Fiese Finsterlinge - Royce Buckingham - E-Book

Fiese Finsterlinge E-Book

Royce Buckingham

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7,99 €

Beschreibung

Die dämlichen Dämonen sind zurück!

Um seine Schützlinge vor dem Dämonenfresser zu retten, hat der junge Dämonenhüter Nate sie in die Freiheit entlassen. Nun fallen die frechen Finsterlinge über Seattle her. Bücherwürmer stürzen sich auf die Bibliothek und fressen die Buchstaben, ein Rostdämon befällt ausgerechnet das Lieblingsauto von Nates Nachbarn und Statuen beschließen, endlich mehr am öffentlichen Leben teilzunehmen. Die Dämonenhüter Seattles tun alles, um das Chaos einzudämmen, das ihre Schützlinge anrichten. Da dringt ein riesiger Wasserdämon, der schon Nates Eltern ermordete, auf der Suche nach dem jungen Hüter in die Stadt ein. Doch auch Nate hat dämonische Verbündete – und er wird sie kaum davon abhalten können, dass sie ihm beistehen ...

Atemberaubende Action und zum Totlachen gruselig!

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Seitenzahl: 223

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Inhaltsverzeichnis

Prolog1. Kapitel - Chaos in Seattle2. Kapitel - Auf Kollisionskurs3. Kapitel - Farbenspiele4. Kapitel - Angespült5. Kapitel - Angriff der Rostdämonen6. Kapitel - Ankunft im Plastikcamp7. Kapitel - Der Hämmernde Mann8. Kapitel - Inselleben9. Kapitel - In heimischen Gefilden10. Kapitel - Im Tempel der Leseratten11. Kapitel - Die Schmelzfelder12. Kapitel - Bücherwürmer13. Kapitel - Aus eins mach zwei14. Kapitel - Panik auf der Fähre15. Kapitel - Im Büro des Bürgermeisters16. Kapitel - Unverhofft kommt oft17. Kapitel - Wieder vereint18. Kapitel - Größere Probleme19. Kapitel - Wasser, überall Wasser20. Kapitel - Im Stadion21. Kapitel - Elementares Chaos22. Kapitel - In höchster Not23. Kapitel - Zu HauseEpilogCopyright

Prolog

Der Wasserdämon spürte die Zunahme des Chaos auf der anderen Seite des Ozeans. Verdünnt und fein zerflossen im endlosen Pazifik reichten seine Tentakel von den Küsten Asiens bis zu den Stränden Hawaiis. Doch die Versammlung der Dämonen in der fernen verregneten Stadt Seattle zog ihn an wie der Mond das Meer.

Er war gewachsen, seit er in Gestalt von Überschwemmungen und Unterströmungen in kleineren Meeresarmen, Buchten, Sunden und Süßwasserseen seine ersten Opfer gefunden hatte. Seither hatte er sich ausgedehnt und sich als Mahlstrom, Monsterwelle und andere Katastrophen auf hoher See ständig neu erschaffen. Sein Meisterstück aber war ihm vor Sumatra geglückt, wo er als gewaltiger Tsunami die mickrigen Menschen von den Stränden gespült hatte wie Treibgut und dramatische Vorstöße auf das Territorium seines elementaren Feindes, das Land, unternommen hatte.

In Seattle gab es noch etwas anderes – einen Jungen, den er schon vor vielen Jahren hatte verschlingen wollen, aber dem die Flucht an Land geglückt war. Immer war es das Land, das seine Macht beschränkte. Nun aber war der Junge wieder auf dem Meer und nicht in den geschützten Wassern des Puget-Sunds, wo er ihn schon einmal gefangen hatte, sondern mitten auf dem Ozean, seinem natürlichen Lebensraum … seinen Jagdgründen.

Der riesige Dämon sammelte sich und zog seinen in die Ferne zerflossenen Körper zusammen. Er war ein geduldiges Wesen und kannte kein Gefühl, aber er hatte ein gutes Gedächtnis. Er würde den Jungen finden und die mehr als zehn Jahre zurückliegende Geschichte zu Ende bringen, und dann würde er nach Seattle weiterziehen und sich dem Chaos anschließen.

