Finns fantastische Freunde. Trollalarm und Mammuthamster - Rüdiger Bertram - E-Book

Finns fantastische Freunde. Trollalarm und Mammuthamster E-Book

Rüdiger Bertram

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Beschreibung

Finn und Marie-Lou reisen mit dem Zauberer Zackarius und dem Chamäleon-Drachen Attila in deren Heimat: in das Land ohne Namen. Was sollen sie sonst tun? Schließlich sind sie nicht ganz unschuldig daran, dass der Klassenfiesling Alexander zusammen mit der hundsgemeinen Infamia dorthin verschwunden ist. Die beiden haben das Xalabu dabei, ein mächtiges magisches Instrument, und werden alle unschuldigen Geschöpfe unterjochen, wenn nicht irgendwer sie aufhält. Also kommt es am Ende, wie es kommen muss: In einer großen Schlacht stehen die Freunde Infamia und ihren Trollen gegenüber, Seite an Seite mit Zwergen, Mammuthamstern und Einhörnern (die leider sehr, sehr dumm sind). Werden sie es schaffen, das Böse zu besiegen?

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 160




Rüdiger Bertram

Finns fantastische Freunde. Trollalarm und Mammuthamster

Mit Illustrationen von Ute Krause

Über dieses Buch

Finn und Marie-Lou reisen mit dem Zauberer Zackarius und dem Chamäleon-Drachen Attila in deren Heimat: in das Land ohne Namen. Was sollen sie sonst tun? Schließlich sind sie nicht ganz unschuldig daran, dass der Klassenfiesling Alexander zusammen mit der hundsgemeinen Infamia dorthin verschwunden ist. Und die beiden haben das Xalabu dabei (ein mächtiges magisches Instrument, das Unsichtbares sichtbar macht) und werden mit Sicherheit alle unschuldigen Geschöpfe (Drachen und Zwerge zum Beispiel) weiterhin unterjochen, wenn nicht irgendwer sie aufhält.

 

Also kommt es am Ende, wie es kommen muss: In einer großen Schlacht stehen Finns Freunde Infamia und ihren Trollen gegenüber, Seite an Seite mit Zwergen, Mammuthamstern und Einhörnern (die leider sehr, sehr dumm sind ...). Werden sie es schaffen, das Böse zu besiegen?

Vita

Rüdiger Bertram arbeitete nach dem Studium als freier Journalist und Drehbuchautor. Heute veröffentlicht er vor allem Kinder- und Jugendbücher. Zu seinen bekanntesten Reihen gehört «Coolman und ich», die in über 25 Ländern erschienen ist.

 

Ute Krause ist vielfach ausgezeichnete Illustratorin von über 250 Bilder- und Kinderbüchern sowie erfolgreiche Kinderbuchautorin.

1. KapitelEin Schuss am Morgen

Wäre ich an diesem Morgen einfach in meinem Bett liegen geblieben, hätte ich später im Land-ohne-Namen keine gefährlichen Schlachten erlebt und nicht um mein Leben fürchten müssen. Einerseits. Andererseits hätte ich einiges verpasst, was vor mir noch nie ein Mensch gesehen hat. Zum Beispiel Drachen, Riesen, Zwerge und andere unheimliche Wesen, deren Namen ich bis heute nicht kenne.

Ich höre schon die Klugscheißer unter euch sagen: «So schlimm kann das alles gar nicht gewesen sein. Sonst könnte er uns die Geschichte hier gar nicht erzählen. Das kann er ja nur, wenn es gut ausgegangen ist und er das am Ende auch überlebt hat, der Angeber.»

Nur leider ist es so: Die Geschichte ist noch gar nicht zu Ende, und ob ich das wirklich überlebe, kann noch überhaupt niemand wissen.

Ich am allerwenigsten.

