Flitterwochen für Hochstapler - Marit Bernson - E-Book
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Flitterwochen für Hochstapler E-Book

Marit Bernson

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Beschreibung

Nachdem sie ihrer besten Freundin Dani zu einer spektakulären Flucht vor dem Traualtar verholfen hat, tritt Hanna anstelle des wohlhabenden, aber treulosen Bräutigams die bereits bezahlten und nicht stornierbaren Flitterwochen an. Zehn Tage in einem Luxushotel auf einer exklusiven Insel sollen die ehemalige Braut über die geplatzte Hochzeit hinwegtrösten. Als sie den aus wohlhabenden Adelsfamilien stammenden Männern Magnus und Leo begegnen, werden die beiden Freundinnen für millionenschwere Firmenerbinnen gehalten und klären den Irrtum nicht auf. Während Dani sich sofort in einen Urlaubsflirt mit Leo stürzt, zögert Hanna. Denn eigentlich lässt sie sich nur mit Männern ein, bei denen zumindest die vage Hoffnung besteht, dass daraus etwas Ernstes werden könnte. Und ein verwöhnter, reicher Adliger wie Magnus würde sich wohl nie auf eine Frau einlassen, die nicht in seine Kreise gehört. Oder? Seitenzahl der Printausgabe: 248

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Veröffentlichungsjahr: 2022

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Inhaltsverzeichnis

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Über die Autorin

1

 

Die Braut trägt grüne Sneaker

 

 

Die Kirche war bis auf den letzten Platz gefüllt.

Hanna wartete am Altar, gleich neben Bräutigam, Pfarrer und dem Standesbeamten, die letzte Anweisungen zum Ablauf gaben. Eine gleichzeitige standesamtliche und kirchliche Trauung war auch für die beiden offiziellen Herren etwas Besonderes.

Dann stimmte der Organist die ersten Töne des Hochzeitsmarsches an und die sitzenden Gäste erhoben sich.

Die Braut erschien und ein Raunen ging durch die Menge.

Mit klopfendem Herzen sah Hanna zu, wie ihre beste Freundin den breiten Gang entlangstolzierte, während der Bräutigam in seinem schwarzen Smoking freudestrahlend seiner Zukünftigen entgegenlächelte.

Hanna suchte im Gesicht der Braut nach einem Hinweis, es doch noch abzublasen.

Aber nein, Dani sah fest entschlossen aus. Sie würde alles durchziehen wie geplant. Der Brautvater stand bereits in der ersten Reihe der kleinen Kirche und schaute noch etwas verwundert angesichts der Tatsache, dass seine Tochter ihm vor ein paar Minuten erst verkündet hatte, sich nicht von ihm zum Altar führen zu lassen.

»Du wirst es dann verstehen«, hatte Dani zu ihm gesagt.

Und jetzt beobachtete er mit gerunzelter Stirn jeden Schritt seiner Tochter, als befürchtete er, sie könnte ohne ihn stürzen.

Oder ihm fiel auf, dass das Kleid eine Spur zu lang war, weil Dani statt der mit cremefarbener Seide bezogenen High Heels diese grünen Sneaker an den Füßen trug – ein Risiko, wie Hanna fand. Doch glücklicherweise waren alle auf das zauberhafte Kleid fixiert, einen Traum aus ebenfalls cremefarbener Spitze, figurbetont, was Dani sich definitiv leisten konnte. Ihr Job als Personal Trainerin und Tanzlehrerin brachte es mit sich, dass sie durchtrainiert und schlank war, genau im richtigen Maß, die perfekte Werbung für sich selbst. Die blonden Haare waren kunstvoll zu einer Art Banane hochgesteckt – das Idealbild einer Braut. Jeder Mann würde sich glücklich schätzen dürfen, sie zu bekommen. Und sie schritt ausgerechnet auf Andreas zu.

Hanna checkte noch einmal die Türen. Die hinteren Gäste auf den Stehplätzen versperrten den Haupteingang zur Kirche, aber sie hatten an alle Möglichkeiten gedacht, waren auf alles vorbereitet. Es würde klappen.

