Verlag: AAVAA Verlag Kategorie: Abenteuer, Thriller, Horror Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2017

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Sicherung: Wasserzeichen

E-Book-Beschreibung Fliegen lernen - Lin West

Freiheit! Keinen anderen Wunsch hat Charlie als er seine Heimat hinter sich lässt und sich Hals über Kopf ins Ungewisse stürzt. Doch zwei merkwürdige Mitreisende machen die Sache natürlich nicht gerade leichter. Und als schließlich noch der Winter hereinbricht scheint auf einmal mehr als Freiheit auf dem Spiel zu stehen...

Meinungen über das E-Book Fliegen lernen - Lin West

E-Book-Leseprobe Fliegen lernen - Lin West

Lin West

© 2017 AAVAA Verlag

Alle Rechte vorbehalten

1. Auflage 2017

Umschlaggestaltung: AAVAA Verlag

Coverbild: fotolia: Hand drawn watercolor feather set. Boho style. illustration isol Datei: 103123886, Urheber: kris_art

Printed in Germany

Taschenbuch:  ISBN 978-3-8459-2346-8

Großdruck:   ISBN 978-3-8459-2347-5

eBook epub:  ISBN 978-3-8459-2348-2

eBook PDF:   ISBN 978-3-8459-2349-9

Sonderdruck  Mini-Buch ohne ISBN

AAVAA Verlag, Hohen Neuendorf, bei Berlin

www.aavaa-verlag.com

E-Books sind nicht übertragbar! Es verstößt gegen das Urheberrecht, dieses Werk weiterzuverkaufen oder zu verschenken!

Kapitel 1

Ich fragte mich oft, was wohl die beste Art sei, mich umzubringen. Suizid war so ziemlich das Einzige, an das ich überhaupt noch einen Gedanken verschwendete, alles andere war zu deprimierend. Der Tod hatte sich in meinen Gedanken festgekrallt, und das gefiel mir. Vielleicht denkt ihr jetzt, ich bin wahnsinnig, und vielleicht habt ihr Recht.

Ich hatte mich anzünden können. Mir das Fleisch von den Knochen brennen und unter Schmerzen zu Asche zerfallen. Aber das ist ein heißer, wütender Tod, zu laut für jemanden wie mich.

Oder ich hätte mich vergiften können. Tabletten schlucken und im samtigen Dunkel versinken. Aber ich wollte keinen langsamen, siechenden Tod, wollte bei Bewusstsein sein, das Ende meiner Existenz voll auskosten!

Vielleicht hätte ich mich einfach erschießen sollen. Kurz und schmerzlos. Keine Zeit für den letzten Moment der Reue, den ich so sehr fürchtete. Aber ich wollte keine Kugel im Kopf. Da war sowieso schon zu viel drin.

Letztendlich schien ich stets auf dieselben drei Methoden zurückzukommen: Verbluten, Ertrinken oder den Sprung von der Klippe.

Verbluten hätte mir gut gefallen. Mir ein Rasiermesser an die Kehle legen und durch Haut und Muskel und Fett und Sehnen schneiden. Mit einem satten, schmatzenden Geräusch. Tropfen für Tropfen wäre das Leben aus mir heraus gesickert, und mein Körper wäre so leer gewesen, wie ich mich fühlte.

Ertrinken hatte etwas beinahe poetisches. Wenn man denn an so einen Rotz wie Poesie glaubt. Rückwärts in die Wellen kippen und das Wasser in meine Lungen eindringen lassen. Kalt und dunkel und einsam. Ein krönender Abschluss für meine verdammte Existenz.

Aber ich glaube mein Lieblingstod ist und bleibt der Sprung von der Klippe. Einfach die Arme ausbreiten und sich fallen lassen. Ich will nur einmal wissen wie es ist zu fliegen, will mich einmal im Leben frei fühlen. Und ja - ich würde zittern und schwitzen und nervös an der Kante herum trippeln, aber dann - dann würde ich springen.

Denn so ist es doch eigentlich immer: Der Sprung ist einfach. Die Entscheidung ist das Harte. Wenn man schon gesprungen ist – ja, was soll man dann noch tun? Nur die Augen schließen und hoffen, dass die Landung schnell und schmerzlos sein wird. Ich würde springen, und mit einem letzten dumpfen Schlag auf den Kopf wäre alles vorbei.

Eines Tages würde ich den Mut finden, da war ich sicher.

