Flut - Inga Ābele - E-Book

Flut E-Book

Inga Ābele

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18,99 €

Beschreibung

Inga Ābele nimmt uns mit auf eine Reise durch das Leben von Ieva, einer Lettin in ihrer Lebensmitte – rückwärts. In mehr oder weniger chronologisch umgekehrter Reihenfolge erzählt der Roman die Geschichte einer Frau, deren jugendliche Entscheidungen den Rest ihres Lebens dramatisch beeinflusst haben. Nach und nach treffen wir die wichtigen Menschen in Ievas Leben – ihre Großmutter, ihre Mutter und ihren Vater, ihren Bruder Pāvils und ihre Tochter Monta – und die Dinge fangen an, Gestalt anzunehmen. Immer wieder kehrt die Erzählung zu zwei weiteren Personen zurück: zu ihrem toten Liebhaber Aksels und ihrem Ex-Mann Andrejs, zu den zwei Männern, die für immer durch eine Frau und ein schicksalhaftes Ereignis verbunden sind. Das Aufdecken von Ievas Persönlichkeit und der Beziehung zwischen den drei Hauptfiguren macht einen grossen Teil der Anziehungskraft des Romans aus. Der volle Umfang von Ievas persönlicher Situation wird erst am Ende klar. Ābele geht den Fragen nach, wie frühere Entscheidungen unsere Lebenseinstellung für immer beeinflussen können und wieso wir an einer Vergangenheit festhalten, die uns so sehr verändert hat. Inga Ābele spielt metaphorisch mit Bildern von Ebbe und Flut und ihr Roman folgt einer Struktur, in der sich reale Handlung mit imaginären Passagen, die inneren Monologen gleichen, gezeitenähnlich abwechseln.

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Seitenzahl: 499

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Titel der lettischen Originalausgabe: Paisums Erschienen im Verlag Dienas Grāmata, Riga 2008

© Inga Ābele

Die Veröffentlichung dieses Buches wurde durch die finanzielle Unterstützung von Latvian Literature und dem Kulturministerium der Republik Lettland ermöglicht.

1. Auflage

Alle Rechte an der deutschen Übersetzung vorbehalten.

© 2020 Kommode Verlag, Zürich

Die Übersetzung folgt der noch ungedruckten revidierten lettischen Fassung von 2020.

Text: Inga Ābele

Übersetzung: Matthias Knoll

Lektorat und Korrektorat: Patrick Schär, www.torat.ch

Titelbild, Gestaltung und Satz: Anneka Beatty

Druck: Beltz Grafische Betriebe

ISBN 978-3-9525014-4-3

eISBN 978-3-9055740-8-1

Der Kommode Verlag wird vom Bundesamt für Kultur mit einer Förderprämie für die Jahre 2019–2020 unterstützt.

Kommode Verlag GmbH, Zürich

www.kommode-verlag.ch

Inga Ābele

Flut

Aus dem Lettischen von Matthias Knoll

INHALT

DAS HINZUGESELLEN

ANDREJS’ RELIGION

GESPRÄCHE UNTER REGSAMEM HIMMEL

MONTA

ANGRIFF DER ORTE

AM SCHEIDEWEG

GEBÜHR FÜR DAS TREFFEN

NEUNZIGER JAHRE

DRÜCK UNS DIE DAUMEN, BRUDER

SIEBZIGER JAHRE

Glossar

IM ANBEGINN

I mA n b e g i n n

schuf Gott nicht das Wort.

Im Anbeginn war ein Traum.

Und am Ende war wieder nurmehr ein Traum.

Gott erschien der Frau in einemtodesähnlichen Traum.

Gott fand die Frau im Traum undsprach zu ihr:

»Wenn du einwilligst, rückwärts zu leben, dannwirst du befähigt sein, deinem Geliebten,der jung gestorben ist, das Leben zurückzugeben.Nur erhoffe nicht viel – eure Begegnung anjenem Scheideweg wird etwa zwanzig Minutendauern, nicht länger. Dann wird er weiter demAlter entgegenschreiten und du der Kindheit.«

Die Frau willigte ein, ohne zu überlegen.Gott sprach:

»Eigenartig. Schätzt du tatsächlich deineigenes Leben und die gewonnene Erfahrung sogering, dass du ohne zu zweifeln bereitbist, an den Ausgangspunkt zurückzukehren?«

Die Frau gab keine Antwort.

Als sie erwachte, erinnerte sie sich andiesen Traum.

E sz e i g ts i c h :w i rh a b e ng e l e b t

Sie braucht keinen Rat mehr. Kein Muster, kein Vorbild. Vielleicht ist es nur die jetzige Stufe, aber im Augenblick braucht sie nichts von alledem. Sie liest keine Bücher, Zeitungen und Zeitschriften, schaut weder ins Internet noch fern, geht nicht, Gott bewahre, ins Theater. Wie bis zum Kinn in einen Teppich eingewickelt – du siehst alles, hörst alles, kannst dich aber nicht rühren. Alles ist ringsherum, alles in Griffweite. Während sie im Haus herumgeistert, nimmt sie manchmal dieses und jenes zur Hand, nimmt sich dies und das zu Herzen, nimmt sich seiner an. Einen Satz aus einer Zeitung. Eine Phrase aus einer mexikanischen Seifenoper. Einen Gedanken von Proust. Sie alle haben weiterhin recht.

Ieva* zieht im Wald ihre Kreise und schenkt sich zum Geburtstag sodann die Frage: warum gehe ich im Kreis? Wie ein Hund, der an der Kette liegt. Nur wegen der Angst, nur wegen meiner bitteren, herben Angst? Ich kann auch geradeaus gehen, sagt sie sich, und zwar jederzeit. Dann geht sie geradeaus, und nur anfangs scheint es, dass sie irgendwo hingelangt. Die Landschaft verändert sich, aber im Prinzip ändert sich nichts. Die großen Städte sind annähernd identisch, ebenso wie die Bauern aller Länder in ihren karierten, überwiegend in China produzierten Hemden. An jedem neuen Ort bildet sich nach einer gewissen Zeit ein Grüppchen ihr nahestehender Menschen, ein annähernd gleiches wie zuvor. Zu ihm gehören ein Guru, ein Liebhaber, jemand, den sie verraten wird, jemand, der sie verraten wird, ein Feind sowie Freunde zum Plaudern, um die eigene und deren Psyche zu kurieren und kein Geld für einen Therapeuten aus dem Fenster werfen zu müssen.

Von Zeit zu Zeit lässt sie ab von ihren Kriegszügen, Marathonläufen und Expeditionen, kehrt zur Hütte zurück und setzt sich neben ihre Kette. Sie wird zum Wüstenmenschen, sitzt reglos da, schaut in die Ferne und schreibt ein Drehbuch. Ein Drehbuch zu schreiben, ist eine ziemlich komplizierte Angelegenheit, aber ihre Drehbücher handeln alle von ein und demselben. Recht banale Drehbücher, und wenn sie versucht, sich beim Regisseur dafür zu rechtfertigen, sagt er: genau wegen des Banalen brauche ich dich. Denn am Ende müssen wir hier so etwas Ähnliches abliefern wie eine Inschrift auf einem Grabstein.

Ihre Drehbücher handeln davon, dass nichts geschieht, denn es kann hier nichts geschehen. In dem ewigen Kreisen zwischen Himmel und Erde geht kein einziges Wassermolekül verloren. Nur purer Geist darf darauf hoffen, aus dem Weltenrad auszubrechen ins All durch einen Tunnel aus Licht, wo die Geschwindigkeit derart ist, dass die Masse jeglicher Materie – und seien es ein paar Moleküle purer Seele – so schwer wird wie ein Sumpfbaumstumpf, doch die Ausmaße schrumpfen, bis sie verschwindet, ausgelöscht wird aus dem Weltengedächtnis, gemeinsam mit ihrer Zeit. Doch bis zu purem Geist hinzuleben – bringt mich nicht zum Lachen, das ist nicht einfach! Dann musst du zum Buddha werden, musst zu Christus oder Mohammed werden. Zu Licht, zu purem Geist musst du werden. Dann wirst du dich fortbegeben können, doch bis dahin ist noch ein weiter Weg zu gehen, vorerst wirst du geschrubbt, gewaschen und gespült. Die paar Fehler, die dich verfolgen, die dich nachts aus dem Bett jagen und zum Weitergehen zwingen werden, die Fehler, die du zeit deines ganzen Lebens nicht loswirst – sie werden dich schlussendlich vernichten. Aber fahre fort, an sie zu denken, fahre nur fort. Sie sind dankbares Material, in das man gravieren kann wie in Granit. Sie werden dich heilen.

Letzten Endes schreibt sie die Drehbücher nicht einmal mehr selbst, ihr werden von anderen geschriebene geschickt, und sie setzt nur Akzente. Liest die fertigen Texte mit einem Blick von außen und fügt, sozusagen wie mit einem schwarzen Filzstift, Konturen und Schatten hinzu. Das hat sie früher schon getan – in der Schule hat sie als Pionierin der letzten Generation im zusammenbrechenden Sowjetimperium Wandzeitungen schattiert. Ihre Klassenlehrerin nannte das »Lebendigkeit verleihen«. »Bringt es zu Ieva«, ertönte es gewohnheitsmäßig aus ihrem Mund, »damit sie Lebendigkeit verleiht.« Und über Lenin oder Väterchen Frost gebeugt verlieh Ieva der Bleistiftblässe Lebendigkeit. Hier einen geschwungenen Schatten in der Ferne, da einen Lichtreflex in einem Auge, dort einen vor Anspannung zuckenden Kiefermuskel des Revolutionsführers, dem Antlitz ihres eigenen Vaters abgeschaut, als er sich morgens in der Küche rasierte. Und der Führer erwacht zu Leben. Auch Väterchen Frost erwacht zu Leben.

