Final Shutdown - Fred Kruse - E-Book

Final Shutdown E-Book

Fred Kruse

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Beschreibung

(Gesamtausgabe, alle drei Teile in einem Band): Nicht zuletzt durch die Enthüllungen des mutigen Whistleblowers Edward Snowden wurde öffentlich, dass der amerikanische Geheimdienst NSA den weltweiten Internet-Verkehr abhört und auswertet. Darüber hinaus greift er aktiv über Hintertüren und Schad-Software in Betriebssysteme von Mobiltelefonen und Computern ein. Die bisher bekannt gewordenen Details allein sind schon erschreckend. Sie bedrohen die Privatsphäre von Bürgern, ihre Freiheit und damit letztendlich unsere Demokratie. Kennen wir wirklich schon die ganze Wahrheit? Oder handelt es sich bislang nur um die Spitze des Eisbergs, den harmloseren Teil der allgemeinen Aufrüstung im Cyberkrieg? Der erfolgreiche Kriminalautor Marko Geiger lässt sich von seinem alten Freund und IT-Spezialisten Oliver Vogt überreden, den mysteriösen Unfalltod zweier Kollegen zu recherchieren. Marko wittert einen interessanten Romanstoff und engagiert die couragierte Privatdetektivin Jana Brand, ihn bei der Recherche zu unterstützen. Was als spleenige Idee beginnt, entwickelt sich für die drei ungleichen Gefährten schnell zu einem Kampf ums nackte Überleben.

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Seitenzahl: 513

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Ähnliche


Fred Kruse

Final Shutdown

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Vorwort des Autors

Wochenende

Ende eines netten Abends

Alte Freundschaft

Meinungsänderung

Private Ermittlungen

Verhindertes Treffen

Nächtliche Erkundungen

Untersuchungsergebnisse

Vermisst

Fahrerflucht

Überfall

Die Informatikerin

Die ehemalige Polizistin

Flucht

Ein verhängnisvoller Fehler

Verzweiflung

Aufklärung

Verfolgt

Veröffentlichung

Epilog

In eigener Sache

Zum Nachlesen

Danksagung

Impressum neobooks

Vorwort des Autors

Liebe Leserinnen und Leser, die Handlungen und Figuren dieses Romans sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit lebenden oder toten Personen ist rein zufällig und von mir nicht beabsichtigt.

Auch der Hintergrund der Geschichte beruht allein auf meiner Fantasie. Ich möchte an dieser Stelle ausdrücklich darauf hinweisen, dass mir keine Angriffe der Art, wie sie als Auslöser der Handlung in diesem Roman beschrieben werden, bekannt sind.

Die führenden Betriebssystemhersteller in diesem Buch sind rein fiktiv. Ich möchte an dieser Stelle ausdrücklich bemerken, dass mir keine konkreten Hintertüren und Sicherheitslöcher, wie sie die Protagonisten in dieser Geschichte aufdecken, in realen Systemen bekannt sind.

Allerdings handelt es sich bei den in Kapitel »Aufklärung« genannten Zahlen sowie der beschriebenen Schad-Software, den Viren und Würmern, nicht um Fiktionen, sondern um Realität. Die Fakten und deren Bewertung habe ich aus freizugänglichen Quellen recherchiert (siehe »Zum Nachlesen« am Ende des Buchs). Wobei ich an dieser Stelle der Leserin bzw. dem Leser überlasse, Parallelen zwischen fiktiven und realen Software-Unternehmen zu ziehen.

Zum Schluss bleibt zu sagen, dass ich zwar bis zum Erscheinen dieses Romans keine konkreten Anhaltspunkte für das Auftreten der beschriebenen Szenarien in der Realität kenne, sie für technisch aber durchaus machbar halte. Die Bewertung, wie realistisch eine Umsetzung unter den derzeitigen politischen Randbedingungen sein mag, überlasse ich Ihnen werte Leserin bzw. werter Leser.

Viel Spaß beim Lesen

Fred Kruse

Wochenende

Der Hörer des im Smartphone-Zeitalter schon fast antik wirkenden Festnetztelefons lag auf der Gabel. Verträumt lächelnd blickte er auf ihn herab. Ihre Stimme klang in seinem Kopf nach und das, obwohl er nun wirklich niemand war, dem so etwas häufig passierte. Es war Freitagnachmittag, Thomas Krüger saß am Schreibtisch seines Büros und spürte den Gefühlen nach, die das kurze Gespräch in ihm hervorgerufen hatte. Wahnsinn! Vollkommen verrückt! Wenn ihm jemand vor ein paar Wochen erzählt hätte, dass ihm so etwas passieren würde, hätte er es nicht geglaubt. Und dann noch mit dieser Frau! Svenja, er hatte sie vor vier Wochen auf einer Tagung in Freiburg kennengelernt. Sie hielt einen Vortrag über IT-Sicherheit. Um was auch sonst? Er galt schließlich als Fachmann auf diesem Gebiet und deshalb war er auch auf diese Tagung gefahren. Sie arbeitete in einer kleinen Firma, die sich auf dieses Thema spezialisiert hatte und Beratung für große Unternehmen und Behörden anbot.

Er schmunzelte. Als er Svenja auf dem Podium hatte stehen sehen, wäre er niemals auf den Gedanken gekommen, dass diese Frau einmal seine Gedanken und Gefühle beherrschen könnte. Sie hatte sich professionell gekleidet, nicht aufreizend aber schon attraktiv. So wie alle eben. Na ja, wenn man von den amerikanischen Gästen auf dieser Tagung absah. Früher hatte er dieses Gerede über übergewichtige Amerikaner immer für ein Vorurteil gehalten, aber leider bestätigten seine Erfahrungen der letzten Jahre diese Vorstellungen. Vor allem die Frauen schienen im Schnitt mindestens fünfzig Prozent mehr auf die Waage zu bringen als die deutschen Kolleginnen. Er erschrak über seinen Gedankengang. Solche Gedanken sollte er lassen, zumindest durfte er sie nicht aussprechen. Er bereitete sich schließlich gerade auf eine Führungsposition vor und Machosprüche im Amt brachten gleich eine Reihe von Minuspunkten ein. Gender-Mainstreaming gehörte zu den Zauberworten, die gerade in Führungspositionen verlangt wurden.

Es wurde Zeit. Er steckte seinen USB-Stick in die Buchse seines Rechners und übertrug die vorbereitete Datei. Auch wenn es vielleicht übertrieben wäre zu sagen, dass es sich bei diesem kleinen Stick um seine Lebensversicherung handelte, so garantierte das kleine Gerät doch seinen Aufstieg in die angestrebte Position. Die natürlich nach allen Regeln der Kunst verschlüsselten Daten auf dem Stick enthielten all seine Erkenntnisse aus der Arbeit der letzten Monate. Sie würden einschlagen wie eine Bombe. Endlich musste auch die Führungsetage seine Fähigkeiten anerkennen. An ihm würde kein Weg mehr vorbeiführen.

Wer sollte auch sonst die Lorbeeren ernten? Da gab es natürlich Frank. Ihm stand mindestens die Hälfte des Erfolges zu, wenn man ehrlich war. Aber allein die technischen Ergebnisse zählten natürlich nicht. Frank arbeitete zwar fleißig und ersann manchmal richtiggehend geniale Lösungswege, aber er eignete sich nicht als Führungskraft. Dazu hätte er sich erst einmal ein halbwegs passables Outfit zulegen müssen. So etwas gehörte schließlich auch dazu, wenn man etwas erreichen wollte. Er konnte es einfach nicht mehr hören, dass geniale Hacker mit möglichst langen Haaren und dazu ungepflegt herumliefen. Man konnte schließlich gut in seinem Job sein und trotzdem Sinn für Ästhetik an den Tag legen, selbst in seiner Branche. Franks Äußeres war aber auch nicht der wichtigste Grund dafür, dass er sich absolut nicht für eine Führungsposition eignete. Auf so einer Stelle hätte er reden müssen und könnte sich nicht mehr hinter seinem Rechner verstecken. Aber warum dachte er überhaupt darüber nach, das wussten seine Vorgesetzten besser als er selbst.

Thomas zog den Stick aus der Buchse. Die Uhr zeigte zwölf Minuten nach sechzehn Uhr. An einem Freitag um diese Zeit noch am Schreibtisch zu sitzen, gehörte in seinem Amt nicht unbedingt zum Regelfall, obwohl es gerade in seiner Abteilung Kollegen gab, die sogar bis spät in die Nacht arbeiteten, Frank zum Beispiel.

Aber er sollte sich jetzt besser beeilen. Er musste noch ein paar Stunden im Auto sitzen, bis er Svenja in die Arme schließen konnte. Er fuhr seinen Rechner herunter, ordnete die letzten Papiere auf seinem Schreibtisch, schloss die Schubladenfächer ab und steckte sich den Stick in die Innentasche seines Jacketts.

Beschwingt nahm er die Treppe. Nicht rennend, aber zügig lief er die zwei Stockwerke zum Erdgeschoss herunter. Er war gut in Form. Dieses Gerede von »ab fünfundzwanzig geht es abwärts« ging ihm furchtbar auf die Nerven. Er fühlte sich mit seinen zweiunddreißig Jahren fitter als jemals zuvor. Das betraf nicht nur seinen Körper, sein Geist war genauso in Schuss.

Freundlich grüßte er den Pförtner an der Eingangstür, der gelangweilt mit der Bewegung eines Arms seinen Gruß erwiderte. Thomas hielt den kleinen Chip vor den elektronischen Kasten, der hier, wie mittlerweile überall, die Stempeluhr ersetzte.

