Flieh, so weit du kannst - Naomi Joy - E-Book

Flieh, so weit du kannst E-Book

Naomi Joy

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Beschreibung

Nachdem die junge Londonerin Ava sich von ihrem Freund getrennt hat, nimmt sie mit einem mulmigen Gefühl das Angebot ihres Chefs David an, in der Wohnung von dessen verstorbener Tochter zu wohnen. Avas ungutes Gefühl verwandelt sich schnell in Angst, denn David versucht sofort, jeden Aspekt ihres Lebens zu kontrollieren. Dann verliebt Ava sich auch noch in Davids Sohn Josh. Als David davon erfährt, entführt er Ava auf seinen abgelegenen Landsitz. Wird sie sich befreien können?

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Veröffentlichungsjahr: 2021

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Inhalt

CoverÜber dieses BuchÜber die AutorinTitelImpressumWidmungZweiter Schicksalsschlag für David Stein1: Ava2: Jade3: Ava4: Jade5: Ava6: Jade7: Ava8: Jade9: Ava10: Jade11: Ava12: Jade13: Ava14: Jade15: Ava16: Jade17: Ava18: Jade19: Ava20: Jade21: Ava22: Jade23: Ava24: Jade25: Ava26: Jade27: Ava28: Jade29: Ava30: Jade31: Ava32: Jade33: Ava34: Jade35: AvaSieben Tage später36: Jade3738: Jade3940: Jade41: Jade42: Jade4344: Jade45: Ava46: Jade4748: Jade49: Ava50: Jade51: Josh52: Jade53: JadeEin Jahr zuvor54: Ava55: Jade56: Ava57: Jade58: Josh59: Ava60: Josh61: David62: Josh63: David64: Josh65: DavidEine Woche später66: Ava67: AvaEin Jahr späterDank

Über dieses Buch

Nachdem die junge Londonerin Ava sich von ihrem Freund getrennt hat, nimmt sie mit einem mulmigen Gefühl das Angebot ihres Chefs David an, in der Wohnung von dessen verstorbener Tochter zu wohnen. Avas ungutes Gefühl verwandelt sich schnell in Angst, denn David versucht sofort, jeden Aspekt ihres Lebens zu kontrollieren. Dann verliebt Ava sich auch noch in Davids Sohn Josh. Als David davon erfährt, entführt er Ava auf seinen abgelegenen Landsitz. Wird sie sich befreien können?

Über die Autorin

Naomi Joy ist in Jersey, Großbritannien, geboren und aufgewachsen. Nach einem Studium der Englischen Literatur arbeitete sie in London über 10 Jahre als PR-Managerin. The Liars ist ihr erster Roman.

NAOMI JOY

Flieh, so weitdu kannst

THRILLER

Aus dem Englischenvon Angela Koonen

Vollständige eBook-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Deutsche Erstausgabe

  

Für die Originalausgabe:

Copyright © 2019 by Naomi Joy

Titel der englischen Originalausgabe: »The Liars«

Originalverlag: Aria, an Imprint of Head of Zeus Ltd., London

Published by arrangement with Rights People, London

  

Für die deutschsprachige Ausgabe:

Copyright © 2021 by Bastei Lübbe AG, Köln

Textredaktion: Ulrike Brandt-Schwarze

  

Umschlaggestaltung: Manuela Städele-Monverde

Umschlagmotiv: © RICHARD NIXON/Arcangel Images

eBook-Produktion: Dörlemann Satz, Lemförde

ISBN 978-3-7325-9445-0

www.luebbe.de

www.lesejury.de

 

Für Jackie, meine Mutter,und Charlotte, meine Schwester

ZWEITER SCHICKSALSSCHLAG FÜR DAVID STEIN

Multimillionär und PR-Guru David Stein zeigt sich bei amtlicher Feststellung der Todesursache seiner Tochter erstmals wieder in der Öffentlichkeit

Olivia Stein, David Steins einzige Tochter, starb an Herzstillstand infolge einer »enormen« Überdosis Kokain, wie der Coroner heute bekannt gab. Ihr Vater hatte sie »hingesunken« in ihrem Haus gefunden. Außerdem habe ihr Alkoholspiegel entscheidend zu ihrem Tod beigetragen, hieß es.

Der Rechtsmediziner erklärte, es sei »allgemein bekannt, dass der gleichzeitige Konsum von Kokain und Alkohol viel gefährlicher ist als eine isolierte Einnahme des jeweiligen Rauschgifts. Die hohe Konzentration im Blut hat zusammen mit ihrem Herzleiden zu dem plötzlichen, verfrühten Tod geführt.«

Ihr Vater, David Stein, der vor zwanzig Jahren seine Frau und Geschäftspartnerin Kate Watson durch eine Überdosis verlor, sagte, dass Olivia »sich in den vergangenen Monaten sehr bemüht hat, ihre Sucht in den Griff zu bekommen«. Des Weiteren erklärte er, »sie träumte davon, eines Tages meine Firma zu übernehmen«, und für ihn gebe es »keinen Grund«, zu glauben, dass sie die Überdosis absichtlich eingenommen habe.

Ihr Tod wird nicht als verdächtig eingestuft.

1

Ava

Wenn ich an Olivia denke, fällt mir sofort ein, wie sie an dem Morgen nach ihrem Tod gerochen hat. Nicht abstoßend oder penetrant, denn sie war noch nicht lange tot, aber unangenehm süßlich. Und an diesen frühen Totengeruch erinnere ich mich immer als Erstes. Als Nächstes sehe ich die unbeschwerte Haltung ihrer erstarrten Glieder vor mir und den stark nach hinten gebeugten Kopf, der über die Sofakante hing, fast bis zum Boden, und die geradeaus gerichteten schwarzen Augen. Es sah unbequem aus, so als hätte ein Puppenspieler ihre Fäden durchtrennt. Ich habe mich oft gefragt, woran sie wohl dachte, was ihr während der letzten Atemzüge durch den Kopf ging. War ihr bewusst, dass sie sterben würde? Manchmal versetze ich mich in ihre Lage und stelle mir vor, wie bedrohlich mein Herz klopft, wie meine Hände schwitzen, sich Blut in meiner Lunge sammelt und aufsteigt, als wollte es ans Licht. Wegen ihrer letzten Körperhaltung – der rechte Arm lag über den Beistelltisch ausgestreckt – ist mir auch immer wieder der Gedanke gekommen, dass sie vielleicht noch nach dem Telefon greifen wollte. Es lag nur ein paar Zentimeter von ihren Fingerspitzen entfernt. Olivia war eine freundliche, schöne und sehr intelligente junge Frau; sie hatte es nicht verdient, auf so würdelose Art zu sterben.

Ich schlug die Hände vors Gesicht, um die entsetzliche Slideshow in meinem Kopf anzuhalten, und drückte mir die Fingerspitzen an die Stirn, die Nägel in die Haut. Ich holte scharf Luft und fühlte dann meinen warmen Atem gegen die Handflächen strömen, allein in der Totenstille an meinem Arbeitsplatz, denn das Großraumbüro jenseits der Glaswand war verwaist. Tagsüber herrschte dort reger Betrieb, nachts glich es einem Friedhof.

»Alles in Ordnung?« Ich schreckte zusammen. David. Bei seiner Frage klopfte er entschieden an meine offene Tür. David ist mein höchster Vorgesetzter, der Inhaber von Watson & Stein Partners, kurz W&SP, und Olivias Vater. Überrascht, dass er noch da war, sah ich zur Uhr. Kurz nach zehn. Ich hätte schon vor Stunden heimfahren sollen. Seine katzenhaften Augen wurden schmal. Offenbar zögerte ich zu lange mit meiner Antwort. Er wartete sie nicht ab. »Du solltest so spät nicht mehr arbeiten.«

»Ich weiß. Ich hab nur …«

»Den Bericht über die Bekanntgabe des Coroners gelesen?«

Ich blickte ihn entschuldigend an. Er wusste es. »Ja«, räumte ich ein und wich seinem Blick aus. Er kam herein und setzte sich schweigend in einen der Sessel mir gegenüber. Die Dunkelheit ringsherum hatte die Glaswände in schwarze Spiegel verwandelt, sodass ich sein Gesicht in beiden Scheiben sehen konnte. Einen Moment lang betrachtete ich seine kantigen Züge, seine scharf geschnittene Kinnpartie, die hohlen Wangen, die vorstehende Stirn und tief liegenden Augen. Kein Wunder, dass ich in seiner Gegenwart oft nervös wurde. Sein Gesicht hatte nichts Freundliches. Doch das war nicht der einzige Grund. Er besaß auch eine furchteinflößende Erhabenheit. Eine Aura. Er war ein Mann, vor dem man gewarnt wurde: gefährlich, kontrollsüchtig, mehr Geld als Verstand. Ich denke, ich habe ihn immer ein wenig beunruhigend gefunden, aber als er in dem Moment vor mir saß, fiel mir zum ersten Mal die Verletzlichkeit, die Zartheit an ihm auf. Seine Trauer war spürbar.

