Finnen von Sinnen - Wolfram Eilenberger - E-Book

Finnen von Sinnen E-Book

Wolfram Eilenberger

4,7
7,99 €

Beschreibung

Yksi, kaksi, kolme ... - Finnland für Anfänger und Liebhaber!

Sie leben im hohen Norden. Sie gehen ständig in die Sauna. Haben Millionen Handys und leben mit Milliarden von Mücken. Die Finnen sind ein eigenwilliges und lustiges Völkchen. Wolfram Eilenberger liebt sie. Ganz besonders eine. Deswegen zieht er mit ihr für ein halbes Jahr nach Finnland, um Land, Leute und insbesondere ihre Familie zu erkunden. Das ist 13 Jahre her ... Mittlerweile hat er festgestellt: Sie sind wunderbar, aber irgendwie spinnen sie auch, die Finnen.

Ihre Sprache kennt fünfzehn Fälle und kein Geschlecht, dafür unterscheidet sie sieben Arten von Schneeregen. Die Finnen sprechen wenig und nur nach langen Denkpausen. Sie sagen niemals »Ich liebe dich«, zeugen aber die intelligentesten Kinder der Welt. Eine finnische Küche gibt es nicht, dafür jede Menge Wodka und traurigen Tango. Sie haben nur fünf Tage Sommer im Jahr, trotzdem besitzt jede finnische Familie mindestens ein Mökki (Sommerhäuschen) am See. Willkommen in Suomi, dem Land der eiskalten Widersprüche!

Für alle, die Jan Weiler mögen, aber ihren Urlaub lieber im Norden verbringen.

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Seitenzahl: 205

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Inhaltsverzeichnis
Titel
VARHAISET OPIT – FRÜHE LEHREN
YKSI, KAKSI, KOLME
KARTOFFELVÄTER
GLÜCK
SAN MIGUEL
GLOBAL VILLAGE
SAUNASSA – IN DER SAUNA
WARM WERDEN
LEBEN, SCHWITZEN, STERBEN
HITZE
FRIEDEN
JÄRVI – DER SEE
STICHE
STUFEN
SCHWÄNE
JUMALA – GOTT
GEWISSEN
JEDERMANN
ZIRKEL
IHME JA KUMMA – BLAUE WUNDER
MISS UNIVERSUM
STEMPEL
GESPENSTER
KYY – DIE SCHLANGE
SORGE
COSMIC COMIC
SUOMI BLUES
SCHMERZEN
SORMUS – DER RING
KOPF HOCH
ZUNGEN
FOLGEN
ÜBER MITTELERDE...
... UND ELBEN
RAKKAUS – LIEBE
WO BIST DU?
HÖPÖHÖPÖ
OHNE WORTE
GEHEIMNIS
YÖLLISIÄ KUVIA – BILDER DER NACHT
DIE PRÜFUNG
BULLERBÜ, SPÄTER
MEINE ERSTE REGENBOGENFORELLE
KÖDER
URHEILU – SPORT
KÖRBE
HELDEN
KUGELMENSCHEN
KIELI – DIE SPRACHE
STILLE, AUF MIR
HABEN ODER SEIN
UNTERWEGS
DAS ZWEITE GESPRÄCH MIT FRANZ
KOTIIN – NACH HAUSE
WIR, VIER
AUF DEM TEPPICH
FREUNDE
Danksagung
Copyright
Muikulle
Sprich finnisch, damit du dich selbst verstehst. Matti Pellonpää
VARHAISET OPIT – FRÜHE LEHREN
YKSI, KAKSI, KOLME
Wie schön sie war. Und so groß. Mit ihrem langen rötlichen Haar, das tief über zarte Schultern fiel – der Leib von einer edlen Blässe, die aufs Feinste mit dem vollen Rosa ihrer Brüste harmonierte. Sie stand vor mir, nicht einmal schüchtern, nur ein wenig überrascht, lächelte mich an, fuhr mir durchs Haar und bat mich sanft und liebevoll, ihr doch zu verraten, wo ich das Handtuch versteckt hätte.
