Flaming Clouds – Der Himmel in deinen Farben - Gabriella Santos de Lima - E-Book
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Flaming Clouds – Der Himmel in deinen Farben E-Book

Gabriella Santos de Lima

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Beschreibung

Emotional und lebensnah – ein herzergreifender deutscher New Adult-Roman Bitte anschnallen und die Tische hochklappen! Lass dich vom SPIEGEL-Bestseller 2021 »Flaming Clouds – Der Himmel in deinen Farben« und seinen beiden einnehmenden Protagonisten verzaubern. Liebe? Nein, danke! Flugbegleiterin Olivia träumt stattdessen lieber vom Mathestudium und vom intellektuellen Flair der Eliteuniversität Oxford. Ihr Leben soll sich grundlegend ändern, als sie dem scheinbar arroganten Nick begegnet, dem sie aber nicht aus dem Weg gehen kann. Der frischgebackene Pilot und Frauenheld arbeitet nämlich ausgerechnet für dieselbe Airline wie Olivia. Und hinter seiner grüblerischen Fassade steckt die kreative Seele eines Künstlers. Diese Träume musste er jedoch zurückstecken, um die Erwartungen seiner Eltern zu erfüllen. Olivia und Nick stehen nun vor der Entscheidung, ob sie das Risiko eingehen und ihr Gegenüber in ihr Herz lassen … Gabriella Santos de Lima lässt ihre LeserInnen mit den poetischen und emotionsgeladenen Beschreibungen die romantischen Seiten Londons und Großbritanniens erleben. In »Flaming Clouds« lernen zwei junge Menschen, ihre Träume, Hoffnungen und Ängste miteinander zu teilen. Herzzerreißend bis zur letzten Seite – Gabriella Santos de Lima haucht dem deutschen New-Adult-Genre Liebe und Leben ein »Flaming Clouds – Der Himmel in deinen Farben« blickt tief in die Seelen zweier Verliebter und fördert Tragik, aber auch Glück zutage. Selbst LeserInnen mit Flugangst steht mit dem NA-Roman eine Liebesgeschichte über den Wolken und Urlaubsreise in Buchform bevor. Ready for takeoff! Ein Roman, der dich nicht wieder loslassen wird Heb mit »Flaming Clouds – Der Himmel in deinen Farben« jetzt Richtung Wolke sieben ab. Charmant, witzig und manchmal traurig startet die deutsche Autorin Gabriella Santos de Lima ihre »Above the Clouds«-Trilogie mit einer Romanze, die zum Schwelgen in Fernweh anregt. »Dieses Buch ist ein einziger Herzstillstandmoment. Für mich schon jetzt ein absolutes Jahreshighlight unter den deutschsprachigen New-Adult-Romanen.« Sarah Sprinz, Autorin von »What if We Drown«  »Mit ›Flaming Clouds‹ hat sich Gabriella direkt in mein Herz geschrieben. Der poetische Schreibstil und die authentischen Charaktere machen das Buch zu etwas ganz Besonderem. Ein Must-Read für alle, die ihr Herz verlieren wollen.« @bookspumpkin

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Von Gabriella Santos de Lima liegen im Piper Verlag vor:

Above the Clouds:

Band 1: Flaming Clouds – Der Himmel in deinen Farben

Band 2: Endless Skies – Die Welt zwischen deinen Worten

Band 3: Shining Stars – Die Sterne auf deiner Haut

Das Zitat auf Seite 232 stammt aus:

Stefana Sabin, Andy Warhol. Rowohlt, Reinbek 1992.

Das Zitat auf Seite 399 stammt aus:

Lewis Carroll, Alices Abenteuer im Wunderland (Reclams Universal-Bibliothek), Philipp Reclam jun. Verlag, Stuttgart 1999.

© Piper Verlag GmbH, München 2021

Redaktion: Friedel Wahren

Covergestaltung: FAVORITBUERO, München

Covermotiv: Bilder unter Lizenzierung von Shutterstock.com genutzt

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Inhalt

Cover & Impressum

Rote Wolken

Kapitel 1

Olivia

Kapitel 2

Nick

Kapitel 3

Olivia

Kapitel 4

Nick

Kapitel 5

Olivia

Kapitel 6

Nick

Kapitel 7

Olivia

Kapitel 8

Nick

Rom, Italien

Nick

Kapitel 9

Olivia

Kapitel 10

Nick

Kapitel 11

Olivia

Kapitel 12

Nick

Kapitel 13

Olivia

Kapitel 14

Nick

Kapitel 15

Olivia

Kapitel 16

Nick

Kapitel 17

Olivia

Kapitel 18

Nick

Kapitel 19

Olivia

Kapitel 20

Nick

Kapitel 21

Nick

Kapitel 22

Olivia

Kapitel 23

Nick

Kapitel 24

Olivia

Kapitel 25

Nick

Kapitel 26

Olivia

Kapitel 27

Nick

Kapitel 28

Olivia

Kapitel 29

Nick

Kapitel 30

Olivia

Palermo, Italien

Nick

Kapitel 31

Nick

Kapitel 32

Olivia

Kapitel 33

Nick

Kapitel 34

Olivia

Kapitel 35

Nick

Kapitel 36

Olivia

Kapitel 37

Nick

Kapitel 38

Olivia

Kapitel 39

Nick

Kapitel 40

Nick

Kapitel 41

Olivia

Kapitel 42

Olivia

Kapitel 43

Nick

Rote Wolken in meinem Herzen

Danksagung

Für R

Saudade.

Wie Ever.

Irgendwie immer.

Art is never finished,

only abandoned.

– Leonardo da Vinci

Playlist

How Big, How Blue, How Beautiful von Florence + The Machine

Wolves von Phosphorescent

Famous Blue Raincoat von Leonard Cohen

Baby Behave von Fil Bo Riva

There Is a Light That Never Goes Out von The Smiths

AA von The Neighbourhood Watch

Take Care von Florence + The Machine

Two Weeks von Grizzly Bear

Paris von The 1975

Conrad von Ben Howard

Beneath the Surface von Demons of Ruby Mae

St Jude von Florence + The Machine

17 von Youth Lagoon

American Boy von Kraków Loves Adana

Blinding von Florence + The Machine

Demon Host von Timber Timber

Pale Blue Eyes von The Velvet Underground

Dreaming of You von Cigarettes After Sex

The End of the Affair von Ben Howard

Looking Too Closely von Fink

Asleep von The Smiths

Not The Same Anymore von The Strokes

Colors von Halsey

Depth Over Distance von Ben Howard

Skinny Love von Bon Iver

Trees von Twenty One Pilots

Rote Wolken

Es war Ende Dezember. Und es passierte an einem Montag. Montag, der Dreißigste. Der letzte Wochenbeginn des Jahres, das bloß angefangen hatte, um vorüberzugehen. Damit ich Tag für Tag in meinem Kündigungskalender mit einem Kreuz abhaken konnte, das laut Lilah nur jeweils vierundzwanzig Stunden Warten bedeutete. Wie ein Leben, das ich auf Pause gestellt hatte. Und das wäre Mist, weil ich doch schon so viele Kreuze gemalt hätte. Tausendsiebenundsechzig, um genau zu sein. Vielleicht hatte meine Freundin recht. Vielleicht auch nicht. Wenn ich ausrechnete, wie viele Tage noch bis zum ersten September fehlten, war das kein Warten. Das war Leben in seinen träumerischsten Farben, mit meinem wild pulsierenden Herzen, das sich dann so anfühlte, als höbe es ab. Hoch, höher und immer weiter in den Himmel, bis es nicht mehr zu erkennen war.

An diesem Montag stand ich unter roten Wolken, als ich ihm begegnete. Drei unendliche Ewigkeiten lang betrachtete er die Zeichnungen vor sich. Völlig verträumt. Was für ein Idiot, dachte ich, aber genau dort, dort in Heathrow, mit aufsteigenden Fliegern in den Ohren und den müden Gedanken im Kopf, passierte es.

Kapitel 1

Olivia

Noch 246 Tage

Meine beste Freundin Lilah marschierte mit einer Mission auf mich zu. Das erkannte ich an ihrem Gang, zielorientiert und bestimmt, wie eine Art Soldatin auf Pumps. Gekonnt erkämpfte sie sich den Weg durch den Flughafendschungel, die königsblaue Uniform war dabei ihre undurchdringliche Rüstung.

