Flerya - Emily Thomsen - E-Book

Flerya E-Book

Emily Thomsen

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Beschreibung

Flerya fällt es schwer, sich in dem für sie unbekannten Leben als Drachenprinzessin zurechtzufinden. Ihr gelingt es nicht, Nähe zu ihrem Vater, König Gardorath, aufzubauen und sie beginnt sich zu fragen, ob sie nach Yadirans Verrat je wieder vertrauen kann. In der Zwischenzeit erstarkt die Ghulkönigin zu neuer Macht und bedroht mit ihren seelenlosen Heeren das freie Leben Emireschas. Ihr Schlachtenlenker Yadiran ist entschlossener denn je, die Drachen zu töten. Indessen der Krieg mit ganzer Grausamkeit über das Land hereinbricht, liegt das Schicksal aller Völker bei Flerya und ihrer Bereitschaft, dem Mann zu vergeben, der ihr nach dem Leben trachtet. Teil 1 : Flerya Drachenschlaf Teil 2 : Flerya Drachenliebe Teil 3 : folgt

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Flerya

Drachenliebe

Emily Thomsen

Copyright © 2019 by

Drachenmond Verlag GmbH

Auf der Weide 6

50354 Hürth

http: www.drachenmond.de

E-Mail: [email protected]

Lektorat: Nina Bellem

Korrektorat: Michaela Retetzki

Layout: Michelle N. Weber

Umschlagdesign: Marie Graßhoff

Bildmaterial: Shutterstock

Illustrationen: Anja Uhren

ISBN 978-3-95991-355-3

Alle Rechte vorbehalten

Inhalt

1. »Es sind die unsichtbaren Wunden, die am meisten schmerzen.«

2. »Alle Nöte, die du überhörst, schreien im Traum nach Hilfe.«

3. »Fernab am Horizont mit gewitterschwarzen Wolkengebilden zieht er auf, um uns zu verschlingen: der Tod.«

4. »Alles ist so, wie es nicht sein sollte. Grausamkeit herrscht über die Welt.«

5. »Wir alle tragen Dunkelheit in uns; ob du ihr verfällst oder ihr standhältst, macht am Ende deinen Charakter aus.«

6. »Leben und Tod sind zwei Gewichte in der Waage des Schicksals.«

7. »Manche tragen Kälte im Herzen und Krankheit in der Seele.«

8. »Entweder in Einheit leben oder als Narren das Leben vergeben.«

9. »Große Momente werden in jenen Stunden geboren, in denen wir das tun, was wir uns nie zugetraut hatten.«

10. »Das Verbotene beinhaltet die größte Versuchung.«

11. »Du solltest niemals Angst haben, das zu sagen, was du fühlst, Drachin.«

12. »Was, wenn die Liebe, wie ich sie mir vorstelle, nicht existiert?«

13. »Jeder von uns kommt mit einem außergewöhnlichen Schicksal auf diese Welt. Er hat etwas zu leisten.«

14. »Das Gefühl, einen Beitrag zu leisten. Nicht mehr zu verharren.«

15. »Ihr hastet und flieht, dabei müsst ihr nur genau hinsehen, um euch selbst zu finden.«

16. »Wenn Herz und Verstand im Zwiespalt schwanken, folge lieber deinem Herzen.«

17. »Jeder Tag, an dem du dich entscheidest aufzustehen, bringt den Kampf. Nur dein letzter bringt dir Frieden.«

18. »Am Ende überlebt nicht der Stärkste oder Gelehrteste, sondern derjenige, der sich dem Wandel anpassen kann.«

19. »Du willst dein Reich verändern? Verändere zuerst deine Siedlung.«

»Es sind die unsichtbaren Wunden, die am meisten schmerzen.«

Yadiran

Einen verhungernden Wolf musst du füttern, sonst beißt er dir die Hand ab«, sinnierte die Königin mit einem Blick auf ihre Kämpfer. Yadiran war deren begieriges Beäugen der Menschen nicht entgangen, doch sie brauchten die Mannschaft. Er war sich nicht sicher, ob die Königin nicht von sich selbst gesprochen hatte. Seit ihrer Flucht von Mongana hatte sie drei Seeleute getötet und ihnen die Seelen geraubt. Ihr Hunger schien sie zu verzehren. Er hatte gesehen, was geschah, wenn die Abstände zu weit auseinanderlagen. Sie bekam quälende Schmerzen.

»Sie stehen nicht vor dem Verhungern, sie sind gierig.« Er spie einen Schwall Spucke in die Brandung, die um den Bug aufschäumte. Sie hatten das Ufer von Emirescha fast erreicht. Yadiran deutete auf ein Gebäude, das nahe der Klippen stand. Sie waren so nah, dass er die Bewohner sehen konnte. »Das Schicksal ist uns gewogen«, sagte er lächelnd. »Auf dem Hof können die Männer ihren Hunger stillen. Usgrem wird mit vierzig Rudall Koer weitersegeln. Ich habe eine Aufgabe für ihn.«

Mit zwei Beibooten setzten sie zum Ufer über. Wegen der Länge ihres Schwanzes und ihrer schieren Größe waren nur drei Ghul bei ihr, um das Boot an Land zu rudern.

Kaum am Ufer angekommen, sprangen die Krieger aus dem Kahn und hetzten einen schmalen Weg entlang die Klippen hinauf zum Gehöft. Sie hatten den Befehl, der Königin den jüngsten Bewohner zu bringen. Lebend.

Yadiran starrte aufs Meer. Vom Hof her drangen Kinderschreie und Wehklagen. Das Schiff mit seinen Männern segelte hinaus. Königin Aine schwang ihren Schwanz über den steinigen Strand. An der Art, wie sie die Bewegung ausführte, abgehackt und fahrig, erahnte er, wie aufgewühlt sie war. Der Kies knirschte. Steine flogen umher und schlugen entfernt zurück auf den Boden. Die Männer kamen den Weg herunter. Sie feixten und lachten, während ein Knabe hilflos und ängstlich weinte. Ein junger Bengel von allenfalls zwei Jahren.

»Bringt ihn mir«, raunte Aine. Ihre Stimme bebte vor Begierde nach der Kinderseele. Auch er roch die süße Verlockung. Das tat er immer. Er gab sich ihr nur nicht hin. Ein gellender Schrei hallte über den Strand und hinter ihm verstummte jäh das Weinen des Kindes. An der Küste brachen sanfte Wellen ans Ufer. Yadiran versuchte, sich auf das helle Rauschen vor sich zu konzentrieren und das Schmatzen und Gurren der Königin auszublenden, als Vilgo neben ihm auftauchte.

»Hast du keinen Hunger?«, fragte ihn sein Stellvertreter.

»Nein«, erwiderte er.

Vilgo lachte leise. »Dein Pech. Das Gehöft war voller Kinder. Eine große Familie. Jetzt ist nichts mehr für dich übrig.«

Yadiran hob die Schultern. »Glaubst du, das interessiert mich?« Er deutete auf das Schiff, das allmählich am Horizont verschwand. »Ich sehne mich nach wesentlich größeren Unterfangen als profaner Gier.«

Vilgo klopfte Yadiran auf die Schulter. »Nur wenn Usgrem das Unmögliche schafft. Ansonsten hast du zwanzig gut ausgebildete Rudall Koer in den Tod geschickt.«

Yadiran beobachtete Krebse, die zwischen nassen Steinen krabbelten und nach kleinen Fischen suchten, die mit der Brandung in kümmerliche Buchten und Pfützen gespült wurden. Entkommen unmöglich. Solche Lachen wollte er für den Drachen und seine Getreuen ebenfalls errichten. Entkommen unmöglich.

Allwissender Erzähler

»Was passiert jetzt mit euch?«

Das Mädchen trauerte um ihre beste Freundin. Dennoch galt seine Sorge den Verbannten Monganas. Ein Umstand, den die Seherin mit Wohlwollen wahrnahm. Sie war sich sicher, die Entscheidung des Königs zu kennen. Sie hatte sein Gespräch mit dem jungen Heerführer belauscht. Mongana war nicht der passende Ort für alles Lebendige, dessen war er sich nun bewusst. Deshalb antwortete sie ihr, ehe König Gardorath seine Entscheidung verkündet hatte.

