Verlag: Goldmann Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2005

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E-Book-Beschreibung Fight Club - Chuck Palahniuk

Sie sind jung, sie sind stark – und sie sind gelangweilt: Normale, berufstätige Männer und Familienväter auf der Suche nach einem Mittel gegen die Leere in ihrem Leben. Sie treffen sich auf Parkplätzen und in Kellern von Bars, um mit nackten Fäusten gegeneinander zu kämpfen. Der Anführer dieser „Fight Clubs“ ist Tyler Durden, und er ist besessen von dem Plan, furchtbare Rache an einer Welt zu nehmen, in der es keine menschliche Wärme mehr gibt …

Meinungen über das E-Book Fight Club - Chuck Palahniuk

E-Book-Leseprobe Fight Club - Chuck Palahniuk

Chuck Palahniuk

Fight Club

Roman

Deutsch von Fred Kinzel – Vorwort übersetzt von Werner Schmitz

Copyright

Die amerikanische Originalausgabe erschien 1996 unter dem Titel »Fight Club« bei W.W Norton & Company, New York

PeP eBooks erscheinen in der Verlagsgruppe Random House

Copyright © 1996 by Chuck Palahniuk

Copyright © 2004 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Alle Rechte an der deutschen Übersetzung von Fred Kinzel (mit Ausnahme des Vorwortes)

ISBN 3-89480-835-7

www.pep-ebooks.de

Inhaltsverzeichnis

Vorwort123456789101112131415161718192021222324252627282930DanksagungÜber das BuchÜber den AutorCopyright

Für Carol Meader,

die sich mit meinem ganzen schlechten

Benehmen abfindet.

Vorwort

Es war einmal

ein Buch

Er beugte sich vor, sein Atem roch nach Whiskey, aus der Flasche getrunken. Sein Mund nicht ganz geschlossen. Seine blauen Augen nicht mehr als halb offen. In der einen Hand ein aufgerolltes Seil, ein altmodisches Hanfseil, blond wie sein Haar. Gelb wie sein Cowboyhut. Ein Cowboyseil. Er fuchtelte mir beim Sprechen mit dem Seil vorm Gesicht herum. Hinter ihm eine offene Tür, durch die eine Treppe zu sehen war, die nach unten ins Dunkle führte.

Er war jung, hatte einen flachen Bauch, trug ein weißes T-Shirt und braune Cowboystiefel mit dicken Absätzen. Die blonden Haare unter einem Strohhut. Ein Gürtel mit einer großen Metallschnalle hielt seine Jeans zusammen. Seine dünnen weißen Arme, glatt und gebräunt wie die Spitzen seiner Cowboystiefel.

Seine Augen mit einem Dickicht kleiner roter Linien geädert. Er sagt, ich soll das Seil nehmen und festhalten – fest. Er zieht am Seil und fängt an runterzusteigen, seine Cowboyabsätze hämmern auf die Stufen, einmal, noch einmal, und noch ein harter, hölzerner Schritt in den dunklen Keller hinab. Er zieht mich in das Dunkel hinunter, sein Atem riecht nach Whiskey, wie der Wattebausch beim Arzt, die kalte Berührung von Alkohol unmittelbar vor einer Injektion.

Noch einen Schritt ins Dunkel hinein, und der Cowboy sagt:

»Regel Nummer eins der Spuktunneltour heißt: Man redet nicht darüber.«

Und ich bleibe stehen. Das Seil hängt wie ein schlaffes Lächeln zwischen uns.

»Regel Nummer zwei der Spuktunneltour heißt«, sagt der Cowboy, sagt sein Whiskeyatem: Man redet nicht darüber…«

Das Seil, die geflochtenen Fasern, ist fest gedreht und liegt fettig glatt in meiner Hand. Ich stehe immer noch, ziehe an dem Seil und sage: Hey…

Aus dem Dunkel fragt der Cowboy: »Was: hey?«

Ich sage, ich hab dieses Buch geschrieben.

Das Seil zwischen uns wird straffer, straffer, straff.

Und das Seil stoppt den Cowboy. Aus dem Dunkeln sagt er: »Geschrieben? Was?«

Fight Club, sage ich.

Und da macht der Cowboy einen Schritt auf mich zu. Das Klopfen seines Stiefels auf der Stufe: näher. Er schiebt den Hut zurück, um besser sehen zu können, stößt mit seinen Augen nach mir, heftig blinzelnd, sein Atem kräftig wie der eines Kesselschmieds, alkomatenkräftig, und sagt:

»Das gab’s als Buch?«

Ja.

Bevor es den Film gab…

Bevor Landjugendvereine in Virginia zerschlagen wurden, weil sie Fight Clubs veranstalteten…

Bevor Donatella Versace Rasierklingen in Männerkleidung einnähte und das den Fight Club Look nannte. Bevor Gucci Models ohne Hemd und mit Veilchenaugen, blutig und bandagiert über den Laufsteg gingen. Bevor Modehäuser wie Dolce & Gabbana ihre neue Herrenkollektion – Satinhemden im 70erJahre-Stil, bedruckt mit Plakatmotiven, Hosen in Tarnfarben, enge, tief sitzende Lederhosen – in schmutzigen Mailänder Betonkellern präsentierten…

Bevor junge Männer sich mit Lauge oder Sekundenkleber Kussmünder in die Hände ätzten…