Bevor sie mich erreichte, blinzelte ich mir selbst im schwarzen Laptopbildschirm entgegen. Unendlich dichtes Haar, Sommersprossen und todmüde Augen. Hellwach, dachte ich.

»Ich wusste, dass du hier bist«, sagte sie.

»Weil ich es dir geschrieben habe, Sherlock.«

Lilah brauchte keine Einladung, um sich mit ihrem Coffee to go an meinem Tisch niederzulassen. Das Starbucks im Terminal 3 war so gut besucht wie immer. Bunte Reisetaschen, umherrennende Kinder und Touristen, die sich bei veganem Bananenbrot in fremden Sprachen unterhielten. Ich, die in den letzten zweiundneunzig Minuten Worte getippt hatte, um sie gleich darauf wieder zu löschen. Jetzt auch Lilah, die den schwarzen Bambusbecher zwischen den Fingern fest umklammerte. Ein Weihnachtsgeschenk ihres Bruders Dean, bedruckt mit bunten Glitzersprenkeln und der Konstellation ihres Sternzeichens. Zwilling, immer unterwegs, kreativ und unruhig.

»Was hasse ich mehr, als in Uniform mit der Piccadilly Line nach Heathrow zu fahren?«, fragte sie und nahm einen Schluck von ihrem Kaffee.

»In Uniform mit drei Busumstiegen nach Heathrow zu fahren, weil die U-Bahn-Fahrer streiken.«

»Das war zu einfach.« Sie deutete augenrollend auf meinen Laptop. »Wie viele Versuche gibst du mir? Drei?«

»Wir wissen beide, dass du nur einen brauchst.«

»Du hast an dem Motivationsschreiben für das Emilia-Graham-Stipendium gearbeitet«, sagte sie und meinte damit die leere Worddatei namens Green_Olivia_Herkunft, an der ich verzweifelte. »Natürlich brauche ich nur einen Versuch. Wieso solltest du auch sonst nach einem Nachtflug hier sitzen? Ist ja nicht so, als hätten wir eine Wohnung in Shoreditch. Du weißt schon, dort, wo dein Bett steht und Mister Gegenüber seinen One-Night-Stands keine Privatsphäre in Form von Jalousien gibt.«

Bei dem Wort Bett pochte es mir in den Schläfen.

Zusammen mit June waren Lilah und ich nicht bloß die engsten Freundinnen und Flugbegleiterinnen bei LondAir, sondern auch Mitbewohnerinnen. Wir hatten ein gemeinsames Zuhause, ein Altbau in der Swanfield Street, drei Zimmer, eine Wohnküche, vierundsiebzig Quadratmeter voller Pflanzen und Chaos.

»Ich bin um zwölf von Porto gelandet«, murmelte ich. »Geplante Landung war kurz nach neun, aber wir hatten über drei Stunden Verspätung und –«

»Drei Stunden? Krass. Trotzdem erklärt das nicht, wieso du noch hier bist. Selbst wenn du nach deiner halben Nachtschicht unbedingt an diesem Aufsatz arbeiten willst.«

Mit einem tiefen Atemzug griff ich in meiner Tasche nach Sam der Zweiten, die so wie ihre Vorgängerin auch ein mittelgroßes Smythson-Modell war. Beweise waren immer besser als Ausreden, also schlug ich die Seite des heutigen Tages auf.

Stipendiumaufsatz beginnen und Nachhilfestunde vorbereiten.

»Wenn ich jetzt nach Hause gehe, ist meine Disziplin im Eimer, und ich schwöre meinem Bett, dass ich es nie wieder verlasse. Vielleicht meine ich es dann sogar ernst. Egal, ob ich die Punkte auf meiner Liste abgearbeitet habe oder nicht.«

Und das ging nicht.

Und das wusste Lilah.

Natürlich fand sie es wahnsinnig, dass ich vier Monate vor Einsendeschluss mit dem Aufsatz begann. Aber sie fand es auch ziemlich verrückt, dass ich Primzahlen vor mich hinmurmelte, wenn ich nervös war. »Livy, Livy, Livy …«, sagte sie dann, mein Name in dreifacher Wiederholung, verpackt in einem tiefen und ratlosen Seufzer.

Livy, Livy, Livy …

Was machst du hier? Du bist nicht hellwach.

Lilah war nicht die Einzige, die meinen Namen so eindringlich wiederholen konnte. Diese Stimme in meinem Kopf war das Schlimmste nach den wachen Nächten. Egal, ob ich einschlafen wollte oder den wichtigsten Aufsatz meines Lebens schreiben musste. Klar war ich nicht hellwach. Ich war endlose Schlaflosigkeit auf zwei Beinen und ein Zombie mit schnell pochendem Herzen, weil Herzen manchmal rasten, wenn Körper zu wenig Schlaf bekamen.

»Schau nicht so.« Ich tätschelte Lilah den Handrücken. »Noch zweihundertsechsundvierzig Tage, dann ist alles vorbei.«

»Du bist so verrückt.«

Ihre Lippen verzogen sich zu einem Lächeln. Eigentlich brauchte Lilah bloß mit den Mundwinkeln zu zucken, damit in ihrem Gesicht die Sonne aufging. Wie ferngesteuert begannen selbst ihre Ohrläppchen zu strahlen, und alles ringsum wurde heller. Wenn man ihr direkt gegenübersaß, wurde einem sogar wärmer. Nur jetzt war ihr Lächeln nicht ganz so breit, denn es hing schief.

Ich war so in Gedanken versunken, dass ich fast nicht bemerkte, wie sie mir Sam aus der Hand nahm und nach einem Kugelschreiber in ihrer Tasche fischte. In Rekordgeschwindigkeit kritzelte sie ein paar Zeilen in den Kalender und schob ihn mir wieder hin. Kritisch beäugte ich das Geschriebene.

Ich werde nach Hause gehen, schlafen und mir, wenn ich aufwache, eine Liste mit Neujahrsvorsätzen erstellen, die nichts mit meinen großen Plänen zu tun haben. Spontan sein, wild sein, frei sein. Skinny Dipping. Mich auf ein Abenteuer begeben. Einfach so an den Strand fahren. Menschen nicht immer gleich wegstoßen. Lilah mindestens einmal am Tag für ihre grandiosen Vorschläge danken.

»Skinny Dipping? Abenteuer? Einfach so an den Strand fahren?«, las ich mit zusammengezogenen Brauen laut vor.

Noch während ich die Worte überflogen hatte, war sie aufgestanden.

»Was auf deiner To-do-Liste steht, ist Gesetz, schon vergessen?« Sie strich sich die Hose glatt. »Natürlich ist es sehr klischeehaft. Achtung, Achtung, Pathosalarm! Das würde mein Dozent jetzt sagen, aber es sind Semesterferien. Also … Übrigens würde ich wirklich gern mit dir die Vorsätze ausdiskutieren, wenn ich nicht losmüsste. Hinterher komme ich noch zu spät und erhalte ein herzallerliebstes Feedback von dem Kabinenchef.« Sie unterdrückte ein weiteres Augenrollen. »Vielleicht hilft dir June, wenn sie noch nicht bei ihrem Dad ist. Sonst seht ihr euch ja morgen auf dem Flieger.«

Statt meiner Freundin zu antworten, starrte ich ihre Notizen weiter an. »Skinny Dipping«, wiederholte ich angeekelt.

»Du musst es ja nicht wörtlich nehmen.« Sie musterte mich erwartungsvoll. »Was ist? Bekomme ich zum Abschied keine Neujahrsumarmung? Das ist doch das Mindeste, nachdem ich nach dir gesehen habe.«

»Du wolltest mir deine Neujahrsvorsätze aufdrücken. Das war deine Mission. Hab ich übrigens schon an deinem Gang bemerkt. Außerdem ist Neujahr erst übermorgen.«

»Na und? Komm schon, umarm deine beste Freundin zum letzten Mal in diesem Jahr!«

Lilah lachte diesmal völlig sorglos und gar nicht schief, da war sie wieder, die Mittagssonne in ihrem sonst so blassen Gesicht. Als ich mich erhob, quietschten die Stuhlbeine.

