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Wie die Macht der sprachlichen Bilder die gesellschaftspolitischen Debatten prägt, wird in der aktuellen Diskussion über die Flüchtenden, die Schutz in Europa suchen, so deutlich wie selten. Heidrun Friese geht den kontroversen gesellschaftlichen Imaginationen von den Geflüchteten nach: Die Figur des »Fremden« als Bedrohung artikuliert den Rassismus des Populismus und legitimiert Sicherheitspolitiken. Humanitäres, religiös-ethisches Handeln hingegen fasst Geflüchtete als Opfer, die der Hilfe bedürfen. In einer dritten Perspektive wird das Überschreiten von Grenzen zum heroischen Akt stilisiert und antikapitalistischen Kämpfen eingeschrieben.
Der Essay interveniert in diesen Schlüsseldiskurs der Einwanderungsgesellschaft und setzt diesen imaginierten Figuren des »Fremden«, die den Flüchtenden auf je verschiedene Weise eine eigene Subjektivität absprechen, ein anderes Bild entgegen.
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Seitenzahl: 198
Veröffentlichungsjahr: 2017
HEIDRUN FEIDRUN
Flüchtlinge: Opfer – Bedrohung – Helden
Zur politischen Imagination des Fremden
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© 2017 transcript Verlag, Bielefeld
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Covergestaltung: Kordula Röckenhaus, Bielefeld Korrektorat: Ole Gerlach, Billerbeck Print-ISBN 978-3-8376-3263-7 PDF-ISBN 978-3-8394-3263-1 EPUB-ISBN 978-3-7328-3263-7
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Vorwort
SZENEN: DASARGUMENT
FIGURENDERSOZIALENIMAGINATIONUNDDASTRAGISCHEGRENZREGIME
1. Feind: Rassismus und postkoloniale Situation
2. Opfer: Humanitarismus und Migrationsindustrie
3. Heros: Der revolutionäre Gestus
ZUREVAKUATIONDESPOLITISCHEN
4. Populismus und Governance: Identität und Markt
5. Humanitarismus: Subjektivität und nacktes Leben
6. Dissens: Mobilisierung und Konformismus
Quellen
Anmerkungen
Einige Abschnitte der folgenden Überlegungen sind unter dem Titel ›Representing the Foreigner. Gender and Mobilities in the Mediterranean‹ im Sonderband des Journal of Balkan and Near Eastern Studies (2017) veröffentlicht und werden in dem von Christoph Rass und Melanie Ulz herausgegebenen Band Migration ein Bild geben. Visuelle Aushandlungen von Diversität (Wiesbaden, Springer VS) im Herbst 2017 erscheinen.
Auch hatte ich Gelegenheit, das hier entwickelte Argument vorzustellen und zu diskutieren – beim von Anna Arnone organisierten Workshop ›Lampedusa, Caught Between Shipwreck and Tourism‹ am Centre for Migration and Diaspora Studies and MA Anthropology of Travel, Tourism and Pilgrimage, SOAS, London; im Kontext der von Max Spielmann organisierten Konferenz ›*Not-Established‹ am HyperWerk der Hochschule für Gestaltung und Kunst, Basel; beim Vortrag ›Hospitality‹ in der Reihe »Boundaries, Bodies, and Politics: the ›Refugee Crisis‹ and the New Europe« am MPI for Social Anthropology and Institute for Social and Cultural Anthropology in Halle, das von Sung-Joon Park, Sandra Calkins, Ronn Müller und Sylvia Terpe durchgeführt wurde; beim Workshop ›Borderscapes, Memory and Migration‹ von Karina Horsti (University of Jyväskylä) am Finnland-Institut in Berlin; bei dem Seminar ›Gastfreundschaft‹ an der Universität der Künste, Berlin, zu dem Katrin Wendel und Flora Talasi eingeladen hatten und schließlich bei dem von Leyla Dakhli organisierten Treffen ›Lampedusa, un lieu de mémoire en Méditerranée‹ am Centre Marc Bloch in Berlin. Allen Beteiligten bin ich für Einladung, Anregungen und Hinweise zu herzlichem Dank verpflichtet.