Auf dem Parkplatz angekommen, ging er direkt zu seinem Wagen. Der blinkte ihm munter zu, da Thomas die Türverriegelung schon betätigte, als das Fahrzeug gerade in Sichtweite kam. Das zweisitzige Cabriolet war seine große Schwäche. Neben seiner Wohnung verschlang vor allem dieser Wagen einen großen Teil seines Einkommens. Er umrundete das Fahrzeug einmal und überprüfte, ob nicht irgend so ein Trottel beim Einparken eine Schramme im Lack hinterlassen hatte. Das kam zwar normalerweise auf diesem Parkplatz nicht vor, aber sicher war sicher. Natürlich trübte auch an diesem Nachmittag kein Kratzer die makellose Lackierung. Er öffnete die Tür, setzte sich ans Lenkrad und startete den Motor.

Als er die Stadt Bonn hinter sich gelassen hatte und ebenfalls den Ballungsraum Köln-Bonn mit all den Baustellen und der überfüllten Autobahn, konnte er sich wieder seinen Gedanken hingeben. Er kam zurück auf das Thema, das ihn jetzt, nachdem er seine Arbeit für dieses Wochenende nicht nur auf seinem Schreibtisch, sondern auch in seinem Kopf ruhen ließ, am meisten beschäftigte: Svenja.

Mit ihr hatte er wirklich einen Glückstreffer gelandet. Sogar über seine Arbeit konnte er mit ihr reden und der Rest war auch nicht gerade übel. Tatsächlich hatte sie ihn gar nicht besonders angesprochen, als er sie das erste Mal auf der Tagung am Rednerpult stehen sah. Sie wirkte wie diese typisch geschlechtlos zurechtgemachten Businessfrauen, die überlegt, ja kühl ihre Fakten vortrugen. Normalerweise handelte es sich bei ihr nicht um den Typ Frau, den er bevorzugte. In den letzten Jahren hatte er sich eher zu Frauen hingezogen gefühlt, die sich sehr gefühlsbetont gaben und die auch äußerlich mehr zeigten, was sie zu bieten hatten. Genau dieser Art Frauen landete letztendlich in seinem Bett oder er in ihrem. In den letzten Jahren waren es nicht gerade wenige. Wahrscheinlich bestand der Fehler in der Auswahl. Vor Svenja hatte seine längste Liebesbeziehung gerade einmal sechs Monate gehalten. Und auch das nur, weil er seine damalige Freundin durch verschiedene Dienstreisen nur selten gesehen hatte. Er wusste selbst nicht genau, warum ihn immer wieder dieser bestimmte Frauentyp ansprach. Dabei hatte er die Erfahrung gemacht, dass ein verführerisches Äußeres noch nicht einmal guten Sex garantierte, ganz im Gegenteil. Er lächelte in sich hinein.

Während er auf der linken Spur beschleunigte und hin und wieder eine dieser Schnarchnasen, die mit ihrer Altherrengeschwindigkeit den ganzen Verkehr aufhielten, per Lichthupe oder links gesetztem Blinker auf die rechte Spur verscheuchte, kehrten seine Gedanken zu diesem ersten Zusammentreffen zurück.

Sie hatte ihn angesprochen. Auch er hielt auf dieser Tagung einen Vortrag. Er musste zugeben, dass er nicht gerade spannend ausfiel. Wie sollte man auch einen mitreißenden Vortrag halten, wenn es nichts Interessantes zu berichten gibt. Heute wäre das natürlich anders, aber er hatte sich vorgenommen, dieses Wochenende darüber nicht nachzudenken. Dieses Wochenende war für Svenja und ihre Zweisamkeit reserviert.

Ob sie sich damals wirklich für sein Thema interessiert hatte? Vielleicht. Sie befand sich schließlich auf dieser Tagung, um für ihre Firma neue Erkenntnisse zu sammeln. Wahrscheinlich hatte man ihr den Auftrag mitgegeben, Kontakt zu einem Behördenvertreter herzustellen. Das Unternehmen lebte schließlich von öffentlichen Aufträgen. Am schmeichelhaftesten wäre es natürlich, wenn sie ihn angesprochen hätte, weil sie ihn damals einfach kennenlernen wollte, nicht als potenzieller Kunde, sondern als Mann. Er nahm sich vor, sie am heutigen Abend oder vielleicht auch erst in der Nacht danach zu fragen.

Sie hatten ein wenig geplaudert. Die Produkte, die ihre Firma anbot, berührten nicht seine unmittelbare Arbeit, trotzdem verabredeten sie sich, an dem Abend essen zu gehen. Es war wirklich komisch, er interessierte sich damals nicht sonderlich für ihre Arbeit. Wenn er ehrlich war, benutzte er dieses Treffen nur als Ausrede, um dem Mitarbeiter eines anderen Amtes aus dem Weg zu gehen, den er im Vortragsraum entdeckte. Er wusste, dass dieser Kollege auf ihn zukommen würde, um sich mit ihm zum Essen zu verabreden. Die Aussicht, mit diesem übergewichtigen und aufdringlichen Kerl den Abend verbringen und dessen selbstgefälliges Geschwätz anhören zu müssen, trieb ihn letztendlich zu der Verabredung mit dieser auch nicht sonderlich aufregenden Frau. Jedenfalls ging er damals davon aus, dass der Abend nicht sonderlich aufregend verlaufen würde. Gut, dass er wenigstens in beruflicher Hinsicht recht behalten hatte, sonst würde er wirklich in einem Interessenkonflikt stecken. Thomas konnte ein anzügliches Grinsen nicht unterdrücken.

Er verließ nach einigen Kilometern das erste Mal die linke Spur. Rechts tat sich gerade eine größere Lücke auf und der Kerl hinter ihm wurde schon nervös.

»Nun mach schon! Es fehlt nur noch, dass ich wegen dir abbremsen muss!«, schimpfte er in Gedanken. Der irrsinnig langsam fahrende LKW vor ihm kam bedenklich schnell näher. Schon setzte Thomas den Blinker und scherte nur wenige Zentimeter, nachdem der überholende PKW an ihm vorbei war, wieder auf die linke Spur.

Ja, heute stellte sich alles anders dar, nahm er seinen Gedankengang wieder auf. Als er sie an dem ersten Abend damals in dem Restaurant getroffen hatte, hätte er das nicht gedacht. Sie trug die gleiche Garderobe, in die sie sich für den Vortrag gekleidet hatte. Sie wirkte noch immer professionell und distanziert. Die Brille mit den dunklen Rändern, die sie trug, ließ ihr an sich attraktives Gesicht etwas streng wirken. Dieser Eindruck wurde nur durch ein warmes Lächeln gemildert. Selbst das kam ihm allerdings an diesem Abend einstudiert vor.

Der Anfang des Gesprächs verlief dann auch genau so, wie er es befürchtet hatte. Nach dem Hauptgang kamen sie zu dem Schluss, dass sie im Prinzip zwar in der gleichen Branche arbeiteten, aber die Aufgabengebiete stellten sich dann doch als zu unterschiedlich heraus, um zu einer Kooperation zu kommen. Damit erreichten sie den Punkt, an dem Svenja nach dem Austausch von ein paar Höflichkeitsfloskeln, eine Müdigkeit vorschiebend, hätte gehen müssen. Dass sie für ihre Firma bei ihm nichts erreichen konnte, musste sie zu diesem Zeitpunkt erkannt haben. Vielleicht lag es an der guten Flasche badischen Weißweins, die sie auf Kosten ihrer Firma bestellt hatte.

»Ich hoffe, das zählt noch nicht als Bestechung«, hatte sie lächelnd gesagt, als sie die Bestellung aufgab. Das erste Mal an diesem Abend wirkte ihr Lächeln nicht einfach nur professionell, sondern sogar schelmisch. Das wunderte ihn, es passte nicht zu ihrem bisherigen Auftreten.

»So billig bin ich nicht zu haben«, erwiderte er ebenfalls lächelnd. Auch wenn er den Ausspruch lustig klingen ließ, meinte er ihn durchaus ernst. Er hatte sich noch nie bestechen lassen und er konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass es ein Unternehmen geben könnte, dass bereit wäre, so viel zu bieten, dass er auch nur darüber nachdenken würde, sich unvorschriftsmäßig zu verhalten. Das war jedenfalls damals so gewesen.

Wenn er daran dachte, was sich auf dem kleinen USB-Stick in seiner Tasche befand, wusste er mit Sicherheit, dass es sehr wohl eine Firma gab, die ihm einen Betrag bieten würde, über den so mancher ins Grübeln käme. Aber das interessierte ihn nicht. Er würde seine Zukunft auf diesem kleinen Stick aufbauen und dafür musste er sich noch nicht einmal in irgendwelche illegalen Handlungen verstricken. Er glaubte an bestimmte Werte und die eigenen Vorteile, die für ihn selbst bei der Verteidigung dieser Werte heraussprangen, reichten ihm vollkommen aus. Kurz überließ er sich den Träumen, zum Referatsleiter oder sogar zum Abteilungsleiter seines Amtes aufzusteigen.

Die Autobahn leerte sich zunehmend. Er wechselte häufig die Spuren. Man musste schließlich nicht links fahren, auch wenn ihn nur wenige Autos überholten.