Aber ich fand ihn nie. Den Mut, meine ich. Weil ich ein beschissener Feigling war. Träumte davon mich anzuzünden, doch meine Finger zitterten so sehr, dass ich kaum ein Streichholz halten konnte. Siechte vor mich hin, schleppte mich von einem Tag zum Nächsten und hatte gleichermaßen Angst vor dem Leben und dem Tod. Ich war nicht mutig. Ich war so verdammt menschlich. Und das fand ich so richtig zum Kotzen.

Eigentlich fand ich damals so ziemlich alles zum Kotzen.

Ich hasste die Schule, ich hasste die Lehrer, meine Mitschüler, die nichtigen Belanglosigkeiten, aus denen sich mein Leben zusammensetzte. Ich hasste, wie der Alltag mir Zeit raubte, die ich doch so dringend gebraucht hätte, um mit mir selbst ins Reine zu kommen.

Ich hasste die Menschen. Alle. Wie sie die Mäuler aufrissen, damit auch ja niemand übersehen konnte, wie schlau sie alle waren. Mann, kotzte mich das vielleicht an! Verdammt, die Welt war reif für eine neue Plage!

Ich hasste meine Familie und die vielen gut gemeinten Ratschläge, die mir vorgaben, wie ich mein Leben zu führen hatte. Meine Geburt war nicht meine Entscheidung gewesen. Ich hatte nicht dankend abwinken können, ich war gezwungen worden zu leben, ich hatte keine Wahl gehabt! Schlimm genug, und dann sollte ich auch noch brav den ausgetretenen Pfad entlang trotten?! Das passte mir gar nicht in den Kram. Da würde ich nicht mitspielen, nein, vielen Dank auch! Was, wenn ich nicht reich und erfolgreich werden wollte? Was, wenn ich nie heiraten und Kinder bekommen wollte? Was, wenn ich mich nicht mit der Grauzone zufrieden geben wollte? Die Welt entdecken mochte? Mein Leben leben wollte? Versteht ihr das?

Ich hielt es nicht aus. Ich schloss die Augen, hielt mir die Ohren zu und fand doch keine Ruhe vor dem Krach meines Lebens. Da zog ich mich zurück, tief in mein Innerstes, bis mein Blick glasig wurde und mein Körper nichts als eine leere Hülle war. Dort, gut verborgen in den staubigsten Ecken meines Verstandes, lauerte ich. Und wusste selbst nicht worauf.

Ich hatte einen unglaublichen Hass gegen alles und jeden. Wohin ich auch sah, da waren tausend Körper, aber die Menschlichkeit hinter Fleisch und Haut fehlte. So viele Körper, die schwitzend und stinkend die staubigen Gehwege hinab schlurften, aber keiner verstand mich und ich verstand keinen. Ich war siebzehn Jahre alt und hatte nie gelernt zu Leben. Steckte fest in der Grauzone zwischen Leben und purer Existenz. Zu schwach um meinem Sein ein Ende zu setzten war ich zum Leben verdammt worden. Aber was anfangen damit? Was ist ein schlagendes Herz wert wenn alles andere fehlt?

Ich bekam eine unglaubliche Panik davor, mein Leben zu verschwenden. Wann war alles so grau und langweilig geworden? Wenn ich schon leben musste, dann wollte ich leben, nicht nur überleben! Zum Ausruhen und langweilen würde mir nach meinem Tod noch genug Zeit bleiben! Ein Leben muss gelebt werden, muss bis in den letzten Winkel mit Erlebnissen vollgestopft werden! Ich wollte weg, egal wohin. Eines Tages musste ich raus aus dieser Stadt, die zu grau für mich war und hinaus in die Welt.

Doch „eines Tages“ war nie gekommen. Und ganz heimlich, ohne dass es mir je wirklich bewusst geworden wäre, wurde ich groß und vernünftig und zu Tode gelangweilt von meinem Leben. Wie ein wildes Tier fühlte ich mich, ein Tier das sich an den Gitterstäben seines Käfigs wund rieb. Und die Welt hinter den Stäben lockte. Aber davon wusste niemand etwas. Natürlich nicht. Niemand kennt meine verkrüppelten Gedanken. Ich bin nur ich, wenn ich alleine bin.

Ich glaube, das klingt alles sehr dramatisch. Vielleicht dramatischer als es wirklich war. Wie das lächerliche Gejammer eines verwöhnten Fratzes. Und vielleicht stimmt das ja auch. Aber irgendwo muss man auch mal seinen jugendlichen Weltekel auskotzen. Ich will schließlich meine Geschichte erzählen. Und hätte ich mich damals nicht derart gefangen gefühlt, dann wäre diese Geschichte wohl nie passiert.