Dani war bei ihnen angelangt und Hanna bemerkte das leichte Nicken, das die Braut ihr zuwarf, bevor sie sich mit einem breiten Lächeln dem Bräutigam zuwandte.

Die Orgel verstummte.

Dani schien jeden Moment auszukosten, jede Sekunde, in der Standesbeamter und Pfarrer abwechselnd über Liebe, Treue und Ehe sprachen.

Hin und wieder huschte ein kämpferischer Ausdruck über ihr Gesicht und Hannas Aufregung wurde schlimmer. Immer wieder inspizierte sie die Umgebung, suchte nach Anzeichen dafür, dass etwas schiefgehen könnte.

Dann war es soweit.

»Andreas Heilmann«, begann der Pfarrer. »Ich frage dich vor Gottes Angesicht, nimmst du deine Braut Daniela als deine Frau und versprichst du, ihr die Treue zu halten in guten und schlechten Tagen, in Gesundheit und Krankheit, und sie zu lieben und zu achten und zu ehren, bis der Tod euch scheidet? So antworte mit Ja!«

Mit einem enthusiastischen »Ja!«, antwortete der Bräutigam und Danis Schultern strafften sich.

Gleich!

»Daniela Wickers, ich frage dich vor Gottes Angesicht, nimmst du deinen Bräutigam Andreas als deinen Mann und versprichst du, ihm die Treue zu halten in guten und schlechten Tagen, in Gesundheit und Krankheit, und ihn zu lieben und zu achten und zu ehren, bis der Tod euch scheidet? So antworte mit Ja!«

Dani drehte sich feierlich zum Bräutigam. Hanna glaubte schon fast, das »Ja« zu hören – dann ging alles ganz schnell.

Mit einer heftigen Bewegung knallte Dani Andreas den Brautstrauß ins Gesicht.

»Niemals, du Betrüger!«, rief sie.

Hanna rannte voraus, am Pfarrer vorbei, durch die Tür neben dem Altar, die sie für Dani offenhielt. Wer weiß, wie sie mit dem Kleid vorankommen würde trotz der Sneaker. Es war ja nicht so, dass sie es hätten üben können, aus der Kirche zu flüchten.

Dani huschte an ihr vorbei, das Kleid hochgerafft, das Gesicht zur Faust geballt.

Draußen wartete Hannas alter weißer Polo. Innerhalb von Sekunden saß Hanna auf dem Fahrersitz und startete den Motor, während Dani durch das geöffnete Fenster einen Hechtsprung auf die Rücksitze vollführte – etwas, was sie gestern tatsächlich noch üben konnten, sodass es perfekt gelang.

Mit quietschenden Reifen – eigentlich nicht, aber Hanna stellte es sich so vor – fuhren sie davon.

Als Andreas aus der Kirche gerannt kam, waren sie bereits hundert Meter weit gefahren. Im Rückspiegel wirkte er schon winzig klein. Und so schnell würde er kein Auto auftreiben können.

Hanna hatte behauptet, die Autoschlüssel aller Gäste zu brauchen, damit im Notfall die Autos umgeparkt werden könnten, und die Schlüssel dann beim Pfarrer im Büro liegengelassen – damit niemand auf die Idee kam, Hanna wollte die Autos stehlen. Es würde trotzdem ein Weilchen dauern, bis …

»So ein Mist!«, sagte Hanna, als sie erneut in den Rückspiegel sah.

Ein schwarzer Kleinwagen folgte ihnen. Andreas hatte sich aus dem Beifahrerfenster gelehnt und wedelte mit den Armen.

»Wo hat er den denn so schnell her?«

»Scheiße!«, kommentierte Dani. »Gib Gas!«

Hanna lachte freudlos auf und drückte das Gaspedal durch – nur um wenige hundert Meter an einer roten Ampel stehen zu bleiben.

»Fahr weiter!«, kreischte Dani, als der Wagen mit Andreas hinter ihnen hielt und der ehemalige Bräutigam heraussprang.

»Es ist rot!«, rief Hanna. Neben ihnen auf der Rechtsabbiegespur setzten sich die Autos in Bewegung, nachdem die Ampel für sie auf Grün geschaltet hatte.

