Fias Erbe - Tina Tannwald - E-Book

Fias Erbe E-Book

Tina Tannwald

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Beschreibung

Um die Angst zu überwinden, braucht man etwas, das stärker ist als die Angst Im Rabenland begegnet Fia dem alten Gott Freyr, der einst als Geisel zu den germanischen Göttern kam. Er gibt ihr den Mut, das Erbe ihrer Ahnin, der Hexe, anzunehmen. Fortan ist das Feuer ihr Verbündeter, doch als sie sich weigert, es als Waffe einzusetzen, wird sie für die Raben zur Feindin. Agasto erhält eine letzte Chance, die Nachfolge seines Vaters anzutreten. Er muss sich entscheiden, ob er Fia zwingt, die Perchten zu vernichten, oder seiner Liebe zu ihr folgt ... . 2. Auflage 2019 270 Taschenbuchseiten im Format 12,5 cm X 19 cm

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Tina Tannwald

Fias Erbe

Raunachtraben Teil 2

BookRix GmbH & Co. KG80331 München

Kapitel 1 Distelfreund

26. Dezember

 

Fia schlug die Augen auf.

Über ihr ragte ein merkwürdiges Gebilde auf, eine Art hölzernes Dach, das sich links und rechts in die Höhe erhob und weit oben zusammentraf. Moosig und rau sah es aus, und während sie hinaufstarrte, geriet ein großer, lang gestreckter Käfer in Ihr Blickfeld. Sein Kopf endete auf beiden Seiten in einem Geweih, das dem eines Hirschen verblüffend ähnlich sah. Er bewegte sich gemächlich das Dach hinauf und Fia dämmerte, dass er eigentlich ziemlich groß war. Viel zu groß.

Mit einem erstickten Keuchen setzte sie sich auf, was ihr augenblicklich einen leichten Schwindel einbrachte. Automatisch hob sie die Hand an den Kopf und atmete tief ein und aus.

Sie war tatsächlich gesprungen.

Und offensichtlich lebte sie noch.

Da sie den Blick auf ihre Beine gerichtet hatte, bemerkte sie nun, dass sie völlig unversehrt aussahen. Vorsichtig bewegte sie erst das rechte, dann das linke, aber es stellte sich kein Schmerz ein. Sie betrachtete ihre Hände, die ein wenig schmutzig waren, als hätte sie in der Erde herumgewühlt, aber das war auch alles.

Der Schwindel ließ nach und sie registrierte verblüfft, dass sie auf einem ganzen Haufen trockener Blätter saß, umgeben von einem merkwürdig ineinander verschlungenen Gebilde.

Ihr Blick glitt darüber hinweg, um herauszufinden, was das sein und wo es seinen Ausgangspunkt haben mochte. Die einzelnen Stränge wurden dünner, je weiter sie sich von ihrem Sitzplatz entfernten. Sie verfolgte sie wieder zurück, wandte sich um und stellte fest, dass sie sich alle in einem zerfurchten, unglaublich dicken Baumstamm vereinigten.

Fia klappte der Mund auf, als sie dem Stamm mit den Augen in die Höhe folgte, und feststellte, dass das vermeintliche Dach über ihr nichts anderes war als ein hoch aufragender Teil der riesigen Wurzeln des höchsten Baumes, der für einen Menschen gerade noch vorstellbar war.

Erst weit über sich konnte sie mächtige Äste entdecken, die sich ausladend und umfangreich verzweigten. Seine Baumkrone war nicht mehr als ein grünes Flirren in der Höhe, das sich direkt mit dem Blau des Himmels zu vermischen schien.

Sie war tatsächlich im Rabenland.

Der Gedanke an Agasto brachte sie unvermittelt auf die Beine und ein neuer Schwindel überfiel sie, während ihr Herz ängstlich zu flattern begann. Wo war er denn bloß?

Mühsam kämpfte sie gegen das Drehen in ihrem Kopf an und sah sich um. Das Wurzelwerk des Baumes breitete sich in weitem Umkreis um sie herum aus, bis es schließlich gut drei oder vier Meter entfernt im Boden verschwand. Der Baumriese beanspruchte sehr viel Platz, sodass sie sich auf einer Lichtung befand, denn die nächsten, kaum kleineren Bäume wuchsen erst in einiger Entfernung. Dort drang auch mehr Sonnenlicht durch und glitzerte auf dem mit dünnem Gras bedeckten Boden. Ein Wald war es zweifellos, denn mehr als Bäume, bemoostes Totholz, Gebüsch und Gras war nicht zu entdecken. Ausgenommen eine sehr hohe, silbrig glänzende und offensichtlich ziemlich stachelige Pflanze, die ganz allein an einem hellen, sonnigen Platz stand.

Doch von Agasto war bei ihrem Rundblick nichts zu sehen.

Sie hob den Kopf und ließ ihren Blick angestrengt und mit wachsender Verzweiflung durch das Blätterdach gleiten, aber auch dort war nichts von einem Raben zu entdecken.

War es ihm vielleicht nicht geglückt, zurückzukehren? War er ganz woanders gelandet? Und was sollte sie denn machen, wenn er gar nicht auftauchte! Sie hatte ja nicht die geringste Ahnung, wie der Rückweg funktionierte.

Die Tränen stiegen ihr schlagartig in die Augen, mit einem dumpfen Schluchzen stolperte sie einen Schritt voran und drehte sich noch einmal suchend um sich selbst.

»Agasto? Agasto!!!«

»Pssst!«, machte jemand ganz in ihrer Nähe und Fia fuhr herum.

Doch da war nichts weiter zu sehen, jedenfalls nichts, zu dem diese sehr menschliche Aufforderung passte, leise zu sein.

»Wer… wer ist da?«, fragte Fia zögernd und ihr Herz begann zu rasen.

»Ihr solltet nicht so rufen, das lockt die Perchten an«, belehrte sie eine leise weibliche Stimme.

Fia drehte sich in die Richtung, aus der die Stimme gekommen war, aber sie konnte niemanden entdecken, zu dem sie gehörte. Vorsichtig trat sie über das Gewirr der Baumwurzeln hinweg und richtete den Blick auf die kleinen Mulden und Schlupfwinkel darin. Ein Leises Lachen erklang.

»Dort findet ihr mich nicht, ich stehe im Angesicht der Mutter Sonne!«

Fia begann sofort, die Sonnenflecken auf dem Waldboden abzusuchen, aber da war doch auch niemand zu sehen. Es sei denn ... .

Langsam stieg sie über die Wurzeln hinweg und näherte sich der großen, stachelbewehrten Pflanze, die sie schon bei ihrem ersten Rundblick bemerkt hatte. Sie hatte sie noch nicht ganz erreicht, als sich einer der haarig-flaumigen, fuchsiaroten Blütenköpfe geschmeidig zu ihr umwandte. Und mitten in der Blüte öffneten sich dunkle Augen und ein kleines Gesicht begann zu lächeln.