»Phaesri und ich begleiten euch nach Astrama. Jeteff ebenfalls. Der Rest darf zurück nach Hause.« Aufmerksam lauschte die Alte auf die Reaktion der Prinzessin, deren Anspannung bis zu ihr drang. »Du gehst doch mit deinem Vater, Kind?« Das Mädchen sog zischend Luft zwischen zusammengepressten Zähnen ein.

Der König saß am Brunnenrand und sprach mit dem Heerführer und dessen treuen Gefährten. Keinen einzigen Augenblick verlor er dabei seine Tochter aus den Augen. Wie gern wäre er zu ihr gegangen. Wie gern hätte er sie umarmt und nie wieder losgelassen. Er tat es nicht, denn er sah ihr die Verwirrung an und er vertraute dem Urteil des Heerführers, dessen Rat ein anderer gewesen war: ihr Zeit zu geben. So viel wie nötig. Tief im Herzen fühlte er die Wahrheit seiner Worte, sosehr sie ihn schmerzte. Das Mädchen sah seiner Mutter ähnlich. Es war, als hätte er sie beide wiedergefunden, doch die Kluft zwischen ihnen war gewaltig und die Pein kaum zu ertragen. Der König mahnte sich, Ruhe zu bewahren. Seine Tochter war am Leben. Nichts anderes zählte.

»Mein Vater?« Verwirrung und Zweifel schwangen in ihren Worten mit.

»Er hat uns die Wahl gelassen. Jeder darf ihn zum Herrschersitz begleiten und findet dort eine neue Heimat. Ganz egal, was sie getan haben. Allerdings hat er uns alle gewarnt. Wer noch einmal ein Verbrechen begeht, landet im Kerker.«

»Nicht nach Mongana?«, fragte die Prinzessin überrascht. Die Seherin wunderte sich nicht. Sie war blind, als Ausgleich funktionierten andere Sinne um ein Vielfaches besser. Das Mädchen fürchtete sich vor den Drachen. Sie waren Monster in seinen Augen. Ihre Meinung über den König war daher von Furcht geprägt. »Liam hat ihm erzählt, was auf Mongana vor sich geht.«

»Keine Seele reist von hier nach Avalon«, hauchte das Mädchen und seine Stimme war schwer von Trauer. Tief vergraben in ihrem Herzen ahnte sie, wie weitreichend die Folgen waren. Die Alte wollte der Prinzessin helfen, ihr den Schmerz erleichtern, so wie dies sonst immer die Banshees taten. Wenn sie eine Seele begleiteten, hinterließen sie Trost für alle, die zurückblieben.

»Du kannst sie retten, Flee, aber nicht allein«, sagte sie deshalb.

Das Mädchen war den Tränen nahe, als es antwortete: »Ich weiß nicht wie.«

»Du wirst es wissen, wenn die Zeit gekommen ist«, beschwichtigte die Alte und tätschelte dabei die Hand des Mädchens. »Wer nur das Ziel vor Augen hat, verirrt sich leicht. Bedenke lieber jeden Schritt, ehe du einen Fuß vor den anderen setzt und am Ende dein Ziel von ganz allein erreichst.«

Das Mädchen nickte, auch wenn es mit den Worten der Seherin für den Moment nichts anfangen konnte. Sie überließ die alte Frau Phaesris Obhut und wandte sich indessen zu dem Drachen, der ihr richtiger Vater sein sollte. Er war es. Nur weigerten sich Verstand und Herz, dies anzunehmen. Geschäftigkeit trieb die Welt um die Prinzessin herum weiter. Die Verbannten, die überlebt hatten, hoben Tote auf Karren und schafften sie in Gräber, die sie für jeden einzelnen aushoben. Auf ihnen legten sie Holztafeln nieder, in die sie den Namen des Verstorbenen und die Triskele, das Dreibogensymbol, ritzten. Das Zeichen, das wie keines sonst die Anderswelt, die irdische Welt und die Welt der Magie versinnbildlichte.

Die Prinzessin sah mit schwerer werdender Seele zu, wie sie all das taten. Im Stillen dankte sie jedem Toten für dessen Mut im Kampf und sein Opfer. Sie hatten ihr Leben der Hoffnung auf eine bessere Zukunft geopfert. Wenn diese Fremden den Mut gefunden hatten, dafür einzustehen, sollte sie es ihnen gleichtun. Sie sah zum König und begegnete dessen hoffnungsvollem Blick. Die Zeit war gekommen, sich dem Mann zu stellen, der ihr so nah war und dennoch unerreichbar weit weg. Und obwohl sie sich dazu zwang, schaffte sie es nicht, zu ihm zu gehen. Sie wich zurück, bis sie knöcheltief in einer dreckigen Pfütze stand. Neben ihr lag der Körper einer toten Frau. Ihre blutige Hand hatte das Wasser rot gefärbt. Tropfen perlten auf das Gesicht des Mädchens. Der Regen wusch die Blutlachen unter den Toten um sie herum fort, bis sie ein Geflecht aus dünnen Rinnsalen bildeten, die sich in den Pfützen sammelten. Die Prinzessin bemerkte es nicht. Ihre Aufmerksamkeit lag auf dem Drachen, der einen Schritt auf sie zutrat. Ihr panischer Aufschrei war wie ein Messerstich mitten ins Vaterherz, das gerade noch vor unsäglicher Freude und Glück in einem wilden Tanz gejubelt hatte.

Aller Augen waren auf sie gerichtet. Was der König im tränennassen Gesicht des tot geglaubten Mädchens erkannte, ließ ihn in der Bewegung erstarren. Es sah ihm voller Angst entgegen, der zartgliedrige Körper angespannt und bereit, sofort zu fliehen, sollte er ihr zu nahe kommen. Pein ergriff ihn von Neuem, fraß sich im Herz und in der Seele fest. Der König stand vor dem Scheiterhaufen seines Lebens. Er fragte sich, was mit ihr geschehen war. Was hatte Aines Schlachtenlenker ihr angetan?

Das Mädchen hatte die saphirblauen Augen seiner Mutter, in denen dasselbe Feuer loderte, und so vieles mehr. Es trug eine Kraft in sich, derer es sich nicht bewusst war. Er dagegen hatte sie augenblicklich erkannt, als sie ihre ersten Momente in dieser Welt in seinen Armen verbracht hatte. Seine Tochter hatte die Augen aufgeschlagen und ihn blinzelnd und staunend betrachtet. Neugier und Lebenswillen hatte er in ihnen gesehen.

»Flerya, mein Kind.« Seine Stimme brach unter dem Gefühlssturm, dem er nicht gewachsen war. Viele der Anwesenden kämpften mit den Tränen, weil sie ihre Geschichte kannten. Die Geschichte vom Drachenkönig, der seine kleine Tochter und seine Königin mit dem ungeborenen Sohn im Leib verloren hatte. Sie litten mit ihm und zogen sich zusehends von den beiden Drachen zurück. Mehr Kummer als den eigenen, dafür fehlte vielen die Kraft.

Das Mädchen schüttelte kaum merklich den Kopf. Tränen liefen ihm über die blassen Wangen. Hilflos suchte der König den Blick des Heerführers, der ihn beklommen ansah. Hass verzerrte dessen Züge, als Liam mit den Lippen lautlos den Namen des Mannes formte, der hierfür verantwortlich war: »Yadiran.«

Der König nickte stumm. Flerya lebte. Das musste fürs Erste reichen. Ihm war es genug, auch wenn sich eine tiefe Angst in seine Glieder fraß. Kein Erkennen lag in ihren Augen, keine Erinnerung an den Vater und ihr gemeinsames Leben, das viel zu schnell geendet hatte. Der König schluckte trocken und voller Schmerz, die Kehle brannte von den Tränen, die er zurückhielt. Das Mädchen zitterte am ganzen Leib, während einer der Getreuen des Heerführers beruhigend auf es einredete. Der kleine Waschbär Moril strich ihr dabei um die Beine. Der König wandte sich ab. Er musste, wollte er nicht den Verstand verlieren. Blanke Verzweiflung und entsetzlicher Zorn über die verlorene Zeit mit seinem Kind stritten mit der Freude über ihre Rückkehr um die Vorherrschaft. Der Drache in ihm brüllte vor Seelenschmerz, der König weinte vor Glück und der Vater wünschte sich nur eines: seine Tochter in die Arme zu schließen und nie wieder loslassen zu müssen. Trotzdem wendete er sich von ihr ab, anstatt auf sie zuzugehen. Es war, wie der Heerführer es gesagt hatte. Sie brauchte Zeit. Als hätte er, dank des Schlachtenlenkers, nicht schon genug davon verloren.