Ich weiß nicht warum alle Welt behauptet, die Jugend sei die schönste Zeit im Leben. Warum alle denken, sie bestünde aus Lachen und Küssen und Liebe und Partys und Übermut. Wo die Realität doch eine ganz andere ist. Schule, Noten, Einsamkeit, Hausaufgaben, Müdigkeit, Zukunftsangst. Das ist doch die eigentliche Wahrheit. Gruselig, wie unser ganzes Leben von Zahlen bestimmt wird. Noten, Einkommen, Alter, Gewicht, Anzahl von Freunden. Alles muss gemessen und verglichen werden. Gruselig, wie viel davon abhängt, wie viel wir in unserer Jugend erreichen. Schule, Abschluss, Studium. Da gab es nichts zu glorifizieren. Es war zum Kotzen. Und ich hatte das alles so satt.

Ich wollte nicht mehr in der Schule lernen. Ich wollte reisen und denken. Mich ans Lenkrad setzten, in die Ferne blicken und dem Horizont entgegenfahren, irgendwo hin wo ich glücklich sein konnte. Ich wollte draußen lernen, dort draußen auf der Straße und im Regen, wollte Menschen treffen, Geschichten hören, kleine nahrhafte Wissensfetzen ansammeln und zu einer kunterbunten Collage zusammenkleben.

Als ich siebzehn Jahre alt wurde, war die Zeit reif für einen Befreiungsschlag. Ich würde fortgehen. Würde mich ans Lenkrad meines Wagens setzen und nicht zurückblicken. Ich wollte keine bis ins Detail durchgeplante Reise. Ich wollte Freiheit. Einfach losfahren und keinen Gedanken an die Rückfahrt verschwenden. Fahren, weiter und immer weiter, wandern und atmen und mich zum ersten Mal im Leben lebendig fühlen. Ich wusste nicht, ob ich jemals zurückkehren wollte. Vielleicht irgendwann. Wenn ich mich so fundamental verändert haben würde, dass ich als Fremder in die Heimat wiederkehren könnte.

Mein Name ist übrigens Charlie. Das interessiert keinen, schon klar. Aber ich werde euch mitnehmen auf meine Reise. Ich bin kein großer Redner. Ich hasse Worte, ich finde nie die richtigen. Sie verstümmeln meine Gedanken. Aber trotzdem müsst ihr notgedrungen mit mir Vorlieb nehmen. Weil alle Wege sich trennen. Weil ich der einzige bin, der diese Geschichte von Anfang bis Ende miterlebt hat. Weil alle anderen vorher gegangen sind. Auf die eine oder andere Weise.

Vielleicht ist diese ganze Geschichte auch nur ein riesiger Haufen verlogener, sentimentaler Scheiße. Ein gigantischer Berg pseudo-intellektueller Hippiekacke. Vielleicht auch nicht. Keine Ahnung. Ist ja auch egal. Ich werde erzählen und ihr werdet zuhören. Ganz einfach.

Ich glaube, alles was ihr über mich wissen müsst ist, dass ich in höchstem Maße durchschnittlich bin. Ich sehe aus, wie ein Mensch nun einmal aussieht: zwei Arme, zwei Beine, ein Mund. Nicht mehr und nicht weniger. Ganz normal eben. Ich war nie besonders schlau und nie besonders dumm. Ich war nie wirklich beliebt aber auch nie vollkommen verhasst. Hatte das 08/15 Gesicht des jungen Mannes, der immer so freundlich grüßt und alten Damen über die Straße hilft. War immer irgendwo dazwischen, gehörte irgendwie nirgends so richtig dazu. Ich war schon immer ein Sonderling gewesen. Es war nicht so, dass ich böse oder abstoßend gewesen wäre. Ich war einfach still. Und damit kam niemand zurecht.

Ich rede nicht gerne. Man muss auch mal seinen Mund halten können. Entweder man sagt etwas Wichtiges oder gar nichts. Menschen, die von früh bis spät über Nichtigkeiten plaudern, sind mir ein Gräuel. Mann, kotzte mich das vielleicht an! Hoffnungslose Misanthropie.