Seine Gedanken kehrten zu diesem ersten Abend mit Svenja zurück. Der Kellner hatte nach dem Essen den Tisch abgeräumt und sie hatte den Rest der Flasche Wein, der sich zu diesem Zeitpunkt noch darin befand, in die beiden Gläser aufgeteilt. Wahrscheinlich war das halb volle Glas der Grund, warum sie noch blieb. Vielleicht lag es aber auch schon zu diesem Zeitpunkt an ihm als Mann. Er galt schließlich nicht umsonst als recht gut aussehend und charmant. Das wollte er sich zumindest gerne einreden. Allerdings musste er bis zu diesem Zeitpunkt als eher langweiliger Gesprächspartner auf sie gewirkt haben.

Er rechnete deshalb damit, dass sie das Glas zügig austrinken und gehen würde. Stattdessen nippte sie nur an ihrem Weinglas, lächelte ihn an und fragte:

»Und wie lebt sich's so in Bonn?«

Damit überraschte sie ihn vollkommen an diesem Abend. Natürlich gab sie ihm mit dieser Frage die beste Steilvorlage, die er sich denken konnte. Sie redeten über die Vor- und Nachteile ihrer Wohnorte, und bevor er sich versah, tauschten sie sich schon gegenseitig über ihre privaten Lebenssituationen aus. Dabei stellten sie fest, dass sie den Single-Status teilten.

In der Zwischenzeit hatten sie eine zweite Flasche Wein bestellt, diesmal auf seine Rechnung. Er wollte sich ja nicht dem Verdacht der Korruption aussetzen. Bei diesem Spruch lächelte er sie warm an. Das Lächeln, das damals von ihr zurückkam, hatte schon überaus vertraut gewirkt.

Thomas kam an der Ausfahrt an. Fast zehn Minuten verstrichen, in denen er sich durch die Wirren der Verkehrsführung quälte. Endlich bog er auf die gewünschte Landstraße ein. Der Himmel zeigte sich zu einem großen Teil mit dunklen Wolken verhangen, die im harten Kontrast zu dem Blau des Himmels dem leuchtenden Rot der untergehenden Sonne standen.

Er mochte dieses Zwielicht, auch wenn es sich nicht besonders gut zum Autofahren eignete. Es würde keine halbe Stunde mehr dauern und es wäre stockfinster bei diesem Wetter. Aber er hatte es auch nicht mehr weit. Eine Stunde in seinem geliebten Wagen durch die Dunkelheit zu fahren, machte ihm nichts aus. Ganz im Gegenteil, er genoss es, die kurvenreiche gebirgige Strecke zu meistern, die noch vor ihm lag.

Der Wagen rollte mit konstanter Geschwindigkeit über die Landstraße. Der Motor schnurrte gleichförmig. In seinem Bauch breitete sich ein wohliges Gefühl der Vorfreude aus. Er sah Svenjas Gesicht vor sich. Er dachte wieder an diesen ersten Abend.

Als sie die zweite Flasche Wein geleert hatten, fühlte er sich doch ein wenig angetrunken. Sie saßen zu diesem Zeitpunkt schon recht lange zusammen. Während der anregenden Unterhaltung nippten sie zwar nur an ihren Gläsern, aber eine ganze Flasche Wein, die er zum Schluss dann doch intus hatte, überstieg die übliche Menge, die er an so einem Abend trank.

Sie brachen gemeinsam auf. Als sie gemeinsam aus der Restauranttür in die frische Luft traten, bemerkte er, dass ihm nicht als Einzigem der viele Wein zusetzte.

Er machte sich darüber Gedanken, wie er Svenja am stilvollsten beibringen sollte, dass er sich wünschte, die Nacht mit ihr zu verbringen. Allerdings wundert er sich darüber, dass er selbst in Gedanken lallte. Daher fragte er sich, ob es nicht doch besser wäre, wegen seines Alkoholpegels eine gemeinsame Nacht auf ein anderes Mal zu verschieben.

Er hatte den Gedankengang noch nicht ganz zu Ende gebracht, da wurde er dieser Entscheidung enthoben. Svenja stand plötzlich vor ihm.

»Ich glaube, ich bin ein bisschen betrunken«, sagte sie und sah ihn dabei mit großen Augen an.

Er dachte in diesem Moment nicht nach, nahm sie einfach in den Arm und ließ sie nicht mehr los. Sie wollte auch nicht mehr losgelassen werden. Er konnte sich bis heute nicht daran erinnern, wer von ihnen beiden die Initiative ergriff. Dafür spürte er noch immer diesen ersten Kuss. Er hätte niemals geglaubt, dass die kühle, rationale Frau, die er am frühen Abend in dem Restaurant getroffen hatte, derart leidenschaftlich küssen konnte.

Er lächelte in sich hinein. Nein, mit dem Bild, das Svenja am Anfang vermittelt hatte, hatte seine Freundin mittlerweile wirklich nichts mehr gemein.

Im Rückspiegel sah er zwei Scheinwerfer in einiger Entfernung. Ein weiterer einsamer Wagen auf der zu dieser Zeit verlassenen Landstraße, der durch die mittlerweile stockdunkle Nacht fuhr.

An dem Abend damals oder besser in dieser Nacht hatten sie dann auch nicht mehr sehr viel geredet. Die Entscheidung fiel schnell, sein Hotel lag näher an dem Restaurant, in dem sie gegessen hatten. Sie benahmen sich wie die Teenager. An jeder Ecke blieben sie stehen und knutschten. So etwas war ihm seit Jahren nicht mehr passiert. Im Hotel konnten sie sich gerade so lange zurückhalten, bis sie durch das Foyer hindurch und an dem Portier vorbei waren. Schon im Fahrstuhl hatte Svenja sich derart leidenschaftlich an ihn gepresst, dass er bei der Erinnerung daran selbst heute noch die Furcht vor einer Entdeckung spürte.

Hier allein in seinem Wagen überlagerte allerdings die Erregung, die die Situation damals in ihm ausgelöst hatte, seine Gefühle. Er wünschte sich nichts sehnlicher, als schon da zu sein. Selbst die Lust am Autofahren verging ihm. Die Strecke wurde langsam kurvenreicher und an einigen Stellen recht eng. Die Straße wand sich langsam höher hinauf in die Berge. Noch immer war kein anderer Wagen in Sicht, nur die Lichter des Fahrzeugs, das in großem Abstand hinter ihm fuhr.

Um die Vorfreude noch zu steigern, ließ er die Ereignisse der ersten Nacht weiter vor seinem inneren Auge ablaufen: In seinem Hotelzimmer angekommen, kam er nicht mehr zur Besinnung. Svenja fiel regelrecht über ihn her. Ja, ja, stille Wasser sind tief!

Bis zu diesem Abend hatte er Nicole, eine junge Frau, mit der er etwa drei Monate liiert war, als sein heißestes Erlebnis angesehen. Dass diese drei Monate in sexueller Hinsicht zu toppen wären, hatte er nicht gedacht. Er hatte sich geirrt, so wie er sich in Svenja von Anfang an geirrt hatte.

Sicher, Nicole hatte vielleicht einfallsreicher und tabuloser als Svenja agiert, aber da war etwas anderes. Etwas, das er bisher noch bei keiner seiner vielen Bekanntschaften und kurzzeitigen Freundschaften gespürt hatte. Etwas, dass seine eigene Leidenschaft in ungewohnte Höhen steigerte.

Auch wenn er es sich nur ungern zugeben mochte, jetzt hatte es ihn doch erwischt. Er hatte sich verliebt. Svenja sah nicht hübscher aus als seine bisherige Freundinnen. An ihrem ersten Abend hatte sie keine besonderen Verrenkungen oder ungewöhnlichen Praktiken angewendet. Nein, die Erinnerung an diesen Abend hatte sich als so einzigartig in ihm festgesetzt, weil es sich um eine so einzigartige Frau handelte. Ja, weil er so einzigartige Gefühle zu ihr empfand.

Eine Wärme strahlte vom Mittelpunkt seiner Brust aus und flutete seinen ganzen Oberkörper. Er musste jetzt etwas vorsichtiger fahren, die Straße wurde sehr kurvenreich. Der Wagen hinter ihm hatte zwar aufgeholt, hielt aber genug Abstand. Gut so! Er hasste Einheimische, die meinten, sie müssten auf solchen Straßen riskant überholen. Er schlich schließlich nicht. Die Kurven schneller zu nehmen als er, wäre reiner Wahnsinn.

Ja, träumte er weiter, das Schönste war, er konnte mit Svenja sogar über Dinge reden, über die er noch nie mit einer Frau geredet hatte, seine Arbeit zum Beispiel. Heute Abend würde er ihr erzählen, was er entdeckt hatte. Er würde ihr das Geheimnis dieses kleinen Sticks, der in seiner Jacketttasche steckte, und des zweiten, den sie in ein paar Tagen per Post bekommen würde, erklären. Er wusste, es klang schon fast paranoid, aber von dem Inhalt dieses kleinen Datenträgers hing nicht nur seine berufliche Zukunft ab. Bei diesem Stick handelte es sich um den Schlüssel zu einer gemeinsamen Zukunft. Er würde ihm alle möglichen Türen öffnen und dann stellte es auch kein Problem mehr dar, Svenja nach Bonn oder wohin er von dort auch immer gehen wollte, zu holen. Nicht dass sie seine Protektion tatsächlich brauchte, sie war wirklich gut in ihrem Job, aber seine neue Rolle würde es auch ihr erleichtern, die notwendigen Türen zu öffnen.