Aines Schlächter hatte fürs Erste gewonnen und dessen war er sich bewusst. Yadiran scharte mit jeder Stunde, die verging, mehr Rudall Koer um sich, mit der Absicht, so schnell wie möglich zuzuschlagen. Die Königin war an seiner Seite und mit ihr ihre seelenlosen Geschöpfe, die Homunkulusse. Der Schlachtenlenker frohlockte, die Ghul feierten heute Nacht, sie hatten alles erreicht. Da tat auch der kleine Wermuts­tropfen, dass die Drachin am Leben war, nichts zur Sache.

»Im Gegenteil«, versuchte er sein Versagen der Königin schmackhaft zu machen, »das Mädchen hat panische Angst vor Drachen. Der Schmerz darüber wird den König ablenken.«

Die Ghul verließen Mongana als Sieger, während alle anderen inmitten des Leichenfeldes standen, um Freunde, Geliebte, Mütter und Väter trauerten und mit jeder Faser ihrer Seelen fühlten, das keine Banshee ihnen und den Gefallenen Trost spenden würde. Der Wind trug Kinderweinen und das Wehklagen der Überlebenden durch die alte Feste. Um die gestorbenen Rudall Koer trauerte niemand, außer dem Mädchen, das zitternd dastand und nicht wusste, was es tun sollte. Sie war sich der Heuchelei ihres Herzens bewusst. Die toten Ghul hatten ihre Trauer nicht verdient und doch konnte sie genauso wenig etwas dagegen tun wie gegen ihre Angst vor dem Mann, den sie lieben sollte. Ihren Vater.

Unweit der Feste stand Hereanis, die Oberste Priesterin der Banshees, mit ihrem Gefolge. Sie beobachteten aus der Ferne, hörten das Wehklagen und die Rufe der Toten nach Erlösung. Alles in der Hirtin zog sie nach Mongana, doch eine stärkere Macht als die ihre stieß sie von der Insel fort. Gleichgültig, wie oft sie versuchten, dort hinzugelangen, sie liefen und rannten, ohne jemals ans Ziel zu gelangen. Mongana war verflucht und das Verderben breitete sich, jetzt, da der alte Hass neu entflammt war, rasend schnell über Emirescha aus. Die Brücke nach Avalon begann erneut zu bröckeln und inmitten der Trümmer stand die Drachin, die selbst um jene trauerte, die gekommen waren, um sie zu töten. Hoffnung keimte in der Priesterin, als sie das Mädchen betrachtete und sagte: »Darum ist sie die Auserwählte.«

Flerya

Die Bewohner hatten sich zurückgezogen, um mir und dem König Gelegenheit zu geben, uns auszusprechen. Sie war ungenutzt verstrichen. Allmählich kehrten sie zurück und karrten die letzten Leichen weg. Ich hielt es nicht mehr länger in der Nähe des Königs aus. Müdigkeit nagte an meinem dünnen Nervengerüst und ich wollte mich am liebsten hinlegen und die nächsten Tage verschlafen, doch daran war im Augenblick nicht zu denken. Meine Schuldigkeit war eine andere. Ich ignorierte Liams eindringlichen Blick und Navarions leise gemurmeltes »Bleib hier« genauso wie die traurigen Augen des kleinen Waschbären und den noch betrübteren Blick des Drachenkönigs. Steif lief ich in Richtung der verfallenen Kathedrale, in der meine beste Freundin Neslin und ihr Vater Jedres aufgebahrt auf einem Altar aus hell glänzendem Stein lagen. Die Trauer drückte mich nieder, machte die Glieder bleischwer und ließ meine Gedanken nicht zur Ruhe kommen. Wie in einem aufgescheuchten Bienenschwarm schwirrten sie umher, summten durcheinander, ohne dass ich sie zu fassen bekam. Den Blick hielt ich gesenkt. Im Augenblick wollte ich mit niemandem sprechen. Jeteff, Estith und Phaesri traten zur Seite, als ich an ihnen vorbeikam, wobei Estiths zittrige Hand meinen Arm streifte.

»Alles wird gut«, flüsterte sie mir zu. Ich glaubte ihr nicht und schüttelte den Kopf. Keine Seele verließ diese Insel. Wie konnte da alles gut werden? Sie saßen gemeinsam, mit all den verlorenen Geschöpfen da draußen im Meer, fest. Neslin und Jedres ebenso. Schreckliches geschah hier. Alle trieben gefangen zwischen den Welten umher. Mir war, als konnte ich ihre Angst fühlen. Sie harrten aus und erhofften sich durch mich Rettung. Warum ausgerechnet ich? Ich war ein Fragment meiner selbst. Das Chaos in meinem Leben konnte nicht gewaltiger sein. Ich wusste nicht, wie ich ihnen helfen sollte, wie ich Neslin und Jedres retten könnte.

Als ich die Steinstufen zur Kathedrale erklomm, kam ich mir mit jedem Schritt, den ich vorwärtstrat, schwerer vor. Niedergedrückt von den Sorgen und Problemen, die sich über mir ansammelten, von den Erwartungen, die ich niemals erfüllen konnte, und dem Herzweh, das mir Yadirans Verrat nach wie vor bereitete. Selbst jetzt, da ich in Aines Gefängnis sein wahres Wesen erblickt hatte, sehnte sich mein verdammtes Herz weiter nach dem Vater, der mich all die Jahre geliebt beziehungsweise mir vorgespielt hatte, dass er es tat. Kinder liebten bedingungslos und ehrlich. Die gleiche Liebe bestand zwischen den Geisttieren und ihren auserkorenen Freunden. Ich weigerte mich zu glauben, dass all die Jahre, die väterlichen Umarmungen, der Zuspruch und die Wärme, die ich in seiner Nähe empfunden hatte, gespielt waren. Oder hatte er sich in diesen Momenten nur der Vorstellung hingegeben, dass nicht ich, die Tochter seines Todfeindes, bei ihm war, sondern sein verstorbenes Kind Nysa? Gleichgültig was zutraf, er hatte bewiesen, wie ernst es ihm mit der Rache war und wie wenig dabei mein Leben für ihn zählte. Ich konnte meinem Herzen nicht sagen, was es fühlen sollte und im Normalfall handelte ich immer danach, doch diesmal folgte ich dem Rat, den mein Verstand mir gab. Ertrage den Schmerz und sieh das in ihm, was er wirklich ist: Aines Schlachtenlenker. Jedenfalls redete ich mir ein, ich könnte danach handeln.

Meine Schritte hallten durch die Ruine, in der die Schatten heute dunkler schienen und sich außer den wild tanzenden Fackeln, die Jeteff um den Altar hatte aufstellen lassen, nichts bewegte. Nicht einmal Henna, die betend und mit geschlossenen Augen auf einer Holzbank neben den beiden Toten saß. Nur ihre leicht bebenden Schultern verrieten, dass sie nicht schlief, sondern bitterlich weinte. Thilo saß an eine der Säulen gelehnt auf dem Boden nicht weit von seiner Mutter. Die Beine angezogen, ruhte sein Kopf auf den Knien. Doch als ich näher kam, hob er kurz den Blick. Seine Lider öffneten sich, als ich mit dem Fuß loses Geröll vor mir herstieß und die Totenstille in der Kathedrale mit dem Klicken der Steine unterbrach. Seine Augen waren gerötet und er schluchzte stumm. Thilo schlang die Arme um seine angewinkelten Beine und vergrub das Gesicht wieder dazwischen. Es war offensichtlich, dass er keinen Wert auf Gesellschaft legte.