 

Gemeinsam mit Zack hocke ich versteckt hinter einem Felsen vor dem Eingang einer dunklen Höhle, in der die hundsgemeine Infamia gemeinsam mit meinem Mitschüler Alexander auf uns wartet. Über uns kreisen Drachen, und das Schlagen ihrer großen, ledrigen Flügel,

klingt wie ein Riese in Flipflops mit Schuhgröße fünfundachtzig. Aber vielleicht kommt das Geräusch auch gar nicht von den Drachen über uns, sondern tatsächlich von einem Riesen in Strandlatschen. Hier im Land-ohne-Namen ist alles möglich, und deswegen bin ich mir ziemlich sicher, dass das leichte Vibrieren des Bodens nicht von Pferden, sondern von einer Herde Einhörnern stammt. Auf die warten Zack und ich nämlich. Aber noch sind die weit weg, und deswegen ist das schreckliche

der wütenden Trolle viel lauter zu hören als die stampfenden Hufe der Einhörner.

 

Bevor sie nicht da sind, ist es für Zack und mich viel zu gefährlich, in die Höhle zu gehen. Zusammen mit den Drachen sollen die Einhörner die Trolle am Eingang ablenken, sodass wir unbemerkt hineinkönnen. Wir haben also noch ein bisschen Zeit, und die Zeit nutze ich, um alles aufzuschreiben, was bisher geschehen ist. Während Zack neben mir in einem alten Kinderlexikon liest, schreibe ich mit Elfenblut auf eine Rolle Pergament aus Einhornleder. Was anderes zum Schreiben habe ich nicht, und am besten wird es sein, wenn ich meine Notizen mit dem Morgen starte, an dem meine Reise mit Zack und den anderen ins Land-ohne-Namen damals begann.

Ich lag in meinem Bett und lauschte hinaus in unseren Garten. Draußen war es noch stockdunkel und unheimlich still. Es war so still, dass sich sogar der Flügelschlag einer Eule,

wie ein startender Hubschrauber anhörte.

Weil ich sowieso nicht schlafen konnte, stand ich auf, setzte mich ans Fenster und schaute hinaus. Es sah alles aus wie immer: der alte Apfelbaum, der rostige Zaun, der braune Rasen und der alte Schuppen, in dem ich all die Sachen sammle, die ich auf der Straße finde und mit nach Hause nehme.

Alles wirkte ganz normal, aber das war es nicht. Nichts war normal, und das war auch der Grund, warum ich nicht schlafen konnte. Mir stand der aufregendste Tag meines Lebens bevor. Und das lag nicht nur daran, dass ich das allerallererste Mal die Schule schwänzen würde. Manchmal gibt es Wichtigeres als Schule, und damit meine ich jetzt nicht, ein paar Tage früher in den Urlaub zu fliegen, weil dann die Flugtickets billiger sind, oder den ganzen Vormittag in der Games-Abteilung eines Kaufhauses zu verbringen. Das mit dem Kaufhaus wäre übrigens sowieso nicht gegangen, weil das abgebrannt war, und das hatte wiederum damit zu tun, dass ich heute nicht zur Schule gehen würde.

 

Ihr versteht nur Bahnhof? Okay, ich erkläre es euch. Zack, der eigentlich Zackarius der Große heißt, stammt aus einem fernen Land, in dem es Trolle, Drachen und Zwerge gibt. Das Land findet ihr auf keiner Landkarte und auf keinem Globus, und wo genau es liegt, weiß ich auch nicht. Aber es gibt geheime Pforten, durch die man dort hinkommt. Es ist noch gar nicht lange her, da habe ich Zack in unserem Stadtpark gefunden. Gefunden ist das falsche Wort. Er ist mir

in einem riesigen Holzfass direkt vor die Füße gefallen. Gemeinsam mit seinem kleinen Chamäleon-Drachen Attila.

Ich bin ein Sachensucher und laufe meistens mit gesenktem Kopf durch die Gegend, damit ich nichts übersehe, was irgendwo rumliegt. Und wenn ich was finde, nehme ich es mit nach Hause. Ich sammle gerne und freu mich über die Sachen, die ich finde. Auch über Zack und Attila.

