Fimbul - Johanna Rusche - E-Book

Fimbul E-Book

Johanna Rusche

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Beschreibung

Wer ist ihre Mutter? Eine Frage, die die sechzehnjährige Riccarda als Kind oft beschäftigt hat, von ihrem Vater jedoch nie beantwortet wurde. Doch nun scheint der Winter in Hamburg nie zu enden, und eine Gruppe Fanatiker hält Riccarda für die Tochter der Midgardschlange.

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Seitenzahl: 251

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Inhalt

Hamburg 17 Jahre zuvor

Erinnerst du dich an den letzten Frühling?

Winter in Hamburg

Eindringlinge

Ein einfacher Reisender

Unterwegs

Nächtliches Gespräch

Über das Eis

Ein wichtiger Schwur

Unerwünschte Erkenntnis

Der Weg nach Norwegen

Die norwegische Faust

Saltstraumen

Die Schlacht

Naglfar kurz zuvor

Rückkehr an die Oberfläche

Epilog

Hamburg 17 Jahre zuvor

´

Hagen warf den letzten Pullover in den Koffer, als die Eingangstür ins Schloss fiel und jemand die Treppe hinauf gestapft kam. Als die Zimmertür aufgerissen wurde, musste er sich nicht einmal umdrehen, um die Person zu erkennen. „Hallo Svenja“, begrüßte er seine 8-jährige Schwester. „Wie war die Schule?“ Die Frage war überflüssig, denn das Mädchen warf seinen Ranzen auf den Boden, trat einmal dagegen und schmiss sich auf das Bett. „Total blöd“, schimpfte Svenja wie erwartet los. „Warum soll ich etwas über die christliche Religion lernen, wenn sie nicht stimmt?“ Thors Faust hatte keine Privatschule, und so musste Svenja in eine öffentliche Schule gehen, und die Projektwoche „Weltreligionen“ war offenbar nicht nach dem Geschmack des Mädchens. „Und unser Glauben interessierte die Lehrerin nicht einmal!“

Im Gegensatz zu ihrem großen Halbbruder war Svenja eine gute Schülerin, zumindest, solange das Thema sie fesseln konnte. „Ich glaube, es liegt daran, dass nicht viele Leute unserem Glauben anhängen. Als Weltreligion kann man die nordische Mythologie nun wirklich nicht bezeichnen.“ Svenja schnaubte, und einige schwarze Haarsträhnen flogen aus ihrem Gesicht. „Es ist ja kaum unsere Schuld, dass die Leute so dumm sind.“

Doch obwohl die Faust einem eigenen Glauben anhing, predigte sie Toleranz, weswegen Hagen seine Schwester ermahnte: „Wir wissen nicht, ob der christliche Gott existiert, wir glauben lediglich an andere Götter. Svenja streckte ihm prompt die Zunge raus. „Du wusstest genau, was ich meine. Du willst mich nur ärgern!“

Hagen grinste. „Klar, wozu sind große Brüder sonst da?“

Andere Mitglieder der Faust wären jetzt vielleicht wütend geworden, Svenja besaß nicht so viel Temperament. „Um mir bei den Hausaufgaben zu helfen, oder kannst du das etwa nicht?“ Dann fiel ihr Blick auf den mehr oder weniger ordentlich gepackten Koffer. „Wohin verreist du?“ Wie alle Kinder neigte Svenja dazu, von einem Thema zum anderen zu springen und ihren Kummer schnell zu vergessen, wenn sie etwas Interessantes entdeckte. „Island“, antwortete ihr Bruder knapp. „Ich soll nachsehen, was Loki macht.“

Er hatte es bewusst leicht dahingesagt, damit sich seine Schwester keine Sorgen machte, doch die Situation war viel ernster: Thors Faust hatte die Aufgabe, Loki sowie dessen Kinder, Jörmungand und Fenris, zu bewachen. Von der isländischen Abteilung, alles erfahrene Krieger, war seit zwei Wochen keine Nachricht mehr gekommen.

Svenja strahlte. „Oh, kann ich mitkommen? Bitte? Ich bin auch ganz brav.“ „Vielleicht für fünf Minuten“, dachte Hagen amüsiert, doch insgeheim freute er sich über die Begeisterungsfähigkeit seiner kleinen Schwester. Als 18-jähriger Krieger war er schon deutlich abgebrühter.

„Du bist noch kein Küken.“ So nannte die Faust alle Kinder, die bereits Erwachsene auf Missionen begleiteten „Außerdem schickt die Faust keine Kinder nach Island.“ Das hatte seine Gründe: von allen Orten, an denen die Faust Wache hielt, galt Island als der gefährlichste. Im Hochland lag das Gefängnis von Loki, und auch Surturts Verlies befand sich in der Nähe. Die Faust dort bestand nur aus kampferprobten Kriegern anderer Länder, und wechselte regelmäßig. Frauen, die in Island schwanger wurden, kehrten schnell in ihr Heimatland zurück.

Bevor Svenja weiter betteln konnte, öffnete sich die Tür und Hagens Vater trat ein.