Hanna atmete tief durch. Im Rückspiegel sah sie Andreas, der gleich die hintere rechte Tür erreicht haben würde.

Und sie gab Gas, lenkte nach rechts, gerade als der Ex-Bräutigam die Tür aufreißen wollte.

»Aaaaah!«, rief Hanna, während sie die anderen Autos links überholte und sich zwischen zweien in die Spur drängelte. Das heftige Hupkonzert, das sie damit auslöste, ignorierte sie.

Einem weiteren Impuls folgend, bog sie sofort in die nächste Straße rechts ein, dann nach links und wieder nach rechts.

»Ist er weg?«, fragte sie. Im Rückspiegel war jedenfalls keine Spur mehr von Andreas und dem anderen Wagen. Das Zurücklaufen und Einsteigen in das Verfolgerauto hatte ihn bestimmt Zeit gekostet.

»Nimm den Tunnel zur Autobahn!«, sagte Dani und Hanna gehorchte.

Hanna hatte davon geträumt, sich alle möglichen Szenarien ausgemalt, was schiefgehen könnte. Doch die Wirklichkeit hatte alles übertroffen. In ihrem Bauch tanzten die Eingeweide. Ihr Herz klopfte vor Aufregung. So richtig aufatmen würde sie erst, wenn sie im Flieger saßen, denn dann konnte Andreas ihnen nicht mehr folgen.

 

***

 

Eine Stunde später standen sie in bequemeren Sachen in der Abflughalle zum Check-in.

Hanna blickte sich immer wieder um.

»Er kommt nicht«, versuchte Dani, sie zu beruhigen. »Der rechnet doch nicht damit, dass wir jetzt wegfliegen. Zuerst wird er mich zu Hause suchen.«

»Um festzustellen, dass deine Koffer weg sind und eure Reisepässe.«

Das Gepäck hatte bereits für die Flitterwochen in der gemeinsamen Wohnung bereitgestanden. Andreas‘ Reisepass hatten sie geschreddert, um sicherzugehen, dass er nicht nachkommen würde. Ob eine Strafe darauf stand, ein offizielles Dokument mit voller Absicht zu zerstören? Dani hatte das gar nicht interessiert, als sie zur Tat geschritten war.

»Aber er wird nicht damit rechnen, dass ich heute schon fliege und nicht erst morgen, wie geplant«, erwiderte Dani.

Hanna seufzte. »Na, hoffentlich! Du wollest ja kein Drama.«

Dani kicherte. »Hast du sein Gesicht gesehen? Ich hab ihn vor all seinen Freunden, seiner achso wichtigen Familie und seinen Geschäftspartnern bloßgestellt. Das trifft ihn härter, als wenn ich ihm gestern schon gesagt hätte, dass die Hochzeit platzt.«

Hanna nickte. Andreas hatte es auf jeden Fall verdient, so abserviert zu werden. Sie selbst hätte sich das nie getraut, weil sie viel zu aufgeregt gewesen wäre. Man hätte ihr sofort angesehen, dass etwas nicht stimmte. Sie war nicht gerade als ausgebuffte Lügnerin bekannt.

Dani griff nach ihrem Handy und las offensichtlich eine Nachricht.

»Von Andreas?«, fragte Hanna.

Dani schüttelte den Kopf. »Der hat auch geschrieben, aber das ignoriere ich. Die hier ist von meiner Mutter.«

»Und? Ist sie böse?«

Sie hatten lange darüber gesprochen, wen sie einweihen sollten, und sich dann dafür entschieden, es allein durchzuziehen. Dani bestand darauf, Andreas vor allen Gästen stehen zu lassen, vor dem Altar. Kleine Gesten lagen ihr eben nicht. Wenn sie etwas tat, dann gründlich. Und ihre Eltern hätten bestimmt versucht, ihr das auszureden, was die ganze Situation nicht leichter gemacht hätte. Vielleicht wären sie gar nicht gekommen. Dann wäre Dani erst recht in Erklärungsnot geraten. Sie hätte wohl kaum verlangen können, dass sie ebenfalls mitspielten. Nein, mitzuspielen, war allein Hanna als Ehre zuteilgeworden. Aber für Dani tat sie alles.