Fia blieb wie angewurzelt stehen und traute ihren Augen nicht, aber der kleine Mund öffnete sich und begann mit genau der Stimme zu sprechen, die sie eben gehört hatte.

»Seit Ihr eine hafgyðja?«

Fias Blick glitt verwundert über die Pflanze hinweg, die ebenso groß war wie sie selbst, und sie vergaß beinahe zu atmen, als sich ihr weitere Blütenköpfe zuwandten. Damit war zweifellos bewiesen, dass sie sich in einer ganz und gar anderen Welt befand als die, die sie verlassen hatte.

Und ohne es verhindern zu können, fiel ihr ein, dass sie sich nun wohl bei ihrer Mutter entschuldigen musste, denn die hatte ihr von klein auf immer wieder beteuert, dass es diese Welt tatsächlich gab.

»Vermögt Ihr gar nicht zu sprechen?«, wollte der erste Blütenkopf wissen und blinzelte freundlich. »Oder dürft Ihr es nicht?«

»Doch……«, brachte Fia heraus und schluckte, aber mehr fiel ihr nicht ein.

Einige der Blüten begannen leise zu kichern.

»Eine hafgyðja seid Ihr sicher nicht, denn eine solche hätte die Kenntnis, klüger zu sprechen und uns angemessen zu begrüßen!«, bemerkte ein anderer Blütenkopf und verzog beleidigt das Gesicht.

»Oh, Entschuldigung«, sagte Fia betroffen. «Mein Name ist Fia und so eine……hafoja bin ich tatsächlich nicht. Ich weiß nicht mal, was das ist!«

Der erste Blütenkopf, der auch der größte war, musterte sie erstaunt. »Aber Ihr seid doch gewiss ein Mensch, oder nicht? Und wenn Ihr keine hafgyðja seid, wie kommt ihr dann hierher?«

Fia kam der Verdacht, dass dieses merkwürdige Wort irgendeine Art von Zauberer oder Hexe bezeichnete, die wussten, wie man ins Rabenland gelangte.

»Ich bin gesprungen, mit einem Raben«, gab sie zurück und plötzlich kam ihr ein Gedanke. »Habt ihr ihn vielleicht gesehen?«

»Oh«, machte der große Blütenkopf und die kleineren folgten ihr mit einem vielstimmigen »oh, oho!«

Damit war ja nun gar nichts anzufangen, aber es klang besorgt und das machte sie nervös.

 »Bitte, ich muss ihn unbedingt finden, habt ihr keinen Raben hier gesehen?«

Einige der Blütengesichter musterten sie nun skeptisch, aber der große sah sie nachdenklich an.

»Hier ist kein Rabe gewesen, seid Ahasver vor seiner eigenen Sippe geflohen ist, meine Dame. Und Ihr seid ganz allein aus den Baumkronen herabgefallen. Aber kommt doch näher heran, Ihr braucht Euch nicht zu fürchten, unsere Waffen richten wir nur auf die Perchten.«

Waffen?

Fias Blick glitt erneut über die Pflanze hinweg. Damit konnten nur die Stacheln gemeint sein, die die lanzettenartigen Blätter säumten und ziemlich stabil aussahen. Ihr war eigentlich nicht danach, ihnen näher zu kommen als unbedingt nötig, aber dieses Pflanzenwesen schien einiges über Agastos Sippe zu wissen. Und dieser Ahasver war vermutlich der Rìg, der Anführer der Raben.

Zögernd trat sie näher, während die Blütenköpfe sich zueinander neigten und leise zu tuscheln begannen. Das brachte ihnen einen bösen Blick von der größten Blüte ein und sie verstummten augenblicklich.

»Und wer, ich meine was genau seid ihr?«

»Ihr müsst zweifellos ein Mensch sein«, bemerkte die große Blüte und schüttelte leicht tadelnd den Kopf. »Denen ist es eigen, so schnell ihren Namen preiszugeben, obwohl es gefährlich ist! Wer Euren Namen kennt, kann Euch herbeirufen!«

Fia hob die Augenbrauen, was sollte denn gefährlich daran sein, wenn man gerufen wurde? Aber es war wohl kaum der richtige Zeitpunkt, eine Diskussion mit einer stacheligen Pflanze zu beginnen. Sie war ganz allein zwischen diesen riesigen Bäumen und wenn sie keinen Weg fand, Agasto aufzustöbern oder von ihm gefunden zu werden, sah es gar nicht gut aus für sie.

»Bitte, könnt ihr mir nicht helfen, Agasto zu finden? Den Raben, meine ich.«

»Der Sohn des Rìg hat einen Menschen hergeholt«, tuschelte einer der kleineren Köpfe aufgeregt und Fia riss überrascht die Augen auf.

»Sch!«, zischte der große Kopf. »Wir mischen uns nicht in diese Angelegenheiten!« Du musst auf den großen Baum klettern, ganz hinauf, dann kann Agasto dich finden!«, wies sie der große Kopf an, drehte sich um und sah in die andere Richtung.

Fia klappte den Mund wieder zu und runzelte die Stirn. Es war ja wohl offensichtlich, dass sie keine Chance hatte, diesen Baumriesen zu erklimmen.

»Bitte, könnt ihr mir nicht mehr sagen?«, bat sie eindringlich.

Der große Kopf rührte sich nicht, aber die kleinen sahen sie neugierig an. »Du musst auf den Baum hinauf«, piepste einer und die anderen nickten.

Fia spürte, wie sie langsam zornig wurde. »Ohne Flügel wird das wohl kaum zu machen sein, der Baum ist riesig!«

»Du musst aber!«

»Ja, du musst, schnell sogar.«

»Ich kann da nicht raufklettern! Die ersten Äste hängen fünf Meter über dem Boden! Wisst ihr denn keinen anderen Weg, Agasto zu finden? Irgendwo hier muss doch seine Sippe leben!«

Der Ärger war nun deutlich in ihrer Stimme zu hören und die kleinen Blütenköpfe schwiegen. Schließlich drehte sich der große noch einmal zu ihr um.

»Sie lebt westlich von hier in der alten Ulme. Und Ihr müsst trotzdem auf den Baum hinauf, seine Rinde ist rau, das muss reichen!«

»Wo ist Westen?«, fragte Fia und beschloss, den Blödsinn mit dem Baum zu ignorieren.

Der große Kopf schien zu seufzen und sah sie mitleidig an, so als wäre sie tatsächlich ein wenig zu dumm, um zu begreifen.

»Du musst auf den Baum, Menschlein, weil zwei Perchten kommen! Du hast ja laut genug geschrien! Also beeil dich und gib keinen Laut von dir!«

Fia erstarrte vor Schreck und sah von einem Blütenkopf zum nächsten. Jetzt erst fiel ihr ein, was Agasto ihr vor seiner Verwandlung in den Raben gesagt hatte. Er würde sie sicher durch das Land der Perchten bringen.