Bevor junge Männer in aller Welt offizielle Anträge stellten, ihren Namen in »Tyler Durden« zu ändern…

Bevor die Band Limp Bizkit ihre Website mit dem Satz begann: »Dr. Tyler Durden empfiehlt eine starke Dosis Limp Bizkit…«

Bevor ein amerikanischer Bürobedarfslieferant Paketaufkleber mit dem Aufdruck »An Tyler Durden, Paper Street« auf den Markt brachte…

Bevor in brasilianischen Nachtclubs Faustkämpfe organisiert wurden, bei denen junge Männer sich gelegentlich totprügelten…

Bevor The Weekly Standard »Die Krise der Männlichkeit« ausrief…

Bevor Susan Faludi das Buch Männer: Das betrogene Geschlecht veröffentlichte…

Bevor die Studenten der Brigham Young University für das Recht kämpften, sich an Montagabenden zu prügeln – mit der Begründung, dass aus den Vorschriften der Mormonen kein Verbot ihres »Provo Fight Club« abzuleiten sei…

Bevor der Sohn des Gouverneurs von Utah, Mike Leavitt, weil er in einer Mormonenkirche einen Fight Club organisiert hatte, wegen Ruhestörung und Hausfriedensbruchs vor Gericht gestellt wurde…

Bevor die Zeitung The Onion einen Artikel über »Das Nähkränzchen« brachte, einen Kreis alter Damen, die sich im Kellerraum einer Kirche trafen, um »mit bloßen Fäusten auf ihre Stickrahmen loszugehen«, und »Regel Nummer eins des Nähkränzchens heißt: Man redet nicht darüber…«

Bevor in Saturday Night Live der »Fight-Like-A-Girl-Club« eingeführt wurde…

Bevor Zeitschriften- und Zeitungsherausgeber bei mir anriefen und wissen wollten, wo es in ihrer Gegend einen typischen Fight Club gebe, um dort für eine Insider-Story einen Reporter einzuschleusen, und mir versicherten, mit keinem Wort gegen die Geheimhaltungsvorschriften des betreffenden Clubs verstoßen zu wollen…

Bevor Zeitschriften- und Zeitungsherausgeber mich aufs Übelste beschimpften, weil ich darauf beharrte, dass die ganze Idee der Fight Clubs bloß von mir erfunden sei. Bloß von mir erfunden…

Bevor in politischen Karikaturen der »Kongress-FightClub« die Runde machte…

Bevor die Universität von Pennsylvania Tagungen veranstaltete, auf denen Fight Club auf alle mögliche Art und Weise auseinander genommen wurde, von Freud über Puppenspiel bis Ausdruckstanz…

Bevor unzählige »Fuck Club«-Porno-Webseiten auftauchten…

Bevor unzählige Restaurantkritiken unter der Überschrift »Bite Club« erschienen…

Bevor die Firma Rumble Boys ihre Herrenpflegemittel, Schaumfestiger und Gels mit Tyler-Durden-Zitaten anpries…

Bevor man auf Flughäfen scherzhafte Aufrufe hörte wie »Tyler Durden… Tyler Durden bitte ans weiße Servicetelefon…«

Bevor man in Los Angeles Sprüche wie »Tyler Durden lebt« an die Wände gesprüht sah…

Bevor man in Texas T-Shirts mit dem Aufdruck trug: »Rettet Marla Singer«…

Bevor es illegale Inszenierungen von Fight Club gab…

Bevor mein Kühlschrank mit Fotos, die mir Fremde geschickt hatten, voll geklebt war: grinsende, zerschlagene Gesichter, wilde Kampfszenen auf Hinterhöfen…

Bevor das Buch in einem Dutzend Sprachen erschienen war: Club de Combate und De Vechtclub und Borilacki Club und Klub Golih Pesti und Kovos Klubas…

Bevor das alles geschah…

Am Anfang war es bloß eine Kurzgeschichte. Nur ein Experiment, einen langweiligen Nachmittag auf der Arbeit totzuschlagen. Statt jemanden in einer Geschichte von einer Szene zur anderen zu führen, musste es doch auch etwas Schnelleres geben – harte Schnitte. Sprünge. Von einer Szene zur anderen. Ohne dass der Leser auf der Strecke blieb. Jeden Aspekt einer Geschichte aufzeigen, aber nur den Kern jeden Aspekts. Den entscheidenden Augenblick. Dann den nächsten entscheidenden Augenblick. Und den nächsten.

Dazu brauchte ich so etwas wie einen Refrain. Irgendeine eher belanglose Kleinigkeit, die den Leser nicht ablenkte, sondern als Signal für den Sprung zu einem neuen Aspekt oder Blickwinkel der Geschichte dienen sollte. Eine Art Puffer, ein Prüfstein oder Grenzstein, damit der Leser die Orientierung behielt. So etwas wie eine geschmacksneutrale Speise, wie sie zwischen den Gängen eines raffinierten Mahls serviert wird. Ein Signal wie ein Jingle im Radio, mit dem das nächste Thema angekündigt wird. Der nächste Sprung.

Eine Art Leim oder Mörtel, der ein Mosaik aus verschiedenen Augenblicken und Einzelheiten zusammenhielt. Ihnen Kontinuität verlieh, dabei aber jeden einzelnen Augenblick für sich allein und nicht in Kollision mit dem nächsten vorführte.