Vielleicht wies sie sogar mehr Kompetenz auf als er, zumindest auf technischer Ebene. Diesen Teil hatte Frank für ihn übernommen. Fachlich hatte sein Kollege sicher mehr geleistet als er selbst, aber eine so große Sache wollte auch verkauft werden. Er meinte das nicht im ökonomischen Sinne, er verhielt sich schließlich seinem Arbeitgeber gegenüber loyal. Und auch wenn man so einiges am deutschen Staat kritisieren konnte, wüsste er nicht, mit welchem anderen er tauschen wollte.

Nein, es war gut, dass diese Sache nicht nur sein persönliches Fortkommen, sondern auch der Gemeinschaft nutzte. Bei dieser Formulierung handelte es sich schon um eine ziemliche Untertreibung. Wenn die deutsche Bevölkerung erst einmal wusste, in welcher Gefahr sie sich befand, wenn man es erst geschafft hatte, den Leuten das Problem zu verdeutlichen, dann würde die Hölle losbrechen. Das stand fest, jedenfalls für ihn.

Heute Abend würde er das alles Svenja erzählen. Er freute sich schon auf ihre kugelrunden Augen, die sie mit Sicherheit bekam, wenn er ihr erklärte, was er tatsächlich herausgefunden hatte. Bisher hatte er ihr die Sache gegenüber nur vage angedeutet. Sie ahnte zwar schon die Richtung, in die seine Entdeckung – oder besser, die von Frank und ihm – ging, aber das Ausmaß der Geschichte kannte sie noch nicht.

Er überlegte, in welcher Reihenfolge der Abend am Besten ablaufen sollte. Erst würden sie essen. Svenja hatte versprochen zu kochen. Wahnsinn, sogar das konnte diese Frau! Vielleicht sollte man dann erst mal zum »gemütlichen« Teil übergehen. Danach könnte er ihr die Geschichte erzählen. Sie wäre sicher stolz auf ihn. Das würde fördern, den »gemütlichen« Teil noch einmal zu wiederholen.

Ja, genau so sollte er es anfangen. Thomas lehnte sich zufrieden in seinem Sitz zurück. Aber was machte denn der? Der Hintermann war doch bisher so besonnen gefahren. Hatte diesen Verrückten ein wilder Affe gebissen? Der wollte ihn doch wohl jetzt nicht überholen, so kurz vor der scharfen Kurve direkt vor dieser schmalen Brücke?

Der Wagen hinter ihm scherte auf die Gegenfahrbahn aus und setzte mit aufheulendem Motor zum Überholen an. Erst jetzt wurde Thomas bewusst, dass es sich bei dem Wagen um einen dieser großen Geländewagen handelte mit Bullengitter und allem Drum und Dran. Er hatte sich so seinen Gedanken und Träumen hingegeben, dass er das Modell des Fahrzeugs nicht wahrgenommen hatte. Es interessierte ihn auch nicht. Diese Fahrzeuge trafen nicht seinen Geschmack, ihn faszinierten ausschließlich diese kleinen hochmotorisierten sportlichen Autos.

Erschrocken stellte er fest, dass es in diesem Fall doch ganz erheblich war, was für ein Auto neben ihm aufschloss. Er nahm zwar schon das Gas weg, was er normalerweise sehr ungern tat, aber diese enge Kurve mit der sich anschließenden ebenfalls engen Brücke kam erschreckend schnell näher. Das andere Auto fuhr aber nicht an ihm vorbei, sondern blieb auf gleicher Höhe, selbst als er abzubremsen begann.

Verzweifelt sah er zu dem Geländewagen hinüber. In ihm saßen zwei Männer. Der Fahrer sah stumpf gerade aus, während ihn der Beifahrer kalt anstarrte. In dem Moment, in dem der Blick des Beifahrers seinen traf, erkannte Thomas, dass es sich bei diesem Vorgang nicht um ein unglückliches Überholmanöver handelte.

Der andere Wagen wurde genau mit ihm langsamer. Jetzt drängte er ihn sogar nach rechts ab. Blech knirschte auf Blech. Das Geräusch klang hässlich. Thomas hatte noch nicht einmal Zeit, sich über sein demoliertes Auto zu ärgern. Er trat die Bremse durch. Das Antiblockiersystem begann zu stottern. Er war noch immer viel zu schnell. Das gegnerische Fahrzeug drückte seinen Wagen so weit nach rechts, dass er mit einem Reifen auf den Randstreifen fuhr. Er wurde durchgeschüttelt. Verzweifelt versuchte er gegenzulenken, aber es half nichts, das andere Fahrzeug war größer und schwerer.

Brutal knirschte das Bodenblech, als der Wagen über das niedrige Steingeländer der Brücke geschoben wurde. Noch vor der Überführung war er so weit nach rechts gedrängt worden, dass schon die Räder auf der rechten Seite des Wagens außerhalb des Geländers hingen. Thomas fiel nichts mehr ein, was er noch hätte tun können. Es gab für dieses Problem keine Lösung, die ein noch so gut geschultes, logisch denkendes Informatikerhirn hätte finden können. Während das schleifende und knirschende Geräusch unter ihm anzeigte, dass gerade das Bodenblech seines geliebten Wagens unter ihm auf dem Steingeländer der Brücke zerrieben wurde, drückte ihn der Geländewagen noch weiter nach rechts. Sein eigener Wagen wurde dadurch so weit über das Geländer geschoben, dass er nach rechts über die Überführung hinweg kippte.

»Gut, dass ich heute noch die Post abgeschickt habe«, dachte er unangemessenerweise. Sein Gedankengang endete abrupt, als der Wagen mit dem Dach zuerst und einem lauten Krachen auf einem Felsvorsprung direkt neben dem kleinen Flüsschen aufschlug, das die Brücke überspannte.

Ende eines netten Abends

Es war schon recht kühl an diesem Abend, kühler als üblicherweise zu dieser Jahreszeit. Frank Becker ging zurück zu seiner Wohnung. Besser traf der Begriff ›torkeln‹ die Art seiner Fortbewegung.

Er hatte einen netten Abend verbracht. Netter, als sämtliche Abende der vergangenen zwei Jahre, wenn er es richtig nahm. Im ersten Jahr, nachdem Kristin ihn verlassen hatte, zog er noch mit der Clique durch die Kneipen. Dann fiel er ohne Vorwarnung in dieses tiefe Loch. Er verspürte einfach keine Lust mehr, in Kneipen herumzuhängen und Frauen anzubaggern, die ja doch kein Interesse an ihm hatten oder an denen er das Interesse verlor, sobald sie den Mund aufmachten. Seine Freunde von damals gab es auch nicht mehr. Das heißt, die Jungs gab es schon noch, nur dass er jetzt nicht mehr zu ihnen gehörte.

Vielleicht hätte er damals nicht so laut seine Meinung sagen sollen. Was hatte Kristin noch so schön gesagt, als er sie das letzte Mal getroffen hatte? Er müsse aufpassen, mit seiner miesepetrigen, besserwisserischen Art, nicht auch noch seinen letzten Freund zu verlieren. Das war ein Jahr her, bei ihrem letzten Scheidungstermin. »Sie hat damit nicht ganz richtig gelegen«, dachte Frank zynisch. Zu diesem Zeitpunkt gab es schon keine Freunde mehr.

Jedenfalls war er zwei Jahre lang nicht mehr feiern oder wenigstens ein Bier trinken gegangen. Auch an diesem Abend hatte er nicht vorgehabt, unter Leute zu gehen. Aber dann kam er an der Gaststätte vorbei, die auf seinem Heimweg von der Arbeit lag und in die er früher häufig eingekehrt war. Diese Kneipe hatte ihn in den letzten zwei Jahren nicht mehr gereizt, genauso wenig wie irgendeine andere.

An diesem Abend stand Tom vor dieser Gastwirtschaft. Tom gehörte früher auch zu der Clique. Allerdings hatte Frank ihn noch nie sonderlich gemocht. Der Kerl war ein Spinner, dazu noch einer von der üblen Sorte, rücksichtslos, und verlassen konnte man sich auf ihn auch nicht.

Normalerweise ging Frank dem Kerl, wenn es sich machen ließ aus dem Weg. An diesem Nachmittag ließ es sich nicht machen. Er stand ihm direkt im Weg.

»Äh Alter, was machst du denn hier?«, begrüßte er Frank, obwohl der Kerl ganz genau wusste, dass er von der Arbeit kam.

Er wollte schon etwas Knallhartes erwidern, aber bevor er nur zu Wort kam, hatte Tom ihn schon auf ein Bier eingeladen. Das war allerdings schon komisch, vielleicht ein Omen, früher hatte er sich immer nur durchgeschnorrt. Normalerweise wäre Frank trotzdem nicht mitgegangen. Eigentlich hatte er in den letzten Jahren immer eine Ausrede erfunden, wenn sich jemand mit ihm treffen wollte. Er verspürte einfach keine Lust, mit irgendwem über irgendwelche Oberflächlichkeiten zu reden. Darauf lief es doch immer hinaus. So gut kannte er mittlerweile niemanden mehr, dass er sich mit ihm über tiefsinnigere Dinge unterhalten konnte.

Aber an diesem Abend war es anders. Vielleicht lag es an dieser Sache. Endlich standen sie vor dem großen Erfolg und dann das! Ausgerechnet jetzt musste Thomas diesen Unfall bauen. Er hatte ja schon immer gewusst, dass dieser Spießer sich irgendwann mit seinem bescheuerten Sportwagen totfahren würde. Aber musste das ausgerechnet jetzt sein? Die ganzen letzten Jahre hätte er den Idioten am liebsten in die Wüste geschickt und jetzt, wo er tot war, fehlte er ihm. Mit wem sollte er jetzt noch über die Sache reden?