1. Kapitel

Chaos in Seattle

Das alte Haus auf dem Queen-Anne-Hügel mit Blick auf Seattles Innenstadt trug noch die Narben von Nates Kampf gegen den gigantischen Dämonenfresser. Mit seinem wurmartigen Körper hatte das Ungetüm den Putz und das Lattenwerk von den Wänden geschlagen, und übrig geblieben waren nur ein paar kleine unversehrte Erhebungen hier und dort. Die Türen fehlten, waren aus den Angeln gerissen. Das eingeschlagene Dachbodenfenster, der aufgerissene Gehweg darunter und der zerpflügte Garten kündeten von den nach draußen geschwappten Gewalttätigkeiten. Das Haus sah aus wie für den Abriss vorbereitet. Aber es wohnten immer noch zwei Dämonenhüter darin.

Lilli rollte sich aus dem Bett, zog einen Sarong über die jugendlichen Hüften und streifte ein Batik-T-Shirt über, dann trat sie ans Fenster des Schlafzimmers im ersten Stock, das sie von Nate, der vor einigen Tagen verschwunden war, übernommen hatte.

Sie vermisste ihn. Zwar hatte sie ihn kaum gekannt, aber sie kannte ja ohnehin kaum jemanden, weil sie immer nur wenige Monate an einem Ort blieb. Selbst während ihrer Jahre in San Francisco war sie immer auf dem Sprung gewesen, hatte in Wohnungen und Häusern von Bekannten geschlafen, die sie netterweise bei sich aufnahmen, solange sie ihnen keine Probleme bereitete. Das hatte sie gelehrt, Auseinandersetzungen zu vermeiden. Ihre Freundschaften waren immer von begrenzter Dauer gewesen – die Art von Freundschaften, die einer plötzlichen, intensiven Verbindung entspringen oder die sich als peinliche Irrtümer erweisen. Sie war sich nicht sicher, in welche Kategorie Nate fiel, aber er war der einzige Dämonenhüter, dem sie bis dahin begegnet war. Genau genommen hatte sie nicht einmal gewusst, dass sie eine Dämonenhüterin war, bis er es ihr erzählt hatte. Nicht dass sie sich um den Job gerissen hätte. Bis sie Nate begegnet war, hatte sie sich einfach nur für ein bisschen seltsam gehalten … oder verrückt.

Lilli zog die Vorhänge auf. Unten in Seattle tobte das Chaos. Autoalarme brüllten, und Sirenen heulten in einem misstönenden Duett. Es gab so viele Notfallgeräusche, dass sie praktisch keine Bedeutung mehr hatten.

Ist ja gut, dachte sie. Die Stadt ist im Ausnahmezustand. Wir wissen es ja.

Lilli schüttelte den Kopf. Es gab nichts, was Seattles Einwohner tun konnten, die armen Ahnungslosen. Sie wussten nicht, womit sie es zu tun hatten. Die Dämonen liefen frei herum und stellten alles auf den Kopf. Nate hatte eine über viele Jahrhunderte zusammengetragene Sammlung durchtriebener Plagegeister auf die Stadt losgelassen. Das leibhaftige Chaos. Er hatte Tausende von Dämonen auf freien Fuß gesetzt, und jeder einzelne war eine Manifestation der Unordnung, ganz so wie der pummelige hellrosa Hilfsdämon, der ihr selbst gehörte.

Lillis Sarong veränderte seine Farbe, wechselte von Blau zu einem knalligen Rosa. Die Farbe floss in ihr T-Shirt hinauf, überdeckte das Batikmuster, und plötzlich erschien ein Augenpaar am linken Ärmel. Es schaute zusammen mit ihr aus dem Fenster.

»Hallo, Zoot«, sagte Lilli.

Zoot war ein visueller Dämon, eine Manifestation und ein Farbwandler. Er schälte sich aus dem T-Shirt-Stoff und nahm mit einem leisen Plopp eine dreidimensionale Gestalt an, dann stieg er auf ihre Schulter und rieb sich eines seiner übergroßen grünen Hörner. Er roch nach feuchter Farbe.

»Die Menschen sind auf dem Weg in die Anarchie«, sagte Lilli zu ihrem Hilfsdämon. »Und wir können nichts für sie tun.«

In Wahrheit wollte sie mit alledem nichts zu schaffen haben. Das allgegenwärtige Chaos brachte ihr Herz auf unangenehme Weise zum Rasen, selbst wenn sie nur aus der Sicherheit des alten Hauses darauf hinabblickte. Es reichte ihr schon, sich um die überlebenden Dämonen im Haus und um die Heimkehrer zu kümmern, die, nachdem sie festgestellt hatten, dass die Welt ihnen dann doch etwas zu feindselig war, nach und nach wieder bei ihnen eintrudelten.