Die folgenden Bemerkungen berufen sich ebenso auf die Grenzen der Gastfreundschaft (erschienen bei transcript 2014). Das letzte Jahr hat viele Bilder von Gastfreundschaft und Ungastlichkeit hervorgebracht, denen hier nachgegangen werden soll. Mein Dank richtet sich an Johanna Tönsing und Carolin Bierschenk, die mich in der Ausarbeitung des Arguments bestärkt und unterstützt haben und die, wie Ole Gerlach, viel Geduld aufbringen mussten.
Gewidmet sind die folgenden Zeilen den Freunden und Pippo Di Falco, dem alten Weggefährten, der auch das nächste Abenteuer begleitet – Genova, eine Stadt, die auf das Mittelmeer blickt.
Firenze, Borgo Albizi im März 2017
Fremdlinge, sagt, wer seid ihr? Von wannen trägt euch die Woge?
Habt ihr wo ein Gewerb’, oder schweift ihr ohne Bestimmung
Hin und her auf der See: wie küstenumirrende Räuber,
Die ihr Leben verachten, um fremden Völkern zu schaden?
Also sprach der Kyklop. Uns brach das Herz vor Entsetzen
Über das rauhe Gebrüll, und das scheußliche Ungeheuer.
Dennoch ermannt’ ich mich, und gab ihm dieses zur Antwort:
Griechen sind wir, und kommen von Trojas fernem Gestade,
Über das große Meer von mancherlei Stürmen geschleudert,
Als wir ins Vaterland hinsteuerten: andere Fahrten,
Andere Bahnen verhängt’ uns Kronions waltende Vorsicht!
Jetzo fallen wir dir zu Füßen, und flehen in Demut:
Reich’ uns eine geringe Bewirtung, oder ein andres
Kleines Geschenk, wie man gewöhnlich den Fremdlingen anbeut!
Scheue doch, Bester, die Götter! Wir Armen flehn dir um Hilfe!
Und ein Rächer ist Zeus den hilfeflehenden Fremden,
Zeus der Gastliche, welcher die heiligen Gäste geleitet!
Also sprach ich; und drauf versetzte der grausame Wütrich:
Fremdling, du bist ein Narr, oder kommst auch ferne von hinnen!
Mir befiehlst du, die Götter zu fürchten, die Götter zu ehren?
Wir Kyklopen kümmern uns nicht um den König des Himmels,
Noch um die seligen Götter; denn wir sind besser, als jene!
HOMER, DIE ODYSSEE (ÜBERS. JOHANN HEINRICH VOSS)
Die ganze Heerschar der Barbaren ging zugrund
AISCHYLOS, DIE PERSER
Europa ist buchstäblich das Werk der Dritten Welt.
FRANTZ FANON, DIE VERDAMMTENDIESER ERDE
I poveri del mondo non vogliono più vivere in modo disumano.
KARDINAL ANGELO BAGNASCO, 23. AUGUST 2015
Strandbild. Am Strand von Bodrum, Türkei, Ferienparadies: eine bäuchlings angeschwemmte Kinderleiche. So sterben Kinder an einer Grenze Europas. Das Gesicht im Sand, blaue Hose, rotes Hemd, Kinderschuhe. Die Welt erfährt seinen Namen, Alan Kurdi. Das Bild wird zur Ikone. Die Photographin Nilüfer Demir erlebt plötzlichen Weltruhm und gibt Entsetzen zu Protokoll. Noch ein Bild, das Ruhm und Prominenz absichert: Der als chinesischer Dissident weltweit geschätzte Künstler Ai Weiwei legt sich am Strand von Lesbos, wo er medienwirksam das Flüchtlingstreiben besichtigt, bäuchlings in den Sand. Mimesis und Serie als Kunstkonzept. Wie er nach dem ästhetisch gelungenen Shooting aufsteht, sich den Sand von Hose und Hemd schüttelt, sehen wir nicht. Hat er in die Kamera gelächelt?