Lars galt als aufbrausend, kinderlieb und wenig intelligent. Wobei Hagen manchmal den Eindruck hatte, dass letzteres nur eine Show war. Die Leute erwarteten von einem herausragenden Krieger keine hohe Intelligenz, und Lars schien das Klischee bereitwillig zu erfüllen. Wenn man den Gerüchten innerhalb der Faust Glauben schenkte, war Lars Analphabet und hatte Schwierigkeiten mit hohen Zahlen. Doch wenn man Fragen bezüglich Taktik, Mythologie oder Philosophie hatte, wusste der Krieger meistens eine Antwort. Außerdem war er ein ausgezeichneter Autofahrer und konnte das Wetter vorhersagen, doch da alle Mitglieder der Faust von Thor abstammten, waren diese Talente weit verbreitet.

Lars lächelte Svenja zu, und das Mädchen strahlte zurück. Wie viele Kinder der Faust liebte Svenja den Krieger. Erst wenn sie älter wurden, spürten die Kleinen oft, dass der Mann seltsam war. „Für dich machen wir eine Ausnahme“, Svenja fiel dem Krieger um den Hals, bevor er weitersprechen konnte.

„Super!“ Svenja hüpfte vor Aufregung auf und ab. „Danke, was muss ich einpacken? Darf mein Kuscheltier auch mit?“

Lars ließ das Mädchen einen Moment reden, bevor er es freundlich unterbrach: „Es geht Morgen los, Rune wird dir beim Packen helfen. Du wirst noch heute zum Küken ernannt und begleitest die Gruppe.“ Bevor Svenja losstürmen und den Koffer packen konnte, ermahnte Lars sie: „Aber erst wenn die Hausaufgaben erledigt sind.“ Auch wenn Lars nicht Svenjas Vater war, kümmerte er sich um das Mädchen. Alle Erwachsenen kümmerten sich gemeinsam um die Kinder der Gemeinschaft, erzählten ihnen Geschichten, spielten und trainierten mit ihnen, und zwangen sie gelegentlich dazu, ihre Hausaufgaben zu machen. Anstatt zu schmollen ging Svenja in ihr Zimmer und setzte sich brav an die Arbeit.

Kaum hatte seine kleine Schwester den Raum verlassen, polterte Hagen los. „Ihr macht sie nur zum Küken, um sie nach Island zu schicken? Das ist viel zu gefährlich!“ Natürlich war Svenja in dem richtigen Alter, doch meistens begleiteten Küken die Erwachsenen auf Besuchen bei friedlichen Außenstellen der Faust. Orte wie Stockholm oder New York, wo die Kinder mit Altersgenossen spielen konnten, während sich die Erwachsenen austauschten. Die Faust mochte eine kriegerische Glaubensgemeinschaft sein, doch ihre Kinder liebte und beschützte sie. Die Vorstellung, irgendein Küken mit in ein Kampfgebiet, denn in Island war etwas schiefgegangen, zu nehmen, widerte Hagen an. Es ging ihm nicht nur darum, seine Schwester zu beschützen.

Lars lächelte verständnisvoll, was Hagen noch mehr auf die Palme brachte. Wie alle Mitglieder der Faust war er sehr temperamentvoll. Niemand in diesem Gebäude würde sich wundern, wenn Hagen sich mit seinem Vater stritt, oder die Beiden im Trainingsraum verschwanden, um „die Streitigkeiten aus der Welt zu schaffen.“ Dieses Verhalten war in der Faust so typisch, dass Svenja geschockt gewesen war, als es in ihrer Schule nicht akzeptiert wurde. Lars legte dem Jungen die Hand auf die Schulter. „Ich verstehe, dass du dir Sorgen machst.“ Unwillig schüttelte Hagen die Hand ab, doch der Krieger war noch nicht fertig. „Aber wir haben kaum genug Krieger, um in Island auszuhelfen. Ich warte auf die Verstärkung und komme dann nach, die anderen sind verletzt. Wir brauchen JEDEN.“

Hagen seinen Vater und drückte ihn gegen die Wand. Oder versuchte es wenigstens, da der andere Krieger einfach stehen blieb. „Das ist ja auch so viel besser. Ihr wollt sie nicht als Küken, sondern als Kriegerin! Dabei hatte sie noch nicht viel Training.“ Auch wenn es Kampftraining gab, war dieses für Kinder freiwillig. Und Svenja spielte oft lieber mit Puppen oder traf sich mit ihren Freundinnen, anstatt zu üben.

Lars schüttelte ruhig den Kopf. „Nein, sie wird nicht als Kriegerin nach Island gehen. Svenja wird sicher mehr Erfahrung bekommen als andere Küken, doch eure Aufgabe wird es auch sein, Svenja zu beschützen. Und sei es, damit sie im Notfall Bericht erstatten kann.“ Falls kein Krieger überlebte. Diese Aussicht machte Hagen weniger zu schaffen als die Vorstellung, seine kleine Schwester könnte in den Kampf ziehen. „Möge Thor sie schützen.“ Hagen war so in sein ernst gemeintes Stoßgebet vertieft, dass ihm Lars seltsames Lächeln nicht auffiel.