Ich habe die beiden mit nach Hause genommen und in dem Schuppen in unserem Garten untergebracht. Hätte ich damals gewusst, was das für Folgen haben würde, hätte ich das vielleicht nicht getan. Wahrscheinlich aber doch, weil Zack und sein kleiner Drache mir echt ans Herz gewachsen sind. Obwohl Zack – ehrlich gesagt – ein ziemlicher Angeber ist und Attila seit seiner Ankunft bei uns in der Menschenwelt schon oft dafür gesorgt hat, dass die Feuerwehr Überstunden machen muss. Wegen ihm ist ja auch das Kaufhaus abgebrannt, obwohl Attila nicht alleine daran schuld war. Das lag auch an der hundsgemeinen Infamia. Sie ist die Herrscherin im Land-ohne-Namen, und weil Zack und Attila ihr das wertvolle Xalabu geklaut hatten, hatte sie erst ihre Trolle geschickt und sich dann selber auf den Weg zu uns gemacht, um sich das Teil zurückzuholen. Und da ist die ganze Sache dann ein wenig außer Kontrolle geraten.

Jedenfalls ist das Kaufhaus

in Flammen aufgegangen, und die hundsgemeine Infamia hat nicht nur das Xalabu, sondern auch Alexander mit zurück in ihr Land-ohne-Namen genommen. Alexander geht in meine Klasse und ist ein Idiot, weil er mich immer ärgert und – noch schlimmer – ständig verprügelt. Trotzdem fühle ich mich irgendwie für alles verantwortlich. Auch für Alexanders Verschwinden. Obwohl er die hundsgemeine Infamia sogar freiwillig begleitet hat, weil sie ihm versprochen hatte, ihn in ihrem Reich zu so einer Art Prinzen zu machen.

Hätte ich Zack damals im Park nicht mit nach Hause genommen, wäre das alles ja gar nicht passiert. Und deswegen hatten wir gestern beschlossen, ebenfalls in das Land-ohne-Namen zu gehen. Um Alexander zurückzuholen und das Xalabu auch, weil es viel zu mächtig ist, um es in den Händen der hundsgemeinen Infamia zu lassen.

Draußen im Garten war es immer noch ganz still und auch im Schuppen rührte sich nichts. Das war ungewöhnlich. Einmal hatten Zack und Attila im Schuppen Silvesterraketen gezündet und ein anderes Mal in meiner Schule den Feueralarm ausgelöst. Nicht weil es wirklich gebrannt hatte, sondern weil ihnen dort die hundsgemeine Infamia begegnet war und auf dem Alarmknopf «Im Notfall drücken» steht.

Aber jetzt war alles ruhig, geradezu beängstigend ruhig. Mittlerweile hatte es angefangen zu dämmern, und obwohl ich nun etwas mehr sehen konnte, war immer noch nichts Verdächtiges zu entdecken.

Und gerade das war verdächtig.

Ich zuckte zusammen, als ich den Schuss hörte, und ging sofort in Deckung. Leise zählte ich bis zehn, dann erst wagte ich es, erneut einen Blick aus dem Fenster zu wagen. Draußen war immer noch nichts Ungewöhnliches zu entdecken. Da erst kapierte ich, dass der Knall gar nicht aus dem Garten gekommen war, sondern aus dem Erdgeschoss. Ich wurde leichenblass, weil ich mir schreckliche Sorgen um meine Eltern machte. Vielleicht war die hundsgemeine Infamia aus dem Land-ohne-Namen zurückgekehrt, um sich an mir zu rächen, weil ich mich in ihre Angelegenheiten eingemischt hatte. Oder eben an meinen Eltern, weil sie wahrscheinlich wusste, dass mich das noch viel mehr treffen würde.

Ich raste die Treppe hinunter in die Küche, und da sah ich meine Mutter und meinen Vater fröhlich am Tisch sitzen. Der Knall, den ich gehört hatte, war gar kein Schuss, sondern der Korken einer Sektflasche gewesen. Mein Vater hielt die Flasche noch in der Hand und schenkte meiner Mutter ein Glas ein. Dabei zeigte er die ganze Zeit auf sein Tablet, das auf dem Küchentisch lag. Die beiden lachten, und dann,

dann küssten sie sich sogar.

«Haben wir dich geweckt?», fragte meine Vater.

«Oh, das tut mir leid, Finn», sagte meine Mutter. «Aber du musst ja sowieso bald zur Schule und wir haben etwas wirklich Tolles zu feiern.»

