte. Marilou grinste.

„Du bist und bleibst der Beste, Zach“, sagte sie und zwinkerte ihn an.

„Ich weiß.“ Er griff nach ihrer Hand, zog sie zu sich heran, um sie dann von sich wegzuschleudern auf die andere Seite der Bühne. Mit grazilem „Flügelschlag“ ihrer Arme kehrte sie zu ihm zurück, ließ sich auffangen, aneinandergeklammert sanken sie auf den Bühnenboden zurück. Kein Hintern im Zuschauerraum war noch auf seinem Platz.

„Wen soll ich holen?“, fragte Marilou.

„Ich hole sie selbst.“

Oh ja, diese Frau würde er selbst auf seine Bühne holen. Er hatte sie schon im Foyer beobachtet, als sie dort zusammen mit einer anderen ein Glas Sekt geschlürft hatte. Sie hatte ihn ebenso wenig gesehen wie die anderen dort. Er hatte es sich zur Angewohnheit gemacht, sein Publikum genau unter die Lupe zu nehmen, und nicht erst nach Beginn der Show. Die andere, ihre Freundin, kannte er flüchtig. Ihretwegen war er überhaupt erst auf die beiden aufmerksam geworden. Tyrons Partnerin im Desert Rose. Aber es war nicht sie, die er auf der Bühne wollte. Es war die andere.

Langes, glattes Haar in einem durchdringenden Kupferton, durchscheinend blasse Haut. Sie zog das linke Bein ein wenig nach, schien sich irgendwann mal am Knie verletzt zu haben. Es fiel nur denjenigen auf, die ganz genau hinsahen. Anderen Frauen würde eine solche Behinderung, und wäresie noch so subtil, das Selbstbewusstsein rauben, aber diese hier trug den Kopf hoch erhoben und war eine, die weder nach Äußerlichkeiten urteilte, noch danach beurteilt werden wollte. Für den Trick mit den Ringen kam sie nicht infrage, denn sie trug keine. Zum Zersägen war sie auch nicht die Richtige, sie wirkte viel zu konservativ, um sich auf seiner Bühne Riemen anlegen zu lassen. Ein Umstand, der ihm das Blut in die Hose trieb, er liebte Herausforderungen. Wenn sie mit Tyrons Sub hier war, musste sie wissen, dass es alternative Lebensstile gab und er ihnen nachging. Aber er hatte sie noch nie im Desert Rose gesehen. Unter Garantie wäre sieihm dort aufgefallen.

Blieb die Feuerbraut. Rein optisch war diese Frau genau das Gegenteil der Feuerbraut, die sonst immer ein Abbild südamerikanischer Leidenschaft war. Die Rothaarige wirkte eher wie eine keltische Prinzessin. Kühl, beherrscht. Er würde darüber hinwegsehen. Sie wollte nicht nach dem Äußeren gehen. Er würde es auch nicht tun. Er hatte gesehen, wie sie sich bewegte. Eine natürliche Anmut wohnte in ihr, wie bei einer Frau, die zum Tanzen geboren war und die bedeutete, dass tief unter dem kühlen Panzer eine Leidenschaft brannte, die nur darauf wartete, geweckt zu werden.

Mit der Feuerbraut tanzte er nicht, wie er es mit Marilou tat. Zu dieser Art von Tanz war es notwendig, aufeinander eingespielt zu sein, wenigstens die grundlegenden Schritte einstudiert zu haben, auch wenn der Rest Improvisation war. Sie würde nicht mit ihm tanzen, aber vielleicht gelang es ihm, ihre Augen zum Singen zu bringen.

Als er mit wehenden Mantelschößen zum Bühnenrand lief und den guten halben Meter nach unten sprang, kreischten nicht nur die Damen der ersten Reihe auf. Hände streckten sich nach ihm, ein paar von ihnen gelang es, sich kurzzeitig in das weiche Leder des Mantels zu verkrallen, ehe die vollkommen überrumpelte Security zur Stelle war und die Frauen zurückdrängte. Absperrungen gab es nicht. Dass er sich Statisten aus dem Publikum suchte, kannten und liebten seine Fans, wussten und hassten seine Bodyguards. Dass er selbst sich zwischen die Stuhlreihen begab, um seine Opfer auf die Bühne zu holen, war so selten, dass es fast in einen Tumult mündete. Er ließ die Reaktion der Menschen an sich abperlen, lief unbeirrt den Gang hinauf bis Reihe fünf, der achte Sitz rechts vom Mittelgang aus. Er streckte ihr die Hand hin, fing ihren Blick mit seinem, krümmte die Finger in stummer Einladung. Sie konnte nicht missdeuten, was er von ihr wollte.

Ihre Freundin, im siebten Sitz gleich neben ihr, klatschte und hüpfte vor Begeisterung und schubste sie mit der Schulter an. Das war nicht die demütige Begleiterin von Tyron Black, wie er sie kannte. Er ignorierte sie, hatte nur Augen für die Frau mit den Feuerhaaren. Über das Rufen und Jubeln des Publikums hinweg drang die Stimme von Tyrons Gefährtin zu ihm durch: „Es ist ihr Geburtstag, woher hast du das gewusst? Bist du vielleicht ein Magier?“

Er grinste die Subbie aus dem Augenwinkel an, krümmte erneut die Finger zu der Rothaarigen. Na, das passte. Seine Auserwählte verdrehte die Augen zu der anderen und schob sich schließlich an den sechs Menschen vorbei, die sie von ihm trennten, bis sie ihre Hand in seine legte. Ihre Finger waren warm. Wie zufällig glitt sein Daumen über den Puls an ihrem Handgelenk. Beschleunigt, ganz sicher, aber nicht aus Angst. Ihre Wangen waren zart gerötet, ihre Augen glitzerten ihn an. Sie hatte graugrüne Augen, wie Nebelschleier vor einem bewaldeten Bergrücken. Mit einer fließenden Bewegung legte er einen Arm um ihre Mitte und zog sie an sich. Ihre kleinen, schmalen Hände landeten auf seiner nackten Brust. Sie zog die Finger zurück, als hätte sie sich verbrannt, aber das Glitzern in den Augen und das Blut in ihren Wangen, sowie das ehrliche Lächeln in ihren Mundwinkeln blieb. Er sah an ihr hinunter, registrierte das ärmellose schwarze Oberteil mit den Strassperlen, dazu ein weit fließender Rock aus ebenfalls schwarzer Seide, der in der Mitte ihrer Oberschenkel endete und locker ihre Hüften umspielte. Hochhackige Sandalen. Perfekt.