Bevor man nach Island aufbrach, gab es jedoch noch eine wichtige Zeremonie. Normalerweise war es jedem Mitglied der Faust selbst überlassen, wann er welchen Gott anrief. Und auch vor einer wichtigen Mission wie dieser wurde eher Glück gewünscht als gemeinsam gebetet. Was für die Faust zählte, war die Hingabe zur Mission. Göttliche Unterstützung mochte dabei helfen, wurde jedoch nicht erwartet. Schließlich hatte Thor die Organisation gegründet, damit er sich nicht um die Bewachung der Gefangenen kümmern musste.

Trotz dieser Einstellung gab es ein oder zwei wichtige Zeremonien im Leben eines Mitglieds. Die Ernennung zum Küken geschah meistens zwischen dem achten oder neunten Lebensjahr und bedeutete, dass das Kind nun ein ernstzunehmendes Mitglied der Kriegergemeinschaft war. Ab diesem Zeitpunkt wurde tägliches Kampftraining erwartet, doch im Gegenzug erhielt man gewisse Rechte: Man durfte an der wöchentlichen Besprechung teilnehmen (die meisten Küken machten es nur einmal) und Erwachsene auf Missionen begleiten.

Die zweite Zeremonie wurde abgehalten, wenn ein Küken als Krieger anerkannt wurde. Dafür war nicht nur Stärke erforderlich, sondern auch die Bereitschaft, seinen Beitrag für die Bewachung Lokis, dessen Kindern und Surturs zu leisten. Der Glaube an die nordischen Götter hingegen war nicht verpflichtend. Kräftige Menschen waren bei der Faust willkommen, egal welchem Glauben sie anhingen. Nur von Fanatikern egal welcher Religion hielt man sich fern. Es war eine bewusste Entscheidung, die jede Person für sich selbst treffen musste, wenn sie den Punkt erreicht hatte. Hagen hatte bereits mit 16 Jahren die Schule verlassen, eine Lehre begonnen und war zum Krieger geworden. Andere Mitglieder der Faust hatten sich gegen die Lebensweise entschlossen und unterstützten die Gemeinschaft durch Gelder, Wissen oder medizinische Hilfe. Doch auch auf jene, denen die Stärke oder der Glaube fehlte, wurde nicht herabgesehen. Abgelehnt wurden nur solche, die sich keine Mühe gaben oder einfach faul waren.

Der schlichte Gemeinschaftsraum war schnell feierlich geschmückt worden, und die anderen Mitglieder überreichten Svenja kleine Geschenke. In einer Ecke saß Rune, ein älterer Schmied, der nie zum Krieger geworden war. Stattdessen fertigte er Speere und Macheten für die Kämpfer und die Anhänger für die Küken. Inmitten der lauten und temperamentvollen Krieger war Rune ein Ruhepol. Die meisten Kinder liebten Lars, doch wenn sie eine Pause brauchten, verschwanden sie in Runes Schmiede. Selbst Svenjas Mutter Kara hatte es gerade noch rechtzeitig aus Schweden zur Zeremonie geschafft und überreichte ihrer Tochter eine große Tüte Süßigkeiten. Vor Aufregung vergaß das Mädchen fast, sich zu bedanken und ließ alles stehen und liegen, als Lars eintrat.

Lars hielt eine kurze Ansprache über die Rechte und Pflichten der Küken, und Svenja hörte brav zu… Braver zumindest als Hagen vor zehn Jahren, wie ihr großer Bruder insgeheim zugab. Lediglich die Drohung, dass er ohne die Zeremonie kein Küken war, hatte den jungen Krieger damals stillstehen lassen. Aber vielleicht war die Rede vor zehn Jahren auch länger gewesen, und Lars hatte daraus gelernt.

Als der Krieger Svenja die Kette mit dem Thorhammer umband und die Umstehenden applaudierten, strahlte das Mädchen vor Stolz. Das Amulett sollte Glück bringen und war ein sichtbares Zeichen, dass sie nicht mehr zu den kleinen Kindern gehörte.

Obwohl er stolz auf seine kleine Schwester war, empfand Hagen so etwas wie Wehmut. Seine kleine Schwester war plötzlich kein Kind mehr, und bald würde sie eine vollwertige Kriegerin sein, oder ihren eigenen Weg gehen. Kara teilte seine Gefühle offenbar nicht, sondern gehörte zu den ersten Gratulanten und schien sehr stolz auf ihre große Tochter zu sein.

Am nächsten Morgen brachen Kara, Svenja und Hagen nach dem Frühstück auf. Lars war bereits auf den Beinen und wünschte der Gruppe viel Glück. Svenja gähnte nur als Antwort. Das Mädchen hatte vor Aufregung die halbe Nacht nicht geschlafen und war gleichzeitig übermüdet und völlig aufgedreht. Während die beiden Krieger in Gedanken bereits bei möglichen Problemen waren, unterhielt Svenja den halben Flughafen damit, dass sie jetzt endlich „groß“ wäre und zu ihren Verwandten nach Island fliegen durfte. Das Mädchen schien eine alte Frau besonders in ihr Herz geschlossen zu haben und unterhielt sie mit Geschichten über die Faust.