Unsicher, was ich sagen sollte, sah ich ihn vorsichtig an. Ich kann mir nicht vorstellen, wie Sie sich fühlen. Das hatte ich seit Olivias Tod schon x-mal zu ihm gesagt. Wahrscheinlich hatte er solche Bekundungen satt. Stattdessen füllte ich den Raum zwischen uns mit Schweigen. Nur das Geräusch des Lüfters in meinem Computer war zu hören. David schien sich an der Stille nicht zu stören. Er wirkte gedankenverloren und schaute ins Leere. Er strich über die Bügelfalte seines linken Hosenbeins und zog sie glatt.

»Ich habe mich so sehr bemüht, ihr zu helfen«, sagte er leise und kniff die Falte wieder zusammen. »Die besten Rehas, die besten Ärzte, die besten Therapien … Nichts hat geholfen gegen …«

Er stockte abrupt, nicht gewillt, den Namen der Substanz zu nennen, die seine Tochter getötet hatte. Kokain. Als Olivia noch lebte, war das Zeug bei W&SP reichlich verfügbar gewesen, aber seit ihrem Tod zeigte David sich entschlossen, das Büro von dem Gift zu reinigen. Besser spät als nie.

Eines Morgens hatte er von einer Privatfirma die Schreibtische der Angestellten durchsuchen lassen und jedem fristlos gekündigt, bei dem Rauschgift gefunden wurde. Die Säuberung wirkte. Alle, die nicht über den Tag kamen, ohne auf der Toilette ihre Lines zu ziehen, verließen seine Agentur. Ich persönlich habe den Reiz nie verstanden. Für mich fallen Drogen in dieselbe Nein-danke-Kategorie wie Achterbahnfahrten, Hubschrauberrundflüge und Käfigtauchen mit Haien. Mir ist unbegreiflich, wie etwas derart Lebensbedrohliches als Spaß empfunden werden kann.

David blickte zu Boden, um sich zu fassen, und kaute wie so oft auf den Innenseiten seiner Wangen. Ich stellte mir einen löchrigen Hautstreifen vor, entstanden durch das besessene Nagen. Und das brachte mich zurück zu dem Morgen, als ich ihm mitgeteilt hatte, dass Olivia nicht zu unserer Neun-Uhr-Besprechung erschienen war. Zunächst hatte er mich misstrauisch angesehen – ich arbeitete erst seit drei Monaten bei W&SP – und den Kopf schräg gelegt, als wollte er sagen: Wer sind Sie, und was tun Sie in meinem Büro?

»Haben Sie bei ihr angerufen?«, fragte er, nachdem er mich kritisch gemustert hatte.

»Ja«, antwortete ich geduldig. »Fünf Mal schon.«

Er fing an, auf einer Wange zu kauen, so wie er es jetzt auch tat, und ich plapperte weiter.

»Ich dachte nur, jemand sollte nach ihr sehen. Haben Sie einen Schlüssel von ihrer Wohnung?«

Ein Schatten war über den Raum gefallen, und er hatte mich gefragt, ob ich ihn begleiten wolle. Mehrmals setzte ich zu einer Antwort an. Nein, sagte mein erster Impuls, wieso wollen Sie das? Aber ich hatte nicht darauf gehört, sondern gedacht, dass es nur gut sein konnte, persönlichen Kontakt mit David zu bekommen.

»Sicher«, antwortete ich. »Wenn es ihr gut genug geht, können wir die Besprechung dort abhalten. Ich hole meine Sachen.« Hätte ich nur auf meinen Instinkt gehört!

Jetzt kann ich nicht an Olivia denken, ohne den hellroten Schaum auf ihren Wangen, die urindurchnässte Hose und das klumpige Erbrochene in ihren Haaren vor mir zu sehen.

»Du kanntest sie einige Jahre. Glaubst du, sie wollte sterben?«, fragte David geistesabwesend. Ich ließ mir mit der Antwort einen Moment Zeit. Es drängte mich, Ja zu sagen, doch das wäre nicht die Wahrheit gewesen.

»Nein. Aber ich denke, sie hatte keine Angst vor dem Tod. Von Angst hat sie sich nie zurückhalten lassen.«

Das war vermutlich das Problem gewesen.

Meine Gedanken wanderten zurück zu der glücklicheren Zeit an der Universität, wo Olivia und ich uns zum ersten Mal über den Weg gelaufen waren. Ich bewunderte sie, weil sie rauchte, ohne einen Gedanken an Lungenkrebs zu verschwenden, weil sie sorglos One-Night-Stands genoss und sich nicht um antibiotikaresistente Tripperkeime scherte, weil sie sich lieber über die Bedeutung des Lebens ausließ als über die von Essays oder Abgabefristen und Prüfungen. Ich erlebte alles ganz anders, für mich war das Erwachsenwerden nichts weniger als eine Feuertaufe. Zu der Zeit bekam ich meinen ersten richtigen Kuss, und zwar von einem Jungen mit kräftiger Kinnpartie und Rugby-Stipendium, bei dem ich in den Spalten seiner Mundhöhle auf den Geschmack von Kotze stieß. Das beeindruckte mich mehr als der Kuss selbst, und später war mir ebenfalls schlecht. Auf dem Heimweg erbrach ich mich über dem gelb blühenden Beet eines Vorgartens. Am nächsten Morgen kehrte ich dahin zurück. Bröckchen von Erbsensuppe hatten das Erdreich überkrustet, und ich stahl mich durch das Gartentor, um sie zu entfernen. Als ich Olivia davon erzählte, lachte sie, aber freundlich. Kotze ist biologisch abbaubar, Dummchen. Du hättest das lassen können. Deshalb sind Friedhöfe so grün: Die Toten nähren die Pflanzen.

»Sie ist der Sonne zu nahe gekommen. Genau wie ihre Mutter.« David richtete seinen Blick wieder auf meine tränenfeuchten Augen. »Sie haben beide nie auf mich gehört.«

Mir kam eine Erinnerung: wie Olivia meine Hände ergriff und mich anflehte, ihren Rückfall für mich zu behalten. Sie hatte schreckliche Angst, es könnte in der Firma die Runde machen und bis zu ihrem Vater gelangen. Er hatte für ihre Entzugsbehandlungen Tausende ausgegeben. »Bitte«, hatte sie unter Tränen gesagt. »Er bringt mich um, wenn er das erfährt.«

In dem Moment vibrierte mein Handy auf der Glasplatte des Schreibtischs, ratterte wie ein Pressluftbohrer. Ich drückte den Anruf weg, bevor es zum zweiten Mal auf sich aufmerksam machen konnte, aber David hatte mir die Panik schon vom Gesicht abgelesen.

»Lass mich raten. Dein Freund?«

»Woher weißt du das?«

»Nun, du bist noch hier, zu einer unvernünftig späten Uhrzeit, und informierst dich über das Untersuchungsergebnis des Coroners. Offenbar findest du nicht, dass du mit ihm darüber reden kannst. Andernfalls wärst du jetzt zu Hause.«

Ich war überrascht, weil er sich zu meinem Privatleben äußerte. Er hatte sich noch nie daran interessiert gezeigt. In den Monaten nach Olivias Tod war zwischen uns eine gewisse Nähe entstanden. Dabei war mir nie der Gedanke gekommen, dass wir Freunde werden könnten, doch da saßen wir nun und durchbrachen die Schranke zwischen Beruflichem und Privatem verblüffend leicht. Ich überlegte, warum das so war. Vielleicht war ihm durch die amtliche Bekanntgabe der Todesursache an diesem Morgen bewusst geworden, was wir miteinander geteilt hatten.

Ich zögerte und überlegte. Dann entschied ich, David in mein Leben zu lassen.