„Wie heißt du?“, fragte er.

„Elena.“

„Elena.“ Er ergriff ihr Handgelenk und zog sie hinter sich her auf dem Weg zurück zur Bühne. Rafe war neben ihm aufgetaucht, ausgerüstet mit Kopfhörer und Mikrofon und im Knöchelhalfter eine Pistole, aber das wusste niemand außer ihm. Sein Bodyguard war so berühmt und berüchtigt wie er selbst. Die ausgestreckten Hände zogen sich augenblicklich zurück. Der Weg zur Bühne war frei. Er winkte, und Marilou warf ihm auf den letzten zehn Schritten ein Mikrofon zu.

„Herzlich willkommen, Elena“, rief er, noch während er die Bühne erklomm. „Sag Hallo zu deinem Publikum!“ Er beugte sich zu ihr hinunter, zwinkerte sie an und ergriff ihre Handgelenke. Ihre Hände waren sehr schmal,wirkten zerbrechlich wie Glas, was seinen Puls beschleunigte, als er sich vorstellte, wie diese Handgelenke in Manschetten oder Handschellen aussehen würden. Mit einem Ruck zog er sie auf die Bühne. Sie stolperte gegen ihn. Er warf das Mikrofon von sich, packte sie, drehte sie in die perfekte Tanzhaltung. Heute pfiff er darauf, dass er mit der Feuerbraut niemals tanzte. Er pfiff darauf, dass sie die Schritte nicht kannte. Er wollte mit ihr tanzen. Die Soundtechniker schraubten die Musik wieder hoch. Auf sein Handzeichen änderten sie die Musik, ließen einen Song ganz subtil in einen anderen übergehen. Er fing Marilous überraschten Blick auf. Die treibenden Rhythmen von Bachata waren unverkennbar. Sofort nahm Elena den Takt auf. Mit den Fersen in den hochhackigen Sandalen klopfte sie den Rhythmus auf das Parkett. Kokett wiegte sie die Hüften unter seiner Hand.

Zacharias musste sich zusammenreißen, um nicht die Kontrolle zu verlieren. Ihre Augen glänzten, sie ließ sich mit der Selbstverständlichkeit einer Tänzerin führen, die für die Begeisterung ihres Publikums lebte. Er schob einen Oberschenkel zwischen ihre Beine, ging in die Knie, rieb seinen Unterleib an ihrem, lockte die Reaktionen aus ihr heraus. Sie ging mit, ohne zu zögern. Jede Drehung, jeden Schritt, die Arbeit mit Armen und Beinen. Sie tanzte nicht zum ersten Mal auf einer Bühne. Sie improvisierte, aber mit einer Selbstverständlichkeit und Intuition, die ihm den Atem nahm. Sie warf den Kopf in den Nacken und lachte, während er sie unter seinem Arm hindurch drehte. Von ihm weg, dann wieder zurück. Ihr Vertrauen in seinen Griff, als er sie hintenüberbeugte, bis ihre Haare den Boden berührten, rieselte ihm heiß das Rückgrat hinab. Das Publikum johlte. Verrückt, sie tanzte, als hätte sie nie etwas anderes getan. Sie war so weich in seinen Händen, schmiegsam wie Wachs. Dass sie eine Knieverletzung hatte, merkte da unten vermutlich niemand. Für die Zuschauer musste es wie einstudiert wirken, aber er war überzeugt, dass es dermaßen heiß aussah, dass niemand sich daran störte. Er hätte ewig mit ihr tanzen können. Zum Glück fing er wieder einen Blick von Marilou auf. Seine Assistentin sah nicht verärgert aus, eher amüsiert, aber ihr Blick erinnerte ihn daran, dass an der Seite der Bühne die Eisblöcke schmolzen.

Widerwillig gab er Elena frei und küsste ihren Handrücken. Mit einem Blick dankte er ihr für den Tanz. In das Nebelgrün ihrer Augen zu sehen, fühlte sich an, wie nackt im Regen zu tanzen. Marilou tänzelte heran und reichte ihm ein neues Mikro. „Elena.“ Seine Stimme streichelte den Namen. „Magst du das Spiel mit dem Feuer, Elena?“

Sie senkte den Blick. Er legte einen Finger unter ihr Kinn und hob ihr Gesicht zu sich. Ihre Haut war makellos und warm unter seinen Fingern. „Du wirst für mich mit dem Feuer spielen, Elena“, sagte er fest. Ihre Pupillen weiteten sich, vermutlich war sie sich nicht mal bewusst, dass sie nickte.

Zwei Assistenten brachten die kleinen Blöcke aus Eis. Jeder Würfel so groß, dass er gerade auf Elenas zierliche Handfläche passte. Wieder änderte sich die Musik, in eine Melodie ohne Rhythmus, mysteriös, enervierend. Zacharias drehte Elena zum Publikum, stellte sich hinter sie und legte seine Hände um ihre Schultern. Er widerstand dem Drang, sie an sich zu ziehen. Unter ihrem Ohr klopfte der Puls. Er inhalierte ihren natürlichen Duft und ließ seine Hände über ihre Arme nach unten gleiten. Fest ergriff er ihre Hände, streckte ihre Arme zu den Seiten aus, die Handflächen nach oben gedreht. Er brachte seinen Mund an ihr Ohr, seine Lippen ganz nah an ihrem rasenden Puls. Er begann, das Publikum zu vergessen, nur noch sie wahrzunehmen. „Es gefällt mir, dich so zu sehen, Elena“, sagte er und genoss, wie ein Schauder sie erzittern ließ. Hauchzart strich er über die Innenseiten ihrer Arme zu ihren Achseln, von dort an ihren Seiten hinab, über ihre Hüften. Sie fühlte sich zu gut an.