Es hat seinen guten Grund, diese Geschichte mit meiner Tante Vera zu beginnen. Sie ist die erste Frau, die ich nackt sah. Vor allem aber war es Tante Vera, mit der Finnland in mein Leben trat. Denn bereits kurze Zeit, nachdem sie als zugezogene Studentin der Sozialpädagogik zum ersten Mal in unserem Dachgeschoss geduscht hatte, verlor sie ihr Herz an einen in Scheidung lebenden Oberstudienrat, mit dem sie fortan jeden Sommerurlaub nach Finnland fahren sollte. Elmar, so hieß der Erwählte, trug einen weißen Rauschebart, war promovierter Chemiker und engagierte sich in der Umweltbewegung – war in den Augen meiner Mutter also ein »echter Spinner«.
Diese erste und, wie ich vermuten muss, entscheidende Finnland-Prägung ist natürlich alles andere als Zufall. Was das Deutschland der späten Siebzigerjahre von Finnland wusste, wusste es von Elmar und den seinen. Freiwillig für vier Wochen Dauerregen in einem 12-m2-Mökki ohne Strom und fließend Wasser auszuharren und dafür auch noch das Vierfache eines luxuriösen Mittelmeerurlaubes zu zahlen, das konnten und wollten sich damals nur verbeamtete Überzeugungstäter leisten – Menschen, denen es ernst war mit der ökologisch-sozialistischen Alternative.
So saßen Elmar und Vera also eines Abends im August wieder einmal unter unserer Reihenhausmarkise und schwärmten sichtbar ausgeruht von Elchen, Wieseln und Kreuzottern, von Heidelbeerfeldern und Saunagängen, von Pfifferlingen und Plumpsklos, vor allem aber von dieser sagenhaften Stille, die, ja, die meiner Tante Vera zufolge »einfach nicht zu beschreiben ist«.
Schüchterne Einwände, all dies lasse sich – von Elchen und Saunagängen einmal abgesehen – doch auch im nahen Schwarzwald erleben, wurden mit Geschichten über das sagenhafte Rovaniemi gekontert, das die beiden nun endlich zur Mitternachtssonne besucht hatten. Es war seinerzeit von den deutschen Truppen schändlich dem Erdboden gleichgemacht worden, was meinen Vater – bereits betrunken genug, um ganz er selbst sein zu können – entgegnen ließ, ihm scheine es doch wesentlich plausibler anzunehmen, die Lappen hätten die paar Hütten im Suff versehentlich selbst abgefackelt.
Ich erinnere mich an diesen Abend deswegen so genau, weil nun ein ernster Streit ausbrach, in dessen hitzigem Verlauf Elmar den Schwur ablegte, nie wieder einen Fuß in unser Haus zu setzen.
Das war natürlich Unsinn. Elmar hält sich nicht an Schwüre. Elmar kommt immer wieder. Er ist sogar zu unserem Fest gekommen, obwohl weder meine finnische Frau noch ich ihn namentlich eingeladen hatten. Aber was soll’s? Er gehört nun einmal zur Familie.
Das mit dem Streit ist übrigens die absolute Ausnahme. Im Gegenteil, ob auf Partys, Familienfesten, Vernissagen, Fortbildungsseminaren oder im Zugabteil, das Thema Finnland, glauben Sie es mir, ist der perfekte Gesprächseinstieg, ist der Friedensstifter par excellence, spielt diskurstheoretisch in einer einsamen Liga mit den Beatles und dem Dalai Lama. Politisch neutral, ökologisch nachhaltig, technologisch führend, pädagogisch vorbildlich, sprachlich kurios, emanzipatorisch wegweisend … Eine öffentlich geäußerte Antipathie gegen das Volk der Finnen – in der europäischen Vorstellungswelt des frühen 21. Jahrhunderts ist das gleichbedeutend mit dem Hass auf die Menschheit als solche.
Ein erster interessierter Smalltalk leitet Sie gewöhnlich von den tausend Seen über die finnougrische Sprachfamilie zu den verkannten Vorzügen des Rentiergulaschs. Das ermöglicht dem Connaisseur sogleich Detailabzweigungen zu den fünfzehn Fällen des Finnischen oder aber den einzigartigen Muttergesteinskonstellationen Mittelfinnlands.
Flüssiger läuft es natürlich mit Erwägungen zu den Wandervarianten des sogenannten »Bärenwegs« – unterlassen Sie es nicht, die Mücken zu erwähnen, und halten Sie in jedem Fall eine eindrückliche Angelgeschichte bereit, etwas in Richtung »Mein Kampf mit der Regenbogenforelle«.