Vielleicht spürte er tatsächlich Trauer, vielleicht lag es aber auch an dem Mädchen, das Tom im Schlepptau hatte. Sie lächelte ihn so nett an und bettelte fast darum, dass er mitkäme. Jedenfalls hielt er es plötzlich für eine gute Idee, ein Bier zu trinken.

Gut, die Bezeichnung Mädchen traf vielleicht nicht ganz zu. Bei näherer Betrachtung handelte es sich dann doch eher um eine Frau in seinem Alter. Die Jahre waren nicht spurlos an ihr vorübergegangen, wie bei ihm selbst, aber sie sah trotzdem ungemein attraktiv aus. Auch egal, jedenfalls lächelte sie ihn dankbar an, als er mitkam. Es war ihm lange nicht mehr passiert, dass eine Frau ihn so anlächelte. Ihm wurde ganz warm in der Brust.

Der Gastraum der Kneipe war mit riesigen Fenstern in der Größe von Schaufensterscheiben ausgestattet. Als er dort noch als Stammgast ein- und ausging, hatte ihn das nicht gestört. Später fand er es schrecklich, dort zu sitzen und von jedem draußen begafft zu werden. Allerdings stieß es ihn genauso ab, in einer dieser geschlossenen Höhlen zu sitzen.

Egal, jedenfalls setzten sie sich in eines dieser Schaufenster. Frank wusste nicht, was er sagen sollte, dafür quatschte Tom umso mehr, irgendeinen Schwachsinn von alten Zeiten und so. Tom ging ihm dermaßen auf die Nerven, dass er froh war, als der Kerl endlich ging. Die Frau, von der er angenommen hatte, dass sie zu Tom gehörte, blieb sitzen. Er wollte schnell austrinken, aber da brachte der Wirt schon zwei neue Biere. Die hatte Tom bestellt und, man höre und staune, sogar bezahlt.

So saßen diese Frau und er sich gegenüber, beide mit einem vollen Glas Bier vor sich. Sie lächelte ihn noch immer warm an. Er fragte sich, was er mit ihr reden solle. Seit Kristin war er schließlich mit keiner Frau mehr zusammen gewesen. Und seit zwei Jahren redete er im Prinzip nur noch mit seinen Arbeitskollegen während der Arbeitszeit. Aber auch denen ging er aus dem Weg, wenn es sich irgendwie einrichten ließ. Er war verlegen und wusste nicht, wie er ein Gespräch beginnen sollte. Aber dann regelte sich alles von allein. Sie gehörte offensichtlich nicht gerade zu der schüchternen Sorte und hatte drauf los erzählt, als würden sie sich schon ewig kennen. Sie hieß übrigens Jasmin, wie er wenig später erfahren sollte.

Mann, Mann, Mann, das war eine Frau! Frank musste sich kurz an einem Laternenpfahl festhalten. Der Fußgängerweg begann doch ganz beängstigend unter seinen Füßen zu schwanken. Er konnte wirklich nichts mehr vertragen. Die letzten zwei Jahre hatte er so gut wie keinen Alkohol mehr getrunken. Dass er allerdings so aus der Übung war, erstaunte ihn doch.

Jedenfalls beruhigte es, dass eine Frau wie Jasmin Interesse an ihm zeigte. Er musste zugeben, er war in den letzten drei Jahren ein wenig aus den Fugen geraten. Das hatte auch Kristin gesagt, damals vor einem Jahr, als er sie das letzte Mal gesehen hatte. Er könnte sicher ein paar Kilo abspecken. Der nicht gerade berauschende Kantinenfraß in der Woche und das Fast Food am Wochenende trugen nicht gerade zu einem besonders ansprechenden Körper bei. Durch besonderen sportlichen Ehrgeiz hatte er sich ja noch nie hervorgetan, aber wenigstens ein bisschen Fahrradfahren oder Spazierengehen hätte er sich in den vergangenen drei Jahren gönnen sollen. Auch konnten seine Haare die eine oder andere zusätzliche Wäsche vertragen. Das wäre zumindest heute Abend von Vorteil gewesen. Vielleicht sollte er überhaupt mal zum Friseur gehen, mal etwas ganz Neues ausprobieren. Wer lief heute noch mit so einer Matte herum?

Frank stieß sich von dem Laternenpfahl ab und nahm schwankend seinen Weg wieder auf.

Es grenzte wirklich an ein Wunder, dass Jasmin etwas an ihm gefunden hatte. Sie musste seinen inneren Kern auch durch die etwas derangierte Hülle gespürt haben. Sie hatten sich jedenfalls prächtig unterhalten. Sie war eine Frau, die zuhören konnte. So etwas gab es nicht oft. Schon gar nicht, wenn er von seiner Arbeit erzählte. Aber Jasmin hatte ihm zugehört. Sie stellte sogar interessiert Fragen. Natürlich verstand sie vom Fach nichts, musste ja auch nicht sein. Sie stellte so herrlich naive Fragen. Aber sie wollte wirklich wissen, was er beruflich machte.

Es hatte lange niemanden mehr gegeben, der ihm zuhörte, wenn er über die Dinge sprach, die ihn wirklich beschäftigten. Gut, das lag sicher auch daran, dass er sich nur noch für seine Arbeit interessierte, sonst passierte in seinem Leben ja nicht viel. Jasmin hörte ihm zu, sie fragte nach und er erzählte ihr alles. Natürlich trug er etwas dick auf, machte seinen Job spannender, als er wirklich war. Ein klein wenig musste man die Sache natürlich schon interessant machen. Die Realität sah schließlich trübe genug aus. Das fanden zumindest die meisten Leute, denen er bis dahin von seiner Tätigkeit erzählt hatte.

Er sah das natürlich anders. Es war einfach spannend jemand anderem auf die Schliche zu kommen. Früher gehörte er selbst einmal zu denen, die unbedingt überall hinein wollten. Er hatte mehr als einen Rechner geknackt. Schon damals hatte es nur zwei Sorten von Menschen gegeben: Die einen, die es spannend fanden in einen fremden Rechner einzudringen, und die anderen, die es todlangweilig fanden, sich stundenlang mit den meist gescheiterten Versuchen zu beschäftigen. Die Letzteren konnten einfach nicht verstehen, wie es sich anfühlte, wenn man danach fieberte, endlich die Lösung zu finden, den Schlüssel, mit dem man in verbotene Zonen vordrang.

Jetzt stand er auf der anderen Seite. Er gehörte zum Team für IT-Sicherheit. Er versuchte diejenigen zu erwischen, die versuchten, in ›seine‹ Systeme einzudringen. ›Seine Systeme‹ waren eigentlich die Rechnersysteme der Bundesverwaltung. In den letzten Jahren hatte er sehr erfolgreiche Arbeit geleistet. Meistens konnte man einen Angriff abfangen, indem man neue informationstechnische Sicherheitsbarrieren aufbaute, die Firewalls neu konfigurierte oder Ähnliches. Er hatte sich aber auch schon ein Mal direkt auf die Jagd begeben und einen Hacker erwischt. Natürlich lieferte er nur die Zuarbeit, die Daten. Den Rest hatte dann das BKA übernommen.

Aber in der Vergangenheit hatte es sich nur um Peanuts gehandelt. Diesmal ging es um ein wirklich großes Ding. Durch reinen Zufall war er der Sache auf die Spur gekommen. Wer hätte auch gedacht, dass ausgerechnet aus dieser Richtung Gefahr drohte. Er deutete Jasmin die Geschichte natürlich nur an. Wirklich erzählt hatte er nichts. Dafür kannten sie sich dann doch noch nicht gut genug.

Frank fummelte mit seinem Schlüssel am Schloss der Eingangstür herum. Verdammt! Hätte er nicht ein bisschen weniger trinken können? Dabei war es gar nicht so viel gewesen, soweit er sich erinnerte. Gut diese zwei Schnäpse zum Schluss hätten es wirklich nicht mehr sein brauchen. Aber nachdem Jasmin eine Runde ausgegeben hatte, musste er sich ja schließlich revanchieren.

Endlich bekam er den Schlüssel ins Schloss und öffnete sie. Er schlüpfte hindurch. Die Haustür fiel krachend zu. Oh je, hoffentlich gab das keinen Ärger mit den Nachbarn. Der Schließmechanismus zog viel zu stark. Die Hausverwaltung hatte alle Bewohner des Hauses angehalten, die Eingangstür nachts leise zu schließen. So etwas war ihm seit Jahren nicht mehr passiert. Er hatte wirklich zu viel intus. Gut, dass Jasmin nicht hatte mitkommen wollen, er fühlte sich wirklich nicht in der Verfassung für eine erste Nacht. Jasmin musste ganz gut was wegstecken können. Sie hatte noch ganz nüchtern gewirkt, obwohl sie das Gleiche getrunken hatte wie er. Wirklich eine Teufelsfrau!

»Bis zum nächsten Mal. Du weißt ja, wo du mich findest«, hatte sie zum Abschied gesagt. Damit konnte nur die Kneipe gemeint sein. Wo sie wohnte, wusste er nicht. Wenn er es recht bedachte, hatte sie über sich fast nichts erzählt. Dafür hatte sie ihn ganz schön ausgefragt. Egal, das würde ihm nicht wieder passieren. Beim nächsten Mal würde alles anders werden. Er musste sich von seinem egozentrischen Verhalten lösen. Das hatte auch schon Kristin gesagt. Beim nächsten Treffen würde er sie ausfragen, einfach an ihrer Person Interesse zeigen.