Davon erzählt schier alles – von der Lebendigkeit, diesem aufgezwungenen Gut. Selbst das Gesicht des netten Busfahrers der Kleinstadt, so verschlafen zu früher Morgenstunde: von der Gier nach Leben kündet es, von der unendlichen Geduld bei der Betrachtung des Gutes, das dir in den Schoß gefallen ist, ohne darum gebeten zu haben. Und was bietet das Leben ihm dafür zum Tausch: das leise Brummen im Inneren des Busses, in dem sich die Sinne wärmen, während sie hinter der Scheibe die erstarrte, einem nackten Körper so feindliche Winternatur gewahren – was bietet das Leben zum Tausch? Den Abschiedskuss deiner Frau, bevor du das Haus verlässt, und den leicht bitteren, zarten Geschmack von Kaffee mit einem Schuss Süßrahm? Einen im Frühnebel auf der Landstraße überfahrenen Elch? Wie ein Indianer im Tausch gegen Gold Glastand erhält, so erhältst du im Tausch gegen den Schmerz der Existenz den Duft von Brot. Die feuchte Schnauze eines Hundes an deinem Bein. Die Blicke aus den Augen deiner Kinder. Ein Vogelhäuschen. Damit es dich erfreut, sagt diese aufgezwungene, ungewollte, gewaltige Gelegenheit – das Leben.

Denn die Wahrheit liegt ja überall herum – wie Händevoll Unkrautsamen, die nur noch Regen brauchen, um keimen zu können. Eine Handvoll in Fernsehshows, eine Handvoll in philosophischen Traktaten, eine Handvoll im Schweigen der Snobs, eine Handvoll im Geschwätz der Marktleute. Die Mutter ihrer Mutter, Lieboma, pflegte zu sagen, dass man nicht wissen kann, wo man verliert und wo man findet, und wenn man wüsste, wo man hinfällt, würde man ein Kissen hinlegen. Ihre Lieboma war im Guten verblieben wie ein Kind, das nie zur Leidenschaft heranwächst, ihre Lieboma hat nicht die Geschlechtsreife erlebt, wenn der Schutz des Himmels eine Kehrtwende macht, sie war in der heiligen Freude des Kindes verblieben, das war ihr Karma und Schicksal. Ihre allmorgendlichen sonnigen Guten-Morgen-Worte bezeugten, dass sie nicht zu sich selbst gelangt war, zu ihrem Zorn, zum tief verborgenen Zweifel, der ihre Vertreibung aus dem Garten Eden in die Freiheit bedeuten würde. Sie war im Garten verblieben, wo sie in Kiesgruben zwischen sonnenwarmen Walderdbeeren spielte, und zwischen diesem Gewirr vollzog sich alles vom Leben Beschiedene: der Tod der Eltern, der Ehemann und die Kinder, die sie liebte, aber nie die Worte »ich liebe« sagte, denn sie kannte ein solches Wortpaar nicht, war nicht herangewachsen zu den Worten. Sie war die Freude ihrer Eltern, eine Helferin in der Milchwirtschaft mit ihrem weißen Schürzchen und dem seidigen, aschblonden Haar, sie wuchs nie bis zum Hass heran, genauer gesagt, ihre Augen öffneten sich nie den Pfeilen des Bösen, die gegen sie gerichtet waren, und diese gingen durch sie hindurch wie durch leere Luft, denn sie begann nie ein Gespräch mit dem Dieb, sondern vielmehr nur und immer mit dem Menschen. Ihre einzige Sünde waren ihr Stolz und die Selbstgenügsamkeit. Sie hatte stets Bezugsscheine für Zucker und Brot, doch es reichte auch noch für einen anderen: ein gutes Wort und Hilfe, der Anstand, zuerst an den anderen zu denken, und das war ihre eigene Wahl, Freiheit und Verantwortung, sie brauchte, wie es scheint, nichts von Gott Dem Herrn bis auf die schönen lutherischen Weihnachtslieder und geistigen Frieden. Sie hatte in ihrem Herzen das kleine Türchen in Richtung Hölle nicht aufgeschlossen, sie verblieb in der Knospe, ihr ganzes Leben lang in der Knospe und im Kind. Und angesichts solcher Menschen haben sowohl Gott als auch die Leute die blutigsten Krallen, weil an ihnen etwas Provozierendes ist, an ihnen können weder Gott noch die Leute ihre endlosen Exorzismusrezepte zur Anwendung bringen, denn im Sein solcher Menschen gibt es keine Anzeichen des Bösen – und Gott kann in Urlaub gehen, da sind keine Ablässe zu verhökern. Nachdem sie ihre Pflichten gegenüber allen, die sie liebte, erfüllt hatte, kehrte sie flugs zurück ins Kind, zurück in die Knospe. Ein kleines, höfliches Mädchen, das auf der Straße auf der Sonnenseite geht – so begab sie sich zurück in den Garten. Sie blieb in der Knospe stecken, in hilfloser Unschuld, und dann brachen die lange angesammelten Anschuldigungen der Welt über sie herein. Werde hilflos wie ein Säugling, wie ein Tier, wie ein Häftling, wie ein Trinker, wie ein Einbeiniger im Tunnel, wie ein Schwachsinniger – und die Welt wird schnell dein Antlitz bis aufs Blut abschürfen, und du wirst begreifen, wessenthalben Gott zu allen Zeiten nötig war. Solange du stark bist, kannst du den Himmel krumm biegen. Werde schwach – und du wirst den Teufel sehen. Freilich nicht mit Schwanz und Hörnern, sondern den Teufel der oberflächlichen Freundlichkeit der dahinrasenden Welt, der dich totstreicheln wird.

Das Verlangen nach dem Paradies ist nichts anderes als das Verlangen nach dem Garten zweier schützender Hände. Ein Strunt sind all die gegenseitigen Verständnisse, Seelenverwandtschaften und Geistesgigantentümer – das Allerwichtigste ist der Garten zweier schützender Hände, wenn du nicht mehr kannst, wenn du nicht begreifst, wenn du nur nackte, zitternde Materie bist, bloße, verrottende Nerven, eine Substanz ohne bestimmten Standpunkt. Wenn du ein Fetzen Haut bist.

Nach dieser Erfahrung, nach Liebomas Verlöschen, hatte Ieva keine Illusionen mehr über sich selbst. Kein Mensch vermag alles. Und Ieva vermochte viel, konnte jedoch nicht die Klarheit der Quelle des Guten in sich bewahren; sie konnte wüten wie ein Tiger, doch es war ihr nicht beschieden. Die Bibel war der Roman über Ieva, die, nachdem sie in den Paradiesapfel gebissen, ihn vielen zu kosten gegeben und die giftige Schmuggelware fröhlich verbreitet hatte, in Tod und Sünde eingegangen war, in den Dualismus von Gut und Böse, in den Kampf zwischen Gott und Satan, dort stand sie, direkt am Scheideweg mit einem schwarzen Filzstift in der Hand. Sie verlieh allem Lebendigkeit, was ihr in die Quere kam – der Sünde, der Heiligkeit und dem Leben selbst. Sie wird niemals fähig sein, jemanden zu beschützen, sondern nur, ihn herauszufordern. Wozu? Zum Leben. Oder zum Tod. Finde die sieben Unterschiede in dieser Zeichnung!

Für die Schweiger ist es schwerer. Die Schweiger schweigen viele Jahre lang, dann springen sie in einen Fluss. Aber diejenigen, die ihre Freunde unablässig mit Beschreibungen ihrer Wehwehchen und Paranoien traktieren, die halten sich selber am Leben. Klopfe an – und es wird dir aufgetan. Vielleicht wird dir nicht regelrecht aufgetan, aber etwas wird sich sicher verändern – falls dich das zu erfreuen vermag. Vielleicht ein anderes Tapetenmuster. Ein anderes Stockwerk. Ein anderer Duft. Eine andere Perspektive. Und ein anderes Gemälde an der Wand. Wenn nun manchmal eine unsinnige Hoffnung in die Adern hineinsengt, dann vielleicht in jenem Augenblick, da du im Zug ein ins Lettische übersetztes Buch liest und in einem Moment von der Dauer eines kurzen Aufblitzens plötzlich gewahrst, dass du den Autor und den Protagonisten verstehst, dass du das Leben des Übersetzers siehst. Alle diese drei Wesenheiten gehen für einen Augenblick in dich über, nicht linear, sondern in einem ausgeleuchteten Bogen der Bestimmung. Du gelangst hinein und siehst mit einem Mal durch einen zugefrorenen See hindurch bis zum Grund, bis zum Schlummern seiner Strömungen zwischen reglosen Wasserlinsen. Dann blätterst du um – und alles verschwindet, du bist in dir, musst Milch für die Kinder und ein Herz für den Hund – ein rotes, riesiges Stierherz – einkaufen und nach Hause bringen, du musst Jäger sein, denn ringsum sind so ungeheuer starre winterliche Felder, feindlich allem Warmen, allem Lebendigen.

Doch manchmal erscheint es vernünftiger, nirgendwohin zu gehen, nicht zu lesen und nichts zu sagen. Weil diese Welt wie Mosaikglasstückchen ist, die ein Kleinkind in einem Kaleidoskop dreht. Eine Drehung – etwas Schönes. Eine Drehung – etwas anderes, aber dennoch Schönes. Sie weiß, dass das symmetrische Ornament im Kaleidoskop von einem Spiegelsystem gebildet wird, die Spiegel sind an allem schuld, sie verstehen sich nur aufs Symmetrische, aufs allzu Symmetrische. So symmetrisch, dass man es mit der Angst bekommt. So symmetrisch ist nur der Tod, wahrhaftig, so symmetrisch kann die Wahrheit nicht sein. Aber die Spiegel können nicht anders.