Kara lächelte entschuldigend. „Svenja, jetzt lass doch die Frau in Frieden. Sie will in Ruhe Kreuzworträtsel lösen.“

Doch die Frau hatte das Heft bereits beiseitegelegt. „Sie stört doch überhaupt nicht.“

Svenja strahlte die Frau an, bevor sie über den Gang lief, um ein startendes Flugzeug zu bestaunen. Die ältere Frau sah ihr einen Moment hinterher, bevor sie sich zu Kara umdrehte. „Ich habe Enkel und kenne das schon. Es ist doch niedlich, was für eine lebhafte Fantasie die Kleine hat.“ Zum Glück war Svenja gerade für einen Moment abgelenkt, sonst hätte sie der Frau bestimmt erzählt, dass alle ihre Geschichten der Wahrheit entsprachen.

Leider flog die Frau nicht nach Island, weswegen die Krieger gezwungen waren, ihr Küken selbst zu unterhalten. War schon der Flughafen für Svenja langweilig gewesen, wurde der Flug zur Strapaze. Svenja hasste es still zu sitzen, besonders wenn sie aufgeregt war. Keiner der Erwachsenen hatte daran gedacht, ein Spielzeug einzupacken, den angebotenen Film fand Svenja doof, und das gekaufte Comicheft war schnell durchgelesen. Alle zehn Minuten fragte Svenja, wann sie endlich ankämen, und nach der halben Strecke gingen den Erwachsenen die Ablenkungsmanöver aus. Es half vermutlich auch nicht, dass Hagen selbst alle fünf Minuten auf die Uhr sah. Die Geschichte von Utgard-Loki war längst erzählt, Thors Heldentaten kannte Svenja auswendig und die Lokasenna war zwar witzig, aber nicht unbedingt für Kinder in Svenjas Alter geeignet. Außerdem war Lars der Einzige, der diese Geschichte gut erzählen konnte. Gerade als Hagen glaubte, es könnte nicht schlimmer kommen, fragte Svenja laut und deutlich: „Was passiert eigentlich, wenn das Flugzeug abstürzt?“

Genervt von seiner aufgeregten Schwester wählte Hagen die undiplomatische Antwort: „Dann sterben wir alle.“ Ein Passagier der Nebenreihe litt wohl unter Flugangst und warf dem Krieger einen bitterbösen Blick zu, doch Svenja ließ sich nicht beirren. „Echt? Kommen wir dann nach Walhalla?“ Karan nutzte die Gelegenheit, Svenja weiter zu beschäftigen, was den Mann in der Nebenreihe nicht glücklicher machte. „Vermutlich nicht. Ein Flugzeugabsturz ist nun einmal keine Schlacht. Siehst du, nur Leute, die im Kampf fallen, kommen nach Walhalla. Dann wird man von den Walküren abgeholt und zu Odins Halle gebracht, wo man den ganzen Tag kämpft und abends feiert.“ Svenja dachte einen Moment nach. „Das klingt aber nicht besonders spannend. Wann darf man da spielen?“

Hagen bemerkte, dass schon mehrere Passagiere der Unterhaltung amüsiert lauschten, und warf ihnen einen finsteren Blick zu. Was konnte seine kleine Schwester dafür, dass das Jenseitsbild der Faust eher Krieger ansprach? „Deshalb kommst du ja auch nicht nach Walhalla“, versuchte ihr Bruder die Situation zu erklären. „Du könntest auch zu Thor kommen, da musst du zwar arbeiten, aber bestimmt gibt es dort mehr Zeit, für Spiele.“ Hagen hatte wenig Ahnung vom Jenseits außerhalb von Walhalla. Vielleicht sollte er bei Gelegenheit seinen Vater nach Details fragen.

„Das ist aber blöd“, beschwerte sich Svenja und schlug mit der Faust gegen den kleinen Tisch vor ihr. Prompt fiel der Plastikbecher mit Orangensaft um, und der Inhalt floss über Hagens Schoß. Der Krieger hatte schon ein paar Monate in Schweden gearbeitet und nutzte die Gelegenheit, ein paar Schimpfwörter in einer fremden Sprache loszuwerden. Vermutlich verstand Svenja nicht einmal die Hälfte, doch dumm war das Mädchen nicht. „So etwas sagt man bestimmt nicht… schreibst du es mir auf, damit ich es in der Schule verenden kann?“

Es lockerte die Stimmung. Die Passagiere, die dem Wortgefecht gelauscht hatten, lachten herzhaft, und selbst der griesgrämige Mann mit Flugangst grinste breit. Svenja verstand nicht, warum die Leute plötzlich so fröhlich waren, es war doch eine ganz normale Frage. Jetzt fanden sich Passagiere, die bereit waren das Mädchen ein paar Minuten zu beschäftigen, in der Hoffnung, es würde noch mehr witzige Sachen sagen.