Sie wirbelte herum, lief zurück, schulterte den Rucksack, der auf dem Blätterhaufen lag, und starrte verzweifelt den Stamm empor. Das Pflanzenwesen hatte recht, die Borke war so rissig, dass es kleine Vorsprünge gab, die einem geübten Kletterer zweifellos völlig genügen würden, um in Windeseile hinauf zu kommen. Aber sie war vor ungefähr zwei Jahrzehnten zum letzten Mal auf einen Baum geklettert, und das war ein mickriger Obstbaum im Garten ihrer Großmutter gewesen.

Trotzdem griff sie hinauf, so hoch sie konnte, krallte ihre Fingerspitzen in einen Spalt und zog das rechte Bein nach, bis ihr Fuß Halt fand.

Der Gedanke, dass die Perchten schon nahe sein mussten, wenn sie gehört hatten, wie sie nach Agasto rief, trieb ihr den Angstschweiß auf die Stirn. Der allerdings sorgte dafür, nicht mehr darüber nachzudenken, ob die raue Rinde ihr Gewicht wohl tragen würde.

 

Als sie den ersten Ast erreichte, hielt sie atemlos inne. Er war mehr als breit genug, um sich hinzuhocken, doch so nah am Stamm trug er keine Blätter, die sie vor den Blicken der Perchten verbargen. Sie musste höher hinauf, doch ihre Muskeln zitterten bereits vor Anstrengung. Ein leises, bekanntes Keckern drang an ihr Ohr und unwillkürlich machte sie sich ganz klein und sah voller Angst hinab.

Unten raschelte es im Unterholz und gleich darauf traten zwei gehörnte Fellwesen auf die Lichtung und sahen sich um. Fia hielt die Luft an, denn dies war das erste Mal, dass sie die Monster im hellen Tageslicht sah.

Die eine, etwas größere, trug gewundene widderartige Hörner auf einem kahlen Schädel, an dem die großen spitzen Ohren besonders auffielen. Ihr rötlich braunes Fell war stellenweise schlammverkrustet und die zu lang geratenen Arme sahen aus wie die eines Gewichthebers. Die zweite war kleiner und trug in einem sehr behaarten Gesicht eine platte Nase und auf dem Kopf steil aufragende, spitze Hörner, die an eine Antilope erinnerten. Auch wenn sie beinahe einen Kopf kleiner war als die andere, so strotzte sie doch ebenso vor Kraft und Wildheit.

Fia versuchte nicht daran zu denken, dass sie lediglich ein wenig den Kopf heben mussten, um sie zu entdecken. Und wenn sie sich nicht nur anhörten wie Eichhörnchen, wären sie wahrscheinlich auch im Nu bei ihr auf dem Ast.

»Was stört Ihr unsere Ruhe, Diener der Frau Perchta?«, tönte von unten eine hochmütige Stimme und Fia sah, wie sich die Perchten der großen Pflanze zuwandten.

Sie fürchtete um das merkwürdige Wesen, denn ein kräftiger Griff und ein Ruck würden sicher reichen, um sie schlicht aus der Erde zu reißen. Atemlos sah sie, wie die Monster sich ihr durchaus vorsichtig näherten.

»Wir haben merkwürdige Schreie gehört, Distelfrau. Habt ihr wen gesehen?«

Die Dinger konnten also sprechen, auch wenn ihre Stimme etwas von einem bellenden Hund hatte.

»Außer den wenigen fithich an bhfios, die noch etwas Ehre im Leib haben und ihren Rìg beschützen, ist hier niemand gewesen«, gab der große Blütenkopf Auskunft und reckte sich den Perchten stolz entgegen.

Die starrten ihn einen Moment an, dann begannen sie rau zu lachen.

»Noch könnt Ihr es Euch leisten, frech zu sein, Pflanzenweib! Aber wartet nur, wenn wir das Feuer haben, kommen wir Euch alle besuchen und dann…… «

Die Perchte riss die Arme hoch, als wolle sie eine große Flamme in die Luft malen.

»Also gebt Bescheid, wenn ihr den Raben Agasto seht, dann verschonen wir euch Distelweiber vielleicht. Roux ist der neue Rìg! Er will ihn haben, und die Menschenfrau, die er mitbringt ist für Zschtor!« Drohend trat er einen Schritt auf die Distel zu. »Oder hast du etwa nicht nach Agasto gerufen, Alte?«

Einen Moment kam keine Antwort und Fia fürchtete, dass sie nun den Mut verlieren und sie verraten würde, um sich zu retten.

»Wir haben lediglich darum gestritten, welcher der Brüder der schönste ist, Roux, Rando oder Agasto«, gab der große Blütenkopf zurück und es schien ihm peinlich zu sein.

Fia allerdings verlor beinahe das Gleichgewicht auf ihrem Ast. Deshalb also hatte Agasto diesen Rando nicht von ihrem Balkon vertrieben oder ihn angegriffen. Und der Anführer dieser Revolte gegen den Rìg war ebenfalls sein Bruder.

Er hatte sie hineingezogen in diesen Schlamassel, ohne ihr auch nur ein Wort darüber zu sagen. Enttäuschung und Zorn stiegen in ihr auf und röteten ihr die Wangen.

Unter ihr schrie die kleinere der beiden Perchten plötzlich auf und griff sich jaulend ins Gesicht. Überrascht sah Fia, wie die beiden Monster zurück taumelten und sich vor der Pflanze in Sicherheit brachten.

»Wir kriegen dich schon noch, Alte!«, brüllte der Größere, während er zurückwich. »Und alle deine Schwestern! Mit dem Feuer!«

Dieser wenig heldenhafte Rückzug konnte nur bedeuten, dass die Pflanze ihre Stacheln von sich fortschleudern konnte wie kleine Speere. Fia betrachtete sie mit neuem Respekt, während die kleinen Köpfe verhalten kicherten und die Perchten im Wald verschwanden.

Sie hatte nicht vergessen, dass Agasto sie vor ihrem feinen Gehör gewarnt hatte, und so blieb sie hocken, wo sie war, auch wenn ihre Beine einschliefen und unangenehm zu kribbeln begannen.

Nach einer geraumen Weile wandten sich ihr alle Blütenköpfe des Pflanzenwesens zu, doch statt sie anzusprechen, glitten ihre Blicke über sie hinweg und ein Stück höher in den Baum hinauf.

Fia folgte der Richtung und zuckte vor Schreck zusammen, als sie den großen, schwarzen Vogel sah, der einige Meter über ihr auf saß.

»Odin sei Dank, ich habe dich gefunden, Fia!«

 

Agasto war überglücklich, sie endlich gefunden zu haben, und ließ sich mit einem Flügelschlag auf dem Ast nieder, auf dem sie zusammengekauert hockte.