»Du siehst schrecklich müde aus«, hauchte sie mir ins Ohr und drückte mich an sich. »Wie die gesteigerte Version eines Zombies.«

»Nein«, sagte ich ganz ernst. »Ich bin hellwach.«

»Wie viele Tage musst du dir die Lüge noch selbst glauben?« Lilah löste sich schnaubend von mir.

Es war immer etwas seltsam, sie in ihrer LondAir-Version zu beäugen. Eigentlich trug sie nur Schwarz auf Schwarz in Form von zerrissenen Hosen mit ausgewaschenen Shirts ihrer Lieblingsbands. Kings of Leon, Giant Rooks, The Kooks. Kopfhörerschnüre und zerfranste Jutebeutel anstelle von Perlenohrringen und des Namensschilds. Als wäre sie außerhalb des Flughafens immer verspätet auf dem Weg zu einer Vorlesung und beherbergte keinen Koffer mit zig verblassten Aufklebern neben dem Jackett in ihrem Zimmer.

»Zweihundertsechsundvierzig Tage«, flüsterte ich und widerstand dem Drang, mit dem Finger über die schwarze Tinte auf meinem Handgelenk zu fahren.

In zweihundertsechsundvierzig Tagen werde ich gekündigt und in Oxford angenommen sein. In zweihundertsechsundvierzig Tagen wird es nur noch mich und meine Zahlen geben. Das Eulersche E, die Kreiszahl Pi, alle Brüche, alle Wurzeln, kein Gefühl von plötzlicher Taubheit mehr, das mich manchmal einfach überrennt. Endlich.

Später würde ich mich detailgetreu an diesen Moment erinnern. Das Wasserschlauchzischen der Kaffeemaschinen und das aufgerissene Zuckerpäckchen auf dem benachbarten Tisch. Wie ich Lilah nachsah, bis sie mit der Flughafenhektik verschwamm. Eine Flugbegleiterin am Boden, anziehend, bevor sie aufstieg. Ich würde mich haargenau an die unterdrückte Erschöpfung erinnern, mit der ich mich wieder hinsetzte und die eingegangene Mail schließlich bemerkte.

[email protected], bestimmt Spam oder Werbung, in jedem Fall lästig und löschbar. Tja. Nicht ganz.

Ever Gibson

An: [email protected]

Betreff: Wichtig

Liebste Olivia,

ich sende dir anbei einen Link, der dich interessieren könnte.

Liebste Grüße!

E

Vierzehn Worte, ein Buchstabe, eine Abkürzung. Mit gerunzelter Stirn erkannte ich, dass der Link mich auf eine Dozentenwebseite der Stanford führte. Robert Gibson, Professor für theoretische Astrophysik und Kosmologie, Anfang vierzig und lächelnd. Mit dem Hemd und dem markanten Brillengestell schien er so professionell und kompetent. Alles an ihm schrie förmlich Privatuni hoch tausend. Seine Augen waren das Anziehendste. Tief und dunkel wie schwarze Löcher in einem gebräunten Gesicht.

Ich überflog die Biografie, vorbei an wissenschaftlichen Publikationen und hochgestochenen Worten. Bachelor in Stanford, Master in Cambridge, ausgezeichnet mit dem Bruno-Rossi-Preis 2009. Selbst seine fundamentalen Forschungsinteressen waren aufgelistet.

Woraus besteht das Universum?

Welche physikalischen Gesetze regeln die Gesetze des Universums?

Tief einatmend beäugte ich das Foto erneut. Masse, Drehimpuls und elektrische Ladung, Eigenschaften von klassischen schwarzen Löchern. Sommersprossen, Möchtegerneinsteinfrisur und ein undeutbarer Blick, Eigenschaften von Robert Gibson. Ein sonnenmassenschweres Phänomen und ein Mensch. Beides Gravitationsfallen, die alles auf ihrem Weg verschlangen.

Ich schloss das Tab so schnell, als könnte ich mich in verbogener Zeit verlieren, starrte ich dem American Boy länger ins Gesicht.

Noch in derselben Sekunde piepte es mir im linken Ohr. Mein Stresstinnitus. Ich hätte einfach ein emotionales Ohr, hatte die Ärztin vor Jahren mal gemeint.

Emotionales Ohr, taubes Herz, dachte ich manchmal.

Kapitel 2

Nick

Nach 893 Tagen

Wir trafen uns um drei. Scott, Chester, Remy. Und ich. Scott und Chester waren schon da, als ich das Rascal im Terminal 3 erreichte. Die Flughafenbar war das Lieblingslokal unter meinen Kolleginnen und Kollegen in ganz Heathrow. Mit dem Mitarbeiterausweis gab es zwanzig Prozent auf die gesamte Karte, die dunklen Wände und das gedämpfte Licht im Innern wirkten beruhigend auf Augen und Nerven. Vor allem nach Zwölf-Stunden-Schichten in der grellen Beleuchtung einer Flugzeugkabine. Statt des ständigen Rauschens und der verzerrten Funkstimmen hörte ich nun die Musik aus den versteckten Lautsprecherboxen. Nichts Schnelles und ja nichts Drängendes. Nur angenehme Hintergrundklänge, passend zum Feierabend, den man ausklingen ließ.

»Nick, Mann, da bist du ja endlich!«

Chester winkte mir breit lächelnd zu. Er trug einen dunklen Sweater über dem Hemd, an seinen Füßen glänzten die ledernen Schnürschuhe. Blitzblank poliert sahen sie genauso neu aus wie meine eigenen.

»First Officer Saint James hat es endlich zu uns geschafft.« Scott hob seine weiße Tasse, während ich mich auf dem Stuhl ihm gegenüber niederließ.

»Gut erkannt, First Officer Porter.«

»Vielen Dank, First Officer Pike.«

»Ihr seid echt bescheuert.« Ich rollte mit den Augen, aber eigentlich meinte ich es nicht ernst.

First Officer. Keine Ahnung, wie lange meine Freunde und ich davon geträumt hatten, die zwei Worte auf unseren Namensschildern zu haben. Natürlich war es affig, wie wir hier saßen, vor uns hin witzelten, lachten, Heißgetränke bestellten, weil es zu früh für Bier war, und Remy mit »Na, hallo, First Officer Crawford!« begrüßten, als auch er mit seinem Trolley auf uns zukam. Wir erzählten vom Fliegen, diskutierten über unsere Lieblingsdestinationen, die besten Hotels auf der Strecke, über das Pilotenleben im Ganzen und fragten uns, ob es so war, wie wir es uns vorgestellt hatten. Dabei hoben sich die Stimmen meiner Freunde so, als würden sie mit vibrierenden Triebwerken starten.

Aber irgendwie war es auch nicht affig.

Wir hatten uns das verdient. Zwei Jahre lang hatten wir uns zu Linienpiloten ausbilden lassen. Viel Arbeit und viel Angst, die wir meistens verheimlicht hatten, weil die meisten von uns doch harte Kerle waren, die bei Dating-Apps happy pilot to be in ihr Profil schrieben.

Seit drei Monaten hatten wir unseren Final Check hinter uns. Seit drei Monaten trugen wir die drei Streifen an den Ärmeln unserer Jacken und flogen auf dem rechten Sitz im Cockpit durch Europa. Seit drei Monaten hatten wir uns treffen wollen. Und endlich hatte es geklappt. Chester war vor einer guten Stunde von Palma gelandet, und Scott kam von einem schnellen Genf-Turnaround. Remy hingegen würde in knapp eineinhalb Stunden die Crew seines heutigen Romflugs im FOC begrüßen. FOC war unsere gängige Kurzversion für das Flight-Operation-Center, das Gebäude neben dem nördlichen Flughafenausgang, wo jeder unserer Arbeitstage begann. Auch ich hatte letzte Nacht nicht in meinem Bett geschlafen, sondern in Oslo übernachtet.

»Wir leben nicht nur einen Traum«, sagte Scott. »Wir leben einen Traumjob.«

Daraufhin nickten alle. Pilot zu sein, das war nicht bloß ein Traumberuf, das war eine echte Berufung, für die man geboren wurde. Grenzenlose Freiheit und ewiger Weltenbummler, das Pilotendasein enthielt alles und mehr.