Aber wie sollte er gerade jetzt diesen Vorsatz umsetzen? Diese Sache besaß einfach ein zu großes Ausmaß, sie nahm seinen ganzen Kopf ein. Und er hatte noch Größeres damit vor. Im Grunde war es sogar gut, dass er auf Thomas keine Rücksicht mehr nehmen brauchte. Der Spießer hatte doch nur an seine Karriere im Amt gedacht. Der hatte doch gar nicht kapiert, dass es sich dabei nur um Peanuts handelte. Und selbst wenn er es kapiert hätte, wäre der zu spießig gewesen, zuzugreifen. Er hätte sich sogar noch mit Ehrenhaftigkeit und Unbestechlichkeit herausgeredet. Thomas, der Gutmensch, wirklich zum Kotzen! In Wirklichkeit hätte der sich nie getraut, mal wirklich etwas zu riskieren.

Da war er selbst ganz anders. Er wusste, dass man aus dieser Sache ganz andere Dinge herausholen konnte. Er würde bald nicht mehr in diesem Loch von einer Wohnung hausen müssen. Die Schulden, die Kristin ihm während seiner Ehe eingebrockt hatte und die er seitdem mitschleppte, würden in ein paar Monaten der Vergangenheit angehören. Dann würde er über solche Beträge nur noch schmunzeln.

Er stand vor seiner Wohnungstür. Wieder fummelte er am Schloss herum. Diese blöden Sicherheitsschlösser, warum mussten diese Schlüssellöcher auch so klein sein? Warum hatte man nicht die schönen, großen, altmodischen Schlüssel für die Haustüren behalten können?

Endlich nahm er auch diese Hürde. Die Eingangstür führte in einen kleinen Flur. Er betätigte den Lichtschalter, aber es blieb dunkel. Schon wieder die Birne kaputt! Das hatte er morgens gar nicht bemerkt. Vielleicht war es aber auch besser, dass er sich im Dunkeln nur als Schatten im Spiegel sah. So blieb ihm das schlimmste Elend erspart. Das musste wirklich alles besser werden. Er würde sich ab morgen um seine Wohnung kümmern, neue Birnen in die Lampen schrauben, aufräumen, abwaschen. Ja vor allem putzen und abwaschen. Irgendwie roch es merkwürdig in seiner Wohnung. Auch das war ihm am Morgen noch nicht aufgefallen. Erstaunlich, was ein Gespräch mit einer Frau, einer sehr attraktiven Frau, ausmachen konnte. Und dieses Lächeln erst!

Er öffnete die Tür zum Wohnzimmer. Auch hier brannte kein Licht. War die Sicherung durchgebrannt? Wirklich gut, dass Jasmin nicht mitgekommen war. Was hätte sie zu diesem Dreckloch gesagt. Morgen würde alles anders werden. Er würde die Wohnung in Ordnung bringen und sich selbst. Wenn er sie wiedertraf, wäre alles vorbereitet. Auch sein Äußeres würde hergerichtet sein, soweit sich das in ein oder zwei Tagen machen ließ, hieß das.

Er torkelte durchs Wohnzimmer zur Küche. Die Wohnung besaß keinen idealen Schnitt, man kam vom Flur ins Wohnzimmer. Von dort gingen Küche und Schlafzimmer ab. Das Bad befand sich sogar noch hinter der Küche. Ja, es wurde wirklich Zeit, dass er sich etwas anderes suchte.

Jetzt musste er erst mal in die Küche. Dort befand sich aus unerfindlichen Gründen der Sicherungskasten in diesem Altbauloch. Etwas trinken musste er auch. Dieser Schnaps hatte ihm die Kehle ausgetrocknet. Außerdem musste irgendetwas in der Küche sein. Von dort kam ein ganz merkwürdiger Geruch. Irgendwie kam ihm der bekannt vor, aber sein Hirn funktionierte nicht richtig, alles wirkte wie vernebelt. Konnte das wirklich von dem bisschen Alkohol kommen?

Er öffnete die Küchentür. Der Geruch wurde stärker. Ohne eine Wirkung zu erwarten, betätigte er den Lichtschalter. Als Letztes hörte er einen Knall, der ihm im wahrsten Sinne des Wortes das Trommelfell zerriss, und sah einen grellweißen Blitz.

Alte Freundschaft

Es schrillte laut und anhaltend. Der Ton drang schmerzhaft in sein Bewusstsein. Marko Geiger tauchte aus den Tiefen eines Traums auf, den er im gleichen Moment wieder vergaß. Fast orientierungslos tastete er nach dem Wecker auf seinem Nachttisch. Der Raum lag noch in vollkommener Dunkelheit, sodass er nichts sehen konnte. Endlich bekam er das Gerät zu fassen. Er drückte den Knopf, der das Wecksignal beenden sollte. Es funktionierte nicht. Erst nach dem zweiten Versuch erstarb der Ton.

Was war los? Marko drehte sich stöhnend auf den Rücken. Warum klingelte der Wecker mitten in der Nacht? Nicht einmal der zarteste Lichtschimmer erhellte das Zimmer. Wieso hatte er den Wecker gestellt? Es gab doch keinen Termin am nächsten Morgen.

Es schrillte erneut. Er war jetzt immerhin so weit wach, dass er realisierte, dass es nicht der Wecker, sondern die Türklingel war, die dieses schreckliche Geräusch produzierte. Im nächsten Moment begann es auch noch zu klopfen und zu hämmern, als wolle jemand die Wohnungstür einschlagen.

Marko stieg vorsichtig aus dem Bett. Automatisch zog er sich einen Morgenmantel über und schlich zur Tür. Er überlegte, womit er sich bewaffnen könnte. Sollte dort ein wütender Ehemann vor der Tür stehen? Er hatte so etwas einmal erlebt. Aber seine letzte Affäre lag schon Monate zurück und die junge Frau besaß keinen Ehemann, zumindest nicht zum Zeitpunkt der Liaison.

Ohne Licht zu machen, spähte er durch den Türspion. Er sah zwar keinen betrogenen Ehemann, aber der Anblick, der sich ihm bot, begeisterte ihn auch nicht gerade. Wütend riss er die Tür auf.

»Was willst du denn hier?«, schnauzte er zur Begrüßung den späten Gast an. Oder handelte es eher um einen frühen Gast? Marko hatte noch nicht auf die Uhr gesehen.

Sein Besuch ließ sich nicht beirren, stieß die Tür ganz auf und marschierte an ihm vorbei. Marko sah ihm hinterher, als er mit seinen ungepflegten Straßenschuhen ins Wohnzimmer auf den hellen Langhaarteppich marschierte.

Einen halben Kopf kleiner als er selbst, leicht übergewichtig, die dünn gewordenen Haare zu lang und zu ungepflegt und graugrüne, unstete Augen, die ängstlich und unermüdlich den ganzen Raum absuchten: Olli Vogt, wie er leibte und lebte. Marko verspürte große Lust, ihn einfach am Kragen zu packen und aus der Wohnung zu werfen. Aber man benahm sich ja zivilisiert und Marko war dann doch eher ein Mann des Wortes. Er wollte auch gerade ansetzen, etwas zu sagen, etwas Vernichtendes, versteht sich, da kam ihm Olli zu vor.

»Du must mir helfen!«, bat er nachdrücklich und sah Marko aus flehenden Augen an.

»Ich muss dir helfen? Warum sollte ausgerechnet ich dir helfen?« Vor Wut war Marko jetzt immerhin hellwach.

»Vielleicht, weil wir gute alte Freunde sind?« Olli klang schüchtern und alles andere als sicher.

»Du meinst, weil ich so ein Idiot bin und einem Penner wie dir vertraut habe«, presste Marko zwischen den Zähnen hervor. Er musste seine ganze Kraft zusammennehmen, um den Kerl nicht anzubrüllen. Für eine ausgewählte Wortwahl reichte die Kraft allerdings nicht mehr.

»Hör mal, du spielst doch nicht auf diese alte Geschichte von damals an. Das ist doch schon ewig her«, wehrte Olli ängstlich ab.

»Lange her?« Markos Stimme klang jetzt wirklich gefährlich. Außerdem machte er unwillkürlich einen Schritt auf seinen Besucher zu. An dem ängstlichen Blick und daran, dass Olli in die hinterste Ecke des Sofas rutschte, auf das er sich mittlerweile gesetzt hatte, erkannte Marko, dass er tatsächlich wütend aussah.

»Lange her?«, fragte er noch mal. »Wenn ich in der Redaktion aufkreuze, lachen die immer noch. Jedes Mal, wenn ich denen eine Story verkaufen will, fragen die mich grinsend, ob das wieder so ein Tipp von diesem Computergenie ist, das ich doch so gut kenne.«

»Ich habe mich geirrt damals. Das kann doch mal passieren«, erwiderte Olli kleinlaut.