*
Reiselust. Die Menge brüllt »Wir sind das Volk«. Man sieht zur Faust geballte Hände, in einem Bus ein weinendes Kind, eine aufgebrachte Frau. Ein Jugendlicher wird von einem Polizisten aus dem Bus gezerrt. Bilder, die man kaum noch erinnert: Sturm auf Botschaften 1989 in Prag. Flüchtlinge, die über Zäune klettern. Zelte im Botschaftsgarten. Tanz auf der Mauer. Grenzen fallen. Sonnenurlaub gibt es jetzt all-inclusive an türkischen oder tunesischen Stränden, sein Glück woanders zu suchen, wird möglich. Diejenigen, die sich ohne Mauer und Schießbefehl frei durch die Welt bewegen dürfen, sammeln sich seit dem Winter 2014 zu fremdenfeindlichen Umzügen gegen die ›Flut‹, gegen die Invasoren und fordern neue Mauern, die ausschließen, was eingeschlossen ist. Diese Vorstellungswelt meint, die Geschichte sei noch etwas schuldig geblieben und eine Rechnung offen. Souveränität hat immer schon über Leben, Tod und Sterben geherrscht. Im Frühjahr 2015 brennen Unterkünfte für Flüchtende. Der Lynchmob hetzt durch die Städte Deutschlands. Das Fremde soll ausgelöscht werden.
Bilder, die man nicht sieht: Vor hundert Jahren hat man in vielen Orten des Erzgebirges von der Baumwolle gelebt, die von einst nach Amerika verschleppten Afrikanern auf den Plantagen des Südens gepflückt wurde oder von den Feldern der muslimischen Welt kam. Heute, auf den südeuropäischen Feldern: gekrümmte Rücken, Körper die sich in sengender Hitze bücken. Kisten voller Tomaten. Junge Männer in zusammengezimmerten Hütten, Plastikplanen, prekäre Behausungen, die man eher im fernen Afrika vermutet. 80 Prozent der Tagelöhner, die für den Handel und die großen Supermärkte Tomaten oder Erdbeeren pflücken, arbeiten schwarz, haben keine Aufenthaltspapiere und können keine Rechte einklagen. Oft wird die Schufterei gar nicht bezahlt. Die Arbeiter kommen aus Albanien, Rumänien oder über das Meer aus Marokko, Algerien, Tunesien, Nigeria, Senegal, Mali. Um das größte Aufnahmelager in Europa im sizilianischen Mineo, einem Ort, der lang mit einer amerikanischen Militärbasis lebte, hat sich ein neuer Markt entwickelt. Arbeitskräfte aus Afrika gibt es dort für zwei Euro die Stunde. Die Agromafia setzt im Jahr ca. 2.5 Milliarden Euro um. Es verdienen private Arbeitsagenturen, tour operators, die Arbeiter auf die Felder schaffen. Bekannt ist das System unter dem Namen capolarato. Man schätzt, dass 40.000 Tagelöhner allein in Apulien diesem System ausgesetzt sind. Ein caporale verdient ungefähr 10.000 Euro am Tag.1 Der Kunde in Europa kann sich günstige Erdbeeren und Tomaten leisten und gegen ›Illegale‹, ›Wirtschaftsflüchtlinge‹ und ›Sozialschmarotzer‹ wüten.
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Io sto con la sposa. Dokumentarfilm von Antonio Augugliaro, Khaled Soliman Al Nassiry und dem Aktivisten und Blogger Gabriele del Grande aus dem Jahr 2014. Der Film begleitet die beschwerliche Reise von Flüchtlingen von Mailand bis Schweden. Die Gruppe gibt sich als Hochzeitsgesellschaft aus und so muss die Protagonistin im Hochzeitskleid die alten Schmuggelwege von Ligurien nach Frankreich erklimmen, damit der Zuschauer von der Not der Flüchtenden überzeugt und ergriffen wird. Die nächste Etappe bringt die Gruppe über die Grenze zwischen Luxemburg und Deutschland. Ausgestattet mit konspirativen Mobiltelefonen, spielen die Aktivisten die Rolle von heroischen Flüchtlingshelfern, welche die Gefahr des Unternehmens auf sich nehmen. In Schweden angekommen, darf die Gruppe am Bahnhof tanzen und alle freuen sich über den gelungenen Coup. Tatsächlich feiern die heroischen Aktivisten gegen die Festung Europa sich selbst, die Flüchtenden werden zu Schaustellern und können nichts anderes, als die Rolle des hilfsbedürftigen Flüchtlings aufzuführen.