Gleich am ersten Tag waren drei wandelnde Zierleisten, die die Wände der Eingangshalle geschmückt hatten, nach wenigen Stunden wieder zurückgekehrt. Klare Sache,dachte Lilli, wo sonst hätten sie auch hinsollen? Im Laufe der Woche waren weitere Dämonen heimgekehrt, und andere hatte sie bei ihren kurzen Spaziergängen in der Nachbarschaft entdeckt. Ein Schaukelstuhl-Pärchen hatte traurig zusammengesunken in einer Gasse gestanden, durchnässt vom kürzlichen Wolkenbruch. Ihr Holz war übel verzogen, und sie waren nicht mehr putzmunter wie sonst, aber immerhin noch am Leben. Andere Manifestationen hatten nicht überlebt – eine halbe Straße weiter verunzierten die Überbleibsel zahlloser lebendiger Staubflusen den Gehweg, getötet vom selben Wolkenbruch. Hausgeräusche wie quietschende Türen und Phantomschritte, die im Freien nichts zu suchen hatten, hatten sich in der Gartenlaube versteckt gehalten. Als Lilli hineinlugte, hatten sie vor lauter Verzückung darüber, wieder einen menschlichen Zuhörer zu haben, einen solchen Lärm veranstaltet, dass Lilli und Richie Ohrstöpsel hatten benutzen müssen, als sie die Audiodämonen kurz darauf mit einem Mikrofon in ein Aufnahmegerät saugten.

Nein, beschloss sie, sie musste nicht die ganze Welt retten. Es reichte ihr, sich um ihren kleinen Zipfel davon zu kümmern.

Lilli zuckte mit den Schultern, zog die Vorhänge zu und fuhr mit der Arbeit an dem Wandgemälde fort, an dem sie dieser Tage malte. »Es ist nicht unser Problem«, sagte sie ebenso zu sich selbst wie zu Zoot. Sie wedelte mit der Hand, und die Farben veränderten sich, zerflossen und breiteten sich aus.

Unten flog die zusammengenagelte Sperrholzplatte auf, die ihnen als behelfsmäßige Haustür diente.

»Hallo«, erschallte die Stimme von Nates Freundin Sandy. Lilli fragte sich, ob die Jung-Bibliothekarin eigentlich überhaupt noch als seine Freundin zählte, wo er nun fort war.

»Hallooooo!«, rief Sandy erneut. Lilli ging zum oberen Treppenabsatz und blickte hinunter. Sandy trug ihre dicke Brille und einen Laptop. Sie atmete schwer und schnell, als ob sie soeben zum Haus gesprintet wäre – und genau das hatte sie ja getan.

»Hallooooo! Ist außer mir noch irgendein anderes dreidimensionales Wesen im Haus?«

»Hey, Sandy«, rief Lilli hinunter. »Lange nichts von dir gehört.«

»Die Telefone sind tot, die Straßen blockiert. Überall ziehen Gangs herum. Ich habe Kopf und Kragen riskiert, um herzukommen. Die ganze Stadt ist in Aufruhr. Und was tust du?« Sie deutete auf Lillis Hände, an denen Farbe klebte. »Malen?«

»Es beruhigt mich«, sagte Lilli.

»Wie kann man in diesen Zeiten so ignorant sein? Und wo steckt Richie?«

»Keine Ahnung. Sehe ich aus wie sein Bewährungshelfer? «

»Sehr lustig. Jemand muss sich um ihn kümmern. Ohne strenge Führung verwandelt Richie sich ruckzuck in einen dieser plündernden Rowdys dort draußen.«

In dem Moment platzte Richie herein, einen Fernseher in den Armen. Keuchend stellte er ihn ab und trat die Tür hinter sich zu.

»Lilli, guck mal, was für einen coolen Fernseher ich habe!« Dann sah er Sandy und runzelte die Stirn. »Oh, hallo Sandy.«

»Richie! Woher hast du den Fernseher?«, herrschte Sandy ihn an.

»Reg dich ab«, entgegnete Richie. »Er lag auf der Straße rum, okay?«

Sandy warf erst Richie und dann Lilli funkelnde Blicke zu. »Seht euch an! Ihr seid die einzigen Menschen in der Stadt, die wissen, was im Gange ist.« Sie ruderte mit den Armen und tigerte in der Eingangshalle auf und ab. »Da draußen ist die Hölle los. An einer Bushaltestelle in Fremont sind vier steinerne Statuen, die dort seit einer Ewigkeit standen, in einen öffentlichen Bus eingestiegen. Die Haltegriffe an der Kletterwand bei REI schlüpfen den Kletterern aus den Händen – der Laden musste extra einen Kran kommen lassen, um die Leute runterzuholen. Und ihr kennt doch die Kaugummimauer am Pike Place Market, wo die Leute in einer Art ›Kunstprojekt‹ Kaugummis ankleben?«

»Klar«, erwiderte Richie.