»Ehrlich gesagt möchte ich ihn verlassen.« Ich spreizte die rechte Hand auf dem Schreibtisch, dann schloss ich sie zur Faust. »Aber unsere Miete ist zu hoch, als dass ich einfach ausziehen könnte, und ich kann nirgendwo anders hin.«

Ich schaute auf das Handy. Auf dem Display war eine neue Nachricht aufgeleuchtet. Sie reihte sich unter den anderen ungelesenen widerlichen Beleidigungen ein:

Komm heute Abend besser nicht nach Hause. Ich will ihn nicht an dir riechen müssen …

Ich weiß, dass du bei ihm bist, ich weiß genau, was du tust, ich weiß immer …

Das kann nicht so weitergehen. Du musst aufhören zu arbeiten. Entweder er oder …

In diesen Nachrichten war Charlie nicht wiederzuerkennen. Zu Hause hätte ich ihn jetzt am Esstisch sitzend angetroffen, tief über sein Handy gebeugt, voller Wut schreibend. Zunächst hätte er mich ignoriert. Dann hätte er mir mitgeteilt, dass er noch nichts gegessen habe. Du hättest pünktlich hier sein und kochen sollen. Aus Protest hätte er sich braune Frühstücksflocken, eine Marke für Kinder, in ein Schälchen geschüttet und es vor meinen Augen bis zum Rand mit Milch gefüllt, gewartet, bis die Puffreisstücke weiß und vollgesogen wären und die Milch die Farbe einer Schlammpfütze angenommen hätte, dann das Zeug in sich hineingeschaufelt. Ich hätte mich still aufs Sofa gesetzt und abgewartet. Dann wäre der zornige, vorwurfsvolle Schlagabtausch losgegangen.

»Warst du mit ihm zusammen?«

»Ich hab gearbeitet. Es gibt da niemanden.«

»Gib mir deinen Laptop, dein Handy. Ich will sie durchsehen.«

»Das ist wirklich überflüssig.«

»Und deine Unterwäsche. Ich will sie mir anschauen.«

All das hätte ich getan, nur damit er aufhörte, hätte ihm meine persönlichen Sachen ausgehändigt wie ein Flüchtling an der mexikanischen Grenze. Dabei hätte er versucht, seine Wut zu verbergen, sich zu beherrschen, aber sein zitternder Löffel hätte ihn verraten. Die überfließende Milch wäre ihm am Kinn hinabgelaufen, teils im Bart hängen geblieben, teils auf den Tisch getropft und hätte eine trübe Lache gebildet, die ich am nächsten Morgen weggewischt hätte.

»Sieh selbst.« Ich stand auf und gab David mein Handy.

»Ava, das ist …« Ich sah, wie er die Nachrichten überflog. Sein väterlicher Instinkt erwachte. »Das ist inakzeptabel. Du darfst nicht bei diesem Mann bleiben.«

»Es geht nicht anders«, erwiderte ich.

»Du musst mir erlauben, dir zu helfen.«

Nervös schaute ich ihn an und fragte mich halb, ob ich einen Schritt zu weit gegangen war. Bis dahin hatte ich niemandem erzählt, wie schlimm es mit Charlie war.

»Ich sollte gehen«, sagte ich und nahm meinen Mantel vom Garderobenständer in der Ecke.

»Nach Hause zu ihm?« David sah beunruhigt aus.

Achselzuckend ging ich an ihm vorbei. »Wie gesagt.« Bevor ich den Raum verließ, drehte ich mich noch mal zu ihm um. »Danke, dass du zu mir hereingeschaut hast. Es tut mir gut, wenn ich mit jemandem über Olivia reden kann. Sie fehlt mir sehr.«

Er stand auf und suchte offenbar nach einer angemessenen Formulierung.

»Hättest du etwas dagegen, wenn ich morgen früh noch mal vorbeikomme? Wir müssen deine Situation besprechen. Ich möchte helfen.«

Ich lächelte und zögerte, ihm zu glauben, aus Angst, mir falsche Hoffnungen zu machen. Charlie, mein Lebensgefährte, hatte mich, als wir nach London zogen, von allen Kontakten abgeschnitten. Und keiner von meinen Freunden verfügte über die Mittel, mir in derselben Weise zu helfen wie David, auch wenn sie mir ganz sicher Hilfe angeboten hätten. Meine Mutter hätte mir nur gut zugeredet, der Beziehung noch eine Chance zu geben. Daher hatte ich sie erst gar nicht angesprochen. Ganz anders dagegen David Stein: Er besaß die Mittel, ich brauchte ihm nur die Motivation zu geben.

Ich stand vor dem verwinkelten Kaninchenstall von Wohnung, den ich mit Charlie teilte, und schob leise den Schlüssel ins Schloss. Im Lauf der Woche hatte ich mehrmals in Hotels übernachtet, um mich von ihm fernzuhalten, aber mein Geld wurde allmählich knapp, und mir blieb nichts anderes übrig, als wieder zu Hause zu schlafen. Leider knarrte die Wohnungstür beim Öffnen, und ich hielt einen Moment inne, um zu horchen, ob ihn das geweckt hatte. Zum Glück rührte sich nichts.

Auf Zehenspitzen schlich ich durch den Flur und sah sofort die Spur der Zerstörung, die sich durch die Küche zog. Offenbar hatte Charlie seinen Zorn am Abendessen abreagiert. Ich atmete auf, weil nicht ich jetzt an den Küchenwänden klebte. Bis spätabends zu arbeiten hatte eindeutig seine Vorteile. Eine Portion Nudeln mit Tomatensoße hatte an unserer Pinnwand dekorative Akzente gesetzt, und wenn ich die roten Flecke wegwischte, würden eine angefangene Einkaufsliste, ein paar Rabattcoupons, eine Hochzeitseinladung und ein gemeinsamer Terminkalender zum Vorschein kommen. Ein Sinnbild für unsere Beziehung, dachte ich.

Ich streckte den Kopf durch die Tür und sah, dass die Nudeln nach dem Aufprall an der vormals weißen Küchenwand herabgerutscht waren. Jetzt bildeten sie einen Haufen an der Fußleiste, und die Soße hatte sich auf den Fliesen ausgebreitet.

Während ich zögernd im Flur stand, bemerkte ich den scharfen Alkoholgeruch, der aus dem Wohnzimmer drang und mir ein Kratzen in der Kehle verursachte. Ich sträubte mich dagegen, nachsehen zu gehen, doch ich tat es. Charlie war weggetreten, eine kleine Gnade. Der Fernseher lief, aber ohne Ton. Er hielt eine halb geleerte Flasche Wodka in der Hand, darunter sickerte eine Lache davon in den billigen Holzboden. Meine erste Regung war nicht Mitleid oder Sorge oder Traurigkeit, sondern Erleichterung. Einen Moment lang dachte ich sogar, er sei vielleicht tot, weil ich ihn nicht atmen hörte. Aber ich wurde enttäuscht, denn plötzlich brummte er im Schlaf, und seine Brust hob und senkte sich merklich. Ich betrachtete ihn von oben bis unten: Sein T-Shirt hatte gelbe Schweißflecke, seine Lippen waren blass, und in den Mundwinkeln hatten sich die weißen Spuren getrockneten Speichels abgesetzt. Er ekelte mich an, aber wenigstens brauchte ich mich vor dem nächsten Morgen nicht mit ihm auseinanderzusetzen.

Ich schlich ins Schlafzimmer, drehte den Schlüssel herum und ging zum Fenster, um die Jalousie zu schließen. In dem Moment kam der Mond hinter blauschwarzen Wolken hervor und zeigte seine harte, bleiche Oberfläche. Das hereinströmende Licht strahlte mich an, sodass ich Blicken preisgegeben war, und sein unschuldiges schneeweißes Gesicht schaute enttäuscht. Warum hast du das getan?, fragte es schwermütig. Ich bekam entsetzliche Schuldgefühle, und mit einem schnellen Handgriff schloss ich die dünnen Lamellen, um mich vor seiner Anklage zu schützen. Ich kroch ins Bett, zog mir die Decke bis unters Kinn und drehte mich vom Fenster weg. Doch während meines unruhigen Schlafes spürte ich immer wieder den Mond, der durch die Ritzen der Jalousie schien. Du kannst dich nicht ewig verstecken, Ava. Ich weiß, was du getan hast. Ich kenne dein Geheimnis.

2

Jade

Ich blickte vom Bildschirm auf. Es war fast elf. Ach, sieh mal an, wer kommt denn da? Die sonst immer so überpünktliche und immer so makellose Ava. Ist wohl spät geworden gestern, hm?