Als das Flugzeug endlich landete, atmete Hagen erleichtert auf. Natürlich lag der schwerste Teil der Reise noch vor ihnen, doch die erste Hürde war geschafft. Vor dem Rückflug würde er seiner Schwester auf jeden Fall Bücher und Comics kaufen. Hoffentlich gab es hier so etwas auf Deutsch. „War ich damals auch so anstrengend?“, erkundigte er sich bei seiner Mutter, doch Kara lachte nur. „Hagen, du warst schlimmer. Du hast schon vor dem Abflug gefragt, wann wir endlich ankommen.“ Hagen grinste verlegen, Geduld war nun mal nicht seine Stärke.

Die isländischen Zöllner warfen nur einen kurzen Blick auf ihre Papiere, winkten sie durch und wünschten den Kriegern viel Erfolg. Thors Faust hatte einen Sonderstatus, den sich die Gemeinschaft hart erarbeitet hatten. In Island wusste man, dass die Organisation eine Gefahr im Hochland bewachte, doch ob es sich bei der Gefahr um einen nordischen Gott, verärgerte Elfen oder etwas ganz anderes handelte, hing vom Glauben der Person ab. Es gab nur wenige Bewohner der Insel, die nicht an eine Gefahr glaubten, und selbst jene respektierten die Faust und sei es nur, weil die Organisation schon öfter verirrte Touristen aus dem Hochland gerettet hatte.

„Wow, das ist ja cool“, Hagen schmunzelte über die Begeisterung seiner Schwester. „Wieso wächst da Gras auf dem Dach?“ Das Haus der isländischen Faust war ein altes Gebäude mit traditionellem Grasdach. Während Hagen seine Schwester ablenkte, schaute Kara sich schnell um. An der Straße stand ein Wagen der Faust, der andere war nirgends zu sehen. Nachdem Kara mehrfach vergeblich geklingelt hatte, fischte sie den Haustürschlüssel aus einem Blumentopf. Natürlich war das ein offensichtliches Versteck, das jeder Einbrecher kannte. Doch in Island bestahl man die Faust nicht. Nachdem Kara ein letztes Mal geklingelt hatte, betrat die Kriegerin das Gebäude. „Ihr bleibt hier!“, befahl sie barsch und zwang sich zu einem Lächeln, als Svenja schmollte. „Nur zur Sicherheit. Wenn ich mich umgesehen habe, kannst du nachkommen.“

„Hamburger Faust! Jemand zu Hause?“, rief Kara und wiederholte die Worte auf Deutsch und Englisch. Obwohl eins der Fahrzeuge an der Straße stand, rechnete Kara nicht mit einer Antwort. Vermutlich waren die Krieger dem anderen Wagen losgefahren. Trotzdem ging Kara kein Risiko ein. Wer bei der isländischen Faust arbeitete, schlug erst zu und stellte dann Fragen. Falls es noch Überlebende gab.

Kara wollte gerade ins Wohnzimmer gehen, als Svenja sie aufhielt. Kara war verärgert, sie musste ihrer Tochter unbedingt noch beibringen, Befehlen zu gehorchen. Ein Kind durfte neugierig sein und Anweisungen missachten. Bei einem Küken sah die Sache anders aus.

„Da ist doch jemand.“ Für einen Moment glaubte Kara, Svenjas Fantasie hätte ihr einen Streich gespielt, doch dann hörte sie das Geräusch auch. Jemand befand sich im Nebenzimmer! Verdammt! Warum hatte die Person nichts gesagt? Glaubte sie an eine Falle? Die isländische Faust war so misstrauisch, dass es schon an Paranoia grenzte. Kara wusste, wovon sie sprach, schließlich hatte sie mehrere Jahre auf Island gearbeitet.

Die Kriegerin gab Hagen ein Zeichen, Svenja zurückzuhalten, dann bewegte sie sich vorsichtig zur Tür. Kara war eine der besten Kriegerinnen der Faust und wäre allein hineingestürmt, doch sie musste ihre Kinder beschützen und ein gutes Vorbild für Svenja sein.

Als die Kriegerin kampfbereit die Tür aufriss, drehte sich ein rothaariger Mann erschreckt um, nur um dann erleichtert aufzuatmen. „Die Hamburger Faust? Den Göttern sei Dank, ihr kommt spät.“ Kara betrachtete den Mann misstrauisch. Der hochgewachsene, schlanke Mann war anscheinend gerade dabei gewesen, seine Wunden zu verarzten, als Kara die Tür aufgerissen hatte. Wenn Hagen ihn so sitzen sah, konnte er sich kaum vorstellen, dass dieser ein Krieger war. Er wirkte eher wie ein Lehrer. „Und du bist?“ „Kjell Eriksson, ursprünglich schwedische Faust. Ich…“ Er warf einen letzten prüfenden Blick auf die Verbände, bevor er fortfuhr. „Ich habe das Hochland überlebt.“ Trotz seiner Schmerzen schenkte der Mann Svenja einen freundlichen Blick. „Geh doch bitte draußen spielen. Manche Dinge sind nichts für kleine Kinder.“

„Ich bin nicht klein!“ Svenja stampfte mit dem Fuß auf und wirkte auf einmal wie eine 5-jährige. Kjells Grinsen wurde breiter.