Leise, um sie nicht noch einmal zu stören, setzte ich mich neben Henna, faltete die Hände wie sie, auch wenn ich wusste, die Ban­shees würden unsere Gebete nicht erhören, und starrte wie betäubt auf Neslins blasses Gesicht. Tränen tropften von Hennas geschlossenen Augen in ihren Schoß. Das Licht der Fackeln zuckte durch das Innere der Kathedrale und ließ die beiden mächtigen Throne größer, ja fast bedrohlich wirken. Sie füllten den Rand meines Sichtfeldes, schienen nach Aufmerksamkeit zu schreien, doch mein Blick ruhte weiter auf Neslin, deren lebloser Körper mich gefangen hielt. Sie war tot, was ihr aber, außer der unnatürlichen Blässe der Haut und der mit Blut verkrusteten Kleidung, kaum anzusehen war. Jedres hatte sich mehr verändert, seine Lippen waren blau, die Wangen und Augen eingefallen. Die Haut fahl und gläsern. Neslins Lippen waren dagegen rosig und sie war nur ein bisschen blasser als sonst. Ihr Anblick lies mich nicht los.

»Warum hat sie sich so wenig verändert?«, flüsterte ich.

Henna schluchzte. »Vielleicht weil sie schon immer so ein milchgesichtiges Kind gewesen war. Immer kränklich und immer der Quell meiner größten Sorgen. Das wird nicht nachlassen, bis ich nach Avalon reise und sie wiedersehe, und sollten meine Liebsten nicht dort sein, werde ich niemals aufhören, mich zu grämen.«

Unvermittelt lag Hennas Hand auf meiner. Sie hielt den Kopf weiter gesenkt und die Augen geschlossen. Ich rückte zu ihr auf und umarmte sie zaghaft. »Verzeih mir, Henna. Bitte verzeih mir.«

Schluchzer schüttelten ihren Körper. »Dich trifft keine Schuld. Du bist nicht verantwortlich für die Taten deines Vaters.« Ich zuckte zusammen, als sie Yadiran so nannte. Henna sah zu mir auf, die Augen rot von den vergossenen Tränen. »Ich weiß, welchen Kummer du ertragen musst«, flüsterte sie und sah zu ihrer aufgebahrten Familie. »Sie sind nicht mehr bei uns, aber sie sind auch nicht wirklich gegangen.« Henna drückte meine Finger in ihrer Hand zusammen. »Spürst du es? Die Dunkelheit vibriert, eine seltsame Energie durchdringt die ganze Insel.«

Ich nickte. Ja, trotz des heftigen Regens, der während des Kampfes auf uns niedergeprasselt war und wie ein feiner Dunst die Insel einhüllte, schien die Luft dick und aufgeladen. Das Atmen viel mir schwer, was am Gewicht der Sorgen und der Trauer lag, die mich im Schraubstock des Schicksals einzwängten, aber nicht nur daran. Meine Kehle war rau und eng von den Tränen, die nicht aufhören wollten zu versiegen.

»Ich weiß noch nicht wie, Henna, aber ich verspreche dir, ich werde dafür sorgen, dass die Seelen deines Kindes und deines Mannes es in die Anderswelt schaffen. Ihr werdet euch in Avalon wiedersehen.« Henna umfasste meinen Kopf mit ihren Händen und hauchte mir einen Kuss auf die Stirn. Dann sank sie wieder auf der Bank neben mir zusammen, faltete die Finger und betete weiter, während ihr ein steter Tränenstrom über die Wangen und den Hals hinablief und sich im schmutzigen Kragen ihres Kleides sammelte.

Neslin hatte sich geopfert, damit ich meinen Bruder nicht verlor. Abren war hier, ich fühlte seine Nähe. Irgendwo im Bauch des Saals stand er in der Dunkelheit und trauerte mit mir, Henna und Thilo. Beinahe wäre er mir genommen worden. Gleichgültig, ob Neslin auf diesem Altar lag oder er. Der Schmerz war derselbe und er zerriss, was von meinem Herz übrig war. Wohin ich sah, wohin ich ging, Mongana war voller Elend und Leid. Hier drin und draußen vor den verfallenen Mauern der Kathedrale, wo Aine und Yadiran ihre gewonnene Schlacht und die Freiheit feierten. Ich stellte mir vor, wie sie sich freuten, während wir litten. Sicher riefen sie bereits ihre Gefolgsleute zusammen, um das Land von der Herrschaft der Drachen zu befreien, und sie waren dazu in der Lage, weil ich versagt hatte. Draußen füllten sich Karren mit den Toten, deren Seelen umherirrten. Leid, wohin ich sah. Ich hoffte, dass der König zu seinem Wort stand und die Bewohner Emireschas von hier fortbrachte. Auch sie waren Teil unserer Welt. Falls er es nicht tat, musste ich allen Mut zusammentragen und Gardorath die Stirn bieten, ehe wir einen ersten Gruß gesprochen hatten.

Verzweifelt umfasste ich meinen Kopf mit den Händen und sank mit dem Oberkörper nach vorn. Mein Schädel dröhnte und pochte. Aufgestachelt von den unzähligen Problemen, die es zu lösen galt, und der Ratlosigkeit, wie ich das bewerkstelligen sollte. Blinzelnd und schluchzend sah ich zu Neslin. Ihr Antlitz verschwamm vor meinen Augen. Wen würde ich noch verlieren, ehe das Leid endete? Wie viel Kummer konnte ich ertragen, ehe ich unter der Last zusammenbrach?

Liam

Mein König betrachtete die Menschen, Sylphen, Undine und die wenigen Zwerge, die hier waren.

»Jeden Einzelnen habe ich wegen eines Verbrechens nach Mongana verbannt und dennoch haben sie heute an deiner Seite gegen Aine und ihren Schlachtenlenker gekämpft, Liam. Wohl wissend, dass viele nicht überleben werden.« Der König atmete tief und mühsam ein. »Ich habe sie hierher abgeschoben, genau wie Aine. Ich habe zugelassen, dass ich sie über all die anderen Sorgen, die mich quälen, vergesse.«

»Eure Absicht war gut und richtig, mein König«, versicherte ich ihm, doch mein Trost zerschmetterte an der Mauer aus Selbsthass, die Gardorath um sich errichtet hatte.

»Das wäre mir mit Sisneh an meiner Seite niemals passiert. Sie war einverstanden gewesen, die Kerker zu schließen, wollte diese Menschen aber niemals sich selbst überlassen. Ich habe sträflich gehandelt und muss nun zusehen, wie ich Wiedergutmachung leisten kann.«

»Nicht Jeder auf dieser Insel hat die Strafe verdient«, entgegnete ich. »Trotz alledem sind viele nicht grundlos auf Mongana gelandet und alles andere als unschuldig, aber ich stimme Euch zu. Sie haben sich eine zweite Chance erkämpft.« Nachdenklich sah ich mich um. »Flee liegt das Schicksal der Leute am Herzen.«

Abwesend starrte Gardorath auf die Verbannten. »Flee? Nennt sie sich so?«

Ich verzog den Mund und nickte steif. »Ich glaube, ihre Familie nannte sie so.« Der König zuckte unter meinen Worten zusammen. »Yadiran hat es irgendwie geschafft, uns alle zu täuschen. Er wollte uns glauben machen, dass Eure Frau und Euer Kind in jener Nacht gestorben sind. Stattdessen hat er Flerya mit sich genommen, weil Kemantie sie schützte und der Schlachtenlenker sie brauchte, um Aine zu befreien. Aber anstatt sie einzusperren und wie eine Gefangene zu behandeln, hat er unsere Prinzessin als sein eigenes Kind großgezogen. Sie kannte bis zum Beltainefest nur diese eine Wahrheit und jetzt steht sie vor den Trümmern der Welt, die Yadiran ihr aufgezwungen hat.« In König Gardoraths Augen standen Tränen.