»Sie hat Andreas doch noch nie gemocht«, erwiderte Dani.

Da war sie nicht die Einzige.

Danis Handy in ihrer Hand surrte und sie lächelte.

»Ein Herzchen hat sie mir geschickt«, erklärte sie. »Alles gut!«

Das Handy brummte nun – ein Anruf.

»Andreas«, sagte Dani und tippte auf »abweisen«. Sie holte tief Luft. »Das war’s. Ich schalte das Handy aus.«

Hanna nahm ihr eigenes. Auch darauf fanden sich einige Nachrichten von Andreas. Sie fuhr es herunter und hielt ihre Hand auf.

»Gib her!«, forderte sie Dani auf. »Damit du nicht in Versuchung gerätst. Die bleiben aus bis nach dem Urlaub.«

Nach dem Einchecken begann das Abenteuer. Sie wurden in eine Lounge geleitet, in der gemütliche Sitzecken und Stapel mit Tageszeitungen und Zeitschriften zum Verweilen einluden.

Kaum, dass sie saßen, eilte bereits eine junge Stewardess herbei und fragte nach ihren Getränkewünschen.

Dani orderte zwei Cocktails. »Zur Beruhigung«, wie sie sagte.

Feierlich hob sie ihr Glas und stieß mit Hannas an.

»Auf in die Flitterwochen!«

2

 

Urlaub beginnt im Flugzeug

 

 

Hanna war noch nie Businessclass geflogen. Überhaupt war sie bisher erst zweimal geflogen, nach Mallorca und wieder zurück. Das war zwei Jahre her. Und an das mulmige Gefühl in dem Haufen Blech mit Nichts unter ihr als Wolken und Luft dachte sie nur ungern zurück. Fliegen war definitiv nicht ihre Lieblingsreisemöglichkeit.

Doch der Cocktail, den sie vorher in der Abfluglounge getrunken hatte, half. Ihre Nervosität dämpfte sich, als sie in den breiten, mit hellroten Polstern bestückten Sessel fiel.

»In der Businessclass kann man wenigstens schon vor Betreten des Flugzeugs seine Flugangst ertränken«, sagte sie zu Dani, die in einiger Entfernung auf dem Sessel neben ihr direkt am Fenster saß und sich darin räkelte, als würde sie ständig so fliegen.

»Erster Klasse wäre noch besser gewesen«, seufzte Dani.

Hanna schnaubte.

»Es wird wohl auch so gehen«, sagte sie.

Und das stimmte. Ob es nun wirklich am Alkohol lag oder am Ambiente – Hanna genoss den Flug. Es gab Essen, das sogar schmeckte, auf echtem Geschirr, mit echtem Besteck, Getränke aus Gläsern und einen eigenen Fernseher.

Dani blickte gedankenverloren aus dem Fenster. Vermutlich ließ sie die letzten zwei Tage Revue passieren, die recht turbulent verlaufen waren, was angesichts der bevorstehenden Hochzeit normal gewesen wäre.

Aber Dani und Hanna hatten zweigleisig fahren müssen.

Nachdem Dani den unumstößlichen Beweis für Andreas‘ Untreue hatte, war sie ein Häufchen Elend gewesen.

Doch sie war eine Kämpferin. Das hatte Hanna schon immer an ihr bewundert. Seit der siebten Klasse hielten sie zusammen. Hanna, die Ruhige und Introvertierte, und Dani, der Wirbelwind, Mittelpunkt jeder Feier. Was sie beide verband, war ihre unverblümte Direktheit. Sie hassten Heuchler und sprachen meistens ungeschönt aus, was sie dachten. Die Folge war eine absolut ehrliche Freundschaft, die mittlerweile über fünfzehn Jahre anhielt.

Umso mehr waren sie sich sofort einig gewesen, dass Andreas‘ Betrug unverzeihlich war. Ein Seitensprung war eine Sache, ihn zu verheimlichen, eine ganz andere.