Sie gehört nicht zu den Schweigern, sie schweigt nicht – geht durch den Wald und spricht mit den Bäumen, mit Hunden, denen sie begegnet, mit fremden Menschen unterhält sie sich manchmal. Trotzdem verzichtet sie auf Ratschläge und aufs Ratschläge Geben. Sie will diesen Wald ohne Begleiter durchqueren. Braucht keine Bodenproben und Landkarte. Jedenfalls nicht im Moment. Den Wald hingegen braucht sie wohl. Den ganzen vollständigen Wald samt Bäumen, Moos und dem berauschenden Duft des Himmels – wenn sich Kühle in der Luft und eine eisige Feuchte an den Wurzeln unter den Farnteppichen hält im Herbst, am besten im November. Oder in den heißen Dünsten der Julihitze, wenn es ringsherum trocken ist bis an die Seele und so scheint, als würde der Wald selbst das Feuer in sich tragen, indem er so verdorrt ist wie ein Geizkragen, der auf seinen zusammengerafften Reichtümern hockt, und sich selbst so gefährlich ist wie ein Propangasfass unter offener Flamme. Der Wald ist veranlagt in ihrem und ihresgleichen Bauplan, ihre chemische Formel beinhaltet dieses geheimnisvolle Element, den Wald; doch dann reist sie fort in die Wüste und sieht die Wüstenbewohner an, die alten Menschen, die verstanden haben, dass man nirgendwohin fortgehen kann. In der Wüste gibt es keine Zuflucht, vor der Wüste kann man sich nirgends verstecken. Es bleibt nichts anderes übrig, als in dem kümmerlichen Schattenstreifen seiner Hütte zu erstarren und in die Ferne zu schauen, mit oder ohne Kautabak unter dem Schnurrbart. Einfach dasitzen und schauen, und keinerlei Fortschritt. Der ist nicht möglich, denn es gibt keinen Wald. Die Alten sitzen da und schauen in die Ferne oder betrachten die Abdrücke der unmerklichen, ewigen Bewegung von Wind und Wasser im Sand.

Doch diejenigen, die Feuer in sich haben, die löschen das Feuer je nach Geschick, so auch sie. Sie geht weit, damit das Feuer ihren Gedanken nicht mehr erhascht. All ihr Herumgerenne ist nichts als eine Art Feuerlöschen. Und manchmal nimmt sie den Hund mit, denn allein zu gehen, ist völlig daneben. Manche Ausblicke offenbaren sich wie eine brechende Welle der Freude in der Brust. Manche wie sanftes Schäumen zu Füßen. Und wieder eine andere Landschaft nähert sich wie eine intravenöse Kalkinjektion – heiß, das Herz pocht schnell, Schweiß tritt auf die Stirn. Wenn man zu Fuß geht, tut sich immer etwas auf. Diese kleine Illusion der Bewegung, ach, etwas anderes braucht sie nicht.

Man soll die Menschen einfach verstehen, denkt sie. Und die Welt soll man verstehen. So geht das nicht: alle wie Schuhe auf einen einzigen Leisten spannen. Jede Haut, jedes Leder hat seine eigene Wölbung, seine Naht, seinen Höcker. Um das zu erkennen, braucht es Stille und Zeit.

Sie hatte bereits Gelegenheit gehabt, ein wenig Karussell zu fahren – gar nicht schlecht. Dich nach dem ruhigen, so gewohnten allmorgendlichen Frühstück in die Zeitröhre werfen und dermaßen durchrütteln, dass du dir die gesamte Gewöhnlichkeit direkt vor die Füße erbrichst, diese ganze Nichtigkeit, die dich am Leben erhält. Vor die Füße der eigenen Ausweglosigkeit schüttest du die winzigen, zerkauten Krümel hin, heulst dich aus, weinst dich aus, und danach ist für eine Weile Ruhe, eine begehrte Ruhe, Reglosigkeit, Erstarrung, und alles gefällt. Die Welt funktioniert ordentlich wie ein gut geöltes System von Zahnrädern mit Parametern, Barometern, Altimetern und Chronometern. Dir gefallen sowohl die kurzen als auch die langen Distanzen, Anfang und Ende, und die Mitte selbst gefällt dir besonders. Das Gehen zur Arbeit, die Kredite für Wohnung und Auto, die Kinder und die Eltern, selbst die unverheirateten Patentanten. Wenn es nicht Salto und Purzelbaum gäbe, würdest du wohl kaum diesen kleinen Mechanismus zu schätzen wissen: Steigbügel, Hammer und Amboss, oder wie diese winzigen Knöchelchen nun heißen – das Gleichgewichtsgerät in deinem Ohr, in deinem Vestibularapparat, der dich aufrecht hält.

Der rote Stoff des Blutes ist bei allen gleich – strömend und zart, unendlich gesättigt mit Zeit und verschiedenen Archiven. Ein immer heißer Stoff, und trotzdem: was verwandtschaftet mehr – Zeit oder Blut? Und wenn es nun sowohl das Blut als auch die Zeit ist, wie soll man danach weiterleben? Danach, wenn es auf der Welt kein einziges Wesen mehr gibt, das dich zudeckt, das dich mit bedingungsloser Liebe annimmt, das dich genau so annimmt, wie du bist. Das mit Freude deine Bewegungen betrachtet, in dessen Augen du einfach gut bist. Wenn es diese Augen nicht mehr gibt, vor wem vermagst du dann genau diejenige zu sein, die du bist? Denn Verwandtschaft besteht immer mit jenen, die dich zudecken oder dir ein Netz überwerfen, um dich ans Ufer zu ziehen, oder etwas verkünden in dieser Welt des uneingeschränkten Chaos, in der zu leben wir gezwungen sind, in der sich nur die Sonne ungefähr durch ein und dieselbe Tür bewegt und der Tag sich wie die Knospen der Blume der Dunkelheit ins Fenster zwängt, doch ansonsten ist alles vollkommen anders. Und es werden dir ja nicht irgendwelche großartigen Weisheiten verkündet, sondern – ist das nicht seltsam in der heutigen Welt des Überflusses? – stets dieselben fürs Überleben wichtigen Dinge. Auch ihr wurde etwas in dieser Art gesagt. Zwei, nein drei Dinge des Überlebens – die ersten beiden sind: setz dich nicht auf einen Stein, bevor es gedonnert hat, und meide Durchzug. Sicher, hier ist von nichts anderem als diesen verflixten Nerven die Rede. Denen schaden Kälte und Durchzug, du beginnst Blut zu pinkeln, wenn du nicht gehorchst. Es wird dich krumm machen wie das Ende eines Krückstocks, wenn du nicht aufpasst.

Der dritte Rat jedoch war indirekt mitgeteilt worden – mit einer Geschichte. Ihre Lieboma, der Mensch, der ihr diese Ratschläge hinterließ, war vor dem Zweiten Weltkrieg Magd in einem reichen Haushalt in Riga gewesen – nur einen Monat lang, um Geld zu verdienen und in der fremden Stadt ein Dach über dem Kopf zu haben.

»Kindchen«, sagte sie zu Ieva, »ich wusste genau, dass ich nur kurze Zeit bleiben würde, deshalb ertrug ich mit Anstand alles, ich hatte genug Ausdauer und Freude über jeden neuen Tag. Als ich nach einem Monat fortging, weinten die Hausherren und wollten mich nicht aus dem Dienst entlassen, denn eine so gute Magd hatten sie ihr Lebtag nicht gesehen.«

Diese Geschichte verkündete: dass alles vergehen wird, auch das Leben. Vielleicht dauert es ein wenig länger als einen Monat, doch es wird vergehen. Jeder Anblick, jede Landschaft, auch du selbst. Das löst etwas, wenigstens bis zu dem Augenblick, da dir das Leben mehr zuwider ist als ein bitterer Tod, wenn du an allen Horizonten nur noch schwarzverbrannte Ebenen siehst, wenn du das Leben so sehr hasst, dass es dich, wenn du daran denkst, zu schütteln beginnt wie das Zittern der Agonie. Danke, Lieboma.

Denn wahrhaftig, sie bezeichnet sich nicht mehr als Mädchen, sagt manchmal dieses schöne Wort: Lebensmitte. Ja, als einen Menschen in der Mitte seines Lebens möchte sie sich gegenwärtig betrachten. Schier physisch hat sie die Lebensmitte empfunden, sie imaginierte sie am Morgen ihres dreiunddreißigsten Jahrestages. An diesem Morgen kam es ihr vor, als stünde sie auf einem Berg, ganz oben auf dem Gipfel. Zu beiden Seiten erstreckt sich dieser gewaltige, in Falten gelegte Bergzug, im frühen Sonnenaufgang schmelzen in goldener Ferne seine Umrisse, er ist hoch und schwarz, aber seltsamerweise hat sie keinen Sauerstoffmangel und in den Ohren saust es nicht. Ganz im Gegenteil – es weht ein von Feuchtigkeit gesättigter, erquickend frischer Morgenwind, hoch oben verlöschen die Sterne, indem sie sich wie weiße Knötchen in die Bläue hineinweben. Es ist gut. Genau in diesem Augenblick ist es gut, sie denkt weder an den Herweg noch an den Abstieg, alles ist hier und jetzt, sie ist in der Lebensmitte. Und was schmerzt, ist einzig das klare Bewusstsein, dass sie von der Seeseite her aufgestiegen ist und auf der Wüstenseite hinabsteigen wird. Dieses Wissen tut ein wenig weh wie ein irgendwann gebrochenes Schlüsselbein bei Regen, doch man kann sich daran gewöhnen.