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Orte und Bewegung. Fliehen vor einer in der Gegenwart schon aufgebrauchten Zukunft. Busse, Eisenbahnschienen, Schiffe, Körper. Orte, die sich verbinden, Menschen, die Grenzen überschreiten. Afrika, der Atlantik, der nahe Osten, Afghanistan, Iran, Irak, Europa und das Mittelmeer. Das sind auch postkoloniale Beziehungen: Eritrea, Somalia, Libyen waren einst italienische Kolonien, Nordafrika, die Länder der Subsahara verteilt an Frankreich, das Vereinte Königreich, Belgien, Portugal, Deutschland. Nun wird Europa von seiner verdrängten Vergangenheit eingeholt. Mobilität verschiebt sich und die Wege der Auswanderung verlaufen nicht mehr von Nord nach Süd. Die Menschen kommen aus Kriegsgebieten oder den einstigen Kolonien, die von korrupten Eliten und diktatorischen Regimen beherrscht werden, mit denen das postkoloniale Europa beste Beziehungen unterhält. Möglichkeiten, sich durch die Welt zu bewegen, Träumen zu folgen und sich an einem anderern Ort niederzulassen, sind ungleich verteilt.
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Bilder von Mobilität, die einstigen Symbole: Koffer und Eisenbahnschienen. Heute: Thermodecken, Rettungswesten und Mobiltelefone. Habseligkeiten und das, was wichtig ist. Schienen, die Weg und Richtung des Kommenden vorgeben und immer auch etwas in einer Vergangenheit zurücklassen. Aufbruch, Auflehnung gegen eine Gegenwart, die kaum das Überleben und schon gar keine Zukunft sichert. Kriegszeiten. Warten. Am Bahngleis, auf Bänken, auf Feldern, Mülldeponien, zwischen Stacheldraht, gestrandet bis es weitergeht oder endet. Einrichten im Exil.
*
Die uns in einer Endlosschleife vorgeführten Bilder von Geflüchteten lenken die Aufmerksamkeit darauf, wie Flüchtende gesehen werden. Sie etablieren unterschiedliche Figuren, schaffen politisch wirksame Bilder, die mobile Menschen entweder als bedrohlichen Feind, als Opfer oder als Heroen und Befreier zeichnen.
Diese medialen Inszenierungen sind Teil der öffentlichen Auseinandersetzung um diejenigen, die sich aus unterschiedlichsten Beweggründen auf den Weg machen, ihr Leben wagen und auch nach Europa kommen, Aufnahme suchen, Gastfreundschaft, Anerkennung und Rechte, Freiheit und Zukunft. Sie werden gebraucht, zirkulieren im globalen Medienraum, durchkreuzen sich, sie begründen, stützen, legitimieren Politiken und die juristische Unterscheidung zwischen Flüchtenden und Flüchtenden, zwischen Mobilität und Mobilität, sie konsolidieren Identitätspolitiken und sollen Konsens und Einvernehmen schaffen.
Sie erinnern jedoch auch an ein altes und verzweigtes Erbe Europas, das sich aus kulturell-religiöser Mischung, unterschiedlichen Sprachen speist und die Dezentrierung, die »Exzentrizität« Europas deutlich macht.2 Papst Franziskus, Sohn eines Emigranten aus dem Piemont, der von sich sagt, er sei vom Ende der Welt gekommen, in seiner Predigt auf Lampedusa im Jahr 2013:
»Gott fragt: ›Adam, wo bist Du?‹ Und Adam ist verwirrt und hat seinen Platz in der Schöpfung verloren, weil er glaubt, mächtig geworden zu sein, alles dominieren zu können, Gott zu sein. Und die Harmonie zerbricht, der Mensch irrt und das wiederholt sich auch im Angesicht des anderen, der nicht mehr ein zu liebender Bruder ist, sondern nur noch jemand, der mein Leben, meinen Wohlstand stört. Und Gott stellt die zweite Frage: ›Kain, wo ist Dein Bruder‹? Aber ich würde gerne noch eine dritte Frage stellen: ›Wer von uns hat im Angesicht [des Todes dieser Menschen] geweint?‹ Wer hat um den Tod der Brüder und Schwestern geweint? Wer hat um die Menschen auf diesem Schiff geweint? Um die jungen Mütter, die ihre Kinder dabei hatten? Um die Männer, die versuchten, ihre Familien zu unterstützen? Wir leben in einer Gesellschaft, in der die Erfahrung des Weinens vergessen wurde, des Mit-Leidens: Die Globalisierung der Gleichgültigkeit hat uns die Fähigkeit genommen zu weinen! Im Evangelium hören wir den Schrei, das Weinen, das Lamento. ›Rachel weint um ihre Kinder… weil sie nicht mehr sind‹. Herodes hat Tod gesät um seinen Wohlstand zu verteidigen. Und das wiederholt sich.« (Radio Vatikan 2016)