Wenn Hanna ihn nicht zufällig beim Knutschen vor einem Restaurant gesehen hätte, wüsste Dani immer noch nichts davon. Es vor ihr geheim zu halten, kam Hanna überhaupt nicht in den Sinn. Anhand von Hannas Beschreibung und nach »Recherchen« auf Andreas‘ Handy stand eindeutig fest – er hatte ein länger andauerndes Verhältnis mit seiner Assistentin. Für ihn sprach, dass er es wohl beenden wollte, was diese bisher nicht akzeptiert hatte. Trotzdem war es unverzeihlich.

Dem ersten Jammer waren Pläne gefolgt, es Andreas auf jeden Fall heimzuzahlen. Dani halfen diese Rachepläne, ihren Kummer zu dämpfen, und Hanna würde sowieso alles für sie tun.

Lange hatten sie darüber geredet.

Hanna äußerte zunächst Bedenken, die Flitterwochen an Andreas‘ Stelle anzutreten. Es waren zwar noch Schulferien, aber den Vorbereitungstag am Montag würde sie auf jeden Fall verpassen, wenn sie bis zum geplanten Reiseende wegbliebe. Das würde ihrem Chef nicht gefallen. Hanna noch weniger, weil sie sich eine Lüge ausdenken musste, wenn sie ihren Job als Lehrerin an der Privatschule behalten wollte. Selbst den ersten Schultag würde sie nur schaffen, wenn sie am Dienstagmorgen vom Flughafen aus direkt zur Schule fuhr.

Außerdem hatte sie Skrupel wegen Andreas, der den Urlaub schließlich bezahlt hatte. Immerhin ging es auf eine Insel, die bekannt war für ihren Luxus, sodass sich nur Reiche und Berühmte überhaupt einen Trip dorthin leisten konnten. Sie hatten nie über Geld gesprochen, aber Hanna ging davon aus, dass sie nicht einmal in lebenslangen Monatsraten diesen Urlaub hätte bezahlen können.

Doch Dani war auf Rache aus.

»Auch wenn Andreas gut verdient«, hatte sie gesagt, »diesen Urlaub kann er sich auch nicht jedes Jahr leisten. Es ist mein Traumurlaub, den er mir zur Hochzeit schenken wollte. Und ich sehe nicht ein, darauf zu verzichten, nur weil er meint, seine Assistentin vögeln zu müssen.«

Die Tränen der Wut und Enttäuschung waren zu viel für Hanna gewesen, als dass sie sich dagegen hätte wehren können. Außerdem war sie selbst unglaublich wütend auf Andreas. Die Beziehung zwischen ihm und Dani war immer turbulent gewesen. Hanna hatte schon viele Male in den letzten vier Jahren Tränen trocknen und Kummer-Mädels-Abende organisieren müssen. Aber dass er Dani betrog, hätte sie nie für möglich gehalten.

Und doch hatte er es getan.

Sie hatten die letzten beiden Tage Listen abgearbeitet, alles vorbereitet, die Reiseunterlagen heimlich auf Hannas Namen geändert, den Anreisetag vorverlegt und darüber gesprochen, wie sehr Andreas das alles verdient hatte.

Jetzt, da sich diese Anspannung legen würde, mussten der Frust und die Enttäuschung aus Dani herauskommen. Und es war besser, sie tröstete sich bei einem Luxusurlaub darüber hinweg. Jedenfalls blieb zu hoffen, dass der Gedanke daran, dass all das für ihre Flitterwochen geplant war, Dani nicht noch mehr herunterziehen würde.

Hanna ließ Dani in Ruhe grübeln und schaute einen Film. Irgendwann nahm Dani ihre Hand.

Hanna setzte die Kopfhörer ab.

»Willst du darüber reden?«, fragte sie.

Dani schüttelte den Kopf.

»Es ist alles gesagt.«

»Ich höre trotzdem noch mal zu, wenn du mir erzählst, was er für ein Arsch ist.«

Dani lächelte und wandte sich wieder dem Fenster zu.