Er räusperte sich. »Offenbar haben die Menschen hier eine neue Gemeinschaft gegründet.«

Ich wusste, was er meinte. Eltern, Kinder und Greise waren hier. Sogar ein paar wenige Wickelkinder lagen in den Armen ihrer Mütter.

»Hier können sie nicht bleiben. Verfällt diese Gemeinschaft, wenn sie mit uns gehen? Ist es überhaupt ratsam, im Angesicht der Bedrohung durch die seelenraubenden Ghul, jetzt auch noch Verbrecher durch die Gassen Mapons laufen zu lassen?«

Estith löste sich von den anderen und kam auf uns zu. Schwer gestützt auf den Arm ihrer Enkelin Phaesri. Mit ihren weißen Augen blickte sie Gardorath an.

»Eine Seherin«, flüsterte dieser. »Hier?«

»An welchem Ort sonst, mein König?«, fragte Estith und lächelte ihm mit ihrem zahnlosen Schmunzeln zu. »Darf ich Euch einen Rat geben?« Der König nickte. Er würde den Rat einer Seherin niemals ablehnen. Er wusste genauso gut wie ich, dass die Banshees Seherinnen erwählten, weil diese eine Aufgabe zu erfüllen hatten. Estith war gestorben und von den Todesfeen zurückgeschickt worden. Das Volk, das die Toten nach Avalon geleiten sollte und dessen Abwesenheit hier auf diesem Schlachtfeld eine Kälte hinterließ, die jedes lebendige Wesen zum Zittern brachte, verfolgte einen Plan. Da war ich mir sicher. Die Todesfeen hatten mit alldem zu tun.

Die Alte hob ihre zittrige Hand und sah zu den Gefangenen. »Sie werden Euch überraschen. Gebt ihnen Gelegenheit dazu.«

Ich sah, wie der König den Mund öffnete und ihn gleich wieder schloss. Was ich in den abgekämpften Gesichtern um uns erkannte, ließ auch mich nicht kalt. Hoffnung. Sie hofften auf einen Neuanfang. Und verflucht, wir konnten alle einen Lichtblick gebrauchen. Nach dieser Nacht und ihren Folgen mehr als jemals zuvor.

Der König nickte neben mir. Als er sprach, tat er es mit der dröhnenden Stimme des Drachen, die weit über die kargen Felsen und in die toten Wälder der Insel trug. Ich fühlte ihre Schwingungen tief im Bauch. »Ihr habt meinen Dank mehr als verdient und eine Heimat, wo auch immer Euch Euer Herz hinziehen mag. Nutzt Eure Chance, denn tut Ihr es nicht, wartet zukünftig keine Insel, sondern der Kerker Astramas auf Euch.« König Gardorath sah sich um, besonders lang lag sein Blick auf Jeteff und der Gruppe Männer, die sich um den Krieger geschart hatte. Einen Augenblick fragte ich mich, ob ich ein Wiedererkennen im Gesicht des Königs sehen konnte, doch es lag nur eine Warnung in den traurigen Augen. Letztendlich wandte er sich ab. Seine geflüsterten Worte hörte ich dennoch. »Auf diese Insel werde ich nie wieder eine Seele verbannen.« Beipflichtend klopfte er mir beim Vorübergehen auf die Schultern. »Kümmere dich um die Überfahrt der Leute. Die Rudall Koer haben ein Schiff zurückgelassen, ich werde ein weiteres herschicken, das sollte genügen, um alle nach Emirescha zu bringen.« Laut sagte er: »Beerdigt die Toten, verabschiedet Euch und dann packt zusammen, was Ihr in Euer neues Leben mitnehmen wollt.«

Ich nickte und der König lief zu Navarion. »Zeig mir die Höhle mit den Feen, junger Freund. Ich will den Ort sehen und herausfinden, warum mir damals, als ich die Insel als Verlies für Aine ausgesucht hatte, ihre Anwesenheit nicht aufgefallen war.«

Ich sah ihnen nach, wie sie gemeinsam durch eine der kleineren Pforten die Feste verließen, gefolgt von einem müde dreinblickenden Waschbären, dem sein Unmut deutlich anzusehen war. Morils sehnsüchtiger Blick lag auf einem Teller voller Äpfel, den ihm Estiths Enkelin Phaesri auf den Brunnenrand gestellt hatte. Er war verfressen wie eh und je.

Jäh schoss mir ein Kribbeln durch den Körper. Flee kam. Ihre Anwesenheit veränderte die Stimmung im Hof auf eine Art, wie ich es noch nie erlebt hatte. Die Leute reagierten auf Flerya. Dieses Mädchen ging nicht nur mir unter die Haut.

Fleryas Leichtigkeit, die ich sonst in jeder ihrer Bewegungen erkannte, war einer Schwermütigkeit gewichen, die das Sorgengeflecht, das ich jetzt schon mit mir herumschleppte, schwerer machte. Die Trauer über den Tod ihrer Freundin war genauso greifbar wie meine Schuld daran. Ich hatte ein Versprechen gebrochen. Ausgerechnet ihr gegenüber. Ihr feurig rotes Haar klebte feucht und strähnig am Rücken und den Armen. Der Glanz in ihren Augen war Traurigkeit gewichen. Sie kam auf mich zu, trotz allem aufrecht und den Kopf erhoben. Ich musste kein Hellseher sein, um zu wissen, was sie beschäftigte.

»Wenn du gehst, wirst du nichts über deine Mutter erfahren«, sagte ich deshalb heftiger als beabsichtigt. Flerya blieb vor mir stehen. Unzählige Empfindungen huschten über ihr Gesicht.

»Ich weiß nicht, was ich tun soll«, flüsterte sie und lief an mir vorbei. Ich folgte Flee aus der Feste. Unweit davon hoben Männer mit Hacken und Schaufeln auf einer Lichtung Gräber aus. Unzählige frische Grabhügel erhoben sich bereits dort. Am Rand unter den knorrigen Baumgerippen saß eine Gruppe Frauen auf dem Boden, die beharrlich Namen und Triskelen in Holzreste ritzte. Daneben häuften sich Leichen. Menschen, die sie gekannt, mit denen sie viele Jahre auf der Insel gelebt hatten. Zu ihnen lief Flee und setzte sich müde hin. Schweigend nahm sie ein Stück Holz und ein Messer, das eine der Frauen ihr reichte, und begann, Triskelen in das weiche Material zu zeichnen.

»Du fühlst dich verantwortlich für die Leute hier«, murmelte ich und ging neben ihr in die Knie. »Und du brennst darauf, Aine aufzuhalten. Habe ich recht?« Sie nickte, sah aber nicht von ihrer Arbeit auf. Das Messer kratzte übers Holz. »Allein wirst du nicht viel ausrichten. Du brauchst uns, du brauchst deinen Vater.« Jäh stockte ihre Hand und sie sah auf.

Ihre Augen schwelten, als sie sagte: »Ich habe keinen Vater.«

»Alle Nöte, die du überhörst, schreien im Traum nach Hilfe.«

Flerya

Sieben Tage und Nächte brauchten wir, um die Toten zu begraben und alle Bewohner Monganas und ihre Habseligkeiten auf das Schiff zu verladen, das der König zur Insel beordert hatte. Ich ging nicht gern, weil ich Neslin zurücklassen musste.

»Kein Toter verlässt diese Insel«, hatte Estith mir heute Morgen zugeraunt und damit Abren gehindert, die Leichen meiner besten Freundin und ihres Vaters auf eines der Schiffe zu bringen, die vor Monganas Küste auf uns warteten. Alle anderen Toten hatten wir in den letzten Tagen der Erde übergeben. »Auch ihr müsst eure Lieben hier begraben. Diese Insel lässt keine Entschlafenen gehen.« Wie zur Bestätigung war eisiger Wind durch unsere Gewänder gefegt.