Im ersten Moment, als er wie immer über den Bäumen seiner Heimat die Grenze durchbrochen hatte, hatte er sich hektisch umgeblickt, in Erwartung, Fia fallen zu sehen und ihren Sturz abfangen zu müssen. Doch der Himmel um ihn herum war leer gewesen.

Augenblicklich hatte er sich wieder hoch hinauf schrauben wollen, um zurückzukehren, zu diesem Feuerwachturm, wo Fia vermutlich immer noch auf der Brüstung saß. Dann war jedoch ein Gefühl in ihm aufgeflackert, ein Gedanke, dass sie es vielleicht viel besser geschafft hatte, ganz allein hier anzukommen als vermutet.

Seine Sinne auszubreiten, um nach ihr zu suchen, hatte er nicht gewagt und sich in seiner Not auf den inbrünstigen Wunsch konzentriert, sie schnell zu finden. Es hatte erstaunlich gut funktioniert, aber als er sich dem großen Baum näherte, hatte er die Perchten bemerkt, die drohend vor der alten Distelfrau standen. Sacht und leise war er gelandet und hatte gerade noch gehört, wie die Perchte aufschrie und die andere der Distel drohte, bevor sie im Wald verschwanden.

Die Gefahr, dass Fia einen erstaunten Laut von sich gab, wenn er sich zeigte, bevor die Mischwesen weit genug fort waren, ließ ihn über ihr verharren. So betrachtete er sie und bemerkte zufrieden, dass sie ganz unverletzt war und sich so still verhielt wie er es ihr geraten hatte.

»Ich wäre beinahe wieder zurückgekehrt in deine Welt, weil ich dich nicht sehen konnte, Fia! Geht es dir gut?«

Sie nickte stumm und Agasto fiel ihre gerunzelte Stirn auf, sie schien sich über irgendetwas zu ärgern. Oder fürchtete sie sich?

»Es tut mir so leid, aber ich konnte nicht vorausahnen, dass du nicht am selben Ort landest wie ich. Es ist sehr lange her, dass ein Mensch die Grenze zu unserer Welt überwunden hat.« Zögernd hüpfte er zu ihr hin und schmiegte sich an sie. »Du kannst die Hände vom Stamm nehmen, der Ast ist so breit, du fällst nicht herunter.«

Langsam löste sie ihre Hände und Agasto sah, dass sie zitterten. Die Perchten schienen ihr einen gehörigen Schrecken eingejagt zu haben.

»Ich kann dich herunterbringen, dann musst du nicht klettern«, bot er an und ihr Schweigen begann ihn zu verunsichern.

Sie schüttelte den Kopf, hielt ihm jedoch den Rucksack hin.

»Wenn du den nehmen könntest; ich werde herunterklettern.«

Agasto ergriff einen der Schulterriemen mit dem Schnabel und musterte sie forschend. Sie schien erschöpft zu sein, warum wollte sie sich nicht von ihm helfen lassen?

Leise stöhnend streckte sie ihre Beine, dann zog sie ihren Mantel aus und ließ ihn hinabsegeln. Agasto beeilte sich, hinab zu flattern und den Rucksack abzulegen, dann flog er wieder hinauf und beobachtete skeptisch, wie sich Fia angestrengt an der Borke des Baumes nach unten tastete.

»Ich kann dich an deiner Hose packen und dich leicht nach unten bringen, Fia«, bot er noch einmal an.

»Nein«, presste sie hervor. »Ich schaffe das schon!«

 

Sie schaffte es tatsächlich, auch wenn es eine geraume Weile dauerte. Am Fuß des Baumes ließ sie sich zitternd und atemlos auf die nächste Wurzel sinken. Dann fuhr sie sich über die Augen und Agasto hatte den Verdacht, dass es Tränen waren, die ihr da über die Wangen liefen. Schuldbewusst hüpfte er heran und steckte seinen Schnabel zwischen ihre bebenden Knie. Es tat gut, wieder so nah bei ihr zu sein und unvermittelt spürte er, wie sich der Wunsch in ihm regte, sie in seine Arme zu nehmen und an sich zu ziehen. Doch das musste warten, bis sie den Fluss überquert hatten.

Fia legte ihm zögernd die Hand auf den Kopf, strich ihm sacht über das Gefieder und Agasto atmete erleichtert auf. Er hob den Kopf und sah sie an.

»Es tut mir wirklich sehr leid, Fia, dass ich nicht bei dir war, als du hier angekommen bist. Aber jetzt werde ich auf dich achtgeben, mein Herz. Bitte, sei nicht mehr böse auf mich!«

Sie betrachtete ihn mit einem hintergründigen Blick, dann zeigte sich endlich der Anflug eines Lächelns, allerdings war es eher traurig als erleichtert.

»Schon gut, ich bin nicht mehr böse auf dich. Außerdem habe ich eine nette Bekanntschaft gemacht, sie hat mich rechtzeitig vor den Perchten gewarnt.«

Fia wandte sich um und Agasto sah zu der Distel hinüber, deren Blütenköpfe sie neugierig musterten.

»Kannst du aufstehen?«, fragte er und Fia nickte, stemmte sich hoch und kam ein wenig schwankend auf die Beine.

Agasto beschloss, besser bei ihr zu bleiben, und so setzte er sich hüpfend in Bewegung, während sie vorsichtig von einer Wurzel zur nächsten balancierte.

»Ich grüße Euch, mein Herr«, sagte der größte der Blütenköpfe förmlich, als sie nahe genug heran waren, und alle Köpfe neigten ehrfürchtig das Haupt.

»Ich grüße dich ebenso, alte Distel. Möge Odins Gunst dir Wasser und Licht im Überfluss bescheren, denn wie ich höre hast du meine Gefährtin vor den Perchten gerettet.«

Überrascht sahen alle Blüten auf und Agasto stellte selbst verwundert fest, dass er Fia soeben als seine Gefährtin eingeführt hatte. Nun, abgesehen davon, dass er es nicht mehr zurücknehmen konnte, spürte er, dass es richtig war. Er hatte sie darum gebeten und es wäre eine Schande, hier nicht dazu zu stehen. Allerdings war er sich ziemlich sicher, dass seine gesamte Sippe, und allen voran sein Vater, einigermaßen entsetzt sein würden.

Die kleineren Distelblüten starrten mit offenen Mündern zwischen ihm und Fia hin und her, aber die Größte neigte den Kopf vor ihr.