 

***

 

Bei der Ankunft auf Anatora, der größten Insel der Inselgruppe, fühlte Hanna sich gar nicht wie nach einem elfstündigen Flug. Sie hatte gut geschlafen in den Liegesitzen, war satt und glücklich.

»Da fängt der Urlaub gleich im Flugzeug an«, sagte sie zu Dani.

»Aber nur, wenn man sich die Businessclass leisten kann. Was bei mir so schnell nicht mehr der Fall sein dürfte.« Danis Gesicht verdüsterte sich.

»Ich würde ja sagen, dass dir etwas entgehen wird«, sagte Hanna. »Doch nein! Ich bin froh, dass du Andreas abgeschossen hast.«

Dani nickte. »Ich auch.«

In der Ankunftshalle hielt ein Mann in einem dunklen Anzug ein Schild mit ihren Namen hoch und nahm sie in Empfang, um sie hinauszuführen.

Im Flughafengebäude war es angenehm kühl gewesen. Hier draußen traf Hanna die Hitzekeule. Die Sonne schien blendend von einem makellos blauen Himmel. Doch zwischendrin brachte ein leichter Wind eine Brise mit, die nach Wasser und Salz roch. Sie waren eindeutig auf einer Insel.

Ihr Begleiter führte sie zu einem anderen Flugfeld, auf dem ein winziges Flugzeug auf sie wartete, das sie zu der kleinen Trauminsel Suno bringen würde, auf der sich ihr Hotel befand. Der Flug war weniger komfortabel, dafür war die Aussicht toll – blaues Wasser, das fünf kleine Inseln umschmeichelte, die größtenteils aus Felsen und grünen Wäldern bestanden. Lediglich in Wassernähe konnte man bebaute Flächen erkennen – wenige, kleine Ortschaften, vor allem aber Hotelanlagen.

Sie landeten auf einem winzigen Flugplatz, auf dem schon eine schwarze Limousine wartete, in der wieder eine angenehme Frische herrschte.

Dani griff sofort nach Champagner und Gläsern, die darin bereitstanden.

»Schon wieder Alkohol?«, fragte Hanna, als Dani etwas eingoss.

Dani kicherte. »Wir kosten alles aus.«

Noch einmal stießen sie an.

»Auf unseren Mädelstrip!«

3

 

Gute Aussichten

 

 

Das Hotel wirkte nicht wie ein Hotel. Es war eine aus mehreren mehrstöckigen Häusern bestehende Anlage mit einem Gebäude als Mittelpunkt, vor dem sie hielten.

Ein weiterer Herr in dunklem Anzug erwartete sie, als der Chauffeur die Autotür öffnete.

»Miss Wickers? Miss Meinecker? Ich bringe Sie zu Ihrer Rezeption. Wenn Sie mir folgen wollen.«

Inzwischen machten sich schon zwei Pagen am Kofferraum zu schaffen und hievten die Koffer heraus.

In der Lobby des Gebäudes gab es anscheinend keine Rezeption, nicht mal einen Info-Tresen oder so etwas. Schilder wiesen verschiedene Gemeinschaftseinrichtungen aus – Gym, Innenpool, Außenpool, Spa, Restaurants – aber keine Anlaufstelle für ratlose Gäste. Wahrscheinlich war das nicht nötig.

Hanna blinzelte, als sich die Lichtverhältnisse plötzlich änderten. Eben noch war alles in warme Erdtöne getaucht, jetzt strahlte die Umgebung angenehme Kühle aus.

Dani stieß Hanna in die Seite und deutete nach oben.

Hanna blickte zur Decke und hielt den Atem an. An der Decke waren prächtige Muster in allen erdenklichen Blauschattierungen. Doch es handelte sich nicht um eine Malerei. Viele aneinandergereihte LED-Bildschirme spannten sich über die gesamte Breite und zeigten dieses wunderschöne Motiv.

»Das war eben noch braun«, flüsterte Dani.

»Wow!« Ganz schön opulent, doch es lohnte sich angesichts der Faszination, die diese Decke hervorrief.

Hanna konnte den Blick nicht losreißen, während sie der ungefähren Richtung folgte, in die ihr Begleiter sie führte – bis sie gegen etwas stieß. Gegen jemanden. Und eigentlich stieß sie nicht gegen ihn, nein, er umfasste sanft ihre Arme und hielt sie auf.