Nun ist die Frage, »warum wir nicht jedes Leid beklagen« (Butler 2010), untrennbar mit der – politischen – Frage verbunden, welches Leben zählt, wer überhaupt als Mitmensch anerkannt, wem das Menschsein abgesprochen und wer, einmal der Mitmenschlichkeit entkleidet und aus der Gemeinschaft ausgeschlossen, öffentlich zum Feind erklärt wird. Die »Lega Nord«, so Mons. Nunzio Galantino, Generalsekretär der italienischen Bischofskonferenz (Cei) in einem Interview,
»hat das Kreuz verteidigt, solang es an der Wand hängt, sobald es aufhört, nur ein Bild zu sein und von der Wand herunterkommt und zu einem leidenden Antlitz wird, das an meine Tür klopft, jemand der wohlmöglich nicht gut riecht, weil er über das Meer gekommen ist, dann ist es nicht mehr angenehm. Welche Glaubwürdigkeit hat eine solche politische Kraft? Das Evangelium ist keine beliebige Sammlung moralischer Vorschriften«
und im Anschluss an seinen Angriff auf populistische Politiker, die mit »außerordentlich geistlosen« Bemerkungen »auf billigen Stimmenfang« gehen (Famiglia Cristiana 2015).
Bilder christlicher Nächstenliebe und der Barmherzigkeit, universaler Brüderlichkeit und Verantwortung, Bilder von unschuldigen Opfern stehen solchen gegenüber, die Invasion und Bedrohung des Wohlstands beschwören, sie mischen sich mit Ressentiment, Rassismus, imaginierter nationaler Größe und kaum verhüllter, kaum unterbrochener Herrenmenschenattitüde und ihrem Vernichtungswillen, ihrer Vernichtungslust, alten Bildern vom Anderen, dem Fremden als Parasiten, Brunnenvergifter, Ritualmörder, Frauenräuber, Frauenschänder. Christlicher Universalismus und universales Recht verschwinden in völkischem Partikularismus und seiner Sprache, die der Medienmaschine alltäglich Munition liefert.
Ethik und das Beharren auf der Einhaltung von Recht werden als ›Gutmenschentum‹ denunziert, als ob Recht – wenn schon nicht Gerechtigkeit – sich ausgerechnet am gesunden Volksempfinden auszurichten habe, das sich nicht nur in der Anonymität von Facebook an der »Firnis der Zivilisation« abarbeitet und die Heimatlosigkeit des eigenen, leeren Daseins mit Sexual- und Mordphantasien sättigt und damit im Eigenen immer schon expliziert hat, was es als Fremdes, Barbarisches, Archaisches am anderen zu sehen meint.
Während populistische Wendungen allenthalben sich die ›Sorgen der Bevölkerung‹, die Verteidigung des christlich-jüdische Abendlandes gegen den ›Ansturm‹ auf die Fahnen und die Protestplakate schreiben,3 übertünchen – jüngst auch gern mit höheren Weihen von Dichtern und Philosophen im Raunen gegen ›Überfremdung‹ und ›Umvolkung‹ versehen – Wert- und Kultur(vergessenheit), was sich auch als sozialer Konflikt, Verteilungskampf um Ressourcen und Anerkennung ausdrückt. Das, was anderen genommen wird, wird eigentlich mir, wird uns, ja mehr, einem ganzen Volk genommen. Wir sind das Volk heißt dann: Wir sind die Opfer. Dermaßen ermächtigt, meint subjektives Empfinden sich frei machen zu dürfen von jeglicher normativen Orientierung und Verpflichtung, die jenseits des unmittelbaren Alltags und seiner Erfahrung zu liegen scheint. Posting auf Facebook, 2015:
»Und das wird net weniger mit den Flüchtlingen ganz erlich man müsste sie ins KZ packen sorry ist aber so die bekommen alles in den Arsch geblasen und wir haben dann die brille auf und müssen damit klar kommen was wir besitzen und so weiter da kann man nur ausrasten was die an geld bekommen zum Beispiel Urlaubsgeld,Bekleidungs geld, usw da bekommt man nur ein dicken hals.«4
Affekt verklammert qua Zugehörigkeit zu einem ›Wir‹ zustehenden Besitz, zustehendes Privileg mit dem Willen zur Vernichtung der anderen, weil ›sie‹ ungerechtfertigt (noch) bekommen, was eigentlich doch ›uns‹ zusteht. Auch das Durchscheinen dessen, was im Zusammenleben gültig schien und sich im ›sorry‹ andeutet, hält den Willen zur Vernichtung nur kurz in Schach, denn der Hinweis auf das gefühlte Faktum unberechtigter Bevorzugung derer, die nicht qua Geburt zugehören, hebt das kurze Zögern sogleich auf. Dieses Wir ist kaum Ausdruck einer Sorge, es verweigert sich vielmehr der Ansprüche anderer auf ein menschenwürdiges Leben, es verweigert die Anerkennung anderer als Mit-Menschen, die Souveränität des Affekts beschließt nicht weniger als deren Absonderung und Auslöschung und macht nicht nur deutlich, dass die Grenzen des Sagbaren sich verschieben sondern auch, dass das Lager ein fester Bestandteil gegenwärtiger Normalität geworden ist.