»Dieser Ort ist verflucht«, hatte Thilo gezischt und mir war Kälte über die Haut gefahren, die mich hatte erschauern lassen.

»Das ist abergläubisches Geschwätz«, hatte ich ihm entgegnet. »Es gibt eine andere Erklärung für all das.« Schweren Herzens und unter Tränen mussten wir Estith aber nachgeben. Jetzt schleppte ich mich von der Grablegung in die Kammer, in der ich seit unserer ersten Nacht auf dieser Insel schlief. Abren lief neben mir. Er wich kaum von meiner Seite, ruhte sogar auf dem staubigen Boden vor der Stube, was bei Liam, seinen Freunden und selbst bei Jeteff für reichlich Unmut sorgte.

»Er ist ein Rudall Koer«, hatte der Krieger erst vor einem Tag lauthals über den Platz gebrüllt, auf dem ich mit Estith und ihrer Enkelin am Brunnenrand gesessen und mich unterhalten hatte. Abren war an Liam, dem König und Jeteff vorübergegangen.

»Er ist mein Bruder!«, hatte ich zurückgeschrien. Es war der König, der veranlasst hatte, dass sie Abren in Ruhe lassen sollten. Mir waren die hasserfüllten und ängstlichen Blicke dennoch nicht entgangen, die ihm überallhin gefolgt waren. Unweigerlich hatte ich mich gefragt, wie die Leute in Mapon und Astrama auf meinen Bruder reagieren würden, wenn schon Verbrecher und Diebe so wenig Toleranz aufbringen konnten.

Abren ließ das alles kommentarlos, fast stoisch über sich ergehen. Er ließ sich nicht anmerken, ob es ihn ärgerte, dass einer der Freunde ebenfalls jede Nacht in dem Raum vor meiner Kammer ruhte. Dort saßen wir am Feuer des Kamins, aßen und wärmten uns auf. Ein Tisch, eine Bank, eine Truhe und ein instabiler Hocker waren alles, was darin stand. Estith schüttelte inzwischen nur den Kopf, wenn die Männer auf dem kalten Steinboden ihr Nachtlager richteten. Daher wunderte ich mich nicht, dass uns Navarion und sein Geisttier Moril jetzt folgten. Was Abren wieder mit einem müden Schulterzucken hinnahm. Mich lähmte der Kummer um meine beste Freundin zu sehr, um mich gegen Liam und Navarion zur Wehr zu setzen. Ich kreiste um ein und dieselbe Frage: Sollten Neslins und Jedres’ Seelen wahrlich für alle Zeiten auf dieser Insel gefangen sein? Das wollte und konnte ich nicht akzeptieren. Die Vorstellung, dass ihre zarte Gestalt eines Tages dort draußen im Meer zwischen all den anderen Verlorenen schwamm, war zu schmerzlich. Was dort im Wasser trieb, waren Schatten. Das, was von den Seelen übrig geblieben war. Es war an mir, sie alle zu befreien, nur wie? Diese Frage brachte mich an den Rand dessen, was ich ertragen konnte.

Schluchzend setzte ich einen Fuß vor den anderen.

»Ich würde dir gern sagen, dass alles gut wird, Flee«, flüsterte Abren mir zu und strich mir mit der Hand über den Arm. Der kleine Waschbär kam zu mir und rieb sich an meinem Bein. Ich blieb stehen und hob ihn auf den Arm, während Abren mir die Tür ins Gebäude öffnete. Ich drückte Moril an mich und vergrub das Gesicht in seinem weichen Fell, das mich in der Nase kitzelte. Er roch nach dem Salz des Meeres und Hyazinthen, die im Garten der Feste gerade in Scharen blühten.

»Du hast dich heute wohl schon ins Blumenbeet geschlichen. Was hast du dir gemaust?« Er hob das Gesicht und sah mich mit Unschulds­augen an. »Was auch immer es war, ich hoffe, es hat dir geschmeckt.« Er leckte mir das Kinn und ich vergrub wieder die Nase in seinem weichen Fell. »Du bist mir willkommen, kleiner Freund.« Bedeutungsschwer blickte ich zu Navarion, der mich bewusst ignorierte. Ich lief zur Kammer. Ehe ich die Tür hinter mir schloss, drehte ich mich zu Abren um. Er lächelte mir zu, die Augen müde und blutunterlaufen.

»Versuch zu schlafen«, war alles, was er sagte.

»Gute Nacht, Flee.« Navarion kam zu mir und kraulte Moril am Kopf. »Ich weiß, du bist wütend auf uns. Wir sind nicht hier, um dich vor Abren zu beschützen. Wir wissen, wie du zu ihm stehst und wie wichtig er dir ist. Ich bin hier, um dafür zu sorgen, dass ihm nichts geschieht und du nicht noch jemanden verlierst, der dir wichtig ist. Trauer verschleiert Gedanken und bringt die Leute dazu, Dummheiten zu begehen, und hier trauern im Augenblick sehr viele Herzen.«

Überrascht sah ich ihn an. Er war hier, um Abren zu beschützen? Ich war mir der wütenden Blicke, die ihm überallhin folgten, bewusst. Würden sie tatsächlich so weit gehen? Navarion nickte. »Du weißt selbst, wie tief greifend solch ein Verlust sein kann, vor allen Dingen, wenn der Tod nicht von allein angeschlichen kam.«

Ja, Yadirans Hass war eine Ausgeburt davon. »Ich bin nicht blind, Navarion. Liams Wut ist mir nicht entgangen. Er hasst meinen Bruder«, flüsterte ich und blickte verstohlen zu Abren, der sich vor den Kamin gelegt hatte und ins Feuer starrte.

»Er hasst ihn nicht und genau genommen ist Abren nicht dein Bruder. Ihr seid nicht blutsverwandt. Liam macht sich einfach nur Sorgen um dich.«

Resigniert atmete ich ein und setzte Moril auf dem Boden ab, der sofort zu unserem Nachtquartier sprang und sich hinlegte. Ich massierte mir die pochenden Schläfen, mein Kopf schmerzte heftig, mir stieg Magensäure auf und ich unterdrückte ein Würgen. »Blutsverwandtschaft«, murmelte ich. »Was sagt das schon aus? Nichts, rein gar nichts.« Ich nickte Navarion zu und schloss mit einem gemurmelten »Gute Nacht« die Tür. Abren war mein Bruder und nichts, würde daran je etwas ändern. Wobei, etwas hatte sich längst verändert. Die Tatsache, dass ich über uns Bescheid wusste, hatte uns voneinander entfernt. Da war eine Distanz, die mir Beklommenheit bereitete, und sie ging nicht von mir aus. Früher hatte Abren mir jeden Abend einen Kuss auf die Stirn gehaucht, ehe ich mich zur Nachtruhe hingelegt hatte. Meine Welt hatte sich vollkommen gewandelt. Ich fand mich in meinem eigenen Leben nicht mehr zurecht. Schwer und erschöpft ließ ich mich neben Moril auf die Unterlage fallen. Schon jetzt war mir klar, dass ich eine weitere Nacht keinen Schlaf finden würde. Das Hämmern im Kopf, die Last der Sorgen und Ängste hinderten mich daran. Dämmern war der passendere Begriff für den Zustand, in dem ich mich seit dem Tod meiner besten Freundin und der Begegnung mit Yadiran befand. Aine war entkommen. Wir wussten alle, was das bedeutete, aber keiner sprach es aus. Weil ich versagt hatte, brachen Leid und Kummer über ganz Emirescha herein. Schluchzend drehte ich mich zu Moril, zog den Waschbären in die Arme und deckte uns mit meinem Umhang so gut es ging zu. Das alles war zu viel. Viel zu viel. »Was soll ich tun, kleiner Freund?«, murmelte ich in Morils Fell. »Der Drache«, sagte ich mit abschätzigem Unterton, »hat nicht versucht, mit mir zu sprechen«, redete ich weiter. Moril hob den Kopf und blickte mich mit seinen dunklen Kulleraugen aufmerksam an. »Als die anderen auf mich eingeredet haben, hat er sich zurückgehalten.« Nein, er hatte mich einzig auf diese seltsam vertraute Art angesehen, die Augen voller Sehnsucht und Liebe für ein Kind, das ich schon längst nicht mehr war. Das ich nicht sein konnte. Mein Herz sehnte sich ebenfalls mit jeder Faser. Nach einem Mann, der mich schändlich betrogen hatte, den ich für meinen Vater gehalten hatte, den ich verehrt hatte und für den ich noch immer die Liebe einer Tochter empfand. Was für ein Missstand! Was für ein Durcheinander.