»Wenn …« Remy fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. Seine Augen waren müde, leuchteten aber. Das machte das Fliegen aus dir. Du warst todmüde und todglücklich zugleich. »Wenn ich mir vorstelle, nie mehr fliegen zu können, wird mir ganz anders. Ich glaube, wenn ich wirklich nie wieder fliegen könnte, würde ich sterben.«

Mein Freund klang so ernst, dass niemand eine Antwort darauf wusste. Bis Scott die Stille mit einem Räuspern brach und die weiße Tasse hochhielt.

»Auf das Fliegen!«, rief er, ganz ernst, ganz sicher und fast feierlich.

»Auf das Fliegen«, wiederholten wir und hoben unsere Heißgetränke.

Keine Ahnung, ob jemand das Zittern in meiner Stimme hörte.

Kapitel 3

Olivia

Vier kribbelnde Gliedmaßen, sonnenmassengroße Gedanken an Robert Gibson, jeweils ein rasendes Zombieherz und ein todmüder Körper. Mein total fertiger Körper. Okay, na schön. Ich war ohne Frage nicht hellwach.

Als mein Handy um 16:34 Uhr mit einer Nachricht von Mrs Murphy vibrierte, sah ich das ein und legte den Stift beiseite. Jasons Mum, die Mutter eines meiner Nachhilfeschüler, fragte mich, ob ich morgen eine Extrastunde dazwischenschieben könne. Jason kann wirkliche jede Ihrer Stunden gebrauchen, wegen der Versetzung, Sie wissen schon, schrieb sie. Ich fuhr mir mit der Hand über das Gesicht. Am Vormittag hatte ich bereits eine Nachhilfestunde mit Andy vereinbart, und um fünf Uhr nachmittags sollte ich den Flug nach Dublin antreten, wo ich übernachten würde. Silvester während eines Auslandsaufenthalts mit June zu verbringen war eigentlich genauso unmöglich wie ein Sechser im Lotto. Selbst wenn wir uns im Planungsportal gemeinsame Flüge wünschten.

Aber irgendwann hatte wohl jeder einmal Glück.

Ich nahm den letzten Schluck meines Chai und schrieb Jasons Mum, dass ich zwischen elf und dreizehn Uhr Zeit hätte, dann packte ich meine Sachen.

Hellwach, aber eigentlich zu müde, um einen Flughafen zu durchqueren, war ein kleiner Horror. Alles war voll und laut und zu hell. Flughäfen glichen schlaflosen Großstädten, nur dass sie nicht hektisch New-York-artig pulsierten, sondern rauschten. Fliegerlärm, Flugzeuglärm und Menschenlärm von überall aus der Welt. Indien, Spanien, Australien. In Heathrow hörte ich Gesprächsfetzen in jeder Sprache. Eigentlich fand ich das interessant, heute jedoch war ich so fertig, dass ich mir auf der nächsten Rolltreppe Kopfhörer in die Ohren steckte. Ich stellte meine liebste Spotify-Playlist ein. Florence-Fantasie. Bloß schwere Lieder. Gerade Cosmic Love, um die Gedankenexplosionen aufgrund von Professor Doktor Robert Gibson zu übertönen. Und wegen dieser E. E wie Ever? Ever wie immer? Wer war sie? Ever Gibson. Eine Schwester, eine Mutter, eine Tochter? Seine Frau? War sie noch betrunken vom Weihnachtspunsch und eingehüllt in diese Weihnachtsblase mit dem dringenden Bedürfnis nach einem Happy End? Aber wieso jetzt? Wieso sie? Wieso nicht er? Wieso aus dem Nichts? Wieso überhaupt ich?

Draußen im Busbahnhof erwischte mich die Luft so eiskalt wie eine Dusche um sechs in der Frühe. Als ich die Kunstwerke auf den hohen Plakatwänden passierte, verlangsamten sich meine Schritte. Inspiriert von ihren Heimatorten Tromsø, Buenos Aires und Honolulu, hatten junge Künstler und Künstlerinnen Bilder für die neueste LondAir-Werbekampagne kreiert. Mein Lieblingsbild war das dritte von links, mit den grünen Schwaden auf einem nachtblauen Himmel und dem Stadtlichtermeer darunter.

Gerade machte eine ältere Dame davor halt, während rechts von ihr Jugendliche in Jogginghosen rauchten. Fünf Schritte weiter bemerkte ich diesen Typen. Die Hände in die Taschen seiner Bomberjacke vergraben, betrachtete er die Bleistiftzeichnungen von Buenos Aires. Er trug weder Jackett noch Pilotenmütze, doch ich machte ihn trotzdem als Co-Piloten inkognito aus. Als Airline-Angestellte achtete ich automatisch auf verräterische Kleinigkeiten. Uniformschuhe zu Jeans, das rote Crew-Label am Koffer. Bei ihm bemerkte ich nicht nur beides, er trug sogar die LondAir-Anzughose. Anfänger, dachte ich und musterte ihn genauer. Er war auf jeden Fall groß und viel größer als die meisten meiner Kolleginnen in den Zehnzentimeterpumps. Seine Statur war schlank, lange Beine, lange Arme, in seinem Nacken rollten sich dunkle Haarsträhnen zusammen. Um sein Gesicht im Profil zu erkennen, war ich zu weit weg.

Ich sah ihn so lange wie möglich an.

Und das war komisch.

Die Uniform schreckte mich eigentlich ab, und von gut aussehenden Piloten hielt ich mich grundsätzlich fern. Das hatte ich beschlossen, als Lilah mit Colson Lexington ausgegangen war, der neben ihr auch eine Flye-Flye-Flugbegleiterin gedatet hatte. »Dieses Klischee stimmt so was von«, hatte sie gesagt und erzählt, dass laut Colson jeder seiner Kollegen zwei-, drei- oder viergleisig fuhr.

Wahrscheinlich mochte ich einfach, wie versteinert der Typ da verharrte. Er wirkte so, als wäre ihm der ganze Flughafentrubel egal und er gar kein Pilot, der gerade von einem Flug kam.

Als wäre er bloß ein Augenpaar, das Bleistiftzeichnungen studierte.

Außerdem war da noch etwas anderes. Nicht unbedingt etwas Attraktives oder Anziehendes, eher etwas flüchtig Bekanntes, das ich nicht einordnen konnte. War ich schon einmal mit ihm geflogen? Ein schneller Mallorca-Turnaround? Eine Übernachtung in Genf, wo ich ihn beim Frühstücksbüfett als Teil verschiedener Crews bemerkt hatte?

Bevor ich an ihm vorbeiging, kniff ich sogar die Augen zusammen, in der Hoffnung, das fehlende Puzzleteil zu finden. Aber ich fand kein Puzzleteil. Ich konnte nicht einmal sein Gesicht betrachten, weil er sich einzig weiter dieser Bleistiftzeichnung zuwandte.

Wie hypnotisiert.

Angekommen an dem Bushaltesteg 19, drehte ich die Musik in meinem Handy auf. Normalerweise fuhr ich immer mit der U-Bahn, doch heute streikten die Zugführer. Das Chaos, das an den zentralen Haltestellen gerade herrschen musste, wollte ich mir gar nicht vorstellen.

Mein Blick blieb an den Doppeldeckerbussen Richtung West Croydon und Greenford Station hängen, der traurig grauen Flughafenfassade und dann am Himmel voller Flieger. Feuerrote Wolken auf einer vibrierend orangefarbenen Fläche. Unzählige Maschinen stiegen in die Höhe und zogen dabei wolkenweiße Rauchschwaden hinter sich her. Der Himmel sah aus wie ein Gemälde von hellen Pinselstrichen, willkürlich und hemmungslos auf die Leinwand gesetzt, als hätte der Künstler sich beim Malen skrupellos verloren.

Wie von selbst musste ich an Mum denken. Sie mochte den abendroten Himmel, keine Spur von Blau, Blässe und Weiß. Nur Farben, die brannten, ein Horizont, der in Flammen stand. Das war die Welt, die sie liebte. So ruhig, so bunt, so leise und dabei so einfach. Das sei alles, was sie je gewollt habe, hatte sie einmal gesagt und das Wort einfach besonders betont. Ich wusste, dass sie dabei an ihren American Boy gedacht hatte, der ihr nie wirklich gehört hatte, meinen Vater, den ich nicht kannte, und den Mann, der verschwunden war, weil er einfach nicht mehr gekonnt hatte. Robert Gibson, unser schwarzes Loch.