Das Mädchen warf dem Schweden einen finsteren Blick zu. „Wieso muss ich rausgehen? Ich kenne da niemanden!“ Dann wandte Svenja sich an ihre Mutter und behauptete nicht ganz wahrheitsgemäß: „Außerdem hast du mir versprochen, dass ich mich hier umsehen darf.“

„Weil wir Erwachsene uns in Ruhe unterhalten wollen.“ Kjell schien geduldiger als die meisten Mitgliedern der Faust. Als Svenja immer noch unzufrieden aussah, ergänzte der Schwede: „Und du hältst für uns Wache. Loki käme nie an dir vorbei.“ Svenjas Gesicht hellte sich auf, als das Mädchen eine so wichtige Aufgabe erhielt. Stolz marschierte sie aus der Tür hinaus.

„Das war verantwortungslos“, warf Kara dem Krieger vor. „Wir beschützen unsere Küken.“

Plötzlich wirkte der Schwede erschöpft. Möglicherweise waren seine Verletzungen schwerer, als er bisher zugegeben hatte. Kjell schluckte eine Schmerztablette, bevor er weitersprach: „Loki läuft sicher nicht dort draußen umher. Der wird schon über alle Berge sein. Und so fühlt sie sich nützlich.“

Kara murmelte etwas Unverständliches, doch die Geschichte des Mannes hatte Vorrang. „Loki konnte entkommen“, erzählte der Mann so leise, dass Svenja es nicht einmal hören konnte, wenn sie am Fenster lauschte. Hagen traute das seiner kleinen Schwester zu, sie war heute schon gerissener als er.

„Vor zwei Wochen gab es im Hochland Erdbeben.“ Das war nicht ungewöhnlich, zerrte der gefangene Gott doch oft seinen Fesseln, um sich zu befreien. Und nach jedem Erdbeben schaute die isländische Faust nach, ob die Fesseln noch hielten. Kjell warf einen Blick nach draußen, wo Svenja gelangweilt vor dem Haus auf und ablief, bevor er fortfuhr: „Thorsten führte die Gruppe an, doch diesmal kam sie zu spät: Loki hatte sich bereits befreit und verwendete alle Tricks, um seinem Gefängnis zu entkommen: Einstürzende Decken, herumfliegende Stalaktiten, Illusionen, damit die Krieger gegeneinander kämpften. Am Ende war nur noch ich übrig. Wieso hat Thor jemals geglaubt, dass die Faust Loki gewachsen sei?“

„Du bist geflohen“, schlussfolgerte Kara. Feigheit galt in der Faust als Frevel, obwohl Lars versucht hatte, den Mitgliedern das Konzept des taktischen Rückzugs zu erklären.

Kjell zuckte resigniert mit den Schultern. „Nenne es, wie du willst. Aber allein hatte ich dort oben keine Chance. Ich hoffte auf schnelle Unterstützung aus Hamburg.“

Während Kara den Mann weiterhin finster anstarrte, musste Hagen Kjell insgeheim Recht geben. Alleine gegen Loki? Der Krieger konnte froh sein, dass er überlebt hatte!

„Hast du eine Ahnung, wohin er wollte?“ Kara schluckte ihren Ärger hinunter und gab sich alle Mühe, freundlich zu bleiben, Kjell lächelte ihr dankbar zu. „Ich weiß es nicht, er sprach zwar isländisch, aber gesagt hat er nur wenig.“ Kjell zuckte mit den Schultern. „Ich mag es mir eingebildet haben, aber ich glaube, er sorgte sich um seine Familie.“

Als Hagen ungläubig schnaubte, wies Kara ihn zurecht: „Loki war seit Jahrhunderten gefangen, und niemand hat ein Wort mit ihm gewechselt.“ Loki galt als Gott der Lüge und Täuschung. Die Gefahr, dass er die Krieger manipulierte, war einfach zu groß gewesen. „Vermutlich macht er sich wirklich Sorgen, wie es inzwischen seiner Familie ergangen ist.“ Sie wandte sich zum Telefon um. „Ich melde nach Hamburg, was passiert ist. Vielleicht hat Lars eine Ahnung, wohin Loki verschwunden sein könnte.“

Während Kjell das Verbandsmaterial wegräumte, schaute Hagen nach seiner kleinen Schwester. Svenja spielte mit einem blondhaarigen Mädchen ihres Alters auf der Straße. Die Mädchen keine Verständigungsprobleme, obwohl sie nicht dieselbe Sprache benutzten. Mit Händen und Füßen gestikulierend erzählte Svenja was auf dem Flug passiert war, den umkippenden Becher konnte er sogar aus einiger Entfernung erkennen. Erleichtert, dass es seiner Schwester gutging, kehrte Hagen ins Haus zurück. Zum Glück war Svenja noch ein Küken und machte sich keine Gedanken darüber, was aus den verschwundenen Mitgliedern der Faust geworden war.