Als Symptom einer tatsächlich nicht befriedeten bürgerlichen Gesellschaft und eines Populismus, der seine identitär-kulturalistischen Affekteskalation und Zorneswallungen jetzt gerne wuchtig zu platonischem Thymos stilisiert, wird nicht nur eine einheitliche, ethnisch homogene Nationalkultur imaginiert, die gegen Feinde, fremde Eindringlinge und gegen zur Eingliederung in den geschlossenen Kulturkörper Unwillige oder Unfähige zu verteidigen sei. Es wird Kultur gerufen und Rasse gemeint. Worum es dann geht, ist Ermächtigung im Kampf um Privilegien und die Wiederherstellung einer eindeutigen Ordnung und einer Hierarchie, in der Andere bestenfalls einen untergeordneten Platz einzunehmen angewiesen sind.
Eine weitere Position schließlich, sieht im Flüchtenden, im Fremden nicht Gefahr, Bedrohung, Aggression, sondern den Heros. »The people telling the stories of crossed borders are the heroes, as it always has been«, wie das Editorial der Online Zeitschrift Movement. A Heroes Magazine, eine Dokumentation der Refugee-Bewegung feststellt. Das Überschreiten von Grenzen soll Teil heroischer Kämpfe werden:
»Seit ein paar Jahren haben wir es durch unsere wirksamen Demonstrationen geschafft, der breiten Masse zu zeigen, was die Probleme der Europäischen Flüchtlingspolitik beinhalten. Wir haben unsere Demonstrationen und unsere Stärke mit anderen von der Gesellschaft unterdrückten Gruppen vereint. Mit den gegen Wohnungsräumungen Kämpfenden, Arbeitslosen, Arbeiter_innen und Studierenden vereint, haben wir Demonstrationen und Veranstaltungen organisiert.« (Movement 2015)
Diese drei Positionen sind zum einen religiös fundiert, sie berufen sich auf ethisch begründete universale Grundsätze und bündeln diese im Humanitarismus, zum anderen sehen sie partikulare, national zu festigenden Interessen, fordern Verständnis für die ›Sorgen‹ der durch die ankommenden Fremden bedrohten Volksgemeinschaft, ihrer Volkswohlfahrt und artikulieren den verbreiteten Alltagsrassismus, die allgegenwärtigen Bedrohungsszenarien nicht nur des derzeitigen Populismus. Schließlich wird das Überschreiten von Grenzen zum heroischen Akt erhoben, antikapitalistischen Massenkämpfen eingeschrieben und der Flüchtende zum Befreier, der revolutionäre Subjektivität zu repräsentieren hat.
Wenn diese Pole des vorherrschenden diskursiven Kontinuums also zum einen universale Brüderschaft, humanitäre Prinzipien zum anderen Rasse und Klasse betonen, dann arbeiten sie ein Repertoire der sozialen Imagination aus, das sich aus unterschiedlichen und verzweigten Traditionen und symbolischen Ordnungen speist, diese wiederholt, weiterträgt, modifiziert, in Bewegung hält, sich – nicht zuletzt durch die mediale Kraft – transnational verbreitet und politisch wirksam wird. Zugleich produzieren diese Figuren unaufhörlich Differenz, sie produzieren den Fremden und damit zugleich das, was wir als eigene Normalität erkennen.