Eine erste, potenziell peinliche Pause kann wirkungsvoll mit dem Verweis auf die Schweigsamkeit der Finnen überbrückt werden oder aber mit der Frage: Was macht eigentlich Matti Nykänen? Über das Thema Alkohol (selbst Jelzin trank immer nur Finlandia-Wodka!) landen Sie dann zwangsläufig bei überschwänglichen Hymnen zum neuesten Kaurismäki-Film, wobei unklar bleiben darf, ob er nun von Mika oder Aki gedreht wurde.
Lieben Sie es gesellschaftspolitisch, ist spätestens jetzt der Zeitpunkt, in einem Nebensatz die PISA-Studie zu erwähnen und, sofern es opportun erscheint, das nordische Gesamtschulkonzept direkt auf den Besuch einer finnischen Forschungsgruppe bei der damaligen Bildungsministerin der DDR zurückzuführen – also Margot Honecker.
Sie können es sich aber auch einfacher machen und nun direkt ins Themenfeld Technik und Innovation wechseln. Ja, es ist wahr, NOKIA hat seinerzeit tatsächlich mit Gummistiefeln und Kondomen angefangen, und ja, recht betrachtet ist Linux besser als Windows, womit der Übergang zur Hochkultur vollzogen wäre. Gerne mit dem Kalevala-Epos, das J.R.R. Tolkien bekanntlich als Vorbild für sein Epos Der Herr der Ringe diente. Oder aber Sie finden lobende Worte für die zeitlos schönen Nierenväschen Alvar Aaltos (langes a!).
Am besten allerdings verlegen Sie sich auf Sibelius’ frühe Symphonien sowie die betörenden Wagner-Arien Karita Mattilas (ich habe sie vergangenen Sommer in Savonlinna gehört – sagenhaft, wirklich!). Und dann gibt es da natürlich noch dieses neue, zeitgenössische Kompositionsgenie. Wie war doch gleich sein Name? Arno, Arvo … Arvo Pärt. Und der gute Mann ist Este. Sagen Sie es ruhig. Das nimmt Ihnen niemand übel. In Sachen Finnland lernt jeder gerne dazu.
Es geht selbstverständlich auch ganz ohne Kultur und Landeskunde. Dass olut Bier heißt, wissen meiner Erfahrung nach 90% der Deutschen, und eine ähnlich hohe Anzahl vermag erstaunlicherweise auch ein spontanes yksi, kaksi, kolme von sich zu geben (wissen Sie, was eins, zwei, drei auf Türkisch heißt?). Selbst mit den verbleibenden 10% der RTL-II-Fraktion sind Sie sofort im Thema, meist geht es dabei dann um exzessive Urlaubserlebnisse im mallorquinischen Morgengrauen. Verdammt, wie hieß die jetzt noch mal?
Zugegeben, das mit den Namen bleibt ein Problem. Eines aber steht unzweifelhaft fest: Finnland tut uns gut! Dem Körper wie der Seele. Und daran wird kein Amoklauf je etwas ändern.
Auch Vera fühlt sich so wohl wie schon lange nicht mehr, gönnt sich zur Feier des Tages gar ein Gläschen Erdbeerbowle. Nur als ich sie frage, wie es denn beruflich so gehe, kehrt die Traurigkeit in ihre Augen zurück: »Ha ja, es muss halt.« Nach einem weiteren Schluck Erdbeerbowle erzählt sie uns von ihren Berufsschülerinnen, die zu spät und völlig übermüdet in die Klasse kommen, weil sie die Nächte auf dem Babystrich zubringen. Nein, schüttelt meine finnische Frau auf Nachfrage energisch den Kopf, das gebe es ihres Wissens in Finnland so nicht, was die gute Vera sich natürlich schon gedacht hat. Aus heiterem Himmel äußert sie ihr Bedauern darüber, dass Bob und Zaida nicht gekommen sind.