»Geirrt?« Marko gab jetzt jeglichen Versuch, die Kontrolle zu behalten, auf. Seine Stimme wurde leise und klang gefährlich. Er stand mittlerweile direkt vor Olli, der noch immer ängstlich auf dem Sofa saß. »Mir haben Fachleute – und ich meine: richtige Fachleute – erklärt, dass so etwas, wie du behauptet hast, technisch nicht möglich ist. Sie haben gesagt, jeder, der auch nur ein bisschen Ahnung von der Materie hat, weiß, dass so etwas nicht geht! Du weißt genau, dass ich mich mit diesen technischen Dingen nicht auskenne. Ich habe mich auf dich verlassen! Ich wusste ja nicht, dass du auch keine Ahnung hast! Wie bist du bloß an deinen Job gekommen? Oder hast du mich ganz bewusst verarscht?«

»Hör mal, das …«

»Ich habe dich für diesen Tipp bezahlt. Ging es nur darum?«

»Du, diesmal …«

»Was ist? Bist du wieder pleite? Willst du mir Blödmann noch ein paar Euro aus der Tasche ziehen oder was?« Marko packte Olli am Kragen und zog ihn auf die Beine. »Es ist jetzt besser, du gehst, bevor ich richtig sauer werde.«

»Nein Marko, warte! Es geht um etwas ganz anderes. Es geht um mein Leben. Die wollen mich umbringen«, rief Olli ängstlich. Marko zerrte ihn schon in Richtung der Haustür.

»Ach, hast du auch noch andere verarscht. Richte ihnen aus, dass ich ihnen viel Glück wünsche. Sie sollen es schön langsam machen und möglichst schmerzvoll«, erwiderte Marko leichthin. Er hatte eine Hand an der Türklinke.

»Marko, hör mir zu!« Olli drückte sich neben der Haustür mit dem Rücken an die Wand. »Das ist kein Spaß. Das sind Profis. Und ich hab mit der Sache nichts zu tun. Sie werden mich trotzdem umbringen.«

»Olli, du hast deine Chance gehabt. Du glaubst doch nicht, dass ich noch mal auf eine von deinen Geschichten hereinfalle.«

Marko packte ihn fester.

»Bitte Marko, du musst mir helfen! Das ist wirklich ernst. Vielleicht springt für dich auch 'ne Story raus.«

Das hätte Olli nicht sagen sollen. Marko zog kräftiger und öffnete die Tür, aber Olli konnte sich im letzten Moment so dagegenstemmen, dass sie wieder ins Schloss fiel.

»Bitte Marko. Was willst du hören? Ja, ich habe einen Fehler gemacht. Ich zahle dir alles zurück. Sobald ich es zusammengekratzt habe, heißt das. Aber du musst mir helfen, bitte.«

Vielleicht beschwichtigte ihn dieser ängstliche Blick. Marko hatte schon immer ein zu großes Herz besessen, vor allem für solche Spinner. Wahrscheinlich überzeugte ihn aber das Angebot, die zu unrecht erhaltene Summe zurückzuzahlen. Auf so eine Idee war Olli bisher noch nie gekommen. Es musste ihm wirklich dreckig gehen.

»Gut!«, lenkte Marko grimmig ein. »Du hast genau fünf Minuten, mich von deiner Geschichte zu überzeugen. Aber denk dir was Gutes aus, sonst bist du danach draußen!«

Er ließ Olli, der seine Jacke wieder zurechtrückte, los.

»Können wir uns da rein setzen? Hast du was zu trinken?«

»Nein! Die ersten dreißig Sekunden sind rum!«

»OK, OK!« Olli schluckte hart. »Sie haben zwei Kollegen von mir umgebracht. Dahinter muss die Software-Mafia stecken, die NSA oder der BND. Vielleicht auch alle zusammen.«

Marko sah ihn stumm an. Seine Geduld neigte sich dem Ende zu. Er hätte seinem ersten Impuls folgen und den Spinner rausschmeißen sollen.

»Ich weiß, das klingt komisch«, sagte Olli. Panik stand in seinen Augen. »Kannst du dich noch an meine beiden Kollegen erinnern, Thomas Krüger und Frank Becker. Thomas ist letzte Woche bei einem Autounfall umgekommen. Jedenfalls ist das die offizielle Version. Heute Nacht ist die Wohnung von Frank in die Luft geflogen, Gasexplosion. Komischer Zufall, oder?«

»Es gibt manchmal komische Zufälle«, erwiderte Marko. Sein Ärger legte sich.

»Waren das Freunde von dir?«, fragte er mitfühlend.

»Na ja, Freunde nicht direkt. Es waren eben Kollegen. Aber das kann kein Zufall sein. Die beiden waren an einer ganz großen Sache dran, das kannst du mir glauben.«

»An was für einer Sache?« Marko wurde wieder misstrauisch.

»Um was es genau ging, weiß ich auch nicht. Die beiden haben mir nichts erzählt.« Olli sah nicht besonders glücklich aus.

»Redet ihr bei euch auf dem Amt nicht miteinander? Wie viele seid ihr eigentlich bei euch in der Abteilung?«

»Also wir sind zu dritt in der Gruppe, die sich direkt mit Angriffen von außen beschäftigt.« Olli machte den Eindruck, als verstärke sich sein Unwohlsein noch.

»Und von euch Dreien arbeiten zwei zusammen und du als Dritter weißt von nichts?« Marko sah ihm fest in die Augen.

»Lass uns mal da rein setzen«, schlug Olli unbehaglich vor. Er marschierte wieder ins Wohnzimmer und setzte sich auf die Couch. »Hast du nicht doch was zu trinken?«

Marko schüttelte ungläubig den Kopf. Der Kerl sah ihn so bittend an, dass er schon wieder weich wurde. Außerdem bekam er langsam selbst Durst. Er holte zwei Flaschen Bier aus dem Kühlschrank, öffnete sie und stellte eine vor Olli auf den Tisch. Er selbst nahm einen Schluck aus der anderen.

»Also, was ist?«, fragte er, während Olli die Hälfte seiner Flasche in einem Zug leerte.

»Ich bin in den letzten Monaten nicht so richtig in Form gewesen«, wich Olli aus. Als Marko ihn nur fragend ansah, fügte er hinzu: »Na ja, ich hatte einfach eine schlechte Zeit. Und ich bin auch nicht so richtig mit den beiden klargekommen. Thomas war ein totaler Streber, so einer im Anzug und mit Sportwagen. Du verstehst schon.«

»Ja, du meinst einer, der auf sein Äußeres achtet und sein Leben im Griff hat.« Marko konnte sich ein ironisches Grinsen nicht verkneifen. Er selbst zog sich ganz gerne gut an.

»Nein, so meine ich das nicht!«, protestierte Olli. »Ich meine, er war ein Wichtigtuer, der sich bei der Chefin eingeschleimt und sich bei allem vorgedrängelt hat, was den eigenen Aufstieg fördert. Ich meine jemanden, der seine Großmutter verkauft hätte, wenn er dadurch eine Stufe höher auf der Gehaltsleiter geklettert wäre.«

»Klingt nach 'nem wirklich guten Freund von dir«, bemerkte Marko trocken. »Und was ist mit dem anderen?«

»Der war sozusagen das Gegenteil. Der arbeitete und lebte völlig chaotisch. Hat kaum geredet. Keine Freunde, keine Frauen, wenn du verstehst, was ich meine. Wenn der überhaupt mit jemand ins Bett gegangen ist, dann garantiert mit seinem Rechner.«

»Deine Trauer scheint sich wirklich in Grenzen zu halten. Wie passt du da rein? Wieso haben die beiden zusammengearbeitet und du nicht mit ihnen?«

Olli fuhr sich unsicher durch die dünnen Haare. »Weißt du, ich habe einfach gemerkt, dass der Job nicht so ganz das Richtige für mich ist. Der Thomas war doch nur geil drauf, irgend so einen armen Schlucker zu erwischen, der sich einen Spaß draus gemacht hat, so ein kleines Programm einzuschleusen. Das sind doch alles Schüler oder andere kleine Wichte.«

»Die einen gewaltigen Schaden anrichten, wenn ich mich nicht irre«, ergänzte Marko kopfschüttelnd. Er ging zum Kühlschrank holte ein weiteres Bier heraus.

»Und was ist mit diesem Frank Sowieso. Warum hast du zu dem keinen Kontakt?«, fragte er, während er die Flasche öffnete.

»Der? Das ist doch ein totaler Spinner! War, heißt das. Dem hat doch nur die Jagd im Netz Spaß gemacht. Über Konsequenzen und daran, was das für die Kids bedeutet, wenn er sie erwischt, hat der keinen Gedanken verschwendet.«

Marko stellte die Flasche vor Olli auf den Tisch. Seine eigene war noch immer zu mehr als der Hälfte gefüllt.

»Du willst doch sicher noch eine, oder?« Er erwartete keine Antwort. »Du hättest es ihm doch erklären können«, nahm Marko das Thema wieder auf.

»Dem? Du hast Frank nicht gekannt«, antwortete Olli empört. »Den hat so etwas nicht interessiert. Der hat dir gar nicht zugehört. Den interessierte nur, was auf seinem Bildschirm abgelaufen ist.«

»Gut, aber was machst du denn so den ganzen Tag, wenn dich dein Job nicht interessiert?«, fragte Marko grinsend.

»Also ich ...« Olli fuhr sich nervös durch die Haare und rutschte unruhig auf der Couch herum. »Also, ich war doch in diesem Hackerklub und dann habe ich damals diesen Wurm programmiert. Naja, und dann haben sie mich erwischt. Sie haben mir diesen Job angeboten. Für mich war es damals die einfachste Möglichkeit, aus dem Schlamassel wieder herauszukommen. Ich dachte, es wäre sicher ganz lustig, mal auf der anderen Seite zu stehen. Aber es ist nicht lustig. Es ist langweilig und ich habe auch ein schlechtes Gewissen meinen alten Freunden gegenüber.«

»Wie? Sind da denn noch Leute von damals dabei? Das muss doch schon Jahre her sein, mindestens ein ganzes Jahrzehnt.«

»Das sind natürlich nicht mehr die gleichen Personen, aber es ist doch noch dieselbe Szene, du verstehst?«

Marko verstand gar nichts. Er kannte sich in dieser Szene nicht aus und wollte, wenn er ehrlich war, mit diesen Spinnern auch nichts zu tun haben. Er nickte trotzdem. Olli nahm einen kräftigen Schluck aus seiner Flasche.