»Nein«, sagte Lilli, »aber das ist eine der coolsten Sachen, die ich je gehört habe.«

Sandy schüttelte den Kopf. »Es ist aber nicht mehr cool, wenn die Kaugummis von der Mauer abspringen und die Leute durch die Straßen jagen, um sich an ihre Schuhsohlen und in die Haare zu kleben.«

Sie sah ernst und zutiefst besorgt aus, aber Richie konnte nicht anders, als zu lachen.

»Aber am schlimmsten ist«, fuhr Sandy fort, »in der Stadtbibliothek werden unter mysteriösen Umständen Bücher zerstört, und sie müssen gerettet werden!«

»Na dann, viel Glück«, sagte Richie.

»Ja, gutes Gelingen«, pflichtete Lilli ihm bei.

»Dann wollt ihr also hier herumsitzen und Bilder malen und in einen gestohlenen Fernseher glotzen?«

»Nun, das war der Plan für heute«, sagte Richie.

»Genau, und?«, fügte Lilli an.

»Ihr müsst etwas unternehmen!«, rief Sandy aufgeregt.

»Ich glaube, du verwechselt mich mit jemandem, der sich freiwillig meldet, um die Probleme anderer Leute zu lösen«, verkündete Lilli.

»Kümmert dich denn unsere Gesellschaft überhaupt nicht?«

»Unsere Gesellschaft?« Lillis Augen verengten sich. »Die hat sich auch nicht um mich gekümmert«, sagte sie. Es stimmte. Niemand hatte sich um sie gekümmert, als ihre Welt ein Tollhaus war. Sie hatte sich ihr Leben mit eigenen Händen aufgebaut, ohne fremde Hilfe. Auf ihrer Schulter setzte Zoot eine empörte Miene auf, zeigte sich solidarisch mit seiner Hüterin.

»Richie? Was ist mit dir? Jemand muss diese Dämonen unter Kontrolle bringen.«

Richie blickte betreten zu Boden. »Es sind zu viele«, murmelte er.

»Du könntest es wenigstens versuchen«, erwiderte Sandy. »Fang doch mit den kleinen an.«

»Vielleicht erinnerst du dich, unser Anführer ist vor einer Woche abgehauen und auf große Fahrt gegangen«, sagte er.

»Aber er hat euch beiden sein Amt überlassen.«

»Hat er nicht«, erklärte Lilli. »Er hat aufgegeben. Überlassen hat er uns nur dieses abbruchreife Haus. Wir sind nicht Seattles Dämonenhüter. Das war er.«

»Richie«, flehte Sandy ihn an.

»Aber ich hab doch gerade diesen coolen Fernseher besorgt. « Liebevoll klopfte er auf das große Gerät wie auf einen Schoßhund.

Sandy stampfte mit dem Fuß auf. »Ihr habt hier doch nicht einmal einen Kabelanschluss!«

»Außerdem hab ich keine richtige Ausbildung und kaum praktische Erfahrung«, fügte Richie hinzu.

»Was ist nur aus euch beiden geworden?«

»Die Probleme sind einfach zu groß für uns«, erklärte Lilli.

Richie nickte. »Es hat Jahrhunderte gedauert, bis eine ganze Reihe von Dämonenhütern die verrückten Dinger dort draußen eingefangen hatte. Was sollen da ein Straßenjunge, ein Bücherwurm mit Sehhilfe und ein schräges Hippie-Girlie ausrichten?« Er schaute von einem Mädchen zum anderen. »Nehmt’s nicht persönlich.«

»Vielen Dank«, sagten Lilli und Sandy gleichzeitig.

»Hey, ihr wisst genau, dass ich diese Sachen nur nett meine, okay?«

»Ich wünschte, Nate wäre hier«, brummte Sandy. »Ich frage mich, wo er gerade ist.«

2. Kapitel

Auf Kollisionskurs

Die Sonne, die über den grünen Wassermassen des Nordpazifiks aufging, warf schillernde Lichtreflexe auf die Wellenkämme, wo sie hin und her sprangen wie magische Kakerlaken, die sich wegen des Erscheinens der gelben Glühbirne am Himmel eilig zerstreuten. Nate rieb sich die Augen und kletterte an Deck der WANDERER. Er zitterte, nach einer Woche auf See noch immer nicht an die feuchte Kühle des Ozeans gewöhnt. Seattle lag hinter ihm im Osten, Asien noch viele Wochen entfernt im Westen.