«Was denn?», fragte ich.

«Also, du wirst es nicht glauben, aber …»

2. KapitelEinhörner für Amerika

Und dann hat mir mein Vater erzählt, was letzte Nacht passiert ist.

«Irgend so ein Instagram-Star aus Amerika hat im Internet Bilder von meinen Einhörnern entdeckt. Die haben ihm so gut gefallen, dass er die auf seiner Seite gepostet hat. Irgendwann heute Nacht, als wir alle geschlafen haben …»

Ich wollte ihn kurz unterbrechen, um zu sagen, dass ich die ganze Nacht kein Auge zugemacht hatte. Ich ließ es dann aber doch lieber bleiben, damit sich meine Eltern keine Sorgen machten.

«… ist mein Mailfach vollgelaufen. Wegen der Zeitverschiebung war das in den USA ja helllichter Tag, da waren die da drüben alle wach und haben bestellt, als gäbe es kein Morgen mehr. Die Amis sind jedenfalls ganz verrückt nach meinen Einhörnern. Damit verdienen wir jetzt richtig, richtig viel Geld.»

Ich glaub, das mit den Einhörnern muss ich erklären. Mein Vater redete nicht von echten Einhörnern, sondern von Schlüsselbrettern, die die Form eines Einhornkopfes haben. Da kann man dann den Schlüssel vorne über das Horn hängen. Mein Vater bastelt gerne und hat sich im Keller dafür sogar extra eine richtige Werkstatt eingerichtet. Alles, was da entsteht, versucht er auf einem Internetportal für selbstgemachte Sachen zu verkaufen. Das hat aber früher nie geklappt, weil seine Einhörner ständig mit Nashörnern verwechselt wurden. Erst als Zack ihm gezeigt hat, wie Einhörner wirklich aussehen, kam sein Geschäft ins Laufen. Meine Eltern waren Zack einmal zufällig begegnet, und da hatte ich ihnen erzählt, dass er aus einem fremden Land kommt. Stimmt ja auch, aber meine Eltern hatten das irgendwie falsch verstanden und dachten, er wäre ein Flüchtling. Meine Mutter hat sogar angeboten, ihm zu helfen, wenn er Probleme mit den Behörden hat. Sie ist nämlich Anwältin und muss ganz viel arbeiten, weil sie bisher die Einzige war, die in unserer Familie Geld verdient hat.

«Ist das nicht toll, Finn?!», hat mein Vater mich gefragt, und meine Mutter hat gesagt: «Wenn wir mit den Einhörnern viel Geld verdienen, kann ich im Job etwas kürzertreten. Das ist doch super!»

Ich habe nur genickt, weil ich mir nicht sicher war, ob das wirklich so super ist. Wenn meine Mutter weniger arbeitet, ist sie ja mehr zu Hause, und ich habe weniger Freiheiten. Andererseits ist es ja auch schön, wenn sie da ist. Doch dann fiel mir ein, dass ich selber ja schon bald gar nicht mehr da sein werde, weil ich mit Zack und Attila ja heute noch ins Land-ohne-Namen aufbrechen wollte. Aber das konnte ich unmöglich verraten. Das hätten meine Eltern ja nie erlaubt und bestimmt nicht gesagt: «Super, dass du in dieses gefährliche Land mit Trollen und Riesen reist. Sollen wir dir noch ein Butterbrot für unterwegs machen?» Die hätten mir den Ausflug ins Land-ohne-Namen ganz bestimmt verboten und mich in meinem Zimmer eingeschlossen. Da blieb mir gar nichts anderes übrig als zu nicken.

«Ich muss jetzt auch ins Büro», sagte meine Mutter und schaute auf ihre Uhr. «Bin eh schon spät dran.»

Dann gab sie erst mir einen Kuss und dann meinem Vater.

«So, ich mach mich dann auch mal frisch ans Werk.» Mein Vater stellte die halbvolle Sektflasche in den Kühlschrank und zeigte auf das Tablet. Sein E-Mailprogramm war offen, und ich konnte sehen, dass immer noch mehr Bestellungen eintrafen. «Ich hab eine Menge zu tun, und du musst ja auch bald in die Schule.»