In diesem Moment entschied er, dass er sie wiedersehen würde. In ihr steckte so viel mehr. Er würde es aus ihr herausholen. Wenn einer das konnte, dann Zacharias Zealand. Er nickte den Assistenten zu, die herantraten und die Blöcke auf Elenas Handflächen legten. „Kannst du das halten?“, fragte er leise in ihr Ohr. Ihre Haut duftete nach Marzipan und Dekadenz. „Oder sind die zu schwer?“

Sie schüttelte den Kopf. Nicht zu schwer. Vermutlich aber sehr kalt.

„Sie schmelzen schnell“, sagte er und grinste. „Vermutlich wirst du finden, dass sie viel zu schnell schmelzen.“ Dann trat er neben sie, nahm das Mikrofon. „Elena. Woraus bestehen diese Würfel?“

„Aus Eis“, sagte sie, die Stimme klar, ein ganz leichtes Beben. Aufregung, Begeisterung. Sie schien für die Bühne geboren zu sein. Eine Tänzerin, eine Entertainerin.

„Kann Eis brennen, Elena?“

„Nein.“

„Aber wir wollen ja nicht, dass Elena die Hände erfrieren, nicht wahr?“ Er richtete die Frage an das Publikum. Der langgezogene Pfiff kam von ihrer Freundin. Zach fuhr mit der Hand an einem der Fackelständer hinauf, sodass seine Handfläche gerade genug von dem dort deponierten Petrosol aufnahm. Seine Fingerspitzen schienen Feuer zu fangen, als er die Hand durch die Fackel zog. Elena wollte zurückweichen, kämpfte den Impuls jedoch nieder und blieb brav stehen. Das schmelzende Eis tropfte durch ihre Finger. Zacharias führte seine brennende Hand über die Eisblöcke hinweg, die sofort Feuer fingen. Elena schnappte nach Luft, schwankte ein wenig.

„Wenn du dich bewegst, fallen die Würfel, Elena“, sagte er, zu ihr ebenso wie zum Publikum. „Wenn die Würfel gefallen sind, gerät meine ganze Bühne in Brand. Willst du das?“

Heftig schüttelte sie den Kopf.

„Ich frage dich noch einmal, Elena. Kann Eis brennen?“

Sie lachte. Ein gelöstes, befreites Lachen. „Ja!“, rief sie. „Eindeutig.“

Natürlich durchschaute sie ihn. Die Geschwindigkeit, mit der die Flüssigkeit durch ihre Finger rann und, sobald die Tropfen auf dem Boden aufschlugen, zu evaporieren schien, machte deutlich, dass das kein gefrorenes Wasser auf ihren Händen war. Riechen konnte man es außerdem, wenn man so dicht danebenstand. Es war hochprozentiger Alkohol, der über mehrere Tage hinweg in einer auf hundert Minusgrade gekühlten Kammer gefroren war. Die Blöcke standen auf kälteunempfindlichem Material, sodass das Eis nicht ihre Haut verbrannte. Er zwinkerte ihr zu, sie hob die Brauen und nickte verschwörerisch. Zacharias nahm unbemerkt zwei kleine Stücke Blitzwatte aus den weiten Manteltaschen und warf sie auf die brennenden Eiswürfel. Meterhohe Stichflammen züngelten hoch. Elena schrie leise auf, aber rührte sich nicht. Mit brennenden Fingerspitzen legte Zacharias seine Arme von hinten um sie und stellte sich vor, welches Bild sie abgaben. Der Meister der Flammen und die Feuerbraut. „Kannst du noch?“, fragte er an ihrem Ohr. Durch den Geruch von brennendem Alkohol hindurch konnte er den Duft ihres Körpers wahrnehmen, der ihn betrunken zu machen drohte. Er wollte wieder tanzen. Nur noch mit ihr.

„Die Würfel sind gleich geschmolzen“, gab sie zu bedenken. Weniger als ein Viertel war von jedem Würfel übrig geblieben.

„Noch zehn Sekunden“, sagte er. „Für die Show.“ Er senkte seine Stimme weiter, brachte seinen Mund noch näher an ihr Ohr. „Für mich.“ Nur noch die Erinnerung an Luft trennte seine Lippen von ihrem Hals. Ganz deutlich sah er die Gänsehaut, die an ihrer Kehle erblühte. Schauder rannen unter ihrer Haut entlang.

„Das ist zu lange.“

„Tu es.“ Er strich über ihre nackten Arme, gerade in dem Moment, als die Flämmchen an seinen Fingerspitzen versiegten.

„Ich muss jetzt loslassen“, wisperte sie, ein Hauch Angst nun in ihrer Stimme. „Es wird schon warm auf den Händen.“

„Drei Sekunden.“

Ihr Atem ging schneller.„Bist du immer so?“, japste sie, Fassungslosigkeit in der Stimme, Aufregung.

Ihre Schultern bebten, aber sie ließ die Arme nicht sinken. Sie hielt es aus, entgegen aller Vernunft, entgegen demImpuls, ihre Hände unter dem brennenden Alkohol hervorzuziehen.

„Oh ja.“ Hart griff er nach ihren Ellenbogen, riss ihre Arme herunter, die letzten schmalen Platten aus Eis fielen polternd zu Boden und verglühten in noch mehr Stichflammen, die dem Blick des Publikums verborgen blieben durch einen plötzlich vom oberen Bühnenrand einsetzenden Funkenregen.