Gähnend stellte er sich ans Steuerrad, startete den Motor und setzte das kleine Boot in Bewegung. Die pazifische Strömung hatte die WANDERER in der Nacht gepackt und viele Kilometer vorangetragen, aber nun war die See ruhig und leblos. Es war ein bisschen unheimlich, und plötzlich sehnte sich Nate nach Gesellschaft.

»Nikolai! Pernikus! Zeit zum Aufstehen!«, rief er.

Nates dämonische Gehilfen versteckten sich irgendwo unter Deck. Er wusste nie, wohin sie sich verzogen, und war immer noch überrascht, dass es ihnen gelang, sich auf dem kleinen Boot vor ihm zu verbergen, ausgerechnet vor ihm, einem Dämonenhüter. Andererseits hatten Dämonen sich jahrhundertelang vor den Menschen versteckt, und sie waren gut darin. Kail, der tückische Spalterdämon, hatte so große Angst vor dem Ozean, dass er schnellstmöglich wieder an Land wollte. Weil ein Spalterdämon nicht im Wasser überleben konnte, – er würde sich einfach in nichts auflösen – , hatte Kail sich in eine Holzplanke der Kajütenwand verdrückt und sich seit Tagen nicht gerührt.

Nate war sich nicht sicher, wo er war, und konsultierte den Kompass, der ihn normalerweise in die richtige Richtung wies, aber zuweilen auch Schabernack mit ihm trieb. Er begann, das Steuerrad eine Vierteldrehung nach links zu wuchten, und die WANDERER schwang langsam nach Backbord herum, um ihre Fahrt gen Westen fortzusetzen. Aber Nate verspürte ein herankriechendes Gefühl der Angst, als das Steuerrad sich immer schwerer drehen ließ. Das tote Wasser schien gegen das Ruder zu drücken, und eine solche Strömung hatte er noch nie erlebt. Seine Nackenhärchen sträubten sich, aber er wusste nicht, ob er Dämonen spürte oder ob ihn einfach die Aussicht ängstigte, die WANDERER könnte mitten auf dem Pazifik kaputtgehen, mit einer Monatsration Trockennahrung, fünf Kisten Wasser und drei widerborstigen Dämonen an Bord. Was immer es war, es war ein ungutes Gefühl.

Nate hegte Zweifel an seinem Entschluss, Seattle zu verlassen. Er hatte in seiner Aufgabe versagt und war nicht dortgeblieben, um das von ihm angerichtete Chaos wieder zu beseitigen. Er ließ das Radio mit Absicht ausgeschaltet, um nicht erfahren zu müssen, was in Seattle geschah. Den Dämon zu jagen, der seine Eltern getötet hatte, war ihm als ein angemessener Grund für seine Entscheidung vorgekommen, aber darüber hinaus war das Meer ihm auch als ein geeigneter Ort erschienen, um vor seinen Versäumnissen zu fliehen. Angesichts seines zunehmend unguten Gefühls gelangte er allerdings zu der Erkenntnis, dass ein Mensch wohl doch nicht so einfach vor der Unordnung in seinem Leben davonlaufen konnte.

Während er nach vorne blickte, ruckelte im Westen der Horizont. Nate legte den Kopf schräg. »Was zum Henker ist das?«, sagte er laut und schaute auf den Kompass. Seine Stimme schallte über den leeren Ozean. Er blickte wieder aufs Wasser und erkannte, dass es nicht der Horizont war, der sich bewegte, sondern das Meer. Es erhob sich, schwoll in der Ferne zu einer Wasserwand an.

Eine Monsterwelle!, dachte er.

Nate umfasste das Steuerrad. Er wusste genug, um zu vermeiden, dass die WANDERER breitseitig getroffen wurde. Hohe Wellen auf einer ansonsten ruhigen See konnten ein Boot umkippen. Aber noch während er das Boot in Richtung der ansteigenden Wasserwand wendete, sah er, dass es ohnehin keine Rolle mehr spielte. Die Monsterwelle strebte himmelwärts, wuchs auf zehn, dann auf fünfzehn Meter Höhe an, mit einer weißen Schaumkrone oben drauf.