Ein letztes Mal wanderte mein Blick zu dem Flight-Crew-Angestellten inkognito, der immer noch vor der Bleistiftzeichnung von Buenos Aires stand. Ein vor sich hin träumender Pilot an der Central Bus Station in Heathrow.

Anschließend holte ich tief Luft und wählte Mums Nummer, obwohl der Zeitpunkt ungemein unpassend war. Es war der dreißigste Januar. Ein Fastende. Kein Tag, um eine mysteriöse E-Mail zum American Boy zu erhalten. Das nämlich war ein Beginn im Ende und nichts, was ich in diesem Jahr abschütteln könnte.

Mum ging beim dritten Klingeln dran.

»Livy-Liebling?« Sie klang alarmiert. »Ist alles okay?«

Ich sah vor mir, wie sie im Kiosk saß, das Handy fest gegen das Ohr gepresst. Tabakdosen hinter ihr, Zeitungen rechts, Schokoriegel links. Mum, umzingelt von abgedruckten Promigesichtern und sauren Apfelringen, dabei eingehüllt in ihre vielen Schichten von Kleidung. Shirt, Pullover und Cardigan, vielleicht sogar ein Schal. Meine Mutter war eine phänomenale Schichterin. Sie kochte am liebsten Lasagne, verpackte Geschenke zuerst in schimmerndes Seidenpapier, dann in Kartons und zuletzt in hochwertige Tüten. Morgens spachtelte sie ihr Gesicht fachmännisch mit Feuchtigkeitscreme, Primer, Grundierung und Concealer zu. Erinnerungen an den American Boy verbarg sie unter hastigem Lächeln und abwinkenden Handbewegungen. Unter Wasserhahnrauschen, wenn sie spülte, oder lauter gestelltem Fernsehgelächter, wenn sie im Wohnzimmer saß.

»Ja, alles in Ordnung. Es ist bloß … sagt dir der Name Ever etwas?«

»Ever? Wer soll Ever sein?«

»Jemand, der mir eine Mail geschrieben hat. Mit, äh, einem Link zu dem Dozentenprofil eines Robert Gibson. W… wusstest du, dass er Professor an der Stanford ist?«

»Nein.« Pause. »Was hat diese Ever geschrieben?«

»Dass mich dieser Link interessieren könnte.«

»Ever.« Sie überlegte laut. »Ever, Ever, Ever. Nein, da klingelt nichts.«

Ich schwieg.

Mum schwieg.

»Es tut mir leid, Liebling«, flüsterte sie, ganz roh und ohne Schichten.

Die pure stechende Wahrheit.

Mir auch, dachte ich.

Kapitel 4

Nick

»Komm gut ins neue Jahr.« Scott klopfte mir auf die Schulter.

»Lass es morgen nicht zu heftig knallen.« Remy zwinkerte mir zu.

»Und vergiss nicht, du bist jetzt nicht einfach nur Nick. Du bist First Officer Saint James!« Chester wackelte mit den Brauen, bevor ich mich lachend erhob.

Ich verabschiedete mich als Erster, weil ich mit Charlie zum Abendessen verabredet war. Er wollte was Indisches kochen. Mal was Neues ausprobieren, mit nigelnagelneuen Markenpfannen von Fünfsterneköchen und Master-Class-Kochkursen, die er sich in fremden Hotelzimmern ansah.

Ich schlurfte über den Busbahnhof und teilte Charlie per WhatsApp mit, dass ich unterwegs sei. Aus den Augenwinkeln bemerkte ich mit einem Mal diese Striche und blieb stehen. Ein Typ hinter mir beschwerte sich mit einem Hey, Mann, Sie blockieren den Weg! und überholte mich. Wahrscheinlich fluchte er weiter, aber das blendete ich aus. Meine Aufmerksamkeit galt bloß dieser Bleistiftzeichnung von Buenos Aires.

Ich konnte nichts dafür.

Das passierte wie von selbst.

Genauso wie die Tatsache, dass Kunst mich bis auf die Knochen berührte. Das war mit ihr schon immer so gewesen. Vor drei Jahren hätte ich gegen den Sog von Buenos Aires in Bleistift angekämpft, wäre weitergegangen, hätte mir gesagt, dass ich mich auf gar keinen Fall umdrehen wollte, und es dennoch getan. Schweren Herzens, mit einem schweren Gefühl im Innern, genau dort, wo sich die Kunst immer reinbohrte.

Mittlerweile hatte sich das geändert. Vielleicht vergaß ich allmählich. Keine Ahnung. Jedenfalls ließ ich mich jetzt von der Kunst einsaugen, wann immer sie mir begegnete.

So auch jetzt von Alma Alonsos Bild. Winzige Dachgeschossfenster, Scheibenwischer der Autos. Als mein Blick an der Signatur der Künstlerin hängen blieb, legte ich den Kopf schräg. Kein Kürzel, ihr Name war ausgeschrieben, Alma Alonso. Zwei Zeilen, zweimal je ein großes Schreibschrift-A. Was in der Künstlerin wohl vorginge, wenn sie ihren Namen nie wieder unter ein Bild setzte? Würde sie dann sterben? So wie Remy, wenn er nie wieder ein Flugzeug steuern könnte? Der Gedanke kam wie von selbst, und ich war mir sicher, die Antwort zu kennen. Ja, Alma Alonso würde sterben. Und klar sagte ich das, ohne sie zu kennen, aber ich kannte eins ihrer Bilder.

Und das sagte alles.

Ich hasste, wie mir in genau diesem Moment DrakesStimme in den Gedanken nachhallte. Die genau richtigen Worte zur genau falschen Zeit. Ich hatte keinen blassen Schimmer, ob sich das jemals ändern würde.

Wenn du jetzt gehst, bist du tot, Nicholas. Du wirst es bereuen. Jeden verdammten Tag. Und weißt du auch, wieso? Weil dein Leben sich nicht mehr wie ein Leben anfühlen wird. Aber mach ruhig, verschwinde, und sei ein verdammter Feigling. Kehr den Pinseln den Rücken zu. Den Leinwänden, deinen Skizzen, deiner Palette, deinen Farbtuben, selbst dem verdammten Gesso. Du bist ein bescheuerter Idiot, wenn du glaubst, dass du einfach mit der Kunst aufhören kannst. Hast du’s etwa vergessen? Du schwimmst in jedem deiner Bilder. Und wenn du jetzt gehst, wirst du in der Welt ohne Kunst verbrennen. Und deine Kunst wird dich verfolgen. Das schwöre ich dir.

Drake. Drakes letzte Worte in meinem Kopf. Drakes messerscharfes Abbild in meinen Gedanken. Sie in ihrem bodenlangen Stoffkleid, kadmiumrot um ihren gebräunten Körper. Nur ihre Arme waren nackt gewesen. Dieser letzte Augenblick in ihrem Atelier, nachdem sie mir die Worte ins Gesicht gespuckt hatte. Wie sie sich dann den Mund am Handrücken abgewischt und ihn aggressiv auf meinen gepresst hatte. Es war ein wütender und verzweifelter Kuss gewesen. Schon gar kein romantischer, denn Drake stand auf Frauen. Trotzdem Farben ringsum, Farben auf meinen Lippen und auf meiner Zunge. Farben ganz, ganz tief in mir. Dann hatte ich mich von ihr gelöst und war gegangen. »Du bist jetzt tot, Nicholas«, hatte sie mir nüchtern nachgerufen.

Ich zuckte zusammen, als das Handy in meiner Hosentasche vibrierte. Ablenkung mal zur genau richtigen Zeit. Ich schob den grünen Hörer zur Seite und ging ran.

»Wann bist du da?«, fragte Charlie.»Wir warten schon alle auf dich.«

»Wir?«

»Dad, Mum und ich.«

Ich musste ein Seufzen unterdrücken und erklärte ihm, dass ich mich beeilen würde. Anschließend setzte ich meinen Weg fort, ohne mich umzudrehen. Der Hauptanzeigetafel in der Mitte des Platzes entnahm ich den Haltestellensteg meiner Buslinie Richtung Victoria. Ich war noch zwei Stege entfernt, da bemerkte ich sie. Diese Flugbegleiterin, die offensichtlich darum bemüht war, nicht als solche erkannt zu werden. Sie trug eine dunkle Winterjacke, grau-weiße Mütze und klobige Boots. Sogar das Crew-Schild hatte sie von ihrem Gepäck entfernt, aus ihrer Uniformhandtasche jedoch ragte ein Stück des LondAir-Halstuchs hervor. Neongrüne Kopfhörerschnüre verschwanden unter dem Stoff ihrer Mütze, während sie in einen Bus Richtung Kingston stieg.