Dann kommt jener Tag: das Leben ist in der Mitte, und sie geht an einem Herbstmorgen durch den Wald. Ringsherum flirrt das Gold des Espenlaubs, die Erde atmet Kühle aus, und der Himmel ist so blau wie die Augen ihres Freundes. Und das Leben ist in der Mitte, und dies und das ist während dieser Zeit geschehen, sagen wir, viele sind geboren worden, einige gestorben, manches wird sie ihr ganzes Leben schmerzen, manches wird sie nie wiedergutmachen können, manches ist ihr schon schnurz – und so weiter. Sie geht durch den Wald und fühlt, dass sogleich der kritische Punkt erreicht sein wird, wenn der Kelch voll ist und nicht vorübergeht, wenn der Krug zerbricht. Die Kühle der gläsernen Milchflaschen in ihrer Kindheit und die pyramidenförmigen Tetrapacks mit der Aufschrift »Moloko« – sie dürfen auch nicht vergessen werden, und das erste Geld der wiederhergestellten Republik Lettland in Stapeln und Koffern, der erste ehrlich verdiente Lohn: ein ganzes Bündel bunten Papiers, auf der Pferdefarm verkühlte Nieren und eingenässte Hosen, die erste Nacht mit einem Burschen, den du nie mehr im Leben treffen wirst, der erste Flug im Flugzeug, das erste Ausland mit den seltsamen Dingen, jener Mensch, von dem du langsam, aber sicher fortgegangen bist, obgleich er dich zu bleiben bat, weil er verlosch. Jeder Verrat deines Herzens, dein wütender, störrischer Geist und die winzigen Augenblicke des Durchatmens, deine Verträge mit dem Gewissen, dein Vater und deine Mutter, und die kleineren und größeren Reisen, als du dich in Städte verliebtest, in den Himmel oder in ganze Regionen eines unbewohnten Landes.

Denn für die Liebe bedarf es schließlich nicht immer eines Menschen, nein, keineswegs. Du kannst dich in eine Stadt verlieben, in ihren vielfältigen Duft, in ihr Schweigen unter dem Schnee. In die kleinen und großen Straßen und in die in der Abenddämmerung leuchtenden Fenster, die in dir ein Verlangen erwecken, wenn du in den Straßen große Augen bekommst, allein davon, dass du alle anderen erahnbaren Leben erleben willst, all diese Fenster. Du willst sie herausreißen aus den Mauern und in die eigene Brust verlegen aus dem einfachen Grunde, dass du dies alles weißt und verstehst. Dass du diese Gardinen liebst, diese Vorhänge, Jalousien und hinter Blumentöpfen erkennbaren Wandteppichfragmente. Schlichte wie pompöse Abendessen, Katzen auf Fensterbrettern und dampfende Töpfe. Und die Art, wie ruhig er heimkehrt nach einem Arbeitstag. Und die Art, wie sie ihre Wange hinhält zum Kuss. Hier ist dein Sieg, dein Leben, in diesen einfachen Dingen, in den kleinen Dingen, die ein jeder wie dürstend schlürft bis ans Ende seines Lebens und, berauscht davon, umherirrend in den Bastionen der Hinterhöfe, nur nach einem verlangen wird: nach dem ewigen Wechsel von Tag und Nacht. Nach schützendem Schatten und kurzem Durchatmen auf einem karierten Sofa, während er dir einen Tee zubereitet. Nach einer Prise in sich selbst schlummernder Wärme, wenn nicht Uhrzeiger mit Stahldolchen in trockenen, müden Augenlidern herumstochern. Man verlangen wird nach Altweibereinsamkeit und einer Katze, nach Besuchen und einem von den Kindern vollgekrümelten Bett, insbesondere im November, wenn es drinnen hell ist, draußen hingegen dämmrig und kühl, und du ein wenig frierst dort, wo du stehst mit deinem einzigen Herzen und Leben in der Brust, aber wissend um all dies – woher? – und liebend, liebend, liebend.

Aber in der Gegenwart gibt es doch nur diesen Moment, diese übermäßige, gnadenlose Konzentration und den bitteren Duft der Erde.

Weshalb laufe ich mit einem Orchester im Kopf herum?

Und sie beginnt, rissig zu werden wie eine Kiefer. Die Rinde blättert ab, Schicht um Schicht, und fällt flammend nieder. Der Wald atmet und wächst, steht da und präsentiert sich nicht, beweist nicht, er existiert einfach. Sie weiß, dass der Wald ideal ist, doch der Wald selbst weiß es nicht. Das Dasein verlangt zu viel vom Menschen, von diesem komplizierten Konstrukt, diesem Nervenbündel mit Herz, Gehirn und Augen – wie soll man sich selbst vergessen? Unablässiger Kampf, der Wirbel der Ereignisse, Bestrebungen, Gedanken, Instinkte, Verantwortung – und wenn nicht, dann wenigstens ein Ahnen im Aufblitzen kurzer Augenblicke. Wenn du die Hand hebst, um das Fernsehprogramm umzuschalten, ein Käsesandwich aus dem Sandwich-Toaster holst oder auf einer verstopften Kreuzung eine rote Ampel überfährst. Oder wenn du nach langer Abwesenheit wieder in der Heimat bist und beim Blick auf das seidige Schilf, über das ein Wolkenschatten streicht, denkst: wer ist das, der das alles sieht?

Oder wenn du in der Fremde die Nachricht erhältst, dass deine Mutter gestorben ist. Ich will es nicht wissen, ruft das müde, vernarbte, zynische Herz. Das Herz will keinen Schmerz mehr. Doch etwas darinnen erbebt, erzittert – ein winziger, bedeutsamer Traum vor dem Erwachen oder das Brüllen eines wilden Tieres, so laut wie ein überdrehter Motor –, und du fühlst schlagartig, dass der nächste Atemzug auch ausbleiben kann. Doch er kommt, und du bist zugleich glücklich und unsäglich enttäuscht. Denn es bleibt ja noch die Frage bezüglich des Herzens. Wenn dir einmal jemand nah war, nah und nun gestorben ist und du dir sein Herz vorstellst, das du nie gesehen hast, kannst du dir trotzdem recht gut – warum nicht? – eine einstmals tätige, aber nun starre, reglose Muschel in den Tiefen eines Grabes vorstellen. Und du stellst dir vor: wie ist es für das Herz in dieser Grabestiefe? Hat es die begehrte Perle herausgebildet oder nicht? Höchstwahrscheinlich nicht, es gibt keine Perle dort unten, in keinem einzigen Grab haben Archäologen anstelle eines Herzens eine Perle gefunden, von dergleichen hat man nie gehört, vielleicht bist einzig du selbst diese Perle, die Frucht und das Geschöpf dieses fremden Daseins, doch die plötzliche Reglosigkeit des Herzens, des Leibes, den du vielleicht mehr geliebt hast als dich selbst, der Sieg in seiner Reglosigkeit und die Zugehörigkeit zur Erde machen dich schier wahnsinnig. Und das Zerfallen des Herzens, die unmerkliche Verwandlung in Erde mit Würmern, Moder und Wurzeln – es versetzt dir einen Stich, und du bist bereit, diese nunmehr überflüssige Nichtigkeit ohne Funken, ohne Bewegung, ohne Widerhall auszugraben aus der Erde, sie ans Tageslicht zu zerren. Eine Verblendung.

Aber die Gedanken sind abgeblättert, wenigstens das ist erledigt. Sie erhebt sich unsicher aus dem schützenden Windschatten der Kiefer und tut die nächsten Schritte. Der Sand, mit Mutterboden durchmischt, ist so locker, dass die Schuhe bis zu den Knöcheln in ihn einsinken. Eine frisch gepflügte Schneise. Die Schneisen werden aus Angst vor Waldbränden aufgepflügt. Eine Feuersbrunst wird es nicht mehr geben, die Gedanken sind abgeblättert bis zum feuchten, lebendigen Kern. Bis zum Wesenskern, zur Gegenwart, frei von Vergangenheit, Zukunft, Genen, Stammbäumen und Absichten, von Hochschulzeugnissen und Bestätigungen aus der Justizvollzugsanstalt. Es kommt ihr plötzlich so vor, dass geistiger Frieden Diebstahl ist. Das unablässige schmerzliche Hineinschlüpfen in die Leben anderer – das ist ein so tiefes Bohren gewesen; jetzt hingegen gibt es nur eine ganz dünne Schicht: den Wald, den Weg und den Himmel. Das ist nun wirklich ein Armutszeugnis, möchte sie ausrufen, verstummt jedoch. Und wenn dies aber die einzige Möglichkeit ist, nicht stehen zu bleiben? Beuge dich hinab und schöpfe zusammen mit dem Sand den eigenen Schatten in die Hand: nur Wald, Weg und Himmel. Und du selbst. Eine Verdichtung von Materie, ein zufälliges Hindernis für einen Sonnenstrahl, ein Wesen ohne Gene, ohne Vorfahren, ohne Vergangenheit und Zukunft, das beobachtet, das in der freien Natur den einen oder anderen Anblick genossen hat, die schönsten im Leben. Viele davon gibt es nicht, aber einige, und sie vermag nicht aufzuhören, sich an sie zu erinnern, sie glaubt, dass sie sich sogar in ihrer letzten Stunde noch entsinnen wird – beispielsweise an das Tasten des Nebels durch die Stadt in einer Sommermorgendämmerung. Die Bewegungen des Nebeltiers in den leeren Straßen, wenn es seine Tentakel ins Urstromtal des Flusses einzieht. Bewegung in der Bewegungslosigkeit. Oder auch daran, wie im November der erste Schnee auf einen Waldsee fällt. Der schwarze, klare Spiegel, in dem unaufhörlich der Schnee verlischt, ein entschwindender Schneevorhang, eine Armee aus Schnee, Milliarden von Flöckchen, die ihre Existenz verlieren, indem sie mit dem schwarzen, puren Nichts in Berührung kommen.