Wirklich schade. Wir hätten sie aus Gründen der biografischen Vollständigkeit von Herzen gern dabeigehabt. Bob und Zaida waren meine erste kalifornische Anlaufstation. Bob, ein entfernter Verwandter Elmars, den wir nur aus Erzählungen kannten, bestand darauf, mich vom Flughafen abzuholen, versprach, dies mit dem Cabrio zu tun, und versicherte meinen Eltern ferner, ich würde ihn am Gate schon erkennen. So viele zwei Meter fünf große Menschen gebe es selbst in Kalifornien nicht.
Wie wahr. Bob erwies sich als ein Mittfünfziger mit schwarzer Ray-Ban-Sonnenbrille und roter Corvette. Ich katalogisierte ihn nach wenigen Minuten als das coolste mir bekannte Wesen – was wohl auch daran lag, dass er beruflich Raketenantriebe für Rüstungssysteme entwarf, darüber nicht weiter sprechen durfte und es auch nicht tat.
Wir haben wiederholt versucht, es bis auf die Stunde zu rekonstruieren, denn anzunehmen ist, dass ich meine Frau mit ihren schmalen finnischen Augen damals, auf San Franciscos Fisherman’s Wharf, zum ersten Mal sah. Jedenfalls arbeitete sie in der Woche meiner Ankunft dort als Verkäuferin in einem Sportartikelgeschäft. Aber irgendetwas passte dann doch nicht zusammen.
Einerseits halte ich es für ausgeschlossen, nicht in dieses Geschäft gegangen zu sein, denn es gab damals kein amerikanisches Sportgeschäft, in das ich nicht gegangen wäre, andererseits bin ich mir absolut sicher, dass eine etwaige Begegnung bleibenden Eindruck hinterlassen hätte: Es kann auf unserem Planeten nämlich höchstens eine Handvoll Frauen geben, die so groß sind wie der gute Bob und darüber hinaus eine verblüffende Ähnlichkeit mit meiner jungen Tante Vera aufweisen.
Weitere Zweifel an der Existenz einer ersten kalifornischen Begegnung werden durch die Tatsache genährt, dass ich an den Nachmittag auf der Wharf durchaus noch sehr konkrete Erinnerungen hege, da Bob damals seinen Hund mit auf den Ausflug nahm und mir, nachdem wir gewiss zum fünfzehnten Mal auf offener Straße von jungen Damen einfach so angesprochen worden waren, den Hinweis gab, so ein Bobtail sei die reinste »Wunderwaffe«.
In Finnland habe ich übrigens noch nie einen Bobtail gesehen. Genauso wenig wie einen deutschen Schäferhund. Der lokal bevorzugte, besonders ausdauernde Husky-Hybrid nennt sich Suomen pystykorva (finnisches Spitzohr) und gilt allgemein als wenig denkstark.
Meine finnische Frau besaß in ihrer Jugend ein besonders seltenes, da schneeweißes Exemplar, das auf den schönen Namen Lumikki (Schneewitchen) hörte. Eines kalten Wintertages schlich sich Lumikki durch die Küchentür ins Freie und zog es nach einer kurzen Prüfung der Wetterlage vor, den Rest des nachtdunklen Nachmittages unter dem in der Garagenausfahrt geparkten Familienwagen zu verbringen. Schneewittchen schlief dort also selig ein, um geschätzte neunzig Minuten später von der zu Einkäufen eilenden Mutter des Hauses im Rückwärtsgang überfahren zu werden.
Eine tragische und sehr finnische Geschichte, die meine damals siebzehnjährige Frau in der Überzeugung bestärkte, es sei wohl an der Zeit, Elternhaus, Land und Nationalmannschaft für einige Jahre zu verlassen und also das großzügige Basketball-Stipendium einer kalifornischen Edeluniversität anzunehmen.
Ach, wie das eine doch zum anderen führt. »Fügung«, flüstert Vera und blickt versonnen auf den See. Meine Frau hat dieses Wort noch nie gehört und will von mir wissen, wie die englische Übersetzung lautet. Keine Ahnung.
Wirklich nicht.
KARTOFFELVÄTER
Die Abzweigung zum Petäjäjärventie liegt hinter uns, von nun an heißt es gewundene Schotterwege zu nehmen, tief und immer tiefer in den Wald hinein. Jede Hütte bestens versteckt, jeder Pfad ein Familiengeheimnis. Wir schweigen, Aulis und ich – wie immer, wenn wir im Auto sitzen. Es ist eine wunderbare Sache, den eigenen Schwiegervater nicht verstehen zu können. Ich jedenfalls bin davon überzeugt, dass unser Verhältnis – das ich für ausgezeichnet halte – sehr von diesem Umstand profitiert hat.