Keiner schenkte mir mehr Beachtung als dem Dreck unterm Fingernagel. Aber hinter meiner langweiligen Fassade, meiner Durchschnittsmaske, da lauerte etwas anders, das nur so darauf brannte endlich hervor zu brechen. Das ich mein Leben lang klein gehalten hatte, unter einem Mantel von Hass und Lebensmüdigkeit: Abenteuerlust! Das war keine Phase, das war ja ich! Mein Charakter, der jahrelang den Fesseln meiner eigenen Zögerlichkeit unterworfen gewesen war, schrie nach Freiheit. Ich musste weg. Brauchte keine Menschen um glücklich zu sein, war Eigenbrötler aus Überzeugung! Ich brauchte die Stille. Und in der Ferne wollte ich sie finden.

Ich glaubte nicht, dass mich jemand vermissen würde. Meine Eltern bekam ich nicht oft zu Gesicht, und wenn ich sie sah, dann schwiegen wir uns an, und das Schweigen war so peinlich, dass ich nervös auf meinem Hintern herumrutschte und mir die Fingernägel blutig kaute. Geld war so ziemlich das einzige was ich je von ihnen bekam. Na wunderbar, vielen Dank auch ihr überhebliche Penner! Jetzt geh ich mir erst mal drei Pfund Glück kaufen, oder wie? Geld war mir scheißegal. Klingt naiv, ist es auch, war trotzdem die Wahrheit. Was hat man schon davon in einem goldenen Käfig zu sitzen? Ein Käfig bleibt ein Käfig, verdammt! Verdammt, verdammt, verdammt!

Ich fluche gerne und inflationär. Ich glaube nicht an Euphemismen. Wenn etwas Scheiße ist, dann ist es das. Und von allen Wörtern war „Verdammt“ mein Lieblingswort. Es passt immer, kann überall im Satz stehen. „Verdammt“ ist ein freies Wort. Das finde ich schön.

Um zu bestimmen, wohin die Reise gehen sollte, stellte ich mich mit geschlossenen Augen vor die große Weltkarte über meinem Bett und spuckte mein Kaugummi aus. So richtig mit Schwung. Mit einem satten Schmatzen landete es irgendwo am nördlichen Arsch der Welt. Und damit war die Sache beschlossen. Norden also. Norden, soweit der Norden reichte. So einfach war das. Hirnrissig und wundervoll.

Wahrscheinlich denkt ihr jetzt, dass ich einfach vollkommen wahnsinnig war. Ein unvernünftiger, lebensferner Idiot. Ein verwöhntes Kind mit Luxusproblemen. Und damit seid ihr verdammt nahe an der Wahrheit dran. Aber nimmt mir die Tatsache, dass ich in relativem Wohlstand geboren wurde mir das Recht unzufrieden zu sein? Vielleicht nicht. Und was die Unvernunft angeht – ich finde die Unvernunft um einiges verlockender als die Vernunft. Denn Unvernunft kennt keine Grenzen. Der Wahnsinn war mir schon immer sympathisch gewesen.

Ich lief also von zu Hause fort. Ich war fröhlich und furchtbar zuversichtlich und dachte, mit meinem maßlosen Intellekt könnte ich mich jeder Gefahr stellen. Für mich stand außer Frage, dass dies ein tolles Abenteuer werden würde. Absolute Freiheit. Und meine bloße Existenz würde die ultimative Provokation sein! Ich würde mich nicht auf das Niveau einer lauen Brise herablassen, weil die Welt Angst vor dem Sturm hatte!

Kapitel 2

Und dann kam der letzte Tag, und gleichzeitig vielleicht der erste. Der letzte in Gefangenschaft, der erste in Freiheit.

Ich lag im Bett, rieb die kalten Zehen aneinander und fragte mich, warum ich eigentlich keine Angst hatte.

Ich glaube es war, weil ich meiner seit jeher gesicherten Existenz überdrüssig geworden war. Der Vogel im Nest ist sicher. Aber eigentlich ist er zum Fliegen gemacht. Und wie hätte ich dem Leben entgegentreten sollen, wenn ich bereits die Konsequenzen gefürchtet hätte? Nein, das wäre unmöglich gewesen. Übermäßige Zuversicht war gewissermaßen meine einzige Option. Andernfalls wäre ich wohl vor Angst umgekommen.

Ich sehnte mich danach aufzuwachen, nur einmal wieder richtig wach zu werden. Früher war alles endlos faszinierend gewesen. Wann hatte ich mich von einem Kind in einen Griesgram verwandelt? Ehemals hatte freudige Erwartung auf den nächsten Morgen mich nachts wachgehalten, aber heutzutage war es Zukunftsangst, diese diffuse, drückende Furcht mein Leben zu verschwenden. Wann war mein Leben entzaubert worden? Wann war alles so kalt und taub geworden? Ich war doch erst siebzehn, und ich war tot. Meine Fresse, ich musste wirklich weg! Immer wenn ich sentimental werde rede ich absoluten Blödsinn.