Plötzlich traf ihn mit voller Wucht das Gefühl von Chaos. Ein Dämon! Das Gefühl war überwältigend und ließ ihn taumeln, so dass er sich ans Steuerrad klammern musste, um nicht hinzufallen. Nate hatte sich ausgemalt, wie er den Wasserdämon zur Strecke bringen würde. Er wusste nicht, wie der Dämon aussah, aber er vermutete, dass er ihn erkennen würde, sobald er ihn gefunden hatte und seine Gegenwart spürte. Und jetzt spürte er ihn wirklich. Leider hatte der Dämon ihn zuerst gefunden.

Die Monsterwelle kam auf die WANDERER zugerast, und Nate erkannte, dass er keine andere Wahl mehr hatte. Falls die Welle das Boot von hinten traf, würde sie es versenken. Ein Treffer von der Seite würde es umwerfen. Er riss das Steuerrad mit aller Kraft herum und hielt nun direkt auf die Welle zu.

Die WANDERER tauchte in das Wellental ein, das sich vor ihr auftat, dann begann sie, trügerisch ruhig und gleichmäßig an der Wasserwand emporzusteigen. Das Boot schaffte es bis auf halben Weg nach oben, dann spürte Nate einen Moment der Schwerelosigkeit. Für den Bruchteil einer Sekunde waren der Schwung der WANDERER und die Schwerkraft gleich groß, dann stürzte die Welle herab und schleuderte das Boot zurück.

Nate spürte, wie es ihn von den Beinen hob, dann wurde er durch Luft und Wasser geschleudert. Er überschlug sich, ohne zu wissen, wo oben und unten war. Das Gefühl von Chaos war das intensivste, was er je gespürt hatte. Es umhüllte ihn, umschlang ihn. Er war im Innern des machtvollsten Dämons, dem er jemals begegnet war. Verglichen mit diesem Monstrum wirkte selbst das TIER klein und bezwingbar.

Dann spie der Wasserdämon ihn aus.

Nate fand sich in zwanzig Meter Höhe wieder, gen Himmel geschleudert wie eine Stoffpuppe. Aber in Wahrheit war es ein Glück, dass die Welle ihn nicht eingesaugt hatte, denn dann wäre er bestimmt ertrunken. Angesichts des langen Sturzflugs, der ihm nun bevorstand, hatte er allerdings nicht das Gefühl, Glück gehabt zu haben. Einen Moment lang hing er in der Luft, dann stürzte er der Wasseroberfläche entgegen.

Er sah nicht anmutig aus. Er krümmte und wand sich wie ein kümmerlicher Erdwurm, während er versuchte, nicht mit dem Kopf oder dem Bauch aufzuschlagen, und wie durch ein Wunder gelang es ihm tatsächlich, zuerst mit den Füßen ins Wasser zu tauchen. Nate sank tief ins kalte Nass und glaubte, nun elendig ertrinken zu müssen. Nachdem der Dämon vor zehn Jahren seine Eltern und beinahe auch ihn selbst getötet hatte, hatte er nun endlich auch ihn erwischt. Und er hatte dem Dämon nicht einmal einen guten Kampf geliefert.

Aber der Aufprall brach ihm nicht die Beine, und als er nicht mehr weiter in die Tiefe hinabsank, fühlte sich das Wasser um ihn herum ruhig und wohlwollend an, nicht aufgewühlt oder boshaft. Es war normales Meerwasser, wurde ihm klar, nicht der Dämon. Nate kämpfte sich zur Oberfläche, verblüfft, nicht längst tot zu sein. Vielleicht spielte das Ungetüm ja mit ihm, dachte er.

Er durchbrach die Wasseroberfläche und japste nach Luft. Das Meer ringsum war wieder unerklärlich ruhig. Er fuhr herum, um hinter sich zu schauen. Keine zehn Meter entfernt stand die wogende, schäumende Wasserwand, kam aber nicht näher. Sie ragte drohend über ihm auf, behielt ihre unmögliche Form. Nate starrte sie an, und sie schien zu ihm zurückzustarren, schien ihm in die Seele zu starren. Ihre schiere Macht erweckte in Nate ein Gefühl von Bedeutungslosigkeit. Gleich würde sie ihn mit ihrem Gewicht unter sich begraben, genauso mühelos, wie sie ihn davor durch die Luft katapultiert hatte. Aber der Wasserdämon zögerte. Dann, ebenso unvermittelt, wie er erschienen war, entfernte er sich nach Osten und verschmolz mit den Tiefen des Ozeans.

»Puh«, machte Nate. Er merkte, dass er zitterte.