Was ich von Aulis, den alle nur Ukki nennen, weiß, hat mir meine Frau erzählt. Er ist das sechste von elf Kindern, sein Vater hatte im Winterkrieg 1939/40 gekämpft, war schwer verwundet heimgekehrt und nach drei Jahren des Siechtums in der heimischen Hütte schließlich seinen Verletzungen erlegen. Wie mag es gewesen sein, mit einem kranken Mann und elf Kleinkindern in einer Hütte am See zu leben, ohne Strom und fließend Wasser, acht Monate des Jahres in bitterer Kälte?
Mit dreizehn Jahren verließ Aulis die Schule und ging arbeiten, und da seine älteren Geschwister zu diesem Zeitpunkt bereits nach Kanada ausgewandert waren, lag es hauptsächlich an ihm, die Familie durchzubringen. Erst mit einundzwanzig hatte er genug gespart, um einen Kühlschrank kaufen zu können. Das gute Stück steht bis heute voll funktionsfähig in der Mökki-Küche. Aulis hat es wieder und wieder repariert.
Er kann, ich habe es mit eigenen Augen gesehen, so gut wie alles reparieren: von Taschenlampen über Schrotflinten bis zu Raddampfern, von Handys über Treibnetze bis zu Brunnenpumpen. Aulis hat jedes der drei Häuser, in denen seine Familie lebte, eigenhändig entworfen und erbaut. Selbst das Auto, in dem wir fahren – ein dunkelblauer Fiat 500 -, ist eine nach seinen Plänen neu arrangierte Ansammlung von Ersatzteilen aus vier Jahrzehnten.
Nie habe ich ihn streiten, nie ihn sich beklagen hören. Wenn ihm, was durchaus vorkommt, etwas nicht passt, verlässt er einfach den Raum und zieht sich für Stunden oder auch Tage in sein pömpeli zurück.
Das mit dem pömpeli sollte ich erklären. Jeder finnische Mann hat eines. Es kann ein Schuppen, ein Kelleraum oder auch eine Abstellkammer sein, in jedem Fall gehört es zum Konzept des pömpeli und damit einer funktionierenden Ehe, dass geheim bleibt, was im pömpeli geschieht und gewerkelt wird. So ist auch über Ausstattung und Inhalt von Aulis’ pömpeli leider nichts Näheres bekannt. Fest steht lediglich, dass er dort seit Jahrzehnten als Funkamateur aktiv ist, denn jedes Jahr zu Weihnachten treffen im Mökki Freundschaftskarten ein – von Deutschen, Dänen, Argentiniern, Australiern und sogar Koreanern.
Natürlich frage ich mich, wie Aulis das so macht, als monolingualer Finne über Jahrzehnte Funkfreundschaften in aller Welt zu pflegen – aber das ist nur eines von vielen Rätseln, die man besser auf sich beruhen lässt, will man in Finnland jemals heimisch werden.
Noch vor wenigen Minuten, als wir meine Eltern zur Gasthütte am anderen Ufer des Sees zurückfuhren, hat mein Vater sein bestes Englisch aufgeboten, um Aulis zu erklären, wie sehr dieser mittelfinnische Wald ihn doch an die Wälder seiner sächsischen Jugend erinnere, hat von seinen vier Brüdern erzählt, von Fuchsfallen in Panzerbunkern und schönen Barschen im Weiher. »Yes, nice forrest, nice forrest«, hat Aulis ein ums andere Mal geantwortet; und mein Vater hat seine Konversationsbemühungen also bald wieder eingestellt.
Mein Vater ist mit dreizehn Jahren nicht arbeiten gegangen, sondern aus der DDR geflohen. Er hat nie gesprochen über die Zeit nach der Flucht, nur ein einziges Mal, als ich von der Schule zu fliegen drohte, erzählte er mir von dem ersten Jahr im Allgäuer Flüchtlingslager, von seiner täglichen zweistündigen Bahnfahrt zur Schule und von den Tagen, an denen das Erste, was er aus seinem Stockbett sah, ein erwachsener Mann war, der mit einem Strick um den Hals von den Deckenbalken der Baracke baumelte.