Moril stupste mein Gesicht mit der feuchten Nase an und vergrub den Kopf unter meiner Armbeuge. Sein gleichmäßiges Brummen war es, das mich in dieser Nacht wenigstens zeitweise zur Ruhe kommen ließ.

Sieben Tage später sah das anders aus, denn Moril war mit Navarion aus Astrama abgereist, kaum dass wir den Herrschersitz des Königs erreicht hatten. Nun musste ich mich selbst in den Schlaf wiegen, was mir nur leidlich gelang. Nunmehr fragte ich mich zu Recht, was mich dazu verleitet hatte, dem Drängen von Liam, Navarion und Estith nachzugeben und mit ihnen nach Astrama zu gehen. Die Wahrheit war: Der Gedanke, meinen Weg ohne die drei fortzusetzen, hatte zu sehr wehgetan. Ich mochte sie und begann, die zarte Freundschaft, die sich zwischen uns entwickelte, zu schätzen. Doch jetzt war nur noch Estith im Schloss, mit der ich mich unterhalten konnte, und kein Waschbär presste sich in der Finsternis mit seinem weichen Fell an meinen Bauch. Ich war allein mit meinen Gedanken. Die Dunkelheit war drückender, die Luft schwerer und meine Träume düsterer denn je. Wieder lag eine Nacht hinter mir, in der ich stundenlang wach gelegen und erst gegen Morgen, als das Tageslicht am Horizont aufgekeimt war, in einen regsamen Schlaf gefunden hatte.

Sogar hier in meiner abgeschlossenen Kammer nahm ich die Qual des Drachenkönigs wahr. Zwei Drachen, zwei Seelen, die sich nach Liebe sehnten, unvereinbar in einer Situation gefangen, die keiner von uns lösen konnte. Ich wusste nicht, wie ich auf meinen leiblichen Vater zugehen, schon gar nicht, wie ich mit ihm und der Angst, die meine Sinne flutete, umgehen sollte. Sobald er in der Nähe war, überkam sie mich. Auch deshalb lag ich die siebte Nacht in diesem Schloss wach in der Bettstatt. Was ich auf Mongana zu Liam gesagt hatte, war die Wahrheit. Ich hatte keinen Vater mehr. Keinen, den ich im Herzen trug und von dem ich mit der Liebe einer Tochter sprechen konnte, wenn mich jemand nach meinen Eltern fragte. Ja, der König und ich teilten dasselbe Blut und wäre ich hier in diesem Schloss bei ihm aufgewachsen, würde ich anders empfinden. Das war ich aber nicht und er war ein Fremder, ein Drache, den mich Yadiran zu fürchten gelehrt hatte. Eine Angst, die so tief wucherte, dass ich sie nicht einfach überwinden konnte. Seufzend rieb ich mir die brennenden Augen. Weinen half mir nicht dabei, die trüben Gedanken loszuwerden.

Draußen stand der volle Mond hell und strahlend am Himmel. Ich liebte den Vollmond, zumindest hatte ich das bis vor wenigen Stunden getan. Bis ich den silbrigen Lichtkegel an der steinernen Mauer gegenüber meiner Schlafstatt entdeckt hatte, den das Gestirn hereinwarf. Er fiel genau im richtigen Winkel auf ein Bildnis, das jemand auf das blanke Mauerwerk gemalt hatte. Ein Meister mit einem guten Auge für Feinheiten, wie es schien. Die Art Details, die mich beim Betrachten in die abgebildete Szene hineinzogen und darin gefangen hielten, bis ich mir nicht mehr sicher war, wann ich zuletzt geblinzelt oder Luft geholt hatte. Es war das Bildnis eines glücklichen Paares, das eng beisammen auf einem mit Blumenranken umwebten Thron saß. Um sich ein mit Seerosen übersätes Gewässer. Im Licht des Mondes schienen die Blüten zu leuchten, doch was heller strahlte als alles andere, war das Glück in den Gesichtern des Paares, das voller Liebe auf den Säugling in seinen ausgestreckten Händen hinuntersah. Ein kleines Kind, dessen flammend rote Haare frech unter dem Spitzenhäubchen, das es auf dem Kopf trug, hervorlugten. Je länger ich auf dieses Bildnis starrte, desto mehr glaubte ich, das die Haare des Kindes wie die Glut eines heißen Feuers glommen. Verrückt, was für Trugbilder ein nächtelanger Schlafentzug bereithielt. Inzwischen war das Mondlicht gewandert und warf sein Licht einzig auf die Steinmauer, wobei es den ausladenden Baldachin über der Bettstatt streifte. Staubflocken bewegten sich träge im Schein. Mein Blick hing am Bildnis fest. Dabei presste ich krampfhaft das Kissen gegen die Ohren, um die leisen Schluchzer des Drachenkönigs auszublenden. Dennoch drangen sie ungehindert durch steinerne Mauern und die Federfüllung.

Ich lag so weich, trocken und warm wie nie zuvor in meinem Leben, hatte nie zuvor solche Müdigkeit und Erschöpfung empfunden und fand trotzdem keine Ruhe. Die ungewohnten Geräusche trugen dazu bei. Seit einigen Tagen drangen sie auf mich ein. Ich hörte die kleinen Tapser der Mäuse und Ratten auf dem Steinboden und ihr leises Quieken, Fiepsen und Scharren. Ich vernahm Laute, Gespräche und Stimmen vom Gang und den Zimmern, die ich nicht hören dürfte. Gelegentlich waren sie so deutlich, dass ich aufschreckte, weil ich mir einen huschenden Schattenumriss einbildete. Inzwischen wusste ich mehr über die Bewohner Astramas, als mir lieb war. Ich wusste, wer sich wie ich in seiner Bettstatt des Nachts hin und her drehte, wer an Husten litt oder im Schlaf schnarchte. Ich konnte Gesprächen folgen, die nicht für meine Ohren bestimmt waren, und nach nur einer Nacht im Schloss hatte ich Kenntnis, wer mit wem ein geheimes Techtelmechtel unterhielt und welches Temperament sich dabei Bahn brach. Auf all dies hätte ich gern verzichtet, doch der einzige Weg, die neue Fähigkeit zu kontrollieren, führte über den Drachenkönig. Ihn konnte ich nicht um Hilfe bitten. Bis jetzt war ich Gardorath erfolgreich aus dem Weg gegangen. Es war eine Flucht vor mir selbst, vor der Drachin in mir, deren geschärfte Instinkte mich wach hielten. Ich schlug das Fell zur Seite und starrte auf meinen Körper. Sie war allgegenwärtig. Ich fühlte sie von den Haarspitzen bis zu meinen Zehen hinunter. Sie schärfte meinen Blick und mein Gehör. Tat Dinge, die mir unheimlich waren. Jetzt auch noch zu trainieren, wie ich mich wandeln konnte und der Drachin somit die Kontrolle zu überlassen, kam einer Eroberung gleich.