Doch kurzum, ich hatte nichts, wofür es sich gelohnt hätte zu bleiben und darüber freute ich mich ungemein. Denn wer nichts hat, für das er bleiben möchte – ja, der ist doch frei zu gehen, oder?

Ich war stark und frei und unabhängig. War bereit für alles und fürchtete mich vor nichts. Ich verließ das Haus mit nichts als einer Packung Kräcker in der Hosentasche und meinem Sparschwein im Handschuhfach. Denn wie kann man ein Abenteuer erleben, wenn man sich auf alles haarklein vorbereitet? Gar nicht, genau!

Mein Ausweis, mein Führerschein, meine Geburtsurkunde, alles wurde im Küchenmixer zerhackt und im Klo fortgespült. Ich war entschlossen, jeden Beweis meiner Existenz zu vernichten. Alles würde so sein, als hätte es mich nie gegeben. Ich würde zu einem Phantom werden, still und unsichtbar, würde keine Vergangenheit mehr haben, dafür aber eine blühende Zukunft. Denn die Vergangenheit ist doch sowieso egal. Die ändert nichts. Es sind die Entscheidungen. Wer Entscheidungen trifft, der ändert alles, und ich hatte meine Entscheidung getroffen. Ich fühlte mich freier als je zuvor, als ich in meinen rostigen alten Wagen stieg und losfuhr. Ich war ein Phantom. Das Phantom Charlie. Das gefiel mir irgendwie.

Und so wurde der Schlussstrich gezogen und der Radiergummi fortgeworfen. Schlussstriche radiert man nicht mehr aus. Denn wie soll man ein neues Kapitel beginnen, während man mit einer Hand noch im alten blättert? Nein, vorbei ist vorbei.

Mit quietschenden Reifen fuhr ich durch die Straßen, soweit nach Norden, wie der Norden reichte. Ich spürte den Wind auf meinem Gesicht und lachte, weil es mir gefiel. So, die ganze Welt kann mich jetzt mal, dachte ich mir und grinste in mich hinein.

Der Wagen war wirklich schon sehr alt. Es war ein Kleinbus, gerade groß genug für ein wildes Abenteuer und klein genug für ein wenig Gemütlichkeit. Die blaue Farbe blätterte ab, die Türen quietschten und ein dicker, notdürftig mit Klebeband versorgter Riss zog sich quer über die Windschutzscheibe. Trotz allem mochte ich den Bus. Er roch förmlich nach Abenteuer. Mit all seinen Schrammen und Macken wirkte er wie ein alter Mann. Wie einer, der ein langes Leben gehabt hatte und sich mit dicken Pantoffeln und einer gestopften Pfeife in seinem Schaukelstuhl zurücklehnt und alte Geschichten zum Besten gibt.

Ich war absolut berauscht von der Aussicht auf Freiheit und Abenteuer. Vielleicht könnt ihr mich ja verstehen? Ein winziges kleines Bisschen? Nie hätte ich mir träumen lassen, dass alles vielleicht zu einem bösen Ende kommen könnte. Das meine kleine Seifenblase der Freiheit zerplatzen könnte. Anderen Leuten geschieht vielleicht Böses, dachte ich, aber sicher nicht mir. Charlie, der brillanten Hauptfigur meines Lebens, konnte nichts zustoßen. So etwas gibt es nicht. Ich war jung und unverwundbar. Die ungebrochene Zuversicht der Jugend, hm? Oder Dummheit. Vielleicht war es auch einfach Dummheit.

Doch an jenem Tag im September war ich unverwundbar. Ich jagte über die Straße so schnell die spröden Reifen des Busses es zuließen, das Hemd aufgeknöpft und die Fenster offen. Ich wusste nicht, was die Ferne für mich bereithalten würde. Doch besser als mein altes Leben musste es gewiss sein. Ich steuerte auf das große Nichts zu und verirrte mich hoffnungslos. Verlief mich in der Unendlichkeit meiner neu gewonnen Freiheit, konnte den Kompass meines Lebens nicht entziffern. Und noch nie hatte ich etwas so sehr genossen. Mein ganzes Leben war ein einziges, großes Vielleicht. Das war schön und schrecklich, und es lies mir die Haare zu Berge stehen.