Nein, dachte ich. Das kann nicht sein. Aber je länger ich diese Frau musterte, desto bekannter kam sie mir vor. Der dunklere Hautton, die dicken Haarsträhnen und die abweisende Ausstrahlung. Das angespannte Gesicht, die zusammengepressten Lippen. Die kerzengerade Haltung. Dieses ungeduldige Von-einem-Fuß-auf-den-anderen-treten, so als müsse sie schnell woandershin, weil sie Millionen weitere Aufgaben zu erledigen hatte.

War diese Frau, die als Letzte ihr Gepäck in den Doppeldeckerbus hievte und dann endgültig aus meinem Blickfeld verschwand, Olivia Green?

Der Gedanke ging mir nicht aus dem Kopf. Im Bus zückte ich mein Handy, öffnete Facebook und wollte gerade Olivia Green in die Suchleiste eingeben, da verharrte ich unvermittelt. Oben auf meiner Timeline wurde ich an ein hochgeladenes Foto von vor drei Jahren erinnert. Willy und ich, breit grinsend vor dem Trevibrunnen. Rechts von uns erkannte ich einen gletscherblauen Pulloverärmel, der bestimmt Theo gehört hatte.

Auf dem Schnappschuss grinste Willy sein Einemillionendollarlächeln, mit dem sein Agent sich die zig Werbedeals erklärte, die er als Profibasketballspieler ergatterte. Und ein bisschen stimmte das schon, die makellos weißen Zähne und der perfekte Winkel, mit dem sich seine Lippen immer nach oben zogen. Trotzdem fragte ich mich, ob ihm niemand die Unsicherheit ansah. Sein Traum könnte doch jederzeit mit einer plötzlichen Verletzung oder einem entscheidenden versemmelten Freiwurf platzen.

Ich war schon in Gedanken bei der Nachricht, die ich Willy schicken wollte, ein einfaches Wie geht’s, vielleicht auch ein Screenshot dieses Posts, als ich sie erkannte. Das Mädchen mit dem unendlich dichten Haar ganz rechts. Abseits der posierenden Menge, eine Beobachterin des touristischen Geschehens. Ihr Blick schweifte in meine Richtung. Er wirkte gequält. Wie der einer Außenseiterin mitten im ungewohnt unbekannten Spektakel.

Olivia.

Kapitel 5

Olivia

245 Tage

Neongrüne Kopfhörerschnüre, dicke Glitzersocken mit aufgedruckten Herzen und gediegen gefaltete Kleidung. Das alles quoll aus dem Hartschalenkoffer, als ich ihn gegen zweiundzwanzig Uhr am nächsten Tag in dem Dubliner Hotelzimmer öffnete. Dieses Gepäckstück war mein zweites Zuhause, immer sorgfältig geordnet und exakt auf meinen aktuellen Aufenthalt abgestimmt. Ich spielte das Ich-packe-meinen-Koffer-Spiel schon so lange, ich hatte eine unfehlbare Strategie entwickelt.

Vor einer halben Stunde waren wir im Hotel angekommen, jetzt würde mich June jeden Moment abholen. Ich griff nach Jeans und Pullover und schlüpfte in die frische Kleidung, da war das kurze Klopfen an der Tür auch schon zu hören.

»Welche Farbe hat deine Unterwäsche?«, fragte sie.

Ich beobachtete verwirrt, wie June auf flachen Overknees mein Zimmer betrat, sich auf das Bett niederließ und ein pinkfarbenes Seidenpapierrechteck aus der Tasche fischte.

»Lass mich raten, sie ist schwarz, oder?«

»Du weißt, dass du wie ein Typ klingst, der Lilah anschreiben würde, oder?«

»Seit wann trage ich Logo-Sweaters, mache Hantelbankselfies und höre Raps, die in den Charts sind?« Sie lachte. »Egal, was du sagst, ich wette, deine Unterwäsche ist nicht rot.«

Mit wackelnden Augenbrauen reichte sie mir das Seidenpapierteil zum Öffnen. Ein burgunderfarbener Slip. Ich runzelte die Stirn.

»Wir haben jetzt alle einen. Alba sagt, rote Unterwäsche an Silvester bringt Glück in der Liebe.« Sie warf sich das Haar nach hinten, sodass ich die riesigen goldschimmernden Dreiecke an ihren Ohrläppchen erkannte. »Was sagst du?«

Mein Blick schweifte ratlos von dem Wäscheteil zu ihren Ohrringen. »Es ist irgendwie komisch, dass Alba uns Unterwäsche schenkt.«

»Hab ich ihr auch gesagt, aber dann meinte sie, dass ein bisschen Glück in der Liebe noch nie jemandem geschadet hat, und ich habe mich daran erinnert, dass Alba die beste Stiefmum ever ist.« Sie zuckte mit den Achseln. »Und was sagst du zu meinen Ohrringen? Cool, oder? Mal was anderes. Das ist übrigens mein Vorsatz fürs nächste Jahr.«

»Riesige Ohrringe zu tragen?«

»Einfach mal Neues ausprobieren.«

»Lilah hat dir also auch eine Liste mit Neujahrsvorsätzen geschrieben?«

Ich zog die Jacke an und überprüfte mein Aussehen im Spiegel. Einfache Jeans, einfaches Top, einfache Schuhe. Zufrieden atmete ich aus. Ich trug nur gedeckte Farben und simple Schnitte. Am liebsten verwaschene Jeans, kombiniert mit schlichten Gürteln, engen Rollkragenpullovern und meinen Lieblingsboots.

»Nein, ich habe selbst eine Liste geschrieben. Keine Fast Fashion mehr kaufen, einen guten Sommer haben, jeden Tag ein Polaroid schießen und daraus nächsten Dezember ein Fotoalbum basteln. Es sind bloß drei Punkte. Quality over Quantity. Du weißt schon.«

Sie umklammerte die Goldkette mit dem plättchenförmigen Anhänger, der unter der weißen Vintagebluse verschwand. Dazu trug sie einen Karorock und eine schwarze Strumpfhose mit Herzmuster. June hatte eine Schwäche für Mode und Lidstriche in jeglicher Form. Nur wenn sie abends die schlichten Sneakers zum Laufen schnürte, war sie mit ungeschminkten Augen zu sehen.

»Ziehst du den nicht an?« Sie nickte zu dem roten Slip herüber, weil ich ihn achtlos in den Koffer geworfen hatte.

»Keine Zeit. Wir sind zu spät dran.«

Sie erhob sich mit einem Seufzen, wobei sie zwei Minisektflaschen aus ihrer Handtasche hervorzückte. Die mit der blau gefärbten Flüssigkeit streckte sie mir entgegen.

»Make a blueberry blue wish. Beim ersten Schluck darfst du dir was wünschen.«

Während ich das Flaschenetikett beäugte, machte June mit ihrem Handy das letzte Foto in diesem Jahr von mir.

*

Wir verließen das Zimmer um kurz vor elf. In der Lobby wünschten uns Hotelangestellte einen schönen Abend, auf der Straße roch es nach Silvester. Ein bisschen verbrannt nach zu früh geknallten Böllern und fröhlichen Menschen, die stickig überfüllte Bars ansteuerten.

So wie June und ich.

Unser Ziel war das Hunter’s, in dem unser Kapitän einen Tisch für fünfzehn LondAir-Mitarbeiter reserviert hatte. Genügend Plätze für die drei Crews, die jeden Abend in Dublin übernachteten. Auf TripAdvisor hatte das Hunter’s 4,9 Sterne und June hatte gemeint, dass 4,9 Sterne fast fünf seien und wir deshalb dorthin müssten. »Das wird so cool, wirst schon sehen«, hatte sie gesagt.

Aber alles, was ich beim Betreten der Bar sah, waren fremde Körper, die sich gegen andere fremde Körper pressten. Schwitzige Männerhände auf wackelnden Frauenhintern, lautes Gedrängel und improvisiertes Getanze. Das Hunter’s sah aus wie jede andere Bar. Nur die Wände belebten die dämmrige Stimmung, tapeziert mit unzähligen Bildern, Plakaten und Trinksprüchen.