Sekunden später verbeugte er sich zusammen mit ihr, riss ihre Hand hoch. „Ein Applaus für Elena, die Feuerbraut!“ In seiner Hand, die sich für die Dauer eines Herzschlages um ihre schloss, lag seine Visitenkarte. Als er losließ, blieb die Karte in ihrer Handfläche liegen.

Ohne ein weiteres Wort wandte er sich von ihr ab, stürmte auf die hinteren Bühnenaufbauten hinauf und setzte seine Show fort. Er wollte einfach nicht der Versuchung erliegen, weiter mit ihr zu tanzen und die ganze Show zu sprengen. Nur aus dem Augenwinkel beobachtete er, wie Elena einen Moment orientierungslos und vollkommen verwirrt am Bühnenrand stehenblieb, ehe Raphael ihr in den Zuschauerraum hinunterhalf. Sie schien sich zu zwingen, das Stück Pappe in ihrer Hand zu ignorieren. Ihre Faust schloss sich ganz fest darum.

Das Publikum hatte die junge Frau längst vergessen. Für sie zählte nur Zacharias, der nahtlos in sein nächstes Kunststück übergegangen war und sich in einen Glaskäfig einsperren ließ, der gleich schweben und schließlich in einem Feuerball explodieren würde. Fast unbemerkt lief sie zurück an ihren Platz. Das Letzte, was ihm auffiel, ehe aufsteigender Rauch ihm die Sicht versperrte, war, dass sie jetzt wieder das Bein nachzog.

Kapitel 2

Elena schwebte. „Danke, April, das war der tollste Geburtstag aller Zeiten!“

Ihr Knie fühlte sich elastischer an als je zuvor, es störte sie kein bisschen, dass sie es nicht richtig belasten konnte. Der Augenblick, als Zacharias Zealand sie auf seine Bühne hinaufgezogen und das Licht des Bühnenspots sie ergriffen hatte, war magisch gewesen. Anders konnte sie es nicht beschreiben. Keine Schmerzen im Knie. Der unbändige Drang zu tanzen.

Tanzen.

Sie kannte den Rhythmus nicht, kannte die Musik nicht, kannte die Schritte nicht. Sie hatte sich einfach führen, Musik und Rhythmus auf sich wirken lassen. Hatte in diese dunklen, dunklen Augen geschaut und gesehen, was er von ihr wollte. So deutlich, als würde er es laut sagen. Wohin sich drehen, wann das Knie an seinem Oberschenkel entlang hinauf zu seiner Hüfte ziehen. Im Leben nicht hätte sie erwartet, dass sich einer der größten Magier seiner Generation mit einem Entlein wie ihr in einen solchen Tanz begeben würde. Das war verrückt. Surreal. Außerirdisch. Sie hatte alles gegeben.

Zacharias Zealand hatte alles genommen.

„Das war der Wahnsinn! Ihr habt so toll zusammen ausgesehen, so wie …“ April stockte, schien nach dem richtigen Vergleich zu suchen.

„… wie der Schöne und das hinkende Biest?“, half Elena halb im Spaß aus. Sie spürte das Blut durch ihren Körper sprudeln. Die Begeisterung hallte noch immer nach. Sie lief wie auf Wolken.

April lachte, stieß sie mit dem Ellenbogen in die Seite. „Du bist echt unmöglich. Warum machst du das immer? Du siehst toll aus. Keinem Menschen fällt das mit deinem Knie auf. Männern erst recht nicht. Die sind viel zu abgelenkt von deinen Beinen. Ich würde morden für solche Beine. Du hättest dich tanzen sehen sollen. Sowas hab ich noch nie gesehen. Ich hab zugeschaut und gedacht, verdammt, ich will das auch können. Hast du eine Ahnung, wie neidisch ich auf dich war?“

Im Licht der Gehsteiglampen musterte Elena kopfschüttelnd ihre Freundin. April war die personifizierte Sinnlichkeit. Böse Zungen könnten behaupten, dass sie ein wenig übergewichtig war, aber ihre Kurven hatten absolut nichts Unattraktives. Weder klein noch groß hatte sie runde Hüften, einladend volle Brüste, einen göttlichen Hintern und ein süßes, herzförmiges Gesicht, um das sich weich und voll ihre dicke brünette Mähne kringelte. Sie war Weiblichkeit in Reinkultur und das absolute Gegenteil von Elena selbst. Ja, es stimmte schon. Ihre Beine waren nicht schlecht. Sehr schlank, wie alles an ihr. Im Gegensatz zu April hatte sie keine nennenswerten Kurven. Ihre Figur war hager, knabenhaft. Ihr spitzes Kinn hatte sie schon immer verabscheut, genauso wie ihre viel zu dünnen Lippen und ihre Brüste, die eigentlich gar nicht da waren.

Unter einer der Straßenlaternen blieben sie stehen. Tyron hatte sie heute am frühen Abend zum Theater gebracht und sie hatten verabredet, dass sie für den Rückweg ein Taxinehmen würden. Zuerst hatte Elena protestiert, dass auch sie fahren könnte. Aber schon bald musste sie einsehen, dass es auch außerhalb des Desert Rose Clubs Dinge gab, bei denen Tyron Black, Inhaber und Geschäftsführer einer exklusiven Real Estate Agentur in Paradise, zu Master Tyron wurde und keine Diskussion duldete. Offenbar gehörte dazu auch die Tatsache, dass er keinesfalls zulassen würde, dass die Frauen selber fuhren. Weil ja mehr als nur der Hauch einer Möglichkeit bestand, dass sie im Theater ein Glas Champagner tranken.

„Meinst du, hier bekommen wir ein Taxi?“ Suchend sah April sich um.

„Wird schon eines kommen.“ Elena folgte dem Blick der Freundin ins Nichts. Die Nacht war angenehm warm, ihr Adrenalinspiegel noch immer hoch genug, um die Atmosphäre in Downtown richtig zu genießen.