Es war einer jener blassen Morgen. Auf der ganzen Welt gibt es nichts Schöneres als einen kühlen, einsamen, blassen Morgen. Ich spürte die feuchte Kälte auf meinem Gesicht und Nebel schlug sich auf meiner Haut nieder und ich bekam eine wohlige Gänsehaut. Alles war einsam und schön und ein kleines bisschen gruselig. So irreal. Genau wie dieser Moment kurz bevor du aufwachst, aber noch halb im Traum feststeckst. Wie in einem Film. Ich glaube, für diese Momente lebe ich. Sie sind so selten und schrecklich, dass ich heulen könnte. Stehen im Kontrast zu der Planlosigkeit meines Lebens. Denn mein Leben ist kein Film. Da gibt es keinen Spannungsbogen, keine sorgfältig geschnittenen Szenen, ich bekomme keine sanfte Hintergrundmusik und mein Leben wird nie so schön aussehen, wie ein nebliges Schwarz-Weiß Foto. Aus meinem Mund kommt meistens nur Scheiße statt Poesie. Meine Existenz kennt keine Moral. Sie ist ein schmutziger, langweiliger, nutzloser Brei. Ich bin enttäuscht vom Leben. Ich dachte da wäre irgendwie … mehr. Aber durch Zufall oder Schicksal oder was auch immer ist ganz selten alles perfekt. Und dann fühlt es sich - für einen kurzen Moment - an wie aus einem Film. Und für diese Momente lebe ich.

Es tat gut endlich unterwegs zu sein. Süße, wilde Freiheit! Ich atmete ein und fühlte mich zum ersten Mal seit langem wieder richtig gut. In meinem ganzen Leben war ich noch nie weiter als eine Tagesreise von zu Hause fort gewesen. Und das, obwohl ich schon immer rastlos gewesen war. Mit sieben Jahren hatte ich mich mit einem Rucksack auf den schmalen Schultern davongeschlichen und war fortgelaufen. Stunden später hatte man mich in einem kleinen Stück Wald gefunden, zehn Meilen von zu Hause entfernt, mit Dreck in den Haaren, halb verdurstet und glücklich. Dafür hatte ich einen Monat Hausarrest bekommen.

Doch nun gewöhnte ich mich schnell an meine neue Rolle als Ausreißer. Herumtreiber. Landstreicher. Vagabund. Ich mochte diese Worte. Wenn man sie ganz leise und vorsichtig ausspricht, dann kann man das Abenteuer fast auf der Zunge schmecken. Findet ihr nicht auch?

Zum Mittag aß ich labbrige Sandwiches aus dem Container eines Supermarktes, die ich mir brüderlich mit einem zahnlosen Obdachlosen teilte. Bob hieß er. Oder auch Rob. Das weiß ich nicht mehr. Ich hatte schon immer ein beschissenes Gedächtnis gehabt. Wir kauten an unseren schwammigen Broten, und ich war sicher, noch nie etwas Besseres gekostet zu haben.

Am Nachmittag fuhr ich weiter aufs Land hinaus. Ich war froh der Stadt endlich entkommen zu sein. Irgendwie ekelte ich mich richtiggehend davor. Stinkend und laut und voller Menschen. Wie ein unruhiger Haufen Ameisen wuselten sie herum, fuhren die Ellenbogen aus und keiften einander an. Wie mir das alles zuwider war! Aber kein Wunder eigentlich, dass wir alle so ätzend sind. Wir schuften uns den Rücken krumm, hetzen uns ab, bis wir in der Psychiatrie landen, sitzen zwischen schnurgeraden Betonwänden und starren auf Bildschirme bis uns Augen und Lebensfreude kaputt gehen.

Klar wird man da bekloppt in Hirn. Wozu können wir überhaupt denken? Am Ende müssen wir sowieso alle brav still sitzen und nicht aufmucken! Hach, ist das Leben nicht schön? Kopfschuss, verdammt!

Und eigentlich tun wir das alles für diese vage, kleine Hoffnung, dass die Freiheit korrupt ist. Dass die Freiheit korrupt ist und sich eines fernen Tages in Münzen und Scheinen kaufen lässt. Damit man endlich die Füße hochlegen und sich von den Anstrengungen des Lebens erholen kann. Aber ich glaube, so funktioniert das nicht. Warum nicht gleich etwas tun, das man mag?