Man denke an den Film Citizen Kane, wie dort die gesichtslosen, namenlosen Wochenschaureporter den Rahmen für die Darstellung der Geschichte aus allen möglichen Quellen schaffen.

So etwas wollte ich machen. An diesem einen, langweiligen Nachmittag auf der Arbeit.

Also formulierte ich mir für diesen Refrain – dieses »Übergangsmedium«– acht Regeln. Das ganze Drum und Dran dieses Fight Clubs war gar nicht wichtig. Das war eher willkürlich. Aber die acht Regeln mussten auf irgendetwas Anwendung finden. Warum also nicht ein Club, in dem man jemanden zum Kämpfen auffordern konnte? So ähnlich, wie wenn man in der Disco jemanden zum Tanzen auffordert. Oder jemanden zu einer Partie Billard oder Darts auffordert. Das Kämpfen war nicht das Entscheidende an der Geschichte. Ich brauchte lediglich die Regeln. Diese belanglosen Grenzsteine, die mir erlauben sollten, diesen Club aus dem Blickwinkel der Vergangenheit und der Gegenwart, aus der Nähe oder von weitem, seine Anfänge und seine Entwicklung zu schildern und jede Menge Einzelheiten und Augenblicke auf nur sieben Seiten zusammenzupacken und dabei den Leser nicht zu verlieren.

Mich zierte damals gerade ein blaues Auge, ein Souvenir von einer Schlägerei während meines Sommerurlaubs. Keiner meiner Kollegen hatte ein Wort darüber verloren, und ich stellte mir vor, man könne in seinem Privatleben alles anstellen, wenn man davon so ramponiert aussähe, dass kein Mensch sich nach den Einzelheiten erkundigt.

Um die gleiche Zeit hatte ich im Fernsehen eine Sendung von Bill Moyer gesehen; da wurde gesagt, Straßengangs bestünden eigentlich nur aus jungen Männern, die ohne Vater aufwüchsen und sich gegenseitig zu helfen versuchten, erwachsen zu werden. Sie stellten Regeln auf, sie stellten einander Herausforderungen. Sie verlangten Disziplin. Belohnten Einsatz. Genau wie es auch ein Trainer oder ein Ausbildungsoffizier tun würde.

Um die gleiche Zeit waren die Buchhandlungen voll von Büchern wie The Joy Luck Club und The Divine Secrets of the Ya-Ya Sisterhood und How to Make an American Quilt. Das alles waren Romane, die Gesellschaftsmodelle für das Zusammenleben von Frauen vorstellten. Zusammensitzen und sich Geschichten erzählen, die eigenen Lebensgeschichten. Was fehlte, war ein Roman, der ein neues Gesellschaftsmodell für ein gemeinsames Leben von Männern vorstellte.

Ein solches Modell müsste Männern die Rollen und Regeln eines Spiels vorgeben – oder ihnen eine Aufgabe stellen –, aber nicht zu rücksichtsvoll. Es müsste eine neue Form von Geselligkeit aufzeigen. Das hätte ebenso gut ein »ScheunenbauClub« oder ein »Golf-Club« sein können und hätte sich so, als etwas nicht so Bedrohliches, wahrscheinlich sehr viel besser verkauft.

Aber an jenem langweiligen Nachmittag schrieb ich eben Fight Club, eine Kurzgeschichte von sieben Seiten. Es war die erste richtige Geschichte, die ich jemals verkauft habe. Fünfzig Dollar hat mir der Abdruck in der Anthologie The Pursuit of Happiness (Blue Heron Press) eingebracht. Die komplette erste Auflage, herausgegeben von Dennis und Linni Stovall, wurde mit dem falschen Titel auf dem Rücken gedruckt, und die Kosten des Neudrucks stürzten den kleinen Verlag in den Bankrott. Heute sind sämtliche Exemplare dieser Anthologie verkauft. Die falsch und die richtig gedruckten. Hauptsächlich an Leute, die auf der Jagd nach jener ursprünglichen Kurzgeschichte sind, die später zum sechsten Kapitel des Romans Fight Club geworden ist.

Es waren nur sieben Seiten, weil mein Schreiblehrer, Tom Spanbauer, einmal im Scherz bemerkt hatte, sieben Seiten seien die optimale Länge für eine Kurzgeschichte.

Um aus der Kurzgeschichte ein Buch zu machen, baute ich alles ein, was meine Freunde zu erzählen hatten. Auf jeder Party sammelte ich Material. Zum Beispiel die Geschichte von Mike, der Pornoszenen in Familienfilme schneidet. Oder die Geschichte von Geoff, der als Kellner bei einem Festessen in die Suppe pinkelt. Als ein Freund von mir einmal die Sorge äußerte, solche Geschichten könnten die Leser zum Nachahmen animieren, sagte ich, wir seien doch bloß ahnungslose Nullen in der Provinz von Oregon; wir hätten nicht die geringste Vorstellung davon, was für Millionen andere längst selbstverständlich sei.

Jahre später zog mich in London vor einer Signierstunde ein junger Mann beiseite. Er war Kellner in einem Viersternerestaurant – es gab nur vier davon in der Stadt –, und er fand meine Beschreibung jenes Kellners ganz großartig. Lange bevor er und seine Kollegen das Buch gelesen hätten, sagte er, hätten sie mit dem Essen, das sie irgendwelchen Prominenten servierten, ganz ähnliche Dinge getan.