Andere Kollegen hatten ihr spätes Erscheinen auch registriert. Josh (1,92, Superman, mein Zukünftiger) und Georgette (1,82, Essex, Zicke) starrten sie an, als sie mit gesenktem Kopf an uns vorbeiging und die Glastür ihres Büros hinter sich schloss. Das tat sie selten. Nicht dass ihr deshalb die Glaswand mehr Abgeschiedenheit gewährt hätte als sonst. Ich kniff die Augen zusammen und las es Georgette von den Lippen ab.

»Was kann mit ihr los sein? Ist das wegen Olivia?«

Fast hätte ich losgelacht. Natürlich. Wenn mit jemandem etwas los sein konnte, weil der Coroner sein Untersuchungsergebnis bekannt gegeben hatte, dann mit Ava. Offenbar nutzte sie Olivias Ableben weiter gehörig aus. Meine durchsichtigen Strümpfe klebten mir feuchtkalt an den Beinen, was mich nervte. Tja, ich hatte es geschafft, pünktlich zur Arbeit zu kommen, obwohl ich acht Jahre mit Olivia zusammengearbeitet hatte, Ava dagegen nur zwölf läppische Monate. Olivia und ich hatten uns als Kolleginnen sogar extrem nahegestanden, ungefähr zur gleichen Zeit bei W&SP angefangen und uns ein Jahr lang Seite an Seite auf der schlüpfrigen Erfolgsleiter hochgearbeitet. Ava war erst im vergangenen Jahr eingestellt worden, und weil sie und Olivia sich vom Studium her kannten, schien sie gut zu uns zu passen – vielleicht ein bisschen zu gut. Dann starb Olivia und machte aus unserem Trio ein Duo, und es dauerte nicht lange, bis Ava und ich um alles konkurrierten: wer Olivia besser gekannt hatte, wer von ihrem Tod mehr betroffen war, wer am besten geeignet war, ihre Kunden zu übernehmen, wer von uns ihren Platz in der Firma einnehmen würde. Ich war sogar neidisch, weil Ava sie an jenem Morgen gemeinsam mit David tot aufgefunden hatte. Das brachte sie ihm näher und rückte mich umso weiter von ihm weg.

»Psst! George!«, flüsterte ich scharf zu Georgette hinüber und winkte sie zu mir.

»Was denn?«, fragte sie lautlos mit den Lippen über den Gang hinweg.

»Komm mal her!«

Sie unterbrach ihre Unterhaltung mit Josh und kehrte zu unserem gemeinsamen Schreibtisch zurück. Während sie angestöckelt kam, betrachtete ich entsetzt ihr Outfit: ein T-Shirt-Kleid, komplett bestickt mit aquamarinblauen Pailletten. Ich beschloss, darüber hinwegzugehen, wie unangemessen das war – Meerjungfrauen sollten niemals Inspirationsquelle für unsere Bürokleidung sein –, und nahm mir vor, das ein andermal anzusprechen.

»Was?«, krächzte George. Ihr übertrieben konturiertes Gesicht mit der Beinahe-Monobraue – das Ergebnis zu eifriger Pinselstriche – erschien dicht vor mir wie ein mannsgroßer Springteufel.

»Jämmerlich!«, zischte ich und beugte mich nach vorn, damit wir uns noch näher waren. »Absolut jämmerlich.«

Georgette war nicht sonderlich geneigt, mir zuzustimmen. »Eine Kollegin am Morgen nach einer Überdosis tot aufzufinden dürfte einen noch ziemlich lange fertigmachen, meinst du nicht? Und durch die Bekanntgabe des Coroners kommt alles wieder hoch.«

Ich sagte nichts dazu. Auf keinen Fall wollte ich über Olivias Tod reden. Das Thema brachte auch mir schlimme Erinnerungen zurück, nicht nur Ava.

Georgette akzeptierte mein Schweigen. »Josh meinte gerade, dass sie ihm auch total leidtut.«

»Das hat er gesagt?« Das war entmutigend. Denn Josh gehörte mir. Na ja, das war vielleicht ein bisschen voreilig. Josh würde eines Tages mir gehören. Mir war klar, das klang widerlich nach Torschlusspanik: eine erwachsene Frau unglücklich verliebt. Aber ich konnte es nicht ändern. Er war von Anfang an für mich bestimmt gewesen. Ich hätte diejenige sein sollen, die ihm leidtat. Er kannte mich schon viel länger als Ava.

Ich wollte mir gerade einen Plan zurechtlegen, wie ich das Blatt zu meinen Gunsten wenden und Josh bewegen könnte, mit mir zu fühlen statt mit Ava, als ich aus dem Augenwinkel jemanden wahrnahm, der sich nur selten blicken ließ. Mein Gesicht verfinsterte sich, ich öffnete den Mund zu einem leisen »Oh«. David Stein, der Firmenchef, der diese Etage sonst nie betrat, schritt erhaben durch die Doppeltür und durchquerte das Großraumbüro. Seine dunklen Haare waren von Grau durchzogen, sein Gesicht wirkte verhärmt und hart. Ich erriet sofort, wohin er wollte: zu Ava.

Georgette folgte meinem Blick und drehte sich mit ihrem Stuhl herum, damit ihr nichts von dem entgehen konnte, was sich dort abspielen würde. Ich schaute zu Ava, die noch nicht bemerkt hatte, wer sich da näherte, und beobachtete gebannt, wie sie ihre langen Haare in eine Hand raffte und den in unzähligen Blondtönen schimmernden Strang immer fester zusammendrehte. Mühelos und geschickt schlang sie ihn auf dem Kopf zum Knoten und steckte ihn mit einem Bleistift fest. Dann klopfte David an ihre Tür, und der Knoten glitt wie geschockt auseinander, ihre Haare fielen herab, fingen dabei die Sonnenstrahlen ein und landeten wogend wie eine sandfarbene Lawine auf ihrem Rücken. Georgette drehte sich wieder zu mir, glücklich bestürzt. Sie liebte dramatische Büroereignisse. Büroklatsch aufschnappen und verbreiten war vielleicht sogar ihre beste Fähigkeit. Und keine, die man in einer solchen Firma verachten sollte: Der Besitz von Informationen war bei W&SP das A und O.

»Was will David Stein bei Ava?«, flüsterte George, um sich gleich darauf wieder von mir wegzudrehen. »Meinst du, das ist wegen der Bekanntgabe der Todesursache?«

Ratlos, was ich sagen sollte, zuckte ich die Achseln und beobachtete Ava, die ihn hereinwinkte und mit einem Kuss auf die Wange begrüßte. Na, so was. Während wir uns wunderten, schien es Ava gar nicht zu überraschen, dass er zu ihr kam. Wollten sie eine Besprechung abhalten? Ohne mich?

Zum zweiten Mal in zwei Minuten riss ich die Augen auf. Zuerst Josh und nun David. Ich saß da wie vom Blitz getroffen. Und der Neid brannte in mir, als wäre gleich nur noch ein Häufchen rauchender Kleidung von mir übrig. Wo ist sie hin?, würden die anderen fragen. Oder würde das keinen interessieren?

In dem Moment fällte ich eine überstürzte Entscheidung: Ich musste handeln. Ich durfte nicht außen vor bleiben und zusehen. Ava hatte Olivias Tod nicht für sich gepachtet, und es war unfair, wenn sie ihn ausnutzte, um beruflich weiterzukommen. Zumindest, solange ich das nicht auch tat.

Ich stand von meinem Schreibtisch auf, und ohne auf Georgettes Geblöke – »Jade, nicht! Jade, was hast du vor? Jade, komm zurück!« – einzugehen, hielt ich auf Avas Büro zu.

Ich hasste es, dass sie eins für sich allein hatte. Seit acht Jahren arbeitete ich in der Firma, und das Einzige, womit David Stein das honorierte, war ein Arbeitsplatz, der ein paar Meter abseits des Großraumbüros lag und den ich mit einer Frau teilen musste, die sich anzog wie ein Kind und sich anmalte wie ein Clown.

Mein Atem kondensierte an der geschlossenen Glastür zu einer wütenden Zielscheibe, während ich zweimal kurz anklopfte. Ava machte ein enttäuschtes Gesicht, als sie mich bemerkte. Mein Groll auf sie schwoll sofort an, und ich fragte mich, wie ich sie jemals als Freundin hatte betrachten können. Als Olivia noch lebte, hatten wir mittags zusammen gegessen und uns darüber unterhalten, was man in der Firma verändern sollte. Eine Zeit lang waren wir wie Schwestern gewesen, eine muntere Clique, ein Team. Doch seit Olivia tot war und David Ava unter seine knochigen Fittiche genommen hatte, sie mir in fast jeder erdenklichen Weise vorzog, obwohl sie im Beruf bei Weitem nicht so erfahren war wie ich, hatte sich zwischen uns eine Mauer gebildet. Und anstatt mir zu helfen, nutzte sie freudig jede Gelegenheit, mich zurückzuwerfen. Um alles noch schlimmer zu machen, hatte David uns beide denselben Posten in Aussicht gestellt, eine glanzvolle Beförderung, die ich zehnmal mehr verdiente als sie: nämlich zur Teamleiterin.