»Entschuldigung!«, murmelte Hanna und wollte sich losmachen, um sich wieder der Decke zuzuwenden. Doch der Mann, der vor ihr stand, war auch hübsch anzuschauen.

Er hatte ein feingeschnittenes Gesicht mit ausgeprägtem Kinn und gerader Nase. Dazu blaue Augen unter braunen Brauen, demselben Braun wie seine Haare, die seitlich und im Nacken kurz geschnitten waren, aber oben so lang, dass sie bis über die Ohren fielen.

Doch nicht das attraktive Gesicht hielt Hannas Blick fest, es war der Gesichtsausdruck, der von leichter Belustigung zu Erstaunen und nun unverhohlener Neugier gewechselt hatte. Der rechte Mundwinkel zuckte leicht und zeigte ein kleines Grübchen. Jetzt wurde ein Lächeln daraus, das sich immer mehr vertiefte.

Und Hanna lächelte zurück. Gar nicht bewusst, aber sein Lächeln war irgendwie ansteckend, so ehrlich von innen kommend und offen, dass sie es erwidern musste.

»Tut mir leid!«, entschuldigte sich Hanna noch einmal.

»Mir tut es leid. Ich habe Sie zu spät gesehen.« Als würde ihm jetzt erst bewusst werden, dass er immer noch ihre Arme umfasst hielt, ließ er unvermittelt los und wirkte fast verlegen.

Der offene Blick von eben verschwand und mit ihm auch das Überirdische.

»Wunderschön, stimmt’s?« Er wies nach oben zur Decke.

Hanna nickte nur.

»Hanna!«, rief Dani aus einem kleinen Korridor links von ihnen.

»Ich komme.«

»Auf Wiedersehen, Hanna!«, sagte der Typ, als sie sich mit einem Nicken verabschiedete und Dani hinterher eilte. Und es klang eher wie ein Versprechen als nach einem Abschied.

»Du hast dir ja schnell jemanden angelacht«, kommentierte Dani.

»Quatsch! Wir sind zusammengeprallt.«

»Ja, so beginnt es oft.«

Hanna hakte sich bei Dani unter.

»Wir sind wegen dir hier. Du sollst aufgemuntert werden. Dafür bin ich da. Ich lache mir hier niemanden an.«

»Nur, wenn ich mir auch jemanden angelacht habe.«

»Soll ich euch beide vorstellen?«, brummte Hanna.

»Ich glaube, den hast du jetzt für andere verdorben. So, wie der dich angesehen hat.«

Hanna lachte. »Du spinnst.«

Doch als sie sich vorsichtig umdrehte, stand der Typ immer noch da und blickte ihnen hinterher.

Hoffentlich war das kein Stalker!

Sie wurden durch die Halle in ein Nebengebäude geführt, zu einem Fahrstuhl und weiter in den dritten Stock. Dort befand sich gleich neben dem Lift ein kleiner Tresen. Dahinter lächelte ihnen eine junge Frau in einem dunklen Kostümchen entgegen.

»Miss Wickers und Miss Meinecker«, stellte ihr Begleiter sie vor, bevor er sich mit einem Nicken verabschiedete.

»Herzlich willkommen auf Suno! Ich bin Dana und werde mit Ihnen die Anmeldung durchführen.«

Das klang nach etwas Großem, Aufwändigem. Doch sie hatte bereits alles vorbereitet, Bögen ausgefüllt, es fehlte nur noch die Unterschrift.

Ein dritter Herr, groß und schlank, um die fünfzig mit streng nach hinten gegeltem Haar in einem dunklen Anzug, erschien leise neben ihnen. Allerdings trug er im Gegensatz zu Chauffeur und Portier eine graue Weste und eine rote Krawatte. Hanna wäre fast zusammengezuckt, weil sie ihn nicht vorher bemerkt hatte.