Ja, aber konnte es denn im Wald überhaupt einen hässlichen Anblick geben, war das allabendliche Dunkelwerden des Himmels im Herbst, wenn, falls du dich nur zwingen konntest, für einige Augenblicke auf einer Rodungslichtung anzuhalten, über die hinweg ein Rabe sein hohles »kramm, kramm« in die Ferne trägt, wenn also der von einem Flugzeug hinterlassene weiße Schrägstrich im Widerschein der sterbenden Sonne sich immer röter färbt und im Norden die feine Spitzenklöppelei der Wipfel vor dem königlich gelben Himmelsrand mit jedem Moment geheimnisvoll schwärzer wird – war das nicht Schönheit? Ebenso wie die unermessliche Konzentriertheit des Sonnenuntergangs vor der Verdichtung der Dunkelheit, das Versinken der Erde in sich selbst – keine Spur eines nachlässig vom Wind ausgesäten Gedankens dort, wo der Wald in seiner klaren, kühlen Reglosigkeit steht, eingesunken bis zu den Wurzeln und mit den Wipfeln in einem nur ihm bekannten Nachsinnen. Schönheit an und für sich und zugleich für ihre Augen bestimmt. Für sie, die sie so klein ist auf der großen Rodungslichtung. Und das Gewahrwerden der Lebendigkeit, die sie in jenem Moment heimsucht, ist jäh und ebenso unbedeutend wie das Pfeifen eines Zuges, wenn er von einem einsamen Bahnhof abfährt. Eigentlich eine unnötige Geste, eine überflüssige Welle ohne Adressat, denn es ist ja niemand da, nur das Wogen der Schienen vom einen Horizont zum anderen und die schwarzen Wände erstarrter Tannen, an denen entlang der Zug seinen Ruf fortträgt, und der warme elektrische Schein in den Fenstern der Waggons.

Einmal hat sie gelesen, wer weiß wo: ihr werdet oftmals fallen, daran ist nichts Schlimmes. Sie zuckte zusammen und dachte lange darüber nach. Ihr schien, dass jemand einen üblen Witz gemacht hatte. Das, was für sie Sünde war, sollte für einen anderen nur eine Lehre sein? Sie vermochte es nicht zu glauben und verspürte dennoch eine winzige Hoffnung, dass der Schreiber die Verantwortung für seine Worte übernommen haben könnte. Und was ist Sünde, was ist das für ein Wort? Wie ihr einmal ein Mensch gesagt hatte, in seiner Teuflischkeit und Heiligkeit dem größten von Dostojewskis Romanen ähnlich: Sünde sei nicht das, was die Leute als solche bezeichnen, während sie einen Mörder oder Dieb zum Galgen treiben, o nein, das ist bereits eine ganz andere, viel grobere Materie, nicht würdig, sich mit dem feinen, flirrenden Wort »Sünde« zu bezeichnen; Sünde, sagte er: betrachte dein Herz, beobachte in ihm das jeden Moment geborene Erbeben vor Hass, Gier, Stolz, Neid, Nachrede und Eifersucht, das ist die Sünde, eingeschlossen im Wogen deines Herzens, desselben Herzens, das auch das ewige Gleichgewicht von Vergebung und Frieden in sich birgt; beobachte die unruhige Oberfläche deines Blutes, und du wirst etwas haben, worüber du Sünden zu beichten hast – egal wem, ob einem Priester, der Meeresküste oder dem heiligen Berg Kasbek; beobachte die Wasserwaage deines Herzens, und du wirst sehen, dass dein Hass nicht dem anderen gilt, sondern demjenigen, was er in dir auslöst, deiner ruchlosen Gier und Schwäche – sie sind es, denen dein Hass gilt, nicht jener andere, er ist nicht schuld, er selbst ist wie ein kleines Kind, wie könnte er schuld sein? Doch das Erbeben des Starrsins, das aus deinem Herzen kommt, ist dein eigenes, es hat die Farbe deiner Augen und die Züge deines Gesichts; noch nicht gekleidet in Worte oder Tat, verbirgt sich in den Gedanken deines Herzens die Sünde. Und dann plötzlich: ihr werdet oftmals fallen, daran ist nichts Schlimmes. Steht auf und geht weiter. Macht nicht denselben Fehler zweimal. Wenn man sich diesen Gedanken doch aufpfropfen könnte – wie einem Wildling eine gefüllte Edelsortenblüte! Die Hoffnung einer guten Spezies.

Man muss besser aufpassen beim Autofahren, ja, wahrhaftig. Wenn man nur fähig ist, seinen Blick zu heben. Ei, Geheimnis, ei, verschlossenes Kästchen mit der Zeit, ei, du ernster und etwas trauriger Gesichtsausdruck, ei, unmögliche Nähe, selbst in der tiefsten Verblendung unfüllbarer Kelch, nimmer versiegender Krug, o Mensch! Wenn man sich vorstellt, wie viele Zahnräder ineinandergreifen müssen, damit auch nur der Schatten einer Nähe möglich ist, die Fiktion einer Nähe, die Imitation einer Annäherung – aber wenn nun wahrhaftig Nähe, wenn nun unendlich schmerzliche, verzweifelte Versuche, die Zeit und die Körper zu überwinden, gegenseitig in die dunkelsten Abgründe zu gelangen, geschehen? Um nach alledem fähig zu sein, einander anzuschauen – ist das kein Wunder? Und zu sehen ist für dich, wenn du im Auto fährst, die rechte Seite seines Gesichts. Die rechte Seite soll von Gott stammen. Dementsprechend sei sie auch die ideale. Diejenige, die im Krieg als erste zugrunde geht. Ja, aber auch die schönere, zweifellos. Und schön ist der Weg an sich, die Bestimmung der vorüberblitzenden Landschaften zu flirren, in Gesicht und Augen zu reflektieren, sich zu verändern.

Deshalb sei vorsichtig, wenn er anbietet, dich nach Paris zu bringen, nun, vielleicht nicht nach Paris, vielleicht nach Helsinki, Tukums, Karalauči oder zum Baikalsee. Auf seinem Antlitz wird der Weg flirren, das ist immer schön. Es gibt keinen schöneren Menschen als einen Menschen auf dem Weg. Das wird dich mitreißen in Saus und Braus. Weg, Schönheit, Wehmut. Bewahre wenigstens ein Krümelchen kritischen Verstandes in dir. Wir werden mit jedem Jahr irrationaler und werden, gut möglich, dereinst Russland begreifen, nein, Unsinn, Russland muss man nicht begreifen, man muss es ganz einfach der Länge nach durchqueren, barfuß, mit dem Sündenbereusack über der Schulter. Aber um nicht völlig zu Bruch und in die Irre zu gehen, damit dich das finstere Russland nicht verschlingt, sei bestrebt, eine kleine Portion kritischen Verstandes in dir zu bewahren. Oder zumindest den Glauben an dich selbst. Lass dir die Freiheit, am nächsten Werktag aufzustehen und bis zum See zu gehen und zurück. Glaub mir: du wirst nirgendwo hingehen, du quetschst dich in den Trolleybus oder deinen Rolls-Royce, den prunkvollsten von ganz Riga, und gehst zur Arbeit. Aber lass einen Abglanz der Freiheit in deinem Verstand übrig, die Möglichkeit, einfach bis zum See zu gehen – und du brauchst nirgendwo hinzugehen. In dir wird Frieden sein.

Was ist wohl der Grund für ihre Beunruhigung und ihre Begierden? Es ist ein bis zur Banalität einfacher. Abermals ist eine Welle über sie hinweggegangen, und sie weiß nicht: ist es eine über das Haupt hinweggegangene Welle oder ist sie selbst diese Welle? Beziehungsweise was treibt sie, diesen Spießrutenlauf zu machen – das Schicksal oder freier Wille? Der Grund ist unsinnig trivial, der Grund ist derselbe, weshalb sie die sogenannten »Bücher über Beziehungen« weder schätzt noch liest – sie bedeuten Morast und Gefahr. Sobald auf einer Seite »sie« und »er« auftauchen, knallt sie das Buch zu und wirft es krachend in die Ecke, denn darin ist für gewöhnlich die alte Geschichte vom Mutterinstinkt zu finden, der die Frauen sich mit Eseln einlassen lässt, aber möglicherweise ist es wieder einzig und allein ihre üble Erfahrung, die aufbegehrt. Denn über ihr Haupt ist abermals die Liebe gekommen, keine Beziehung, o nein, es hat noch nicht einmal den Hauch von diesem moderreichen Sumpf, den man Beziehung nennt. Über sie ist eine reine und klare Liebe gekommen, und sie möchte dieses Feuer am liebsten so schnell wie möglich zu Asche niederbrennen, damit wieder Ruhe herrscht und es still dort flackert in der Glut, in der Tiefe der Asche, sie mag so sehr diesen Zustand: wenn Schlacke an der Oberfläche und eine leise Bewegung in den Tiefen ist, ein verborgenes Glimmen der Glut. Sie mag es, doch es ist nicht möglich, etwas schneller verbrennen zu lassen, als ihm beschieden ist, Leben ist Feuer, Liebe ist Feuer, die Tage sind Blüten des Lichts auf einem Nachtkerzenstamm, Licht ist Feuer, und Zeit ist Feuer und Wärme. Und dann kommt die Flut, dann kommt die neunte Woge, und wenn du allein nicht genug Atem hast, um bis zur nächsten Ebbe zu tauchen, dann halte dich fest an ihm, dem Geliebten, und am Flug über die neunte Woge hinweg.