»Gut, jetzt weiß ich wenigstens, woran ich bin mit dir«, sagte Marko nachdenklich. Er starrte stumm auf den Boden.

»Wie meinst du denn das?«, fragte Olli ängstlich nach.

»Du hast in Wirklichkeit keine Ahnung. Du tust nur so und quatschst dummes Zeug.«

»Also, so kann man das auch nicht sagen. Ich bin nur ein wenig aus der Übung«, protestierte Olli.

»Damals mit dieser Sache, die du mir verkauft hast, warst du sicher auch ›ein wenig aus der Übung‹.« Markos Stimme troff vor Spott. Dann wurde er wieder ernst. »Warum hast du mir damals nicht einfach gesagt, dass du von der ganzen Sache keine Ahnung hast?«

»Ich habe mich einfach nicht getraut«, erklärte Olli kleinlaut.

Marko starrte eine Weile stumm auf den Boden und schüttelte den Kopf. Da hatte er ja damals wirklich eine Super-Niete gezogen. Er wollte einfach nicht mehr darüber nachdenken.

Ernst sah er Olli an.

»Und was haben deine beiden Kollegen herausgefunden, dass du glaubst, sie sind dafür umgebracht worden«, wechselte er das Thema.

»Das weiß ich doch nicht! Ich habe dir doch gerade erklärt, dass ich mit ihnen nichts zu tun hatte. Und sie wollten mich auch nicht dabei haben.«

»Und wie kommst du dann darauf?« Marko wurde langsam ungeduldig.

»Weil sie so geheimnisvoll taten. Es muss sich um ein ganz großes Ding gehandelt haben, so wie sie sich aufgeführt haben. Wenn ich auch nur in die Nähe ihrer Rechner gekommen bin, haben sie so getan, als wolle ich ihnen das Patent des Jahrhunderts klauen.«

»Du meinst, sie haben etwas Wichtiges entwickelt, irgend so ein Superprogramm, Wurm – oder wie ihr das nennt – geschrieben?«

»Quatsch! Das war doch nur so ein Spruch. Unser Job ist die Abwehr von Angriffen von außen auf unsere IT-Infrastruktur«, sagte Olli.

»Auf was?«, fragte Marko verständnislos.

»Na auf alles, was mit Rechnern, Rechnernetzen und dem Internet zu tun hat. Es geht darum, zu verhindern, dass hier alles von irgendeinem Spinner lahmgelegt wird.«

Olli nahm einen letzten kräftigen Schluck und stellte die leere Flasche auf dem Wohnzimmertisch ab. Das Bier schien ihm gut getan zu haben. Er sah mittlerweile ein ganzes Stück entspannter aus.

»Die beiden müssen irgendwas gefunden haben, irgendein echt großes Ding«, redete er weiter. »Sie haben so geheimnisvoll getan. Haben von einer großen Bombe gesprochen, die sie platzen lassen wollten. Muss wohl 'ne ganz große Bombe gewesen sein, wenn man sie dafür umgebracht hat.«

»Und dir haben sie nicht mal gesagt, um was es ging?«, fragte Marko vorsichtshalber noch einmal nach.

»Nee, kein Wort. Die wollten den Ruhm für sich allein kassieren. Super Kollegen, wirklich. Na ja, über Tote soll man ja nicht schlecht reden. Hast du noch 'n Bier?« Olli sah Marko erwartungsvoll an. Der war mit seinen Gedanken aber woanders. Außerdem fand er, Olli hatte genug für den Abend.

»Was ich nicht verstehe, ist deine Panik. Selbst wenn du mit deiner Verschwörungstheorie recht hast und es sich um keine normalen Unfälle handelt, dann hast du doch nichts zu befürchten«, sagte er.

Olli wurde wieder unruhig. Nervös fuhr er sich mit seinen Händen durch die Haare.

»Verstehst du das denn nicht? Unsere Arbeitsgruppe bestand aus uns drei. Zwei sind tot. Ich bin der Dritte«, sagte er verzweifelt.

»Wenn ich dich richtig verstanden habe, hatten die beiden etwas herausgefunden und du weißt von nichts. Also warum sollte jemand ausgerechnet dich umbringen wollen, außer vielleicht einer deiner Schuldner?« Marko grinste Olli gehässig an.

»Das ist nicht witzig!«, erwiderte Olli beleidigt. Er sah sich ängstlich nach allen Seiten um. »Was ich dir erzählt habe, weiß doch außer dir keiner. Ich habe mich die letzten Monate durchgemogelt. Nicht mal meine Chefin weiß, dass die Ergebnisse der letzten Zeit allein von Thomas und Frank stammen. Nach außen waren wir immer ein Team. Thomas hat zwar immer so getan, als wäre er unser Chef, hat die Ergebnisse der Arbeit vorgestellt und so, aber alle sind davon ausgegangen, dass wir alles zu dritt gemacht haben. Selbst Frank hat sich in den letzten Wochen ein wenig nach vorn gedrängelt, aber dass ich überhaupt nichts mitgekriegt habe, das weiß keiner.«

»Nun beruhige dich.« Marko stand auf und holte für Olli eine dritte Flasche, die er ihm geöffnet vor die Nase stellte. »Also, erstens ist es mehr als unwahrscheinlich, dass jemand wegen der Entdeckung eines Hackerangriffs umgebracht wird. Es gibt manchmal Zufälle, Dinge passieren gleichzeitig, obwohl wir das für unvorstellbar halten. Für jeden Einzelnen ist es auch völlig unwahrscheinlich, dass er sechs Richtige im Lotto zieht und trotzdem gewinnt jede Woche irgendwer. Und zweitens, wenn es so sein sollte, ist es ein gutes Zeichen, dass du noch lebst. Das zeigt, dass die Mörder wissen, dass du ihnen weniger gefährlich bist als die anderen beiden. Wenn jemand sich so viel Mühe wegen so einer Entdeckung macht, wird er doch wohl so gut informiert sein, dass er weiß, dass du keine Gefahr darstellst.«

Das Zweite hatte Marko nur gesagt, um Olli zu beruhigen. Die Geschichte hielt er für vollkommen abstrus. Er glaubte keinen Moment daran, dass es sich bei diesen beiden Todesfällen um etwas anderes als Unfälle handelte. Schon im nächsten Moment bedauerte er seine Nettigkeit. In Ollis Augen glomm Hoffnung auf.

»Das heißt, du hilfst mir?«, fragte er.

»Das heißt, ich schmeiße dich nicht sofort raus«, erwiderte Marko kalt.

Aber Olli hörte schon nicht mehr zu. Er sprang vom Sofa auf und griff sich seine Jacke, einen altmodisch aussehenden Parka, den er bei seiner Ankunft achtlos über eine Lehne geworfen hatte.

»Lass uns zu dem Haus gehen. Dann weißt du, zu was die fähig sind«, sagte Olli nervös, während er in die Jacke schlüpfte.

»Einen Moment mal! Was für ein Haus?« Markos Begeisterung hielt sich in Grenzen, mitten in der Nacht die Wohnung zu verlassen. Der Zeiger seiner Uhr stand auf zwei.

»Na was für ein Haus wohl? Das, das sie in die Luft gesprengt haben. Das, in dem Frank gewohnt hat«, erwiderte Olli aufgebracht. »Nun komm schon!«

***

Wieso hatte er sich bloß darauf eingelassen, dachte Marko, als sie vor der Ruine des Wohnhauses standen, in der sich die Wohnung von Frank Becker befunden hatte. Die Nacht war dunkel und kühl. Es schien kein Mond. Am Himmel hingen dicke, graue Wolken, die die Sterne verdeckten. Blaues Licht blinkte von Polizei- und Feuerwehrwagen. Die unterschiedlichen Frequenzen der einzelnen Lichter vermischten sich, sodass ein unregelmäßig flackerndes blaues Licht die dunklen Wände gespenstisch beleuchtete. An der Unfallstelle hatten sich etwa hundert Schaulustige versammelt, Marko und Olli fielen daher nicht weiter unter den anderen Menschen auf.

Das Haus war zur Hälfte eingestürzt und qualmte. Feuerwehrleute suchten nach letzten Feuernestern in der mittlerweile gelöschten Brandstelle. Dazwischen liefen Polizeitechniker in Plastikmänteln herum. Ein paar Leute vom Gaswerk versuchten mit gewichtiger Miene, den Gasanschluss des Hauses zu sichern.

Die Schaulustigen wurden von uniformierten Polizeibeamten hinter einer Absperrung aus Flatterband gehalten. In der Nähe der Ruine erkannte Marko auch einzelne Zivilbeamte, bei denen es sich wahrscheinlich um die untersuchenden Kommissare handelte.

Marko fröstelte. Er verspürte keine Lust, an diesem ungemütlichen Ort zu stehen. Auf der anderen Seite erwachte in ihm sein Journalisteninstinkt.

»Komm mit!«, sagte er zu Olli. Er zog seinen Journalistenausweis und drängelte sich durch die Menge zu einem der uniformierten Polizeibeamten durch.