»Das ist Harold«, stellte Dana ihn vor. »Er ist Ihr persönlicher Butler – Engländer, spricht aber perfekt Deutsch. Wenden Sie sich an ihn, wenn Sie irgendwelche Wünsche haben!«

»Miss Wickers, Miss Meinecker!«, begrüßte Harold sie mit minimalem englischen Akzent.

Damit waren sie in seine Obhut übergeben. Er führte sie den Flur entlang, über orientalisch anmutende Teppiche zu einer großen rotbraunen Holztür, die er aufschloss, um sodann beide Flügel zu öffnen, sich seitlich zu platzieren und ihnen zu bedeuten einzutreten.

Kurz dachte Hanna, sie wären in einem weiteren Flur und müssten noch ihre Zimmertür finden. Doch an der Tür prangte ein Schild mit der Aufschrift »Honeymoon-Suite«.

Sie betraten ein geräumiges Wohnzimmer, von dem mehrere Türen abgingen, die offen standen.

Durch eine davon konnte Hanna ein Bett erkennen.

Die Einrichtung erinnerte an ein Schloss, allerdings wirkte alles moderner und frischer. Das dunkle Holz wurde durch helle Farbtöne unterstrichen. Die Wände schienen mit Stoff bespannt zu sein, beige Streifen auf cremefarbenem Untergrund.

Auf dem Tisch standen – Überraschung – Champagner und Gläser sowie eine Schale mit frischem Obst.

Ihnen gegenüber tat sich eine Fensterfront auf. Bodentiefes Glas gab den Blick auf eine Terrasse frei, auf der Liegestühle, ein Tisch und Stühle standen.

Den kurzen Gedanken, dass das eine Gemeinschaftsterrasse sein könnte, schob Hanna sofort zur Seite. Zu dieser Suite passte nur eine völlig überdimensionierte Privatterrasse. Sie sah sich schon auf einer der Liegen faulenzen, mit einem Buch in der Hand, Gesicht Richtung Meer, das bereits von hier aus zu sehen war.

Okay. So sah also eine Flitterwochensuite aus.

Hanna musste sich zusammenreißen, um nicht in Jubelrufe auszubrechen. Das wäre peinlich. Landpomeranze auf Luxusurlaub. Ganz toll.

Danis Augen leuchteten, aber sie hatte sich viel besser im Griff. Sie schaute mit etwas gelangweiltem, aber mäßig interessiertem Blick in die Schlafzimmer, auf die Terrasse, ins Bad.

Nur, um dann großzügig zu nicken.

»Das wird wohl gehen«, kommentierte sie.

Und Hanna schnaubte.

Harold nickte.

Erst jetzt bemerkte Hanna die Koffer, die bereits neben dem Sofa standen.

Wo kamen die denn her? Sie beide waren ohne Gepäck auf direktem Weg hierhergebracht worden.

Es musste noch einen Lift für das Personal geben. Oder Geheimgänge? Schnell checkte Hanna die Wände nach verdächtig aussehenden Bildern ab. Oder nach Rillen, die auf Geheimtüren schließen ließen.

Merkwürdiger Gedanke, dass sich das Personal hier unsichtbar durch die Gebäude bewegte. Wie hatten das die Lords und Ladys oder Könige ausgehalten? So ohne Privatsphäre?

»Darf ich Ihnen beim Auspacken behilflich sein?«, bot Harold an.

»Sehr gern«, erwiderte Dani.

»Nein, danke«, sagte Hanna. Allein der Gedanke, dass ein quasi wildfremder Mann in ihrer Wäsche herumwühlen würde, ließ ihren Nacken kribbeln. Bloß nicht!

Harold nickte und widmete sich Danis Koffern, die er in das Zimmer rechts von ihnen trug.

»Die Honeymoon-Suite?«, fragte Hanna leise.

Dani grinste. »Ich habe nur auf deinen Namen umgebucht. Die Suite habe ich natürlich behalten. Wäre doch schade drum gewesen.«

»Wer braucht denn drei Schlafzimmer?«

»Für das Personal«, wisperte Dani.

»Wie? Personal?«

»Na, wenn die ihr eigenes Personal mitbringen. Damit es in Rufweite schlafen kann.

---ENDE DER LESEPROBE---