Der Grund ist ein so banaler und trivialer, dass sie wütend ist auf sich selbst und weinen muss, aber sie will kein Mitleid. Kein einziges fremdes Schicksal, keinen Rat, niemandes Hilfe. Sie will ihre eigene Erfahrung. Weshalb sich davor schützen – um keine Fehler zu machen? Man braucht Fehler, sie braucht sie! Aus Angst vor Fehlern sind schon mehrere Jahre in einen Astronautenanzug eingenäht und auf den Mars geschossen worden. Die abgeschiedenen Jahre, bei deren Durchstreifen sich die Notwendigkeit riesiger eigener Fehler ergibt. Sie will Wald und Stille und will zuschauen, wie das alles endet. Und was beginnt, wenn es beginnt. Dies allerdings weiß sie – nach dem Anfang folgt ein Ende und nach dem Ende ein Anfang. Aber ob etwas länger währen wird als sie selbst – das weiß sie nicht. Der wertvollste Gegenstand daheim ist ein altes chinesisches Buch des Wandels. Es hat sie noch nie belogen. Sie wendet sich nur in sehr seltenen Fällen an dieses Buch, dann, wenn es nicht mehr möglich ist, weiterzuleben wie gehabt. Und keineswegs sucht sie Schlüssel zur Zukunft oder Vergangenheit darin, nein, sie hat festgestellt, dass der wesentlichste Mangel im Leben eines Menschen das Nichtbewusstwerden der gegenwärtigen Situation ist, eine sehr gefährliche Unsitte. Und sie fragt das Buch des Wandels stets das eine: wo bin ich? Und das Buch hat noch nie gelogen, wie eine gut gezeichnete topographische Karte nennt es ihr mit einem Wort den Ort: Die Zersplitterung.

Die Betrachtung.

Der Streit.

Oder etwas anderes. Zersplitterung geht über in Angriff, Zurechtgemachtheit in Ruinen. Und die Bilder – sie sind dieselben, die dich in Träumen erreichen. Jetzt, da sie sich wieder verliebt hat, fragt sie das Buch, und das Buch antwortet: Der Schwan. Das ist nicht gelogen. Nur ist sie leider, wenn sie sich verliebt, kein Schwan. Sie ist eine Katze. Und der Schwan erreicht das Ufer nicht. Sie lacht über sich selbst, schau an! Ist verliebt. War das denn nochmals nötig, so müde fühlt sie sich und kennt all das Schreckliche wie das Einmaleins von Anfang bis Ende, dann weshalb also, wozu? Abermals dieses rauschende Seinsgefühl, das Diplom der Lebendigkeit. Ein Strom, der derart vorwärtsreißt, dass es kribbelt im Sonnengeflecht.

Sie wird krank, um ihre Möglichkeiten abwägen zu können. Um lange und reglos am Küchenfenster zu sitzen und die Hauswartsfrau zu studieren, die Tauben, ihre Armvenen, die Lachfältchen in der Spiegelung der Fensterscheibe, ihre Gedanken und Gefühle, ehe sie aufspringen, anrufen, loslaufen und ihm um den Hals fallen würde. Denn – lohnt denn etwas ohne die Liebe? Die Frau war immer das Starke im Schwachen und das Große im Kleinen und wird es immer sein, allerdings aus freiem Willen, das darf man nicht vergessen.

Vor dem Fenster – zufälligerweise – dieses fürchterliche Ostseeklima, das sie dereinst in der Kindheit für das einzig mögliche auf der Welt hielt. Dort am Meer schienen drei Monate Sonne und neun Monate Dunkelheit etwas ebenso Selbstverständliches zu sein wie ihre eigene Haut. Der Wechsel der Jahreszeiten, die samtigen Mäuler der Knospen, das Birkensaftzapfen oder das Klatschen roher, feuchter Blätter gegen das Hausdach – alledem war sie so nah, mit der Nase auf Farnhöhe, mit den Fingern an Liebomas knotigen Knien. Großvater Roberts neigte manchmal sein faltiges Gesicht zu ihrem herab, es tauchte im Blickfeld auf wie ein brauner Baumstumpf, den der Wind langsam aus Wollknäueln hervorspinnt. Er sang:

Pavasara vējš

Pāri laukiem trauc,

Vējam līdzi vijole raud žēli.

Spēlē vijolnieks,

Kas reiz bija jauns,

Kura krūtīs sirds pukst mīlas pilna …

Frühlingswind, er jagt

Über Felder hin,

Mit dem Wind die Geige weinet klagend.

’S spielt ein Geiger dort,

Der auch jung war einst,

Dem ein Herz voll Liebe schlug im Busen …

Und danach spielte er dieselbe Melodie auf einer silbernen Mundharmonika.

Ieva fragte dann:

»Großvater, ist denn dein Herz nicht mehr voll Liebe?«

»Doch, immer«, lachte der Großvater, »mein Herz ist immer voll Liebe.«

Roberts rauchte vor dem Herd und erzählte Ieva, dass die ewig zwischen seinen Fingern glimmenden Papirossi ebenfalls von den Flammen des Herzens entzündet werden. Rauchen ist etwas für Leute, die gern Feuer einatmen, sagte er lachend. Lieboma schimpfte dann immer, schalt Roberts einen Zigarrenschlucker und dass er dem Kind keinen Unsinn zusammenfaseln solle. Was war da viel zu schimpfen, Ieva hatte selber Augen im Kopf, um zu sehen, dass der Großvater Feuer bekam, indem er mit der bloßen Hand etwas Glut aus dem Herd klaubte.

Ieva hatte noch nicht lesen gelernt, als Roberts ihr alles über die Natur der Wolken erzählte. Dass die Wolkendecke, diese andauernde Dunkelheit vom Herbst bis zum Frühling, ein weiteres Meer über dem echten Meer ist. Dass es dort oben, über den Köpfen der Menschen, dort, wo die Vögel leben, noch eine weitere, bleigraue Fläche gibt, die der Wind unablässig zu Strudeln spinnt und zu Wellen treibt, die die Sonne bescheint und über der der Himmel immer noch so klar und blau ist wie im Sommer. Inzwischen war sie bereits in einer Wüste gewesen, hatte bereits erfasst, dass die Tür offen ist: aus einem Sumpf kann man auf unzähligen Pfaden zum Äquator entfliehen. Nur möchte sie nicht. Sie möchte wieder wie als Kind – eine Weile im Abgrund der Wolken sein. Leicht in den Tiefen um das eigene Herz stehen.

So ein kleiner Moment des Bedenkens vor einer Riesenunvernünftigkeit.

Auf dem Tisch liegt ein angefangenes Drehbuch, aber im Augenblick könnte es ihretwegen auch auf dem Mond herumliegen.

Und was sucht sie? Darf sie mehr vom Leben verlangen als das Privileg, sich einem einzigen lebenden Menschen anzuvertrauen?

Und worum kann sie alle und den alleinigen Gott, das Universum, das Weltall anflehen als einzig und allein um den Wunsch und die Grundlage für die Hoffnung, einen anderen niemals zu verraten und zu verletzen?

Im Regal entdeckt sie ihre Jugendbriefe an ihren Bruder. Und schickt ihm eine SMS – einen ganzen Wald von Ausrufezeichen. Ihr Bruder schickt ein einziges Fragezeichen zurück.

Es zeigt sich, wir haben gelebt, antwortet sie.

Es gibt Belege, es ist möglich, es zu fassen. Das kleine schwarze Büchlein ist vollgeschrieben. Wenn du eine einzige freie Woche hast, einen unbezahlten Urlaub oder eine ärztlich attestierte Grippevortäuschung, die du dir vor einem staubigen Schrank zu kurieren erlauben kannst, indem du in tintenklecksigen, von der Zeit zerfledderten Papierfetzen herumwühlst oder verstorbene Fotografien betrachtest, die irgendwelche bestimmten Umrisse bewahren – dann ist es möglich, es zu erfassen. Dieses Gefühl.

Es zeigt sich: wir haben gelebt.

*Anmerkungen des Übersetzers siehe Glossar ab Seite 480.

DAS HINZUGESELLEN

D i eM u t t e r

Die Mutter versucht sich zu erinnern, wo sie das schon gesehen hat.

Gesichter, die sie aus schonungsloser Helligkeit ansehen.

Große Augen. Lippen, die etwas sagen, lächeln, lallen, schelten. Gesichter, die sie aus rettender Dunkelheit herausreißen ins Licht.

Eine Allee.

Für einen Moment erblickt sie den Vater, der ihr Baumkronen zeigt. Sie liegt im Kinderwagen, ein Kind, das sich allem restlos zuwendet, ohne Rückhalt. Sie erblickt die Baumkronen und wird Baumkronen. Taucht ein in die Baumkronen, in ihre seidige Rastlosigkeit.

Diese Gesichter hier in der Enge des Zimmers gleichen ebenfalls Baumkronen. Gesichterbaumkronen dort oben über dem Kopf, voll von raschelnder Bewegung und den Spielen des Windes. Die betrachten sie, die sie daliegt, heruntergekullert vom großen Kissen, gegen die Wand gekauert wie ein vertrockneter Wurm. Hände reißen dort in der Ferne Vorhänge auf. Lichtgetränktes Fensterviereck.

»Guten Morgen! Zeit zum Aufstehen«, verkündet die Stimme des Lichts.