Ich habe meinen Vater niemals etwas reparieren, ja, ihn nicht einmal arbeiten sehen. Zu der Zeit, da meine Erinnerungen einsetzen, war er bereits in Frühpension. Auch ein pömpeli besitzt er nicht. Nur eine alte Standuhr aus Eichenholz, in deren Bauch er die leeren Flaschen versteckt.
Das sei ja was, mal wieder der ganze Wald voller Deutscher, hatte er beim Aussteigen einen letzten Versuch gewagt.
»Yes, nice forrest. Nice forrest.«
»Der Vater meines Vaters ist auch im Krieg gestorben«, sage ich auf Finnisch in die Stille hinein und habe lange an der grammatisch korrekten Konstruktion dieses Satzes gearbeitet, »als er fünf Jahre alt war.«
»Juuuu«, erwidert Aulis.
Das sagen Finnen immer, bevor sie in ihrer Muttersprache eine Antwort geben. Meistens aber ist das Juu selbst die Antwort. Und dabei atmen sie nicht etwa aus, wie es eigentlich zu vermuten wäre, sondern ziehen den Laut ins Innere, saugen ihn in sich auf, was für fremde Ohren immer ein wenig bedrückt und schwermütig klingt.
Aulis lenkt den Wagen an den rechten Wegrand und bringt ihn zum Stehen. »Siellä«, sagt er und zeigt auf eine dicht bemooste, steil aufsteigende Felswand am anderen Seeufer. Dort habe der Russe sich in einer Höhle versteckt gehalten. Zwei Jahre habe er nach dem Krieg noch ausgehalten – »wie ein Wolf«.
Ich nicke und bin mir sicher, jedes Wort verstanden zu haben.
Was mit dem russischen Soldaten geschehen ist, nachdem die Männer des Dorfes ihn gefangen hatten, erzählt Aulis nicht. Aber er sieht mir jetzt direkt in die Augen, nimmt sich einige Sekunden und fügt mit brüchiger Stimme hinzu: »Oli kova aika.« Es war eine harte Zeit. »Kova aika.«
Das ist er also, der Pakt, den er schließen will, die Erwartung, die er an mich hat: dass ich der Mann sein werde, der für seine Tochter und Enkel sorgt, der alles für sie geben wird, in guten wie in schlechten Zeiten, vor allem aber, sollte die Wolfszeit eines Tages wieder über das Land hereinbrechen. Er weiß, dass ich für diese Aufgabe schlecht geeignet bin. Ohne meine finnische Frau würde ich in diesem Wald keine drei Tage überleben – nicht einmal im Sommer. Und er weiß, dass ich es weiß.
»Ymmärrän«, nicke ich, besiegle das übermäßige Bündnis.
Es ist ja erst der Anfang. Morgen werde ich seiner Tochter versprechen, sie ewig zu lieben, vor einem Gott, an den ich nicht glaube, und Menschen, die ich nicht verstehe.
Der Fiat springt erst beim dritten Startversuch wieder an. Als wir die letzte Biegung erreichen, erwartet uns Mummi auf der Veranda des Mökki, das eigentlich gar kein Mökki mehr ist, sondern ein 100-m2-High-Tech-Blockhaus mit fließend Wasser, Fußbodenheizung, Wireless Lan und hundertzwanzig Kanälen angezapften Digitalfernsehens.
Mummi hat Sorge, dass die Kartoffeln nicht reichen. Seit Tagen spricht sie von kaum etwas anderem. Kartoffeln, das ist es, was Aulis und seine Brüder wollen. Sie werden an den Nudeln und Salaten vorbeigehen, die Krabbencocktails und das Tiramisu nicht einmal ansehen. Kartoffeln, immer wieder Kartoffeln, das Einzige, was sie wirklich satt macht. Ich kenne das – von meinem Vater und seinen Brüdern.
Noch bevor Aulis sich mit seinen zwei Metern aus dem Fiat 500 gewunden hat, brüllt Mummi ihre Frage hinunter. Irgendwas mit peruna und puhelin. Ob er die Cateringfirma wegen der Kartoffeln noch einmal angerufen habe?