»Das ist unsere Crew, oder?«

June deutete nach links, wo ein voll besetzter Tisch neben dem anderen stand. Mein Blick blieb an dem Kabinenchef Matthew hängen, der selbst in seiner Alltagskleidung wie in Uniform wirkte. Das weiße Hemd war jetzt dunkel, das helle Haar jedoch immer noch uniformkonform streng nach hinten gegelt. An seinem Handgelenk glänzte die teure Armbanduhr, das treffsichere Indiz der gehobenen Crew.

»Jep«, sagte ich. »Das sind sie.«

Also ab in die Menge, wo wir uns an tanzenden Gästen vorbeidrängelten und unbekannt nackte Haut mich berührte. Fast war mir so warm, dass ich an der wirklichen Existenz des Neujahrswinters zweifelte.

»Olivia, June, da seid ihr ja endlich!«

Hadley lächelte uns entgegen, als wir uns auf den freien Plätzen in der Sitzecke niederließen. Sie war eine von diesen Flugbegleiterinnen, die den Lippenstift viertelstündlich nachzogen und Bilder von leeren Airbus-Kabinen in ihre Instagram-Story posteten, um so etwas wie Come fly with me beizufügen. Zu Hause war sie nicht vor ihrem IKEA-Malm-Frisiertisch, sondern zwischen Instagram-Benachrichtigungen und Eine-Millionen-Likes-Hotelaussichten.

»Ich habe schon auf euch gewartet«, rief sie. »Wisst ihr eigentlich, dass ich mich die ganze Zeit gefragt habe, ob … Oh, da ist Nick ja endlich mit dem Alkoholnachschub!«

Hadley wandte sich zum Tischende, wo dieser Nick mit einem Tablett voller Longdrinks stehen geblieben war.

»Danke fürs Bestellen, Nick«, sagte Kapitän Ryan, der weiter vorn Getränke annahm und weiterreichte.

»Kein Problem.« Das waren die ersten zwei Worte, die er sagte. Ich hörte seine Stimme, bevor ich ihn genauer betrachten konnte. Sie klang fremd und tief, dabei so laut, dass sie mühelos über die Musik hinweg zu verstehen war.

»Ja, danke, Nick«, sagte ein mir fremder Kollege, während ich diesem Nick ins Gesicht blickte.

Er sah gut aus. Markanter Kiefer, leicht schief stehende Nase und dichte Brauen. Dunkle Locken, an den Seiten kürzer als in der Mitte, dort wahrscheinlich einen Tick zu lang. Er war attraktiv und die Art von Mann, dessentwegen ich Lilah mit dem Ellbogen angestoßen hätte, um sie auf ihn aufmerksam zu machen. Ich wusste, dass Nick Pilot war, ohne dass es mir jemand sagte. Die letzte Runde war auf ihn gegangen und er hatte diese ruhige und unterschwellig selbstbewusste Art. Pilot. Nick war eindeutig Pilot. Und doch hockte ich versteckt in dieser Sitzecke und starrte ihn an, wie er wiederum plötzlich das Stück Wand vor sich fixierte.

Wie hypnotisiert.

Das war der Moment, in dem ich ihn wiedererkannte. Der Typ in Uniform von gestern Nachmittag, ein Blick auf zwei Beinen, einzig fokussiert auf ein Bild. Eigentlich beäugte er gerade bloß ein Stück Papier, mit einer Heftzwecke an die Wand gepinnt. Durch die Dunkelheit erkannte ich vage lose Umrisse und bunte Farben. Vielleicht ein orangegelbes Paar mit roten Köpfen.

Nick. Stumm wiederholte ich seinen Namen in Gedanken. Nick. Pause. Nick. Pause. Nick …

Da klingelte etwas, ganz subtil, sehr sacht und zu leise, um inmitten dieses bebenden Geschehens herauszufinden, was es war. Dennoch kam es mir so vor, als wäre er Planet X. Als suchte ich verbissen nach jemandem, der gar nicht existierte. Aber ich konnte nicht aufhören. Nick verströmte Ausstrahlung wie Atmosphäre. Bedingungslos und rücksichtslos. Was mehr als abgespact-seltsam war.

Ich hatte keinen Schimmer, wer er war.

Ich hatte keinen Schimmer, wer ich war, als ich ihn wie besessen anstarrte.

Nur noch eine Sekunde länger, ein Stück tiefer, einen Wimpernschlag intensiver. Dann wüsste ich, woher ich ihn kannte. Doch June stupste mich mit dem Ellbogen an.

»An die Bar?«

Ich wandte mich widerwillig von Nick ab, Mission gescheitert, Houston, ich habe das Problem leider nicht gelöst. Mittlerweile hatte er sich gefangen und stieß mit Cockpitkollegen an. Breit grinsend und völlig sorglos, klassisch wie ein LondAir-Angestellter in Ausgehform.

Ein Pilotengrinsen.

An der Theke bestellten wir doppelten Gin Tonic, der Barkeeper starrte June auf die Brüste und im Hintergrund liefen Songs aus den Neunzigern. The Cure, Oasis und Radiohead in Form von modernen Remixen, sehr schreckliche Versionen. Ich musterte den dunkelgrauen Shirtrücken des Barkeepers und dachte an Sams graues Lesezeichenbändchen, da standen die fertig gemixten Drinks schon vor uns.

»Worauf stoßen wir an?«

»Aufs Spontansein, Freisein und Wildsein.« Ich hob eins der Gläser in die Luft.

»Aufs Spontansein, Freisein und Wildsein.« June nickte. »Das ist ein guter Vorsatz.«

»Natürlich ist es das. Stammt ja schließlich von Lilah.«

Wir stießen an, ehe wir uns den Weg zur Tanzfläche bahnten. Dreiundzwanzig Minuten fehlten bis Neujahr, und wir hatten noch keine einzige von ihnen getanzt. Eine Tatsache, die wir Lilah verschweigen würden, würde sie uns fragen. Sie war nämlich eine furchtlose Draufgängerin, die uns manisch ins spontane, freie und wilde Leben zerrte. June und ich waren anders und leise, jede auf ihre ganz eigene Art. June wollte das Leben festhalten und keine Minute vergessen, reihte voll beschriebene Tagebücher auf einem Regal nebeneinander und fragte uns: »Wisst ihr noch, als …« June war kein brennender Sommerabend, an dem man sich wünschte, man wäre grenzenlos und unsterblich wegen all der perfekt vergänglichen Wärme. Sie war ein Frühling, der sich leise anschlich. Mit Sonnenstrahlen, Regenschauern und den Augenblicken dazwischen, in denen die Wolken sich verzogen und du dir dachtest: Da hat sich der Frühling also versteckt.

Außerdem tanzte June genauso, wie sie war. Ein bisschen schüchtern wie mit angezogener Handbremse. Doch in den Momenten, in denen sie die Augen schloss, weil die Musik ihr so unter die Haut ging, machte etwas Klick. Als wären die Träume in ihr verschwunden und hätten sich mit der Realität verbunden. Wie gerade bei dem Remix von Wonderwall, der genauso furchtbar war wie die Songs davor. Doch bei Maybe you gonna be the one that saves me wurde ihre Miene so weich, dass es mir ein bisschen wehtat.

Vielleicht weil ich wusste, dass mein Gesicht nie so aussah.

Kurz vor Mitternacht winkte Hadley uns zum Anstoßen nach draußen. Zur Feier des Tages spendierten die Kapitäne Champagner, der unter Feuerwerknebel verteilt wurde. Wir ließen Gläser klirren und wünschten uns ein frohes neues Jahr als Fremde, die wir doch waren, selbst wenn wir uns Kollegen und Kolleginnen nannten.

»Wieso lächelst du nicht?«, fragte June, nachdem wir uns umarmt hatten. »Du solltest lächeln, weißt du? Nee, streich das wieder. Am besten solltest du auf das Dach der Bar klettern und schreien: Oxford, ich komme!«

Vorbeifahrende Autos hupten mit offenen Fenstern, Böller knallten, Kaskaden aus Feuerwerken gingen auf, die Luft war dick und nebelig. In meinen Augenwinkeln verglühten Wunderkerzen.