Ein Gesicht beugt sich ganz nah heran, es ist das Gesicht einer Frau.

Die Mutter öffnet ein Auge. Das andere Auge ist von Eiter verklebt. Sie schaut zu den Gesichtern, flüstert mit zahnlosem Mund ein paar Begrüßungssilben. Die Mutter hat Angst vor dem Tag, Angst vor der allmorgendlichen Prozedur – sie wird herumgewälzt, aufgerichtet, geschoben, gewaschen, ihr wird Schmerz zugefügt und Unruhe. Die Mutter will sagen, dass sie nicht mehr versteht, weshalb sie aufstehen soll. Sie ist müde, aber man gewährt ihr keine Ruhe.

»Und das schlimmste ist, dass sie mit ihrer linken Hand irgendwie an die Kacke rankommt. Fummelt herum, zerrt an den Pampers und schmiert diese Finger überall hin, sie ist völlig ohne Verstand. Ich muss zweimal täglich die Laken wechseln. Allesamt.«

Die Mutter schließt ihr einziges Auge und tut so, als ginge es nicht um sie. Schon seit einigen Jahren ist vor diesem einzigen Auge Nebel, rasch dahinhuschender Nebel mit Fetzen schwarzer Flecken.

»Wir müssen uns etwas einfallen lassen. Ich bin sicher, dass man sich etwas einfallen lassen kann. Ein Hemd, das über der Brust zugebunden wird oder so«, sagt eine zweite Stimme, eine tiefere, der Dunkelheit beigemischt ist.

Die Mutter mag diese Stimme lieber.

»Sie kommt ja nicht von oben ran, sondern von unten, vom Oberschenkel her. Morgens ist das ganze Bett überflutet. Sie pinkelt so wahnsinnig viel. Und wenn noch Kacke dazukommt, kann ich hier nicht ohne Brechreiz reinkommen. Du kannst dir diesen Gestank nicht vorstellen«, klagt die erste Stimme, weiß und wahrhaftig wie Licht.

Vor dieser Stimme kann man sich nicht verstecken, deshalb kneift die Mutter noch fester die Augen zu.

»Irgendwas wie für einen Säugling. Eine Art Strampelanzug, den man an der Seite zuknöpft.«

»Das geht nicht. Die letzten Narkosen haben ihr völlig den Verstand genommen. Sieh doch, wie klein sie ist – aber schwer wie ein Baumstamm, der jahrelang im Wasser gelegen hat. Sie ist zehnmal so schwer wie ich und schlaff. Ich stelle sie auf die Füße, damit die Beine nicht völlig trophieren. Ein paar Minuten am Tag. Ich setze sie auf, wenn ich von der Arbeit komme, damit sie sitzt. Aber wie schwer das alles ist, das kannst du dir nicht vorstellen. Ich hebe mir die Gedärme aus dem Leib, die Seite tut mir weh. Nein, nein. Von irgendwelchen Strampelanzügen oder Hosen kann keine Rede sein. Sie kann die Beine nicht anheben. Das würde bedeuten, dass noch mehr Wäsche anfällt. Nein, nein. Gestern habe ich mir etwas überlegt: ich mache ihr die Pampers mit Klebeband am Schenkel fest. Mit breitem Scotch. Was meinst du?«

»Auf keinen Fall, Mama. Ihre Haut wird sich entzünden.«

»Meinst du? Nu, ich weiß nicht.«

Die Mutter stellt sich tot. Als ob es bei dieser Idiotie hier nicht um sie ginge. So spricht man nur über schlechte Kinder. Sie ist kein schlechtes Kind, ist es nie gewesen. Nein, nein.

Die Stimme des Lichts verschwindet, hinter dem Kopfkissen klappt eine Tür.

Etwas Warmes legt sich um ihren Hals, sie spürt Wärme. Die Mutter erhascht sanften, mädchenhaften Atem auf ihrer Wange und öffnet ihr einziges Auge.

»Trink etwas Kaffee, Großmama«, sagt die Dunkelstimme, »nutze den Augenblick. Ich bin zu Besuch gekommen. Also kannst du Kaffee bekommen, bevor du dir das Gesicht gewaschen hast.«

Eine weiße Tasse taucht im Gesichtskreis auf. Sie kommt näher. Eine Hand packt fest ihren Nacken und hebt den Kopf ein wenig an. Der zahnlose Mund der Mutter saugt sich mit zwei bleichen, schneckenartigen Lippen am Rand der Tasse fest. Etwas Helles, Warmes und Süßes strömt in sie hinein. Spült über die in nächtlichen Albträumen ausgedörrte Zunge, die in dem Universum unter dem Gaumensegel herumschlackert. Etwas Wunderbares. Die Mutter will es und verfolgt mit gierigen Augen, wie die Tasse sich entfernt.

»Na, siehst du, wie lecker. Willst du noch mehr?«

Die Mutter nickt stramm mit dem spitzen Kinn – dass sich die Tasse nur nicht allzu weit entfernt! Glücklicherweise kommt sie näher. Die Schnecken lassen die weiße Muschelschale nicht mehr los, die Mutter trinkt zwei volle Züge und sinkt auf das Kissen zurück. Sie versucht zu lächeln und das Gesicht zu erkennen. Aber vergeblich, vor Anstrengung flirrt der Nebel noch wirbelnder durch das Blickfeld.

Die Mutter sagt:

»Kindchen.«

»Ja, Lieboma? Was möchtest du?«

Die Mutter will es sagen, doch die Worte stehlen sich von der Mutter davon.

Statt von Worten wird die Mutter für einen Augenblick von einer Szene besucht: ein von gleißender Sonne und dem schwarzen Schatten eines Dachs geteilter Hof mit Grasbüscheln und feinem Kies. Die Mutter ist auf diesem Hof eine Katze, die sich auf der Schattengrenze flach auf die Erde geduckt hat.

Die Katze springt in einen Vogelschwarm, der sorglos ein Staubbad im heißen Sand nimmt.

Die Vögel stieben auseinander, und die Szene zerfällt in Scherben.

Die Mutter ruft diese Szenen gar nicht herbei, sie kommen von selbst und gehen von selbst. Der Duft der Feuchtigkeit von Moos kommt und die Kühle im Gesicht, wenn im Frühjahr die Eiskruste unter den Füßen bricht und die Stiefel in flüssigen Schlamm stapfen.

Es kommen eine Rodungslichtung und Baumharz.

Es kommen Bahnschwellen, von ganz nahe gesehen – geteerte Holzschwellen, stählerne Schienen mit rotbraunem Rost und winzigen gelben Blümchen – als wären sie lebendig.

Es kommt ein nasses, von Plazentafett bedecktes Kind, das ihr auf den Bauch gelegt wird. Es kommt allerlei, mit Ausnahme der Möglichkeit, es noch einmal zu erleben.

Die Mutter denkt viel darüber nach.

Aber jetzt will die Mutter die Szenen nicht, die Mutter will das, was neben ihr ist. Diese warme, verlässliche Stimme der Dunkelheit.

Die Mutter sagt:

»Kindchen.«

»Nu, was möchtest du, Großmama? Noch Kaffee?«

Die Mutter streckt langsam das Kinn vor.

»Was dann?«

Ach, wenn sie es zu sagen vermöchte!

Die Mutter will Feuer.

Das, was im Augenblick für kein Geld der Welt zu bekommen ist.

Die Mutter will, dass sich jemand neben sie legt. So mit dem ganzen Körper. Sich anschmiegt.

Wie einst ihre eigene Mutter sich an sie schmiegte.

Wie einst ihre Großmutter in frostklirrenden Nächten.

Wie einst ihr Mann, als sie die kalten, abgeschiedenen Jahre der Halbwüchsigkeit bereits überwunden hatte – als sie schon so groß war, dass sie mit einem Mann schlafen durfte. Als jene Nächte des Zusammenströmens der Wärme zweier Menschen wieder von neuem begannen.

Wie damals, als die Kinder nachts zu ihr ins Bett schlüpften.

Und ist diese da – sie, die Besitzerin der dunklen Stimme –, ist das nicht ihre Enkeltochter?

Die Mutter wird mit jäher Gewalt von einer Szene heimgesucht: ein Bauernhaus in der Julihitze. Im Sonnenlicht vor dem offenen Fenster regt sich kein Halm. Sie hat sich, ermattet von Erde und Sonne, in der Küche auf dem großen Sofa niedergelassen, über das eine gestreifte, abgenutzte und zart nach Staub duftende Baumwolldecke geworfen ist, und sagt zu ihrer Enkeltochter:

»Komm, Kindchen! Halten wir Mittagsschlaf!«

Hinter ihrem breiten Rücken kuschelt sich ein winziger Sonnenschein ein, erörtert dieses und erörtert jenes, bis ihn der Schlummer übermannt. Um das braune Holz der Vorhangstange summen träge ein paar Fliegen. Wie groß das Leben ist!

Die Mutter will ihrer Enkeltochter sagen: komm, Kindchen, halten wir Mittagsschlaf!

Die Mutter will sagen: zum Teufel mit dem Waschen, zum Teufel mit diesem ganzen Pinkeln und Kacken, diesem Essen, was zählt das alles schon?! Die Kälte, die Kälte kriecht heran aus allen Ecken. Leg dich neben mich, Kindchen, damit ich dein Feuer spüre! Leg den Ring deiner Wärme um meinen erstarrenden Körper. Lass uns zu diesem fernen, fernen Fenster schauen! Eine Stunde lang. Zwei.

Durchlebe eine einzige Spanne meiner Zeit, die dir wie ein Jahr vorkommen wird.