Also, da stand ich und kämpfte um meine Karriere.

Ich wartete nicht ab, ob sie mich hereinbitten würde.

»Ist alles okay?« Damit drängte ich mich in ihr heimliches Meeting. »Es war gestern ziemlich hart, den Bericht über die Feststellung der Todesursache zu lesen«, sagte ich in sachlichem Ton und schloss die Tür hinter mir. »Olivia hätte es verabscheut, dass jedes Detail öffentlich wird.«

»Jade, gibst du uns einen Moment?«, fragte Ava höflich. Sie erteilte mir eine Abfuhr.

Da tat sie es schon wieder: Sie benahm sich, als würde mich Olivias Tod überhaupt nicht betreffen. Als wüsste sie nicht mal mehr, was wir zusammen durchgemacht hatten.

»Es ist nur …«

»Alles in Ordnung, danke, Jade.« Jetzt wurde sie schon lauter.

Ehe ich etwas erwidern konnte, spie David eine rhetorische Frage aus. »Jade, wären Sie so freundlich?«

Das traf mich wie ein Schlag in den Magen, und meine Wangen glühten. Scham öffnete ihr riesiges Maul und verschluckte mich. Dass David mich so grob behandeln würde, hätte ich nie gedacht. Hatte Ava ihn schon gegen mich eingenommen? Jedenfalls ließ ich mir das nicht zweimal sagen und entfernte mich schleunigst. Es haute mich um, dass Ava es schon wieder geschafft hatte, mich in der Firma auszustechen. Niedergeschlagen schlich ich zu meinem Platz zurück.

»Jade, was hast du dir dabei ge…«

Ich schnitt Georgette das Wort ab. »Ich will nicht darüber reden.«

Ich setzte mich und starrte nachdenklich ins Leere. Zur Teamleiterin sollte ich ernannt werden. Das war der Plan. Das hatte ich von Anfang an angestrebt. Doch seit Ava in die Firma gekommen war, schien es, als wären meine Jahre loyaler Knechtschaft umsonst gewesen – seit eine blonde Jungfrau in Nöten mit der Berufserfahrung einer Klobürste und der Statur eines Frettchens die Bühne betreten hatte. Nein, das durfte ich nicht zulassen. Ich musste etwas unternehmen, verhindern, dass mir meine Felle davonschwammen. Ich musste den Trend umkehren, wieder in den Ring steigen. Und unfair kämpfen, genau wie sie.

Wie viel Zeit bei meinen Überlegungen vergangen war, hätte ich nicht sagen können, aber plötzlich merkte ich, dass Georgette über den Schreibtisch hinweg mit mir redete.

»Willst du nicht rangehen?«

Mein Telefon klingelte. Ich war jedoch mit den Gedanken noch meilenweit weg. Den Blick auf das schwarze Loch meines Bildschirms gerichtet, fragte ich mich, was meine Therapeutin mit dieser jüngsten Entwicklung anfangen würde. Was glauben Sie, warum Sie so stark auf weibliche Konkurrenz reagieren, Jade? Sich mit anderen zu vergleichen ist nicht hilfreich. Jeder Mensch ist anders. Sie müssen darüber hinauswachsen. Ihren eigenen Weg gehen.

Ich stellte mir vor, ich säße ihr gegenüber und erklärte ihr, wieso sie sich bei unserer letzten Sitzung geirrt hatte. Ihre Klischees sind nicht einleuchtend. Der Punkt ist der: Es gibt nur einen Weg, und zwar den an die Spitze. Und Ava und ich gehen beide denselben. Wenn ich vor ihr ans Ziel gelangen will, dann darf ich nicht »anders« sein, sondern ich muss besser sein. Und wissen Sie, wie der Chef entscheidet, wer von uns beiden dort ankommt? Indem er uns vergleicht. Indem er uns einschätzt. Folglich kann für mich nichts wichtiger sein, als mich und sie ständig zu bewerten. Ach, wissen Sie was? Ich breche die Therapie ab. Sie raffen es einfach nicht.

»Jade!«, bellte Georgette plötzlich. Ich schreckte hoch. »Was ist denn heute mit dir los? Also ehrlich«, schnaubte sie und hielt mir das Telefon hin.

Ich schüttelte meinen Tagtraum ab und nahm das Gerät aus ihrer von Selbstbräuner fleckigen Hand, um auf das Display zu blicken. Ich erkannte die Nummer sofort. Sie gehörte dem wichtigsten Kunden von W&SP, nämlich Kai, dem Marketingleiter von AthLuxe, einer neuen, hochwertigen Marke von Sport- und Freizeitkleidung, die für jegliche Freizeitaktivität im Grunde, na ja, total unpraktisch war. Ava und ich waren beide für den Kunden zuständig, und seit wir ihn an Land gezogen hatten – unglaublicherweise gemeinsam, damals, als wir einander noch grün waren –, rangelten wir darum, wer das Sagen hatte. Ava war es sehr schnell gelungen, sich bei Kai als Hauptkontakt zu positionieren, aber da sie gerade ein viel wichtigeres Meeting in ihrem Büro abhielt, musste er auf mich zurückgreifen. Das war gut. Kai zu beeindrucken war immens wichtig. Wenn er eine hohe Meinung von mir hatte, würde das entscheidend dazu beitragen, mir die Stelle der Teamleiterin zu sichern, und ich hatte vor, mit einem fantastischen Telefongespräch bei ihm einen überwältigenden Eindruck zu hinterlassen. Das war meine Chance, ihn für mich zu gewinnen. Ich räusperte mich und schickte ein Stoßgebet zum Himmel.

»Morgen, Kai. Was kann ich für Sie tun?« Kai antwortete nicht sofort auf meine Frage. Stattdessen begann er unser Gespräch mit einer krassen Schimpftirade, weil er niemanden außer mir erreichen konnte. Ich ließ die Herabsetzung von mir abgleiten. »Ava nimmt wegen eines privaten Problems gerade keine Anrufe entgegen«, erklärte ich. Er holte scharf Luft und legte zur dramatischen Betonung eine Pause ein. Er hatte mir mal erzählt, dass er anstatt auf eine normale weiterführende auf eine Schauspielschule gegangen war. Was er da gelernt hatte, wandte er gern im praktischen Leben an. Deshalb wusste ich es besser, als ihn in dem Moment zu unterbrechen.

»Verzeihung.« Er hielt erneut inne. Wahrscheinlich ließ er den Mund offen und griff sich an die Stirn. »Habe ich richtig gehört?«

Diesmal reagierte er genau wie erhofft. Kein Kunde hörte gern, dass etwas anderes wichtiger war, schon gar kein »privates Problem«.

»Ich weiß, und es tut mir leid. Aber ich nehme nur zu gern Ihre Anrufe entgegen, solange Ava … lahmgelegt ist. Was möchten Sie heute besprechen?« Ich überflog meine Notizen, um irgendetwas sagen zu können. Vielleicht könnte ich die Location für die Markteinführung, die Ava ins Auge gefasst hatte, an mich reißen und dem Event den Stempel meiner Autorität aufdrücken: Frontreihen-VIPs, Ticketverkauf an ausgewählte Vertreter der Öffentlichkeit, Medienleute, Berichterstattung, Security. Ich begann mit dem Interessantesten. »Wie wär’s mit VIPs in der Frontreihe?«

»Nun, ja, klar. Ich hatte diesbezüglich auf ein Update gehofft. Sprechen Sie weiter.«

Es funktionierte, mein Vorschlag und meine immense Professionalität besänftigten ihn, und obwohl das nicht mein Aufgabenbereich war, bluffte ich zuversichtlich weiter, indem ich Avas Dokumente abgraste und benutzte, als wären es meine eigenen. Aufmerksam hörte ich zu, als Kai gegeneinander abwog, ob er hochrangige Prominente bezahlen oder lieber billigere kleine Stars aus dem Reality-TV nehmen sollte, und riet ihm, besser niemanden für seine Teilnahme zu bezahlen, von dem er nicht vollkommen überzeugt war. Er stimmte mir zu, wir sollten nur auf renommierte Medien und absolute Stars bestehen. Und AthLuxe sollte sie für die Teilnahme nicht bezahlen müssen. Lächelnd sagte ich ihm, er könne das alles ruhig mir überlassen. Ich würde seine Wünsche wahr machen.