„Du hast voll auf Zacharias reagiert. Ich habe dich noch nie so erlebt“, murmelte April nach einer Weile. So leise, als spräche sie mit niemandem im Speziellen. „Du solltest wirklich einmal mit in den Club kommen.“

„April …“ Es war ein wirklich schöner Abend gewesen,sie wollte sich das Hochgefühl noch ein wenig bewahren. Sie wussten beide, was für ein Mann Zacharias Zealand war, wenn er nicht auf seiner Bühne stand. Genaugenommen war es kein Wunder, dass er sie so leicht hatte führen können. Er war ein dominanter Mann, einer, der es gewohnt war, dass Frauen taten, was er wollte. Der es gewohnt war, dass ein Blick genügte, eine Geste, ein knappes Wort. Er war einer, dem Frauen gefallen wollten. Frauen, die sich von ihm verführen ließen, gab es genug. Laut Aussage von April an jedem Samstagabend eine andere. Er war ein schöner, buntschillernder Schmetterling, der von Blüte zu Blüte flog, am Nektar nippte und nicht verweilte. Definitiv war er nicht der Richtige für sie.

„Nein, wirklich, Elena. Das musst du doch selbst gemerkt haben. Ich konnte deine Gänsehaut bis in die fünfte Reihe sehen, als er dir was ins Ohr geflüstert hat. So, wie du auf ihn reagiert hast, hab ich halb damit gerechnet, dass du vor ihm in die Knie gehst und dich ihm anbietest.“ Ein kleines Kichern zeigte, dass ihr die Vorstellung gefiel.

Elena seufzte. Dazu war sie nicht der Typ. April wusste das, sie hatten oft genug darüber gesprochen. Nicht einmal für den Magier würde sie so etwas tun. Das war nicht sie. „Du und Ty, ihr seid Ausnahmen, Schätzchen. Wie oft muss ich das noch sagen? Liebenswerte Raritäten.“ Sie griff in ihre Clutch und zog mit spitzen Fingern die Visitenkarte heraus.

„Was ist das?“, fragte April neugierig. Ihre Augen weiteten sich. „Hat er dir das gegeben? Das fasse ich nicht! Zacharias Zealand hat dir seine Telefonnummer in die Hand gedrückt und du sagst kein Wort zu mir?“

Sie verzog das Gesicht zu einem hilflosen Grinsen. „Sieht so aus. Und nun?“

„Ruf da an! Jetzt! Sofort! Ruf da sofort an!“

„Ganz sicher nicht. Wir beide wissen, was er von mir will. Wenn er überhaupt etwas von mir will. Mach einen anderen Vorschlag.“

April wies auf die leere Straße vor ihnen. „Das kann Stunden dauern, ehe hier ein Taxi ankommt. Jetzt komm schon, was wäre ein schönerer Zeitvertreib als ein lockerer Plausch mit dem Meister persönlich?“

Elena bezweifelte, dass irgendwas an so einem Plausch locker sein würde. Sie betrachtete den schweren lackierten Karton, aus dem das Kärtchen gemacht war. „Der hat doch jetzt anderes zu tun und wird sicher … April!“ Mit einem beherzten Griff hatte sich ihre beste Freundin zu ihrer ärgsten Feindin gemausert und ihr die Karte entrissen. Lachend lief April auf die andere Straßenseite hinüber. Weil weiter unten eine Ampel auf Grün gesprungen war, kamen ausgerechnet jetzt vier Autos dicht hintereinander. Keines davon ein Taxi. Elena konnte ihr nicht auf die andere Seite folgen und musste hilflos mitansehen, wie April ihr Handy zückte und die Nummer wählte. „Ich bringe dich um, Missy! Lass das!“

Endlich eine Lücke im Verkehr. Endlich konnte sie April auf die andere Seite folgen. Doch da nahm diese schon das Handy vom Ohr und schürzte enttäuscht die Lippen. „Anrufbeantworter.“

„Hab ich doch gesagt. Der hat jetzt Besseres zu tun, als darauf zu hoffen, dass jemand wie ich ihn anruft.“

An der Ampelkreuzung bog ein Taxi um die Ecke. April winkte. „Er hat dir immerhin die Karte zugesteckt. Warum sollte er das tun, wenn er nicht wollen würde, dass du dich meldest? Sei nicht feige.“ Sie gab ihr die Karte zurück. „Hier. Bist du sicher, dass ich nicht warten soll, bis für dich auch ein Taxi kommt?“

„Nein, schon in Ordnung. Die kommen jetzt im Sekundentakt. Mach, dass du nach Hause kommst.“

Sie verabschiedete sich mit einem Kuss auf Aprils Wange und sah dem davonstiebenden Taxi hinterher. Das nächste kam wenig später. Gott sei Dank. Von den hohen Hacken taten ihre Füße weh. Sie war an solche Absätze nicht gewöhnt.

Zacharias Zealand hatte ihr seine Visitenkarte gegeben. Sie konnte es nicht glauben. Er hatte sie in einen Tanz gezogen, den sie nie vergessen würde. Zu Hause musste sie unbedingt sofort recherchieren, was für ein Tanz das gewesen war. So heiß. Vielleicht lag es auch nur an ihm. An dieser intensiven Dominanz, die er ausstrahlte. An seinen Augen, am sicheren Griff seiner Hände. Daran, wie sie sein Herz klopfen spürte, wenn ihre Hand auf seiner Brust landete. Daran, wie seine Muskeln sich unter ihren Fingern angefühlt hatten, als er sie hintenüberbeugte und sie sich an seinen Armen festhielt. An seinem Knie zwischen ihren Oberschenkeln. Der Schweiß brach ihr aus. Schon wieder, und diesmal reichte allein die Erinnerung an ihn. Wann würde sie lernen, es sich einzugestehen? Sie träumte davon, dass ein Mann die Führung übernahm, sie vergessen ließ. Alles vergessen. Aber genau darin lag die Gefahr. Wenn sie zuließ, dass sie vergaß, lauerten Erinnerungen darauf, sie einzuholen. Erinnerungen, die niemals ans Tageslicht gelangen durften.