Eine lange Holzplanke stieß gegen ihn. Ein Wrackteil der WANDERER. Die Bruchstücke des Gefährts trieben ringsum im Wasser – hier ein Lukendeckel, dort ein Rettungsring. Im Gegensatz zu mir ist Dhaliwahls Boot nicht auf den Füßen gelandet, dachte Nate. Er klammerte sich an die Planke und ließ sich treiben. Von seinen Gehilfen fehlte jede Spur. Es gab ohnehin kaum etwas, was er für sie hätte tun können, außer zu hoffen. Aber er hegte ja nicht einmal Hoffnung für sich selbst, nicht mitten in der endlosen Weite des größten Ozeans der Welt. Es gab nicht einmal eine Strömung, die ihn in die Nähe einer Schifffahrtsroute hätte bringen können, wo es immerhin eine Eins-zu-einer-Million-Chance gäbe, entdeckt zu werden. Genau genommen schätzte er seine Überlebenschancen auf ungefähr null zu einer Million ein.

In dem Moment durchstieß, keine zwei Meter von ihm entfernt, eine kleine gelbe Plastikente die Wasseroberfläche.

Nate neigte den Kopf zur Seite. »Das ist aber seltsam«, murmelte er.

Die Ente war etwa so groß wie ein Ei. Ihr oranger Schnabel hing verdrossen herab. Ihre aufgemalten Äuglein waren schwarz auf weißem Grund, und sie starrten ihn an, als verlangten sie zu wissen, was er hier tat. Nate blieb nur wenig Zeit, um sich zu fragen, was die kleine Plastikente mitten im Pazifik zu suchen hatte, ehe die nächste Ente auftauchte und dann noch eine. Entnervt hangelte er sich auf die andere Seite der Holzplanke, während eine Plastikente nach der anderen die Wasseroberfläche durchstieß. Bald schon trieb ein Schwarm aus mehr als zwanzig gelben Entlein vor ihm. Anders als die erste waren die anderen hohläugig, und alle richteten sie ihren leeren starrenden Blick auf ihn. Dann tauchte die Anführerin im Wasser unter und verschwand. Der Rest folgte ihr mit leisen Plip-Plip-Plip-Plip-Plip -Geräuschen.

Eigenartig, dachte Nate, selbst für meine Verhältnisse. Er war mitten im Pazifik, irgendwo nördlich von Hawaii. Eigentlich sollte es hier draußen hunderte von Meilen nichts geben und ganz bestimmt keine Plastikenten mit Eigenantrieb. Er hatte von Frachtschiffen gehört, die bei Stürmen ihre Ladung verloren, lastwagengroße, mit Spielzeug gefüllte Container, die aufbrachen oder von Bord fielen. Er hatte sich immer gefragt, was aus den Sachen wurde, die im Meer landeten.

Aber während er aufs Wasser starrte, sah Nate, dass die Enten nicht allein waren. Eine Plastiktüte trieb an ihm vorbei, dann ein Plastikbecher und ein Feuerzeug. Nate beugte sich vor, tauchte das Gesicht ins Wasser und sah ein riesiges Gebilde aus Plastikmüll an ihm vorbeidriften.

Die Anführerin der Enten tauchte wieder auf, diesmal hinter ihm, und begann, die Holzplanke zu umkreisen. Ihre gelben Gefährten taten es ihr nach, zogen nun alle ihre Bahnen um ihn. Bald waren es zwei Dutzend grauenvoll verblichener Plastikenten, die aussahen, als trieben sie seit Jahren unter der sengenden Pazifiksonne. Plastikenten-Zombies, dachte Nate. Sie schoben sich durch die Wrackteile und bildeten einen gelben Kreis, der ihn umschloss.

Nun wimmelte es an der Wasseroberfläche auch von anderem Plastikmüll. Er trieb nicht einfach dahin, sondern bewegte sich. Lebensmittelverpackungen, Puppenkleider, Brauseflaschen, alles Mögliche stieg an die Oberfläche und kam näher und näher, anscheinend im unheilvollen Bund mit den Enten.

Als der Müll ihn fast vollständig umschloss, versuchte Nate das Gewusel zu durchbrechen, indem er die Planke als Rammbock verwendete. Aber sobald er es tat, stürzte sich der Müll auf ihn wie ein Schwarm hungriger Haie, rammte ihn, zerrte ihn hinab und begrub ihn unter sich, bis nur noch Nates Hand aus der müllgefüllten See herausragte. Er bekam eine dahintreibende Plastikflasche zu fassen, dann zog es ihn vollends in die Tiefen des Pazifiks.