Als ich ihn bat, mir einen dieser Prominenten zu nennen, schüttelte er den Kopf. Nein, das sei ihm zu riskant.

Als ich mich weigerte, sein Buch zu signieren, winkte er mich näher heran und flüsterte:

»Margaret Thatcher hat mein Sperma gegessen.« Er hob eine Hand, alle Finger gespreizt, und sagte: »Mindestens fünfmal…«

In dem Workshop, wo ich zu schreiben anfing, musste man seine Sachen öffentlich vorlesen. Meistens in Bars oder Cafés, wo man sich gegen den Lärm der Espressomaschine behaupten musste. Oder gegen eine Football-Übertragung im Fernsehen. Gegen Musik und Betrunkene, die sich unterhielten. Bei so viel Krach und Ablenkung hörte man nur den schockierendsten, drastischsten, finstersten und komischsten Geschichten zu. Mit einem »Scheunenbau-Club« hätte man unser Testpublikum nicht zum Zuhören gebracht.

Was ich da geschrieben habe, war im Grunde nichts anderes als Der große Gatsby, nur ein wenig aktualisiert. »Apostolische« Prosa – wo ein überlebender Apostel die Geschichte seines Helden erzählt. Es geht um zwei Männer und eine Frau. Einer der Männer, der Held, wird erschossen.

Eine klassische alte Liebesgeschichte, nur ein wenig aktualisiert, um gegen Espressomaschine und Sportkanal eine Chance zu haben.

Für die erste Fassung habe ich drei Monate gebraucht, und nach drei Tagen hatte ich das Buch an W. W. Norton verkauft. Der Vorschuss war so winzig, dass ich keinem davon erzählt habe. Keinem. Sechstausend Dollar. Von anderen Autoren höre ich jetzt, ein solcher Betrag gelte als Aufforderung, sich nie mehr blicken zu lassen. Der so bezahlte Autor soll beleidigt das Weite suchen. Damit zieht sich der Verleger aus der Klemme, ohne seine Angestellten zu kränken, die das Buch eingekauft haben.

Immerhin sechstausend Dollar. Damit konnte ich ein Jahr lang meine Miete bezahlen. Also nahm ich das Geld. Und im August 1996 erschien die gebundene Ausgabe. Und ich ging auf Tournee durch drei Städte – Seattle, Portland und San Francisco –, wo zu meinen Lesungen nie mehr als drei Leute erschienen. Die Verkaufserlöse deckten nicht einmal ab, was ich im Hotel aus den Minibars trank.

Ein Rezensent stufte das Buch als Science fiction ein. Ein anderer nannte es eine Satire auf Robert Blys Buch über die Männerbewegung. Ein anderer nannte es eine Satire auf die Angestelltenkultur. Einige sprachen von Horror. Niemand sprach von einer Liebesgeschichte.

In Berkeley wurde ich in einem Radiointerview gefragt: »Was können Sie uns, nachdem Sie dieses Buch geschrieben haben, über den Status der amerikanischen Frau in der heutigen Welt sagen?«

In Los Angeles sagte ein Collegeprofessor im Radio, das Buch tauge nichts, weil es das Thema Rassismus ausklammere.

Auf dem Rückflug nach Portland beugte sich ein Flugbegleiter über mich und bat mich, ihm die Wahrheit zu sagen. Er sei der Meinung, in dem Buch gehe es gar nicht ums Kämpfen. In Wirklichkeit gehe es um Schwule, die sich in öffentlichen Dampfbädern beim Ficken zusehen.

Ich antwortete: Ja, klar, was sonst. Und bis zur Landung bekam ich von ihm Gratisdrinks.

Andere Rezensenten fanden das Buch abscheulich. Oder es war ihnen »zu finster«. Zu gewalttätig. Zu grell, zu schrill, zu dogmatisch. Die hätten lieber den »Scheunenbau-Club« gelesen.

Dennoch bekam es 1997 den Pacific Northwest Booksellers Award und den Oregon Book Award in der Sparte Roman. Ein Jahr später trat in der Literaturkneipe KGB in Manhattan eine Frau an mich heran und stellte sich als Leiterin der Jury für die Verleihung des Oregon Award vor. Sie sagte, sie habe mit Zähnen und Klauen gekämpft, um die anderen Juroren zu überzeugen. Gott segne sie.

Dann kamen Brad Pitt und Edward Norton und Helena Bonham. Seither haben mir tausende Menschen geschrieben, die meisten, um mir zu danken. Dafür, dass ich etwas geschrieben habe, das ihren Sohn wieder zum Lesen gebracht habe. Oder ihren Mann. Oder ihre Schüler. Andere schrieben mir ein wenig aufgebracht, die ganze Idee mit den Fight Clubs stamme von ihnen: Sie hätten das erfunden, in militärischen Ausbildungslagern oder in Arbeitslagern zur Zeit der Wirtschaftskrise. Da hätten sie sich betrunken und einander aufgefordert: Schlag mich. So fest, wie du kannst.

Fight Clubs hat es schon immer gegeben, sagen sie. Und es wird immer Fight Clubs geben.

Kellner werden immer in die Suppe pinkeln. Die Leute werden sich immer verlieben.

Heute, sieben Bücher später, werde ich immer noch von Männern gefragt, wo es bei ihnen in der Gegend einen Fight Club gibt.

Und immer noch werde ich von Frauen gefragt, ob es auch einen Club gibt, wo sie sich prügeln können.