»June?« Meine Wangen brannten. »Was … was mache ich, wenn ich nicht angenommen werde?«

»Wenn du nicht angenommen wirst? Du hattest einen Notendurchschnitt von null-Komma-neun. Wenn dir langweilig ist, löst du die Aufgaben in deinen Rätselheften, in denen ich nicht mal die Fragestellungen verstehe. Du hast ein Pi-Tattoo auf dem Handgelenk, und es gab keine Sekunde, in der du keine Matheolympiade-Klausur durchgerechnet hast. Du und Oxford? Ihr seid füreinander geschaffen. Wirst schon sehen.«

Wirst schon sehen.

Das war Junes Lieblingssatz in Bezug auf mich, denn sie war der Meinung, ich hätte es nicht so mit dem Träumen und Hoffen und bräuchte stattdessen ausschlaggebende Beweise. Ich könnte behaupten, das hätte ich vom verschollenen American Boy mit den zig wissenschaftlichen Auszeichnungen. Aber dann hätte ich die Mail erklären müssen, und das wollte ich nicht. Nicht am Ersten Ersten, in den paar Minuten voller Neujahrswünsche und großer Hoffnungen. Dafür war ich zu gut im Genauinspizieren und Wiederwegsehen, im Ignorieren, scheinbaren Vergessen und heimlichen Distanzieren. So öffnete ich nur die Augen und drückte ihre Hand. Ein stummes Danke. Anschließend stießen wir ein weiteres Mal an und hielten nach Hadley Ausschau, die bestimmt eine neu geöffnete Champagnerflasche umklammerte. Kaum hatte ich sie entdeckt, vibrierte Junes Handy.

»East ruft an.« Grinsend starrte uns ihr Stiefbruder vom Display entgegen. »Ich gehe schnell um die Ecke, ja?«

»East, der Gute, der dieses ultraschwere Sudoku gelöst hat, an dem ich so verzweifelt bin. Und das auch noch in weniger als zehn Minuten.« Ich wackelte mit den Brauen. »Grüß ihn von mir.«

June schüttelte den Kopf und trat belustigt zur Seite. Ich hingegen hatte jetzt eine Mission und ging mit zwei leeren Gläsern auf Hadley zu. Ich erkannte sie neben unserem Co-Piloten, einem attraktiven Mann mit Ehering, den ich um die dreißig schätzte. Neben ihr und ihrem lauten Lachen wirkte er leicht verloren. Als ich jedoch Nick weiter vorn bemerkte, hielt ich mitten im Gehen inne. Nick, der ultimative Träumer. Nick, der verpeilte Pilot. Nick, bei dem es ganz leise klingelte.

Wie angewurzelt stand er im Bartürrahmen. Leute rempelten ihn beim Rein- und Rausgehen an, von links und rechts, sie alle streiften seine Schultern und fluchten über diesen Typ, der sich einfach nicht von der Stelle rührte.

Nick, der dabei bloß mich ansah.

Bis ein Feuerwerkskörper so laut am Himmel explodierte, dass er zusammenzuckte und sich in Bewegung setzte. Sechs Schritte noch, dann wäre er bei mir.

Fünf. Wieso zum Teufel kommt er auf mich zu?

Vier. Dieses Haareraufen. Ich kenne das.

Drei. Wieso starrt er mich so an?

Zwei. Und warum pocht mein Herz dabei so betörend laut?

Eins. Nick. Nick. Nick. Woher kenne ich dich?

»Hey«, sagte er. »Wir kennen uns doch, oder?«

Kapitel 6

Nick

Nach 895 Tagen

Das Licht war so gedämpft, dass ich ihre Augenfarbe nicht erkennen konnte. Trotzdem wusste ich, dass ihre Augen diese eine Nuance zwischen Braun und Grün hatten. Schilfgrün, wenn Sonnenstrahlen ihr ins Gesicht schienen. Oder wenn sie über Themen redete, für die sie brannte. Von Zahlen, Formeln und Klammern, die nur sie durchschaute.

Zumindest war das früher so gewesen.

Mit offenem Mund starrte Olivia mich an, und ich starrte zurück. Sie sah aus, wie sie immer ausgesehen hatte. Und irgendwie auch nicht. Sie trug keine zerrissenen Chucks mehr, auf denen sie und ihre Freundin herumgekritzelt hatten. Kurz vor unserem Abschluss hatte ich das winzige Wort auf der linken Spitze im Klassenzimmer erkannt. Oxford. Geschwungen, mit Edding, das ersteO größer als die anderen Buchstaben.

Jetzt betrachtete ich ihre dunklen Stiefeletten und fragte mich, ob sie die Chucks in die Tonne geschmissen hatte. Ihre Beine steckten in dunklen Jeans, die am rechten Knie gerissen waren und eine schwarze Strumpfhose entblößten. Ihr Reißverschluss war bis zum Kinn geschlossen, ein mitternachtsblauer Mantel, der ihr bis zur Mitte ihrer Oberschenkel reichte. Die erste Jacke, in der ihre Arme nicht ertranken.

Ich wünschte, wir wären irgendwo gewesen, wo es heller war. Ich hätte gern herausgefunden, ob sie immer noch die Sommersprossen auf der Nase und den Wangen hatte. In unserer Stufe war sie bloß als Stipendium-Pocahontas bekannt gewesen. Wegen ihres dicken Haars, das ihr bis zu den Hüften gereicht hatte. Wegen ihrer Haut, die einen Ticken dunkler als die der meisten Schüler und Schülerinnen gewesen war. Und wegen ihrer außergewöhnlich guten Noten, mit denen sie es an die private Leyton High geschafft hatte.

In Gedanken hatte ich sie immer mit dem Wort dazwischen verbunden, weil sie von allem ein bisschen gewesen war. Ein bisschen braunäugig, aber auch ein wenig grünäugig. Privatschülerin und Stadtrandbewohnerin. Unscheinbar, wie sie mit gesenktem Kopf durch die Schulgänge getrottet war, aber auch Überfliegerin, die im Unterricht diese Schlauheiten von sich gegeben hatte.

»Wir sind schon mal zusammen geflogen«, sagte Olivia. »Stimmt’s?«

Über ihr gingen Feuerwerke auf. Zwanzig Minuten im neuen Jahr, ich fragte mich, wann die Dubliner endlich aufhörten, wie bescheuert Raketen in die Luft zu jagen. Es war offensichtlich, dass sie mich nicht erkannte. Zuzugeben, eigentlich war es völlig wahnsinnig, dass wir uns nach mehr als zwei Jahren überhaupt gegenüberstanden. In Irland. Als Erwachsene. Ganz zufällig. Je länger ich darüber nachdachte, desto verrückter kam mir die Situation vor.

»Nick?« Sie blinzelte. Dunkle Augen, lange Wimpern. »Hast du mir zugehört?«

»Wenn du nicht weißt, wer ich bin, wieso kennst du dann meinen Namen?«

»Die Frage ist eher, ob du meinen kennst.«

»Olivia L. Green. Ich tippe auf L wie Lillian.«

Dicht über ihrem Kopf zersprang ein eiskaltblauer Feuerwerkskörper. Die Lippen teilten sich zweimal, ohne dass sie etwas sagte.

»Woher kennst du mich?« Sie verschränkte die Arme vor der Brust.

Olivia, immer bereit, sich zu verteidigen.

Keinen Schimmer, ob sie einfach so war oder ob die Leyton High sie zu diesem Menschen gemacht hatte.

»Nop«, sagte ich. »So funktioniert das nicht. Ich habe dir deine Frage beantwortet. Jetzt bist du dran. Woher weißt du, wie ich heiße?«

»Na ja, Hadley hat deinen Namen erwähnt, als du mit der neuen Getränkerunde an den Tisch gekommen bist.«

»Hadley?«

Hastig sah ich zu meinen angetrunkenen Kollegen hinüber. Ich dachte an die Frau von gestern. Die Olivia-Green-Doppelgängerin als getarnte LondAir-Flugbegleiterin.

»D… du arbeitest also wirklich bei LondAir?«, fragte ich.

Sie öffnete den Mund, glänzend, mit einem perfekten Herzen darüber.

Unmöglich, nicht daran hängen zu bleiben.

Unmöglich, dann wegzusehen.

Doch sie wurde von einem Barangestellten unterbrochen, der Gratis-Wodka-Shots durch die Menge bugsierte.

»Frohes Neues!«

Ende der Leseprobe