3

Ava

»Mir ist da eine Idee gekommen.«

Der knappe, selbstbewusste Ton David Steins füllte den Raum, als er mein Büro betrat. Nun ja, er kam nicht einfach herein, er schritt einher wie ein sehniger Gladiator. Ich sah ihn zum ersten Mal mit Bartstoppeln. Vielleicht hatte er schlecht geschlafen und es nicht mehr geschafft, sich zu rasieren. Oder vielleicht die ganze Nacht wach gelegen und überlegt, wie er mir helfen könnte. Nervös blickte ich durch die Glaswand ins Großraumbüro, da ich erwartete, ein paar hochgezogene Augenbrauen zu sehen. Doch meine Kollegen verzichteten lieber darauf. Sie neigten auch eher zum Tuscheln als zum Gaffen. Ausgenommen Jade Fernleigh natürlich, die von ihrem Schreibtisch herüberguckte und dabei aussah wie ein brodelnder Vulkan.

»Also«, sagte David. »Du musst irgendwo wohnen, während du die Katastrophe mit Charlie aus der Welt schaffst.«

»Stimmt«, sagte ich, gerührt, wie schnell er auf sein Hilfsangebot zurückkam. Er blickte mich liebevoll an und lächelte. Es war unangemessen. Wir sahen einander in die Augen wie zwei potenziell Interessierte in einer belebten Chicagoer Bar bei säuselndem Jazz und einem Glas Bourbon.

»Du wirst sicherlich einiges einzuwenden haben, aber hör mir erst einmal zu.«

Er stockte, als wir jemanden an die Tür klopfen hörten.

Es war Jade, mit rotem Gesicht und außer Atem. Hatte sie eine Katastrophe zu verkünden, oder wollte sie nur um jeden Preis in ein Gespräch platzen, an dem sie glaubte teilnehmen zu sollen? Schwer zu sagen. Unaufgefordert kam sie herein und plapperte etwas wegen der amtlichen Untersuchung zu Olivias Tod. David und ich wechselten einen Blick. Ich wollte ihr Gelegenheit geben, sich wieder zurückzuziehen, doch sie redete weiter, und David wurde grob.

»Jade, wären Sie so freundlich?«, sagte er deutlich verärgert. Er wartete, bis sie die Tür geschlossen hatte, bevor er etwas dazu bemerkte. »Was fällt ihr ein?«

»Sie meint es nicht so«, sagte ich, um die Wogen zu glätten.

Er schüttelte den Kopf. »Sie ist unberechenbar. Ich werde mit ihr reden müssen. Wie auch immer. Wo war ich?«

»Du sagtest gerade, ich würde sicher einiges einzuwenden haben.«

»Ich denke, du solltest in Olivias Haus ziehen.«

Beim Klang ihres Namens, dem allzu vertrauten viersilbigen Arpeggio, verkrampfte ich mich und sträubte mich mit jeder Faser gegen seinen Vorschlag. »Das kann ich nicht, David«, erwiderte ich, entsetzt, weil er das überhaupt in Betracht zog.

»Es ist ja in Pimlico«, sagte er. »Also ganz in der Nähe. Und im Moment steht es leer. Es wartet nur auf jemanden, der wieder Leben hineinbringt. Da die Todesursache nun amtlich feststeht, ist es meines Erachtens an der Zeit, nach vorn zu schauen. Es ist Monate her. Ehrlich gesagt hätte sie gewollt, dass du da so lange wohnst, wie es nötig ist.«

Natürlich dachte ich als Erstes an ihren Geruch an jenem Morgen, an dem wir sie fanden. Dann an meine Schuld, an die Dinge, von denen er nichts wusste, und an die Gerüchteküche im Büro. David sah mir wohl an, dass einiges in mir vorging.

»Was ist los?« Er verschränkte die Arme, indem er die Hände in die Achselhöhlen schob.

»Das letzte Mal war ich dort, als wir …« Ich wurde mit jedem Wort langsamer und leiser.

»Eben. Bring wieder etwas Fröhlichkeit ins Haus. Das hat es nötig. Außerdem wird es dir guttun, dich der Erinnerung zu stellen, meinst du nicht?«

Etwas Schlimmeres konnte ich mir nicht vorstellen. Ich schlang die Arme um meinen Stuhl, als könnte David mich mit Gewalt wegziehen wollen.

»Das Haus ist Millionen wert, Ava. Darin zu wohnen ist keine Entbehrung.« Seine Backenzähne bearbeiteten die Innenseiten der Wangen. Er hielt mich für undankbar.

»Die Leute werden reden«, wandte ich hastig ein und griff zu den erstbesten Argumenten, damit er mich nicht weiter dazu drängte. Denn ich stellte mir vor, wie ich jede Nacht in dem Haus einschlafen müsste. »Was, wenn Charlie mir dahin folgt? Er würde einbrechen, alles kaputt schlagen. In einem Hotel kann er das zumindest nicht tun.«

»Dann werde ich Kameras und eine Alarmanlage einbauen lassen, die einen Notruf an die Polizei absetzt. Danach wird Olivias Haus sicherer sein als ein Hotel. Eine Schlüsselkarte für ein Hotelzimmer kann man sich leicht beschaffen, wenn man nur das Richtige zu den richtigen Leuten sagt.«

Ich ging darauf nicht ein. David wartete geduldig, ob ich akzeptierte. »Ich könnte mir nie verzeihen, wenn dir etwas zustoßen würde. Aber in Olivias Haus wüsste ich zumindest, dass du in Sicherheit bist.« Bedächtig legte er eine Hand auf den Schreibtisch und strich mir eine Haarsträhne hinters Ohr, die mir über die Schulter geglitten war. »Olivia konnte ich nicht retten, aber ich kann versuchen, dich zu beschützen, Ava.« Seine überraschende Sensibilität machte mir eine Gänsehaut. »Ich werde dich begleiten. Ich kann dir beim Einzug helfen, wenn du möchtest«, sagte er leise.

Ich holte tief Luft und merkte, dass ich kurz davor war, sein Angebot anzunehmen. Hatte ich eine Wahl? Das wollte ich doch, oder? »Also gut.« Ich rang mir ein Lächeln ab.

»Du musst nur die Hürde überwinden, das Haus wieder zu betreten.«

Nickend stützte ich die Hände auf, um aufzustehen.

»Aber du musst mich Miete zahlen lassen«, sagte ich. »Sag mir nur, wie viel, oder lass es mir vom Gehalt abziehen, wenn dir das lieber ist.« Als ich mich aufrichtete, hinterließ ich zwei feuchte Handabdrücke auf der Glasplatte.

David schüttelte den Kopf.

Langsam bewegte ich mich von meinem Stuhl weg, um ihn zur Tür zu begleiten, aber David rührte sich nicht vom Fleck. Vielmehr verschränkte er entschlossen die Arme. Mir fiel ein Artikel ein, den ich vor ein paar Jahren gelesen hatte und in dem sein Vermögen auf einige Hundert Millionen geschätzt worden war. Mir war klar, dass er von mir kein Geld nehmen würde, aber ich wollte es anbieten. Es behagte mir nicht, ihm doppelt verpflichtet zu sein. »Es ist mir ernst. Du sollst nicht meinen, dass ich deine Freundlichkeit ausnutze.« Ich fasste an seinen Arm.

»Schau, meine Liebe, ich brauche dein Geld nicht, und ich will es auch nicht.« Ich lächelte ihn an. Gott sei Dank. »Geh heute Abend mit mir etwas trinken, Ava«, sagte er nach einem Moment Schweigen. »Um zu feiern.«

Ich stotterte verblüfft, und gerade als ich mir eine Lüge ausdenken wollte, warum ich zu beschäftigt oder zu müde sei, um mit ihm auszugehen, wurde mir bewusst, dass er mich nicht gebeten, sondern aufgefordert hatte.

Ich ließ mich darauf ein. »Einverstanden. Sehr gern.«

Während er mich forschend ansah, leuchtete mein Computerbildschirm auf. Grelles Licht strahlte mich an und ließ jede Regung in meinem Gesicht deutlich erkennen. Ich hielt Davids Blick fest. Wenn ich jetzt wegschaute, wäre der Moment vorbei. Das Licht wurde noch heller. Ich weiß, was du getan hast, zischte es. Hitze kroch mir den Hals hinauf, und ich wippte auf den Zehen wie ein Aufziehhäschen. Plötzlich wurde der Bildschirm dunkel, und Davids Lippen bildeten wieder einen zufriedenen Strich, als er mein Büro verließ.