Mit einem frustrierten Stöhnen schwang ich die Beine von der Unterlage und gab den Versuch einzuschlafen damit auf. Hastig lief ich zur Kleidertruhe, auf der ein neuer Umhang lag. Ihm haftete ein frischer, reiner Duft an, der mich an den Geruch von Ginster erinnerte, der hier überall wuchs. Sein Gewicht und die Wärme schenkten mir ein wenig Sicherheit. Trügerische Geborgenheit, das wusste ich, dennoch tat sie gut. In dieser Nacht griff ich nach jedem kleinen Ästchen, das mich vor dem Ertrinken rettete. Kurz danach irrte ich ziellos durch lange, steinerne Korridore mit gewölbten Decken, an denen sich Pflanzenranken entlangwanden, die sich durch Ritzen und Spalten von der Außenmauer ins Innere gekämpft hatten. Ihre Blüten leuchteten im Mondschein wie Sterne am Firmament und bildeten unter den steinernen Wänden eine silbern schimmernde Blütenallee. Trotzdem schienen die Gänge immer kleiner, enger und schmaler zu werden. Je mehr Zeit ich in Astrama verbrachte, desto stärker stürmten Gefühle auf mich ein. Keine klaren Erinnerungen, dennoch waren da diese Momente, in denen ich mir einbildete, etwas wiederzuerkennen.

Kalte Unruhe und Beklemmung griffen nach mir, bohrten ihre Klauen in mein Fleisch. Das erste zaghafte Dämmerlicht vertrieb zögernd die Dunkelheit. Ich lief und lief, irrte durch Gänge, Innenhöfe und Räume. Ich ging nur dorthin, wo sich niemand aufhielt. Stunden vergingen, ohne dass sich Ruhe in mir einstellte.

Meine klammen Finger streiften über die raue Oberfläche der steinernen Wände und die Ranken, wo sie diese überspannten. Quader auf Quader türmten sich, Stein auf Stein, formten gebogene Gänge, Türen und hohe, weitläufige Räume oder kleine Kammern. Dieses Schloss war das Gegenteil von Saarat, der Burg, in der ich aufgewachsen war. Steinmetze hatten die Burg in Kardura mühevoll aus dem Felsplateau gehauen, auf dem die Feste thronte. Sie war dunkel, feucht und in Teilen zerstört. Dennoch, sobald sie in meiner Erinnerung zum Leben erwachte, schrie mein Herz: »Zuhause!«

Astrama war hell, lichtdurchflutet und doch nahm es mir die Luft zum Atmen. Durch die bodentiefen Fenster sah ich die Welt außerhalb nur gebrochen und verschwommen. In manchen Räumen brach sich das Licht durch Buntglas, wobei die Sonnenstrahlen in unzählige Farbtupfer zerfaserten und kunterbunte Gebilde an die Wände zauberten. Zu viel Farbe und Helligkeit für jemanden, der sein Leben lang in einer dunklen, zugigen und halb zerstörten Burg oder in Höhlen, Hütten und Zelten im Wald aufgewachsen war.

Ich presste die Handflächen gegen das kühle Glas und lehnte die Stirn dagegen. Mein hastiger Atem bildete einen Nebelfilm auf der leicht welligen Oberfläche. Ich erkannte kleine Luftblasen in den einzelnen Glasstücken, die mit Bleiruten verbunden waren. »Das Schloss ist riesig«, flüsterte ich. »Und trotzdem bekomme ich hier drin kaum Luft.« Schweißperlen standen auf meiner Stirn, die Kleider schienen ebenfalls zu schrumpfen. Sie schnürten mich ein, bis die Haut darunter brannte. Ich zerrte am Stoff, um ihn zu lockern. Heftig sog ich Atem in die Lunge. Liam, Navarion und Dagal waren auf dem Weg zu den Grenzen des Drachenreiches, um sie gegen den Sturm, der sich dahinter zusammenbraute, zu wappnen. Der König hatte Navarion seinen Ungehorsam, zu dem ich ihn auf Mongana gezwungen hatte, verziehen und auf eine Strafe verzichtet. In mir keimte der leise Verdacht, dass er es getan hatte, um mich nicht gegen sich aufzubringen, denn ich hatte meinen Standpunkt dazu mehr als deutlich verkündet. Liam war dagegen nicht so leicht zu besänftigen. Er trug seinem Freund die Befehlsverweigerung weiter nach.

»Wie soll ich in Zukunft darauf vertrauen, dass du meine Befehle befolgst und sie nicht wieder einfach ignorierst, nur weil dich die Prinzessin darum bittet?«, hatte er Navarion angeschnauzt. »Welche Botschaft senden wir an das Heer, wenn Aufsässigkeit ohne Folgen bleibt?« Mir war einen Augenblick jedes Widerwort entfallen. Sicher, Liam war der Heerführer des Königs und ich ahnte, welche Verantwortung und Last auf ihm ruhte. War ich doch bei einem Mann aufgewachsen, der Aufbegehren nicht selten mit Folter bestraft hatte, um den Respekt seiner Männer nicht zu verlieren. »Ohne Respekt«, hatte Yadiran mir oft genug gesagt, »kann man nicht führen.« Ich verstand Liams Beweggründe, dennoch machte die drei Krieger in meinen Augen mehr aus als die Positionen, die sie im Heer des Drachenkönigs bekleideten. Sie verband mehr als die Pflicht gegenüber ihrem König und ihren Kampfgefährten. Ein tiefes Band der Freundschaft. Sie waren Brüder im Herzen, genau wie ich und Abren, und das ganz ohne Blutsverwandtschaft.

»Sobald ich zurück bin, erzähle ich dir alles über Königin Sisneh, was ich weiß«, hatte Liam mir versichert, als er sich verabschiedet hatte. Sein Widerwille zu gehen war greifbar gewesen. Zu meiner Schande musste ich mir eingestehen, dass ich ihn ebenfalls gern bei mir hatte. Seine Abwesenheit hinterließ eine seltsame Leere, die mir auf so viele Arten Angst machte, dass ich sie vorzugsweise still ertrug, anstatt mich dem Problem zu stellen.

Liams Abwesenheit ließ die Unruhe in mir zu einem Gefühlssturm ansteigen. Er peitschte gegen meine Schläfen, trieb mir Tränen in die Augen und brachte mein Herz vor Panik zum Rasen.

Der Gedanke, dass ich in jedem Gang, in den ich abbog, Gardorath begegnen konnte, trug ebenfalls nicht zu meiner Beruhigung bei. Ein Wiedersehen, das mir mehr Angst machte als die Beklemmung, die mich umtrieb. Dennoch lief ich weiter von Raum zu Raum und bog stets in die Richtung, aus der es still war. Letztlich trat ich durch eine schmale, aber massive Holztür, deren Oberfläche mit Messingblumen und Ranken verziert war, nach draußen in den anbrechenden Morgen. Kühle Luft begrüßte mich. Einen Augenblick blieb ich stehen, schloss die Augen und sog sie tief in meine Lunge. Als ich mich dann umsah, fühlte ich mich nicht mehr so abscheulich schwer. Ich stand in einem liebevoll angelegten und gepflegten Garten, in dem roter Efeu und Rosenranken die hohen Außenmauern und steinernen Wände bedeckten. In einem weiten Kreis waren Holunderbüsche so groß wie Bäume angepflanzt. Die Pflanzen waren übersät mit weißen Blüten, die um eine ausladende Brunnenschale arrangiert waren, in deren Mitte ein Wasserbogen Richtung Himmel stob. Ein feiner Tropfennebel lag in der Luft. Auf dem Wasser schwammen und sprangen Frösche zwischen Seerosenblüten und deren ledrigen Blättern umher. Das Quaken der Tiere wurde nur vom Plätschern und dem Wind, der das Laub der Holunderbüsche bewegte, übertönt. Er trug ihren süßen Duft zu mir, unaufdringlich vermischt mit dem zarten Geruch der Rosenblüten. Einen kurzen Wimpernschlag lang bescherte mir die Eintracht in diesem prächtigen Garten Ruhe.

»Gefällt er Euch?«, riss mich eine helle Stimme aus dem unerwarteten Frieden. Erschrocken fuhr ich auf und drehte mich in die Richtung, aus der ich Schritte vernahm. Eine Frau kam auf mich zu. Warum hörte ich das erst jetzt? Mir fiel nur eine Erklärung ein: Die Drachin spielte mit meinen Sinnen, ließ mich hören, was ich nicht wollte, und wo es angebracht gewesen wäre, hatte ich Pfropfen in den Ohren.

»Was?«, stieß ich atemlos und zornig auf das Wesen in mir hervor.