»Dann grüße ich Euch noch einmal voller Ehrfurcht und bitte um Verzeihung für meine vorschnellen Worte. Ihr seid sehr viel klüger als ich sehen konnte, denn Euren wahren Namen habt ihr sorgsam vor mir geheim gehalten!«

Fia runzelte die Stirn. »Meinen wahren Namen?«

Die Distelblüte warf Agasto einen prüfenden Blick zu. »Wenn Ihr ihn nicht kennt, will ich ihn Euch geben, denn Ihr seid zweifellos die lougspiwanti frouwa und ich werde euch Louga nennen!«

Damit verneigte sie sich tief und Agasto, der Fias fragenden Blick bemerkte, überlief etwas, das er in menschlicher Gestalt wohl eine Gänsehaut genannt hätte.

»Du siehst sehr tief, alte Distel«, sagte er leise. »Ich hoffe, dass du und deine Schwestern das Geheimnis so lange wahren könnt, bis der Rìg meiner Sippe wieder seinen rechtmäßigen Platz eingenommen hat und alle Verräter bestraft sind!«

»Niemals hätte ich gewagt, den Namen zu nennen, wenn er nicht sicher in den Tiefen unserer Erdwurzel verborgen bliebe, mein Herr Agasto!«, erwiderte die Distel und hob den Kopf. »Der Rìg ist hier vorbeigekommen. Zwei Leibwachen haben ihn begleitet und er war in großer Eile. Sie sind im Schutz der Bäume geflogen.«

Agasto wusste die Botschaft einzuordnen. Wenn sein Vater es riskiert hatte, so tief über das Land der Perchten hinweg zu fliegen, dann war er von den Anhängern Rouxs scharf verfolgt worden.

»War er verletzt?«

»Ich weiß es nicht«, gestand die Distel ein. »Sie sind  sehr schnell geflogen.«

Das war zumindest erleichternd. »Und was spricht sich herum über die Flucht des Rìg? Du weißt doch sicher bestens Bescheid.«

Der große Blütenkopf zögerte einen Moment, dann schlug er die Augen nieder.

»Es hieß, dass Ihr ein Mensch geworden seid und nicht zurück kommt, mein Herr. Und dann wieder, dass Ihr kommt und das Feuer mitbringt, und eine mächtige hafgyðja.« Sie warf Fia einen Blick zu und schwieg dann.

Agasto nickte ihr zu und sah zu Fia auf. »Komm, wir müssen den Fluss Kelb überqueren, bevor es dunkel wird.«

Ohne ihre Zustimmung abzuwarten, flog er zum Rucksack hinüber, griff nach ihrem Steppmantel und brachte ihr beides. Sie schulterte ihn wortlos, legte den Mantel quer hinüber und sah ihn dann erwartungsvoll an.

»Kannst du mich eine kleine Weile auf deiner Schulter tragen, Fia?«, fragte er sie spontan. »Es ist die einzige Möglichkeit, nah bei dir zu sein, während du gehst.«

Sie lächelte verhalten und für Agasto war es wie ein warmer Sonnenstrahl; er liebte es inzwischen sehr, sie Lächeln zu sehen.

»Ich denke schon, ich bin nicht so schwächlich wie es aussieht!«

Agasto flatterte auf und ließ sich auf ihrer schmalen Schulter nieder, sorgsam darauf bedacht, ihr nicht die Krallen ins Fleisch zu bohren.

 

Eine Weile gingen sie schweigend, aber Agasto war nicht erstaunt, als Fia ihm unvermittelt drei Fragen auf einmal stellte.

»Was bedeutet dieser Name? Und was ist denn eine hafoja? Und was ist das für eine Sprache?«

»Es ist die Sprache der alten Stämme, Fia. Ich weiß nicht, wie ihr diese Sprache nennt, aber der Name, den die alte Distel dir gegeben hat, bedeutet Hohe flammenspeiende Frau, das ist ein Ehrenname. Louga ist das Wort für Flamme und eine hafgyðja ist in der alten Sprache eine Frau, die im Haus der Sippe für den Segen der Götter sorgt. In deiner Welt würde man sie wohl Hexe nennen.«

Einen Moment war Fia sehr still.

»Die Distel weiß also Bescheid.«

»Ja«, gestand Agasto schlicht. »Aber Louga gefällt mir, der Name passt zu deinem Haar und zu dem, was sich in mir regt, wenn ich dir als Mensch nahe bin!«

Er spürte, wie ihre Wange warm wurde und ihr leises Lächeln ließ ihn tatsächlich einen schwachen Nachhall der Flammen spüren, die sie in ihm entzündeten, wenn er seinen menschlichen Körper an sie schmiegte.

 

 

 

 

Kapitel 2 Gefangene

26. Dezember

 

Fia hing ihren Gedanken nach, als sie sich einen Weg durch das lichte Gras und Gebüsch suchten. Sie war froh, dass Agasto sie gefunden hatte, aber sie zweifelte auch zum ersten Mal ernsthaft daran, dass er es wirklich ehrlich mit ihr meinte.

Sie war sich recht sicher, dass er tatsächlich erst gestern von der Rebellion seines Bruders erfahren hatte, als dieser Rando auf ihrem Balkon gesessen hatte. Und vielleicht hatte ihn der Schock und der heftige Streit, den sie danach gehabt hatten, davon abgehalten, ihr die Sache zu erklären. Doch es hatte auch danach noch reichlich Gelegenheit gegeben, es nachzuholen. Eigentlich hatte sie ihm die Wahrheit bisher Stück für Stück entreißen müssen, wenn eine seiner Lügen aufgeflogen war.

Fia spürte instinktiv, dass er ihr noch mehr verheimlichte. Und dass die ganze Wahrheit sie vielleicht zu der Erkenntnis bringen würde, auf der Stelle nach Hause zu gehen.

Der Gedanke war mehr als schmerzhaft und sie musste schlucken, denn was auch immer er verbarg oder tatsächlich mit ihr vorhatte, sie hatte sich unwiederbringlich in ihn verliebt. Ihn zu verlassen, hieße, in ihr einsames, leeres Leben zurückzukehren und daran zu verzweifeln.

Doch  da war noch etwas anderes.

Eine für sie ganz ungewohnte Neugier begann an ihr zu nagen und verlangte nach Antworten. Wenn diese rothaarige Frau aus ihrem Albtraum eine ihrer Vorfahrinnen war, und eine Hexe, und wenn Agasto recht hatte, und der Traum und die Frau von ihr wollten, dass sie ihr Erbe antrat, dann … . War sie dann vielleicht auch eine Hexe? Oder so eine hafgyðja, mit Kräften und Fähigkeiten, von denen sie bisher nichts geahnt hatte? Und dieses merkwürdige Distelwesen hatte sie die flammenspeiende Frau genannt. War damit etwa mehr gemeint, als ein Streichholz anzünden zu können?

Es schien beinahe, als schlummere in ihr ein ganz eigenes Geheimnis. Und vielleicht gab es sogar eine Verbindung zu all den Ängsten, unter denen sie seit ihrer Kindheit litt.