Das Taxi hielt vor ihrem Haus am Bordstein, bevor ihre Gedanken angefangen hatten, Sinn zu ergeben. Sie verscheuchte sie. Der Abend war zu schön gewesen, um ihn jetzt mit irgendwelchen Grübeleien zu verderben. Sie hatte sich frei gefühlt. Genau das war der richtige Ausdruck. Frei. Kein Randall, dem sie nie gerecht wurde, kein Job, keine Erinnerung. Frei. Sie hatte Bühnenluft geschnuppert und Spaß gehabt, während Zacharias Zealand sie durch den Trick geführt hatte. Es war so natürlich gewesen. Sie hatte auf seine Kompetenz vertraut, die aus jedem seiner Handgriffe gesprochen hatte. Schon bei ihrem Tanz wusste er genau, was er tat. Es war so leicht gewesen, ihm danach auch mit dem Feuer zu vertrauen. Da war keine Angst, während die Flammen, die aus seinen Fingerspitzen loderten, über ihre Haut flüsterten, nur Aufregung. Auch dann noch, als die Würfel aus gefrorenem Alkohol mit rasender Geschwindigkeit schmolzen. Er hatte sie beschworen, länger auszuhalten, als vernünftig war. Und dieses Austesten, die Herausforderung, wie lange sie aushalten würde, war verdammt gut gewesen. Ein atemloses Kribbeln, das verstärkt wurde durch den dunklen, samtigen Bass seiner Stimme. Gott, er hatte eine umwerfende Stimme. Tief und selbstsicher, sodass ein unausgesprochenes Versprechen in jeder einzelnen Silbe vibrierte. Kein Wunder, dass Gott und die Welt ihm zu Füßen lagen.

Sie bezahlte den Taxifahrer, gab ein ordentliches Trinkgeld und nahm den Schlüssel aus ihrer Clutchbag. Ihre Finger stießen an die Visitenkarte von Zacharias Zealand. Sie ignorierte es. Es waren nur wenige Meter von der Straße bis zur Eingangstür ihrer kleinen Doppelhaushälfte. Der Bewegungsmelder ließ die Beleuchtung anspringen. Sie öffnete, stellte ihre Schuhe in den Schuhschrank, legte Schal und Tasche ab und ging weiter ins Wohnzimmer. Sie überlegte, ob sie sich als Abschluss eines gelungenen Abends noch ein Glas Wein gönnen sollte. Der Anrufbeantworter blinkte. Elf neue Nachrichten. Mit einem Lächeln auf den Lippen drückte sie den Knopf, um die Nachrichten abzuhören. Ein warmes Gefühl breitete sich in ihrem Bauch aus. Bestimmt waren das Geburtstagsglückwünsche. Ellie, ihre Kollegin aus dem Rancho Oakey Street Center, hatte sie noch nicht erreicht und auch einige Mitglieder aus Randalls Gemeinde ließen es sich in keinem Jahr nehmen, ihr zu gratulieren. Sie hatte sich ein schönes Leben aufgebaut. Sicher. Voller Menschen, die an sie dachten und sie mochten. Das war so viel mehr, als sie sich als Teenager erträumt hatte. Was machte es da schon aus, dass es keinen Mann in ihrem Leben gab, der ihre Sinne dazu brachte, Purzelbäume zu schlagen?

Das Hochgefühl zerplatzte in einer Wolke aus eiskaltem Dampf, als sie die erste Nachricht hörte.

„Dies ist die Notaufnahme des Spring Valley Hospitals. Auf dem Notfallpass von Mister Randall Durham sind Sie als nächste Angehörige aufgeführt, Miss Mancini. Bitte rufen Sie uns umgehend zurück. Die Nummer lautet 0853-3000.“

Plötzlich fühlten ihre Finger sich so taub an, dass sie Mühe hatte, die Nummer zu notieren. Auch die zweite und dritte Nachricht stammte vom Krankenhaus. Mit wachsendem Nachdruck verlangten immer unterschiedliche Mitarbeiter, dass sie sich meldete. Die anderen Nachrichten, Glückwünsche von Freunden und Kollegen, hörte sie nicht mehr.

Wie Pistolenschüsse schlugen die Worte in ihrem Bewusstsein ein. Notaufnahme. Krankenhaus. Dringend.

Dringend. Das war das Schlimmste. Randall hatte sie gebraucht und sie war nicht da gewesen. Er hatte sie sogar angerufen. Aber ihr war es ja wichtiger gewesen, Spaß zu haben und Geburtstag zu feiern. Gott, sie verdiente es nicht anders. Aber Randall hätte etwas anderes verdient. Eine Tochter, die nicht nur an sich dachte. Die gelernt hatte, zu lieben und für andere da zu sein. Die an etwas anderes denken würde als nur an sich. Es war gut, dass es keinen Mann in ihrem Leben gab, denn alle, die sie liebte, zerstörte sie.

Sie funktionierte auf Autopilot. Während die ätzenden Gedanken ihr Herz verödeten, schlüpfte sie in ihre Schuhe, griff sich den Autoschlüssel und machte sich auf den Weg ins Krankenhaus. Wenn sie ein Ticket bekam, wegen Geschwindigkeitsübertretung oder weil sie einen Cocktail und ein Glas Sekt im Blut hatte, dann verdiente sie auch das. Egoistische Hexe.

Ihre Stimme klang fremd und wie von ganz weit weg, als sie der Frau am Empfang ihren Namen sagte und warum sie hier war. Nicht nur ihre Finger fühlten sich mittlerweile taub an, sondern ihr ganzer Körper. Taub und kalt vor Selbsthass. Randall hatte sie gebraucht. Sie hatte an sich gedacht.

Ein Arzt kam und führte sie in einen kleinen Raum seitlich des Wartebereichs.

„Es tut mir leid, Miss Mancini“, sagte er. Dieser eine Satz sagte alles, was sie wissen musste. Hinter ihren Augen brannten Tränen, aber sie konnte sie nicht weinen. Da war nur noch Eis.