Also, Regel Nummer eins des Fight Clubs heißt: Eine ahnungslose Null aus Oregon hat nicht die geringste Vorstellung davon, was für Milliarden andere längst selbstverständlich ist…

In den Andendörfern Boliviens –übrigens ein Land, in dem das Buch noch nicht erschienen ist, einige tausend Meilen entfernt von dem betrunkenen Cowboy und seiner Spuktunneltour – kommen alljährlich die ärmsten Leute zusammen, um das »Tinku«-Fest zu feiern.

Dabei prügeln sich die campesino-Männer bis zum Umfallen. Betrunken und blutüberströmt, schlagen sie mit nackten Fäusten aufeinander ein und singen: »Wir sind Männer. Wir sind Männer. Wir sind Männer…«

Die Männer kämpfen mit Männern. Manchmal kämpfen auch die Frauen miteinander. Sie kämpfen, wie sie es seit Jahrhunderten getan haben. In ihrer Welt – kaum Einkommen, kaum Wohlstand, wenig Besitz, keine Bildung, keine Chance – freuen sie sich das ganze Jahr lang auf dieses Fest.

Wenn sie schließlich nicht mehr können, gehen die Männer und Frauen zur Kirche.

Und heiraten.

Müde sein ist nicht dasselbe wie reich sein, aber oft ist sich beides sehr ähnlich.

Chuck Palahniuk, Portland, 2004

1

Tyler besorgt mir einen Job als Kellner, und dann schiebt mir Tyler eine Pistole in den Mund und sagt, als ersten Schritt zum ewigen Leben musst du sterben. Lange Zeit waren Tyler und ich jedoch die besten Freunde. Ich werde ständig gefragt, ob ich über Tyler Durden Bescheid gewusst habe.

Tyler drückt mir den Lauf der Pistole tief in den Schlund und sagt: »Wir sterben nicht wirklich.«

Ich fühle mit der Zunge die Schalldämpferlöcher, die wir in den Pistolenlauf gebohrt haben. Der Lärm, den ein Schuss aus einer Waffe macht, kommt hauptsächlich von sich ausdehnenden Gasen, und dann ist da noch der winzige Überschallknall, den eine Kugel erzeugt, weil sie so schnell fliegt. Um einen Schalldämpfer zu machen, bohrt man einfach Löcher in den Pistolenlauf, eine Menge Löcher. Das lässt das Gas entweichen und verlangsamt die Kugel auf weniger als Schallgeschwindigkeit.

Wenn du die Löcher falsch bohrst, reißt dir die Pistole die Hand ab.

»Das ist nicht wirklich der Tod«, sagt Tyler. »Wir werden zu einer Legende. Wir werden nicht altern.«

Ich schiebe die Pistole mit der Zunge in die Backe und sage, Tyler du denkst an Vampire.

Das Gebäude, auf dem wir stehen, wird es in zehn Minuten nicht mehr geben. Du nimmst ein 98-prozentiges Konzentrat aus Salpetersäure und gibst die Säure zur dreifachen Menge Schwefelsäure. Stell das in ein Eisbad. Dann fügst du mit einem Augentropfer Glyzerin hinzu, Tropfen für Tropfen, und du hast Nitroglyzerin.

Ich weiß das, weil Tyler es weiß.

Misch das Nitro mit Sägemehl, und du hast einen hübschen Plastiksprengstoff. Eine Menge Leute mischen ihr Nitro mit Baumwolle und tun Epsomer Bittersalz als Sulfat hinzu. Das geht auch. Manche Leute nehmen Paraffin, vermischt mit Nitro. Bei mir hat Paraffin kein einziges Mal funktioniert.

Tyler und ich stehen also auf dem Dach des Parker-Morris Building, die Pistole steckt in meinem Mund, und wir hören, wie Glas splittert. Wir schauen über den Rand. Es ist ein wolkiger Tag, sogar in dieser Höhe. Das hier ist das höchste Gebäude der Welt, und in dieser Höhe ist der Wind immer kalt. Es ist so ruhig hier oben, und du kriegst das Gefühl, dass du einer von diesen Weltraumaffen bist. Du machst den kleinen Job, für den sie dich dressiert haben.

Einen Hebel betätigen.

Auf einen Knopf drücken.

Du begreifst nichts davon, und dann stirbst du einfach.

Einhunderteinundneunzig Stockwerke hoch schaust du über den Rand des Daches, und die Straße unter dir ist ein bunter Zottelteppich aus Menschen, die dastehen und hinaufschauen. Das splitternde Glas ist ein Fenster, genau unterhalb von uns. Ein Fenster fliegt aus der Gebäudewand, und hinterher kommt ein Aktenschrank, groß wie ein schwarzer Kühlschrank; genau unter uns fällt ein Aktenschrank mit sechs Schubladen mitten aus der Steilwand des Gebäudes, fällt und überschlägt sich langsam, fällt und wird kleiner, fällt und verschwindet in der dicht gedrängten Menge.

Irgendwo in den einhunderteinundneunzig Stockwerken unter uns wüten die Weltraumaffen vom Ausschuss für Unfug des Projekts Chaos und zerstören jeden Fetzen Geschichte.

Der alte Spruch, dass man immer tötet, wen man liebt, wissen Sie, der stimmt in beide Richtungen.

Wenn eine Pistole in deinem Mund steckt und der Lauf der Pistole zwischen deinen Zähnen, kannst du nur in Vokalen sprechen.