»Juu«, seufzt Aulis, verschwindet in seinem pömpeli, kehrt bald darauf mit einem 25-Kilo-Sack Kartoffeln über der Schulter zurück und wuchtet ihn in den Kofferraum.
Ich wäre ihm wirklich gern zur Hand gegangen. Aber mich bittet er seit Jahren nicht mehr um Hilfe.
GLÜCK
Turun rautatieasema.«
Die ersten Worte seit Stunden. Wie in einem Stummfilm sind wir vom Flughafen Helsinki durch die Nacht gefahren. Kein Willkommen, keine Routenhinweise, keine Minibar-Schnickschnack-Angebote. Selbst der Bus glitt vollkommen lautlos über schneebedeckte Autobahnen.
Finnland, es geht nach Finnland! Wie gerne habe ich es jedem erzählt. Und wie herzlich mich ein jeder beglückwünschte. Klar, es ist 1995, und Suomi, wie die Finnen ihre Heimat nennen, ist auf dem Weg nach oben. Nicht einmal die Tatsache, dass sich seit sieben Jahren kein Heidelberger Student mehr auf den Erasmus-Platz beworben hatte, vermochte meine Euphorie zu bremsen. Im Gegenteil. Ich nahm es als Bestätigung – glasklare Avantgarde eben.
Das Motivationsschreiben könne ich mir sparen, erklärte die Dame am Beratungsschalter, und wenn ich wolle, sofort losfahren. Das habe ich dann auch getan. Es gibt sie nun mal, die Frau, für die man in die Fremde geht. So wie es die Fremde gibt, für die man seine Frau verlässt.
»Turku ist die schönste Stadt Finnlands«, hatte mir Tante Vera noch mit auf den Weg gegeben.
Mag ja sein. Aber auf den ersten Blick wirkt es wie eine Tiefkühlversion von Karl-Marx-Stadt. Ich bin nicht der Stadt wegen gekommen. Im signalroten Overall, mit selbst gestrickter Wollmütze und den Händen in den Taschen springt meine finnische Frau von einem Bein aufs andere. Ein letzter Blick auf die Leuchtanzeige. 23:33 h, -37°C.
Ich gestehe mir ein, Angst zu haben, und steige aus.
»No moi! Tervetuloa Suomeen!«
»No moi, Süße.«
Der erste Kuss löscht alle Furcht und Zweifel. Während der Busfahrer nach den Koffern wühlt, merke ich, wie mir die Nasenflügel zufrieren. Jeder Atemzug ein stechender Schmerz, die Kälte kommt von innen, dringt durch die Knochen in den Körper und ist plötzlich überall. Das ist sie, die Natur als Feind. Sekunden gefrieren zu Minuten. Ich zittere, halte mir die Hände vor das Gesicht. Meine Frau legt schützend die Overallarme um mich und flüstert mir ins Ohr: »Du hast Glück, soll das morgen noch kälter werden.«
Wahr. Es ist Januar, und der Winter hat gerade erst begonnen. Von all dem weiß ich natürlich noch nichts. Es wäre mir wahrscheinlich auch egal gewesen. Pah, soll er doch kommen, der Winter! Wenn es nach mir geht, werde ich die nächsten Monate sowieso vorrangig drinnen verbringen. Wer braucht schon eine Außenwelt, wenn er eine finnische Frau hat?
Nur schnell nach Haus jetzt, doch, doch, natürlich nehmen wir ein Taxi, ich zahle das, kein Problem. Das Taxameter ist als Digitalbild in den Rückspiegel integriert. Nicht schlecht!
Wir halten uns an den Händen, glücklich in einer klaren Mondnacht.
»Siehst du das, der Blau?«
»Ja, ich sehe es.«
SAN MIGUEL
Abgesehen von zwei zahnlosen rauchenden Rentnern in schwarzen Strickjacken sind wir die einzigen Gäste. Antonio wischt zum x-ten Mal mit seinem Handtuch über den Aluminiumtresen.
»Otra?«
»No, gracias.«
Seit gut einer Stunde nippen wie an unseren 0,2-Liter-Fläschchen San Miguel und starren gebannt auf den Fernseher in der linken oberen Ecke der Peña. Endlich ist Jesulín an der Reihe, der schöne, stolze, tapfere – unser Jesulín. Vor zwei Wochen haben wir ihn im Nachbardorf zum ersten Mal live kämpfen sehen und konnten es kaum fassen, als die Damen tatsächlich damit begannen, ihre Unterwäsche in den blutgetränkten Sand der Arena zu werfen.