Als Hagen das Wohnzimmer betrat, beendete Kara gerade das Gespräch. Die erfahrene Kriegerin sah blass aus. „Es gibt Neuigkeiten von der dänischen Faust.“ Deren Aufgabe es war, über Jörmungand zu wachen. „Die Midgardschlange kommt in unsere Richtung. Die dänische Faust hat bereits zwei Schiffe verloren und bittet um Hilfe.“ Trotz ihrer langen Kampferfahrung zupfte Kara nervös an ihren Haaren, während sie sprach. „Wir sind die Gruppe, die Jörmungand am nächsten ist.“ Im Gegensatz zu Loki, Surtur und Fenris hatte man Jörmungand nie fangen können, Aufgabe der dänischen Faust war es nur, die Schlange zu beobachten und Thor von ihr fernzuhalten. Was relativ einfach war, da der Donnergott schon seit längerer Zeit nicht mehr auf der Erde gesehen worden war. „Was ist mit dem Schiffsverkehr?“ Kjell erntete von Kara ein anerkennendes Lächeln. „Die Dänen haben da wohl ein paar Verbindungen spielen lassen, und jetzt machen Schiffe einen größeren Bogen um das Gebiet. Wird die Kapitäne zwar nicht freuen, aber Sicherheit geht vor. Offiziell handelt es sich um ein Marinemanöver Dänemarks.“ Denn welches Staatsoberhaupt könnte es sich schon leisten, an Seeschlangen zu glauben?

Kjell rieb sich die Schläfen und unterdrückte einen Fluch, als er eine ungeschickte Bewegung mit dem Arm machte. „Möglicherweise ist er in Richtung Surtsey unterwegs“, überlegte der Schwede. „Eine unbewohnte Insel vulkanischen Ursprungs“, er zögerte ein wenig. „Ich meine, niemand kann sagen, wie die Midgardschlange sich verhält.“

Kara verlor die Geduld.: „Verdammt! Wenn du einen Verdacht hast, dann sprich ihn aus!“ Kjell riss sich zusammen, möglicherweise hatte ihm der Kampf im Hochland mehr zugesetzt, als er sich eingestehen wollte. „Ich habe keinerlei Beweise, für meine Vermutung, aber: was, wenn Jörmungand brüten will?“

„Ihr Götter“, murmelte Kara und ließ sich in einen Sessel fallen. „Die Midgardschlange erwartet ein Ei.“ „Es ist nur eine Idee“, versuchte Kjell, die Lage zu entspannen, doch Kara schüttelte den Kopf. „Es passt zu gut zusammen. Jörmungands unberechenbares Verhalten, Lokis überraschende Flucht, seine Sorge um die Familie… Ihr packt die Sachen zusammen, ich telefoniere noch einmal mit Hamburg.“ Nur für den sehr wahrscheinlichen Fall, dass niemand von Surtsey zurückkehrte.

„Jörmungand will was?“ Vermutlich war Lars für einen Moment mit der Situation überfordert. Die Mythologie hatte nie davon gesprochen, dass Lokis Kinder eines Tages selbst Eltern werden würden. Hatte die Faust den Weltuntergang so oft herausgezögert, dass die Vorhersage nicht mehr genau war, oder hatte diese von Anfang an bestimmte Details nicht erwähnt? Kaum ein Krieger machte sich über solche Dinge Gedanken, die langfristige Entscheidungen überließ man gerne Kara und Rune. Selbst Lars zog schnelle Lösungen langfristigen Strategien vor.

„Er möchte sich fortpflanzen“, erwiderte Kara. Wenn die Situation nicht so ernst wäre, würde sie sich über Lars ein wenig lustig machen. „Selbst wenn das Kind nicht so stark wie sein Vater werden sollte, wir können keine weiteren Gegner brauchen.“

„Ich bin unterwegs. Haltet solange die Stellung.“ Bevor sie auflegen konnte, ergänzte Lars. „Keine unsinnigen Heldentaten, Kara.“

„Ich würde meine Tochter nie unnötig in Gefahr bringen“, versprach Kara, und Lars gab sich mit der Aussage zufrieden. Die Kriegerin wunderte sich manchmal, wie leichtgläubig der Anführer der Faust war. Natürlich würden sie nach Surtsey fahren, wie es ihre Aufgabe war. Kara hatte ihm nur versprochen, dass sie Svenja beschützen würde.

Kara überlegte kurz, ihre Tochter in Island zurückzulassen, entschied sich aber dagegen. Wer hätte auf das Mädchen aufgepasst? Die einzigen Leute, die Kara hier gekannt hatte, waren im Hochland gestorben.