Es sah ganz danach aus, als würde sie Agasto begleiten und ihm vertrauen müssen, um die Antworten zu finden. Doch ganz so einfach wollte sie ihn mit seinen Lügen nicht davon kommen lassen. Er sollte, nein er musste wissen, dass sie nicht bereit war, ihm blind zu folgen.

»Die Distelfrau hat mir gesagt, dass Roux und Rando deine Brüder sind, und Ahasver dein Vater«, sagte Fia unvermittelt und zuckte zusammen, als sich Agastos Krallen in ihre Schulter bohrten.

»Autsch«, entwich ihr, als er herunterflatterte und sich vor ihr auf dem Waldboden niederließ.

»Verzeih mir Fia«, begann er sofort und trippelte hin und her. »Ich hätte es dir natürlich gesagt, bevor du meiner Sippe begegnet wärst, aber nun muss ich dich plötzlich vor meinen eigenen Brüdern beschützen! Ich wusste nicht, ob ich dir das sagen kann, ohne zu riskieren, dass du mich auch für einen Verräter hältst!«

Überrascht sah Fia auf ihn hinunter, denn daran hatte sie überhaupt nicht gedacht.

 »Ich hätte dich niemals für einen Verräter gehalten, Agasto«, erwiderte sie und runzelte die Stirn.

»Mein Vater hat vor Roux geheim gehalten, dass ich ausgeschickt wurde, um ihm das Geheimnis des Feuers zu bringen«, fuhr er  fort. »Roux ist der Älteste und damit sein Nachfolger. Aber er ist stolz und stur, und hat meinen Vater schon lange bedrängt, sich mit den Perchten zusammenzutun. Roux will die Menschen mit ihrer Hilfe zwingen, uns in eurer Welt wieder Respekt und Ehrfurcht entgegenzubringen! Doch mein Vater wollte, dass ihr uns als ebenbürtig anerkennt. Und er glaubt daran, dass das auch funktionieren wird, wenn wir ebenso wie ihr das Feuer beherrschen und einsetzen können!«

Fia sah ihn fassungslos an und wusste im ersten Moment nicht, was sie dazu sagen sollte. War sein Vater tatsächlich so naiv oder gab es da noch mehr, das verheimlicht wurde; vielleicht sogar vor Agasto?

»Aber wie sollte das denn aussehen, Agasto?«, hielt sie ihm vor. »Wollte dein Vater einfach in der Welt der Menschen erscheinen und verkünden, seht her, ich kann Feuer machen, respektiert uns gefälligst«?

Agasto trippelte unruhig hin und her. »Ich weiß es nicht, er hat mich nicht in alles eingeweiht, was er vorhatte! Aber er ist sehr alt und sehr weise, er hat den Gott Odin noch selbst gesehen!«

Fia vergaß ihren nächsten Einwand und blickte irritiert auf den Raben hinunter.

»Er hat den Gott Odin gesehen?«

Agasto nickte und sie war sich nicht sicher, ob sie nun verstand, dass es noch entsetzlich viele Dinge gab, die im Verborgenen lagen, und die sie erst einmal verarbeiten musste, um sich selbst eine Meinung zu bilden, oder ob ihr Verstand sich schlicht weigerte, so viel mythisches Zeug hinzunehmen.

Andererseits ... .

Sie hob den Blick und ließ ihn den Stamm eines hohen Baumes hinaufgleiten, der vor ihnen bis in den Himmel aufragte.

Sie war hier; von einem Feuerwachturm gesprungen, ohne tot unten aufzuschlagen. Und sie hatte bereits ein Gespräch mit einer sprechenden Distel geführt. Wenn sie nicht verrückt werden wollte, musste sie wohl akzeptieren, dass hier all das existierte, wovon ihre verschrobene Mutter ihr erzählt hatte.

Mythische Raben, ein uralter Gott, Wolkenkratzerbäume, sprechende Pflanzen, Perchtenmonster und wer weiß was noch alles. Fia schluckte, dann ließ sie sich vor Agasto nieder und nahm ihn streng in Augenschein.

»Also gut! Und was hast du jetzt vor? Ich wüsste von nun an gern, worauf ich mich einlasse, und möchte dir nicht einfach folgen wie ein Schoßhündchen, das dir das Streichholz anzündet, wann immer du es willst!«

Agasto erstarrte für einen Moment, dann sah er sich aufmerksam um, bevor er sich ihr wieder zuwandte.

»Als Erstes müssen wir raus aus dem Land der Perchten Fia! Wenn wir den Fluss überquert haben, sind wir vor ihnen sicher und ich werde dir alle deine Fragen beantworten!«

Ihre Angst vor den Perchten war durchaus groß genug, um ihm sofort nachzugeben, aber wer konnte schon sagen, ob es dann eine Möglichkeit für ein ruhiges Gespräch gab?

»Auf der anderen Seite des Flusses sind wir vielleicht sicher vor den Perchten, aber nicht vor deinen Brüdern, Agasto. Also macht es kaum etwas aus, ob wir jetzt darüber sprechen, oder später!«

»Es macht sogar sehr viel aus!«, gab Agasto aufgebracht zurück. »Wenn uns mehr als zwei Perchten überfallen, werde ich dich kaum retten können, während das bei den Mitgliedern meiner Sippe ganz anders aussieht! Und ich bin mir sicher, dich auf der anderen Seite gut verstecken zu können, dieses Land hier kenne ich jedoch nur aus der Luft!«

Fia schluckte angesichts seines Ärgers und musste eingestehen, dass er die besseren Argumente hatte, zumindest für den Moment. Sie erhob sich und schob den dicken Mantel zurecht, der vom Rucksack gerutscht war. Es war anstrengend und angesichts der milden Temperaturen überflüssig, ihn mitzuschleppen, denn der Sack war vollgestopft mit Agastos menschlicher Kleidung und damit recht schwer. Allerdings würde sie ihn brauchen, wenn sie in den strengen Winter ihrer eigenen Welt zurückkehrte. Und das vielleicht sogar sehr bald.

»Gehen wir«, sagte sie trocken, doch Agasto bewegte sich nicht.

»Du bist nicht mein Schoßhündchen, Fia. Ich weiß zwar nicht, was das bedeutet, aber es hört sich sehr abfällig an. Du bist meine Gefährtin und mein Schicksal liegt ebenso in deiner Hand wie das meiner Sippe. Weißt du das denn nicht?«

Er hüpfte nah an sie heran, schmiegte sich sacht an ihre Beine und sah zu ihr auf. »Ich würde dich jetzt gern in meine Arme nehmen. Sobald wir auf der anderen Seite des Flusses sind, werde ich mich wieder in meine menschliche Gestalt verwandeln, wie ich es dir versprochen habe!«

In Fias Bauch begann die Sehnsucht zu flattern. Ihn als den menschlichen Gefährten zurückzubekommen, der ihr Sicherheit und Kraft gab, war alles, was sie sich wünschte. Der Gedanke, dass sein Schicksal in ihrer Hand lag, kam ihr schlicht absurd vor.