4

Jade

Mein Telefon klingelte. Auf dem Display leuchtete Avas Name. Verstohlen blickte ich zu ihrem Büro. Sie rieb sich sichtbar verärgert die Stirn.

»Ja?«, fragte ich ungeduldig.

»Ich habe einen verpassten Anruf von Kai. Er sagt, er würde es stattdessen bei dir versuchen. Hast du mit ihm gesprochen?«

Grinsend begann ich, die Kugelschreiber, die auf meinem Schreibtisch herumlagen, aneinanderzulegen. »Hab ich. Er war besorgt wegen der Besucher, die wir in die Frontreihe setzen wollen. Ich habe versprochen, mich darum zu kümmern. Nur renommierte Medien und A-Promis.« Ich sonnte mich in meiner Zufriedenheit. Endlich war ich bei dem Kunden die Nummer eins. Ich legte den letzten Stift dazu, fünf leicht gespreizte Plastikfinger.

»Wie bitte?« Jetzt klang sie aufgeregt. »Warum hast du das zugesagt? Du weißt doch, dass A-Promis für diesen Launch zu teuer sind. Sein Budget ist mickrig.«

Mein Vertrauen in meine Entscheidung ließ nach, aber ich stand das durch und tat mein Bestes, um mich durch Avas herablassende Art nicht einschüchtern zu lassen. »Er meint, er wird ihnen gar nichts zahlen. Er will da nur Leute sitzen haben, denen die Marke gefällt.«

»Wie bitte?« Sie war offenbar geplättet. Ich hielt das Telefon fester. Hatte ich etwas falsch gemacht?

»Jade, was hast du dir dabei gedacht? AthLuxe ist noch gar nicht eingeführt. Niemand kennt die Marke, folglich kann sie auch noch keinem gefallen. Und selbst wenn sie etabliert wäre, Jade, jeder wird bezahlt. Immer. Jeder Prominente, egal wie bekannt. Das wirst du doch wissen. Hast du denn bisher noch kein Launch-Event organisiert?« Um ehrlich zu sein, nicht. Während sie weiterredete, schrumpfte ich auf meinem Stuhl und war dankbar, dass keiner das Gespräch mithörte. »Warum befasst du dich überhaupt mit diesem Aufgabenbereich? Du hast ganz andere Dinge zu tun«, zeterte sie. »Tanz nicht aus der Reihe, Jade. Du machst dich ja lächerlich …«

»Und wo steht geschrieben, dass du mir zu sagen hast, was ich tun soll?«, fauchte ich. »Du führst dich so herablassend auf, aber wenn du deine Arbeit gemacht und Kais Anruf angenommen hättest, anstatt mit David eine geheime Besprechung abzuhalten, dann wäre das gar nicht passiert. Da bist du selber schuld.«

Georgettes Augen leuchteten, als ihr Kopf über ihrem Bildschirm auftauchte.

Ava stockte. Ja, sie war daran schuld. Dann kam sie mit einer Drohung um die Ecke, mit der ich nicht gerechnet hatte. »Ich glaube nicht, dass David das so sehen würde.« Wie sie das sagte, so kalt, so gleichgültig, so präzise, das traf mich tief. Ich spitzte die Lippen und überlegte, was ich erwidern sollte, aber Ava redete schon weiter, während ich noch nach Luft schnappte. »Wie auch immer, ich will nicht kleinlich sein. Es geht nicht darum, wer wem was zu sagen hat. Es geht darum, was wir abgesprochen hatten. Du wusstest, dass du mit den Einladungen nichts zu tun hast, und hast dich trotzdem eingemischt. Nun werde ich den Rest des Tages damit beschäftigt sein, das wieder auszubügeln.«

»Tja«, murmelte ich.

»Worauf ich wirklich verzichten könnte.« Ich schmeckte den Triumph in ihrer Stimme, ihre genüssliche Freude, weil sie die Munition verschießen konnte, die ich ihr gerade auf dem Silbertablett serviert hatte. »Ich werde Kai nachher anrufen und erklären, dass du einen Fehler gemacht …«

Ich riss die Augen auf. »Nein!«, rief ich entsetzt dazwischen. »Ich mache das. Ich rufe ihn an.« Um ein bisschen Würde zurückzuerlangen, schlug ich einen sehr bestimmten Ton an. »Ich bringe das in Ordnung, versprochen.«

Sie schwankte, dann gab sie nach. »Also gut«, sagte sie in einem Ton, als redete sie mit einem Kleinkind. »Aber wenn das bis morgen nicht erledigt ist, nehme ich das in die Hand, verstanden?« Und damit legte sie einfach auf, sodass mir im nächsten Moment das Freizeichen ins Ohr tutete.

Ich war wütend auf mich selbst. Meine Unfähigkeit, Ava Paroli zu bieten, hatte sich mal wieder gezeigt. Warum ließ ich mich so von ihr behandeln? Mich von ihr dominieren zu lassen schien eine meiner besonderen Fähigkeiten zu sein. Sie war nicht besser als ich, aber manchmal schien es unmöglich, das zu beweisen.

»Worum ging es denn?«, wollte Georgette wissen, sowie ich das Telefon hinlegte. Ihre angemalten Brauen wölbten sich verblüffend hoch.

»Nichts. Gar nichts. Lass mich einfach in Ruhe«, sagte ich. Dabei wusste ich genau, dass sie alles tun würde, nur das nicht.

Um unmissverständlich klarzumachen, dass ich nicht reden wollte, setzte ich Kopfhörer auf. Dann beobachtete ich Ava, die sich durch die Haare strich und ein mürrisches Gesicht zog. Gute Mitarbeiter sehen Glaswände, schlechte sehen Kollegen, dachte ich. Sobald ich die Stelle der Teamleiterin hätte – Zuversicht ist schon der halbe Sieg –, würde ich in ihr gläsernes Büro einziehen und zusehen, wie sie damit zurechtkam, außen vor zu bleiben. Ich verfolgte es genau, als sie zum Telefon griff und innerhalb einer Millisekunde von mürrisch auf freundlich umschaltete, was bei mir eine Reihe finsterer Gedanken auslöste. Ava und ich waren uns immer einig gewesen, im Job nicht persönlich zu werden – bestimmte Dinge mussten einfach tabu sein. Aber jetzt, da wir gegeneinander antraten, änderte sie heimlich die Spielregeln und ließ mich hinter sich. Als wäre es nicht schon genug, David zu überzeugen, dass ich mir den Posten verdient hatte, musste ich nun auch noch fürchten, dass Ava mich fallen ließ, um ihn selbst zu ergattern.

Ich presste die Fingernägel in die Handflächen und überlegte mir den nächsten Spielzug. Wenn sie damit beschäftigt war, David Stein um den Finger zu wickeln, würde ich eben den anderen Stein umgarnen. Das war natürlich leichter gesagt als getan, besonders weil ich schon seit Jahren bis über beide Ohren in ihn verknallt war. Seit er zum ersten Mal bei W&SP durch die imposante Doppeltür gerauscht kam und in meinem Team landete. Ich hatte ihn damals eingearbeitet und ihm geholfen, sich einzufügen.

Ich sah zu meinem Zielobjekt hinüber. Sein entspanntes Lachen und die Wangen mit den Grübchen verströmten Wärme quer durch den Raum. Mein Stein war Josh, Davids Adoptivsohn, der Mann meiner Träume, und inzwischen, nachdem er sechs Jahre erfolgreich in der Firma gearbeitet hatte, war er auch sehr einflussreich im Hinblick auf Beförderungen. Und er würde noch weiter aufsteigen. Denn da Olivia nicht mehr da war, würde David ihn die höheren Posten durchlaufen lassen und aufbauen, damit er eines Tages die Firma leitete. In den Büros von W&SP blühte die Vetternwirtschaft, so viel stand fest. Wenn ich es nur hinbekäme, in die Familie einzuheiraten, hätte ich ausgesorgt. Also genug getrödelt, genug aufgeschoben, genug »mal abwarten«, dachte ich. Mir war eindeutig die Zeit davongelaufen. Eine Beziehung mit Josh war jetzt wichtiger denn je, und ich musste mich damit ranhalten.