„Mister Randall Durham ist an den Folgen eines Schlaganfalls verstorben. Wir konnten leider nichts mehr tun.“

„Danke“, sagte sie. Wofür bedankte sie sich? Sie fuhr sich mit dem Handrücken über die trockenen Augen. Ihr Kopf war ganz leicht, sie selbst fühlte, dass ihre Pupillen geweitet waren, alles um sie herum sah seltsam aus. „Hatte er irgendwelche Sachen dabei, die ich mitnehmen muss?“

Der Arzt räusperte sich. Sie wusste nicht einmal seinen Namen. Vielleicht musste das so sein, vielleicht durfte man die Namen derer nie wissen, die einem das Leben zerstörten. Auch die Namen von ihnen hatte sie nie erfahren.

„Natürlich. Einen Augenblick bitte.“ Hinter ihm fiel die Tür ins Schloss. Wer würde für Randall Durham die Totenmesse lesen? Sie wusste, dass Randall sich ein würdevolles Begräbnis gewünscht hätte. Ihr Kopf klammerte sich an die Frage, noch bevor der Arzt mit einer großen weißen Plastiktüte zurückkam, auf die mit schwarzem Edding Randalls Name geschrieben war. Sie sah nicht nach, was in dieser Tüte war. Keine Lilien, entschied sie. Sie wollte keine Lilien für die Dekoration. Randall sollte Rosen haben. Weiße und gelbe Rosen, so sonnig wie sein Gemüt. Kein Requiem, sondern Musik von den Beatles, die er geliebt hatte. Ein Bild von Melissa sollte bei dem Empfang neben seinem stehen. Melissa und Randall. Eine Liebe, die zwei Leben zusammengehalten hatte. Nun waren sie wieder vereint. Nur sie war jetzt allein. Und wieder war es ihre eigene Schuld.

Elena starrte auf den rostbraunen Dacia Duster vor ihr.

So oft sie auch blinzelte, er blieb, wo er war. Das war keine Fata Morgana, keine Sinnestäuschung, auch wenn das gedämpfte Chaos in ihrem Kopf sich anfühlte, als müsste es das sein. Das Auto, das in der Parklücke vor der Notaufnahme stand, in der sie ihren eigenen Wagen geparkt hatte, war nicht ihres. Sie krampfte die Finger um die Haltegriffe der Plastiktüte mit Randalls Sachen. Warum musste das Denken so schwerfallen? Die aufgehende Sonne tauchte die Glasfront des Spring Valley Krankenhauses in orangefarbenes Licht, das in ihren Augen brannte. Menschen eilten an ihr vorbei. Hauptsächlich Angestellte des Krankenhauses, nahm sie an. Krankenschwestern, Ärzte, Verwaltungspersonal auf dem Weg in einen neuen Tag. Einen Tag von vielen. Für sie war es nicht ein Tag von vielen. Für sie war es Tag eins ohne Randall. Das Rauschen hinter ihrer Stirn fühlte sich an wie das Gesumme eines ganzen Bienenstocks, gefiltert durch einen dicken Samtvorhang.

Sie wollte nicht hier sein. Hier nicht und nirgendwo sonst. Sich im Nichts verkriechen.

Ihr Blick flatterte zu dem Parkverbotsschild über den Haltebuchten. Zwei Stunden durften Besucher hier parken. Was waren schon zwei Stunden, wenn es um Leben und Tod ging? Tod. Selbst in ihrem Kopf klang das Wort seltsam. Drei nichtssagende Buchstaben. Sie musste herausfinden, wo ihr Auto war.

Geschlagen wandte sie sich um und kehrte zurück in die Notaufnahme. Von der Frau am Informationsschalter bekam sie einen mitleidigen Blick und die Telefonnummer der Abschleppfirma. Sie wählte die Nummer. Es meldete sich ein Anrufbeantworter, der ihr verkündete, dass sie außerhalb der Geschäftszeiten anrief. Diese wären Montag bis Freitag von neun Uhr dreißig bis sechzehn Uhr und an Wochenenden von zehn bis zwölf und von vierzehn bis fünfzehn Uhr. Wunderbar. Anrufen ging nicht. Abgeschleppt werden schon. Wer sein Auto brauchte und dringend auslösen musste, hatte verloren.

Ihr Daumen verharrte über dem Display des Handys, nachdem sie die Verbindung unterbrochen hatte. Sie sollte sich ein Taxi rufen, um nach Hause zu fahren.

Erst als sich Aprils verschlafene Stimme meldete, begriff sie, dass sie die Nummer der Freundin aus dem Kurzwahlspeicher angewählt hatte.

„Els? Was ist? Hast du was vergessen? Himmel, weißt du, wie spät es ist?“ Elena hörte das Rascheln von Bettlaken am anderen Ende der Leitung und ein tiefes, männliches Grunzen. Wahrscheinlich hatte sich Tyron auf die andere Seite gewälzt. Vielleicht nach ihr gegriffen. April hielt nie damit hinterm Berg, wie es in ihrer Beziehung ablief. Wenn Tyron Sex wollte, brachte nichts ihn davon ab. Elena presste die Augen zusammen. Für sie würde niemand da sein, wenn sie nach Hause kam. Niemand außer Che Guevara.

„Mein Auto ist abgeschleppt worden“, brachte sie mühsam hervor. Ihre Stimme echote dumpf und ganz weit weg in ihrem Kopf.

„Dein Auto? Aus der Garage?“

„Nein. Nicht aus der Garage.“

Eine Weile klang Stille durch die Leitung, dann noch mehr Lakenrascheln. Sie hörte, wie April sich aufsetzte.

„Hör mal, Els. Ist alles okay bei dir? Du klingst nicht gut.“

„Ich muss mir ein Taxi nehmen.“ Sie war schon dabei, das Gespräch abzubrechen, als Aprils Stimme sie erneut aufhielt.