Wir sind bei unseren letzten zehn Minuten angelangt.

Noch ein Fenster fliegt aus dem Gebäude, und Glas spritzt umher, es funkelt wie eine Schar Tauben, und dann kommt ein Schreibtisch aus dunklem Holz zum Vorschein, angeschoben vom Ausschuss für Unfug. Zentimeter für Zentimeter schiebt sich der Schreibtisch aus der Gebäudewand, bis er überkippt und abrutscht und sich in ein fliegendes Zauberding verwandelt, das, sich überschlagend, in der Menge verschwindet.

In neun Minuten wird es das Parker-Morris Building nicht mehr geben. Du nimmst genügend Sprenggelatine und packst sie um die Fundamentsäulen von irgendwas, du kannst jedes Gebäude der Welt zum Einsturz bringen. Du musst die Gelatine gut mit Sandsäcken abdämmen, damit die Explosion auf die Säule geht und nicht in die Tiefgarage um die Säule herum.

Wie man so was macht, steht in keinem Schulbuch.

Die drei Möglichkeiten, Napalm herzustellen: Erstens: Du mischst zu gleichen Teilen Benzin und gefrorenes Orangensaftkonzentrat. Zweitens: Du mischst zu gleichen Teilen Benzin und Diät-Cola. Drittens: Du löst zerkrümelte Katzenstreu in Benzin auf, bis die Mischung dickflüssig ist.

Fragen Sie mich, wie man Nervengas herstellt. Ach, und all diese irren Autobomben.

Neun Minuten.

Das Parker-Morris Building wird einstürzen, alle einhunderteinundneunzig Stockwerke, langsam, wie ein Baum im Wald umfällt. Holz. Du kannst alles zum Einsturz bringen. Es ist schon ein sonderbarer Gedanke, dass die Stelle, an der wir gerade stehen, nur noch ein Punkt am Himmel sein wird.

Tyler und ich am Rand des Daches, die Pistole in meinem Mund, und ich frage mich, wie sauber die Pistole ist.

Wir vergessen Tylers Mord-Selbstmord-Geschichte völlig, als wir zuschauen, wie ein zweiter Aktenschrank aus dem Gebäude gleitet und die Schubladen in der Luft aufgehen und Massen von weißem Papier vom Aufwind erfasst und vom Wind davongetragen werden.

Acht Minuten.

Dann der Rauch, aus den zerbrochenen Fenstern fängt es an zu rauchen. Der Sprengtrupp wird die Hauptladung in etwa acht Minuten zünden. Die Hauptladung wird die Sockelladung zur Explosion bringen, die Fundamentsäulen werden zerbröckeln, und die Fotoserie des Parker-Morris Building wird in alle Schulbücher eingehen.

Die Zeitrafferserie aus fünf Bildern: Hier steht das Gebäude noch. Zweites Bild: Das Gebäude neigt sich in einem Winkel von achtzig Grad, dann siebzig Grad. Auf dem vierten Bild ist das Gebäude in einem Fünfundvierzig-Grad-Winkel, als das Stahlskelett nachgibt und der Turm eine leichte Wölbung aufweist. Auf der letzten Aufnahme kracht der Turm, alle einhunderteinundneunzig Stockwerke, auf das Nationalmuseum, Tylers eigentliches Ziel.

»Das ist unsere Welt jetzt, unsere Welt«, sagte Tyler, »und diese altertümlichen Leute sind tot.«

Wenn ich wüsste, wie das alles ausgeht, wäre ich überglücklich, auf der Stelle tot und im Himmel zu sein.

Sieben Minuten.

Auf dem Parker-Morris Building mit Tylers Pistole im Mund. Während Schreibtische, Aktenschränke und Computer auf die Menge rund um das Gebäude regnen, während Rauch trichterförmig aus den zerbrochenen Fenstern steigt und drei Blocks weiter der Sprengtrupp auf die Uhr schaut, weiß ich, dass es bei der ganzen Sache – der Pistole, der Anarchie, der Explosion – in Wirklichkeit um Marla Singer geht.

Sechs Minuten.

Wir haben da so eine Art Dreiecksgeschichte laufen. Ich will Tyler. Tyler will Marla. Marla will mich.

Ich will Marla nicht, und Tyler will mich nicht um sich haben, nicht mehr. Es geht nicht um Liebe, im Sinne von fürsorglich, es geht um Besitz, im Sinne von Eigentum.

Ohne Marla wäre Tyler nichts.

Fünf Minuten.

Vielleicht werden wir zu einer Legende, vielleicht nicht. Nein, sage ich, aber wart mal.

Wo wäre Jesus, wenn niemand die Evangelien geschrieben hätte?

Vier Minuten.

Ich schiebe den Pistolenlauf in die Backe und sage, du willst eine Legende sein, Tyler, ich mache dich zur Legende, Mann. Ich war von Anfang an dabei. Tyler nimmt die Waffe aus meinem Mund.

Ich erinnere mich an alles. Drei Minuten.

2

Bob hatte seine starken Arme um mich geschlossen, um mich darin zu halten, und ich war in die Dunkelheit zwischen Bobs neuen, schwitzenden Titten gequetscht, die gewaltig dahingen, groß, wie wir uns die von Göttern vorstellen. Wir gingen in dem Kellerraum unter der Kirche umher, der jeden Abend, an dem wir uns trafen, voller Männer war: Das ist Art, das ist Paul, das ist Bob; Bobs breite Schultern ließen mich an den Horizont denken. Bobs dichtes blondes Haar war das, was du kriegst, wenn sich Haarcreme Formschaum nennt, so dicht und blond und der Scheitel sehr gerade.