Gedankenverloren plante ich Phase eins meiner Operation. Zuerst würde ich meinen Bleistiftrock ein bisschen höher ziehen und zu ihm schlendern, neben ihm in die Hocke gehen und die Ellbogen auf den Schreibtisch legen. Ich hatte mal irgendwo gehört, dass man aus Taillenhöhe zu jemandem aufsehen soll, um unbewusst als potenzieller Sexualpartner wahrgenommen zu werden. Ich würde ihn mit einer lässigen Floskel ansprechen: Was geht ab? Wie läuft’s denn so? Was macht die Kunst? Ja, das war die richtige Ansprache. Was macht die Kunst? Originell. Das würde sich ihm einprägen. Dann würde ich ihn bitten, mir bei etwas zu helfen, am besten bei … Josh behob gern technische Probleme. Ich würde sagen, dass mein WLAN nicht bis ins Schlafzimmer reichte und ich mich abends langweilte. Wäre das zu direkt? Ja! Okay, dann etwas anderes. Mir würde schon was einfallen.

Ich griff nach meinem Taschenspiegel und prüfte, ob mein Make-up noch tadellos war. Dabei sah ich hinter mir das übliche Bürotreiben: Georgette stand am Drucker und schlug und trat das Gerät wegen einer Funktionsstörung wie einen störrischen Gaul. Und eine Besprechung mit viel Gestik und Mimik fand statt, bei der aber nichts herauszukommen schien. Ich drehte den Spiegel wieder so, dass ich mich selbst betrachten konnte. Meine Augen waren das einzig Bemerkenswerte an mir. Der auffällige Grünton wäre für farbige Kontaktlinsen klasse gewesen. Deshalb wurde ich ständig gefragt, ob die Farbe echt sei. »Das ist keltisch!«, sagte ich dann immer und führte damit die dreizehn Prozent irisches Erbgut in mir an, die mir mal ein dubioser DNA-Test bescheinigt hatte. Unter dem scharfen Rand meines schwarzen Ponys blickten sie mir mit neuer Zielstrebigkeit entgegen wie die Augen eines Leoparden, der sich an seine nächste Mahlzeit anschleicht. Ich klappte den Spiegel zu und beäugte meine Beute über den Computerbildschirm hinweg, um den richtigen Moment zum Sprung abzupassen. Josh hatte gerade die Unterhaltung mit der Vertriebskollegin (1,67, Pferdegesicht, unübersehbar) am Nachbarschreibtisch beendet und wandte sich wieder seinem Bildschirm zu. Am Morgen hatte ich in seinen Terminkalender geschaut. In der nächsten Stunde stand für ihn keine Besprechung an. Das war die Gelegenheit. In Gedanken probte ich noch mal meine Eröffnungszeile – Hallo, Josh. Was macht die Kunst? – und stand auf, strich mir den Rock glatt und zog ihn dabei bis über die Knie hoch.

Mit den Handrücken tupfte ich mir den Glanz aus dem Gesicht, besonders über der Oberlippe, dann schritt ich zu ihm hinüber. Sorgfältig setzte ich einen Fuß vor den anderen, wie ein Model bei der Pariser Modewoche, und versuchte bewusst, Selbstvertrauen, Stärke und Tatkraft auszustrahlen.

Währenddessen bewegte sich jemand höchst alarmiert am Rand meines Blickfelds. Ava. Sie stand von ihrem Schreibtisch auf. Wenn sie jetzt herauskam und zu Josh ging, konnte ich meinen Auftritt abschreiben. Ahnte sie etwa, was ich vorhatte? Ich heftete meinen Blick auf ihn und ging schneller. Er lehnte sich lässig zurück. Sein leichter Pullover saß perfekt an seinen gut geformten Schultern. Durch das Fenster hinter ihm schien die Sonne herein und umgab seine Adonis-Statur mit einem zitronengelben Halo. Ich war auf seinen Duft gespannt. Meistens roch er wie frisch geduscht und ein bisschen nach Grillkohle und Sandelholz. Behaglich schaudernd stellte ich mir vor, den Geruch langsam und tief einzuatmen. Kurz sah ich zu Avas Büro. Sie setzte sich gerade wieder hin, und als sie meinen Blick bemerkte, drehte sie hastig den Kopf weg. Ich hatte sie bezwungen. Das gab mir ein Gefühl, als hätte ich die Goldmedaille gewonnen. Meine Hände wurden feucht, weshalb ich sie ein zweites Mal am Rock abwischte, während ich an seinen Schreibtisch trat. Ich war bereit.

»Hallo, Kunst!«

Ich sah ihn an. Er sah mich an. Die Welt stoppte, ringsherum war es still. Ich wurde zu Stein und hörte nur noch die zwei dämlichen Worte – hallo, Kunst, hallo, Kunst, hallo, Kunst – in einem fort und immer schneller und lauter, als bekäme ich eine Gehirnwäsche. Dachte er jetzt, das sei mein Spitzname für ihn? Kann ich bitte noch mal neu anfangen? Die Zeit zurückdrehen? Stockend suchte ich nach Worten, als hätte ich einen hirnschädigenden Anfall.

»Ich … äh …«

Er lächelte mich an. Und an dieses Lächeln klammerte ich mich, als wäre es der Felsen in der Strömung des Niagara, kurz bevor der Fluss in die Tiefe stürzt.

»Kann ich dir helfen?«

Seine Stimme war wie Honig, floss langsam in mich hinein, eine wohlklingende Silbe nach der anderen. Ich ging in die Hocke und legte die Ellbogen auf seinen Schreibtisch, wie ich es mir vorgenommen hatte.

»Kennst du dich mit WLAN aus?« Ich schaute bewundernd zu ihm auf.

»Nur theoretisch, aber schieß los.«

»Gut, ja, also, mein WLAN reicht nicht, äh, bis ins Schlafzimmer, ist quasi irgendwie schwach.«

Ich strich mit dem Zeigefinger um seinen Notizblock, als ließe sich damit eine schlechte WLAN-Verbindung andeuten. Das sah blödsinnig aus und überhaupt nicht so sexy wie beabsichtigt.

»Hast du es schon mit einem Neustart versucht?«

Er wirkte bei seinem Rat sehr sicher, aber die Sache lief nicht nach Plan. Sein Vorschlag war sehr Windows-98-mäßig und ließ mich dastehen wie einen Volltrottel.

Natürlich habe ich das versucht.

»Nein, noch nicht.« Ich blinzelte ein paarmal langsam und verkörperte das Dummchen, das ich mir seinetwegen als Rolle ausgesucht hatte. »Toll. Hoffe, das bringt’s.« Ich blieb in der Hocke, weil ich meine großartige Operation noch nicht abbrechen wollte.

»War noch etwas?« Er sah mich direkt an, mit dem Stuhl ein wenig zu mir gedreht, die muskulösen Beine weit gespreizt.

Verdammt, lass dich nicht ablenken, denk schneller. Ist noch was? Natürlich ist noch was. Ich liebe dich? Das wäre was.

»Ist dein WLAN zu Hause immer in Ordnung, klappt es reibungslos? Es gibt ja diese Verstärker, du weißt schon.«

»Ist das eine Umschreibung?«, fragte er amüsiert.

Abbruch.

»Wer hat dich angestachelt, mich das zu fragen? Das klingt mir sehr nach Verarschung!«

Abbruch. Abbruch.

»Nein! Alle haben heutzutage ständig Probleme damit!« Ich klammerte mich an den Felsen, aber die Wellen wurden stärker, gleich würden sie mich wegreißen.

Abbruch! Abbruch! Abbruch!

»Nicht wenn du Profis ranlässt. Die können dein WLAN im Nu auf Vordermann bringen. Ich denke, das geht mit irgend so einem komischen Gerät. Hab ich recht, Harry?« Harry (begrenztes Potenzial, 1,55, empfänglich für Gruppendruck) gab einen steinzeitlichen Paarungslaut von sich. Ich stand auf. Höchste Zeit, die Strömung zu verlassen.

»Sehr gut, Josh, hast mich durchschaut!« Ich rollte die Augen, als wäre ich ihre coole Mum oder lustige Lehrerin, dann blieb ich einen Moment still stehen und hoffte, dass in meinem Gehirn ein Aneurysma platzte, damit alle davon abgelenkt würden, was gerade passiert war. Ich suggerierte meiner Nase, stark zu bluten, damit ich Luftnot bekäme, betete, ich möge ohnmächtig werden und erblinden. Ich wagte noch einen letzten Blick zu Josh und sah seinen Gesichtsausdruck weich werden. Er lächelte mich wieder an.

»Du bist umwerfend komisch, Jade, enorm mutig. Wir reden später.«