Ich nickte wieder, weil ich mich nicht traute, ihm zu sagen, dass ich heute nicht zur Schule gehen würde, sondern woandershin. Dafür umarmte ich meine Mutter, ganz doll. Und danach auch noch meinen Vater, weil es ja sein konnte, dass wir uns nie, nie wiedersehen, falls mir im Land-ohne-Namen was passieren würde.

«Was ist denn plötzlich los mit dir?», fragte mein Vater verwundert. «Kuschelbedarf?»

Meine Mutter gab mir noch einen Abschiedskuss, und mein Vater strubbelte mir durchs Haar. Dann fuhr sie ins Büro, und er ging in seinen Bastelkeller, um neue Einhorn-Schlüsselbretter zu bauen.

Ich wartete, bis ich aus dem Keller sein Hämmern und Sägen hörte, dann schlüpfte ich in meine Hausschuhe und lief durch die Terrassentür in den Garten. Auf dem Gras lagen Tautropfen, und als ich den Schuppen erreichte, hatte ich nasse Füße. Aber das bemerkte ich gar nicht richtig, weil ich die ganze Zeit nach irgendwelchen Trollen Ausschau hielt, die sich hier im Garten herumtrieben. Das hatten sie schon einmal getan, und das bedeutete ja, dass sie jederzeit wiederkommen …

Ich schrie, weil sich hinter dem Apfelbaum etwas bewegt hatte. Es war aber doch nur ein Eichhörnchen, das am Stamm heruntergelaufen war und jetzt über den Rasen davonhüpfte.

Seitdem Zackarius der Große und sein Chamäleon-Drache mir im Park vor die Füße gefallen waren, hatte sich mein Leben komplett verändert. Früher hätte mir ein harmloses Eichhörnchen niemals so einen Schrecken einjagen können. Ich brauchte einen Moment, bevor ich mich erholt hatte. Aber außer dem Eichhörnchen blieb im Garten alles ruhig. Keine Trolle. Zumindest keine, die ich sehen konnte.

Ich setzte mir meine Sonnenbrille auf und horchte an der Tür des Schuppens. Die Brille brauche ich, weil Zack hypnotisieren kann. Er behauptet, dass er im Land-ohne-Namen ein großer Zauberer gewesen ist. Aber der einzige Trick, den er wirklich beherrscht, ist Hypnose. Unseren Schuldirektor hat Zack damit sogar dazu gebracht, dass er ihn zu unserem Hausmeister gemacht hat. Oder besser gesagt: Meister des Hauses, wie Zack sich dann selber nannte, weil das natürlich viel besser klingt.

Das mit der Hypnose ist ziemlich lästig, weil Zack immer versucht, mir Dinge einzureden, die ich gar nicht möchte. Seit ich ihn kenne, habe ich daher immer eine Sonnenbrille in der Tasche. Wenn ich die trage, klappt das mit der Hypnose nämlich nicht.

Ich hielt mein Ohr an die Schuppentür und horchte. Aber dahinter war es immer noch ganz still. Entweder Zack und Attila schliefen noch, oder sie waren weg und ohne mich ins Land-ohne-Namen zurückgekehrt. Im ersten Augenblick war ich ein bisschen erleichtert, dass ich die beiden nicht dorthin begleiten musste. Dann aber bedauerte ich es auch wieder, weil man die Chance, echte Einhörner zu sehen, schließlich nicht alle Tage bekam. Einerseits. Andererseits war ich auch wieder nicht so scharf darauf, einem echten Riesen zu begegnen, der es vielleicht gar nicht mal bemerkte, wenn er mich aus Versehen unter seinen Flipflops zerquetschte.

Ich zögerte kurz, dann klopfte ich leise.

Keine Reaktion, deswegen klopfte ich noch einmal etwas kräftiger.

Immer noch keine Reaktion, also waren die zwei wohl wirklich nicht mehr da. Ich spürte, wie traurig ich wurde, weil ich mich schon so an sie gewöhnt hatte. Ich hatte sogar geglaubt, dass wir richtige Freunde geworden waren. Und deswegen war ich auch ein wenig beleidigt, weil sie sich nicht von mir verabschiedet hatten. Nach allem, was ich für sie getan hatte und was wir drei schon alles an Abenteuern zusammen erlebt hatten. Um ganz sicherzugehen, klopfte ich ein drittes Mal. Diesmal richtig kräftig.