3. Kapitel

Farbenspiele

Sandy schob Lilli auf die Veranda hinaus und zog Richie am Arm hinter sich her.

Lilli blieb auf dem Rasen stehen, erstarrt wegen der heulenden Sirenen und kreisenden Blaulichter am Fuße ihres sicheren Wohnorts oben auf dem Queen-Anne-Hügel.

»Kommt wenigstens mit zur Bibliothek«, drängte Sandy. »Dort werden Bücher vernichtet.«

»Wen kümmert’s?«, sagte Richie.

»Mich! Hör zu, wenn du mir hilfst, diesen einen Dämon einzufangen, stehe ich für immer in deiner Schuld.«

»Wäschst du dafür einen Monat lang meine Wäsche?«

Sandy verdrehte die Augen. »Meinetwegen, ja.«

»Na schön«, gab Richie nach. »Wie gefährlich kann ein Bücher fressendes Monster schon sein?«

»Ein Wesen, das Gedanken auslöscht?«, gab Lilli zu bedenken. »Womöglich ist es der gefährlichste Dämon von allen.«

»Ach was, bestimmt nicht«, sagte Sandy. »Und es ist nur ein paar Straßen entfernt.«

»Hey, Kinder, was habt ihr hier draußen zu suchen? Es ist lebensgefährlich!«, ertönte eine alte schnaufende Männerstimme.

Die drei wandten sich um und erblickten Mr. Neebor, der über einen Wellblechzaun lugte, den er um sein gesamtes Grundstück gestellt hatte, so dass der eigentlich hübsche Bungalow nun wie eine Militäranlage aussah. Nur Mr. Neebors kahler Schädel und seine hin und her wandernden, argwöhnisch blickenden Augen waren zu sehen.

»Was haben Sie mit Ihrem schönen Garten angestellt?«, entfuhr es Sandy.

»Ich habe ihn gesichert«, antwortete der Alte, als wäre ihre Frage ziemlich dumm. »Dort draußen sind sonderbare Dinge im Gange, falls ihr es noch nicht bemerkt habt. Unheimliche Dinge, beängstigende Dinge. Wesen, die man erst bemerkt, wenn sie einem schon im Nacken sitzen. Und wenn man darauf nicht vorbereitet ist …« Neebor machte eine Geste, als würde er sich die Kehle durchschneiden, worauf die drei zusammenzuckten.

»Wir müssen hinunter in die Stadt«, sagte Sandy. »Meine Arbeitstelle in der Bibliothek hängt davon ab.«

Neebor schob den ganzen Kopf über den Zaun, so dass sie sahen, wie sein missbilligender Blick sich vertiefte. »Ihr habt doch nicht einmal ein Auto«, sagte er.

Das stimmte. Lillis VW-Käfer war bei dem Zusammenprall mit dem Dämonenfresser zerstört worden. Nate besaß kein Auto. Und Sandys Volvo stand vor dem Haus ihrer Eltern, in einem Viertel, in dem es so viel Verkehr gab, dass man mit einem öffentlichen Bus schneller vorankam als im Privatwagen.

»Ich warne euch, auf den Straßen ist es nicht sicher.« Neebor setzte einen Soldatenhelm auf. »Bleibt besser hier.«

»Finde ich auch«, sagte Lilli.

»Wir gehen!«, rief Sandy und packte die Handgelenke ihrer Freundin. »Ich habe die beiden bereits überredet, und von dem bisschen Chaos da unten lassen wir uns nicht einschüchtern und in Einsiedler verwandeln.«

»Ich bin kein Einsiedler«, brummte Neebor. Dann huschte ein trauriger Ausdruck über sein Gesicht. »Oder doch?«

»Nein, natürlich nicht«, erwiderte Sandy hastig. »So habe ich es nicht gemeint.«

»Gut gemacht, Superhirn«, flüsterte Richie. »Den alten Mann mal schnell zu beleidigen …«

»Das mit dem Auto ist ein gutes Argument, Mr. Neebor«, sagte Sandy sanft. »Ich wünschte, wir hättens eins, aber leider ist dem nicht so.«

»Nehmt doch meins«, sagte Neebor.

Die drei starrten den Alten verblüfft an.

»Wirklich?«, fragte Lilli. »Sie würden uns Ihren Chevy leihen?«

»Was? Nein! Den würde ich nie hergeben, er ist mein ganzer Stolz. Ihr könnt meinen Ersatzwagen nehmen«, erklärte Neebor. »Er steht in der Garage, und ihr scheint ihn dringend zu brauchen.«