„He, warte mal, warum Taxi? Bist du nicht zu Hause?“

„Nein.“ Wissend, dass April sie nicht sehen konnte, schüttelte sie dennoch den Kopf. Die Plastikträger der Tüte mit Randalls Sachen schnitten in ihre Handflächen, so fest umklammerte sie sie. Randalls Sachen. Der sie nicht mehr brauchte. Randall. Der fort war. Die Bienen summten. „Ich muss …“

„Himmel, jetzt lass dir doch nicht alles einzeln aus der Nase ziehen. Wo bist du?“

„Im Spring Valley Krankenhaus.“

Sollte bis gerade eben noch ein Hauch Müdigkeit in Aprils Stimme mitgeklungen haben, jetzt war die beste Freundin hellwach. „Im Krankenhaus? Was ist passiert?“

„Randall“, sie stockte. Seinen Namen auszusprechen, machte Dinge mit ihr, die sie nicht benennen wollte. „Randall hatte einen Schlaganfall.“

„Um Himmels willen. Aber jetzt geht es ihm doch gut, oder? Oder, Elena, es ist doch alles in Ordnung mit Randall?“, fragte April noch einmal, eindringlicher diesmal, als Elena nicht antwortete. Sie klang, als wüsste sie ganz genau, was geschehen war, und wollte mit Worten gegen die Endgültigkeit dieses Wissens ankämpfen. So wie Elena selbst. Aber Ankämpfen war sinnlos.

„Er ist gestorben, April. Er ist … sie konnten nichts mehr für ihn tun. Wenn er eine halbe Stunde früher im Krankenhaus gewesen wäre …“ Sie brachte es nicht über sich, weiterzusprechen. April hatte neben ihr gestanden und es gehört. Sie würde ganz genau wissen, was Elena meinte, ohne dass sie sich dem Schmerz aussetzen musste, es laut auszusprechen. Wenn sie zu ihm gegangen wäre, statt kichernd und lachend ihren Geburtstag zu feiern, wenn sie sein Flehen erhört hätte, wenn sie aufmerksamer gewesen wäre, wenn sie nicht nur an sich gedacht hätte. Wenn, wenn, wenn …

„Okay, Süße“, April atmete einmal tief durch. „Du machst jetzt Folgendes, hörst du? Du bleibst genau, wo du bist. Ich bin in einer halben Stunde da und hol dich ab. Rühr dich nicht vom Fleck. Um dein Auto kümmern wir uns später. Hörst du? Ich bin gleich da.“

Bevor Elena irgendetwas erwidern konnte, unterbrach April die Verbindung. Elena sah auf die grünen Plastikstühle im Wartebereich. Nur wenige Menschen saßen dort. Ein Mann schlief, den Kopf in den Nacken gelegt, eine Frau blätterte in einem Hochglanzmagazin. Elenas Knie schmerzte. Wie lange stand sie schon hier? Ihre Gedanken gingen zu träge. Sie wusste, dass es eine Lösung gab für das ziehende Stechen in ihrem Bein und das Brennen in ihrer Hüfte. Die Lösung hatte etwas mit den Stühlen zu tun, aber sie konnte sich nicht dazu aufraffen, zu ergründen, wie genau das zusammenhing.

Irgendwo lachte ein Paar. Aus dem Augenwinkel sah sie die junge Frau und den jungen Mann Arm in Arm das Krankenhaus verlassen. In ihrer Hand hielt die Frau ein dünnes Blatt Papier, auf das sie mit einem Finger deutete. Liebevoll streichelte der Mann über den flachen Bauch seiner Partnerin. Auf der anderen Seite sprach ein Arzt in weißem Kittel mit einer Afroamerikanerin in mittleren Jahren. Sie drückte ein Papiertaschentuch an ihre Nase, eine jüngere Frau legte einen Arm um die Schulter der Älteren.

Die Plastiktüte mit Randalls Sachen knisterte, als Elena ihr Gewicht von einem Bein aufs andere verlagerte. Sie starrte auf diese Menschen, sie hörte auf ihre Stimmen. Die Zeit verging, aber sie wusste nicht wie schnell, wie lange sie schon hier wartete.

„Da bist du ja!“ Schnelle Schritte auf blankem Linoleum ließen Elenas Kopf herumfahren. Jemand rief ihren Namen. Sie sah die kleine, kurvige Gestalt auf sich zurennen. Sie selbst rührte sich kein bisschen.

„Komm. Ich nehm die Plastiktüte. Tyron wartet draußen im Wagen.“

„Ihr müsst euch nicht solche Umstände machen. Ihr müsst doch gleich in die Arbeit.“

„Sicher müssen wir das. Aber jetzt bist erst mal du dran.“ Die Wärme in Aprils Umarmung erreichte sie nicht. Sie war ganz steif. Wollte sich nicht umarmen lassen. Es war, als wäre sie zwei Personen. Die eine stand dort, mitten im Krankenhausflur, steif wie eine Statue und konnte sich nicht rühren. Die andere wollte rennen. So schnell es ging. So weit es ging. Bis sie sich auflöste. Verglühte in einem riesigen Feuerball. So wie der Magier in der Show, die sie mit April besucht hatte. Wie war sein Name? Sie erinnerte sich nicht. War das wirklich erst vor einigen Stunden gewesen? Es kam ihr vor wie in einem anderen Leben.

Die Titelmusik von Titanic drang von ganz weit weg an ihr Ohr. April ließ sie los. Sie atmete auf. Ein Putzwagen ratterte an ihnen vorbei.

„Hallo“, meldete sich April, nachdem sie in ihrer Handtasche ihr Handy gefunden hatte. Und dann: „Wer?“

Selbst in ihrem seltsam zwiegespaltenen Zustand konnte sie den Schock in Aprils Stimme hören.

Kapitel 3

„Nein“, sagte die Frauenstimme. „Nein, tut mir leid, hier ist April. Hören Sie, es ist gerade ganz schlecht. Kann ich Sie zurückrufen?“

Zacharias runzelte die Stirn. „