Wieder keine Reaktion, und da war ja wohl klar, dass sie tatsächlich weg waren. Oder … Ich wagte kaum weiterzudenken. Was wenn die hundsgemeine Infamia mit ihren Trollen heute Nacht noch einmal aus dem Land-ohne-Namen zurückgekehrt wäre und sich in den Schuppen geschlichen hätte? Um sich zu rächen und ihr silbernes Paddel zu holen. Das hatte sie damals im Kaufhaus zurückgelassen, und das war so eine Art Wunderwaffe, auf die sie ganz sicher nicht verzichten wollte.

Und dann …

In meinem Kopf sah ich Zack und Attila tot im Schuppen liegen und überall war Blut: auf den Regalen mit meinen Fundstücken, auf dem Boden und den Wänden, sogar an der Decke und natürlich auf dem dicken Zauberer und seinem Chamäleon-Drachen. Da vor allem. In meiner Fantasie hatte die hundsgemeine Infamia im Schuppen ein richtiges Massaker angerichtet, und ich war schuld daran. Weil ich oben in meinem Bett gelegen und Zack und Attila nicht geholfen hatte.

«Verdammte Hacke», fluchte ich leise, weil ich das immer sage, wenn irgendwas schiefläuft. Dann wischte ich mir ein paar Tränen aus den Augen und öffnete die Tür.

3. KapitelEin Schuppen voller Schlafmützen

Kein Blut. Das war das Erste, was ich bemerkte, und das beruhigte mich ein wenig. Weder auf den Regalen, noch auf dem Boden, an den Wänden, der Decke und vor allem nicht auf Zack, der regungslos auf einer alten Matratze lag.

Attila erkannte ich erst auf den zweiten Blick, weil der kleine Chamäleon-Drache die Farbe von Zacks langem Bart angenommen hatte. Er hatte sich aus den weichen Barthaaren ein richtiges Nest gebaut und lag dabei quer über Zacks Gesicht. Das sah richtig süß aus, wie er sich da eingekuschelt hatte. Attilas bequeme Lage quer über Zacks Gesicht erklärte auch, warum ich kein Schnarchen gehört hatte.

Ich war schrecklich erleichtert, weil sie noch da waren und die Nacht im Schuppen überlebt hatten und ich mir keine Vorwürfe zu machen brauchte, dass ich sie nicht beschützt hatte. Einerseits. Andererseits war ich plötzlich furchtbar sauer auf die zwei, weil sie an diesem wichtigen Tag einfach verpennt hatten, während ich vor lauter Aufregung die ganze Nacht kein Auge zugemacht hatte.

Ich konnte richtig spüren, wie sich die Sorge um die beiden Langschläfer in meinem Bauch in Wut verwandelte. Das ging ganz schnell, rasend schnell ging das. Ich ging zu den beiden hin, stellte mich vor die Matratze und brüllte so laut ich konnte:

Sofort schoss Attila in die Höhe und flatterte aufgeregt durch den Schuppen, während er gleichzeitig «Wo sind sie? Wo sind sie?» krächzte. Vor lauter Aufregung schossen ihm kleine Flammen aus dem Mund, und ich musste mich schnell ducken, sonst hätte er mir glatt mal wieder die Haare versengt. Statt mir erwischte er ein dickes Kinderlexikon, das ich mal beim Sperrmüll entdeckt hatte. Obwohl Bücher aus Papier sind, brennen sie zum Glück gar nicht so leicht, wie man vielleicht denken könnte. Das Lexikon war nur am Einband ein bisschen verkohlt, das machte fast gar nichts. Dafür hatte meine Bierdeckelsammlung, die ich in Jahren harter Arbeit bei Restaurantbesuchen mit meinen Eltern zusammengetragen hatte, weniger Glück. Die bunten Pappuntersetzer gingen sofort in Flammen auf, und ich musste schnell etwas tun, sonst würden auch die Regale Feuer fangen.