Ich war ein Volltrottel, soviel dürfte inzwischen klar sein. Ein Idealist. Aber wie hätte ich es besser wissen sollen? Ich glaube, ich wollte es noch nicht mal besser wissen. Rückblickend ist es immer einfach weise zu sein. Beim Blick in die Vergangenheit ist die Sicht klarer als beim Blick in die Zukunft. Schon klar. Besserwisser mag trotzdem keiner.

Doch eigentlich hatte ich überhaupt kein Interesse an Wissen mehr. Ich hatte so viel Wissen in mich hinein gefressen, auf dem Prüfungsbogen wieder auskotzt und anschließend für immer vergessen. Ich hatte die Welt mit einem unersättlichen Hunger auf Wissen betreten und hatte ihn in der Schule verloren. Die Schule hat mir meine Neugier geraubt. Und dafür hasste ich sie. Was ich nun suchte waren Erfahrungen. Wollte sie in mich aufsaugen und nie wieder hergeben. Gutes und Schlechtes, ich würde beides nehmen, vielen herzlichen Dank auch! Doch wie man Erfahrungen erlangte, das wusste ich nicht. Mein Denken kam gerade erst ins Rollen. Nach gut zehn Jahren exzellenter Schulbildung begann ich endlich zu lernen. Wirklich zu lernen.

Es war bereits dunkel, als ich den Wagen am Straßenrand parkte, die Jacke bis an die Nasenspitze zuknöpfte und mich auf den staubigen Autositzen schlafen legte. Ich war unglaublich stolz auf mich. Darauf, dass ich mein Ding durchzog und fühlte mich wie ein verwegener Rumtreiber, der in seinem alten Wagen am Wegesrand nächtigt. Ich besaß nichts und ich brauchte nichts, und das war ein unglaublich gutes Gefühl. Nichts und niemand konnte mir etwas anhaben.

Der Regen tropfte durch die kaputte Windschutzscheibe hindurch und auf meine Beine, doch obgleich ich nass und durchgefroren war konnte ich nicht umhin glücklich zu sein. Ich war froh, dass ich hier war. Jetzt, genau hier, patschnass und alleine, mitten im Regen und mit nichts als einem Taschentuch in meiner Hosentasche. Wahrscheinlich findet ihr das komisch. Aber ich vermisste mein zu Hause nicht im Geringsten. Vielleicht bin ich ein kaltherziger Bastard, doch ich vermisste es einfach nicht. „Zu Hause“ ist doch nicht einmal wirklich ein Ort. Keiner der auf einer Landkarte verzeichnet ist zumindest, oder? Zu Hause ist überall und nirgends. Dort wo deine Gedanken hinplumpsen wenn du sie schweifen lässt. Was für mich im Umkehrschluss bedeutete, dass mein zu Hause die Ferne war. Und deswegen war ich froh, hier zu sein, fort von allem was mich mit meinem alten Leben verband. Es gefiel mir wirklich ganz wunderbar. Ich würde nach Norden fahren, soweit der Norden reicht, und wenn ich nicht mehr fahren könnte, dann würde ich laufen, und wenn ich nicht mehr laufen könnte, dann würde ich kriechen, und wenn ich nicht mehr kriechen könnte, dann würde ich mit der Nase nach Norden sterben, aber immerhin wäre ich dann frei, und aus meinem fauligen Körper würden Bäume für die Ewigkeit wachsen. Ich würde nicht aufgeben, schon alleine aus Trotz nicht! Ich würde mit Regen im Gesicht sterben, und das war gut. So einfach war das. Auch wenn es vielleicht vollkommen idiotisch klingt. Dickköpfigkeit, ahoi!

Ich sah hinaus in den Regen und die unzähligen Lichter einer fernen Stadt am Horizont, auf Dreck und Bonbonpapiere zu meinen Füßen und auf den grauen Himmel, der so groß war, dass er mich fast erdrückte. Das war das Leben. Es war nicht angenehm, es war dreckig und nass und eklig, aber es war echt. Und das fand ich gruselig und wunderschön. Ich liebe Weltuntergangswetter.

Apokalyptische Idylle. Apokalidylle. Ich versuchte, mich auf den Regen zu konzentrieren und das Brummen der Autos so gut wie möglich zu ignorieren. Es gelang mir fast.

Ein Windstoß fuhr durch den Spalt im Glas und trieb mir Regen ins Gesicht. Ich freute mich. Der Himmel weinte und ich badete in seinen Tränen und lachte.