Bob hat die Arme um mich geschlungen und presst mit seiner Hand meinen Kopf gegen die neuen Titten, die aus einer tonnenförmigen Brust sprießen.

»Alles wird gut«, sagt Bob, »wein jetzt ruhig.«

Von den Knien bis zur Stirn spüre ich chemische Reaktionen in Bobs Körper, der Essen und Sauerstoff verbrennt.

»Vielleicht haben sie es alle früh genug«, sagt Bob. »Im Frühstadium hast du eine fast hundertprozentige Überlebenschance.«

Bob zieht die Schultern mit einem langen Atemzug hoch, dann sinken, sinken, sinken sie in stoßweisen Schluchzern. Er zieht sie hoch. Sie sinken, sinken, sinken.

Seit zwei Jahren komme ich jede Woche hierher, und jede Woche schlingt Bob seine Arme um mich, und ich weine.

»Wein nur«, sagt Bob, atmet ein und schluchzt, schluchzt, schluchzt. »Mach nur und wein.«

Das große nasse Gesicht sinkt auf meinen Kopf, und ich verschwinde darunter. Das ist der Punkt, an dem ich normalerweise weine. Weinen ist leicht in der stickigen Dunkelheit, in den Armen eines anderen, wenn du siehst, dass alles, was du jemals erreichen kannst, als Abfall enden wird.

Alles, worauf du stolz bist, wird auf den Müll wandern. Und ich verschwinde unter Bob.

Seit einer Woche kommt das hier dem Schlaf am nächsten. So habe ich Marla Singer kennen gelernt.

Bob weint, weil man ihm vor sechs Monaten die Hoden entfernt hat. Dann Hormontherapie. Bob hat Titten, weil seine Testosterondosis zu hoch ist. Wenn du den Testosteronspiegel zu sehr anhebst, erhöht dein Körper den Östrogenausstoß, um ein Gleichgewicht herzustellen.

An diesem Punkt weine ich normalerweise, weil sich genau hier dein Leben auf ein Nichts reduziert, noch nicht mal ein Nichts, Vergessenheit.

Zu viel Östrogen, und du kriegst Weibertitten.

Es ist leicht, zu weinen, wenn dir klar wird, dass alle, die du liebst, dich zurückweisen oder sterben werden. Auf einer Zeitskala, die lang genug ist, fällt die Überlebensquote für jeden auf null.

Bob liebt mich, weil er glaubt, dass man mir ebenfalls die Hoden entfernt hat.

Mit uns im Kellerraum der Kirche Trinity Episcopal mit seinen Plüschsofas aus dem Wohlfahrtsladen befinden sich vielleicht zwanzig Männer und nur eine Frau, die alle paarweise aneinander hängen, und die meisten weinen. Manche Paare sind nach vorne gebeugt, die Köpfe Ohr auf Ohr aneinandergedrückt, so wie Ringer ineinander verhakt dastehen. Der Mann mit der einzigen Frau hat seine Ellbogen auf ihre Schultern gestützt, je einen zu beiden Seiten ihres Kopfes, ihren Kopf zwischen den Händen, und er weint an ihrem Hals. Die Frau dreht den Kopf zur Seite, und ihre Hand führt eine Zigarette zum Mund.

Ich spähe unter Bobs Achselhöhle hervor.

»Mein ganzes Leben«, weint Bob. »Warum ich überhaupt noch irgendwas tue, weiß ich auch nicht.«

Die einzige Frau hier bei »Wir bleiben Männer«, der Selbsthilfegruppe für Hodenkrebs, diese Frau raucht ihre Zigarette unter der Last eines Fremden, und unsere Blicke treffen sich. Schwindler. Schwindler. Schwindler. Kurzes schwarzes Strubbelhaar, große Augen wie in japanischen Zeichentrickfilmen, magermilchdünn, blässlich wie Buttermilch, in dem Kleid mit dem Tapetenmuster aus dunklen Rosen: So war diese Frau auch am Freitagabend in meiner Tuberkulose-Gruppe. Sie war in meinem Hautkrebs-Gesprächskreis am Mittwoch. Montagabend war sie bei »In festem Glauben«, meiner Diskussionsgruppe für Leukämie. Der Scheitel in ihrer Haarmitte ist ein krummer Blitzstrahl weißer Haut.

Wenn du dir diese Selbsthilfegruppen ansiehst, haben sie alle unbestimmt optimistische Namen. Meine Gruppe für Blutparasiten am Donnerstagabend nennt sich »Frei und klar«.

Die Gruppe, in die ich wegen Gehirnparasitismus gehe, heißt »Nach oben und weiter«.

Und Sonntagnachmittag, bei »Wir bleiben Männer« im Keller von Trinity Episcopal, ist diese Frau wieder da.

Und was noch schlimmer ist: Ich kann nicht weinen, wenn sie mich beobachtet.

Das wäre eigentlich jetzt meine Lieblingsstelle, von Bob gehalten zu werden und bar jeder Hoffnung mit ihm zu weinen.

Wir arbeiten alle die ganze Zeit so schwer. Das hier ist der einzige Ort, an dem ich mich wirklich entspanne und fallen lasse.