Gerade die soziale Imagination schafft und gestaltet, was wir als Gesellschaft verstehen,5 sie verbindet Einzelne, schafft Räume der Aushandlung und der Verständigung. Sie steckt die Umrisse, die Rahmen wahrnehmbarer Realitäten und des Sagbaren ab, öffnet oder schließt diese und ist doch nicht ein sekundäres Erzeugnis zweiter Ordnung. Vielmehr spielen ihre Signifikationsprozesse eine zentrale Rolle in der Schaffung von Bedeutungen im Zusammenleben und erlauben seine produktive, kreative Um- und Neugestaltung. Ihre Bilder sind also nicht eine Darstellung, eine Interpretation von vorgängigen Fakten, sie sind vielmehr konstitutiv für die Welt wie wir sie verstehen. Sie bringt nicht einfach Bilder, Symbole, Ikonographien hervor, sie bindet zusammen, was nicht unbedingt sichtbar ist, Normen, Verhaltensregeln, das Recht, Praktiken, sie rahmt oder unterbricht solche Beziehungen.
Gemeinsam ist diesen Signifikationsprozessen nicht nur, dass sie beständig Differenz herstellen und Figuren des Fremden als Feind, Freund oder heroischen Befreiers hervorbringen. Diese Figuren sind auch an die historisch unterschiedlichen Semantiken der Gastfreundschaft angeschlossen und bearbeiten deren Ambivalenzen. So schwanken ja bereits die lateinischen Bezeichnungen für ›Gast‹, nämlich hostis/hospes – daher: Hospitalität, Hospiz etc. – zwischen Freund und Feind und binden diese Ambivalenzen an die politische Ordnung eines Gemeinwesens, eines Staatswesens (Benveniste 1973). Versuche, Deutungshoheit über das Geschehen an den Grenzen Europas zu gewinnen, wiederholen diese Konflikte, setzen sie medienwirksam in Szene und stellen die Differenz her, die den Anderen als fremd markiert und die Grenzen der Gastfreundschaft bestimmt (Friese 2014).
»Alle Gesellschaften schaffen Fremde; doch jede Gesellschaft schafft sich ihre eigenen Fremden und schafft sie auf eine eigene, unnachahmliche Art und Weise«, stellt der Soziologe Zygmunt Bauman fest (1995: 1). Mit dem Entstehen des modernen Nationalstaats, der »westfälischen Grammatik« (Benhabib 2004) und dem Verständnis von Souveränität und Staatsbürgerschaft ist politische Mitgliedschaft, sind Rechte und Pflichten auch an ein Projekt gebunden, das die Einheit von Territorium, Gemeinschaft und nationale Identität gefordert hat.
Nun durchkreuzen auch und gerade transnationale Mobilitäten und Vernetzungen dieses Projekt. Ebenso haben postkoloniale Perspektiven die großen Erzählungen der Moderne verschoben und dezentriert, nach denen sich die Moderne durch Vernunft, Autonomie und Demokratie konstituiert, wenn sie fragen, was diese Erzählungen ausschließen um sich etablieren zu können. Gegen vorherrschenden Narrationen machen sie vielmehr deutlich, dass der Kolonialismus als zentrale »Einschreibung der Moderne« gesehen werden muss (Hall 2002) und Theorien der Moderne auf Auslassungen und Ausschlüssen beruhen: Rassismus und Sklaverei (Gilroy 1993). In dieser Sicht verschieben sich die historischen Konflikte zwischen Kolonisierten und Kolonisatoren. Sie sind uneindeutig geworden, finden innerhalb der formal unabhängig gewordenen Staaten statt, zeigen den Wandel globaler Beziehungen und »komplexe Neuinszenierungen« (Hall 2002: 228), mit denen auch eindeutige (kulturelle) Identitäten verwischt werden und miteinander verflochtene Signifikationsprozesse und Positionierungen in den Blick kommen können, die sich binären Logiken entziehen.