»Dann lass uns gehen,«, antwortete sie ihm versöhnlich und versuchte ein Lächeln.

Agastos Kopf flog plötzlich herum, sein Rabenkörper versteifte sich, und Fia begriff, dass er in den Wald hinein lauschte.

»Perchten«, flüsterte er leise und sah sich suchend um. »Schnell Fia, ich bringe uns in den Baum hinauf, hab keine Angst und sei ganz still.«

Damit flatterte er auf und zog mit mächtigen Flügelschlägen an den Riemen des Rucksackes, bis Fias Füße sich mit einem Ruck vom Boden hoben und sie hinaufgetragen wurde.

Sie biss sich auf die Lippen und wartete auf das reißende Geräusch des Schulterriemens, doch das Gewebe ächzte nur; und hielt.

Agasto steuerte einen breiten Ast an und ließ Fia so vorsichtig wie möglich darauf nieder, dann schnappte er nach dem Mantel, bevor er hinab fallen konnte, und sah sie eindringlich an. Der unverhoffte Flug hatte ihren Puls in die Höhe getrieben und sie wagte es kaum, sich eine halbwegs bequeme Position zu suchen, auch wenn der Ast ebenso breit war wie der letzte, auf dem sie vor den Perchten Schutz gesucht hatte. Sie nahm Agasto den Mantel aus dem Schnabel und drückte ihn an sich.

»Sei ganz still, sie sind auf der Jagd«, flüsterte Agasto. »Schließ lieber die Augen.«

Abgesehen davon, dass sie nichts hören konnte, was auf Perchten hindeutete, oder auf eine Jagd, irritierte sie die Aufforderung. Hielt er sie für so zart besaitet, dass sie den Tod eines Waldtieres nicht ertragen konnte?

Ein jammervoller Schrei drang durch die Bäume und Fia riss die Augen auf. Es war unzweifelhaft ein weiblicher Schrei und erinnerte sehr an den, den sie am Weihnachtsabend vor ihrem Haus gehört hatten.

Unten brach keuchend eine menschliche Frau durch die Büsche, fiel zu Boden und rappelte sich schluchzend wieder auf. Sie war in ein Fell gehüllt, das Haar hing ihr in langen Zotteln über Schultern und Gesicht und sie starrte vor Schmutz.

Hinter ihr kamen eher gemächlich zwei Perchten heran und nun musste Fia ein Keuchen unterdrücken, denn den einen der beiden, den Rotbraunen mit den gewundenen Hörnern, hatte sie erst vor Kurzem gesehen. Die Frau drückte sich wimmernd auf den Boden und hob die Hände.

»Bitte, lasst mich gehen! Ich werde niemandem ein Wort verraten!«

Die rotbraune Perchte lachte rau und blieb nah vor ihr stehen. »Wer sollte dir auch glauben, Frau? Und meinst du, sie nehmen dich wieder auf, die Menschen? Von dir ist nichts übrig, was man noch brauchen könnte, oder?«

Die Frau begann leise zu weinen und es war offensichtlich, dass sie sich wenig Hoffnung auf Gnade machte.

»Lasst mich wenigstens einen Blick auf das Kind werfen, bevor … .« sie stockte und starrte zu dem Rotbraunen auf.

»Wozu? Er sieht dir nicht im Geringsten ähnlich!«

Dann holte er aus und trat ihr mit dem Fuß ins Gesicht. Sie kippte beinahe lautlos zur Seite und rührte sich nicht mehr.

»Nimm sie dir, Bugh«, sagte er zu seinem Begleiter. »Und dann bring sie zum Loch.«

Fia war bereits vor Entsetzen erstarrt, als der Rotbraune wieder im Gebüsch verschwand. Doch der Schrecken, der sich nun unter ihr abspielte, war mehr als sie aushalten konnte. Sie befolgte augenblicklich Agastos Rat und schloss die Augen, kniff sie so fest zusammen, dass es schmerzte. Doch ihre Ohren konnte sie nicht verschließen und wagte auch nicht, sich zu rühren und ihre Hände zu benutzen, um sie zuzuhalten. In diesem Moment war sie sich absolut sicher, dass sie das Keuchen der Perchte und das leise Wimmern der Frau niemals wieder vergessen würde. Und das Geräusch des Fausthiebes, das nach dem letzten brünftigen Schrei des Monsters folgte, erst recht nicht.

 

»Fia?«

Agasto berührte sie sacht mit seinem Schnabel und sah, dass ihr die Tränen über das nebelweiße Gesicht liefen.

Er hatte gehofft, dass sie nie erfahren und erst recht nicht mit ansehen oder hören würde, wie die Perchten mit den geraubten menschlichen Frauen verfuhren, aber das Schicksal hatte anders entschieden. Nun würde sie ihm sicher vorwerfen, dass er ihr auch verschwiegen hatte, wie gefährlich und grausam die Mischwesen in Wahrheit waren. Und er würde ihr wieder einmal eingestehen müssen, dass sie recht hatte.

»Sie sind fort, du kannst die Augen öffnen«, sagte er leise und beobachtete, wie sie vorsichtig die Lider hob.

Sie sah nicht hinab, um selbst zu prüfen, dass alles vorbei war. Stattdessen musterte sie ihn stumm, ihre blauen Augen schwammen im Wasser ihrer Tränen, und erinnerten ihn mehr denn je an den Fluss Kelb. Angst, Abscheu und das Leid der Frau spiegelten sich darin und bedrückten ihn mehr als jeder Vorwurf es hätte tun können.

»Ich kann es verstehen, wenn du sofort nach Hause zurückkehren willst, Fia, denn ich weiß, dass ich dir auch das verschwiegen habe. Ich wollte dich davor schützen. Ich bringe dich sofort zur Grenze, wenn du es willst.«

Sie starrte ihn immer noch an, doch der Ausdruck in ihren Augen veränderte sich. Schniefend wischte sie sich mit dem Ärmel grob über das Gesicht und schüttelte zu seinem Erstaunen den Kopf.

»Nein, ich will nicht nach Hause! Ich will, dass diese Mistviecher ihre Strafe bekommen und nie wieder in meine Welt hinüber können!«

Agasto musterte sie überrascht. Ihr Blick war plötzlich ungewohnt grimmig und entschlossen; sie schien es ganz und gar ernst zu meinen.

»Das werden sie Fia, ich verspreche es!«

Sie schniefte noch einmal, dann sah sie ihn aus schmalen Augen an. »Nein, ich verspreche es, Agasto!«, stieß sie leise hervor und er konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass sie auch das ernst meinte.

Die ängstliche Fia, die er kannte, schien tatsächlich noch eine andere Seite zu besitzen, auch wenn sie vielleicht bisher tief verborgen gewesen war.