»Das machen die nur in Barbate. Die Frauen sind da ein bisschen loco«, erklärt Antonio und wischt mürrisch weiter.
Der Paso Doble des letzten Tercio, Jesulín tanzt mit dem Stier.
»Toro bravo!«
Meine finnische Frau nickt konzentriert und beginnt in ihrem kurzen Sommerkleid unruhig auf dem Holzhocker hin und her zu rutschen. Die beiden Alten in der Ecke nicken mir freundlich zu. Ein, zwei Ohren sind drin, aber natürlich hängt alles vom letzten Stoß ab. Jesulín muss sich, um sein Schwert von oben herab möglichst tief zwischen die Schultern des Stieres hinab bis ins Herz stoßen zu können, weit über die gesenkten Hörner des Toros beugen und bietet ihm damit sein eigenes Herz als Angriffsfläche …
Ho! Der Stier knickt ein, kippt zur Seite, eine letzte Blutfontäne spritzt aus den Nüstern. Meiner Frau entfährt ein spitzer Schrei. Sie will jetzt gehen. Sofort.
Die Hitze ist wie eine Wand. Als wir das Holztor erreichen, triefen wir von Schweiß. Nur weg in den Hof, wo es kühl ist. Und beten, dass Miguel uns nicht bemerkt. Wochenlang ließ er uns gewähren, doch gestern nutzte er einen seiner wenigen klaren Momente und forderte entschieden eine Nachzahlung ein. Schließlich habe er die Wohnung nur an eine Person vermietet. Nichts zu sehen außer mannshohen Cannabispflanzen und Orangenbäumen.
So richtig angefangen habe es mit der droga erst, erzählen sie im Dorf, nachdem ihn seine Frau verlassen und die Kinder mit zurück nach Schweden genommen habe. Vermutlich schläft er wieder. Egal. Heute gehen wir nicht mehr raus. Und auch morgen früh nicht zur Sprachschule, allenfalls am Nachmittag wieder, für Antonio und seinen Fernseher.
Wir haben lange aufgehört, uns für diese verbrecherische Leidenschaft zu schämen oder die Absenzen vom Kurs oder spitze Schreie, die am späten Nachmittag durch die Gassen des weißen Dorfes hallen.
Durch das Fenster der Blick auf die Berge Nordafrikas. Sie flimmern wie eine Fata Morgana. La Paloma de Andalucía, so nennen die Einheimischen ihr Dorf. Die Taube Andalusiens, hoch oben auf dem Felsen liegt sie, versteckt wie ein Nest. In der Nacht wird sie wieder leuchten, magisch blau im Mondschein, so blau, das ist wahr, wie der Schnee einer finnischen Winternacht.
GLOBAL VILLAGE
Yo-kylä. Selbst das Schild scheint vor Kälte zu zittern. Studentendorf. Ich hatte mir ein kleines Zimmer in einem Betonbau vorgestellt, aber nun stehen wir vor einem neuen zweistöckigen Reihenhaus, fünf Zimmer, zwei Bäder samt Sauna. Meine finnische Frau bewohnt es gemeinsam mit zwei Freundinnen. Ein Zimmer haben sie für mich frei geräumt, ist ja genügend Platz.
Das war er wohl, der Moment, in dem ich zum bedingungslosen Befürworter des finnischen Wohlfahrtsstaates mutierte, mag sich die Taxirechnung auch auf die Hälfte meines geplanten Monatsbudgets belaufen haben. Zum Glück konnte mich meine Frau gerade noch davon abhalten, dem Fahrer 10% Trinkgeld zu geben. Das macht man in Finnland nicht, gilt gar als beleidigend!
Und dann gebe es da noch etwas, das sie mir erklären müsse, nun ja, eine kleine Komplikation … Ihr amerikanischer Exfreund, ich wisse schon, der, der mit ihr aus Kalifornien … jaja, der sei gestern überraschend und Wochen früher als geplant von seinem Indientrip zurückgekehrt, noch ohne Bleibe. Ich verstehe doch