„Müssen wir wirklich schon los?“ Svenja verstand zwar kein Wort isländisch, wollte aber unbedingt weiter mit ihrer Freundin spielen. „Du weißt doch, dass wir noch etwas vorhaben“, antwortete Kara lächelnd. „Vielleicht triffst du deine Freundin ja später wieder.“ Und zu dem anderen Mädchen gewandt erklärte die Kriegerin auf Isländisch: „Wir sind von der Faust und haben nicht so viel Zeit.“ Der Kleinen fiel beinahe die Kinnlade herunter, und sie verabschiedete sich schnell. „Du hast sie vertrieben“, beschwerte sich Svenja nicht ganz zu Unrecht.

„Aber nur weil wir eine Überraschung für dich haben.“ Kjell verließ gerade das Haus und hatte die Diskussion natürlich mitbekommen.

Selbstverständlich lenkte die Aussage Svenja ab. Anstatt sich zu ärgern, hüpfte das Mädchen vor Aufregung. „Was denn? Sag es mir!“ „Aber dann ist es ja keine Überraschung mehr“, entgegnete Kjell lachend und verbrachte die nächste Stunde geduldig damit, auf Svenjas Betteleien zu reagieren, während Hagen und Kara die weitere Reise organisierten. Insgeheim bewunderte Hagen Kjell für seine Geduld. Svenja benahm sich noch schlechter als im Flugzeug, doch dem Schweden schien es nichts auszumachen. Geduldig erklärte er der 8-jährigen immer wieder, dass sie es noch früh genug erfahren würde. Hagen hätte schon nach fünf Minuten die Geduld verloren.

Sie trafen den Verkäufer in Porlákshöfn, wo der Mann wie verabredet ein vollgetanktes Schlauchboot und einige gefüllte Benzinkanister bereithielt. „Sie können mit dem Boot umgehen?“, erkundigte er sich bei Kara, und die Kriegerin nickte. „Ich habe einige Jahre in Island gelebt, und ein paar Fähigkeiten erworben.“ Der Mann nickte ernst: „Passen Sie gut auf sich auf.“ Auch wenn er selbst nicht zu den Mitgliedern von Thors Faust gehörte, glaubte der Mann an die nordischen Götter und bewunderte die Krieger für ihren Mut. Er warf dem kleinen Mädchen noch einen zweifelnden Blick zu, bevor er in sein Auto stieg und davonfuhr.

„Wir fahren mit einem Boot? Ich dachte wir müssten ins Hochland“, aufgeregt hüpfte Svenja auf und ab. „Das ist ja viel spannender.“ „Ich hoffe nicht“, murmelte Kjell. „Mir hat die Aufregung im Hochland gereicht.“ Trotz seiner Verletzungen hatte der Krieger darauf bestanden, an der Mission teilzunehmen, und den Anderen war es Recht gewesen. Auf Surtsey würden sie jeden brauchen, der mit einer Waffe umgehen konnte. Jemanden zu bekommen, der sich auch noch um Svenja kümmerte, war schon fast ein Geschenk der Götter. Es war offensichtlich, dass Svenja den Schweden bewunderte, und Kjell schien für das Mädchen eine Geduld aufzubringen, die unter Kriegern der Faust selten war. In diese Hinsicht erinnerte er Hagen schon fast ein wenig an Lars.

Kara seufzte. Die meisten Krieger der Faust waren streitlustig, stur und aufbrausend. Kjell schien zumindest eine dieser Eigenschaften auf die Spitze zu treiben. „Könntest du mir einmal fünf Minuten zuhören?“

Der Schwede zog die Augenbrauen hoch. „Was kann ich denn dafür, dass du so schlecht erklärst?“

Wenn sie den Mann jetzt nicht brauchen würden. Kara funkelte den Schweden wütend an. „Dann mache es doch besser!“

Kjell wirkte amüsiert. „Ich würde den Beiden.“ Sein Blick wanderte allerdings zu Svenja. „Ja gerne erklären, was du meinst. Wenn ich es denn verstanden hätte! Könntest du deine eloquenten Ausführungen bitte auf das Wesentliche reduzieren und dabei Worte verwenden, die im Sprachgebrauch üblich sind? Fremdwörter sind bekanntlich nicht jedermanns Sache.“

Während Svenja und Hagen noch über Kjells Worte grübelten, erkannte Kara die versteckte Spitze. „Leider haben wir keine Zeit für Wortgefechte“, bedauerte die Kriegerin mit einem erzwungenen Lächeln. „Aber du erinnert mich an einen alten Bekannten.“ Wie zufällig wanderte Karas Blick in Richtung Schlauchboot, wo die Gruppe bereits ihre Waffen untergebracht hatte.

Kjell entging der Blick nicht. „Das klingt nicht wie ein Kompliment. Lebt der Mann noch?“

Svenja schaute ein wenig ratlos von einem zum anderen, das Mädchen verstand nicht, wieso sich zwei Leute, die es so gernhatte, nicht leiden konnten. „Meine Klassenlehrerin sagt immer, man lernt Dinge am besten durch selber machen.“ Dann vertraute das Mädchen Kjell ein „großes Geheimnis“ an: „Religion unterrichtet sie zum Glück nicht. Das Fach ist so blöd wie seine Lehrerin.“