»Bringst du mich auch wieder hinunter?«

Er beeilte sich, der Aufforderung nachzukommen, und setzte sie vorsichtig auf dem Boden ab, unweit der Stelle, wo das Gras zerdrückt war, und blutig.

Fia näherte sich der Stelle wortlos, betrachtete den Boden aufmerksam und bückte sich schließlich. Als sie sich erhob, hielt sie eine schmale Fellsträhne in den Fingern.

»Was willst du damit?«, fragte Agasto und hüpfte ihr nach, denn sie begutachtete nun das Gebüsch ringsherum.

»Ah«, machte sie leise, griff in einen Busch und zog mit einem bitteren Lächeln einige weitere, rotbraune Haare von einem Zweig. Sie stopfte beide Büschel sorgsam in die Taschen ihrer Jeans, dann sah sie Agasto an.

»Meine Mutter hatte ein Ritual für Menschen, die sich die Liebe eines anderen wünschten. Sie hat mir einmal gesagt, dass es auch anders herum funktioniert und man anderen damit schaden kann, wenn man die Liebe gegen Schmerz oder Unglück austauscht.« Dann rückte sie den Rucksack zurecht und streckte ihm ihre Schulter hin.

»Kommst du?«

Agasto flatterte hinauf und wusste nicht so recht, was er von ihren Worten halten sollte.

»Du willst die Perchten verzaubern und ihnen Schaden zufügen?«

Fia schwieg eine Weile.

»Nun, es schadet ja nicht, wenn ich es probiere«, antwortete sie schließlich. »Sie haben ein wenig Schmerz verdient, meinst du nicht?«

»Ja, sicher«, entgegnete Agasto. »Aber der Rotbraune ist die rechte Hand von Zschtor, ihrem Anführer, und er ist sehr stark.«

Agasto bemerkte, wie Fia zusammenzuckte und es dauerte wiederum eine Weile, bis sie antwortete.

»Dann sollte ich es schnell probieren, denn er hat der Distel gesagt, dass dieser Zschtor mich für sich haben will«, bemerkte sie mit dünner Stimme. »Und ich würde gern darauf verzichten, von ihm zu seinem Herrn gebracht zu werden!«

Agasto vermied es, ihr erneut die Krallen in die Schulter zu pressen, doch es kostete ihn einige Mühe, seinen Schrecken zu verbergen.

Sie waren Brüder, der rotbraune Zrak und der graubraune Zschtor, und sie waren die Kräftigsten und Grausamsten der Perchten. Es war etwas Besonderes, dass sie dieselbe Mutter hatten, denn für gewöhnlich wurden die Frauen nach der ersten Geburt getötet. So gab es keine engen Blutsbande zwischen ihnen und nur ihre Zugehörigkeit zum Volk der Frau Perchta verband sie miteinander.

Nach dem Verschwinden ihrer Herrin hatte es nicht lange gedauert, bis die beiden Brüder die Führung für sich beansprucht hatten, der eine als Herr und der andere als der Schrecken an seiner Seite. Sogar die Perchten selbst fürchteten Zrak.

»Sobald wir auf der anderen Seite des Flusses sind, werde ich dir helfen, dieses Ritual durchzuführen,«, sagte er leise.

Wenn sie tatsächlich eine Erbin des alten Weges war, dann war das Feuer vielleicht nicht die einzige Waffe, die sie nun besaßen. Das würde ihre Chance, Ahasver wieder zum Rìg zu machen und die Perchten in ihre Schranken zu weisen, enorm erhöhen.

 

Leise, und so schnell wie Fia es vermochte, liefen sie durch den Wald. Agasto erhob sich von ihren Schultern und flog voraus, gerade so hoch und so weit, dass sie ihn noch sehen konnte. Sie folgte ihm, so gut es ging, aber inzwischen waren ihre Beine schwer, sie hatte großen Durst und ihr Magen begann heftig zu knurren. Wie spät es sein mochte, wusste sie nicht, doch da die Wärme unter den Bäumen langsam nachließ, schien es auf den Abend zuzugehen.

Und wenn ihre Zeitrechnung auch nur annähernd stimmte, dann hatte sie vielleicht ein wenig geschlafen, auf dem Blätterhaufen unter dem Baumriesen, aber gegessen und getrunken hatte sie schon lange nichts mehr. Wenn sie endlich den Fluss erreichten, bekam sie mehr als genug zu trinken, aber um das Essen würde sie sich wohl selbst kümmern müssen. Es war kaum anzunehmen, das Agasto geübt darin war, hier etwas Essbares für einen Menschen aufzutreiben.

Fia war in einem kleinen Dorf groß geworden und ihre Großmutter hatte ihr beigebracht, dass es in jedem halbwegs natürlich gewachsenen Wald etwas Genießbares gab. Sie hatte gelernt, die wichtigsten Speisepilze und Wildkräuter zu erkennen, Nussbäume und Holunder aufzustöbern, und als Kind hatte sie es geliebt, Gänseblümchen und Löwenzahn zu essen.

Sie verlangsamte ihre Schritte und begann, sich aufmerksam umzusehen.

Agasto kam zu ihr zurück und hockte sich auf einen der stärkeren Äste in einem nahen Busch.

»Es ist nicht mehr weit bis zum Fluss. Was suchst du denn da unten?«

»Ich habe unglaublichen Hunger, Agasto! Und außerdem Durst und ich bin so müde, dass ich im Stehen schlafen könnte!«

»Oh«, machte er betroffen. »Daran habe ich gar nicht gedacht. Auf der großen Wiese am Fluss gibt es köstliche Grasmännchen, aber ich weiß nicht, ob sie für Menschen geeignet sind.«

Fia hob den Kopf und beäugte ihn skeptisch. »Was sind denn Grasmännchen?«

Agasto schien zu überlegen. »Nun, sie sind klein und grün und saftig, ein wenig wie die Käfer in deiner Welt, denke ich. Aber doch anders.«

»Wir Menschen essen keine Käfer, auf jeden Fall nicht in der Gegend, in der ich lebe! Es sei denn, wir sind knapp vor dem Verhungern,« bemerkte sie angewidert und richtete den Blick wieder zu Boden.

Ihr Blick fiel auf eine ganze Ansammlung dunkelgrün gezahnter Blätter im Gras. Sie strich es beiseite und richtig, da waren die kleinen, roten Walderdbeeren zu sehen, eine ganze Kolonie. Hastig begann sie die kleinen Früchte einzusammeln und sah auf, als Agasto neben ihr landete. Fia stopfte sich die Beeren in den Mund und bot ihm eine an, die er mit seinem großen Schnabel vorsichtig entgegen nahm. Dann legte er den Kopf in den Nacken und schluckte sie bedächtig.

»Das schmeckt sauer«, bemerkte er nicht eben begeistert, und Fia, die aus demselben Grund das Gesicht verzog, lächelte angesichts seines verwöhnten Gaumens.