Die postkoloniale Regierung von Mobilität und Grenzen stützt sich jeweils auf ein Ensemble von Akteuren, Praktiken, Logiken, Grundsätzen, Modellen und ökonomischen Kalkülen. In diesen, kaum zentral bestimmten Konstellationen durchdringen sich »militärische« und polizeiliche Techniken der Überwachung, das »christliche Pastoral«, rechtlich-administrative Bestimmungen und Orientierungen und schließlich auch wissenschaftliche Diskurse (Foucault 2006: 165). So artikulieren sich zum einen das vorherrschende Sicherheitsdispositiv und seine Bedrohungsszenarien, das Beharren auf vermeintlicher nationalstaatlicher Identität und Souveränität, zum anderen der humanitäre Diskurs und der Rekurs auf Ethik, Verantwortung und Moral. Die soziale Imagination und die Bilder mobiler Menschen verteilen Macht, sie sind auf unterschiedliche Weise Teil der Regierungskunst und ihrer Techniken.6 Bilder sind nie unschuldig. Ihre Signifikationsprozesse sind integraler Bestandteil machtvoller, politischer Konstellationen, der Produktion von Wissen, Wahrheit und der Techniken der Gouvernementalität. Zugleich dienen sie politischer Legitimation und ihrer jeweiligen Rechtfertigungsstrategien.
Als Teil der postkolonialen Konstellationen führt die soziale Imagination deren Spuren mit sich. Ihre Artikulationen – Bilder, Diskurse, Praktiken – schaffen unterschiedliche Figuren mobiler Menschen, weisen ihnen einen Ort zu und verhandeln soziale, kulturelle, ökonomische und politische Konflikte. Sie sind damit auch ein Teil des tragischen Grenzregimes und seiner Regierung. Die soziale Imagination bebildert Mobilität, ordnet sie dem Topos Krise, Katastrophe und der Tragödie zu, deren Darsteller Opfer, Feinde oder Heroen sind. Tragisches Verhängnis mischt sich mit Schuld und Pathos, Schmerz, Leiden und Erleiden, Auflehnung und Kampf. Wenn wir die Tragödie mit Cornelius Castoriadis (1997a: 274-275) als politisches Drama verstehen, das Konflikte darstellt, die das Politische ausmachen, dann ist das Grenzregime tragisch nicht deshalb, weil es Menschen sterben lässt – zwischen 2000 und 2014 ließ man an die 30.000 Menschen an den europäischen Grenzen sterben, allein 2016 starben im Mittelmeer über 5.000 Menschen –,7 sondern weil es die grundlegenden Spannungen der Demokratie deutlich macht. Das zentrale Kennzeichen der Demokratie ist Autonomie, die Autonomie eines Demos, der Polis, sich selbst Gesetze zu geben und sich also aus sich selbst zu begründen. Demokratie ist die explizite politische Form einer autonomen politischen Gemeinschaft. Sie begründet sich aus sich selbst, kein höheres Gesetz steht über dem Demos, dem autonomen Subjekt der Gesetzgebung. Diese Zirkularität – ein Demos entscheidet, wer den Demos begründet – eröffnet zugleich das Paradox des originären und arbiträren Moments, der nicht demokratisch ist, entscheidet er doch über Mitgliedschaft, Staatsbürgerschaft, Rechte, Grenzen und ist damit sowohl einschließend als auch ausschließend. Auch werden die Spannungen in liberalen Demokratien deutlich, die das Recht auf individuelle Wohlfahrt innerhalb einer nationalstaatlich gesicherten Ordnung betonen, dem jedoch das Recht der anderen Individuen gegenübersteht, die dieser nicht angehören. Undokumentierte Mobilität fordert damit die Demokratie heraus, sie bewegt sich in dem »demokratischen Paradox« der Konstitution eines Demos, einer politischen Gemeinschaft, die auf dem Ausschluss anderer, eines konstitutiven Außen beruht (Mouffe 2013). Das ist das grundlegende Paradox, dem die Diskussionen um Mobilität nicht entkommen können, dem die Grenzen der Gastfreundschaft bereits eingeschrieben sind und das auch die etablierten Figuren des Anderen, des Fremden, des Barbaren bestimmt.
Mobilität macht also die Spannungen der liberalen Demokratie deutlich. Auch die hervorgebrachten Bilder des Fremden als demjenigen, der einer politischen Gemeinschaft ja nun gerade nicht angehört, dem die Rechte europäischer Bürger nicht zugestanden sind, ohne dessen Ausschluss sich die politische Gemeinschaft aber gar nicht konstituieren würde, schaffen in diesem Sinne einen Raum der Auseinandersetzung, der jedoch trotz der jeweiligen Ansprüche auf Dominanz oder Hegemonie nie vollständig geschlossen bleibt, kaum vollständig in einer identitären Einheit zu halten oder gänzlich einzugrenzen ist.