Das hier ist mein Urlaub.

Zu meiner ersten Selbsthilfegruppe bin ich vor zwei Jahren gegangen, nachdem ich wieder einmal wegen meiner Schlaflosigkeit beim Arzt gewesen war.

Seit drei Wochen hatte ich nicht geschlafen. Drei Wochen ohne Schlaf, da wird alles zu einer Erfahrung außerhalb deines Körpers. Mein Arzt sagte: »Schlaflosigkeit ist nur das Symptom von etwas tiefer liegendem. Finden Sie heraus, was tatsächlich nicht stimmt bei Ihnen. Horchen Sie auf Ihren Körper.«

Ich wollte einfach nur schlafen. Ich wollte keine blaue Amytal-Sodium-Kapseln, die Zweihundert-Milligramm-Packung, ich wollte rot-blaue Tuinalkapseln, lippenstiftrote Seconal.

Mein Arzt sagte, ich solle Baldrianwurzel kauen und mich mehr bewegen, irgendwann würde ich schon einschlafen.

Mein Gesicht war angelaufen und verschrumpelt wie eine alte Frucht, man hätte mich für tot halten können.

Mein Arzt sagte, wenn ich echtes Leid sehen wolle, sollte ich an einem Dienstagabend in First Eucharist vorbeischauen. Mir die Gehirnparasiten ansehen. Die degenerativen Knochenerkrankungen. Die organischen Gehirnstörungen. Mir ansehen, wie die Krebspatienten zurechtkommen.

Also ging ich hin.

In der ersten Gruppe, in die ich ging, gab es eine Vorstellungsrunde: Das ist Alice, das ist Brenda, das ist Dover. Alle lächeln, während diese unsichtbare Pistole auf ihren Kopf gerichtet ist. Ich gebe in Selbsthilfegruppen nie meinen richtigen Namen an.

Das kleine Skelett einer Frau namens Chloe, deren Hosenboden traurig und leer durchhängt. Chloe erzählt mir, das Schlimmste an Gehirnparasiten sei, dass niemand mehr mit ihr schlafen wolle. Da war sie dem Tod so nahe, dass ihre Lebensversicherung fünfundsiebzigtausend Dollar ausbezahlt hatte, und alles, was Chloe wollte, war, ein letztes Mal flachgelegt zu werden. Nicht Zärtlichkeit – Sex.

Was soll ein Kerl da sagen? Ich meine, was kannst du da sagen?

Das ganze Sterben ging damit los, dass Chloe immer ein bisschen müde war, und jetzt war Chloe zu gelangweilt, um sich behandeln zu lassen. Pornographische Filme, sie hatte pornographische Filme zu Hause in ihrer Wohnung.

Während der Französischen Revolution, erzählte mir Chloe, haben die Frauen im Gefängnis, die Herzoginnen, Baroninnen, Gräfinnen, was immer, jeden Mann gevögelt, der hinaufstieg. Hinaufstieg. Bezahlte, was weiß ich. Vögeln war ein Zeitvertreib.

La petite mort, nannten es die Franzosen.

Chloe hatte pornographische Filme, falls es mich interessierte. Amylnitrat. Gleitmittel.

Normalerweise würde ich ja locker eine Erektion hinkriegen. Unsere Chloe jedoch ist ein in gelbes Wachs getauchtes Skelett.

So wie Chloe aussieht, bin ich ein Nichts. Weniger als das. Trotzdem stößt Chloes Schulter gegen meine, als wir im Kreis auf dem Zottelteppich sitzen. Wir schließen die Augen. Chloe war an der Reihe, uns in der angeleiteten Meditation zu führen, und sie führte uns in den Garten der Heiterkeit. Chloe führte uns den Hügel hinauf zum Palast der sieben Türen. Im Innern des Palastes waren die sieben Türen, die grüne Tür, die gelbe Tür, die orangefarbene Tür, und Chloe ließ uns jede Tür öffnen, die blaue Tür, die rote Tür, die weiße Tür, und herausfinden, was dahinter lag.

Mit geschlossenen Augen stellten wir uns unser Leid als eine Kugel aus weißem, Heil bringendem Licht vor, das um unsere Füße schwebte, zu unseren Knien hinaufstieg, unserem Leib, unserer Brust. Unsere Chakren öffneten sich. Das Herz-Chakra. Das Kopf-Chakra. Chloe führte uns in Höhlen, wo wir unser Energie spendendes Tier trafen. Meines war ein Pinguin. Eis bedeckte den Boden der Höhle, und der Pinguin sagte: Gleite. Mühelos glitten wir durch Tunnel und Stollen.

Dann war es Zeit für die Umarmung.

Öffnet die Augen.

Das sei therapeutischer Körperkontakt, sagte Chloe. Wir sollten uns alle einen Partner aussuchen. Chloe warf sich mir um den Hals und weinte. Sie hatte Reizwäsche zu Hause und weinte. Chloe hatte Öle und Handschellen, und sie weinte, während ich zusah, wie der große Zeiger meiner Armbanduhr elf Umdrehungen machte.

Ich weinte also nicht bei meiner ersten Selbsthilfegruppe vor zwei Jahren. Ich weinte auch nicht bei meiner zweiten oder dritten Selbsthilfegruppe. Ich weinte nicht bei Blutparasiten, nicht bei Darmkrebs und nicht bei organischer Dementia.