Und da fühlte ich mich von einer Sekunde auf die andere unglaublich klein. Die anonymen Fenster der Stadt leuchteten zu mir herüber und ich fühlte mich ungefähr so bedeutsam wie ein Sandkorn am Strand. Verfluchte Scheiße, Charlie, dachte ich mir, wie naiv bist du eigentlich?! Da gibt es Milliarden von Menschen auf der Erde, und du bist tatsächlich arrogant genug um dein Leben ernst zu nehmen! Du Idiot.

Vermutlich hätte ich über meine Existenz lachen sollen, weil ich ungefähr so wichtig war wie der Fussel in der Ecke. Aber das konnte ich nicht. Ich bin dreist und egoistisch, und ich nehme mich selbst viel zu ernst.

Komischerweise war dies einer der besten Abende in meinem ganzen Leben. Und obwohl ich auf meiner Reise viele Dinge erlebt habe, die sich spannender oder schöner anhören, so wurde dieser erste Abend in meinem Wagen doch zu einer von meinen allerliebsten Erinnerungen. Es ist schwer zu erklären warum. Ich schätze, es ist wie mit allem, das sich gut anfühlt: Es muss nicht schön, oder gar perfekt sein. Alles was es können muss ist sich abzuheben aus einem Meer der Langeweile, dich im Innersten aufzuwühlen, in einem Winkel des Verstandes von dessen Existenz du vielleicht noch nichts wusstest. Und genauso fühlte es sich an jenem Abend an.

Kapitel 3

Ich träumte, ich sei ein Vogel. Dort, wo meine Arme sein sollten, sprossen schwarze Flügel aus meinem Körper hervor. Ich spannte meine Schwingen aus, ganz weit, und sie trugen mich hoch in die Luft, weit über Wälder und Ozeane. Ich flog! Und es war unbegreiflich einfach. Als hätte ich nie etwas anderes getan. Ich flog weiter, der Wind peitschte mir ins Gesicht, und rauschte in meinen Federn, und in einem See tief, tief unter mir konnte ich mein Spiegelbild erkennen. Ich war kein Mensch mehr. Ich war ein Vogel. Und ich war frei.

Zum ersten Mal in meinem Leben zerplatzte ein Traum nicht mit dem Aufwachen. Als ich die Augen aufschlug, war ich immer noch frei. Konnte gehen wohin ich wollte, hassen wen ich wollte, sagen was ich wollte, denken was ich wollte. Konnte wild und trotzig und hemmungslos doof sein ohne, dass sich jemand daran stören würde. Ich war so glücklich, dass sich eine große Wärme in meiner Brust ausbreitete und mir alle Kälte und Nässe nichts mehr anhaben konnten. Ich streckte mich, genoss die Gänsehaut auf meinen nackten Armen und fuhr weiter.

Erst später fiel mir auf, dass ich wohl meine Armbanduhr vergessen haben musste. Ich fuhr nicht zurück um danach zu suchen. Vielleicht tickt sie ja immer noch, irgendwo dort draußen. Das wäre schon. Doch auf meiner Reise würde Zeit keine Rolle spielen. Von nun an würde es nichts und niemanden geben als mich und die Natur. Und die Freiheit. Und die Stille. Ich war auf einer Reise, ohne Geld und ohne Koffer, dafür aber mit grenzenloser Neugier im Gepäck. Mit nagendem Hunger auf Ruhe und einsame Schönheit. Ich war ein Extremist. Ein Aussteiger. Ein verlorener Wanderer. Und das war doch eine wirklich feine, romantische, bekloppte Sache, fand ich.

Und so fuhr ich also, in paar schöne, sorglose Tage lang. Ich mochte es, unterwegs zu sein. Auf Reisen lebt man nur hier und jetzt. Keiner kennt deine Vergangenheit, das Gestern verblasst, es gibt nur das Heute. Ich fuhr und fuhr und wollte nie aufhören zu fahren, immer weiter und weiter und weiter. In die Wildnis. Ganz tief in die Wildnis, wo die Welt aufhört zu existieren.

Am Nachmittag machte ich an einem kleinen, verwahrlosten Strand Halt und erfreute mich meiner Einsamkeit. Ich setzte mich auf die feuchten Kiesel und ließ meine Füße durch die Wellen gleiten. Eine Blase an meinem kleinen Zeh brannte im Salzwasser. Und ich lachte, weil das Leben auf meinem kleinen Zehen brannte, und ich streckte die wunden Füße tiefer in die Brandung um auch das letzte Quäntchen Schmerz auskosten zu können.