Lass uns gemeinsam die Finger im Gegenlicht erforschen, man kann so viel in ihnen lesen!

Hast du nicht ein wenig Zeit für mich, Kindchen?

Nur einen einzigen Abend – vom Feuer umsäumt.

Kindchen!, will die Mutter sagen, aber es gereicht nur zu einem Seufzer. So viele Wörter, um einen ganzen Gedanken zu formulieren, kann die Mutter nicht mehr aneinanderreihen.

Verwehre die Wärme nicht, will sie sagen. Das ist das Schlimmste, was du einem anderen verwehren kannst.

Kindchen, will die Mutter sagen, dein Gesicht ist eine schöne Baumkrone – üppig, sanft und lebendig. Das ist gut, will die Mutter sagen. Für eine Frau ist es gut, schön zu sein.

»Lieboma«, sagt die Stimme ihrer Enkeltochter plötzlich nah, ganz nah. »Lieboma, erinnerst du dich, du hast gesagt, ein Mensch, der sich selbst begriffen hat, ist schön. Lieboma, du bist jetzt sehr schön. Doch, doch, das bist du, schüttle nicht den Kopf! Das bist du.«

Über ihnen kehrt die Lichtstimme zurück:

»Ich war beim Roten Kreuz. Zu einem lächerlichen Preis habe ich einen Pinkelstuhl bekommen. Siehst du, den weißen da. Die vermieten sie. Aber ich habe nur für einen Monat bezahlt, weil es sich für ein halbes Jahr nicht lohnt, der Mann hat gesagt: die sterben, das lohnt sich nicht. Die sterben.«

Zusammen mit den Wörtern beginnt ein feuchtes Tuch über das Gesicht der Mutter zu fahren. Die Mutter versucht auszuweichen, kneift beide Augen zu, sowohl das gesunde als auch das kaputte, aber dem feuchten Tuch kann sie nicht entrinnen, es ist unverfroren, nass und hart!

»Sag so was nicht in ihrer Gegenwart, Mami.«

»Sie hört schlecht. Und außerdem – was ist schon dabei? So ist halt das Leben. Als wir sie aus dem Krankenhaus geholt haben, lag in ihrem Zimmer eine im Sterben. Es war so eine zähe, kleine Alte, schimpfte auf jeden, grummelte, nichts war ihr recht. An diesem Tag sollen sie acht Beutel in sie reingepumpt haben. Über den Tropf. Nu, und dann ist sie eben gestorben. Hat sich nicht lange gequält, vielleicht zehn Minuten. Die Tochter war gerade gekommen, stand am Bett. Ärzte kamen angerannt, wollten sie in die Renimation bringen, brachten ein Rollbett, aber da war nichts mehr zu bringen. Man machte das Fenster auf, damit die Seele rausfindet, und brachte sie mitsamt dem Bett weg – und Punkt. Noch am Morgen hab ich zu den Frauen da in dem Krankenzimmer gesagt: schaut mal, wie sie die Hände hält – gekreuzt über der Brust, sterben wird sie! Und sie ist auch gestorben.«

Zwei resolute Hände schieben sich hinter die Schulterblätter und setzen die Mutter mit einem Ruck auf.

»Wai«, jammert die Mutter, »tut weh!«

»Gar nichts tut weh, du Faulpelz. Den Pinkelstuhl hab ich auch umsonst angeschleppt. Sie begreift doch nichts mehr. Hab sie draufgesetzt und eine Stunde lang festgehalten – nichts. Weder Pisse noch Kacke. Begreift es nicht. Hockt da und döst. Umsonst. Alles in die Windeln – Faulpelz. Aber nachts fummelt sie an den Wänden herum. Wird zappelig. Eines Abends hör ich nachts so ein Rummsen. So gegen drei. Ich dachte: was denn nun? Ich gucke – aus dem Bett ist sie gefallen. Aufs Gesicht. Bis ich sie hochgekriegt habe! Danach konnte ich bis morgens nicht einschlafen. Bin zur Arbeit gegangen, weder Fisch noch Fleisch. Jetzt hab ich den Pinkelstuhl neben das Bett gestellt – damit sie nicht rausfällt. Wenigstens dafür taugt er, ist ziemlich schwer, siehst du, aus Metall. Als Gitter.«

Die zahnlose Mutter hinter dem Gitter lächelt. Lächelt etwas Unkonkretem zu, etwas Verschwommenem, Süßem und Weißem hinter dem fernen Fenster. Doch das Konkrete gibt und gibt keine Ruhe. Ihre Handflächen stützen sich auf die Gitterlehne und zwingen sie, sich in die Aufrechte zu ziehen. Der Körper ist zerknittert, er will nicht aufrecht. Die Beine sind in den Hüften zu einem Knoten verschlungen, die Hüften wollen nicht aufrecht. Es fällt ihr schwer, sie begreift nicht, warum sie stehen muss, wenn der Körper nicht aufrecht will. Doch man lehnt sie mit den Handflächen gegen das Gitter, spannt sie wie ein vertrocknetes Stück Leder auf einen Leisten und krempelt das Untere vom Nachthemd gegen das weiße Licht hoch. Ihr wird der Hintern gewaschen. Sie erträgt es. In den Schläfen dröhnt und pulsiert es. Sie fühlt ihr Blut durch die knochigen Adern schwappen und in den Fersen zusammenfließen, sie ist ein Krug voll fauligen Weins, der gefährlich hoch aufgerichtet ist in Leere und weißem Tageslicht.

»Gut, dass Pāvils mir diese gelben Gummihandschuhe geschenkt hat. Siehst du, was das für prima Handschuhe sind? Früher haben meine Hände derart gestunken, dass ich nicht zur Arbeit gehen konnte – Pisse und Kacke kriechen einem so oder so unter die Nägel, und der Gestank haftet an der Haut, wie sehr man die Hände danach auch schrubbt. Mit den Handschuhen jetzt ist das ganz hygenisch. Super! Und eine Mütze setze ich auf, wenn ich hier reinkomme. Die Haare nehmen auf der Stelle den Gestank an. Ich kann das doch auf der Arbeit keinem erzählen, was für ein Unglück passiert ist. Nicht im Traum hab ich mir vorgestellt, dass so was passiert. Sie war doch ihr Leben lang wie ein Pferd – hat gearbeitet wie ein Pferd und war maßlos stolz wie ein Pferd. Hat keinen an sich rangelassen. Und jetzt, schau sie dir an! Und wie lange kann sich das noch hinziehen? Über Jahre. Die Ärzte haben gesagt, sie hat ein Herz wie ein Pferd. Ein starkes. Verstand hat sie keinen, sie denkt nichts und fühlt nichts, aber gesunden Appetit.«

Die Mutter hört, dass an ihrer Verstandeskraft gezweifelt wird, und lächelt spöttisch. Sie macht schmatzende Geräusche, der Mund ist wieder ausgetrocknet wie eine Wüste. Gleich darauf zieht sie allerdings eine Grimasse, denn ein hartes Handtuch bohrt sich, von kräftigen Händen geführt, schmerzhaft in die Falten ihrer Oberschenkel.

»Mami, du machst alles, wie es sich gehört. Du weißt gar nicht, wie klasse du bist. Ich bewundere dich. Danach wirst du ein gutes Gefühl haben. Stimmt’s?«

»Ein gutes Gefühl? Ich weiß wirklich nicht, was ich auf deine Parteiparole antworten soll.«

»Parteiparole?! Also, Mami!«

»Ich weiß nicht. Ich weiß gar nichts mehr. Ich versuche, nicht zu denken.«

Das Hinterteil der Mutter wird frisch gewindelt, sie wird im Bett aufgesetzt und bekommt Kissen in den Rücken gestopft. Unter das Kinn wird eine Serviette gesteckt. Ihrem Mund nähert sich ein Löffel mit etwas Rotem. Sie öffnet mechanisch den Mund wie ein Vogel seinen Schnabel und schluckt.

»Iss das Obst, Mutter!«

»Du musst es kleinschneiden. Sie hat doch keine Zähne!«

Die Mutter nickt und schluckt die Frucht in einem Stück hinunter wie einen Fisch.

»Macht nichts, sie zerdrückt es mit dem Gaumen.«

»Vielleicht wäre es doch besser in einem Pflegeheim. Du schreist sie an. Und einmal hast du geweint, als ich dich anrief. Manchmal trinkst du Alkohol und weinst.«

»Ich schreie nicht nur, Kindchen, ich schlage sie auch. Mit dem Handtuch. Sie ist unverschämt. Und ich schreie, ja. Sie scheißt das Bett voll. Sie pisst die ganze Zeit. Sie hat einen gesunden Appetit. An ihrer Seite sehe ich, wie mein Leben zerbröckelt, dieser Rest, der sich mein Leben nennt. Neben ihr verwandelt sich eine Stunde manchmal in ein Jahr. Ich trinke ihren Heilbalsam aus, und zwar regelmäßig. Das ist menschlich. Schüttle nicht den Kopf, Kindchen, so ist das Leben. Du glaubst es nicht, und das ist gut so, dass du es nicht glaubst, denn du weißt noch nichts über das Leben. Ja, denk, was du willst, aber ich gebe sie nicht ins Pflegeheim. Sie ist meine Mutter.«

»Unter der Aufsicht von Krankenpflegern, gutes Essen … Ihr ganzes Leben lang hatte sie ihren Stolz, weißt du noch, Mami? Vielleicht wäre es für euch beide besser, wenn sie nicht angeschrien und mit einem Handtuch geschlagen würde. Wenn du nicht weinen und ihren Balsam trinken würdest.«

»Wozu dann Kinder gebären, wenn man am Ende doch unter die Aufsicht von Krankenpflegern kommt?«