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Bruno Kern, Buchautor und Journalist, recherchiert wieder - unkonventionell und stets mit einem flotten Spruch auf den Lippen. Eigentlich ist alles gut. Bruno hat die verschollene Sängerin Sara Küfer aufgespürt und die Folk Voices wieder zusammengebracht. Die Mittelalter-Rock-Band will nun auf Europatournee gehen. Aber dann flattert der Brief einer Anwaltskanzlei ins Haus, und die Musiker müssen sich mit einem Urheberrechtsstreit auseinandersetzen. Damit ist nichts mehr gut - ein finanzielles Desaster droht. Notgedrungen verlässt Bruno seine geliebte Finca auf Teneriffa und begibt sich in die alte Heimat zurück, um kriminelle Machenschaften in der Musikindustrie aufzudecken. Was steckt hinter den Forderungen eines suchtkranken Schlagzeugers und warum verhalten sich Saras Eltern so merkwürdig gegenüber ihrer Tochter? Alles ist anders, als es erscheint, und jede Antwort wirft neue Fragen auf. Die skrupellosen Gegner gehen über Leichen. Bruno legt sich mit einer forschen Kommissarin an und gerät selbst unter Mordverdacht. Da trifft es sich gut, dass kluge und schlagkräftige Frauen an seiner Seite stehen ...
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Seitenzahl: 271
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Er wünschte sich,
dass dieser schöne Augenblick nie zu Ende ginge.
Was ihnen allen bevorstand,
konnte niemand ahnen.
Manfred Baum, geboren 1960, schreibt bereits seit seiner Jugend. Lange Zeit schlummerte sein literarisches Mitteilungsbedürfnis vor sich hin. Stattdessen beschäftigte er sich mit dem Verfassen von Entwicklungsberichten und Hilfeplänen im Rahmen seiner sozialpsychiatrischen Berufstätigkeit.
Aber dann tauchte ein vermisster Schuhkarton mit uralten Texten wieder auf, und die Leidenschaft war zurück. Er wusste sofort, dass er das alles inzwischen sehr viel besser konnte und machte sich ans Werk.
Bisher wurden die Romane "Burg der wandelnden Seelen" und "Folk Voices oder das Skelett von La Matanza" veröffentlicht.
Bruno Kern ermittelt wieder
Die beschriebenen Orte und Plätze gibt es wirklich. Ich habe mir erlaubt, die Gegebenheiten anzupassen, damit sie der Handlung nicht im Wege stehen. Die Namen von Hotels, Hütten, Gaststätten und Pensionen sind zum Großteil meiner Fantasie entsprungen.
Natürlich sind auch alle Romanfiguren frei erfunden. Ähnlichkeiten zu lebenden Personen, ihren Eigenheiten und Charaktereigenschaften lassen sich dennoch nicht vermeiden. Am Ende des Romans befindet sich ein Verzeichnis der handelnden Akteure.
Ich schreibe umgangssprachlich und es gibt einige kreative Wortschöpfungen zu entdecken. Dies geht stellenweise zulasten einer korrekten Schreibweise. Aber Bruno kann nicht aus seiner Haut und er redet so, wie ihm der Schnabel gewachsen ist …
Kontakt: [email protected]
1. Früher war alles besser
2. Geyer & Partner
3. Zurück in die alte Heimat
4. Zu spät
5. Nachtarbeit
6. KHK Lechner hört zu
7. Walter
8. Das Haus in der Gärtnersleite
9. Schweinshaxe kontra Schäufele
10. Telefonitis
11. Bodyguard
12. KHK Lechner zweifelt
13. Ungeklärte Verwandtschaftsverhältnisse
14. Das Hotel Seeblick
15. Lisa
16. Super-GAU
17. Der Detektiv und die Bestatterin
18. Fürsorgliche Ermahnungen
19. Vladi
20. Der Plan
21. Ein gebrauchter Tag
22. E-Radl
23. Schokobohne
24. Innenansichten
25. Music & Vision
26. Soko Lechner
27. Bichlbachers Gewissenskonflikte
28. Vier Stunden
29. Schön, darüber geredet zu haben
30. Die Schlucht
31. Hüttenzauber
32. Ein Held für alle Fälle
33. Showdown
34. KHK Lechner schlägt zu
35. Epilog
Beteiligte Personen
Danke!
Bruno saß auf seiner hübschen Terrasse, blickte aus exponierter Lage aufs Meer hinunter, ließ seine Hirnzellen von der Sonne braten und hatte keinen Bock auf den Pool. Er erinnerte sich an seine letzte große Sinnkrise. Langeweile und mangelnde Wertschätzung hatten ihn unzufrieden gemacht und eine Schreibblockade ausgelöst. Tödlich für einen investigativen Journalisten und Schriftsteller, der sich über seine eloquenten Texte definierte.
Aber das war seine ganz eigene Version der Dinge. Moni sah das naturgemäß etwas anders, nannte ihn eine Mimose und ließ sich die Schuld für seine miese Laune nicht in die Schuhe schieben. Jetzt, nur ein halbes Jahr später, war er wieder am selben Punkt angelangt – er kannte das.
Du bestimmt auch, wenn du das Geschehen rund um die Folk Voices aufmerksam verfolgt hast. Wenn nicht, solltest du das nachholen, damit dir der Einstieg in diese verrückte Geschichte gelingt, die ich dir jetzt erzählen will. Nur ungern möchte ich die ollen Kamellen wiederholen und wissbegierige Leser vor den Kopf stoßen, die brav ihre Hausaufgaben gemacht haben.
Also gut – machen wir einen Kompromiss: Ich verschaffe dir in diesem ersten Kapitel einen Überblick, damit du dieses Buch nicht gleich wieder weglegst, weil du nur Bahnhof verstehst und den Schreiberling für einen faulen und arroganten Typen hältst, der seine Leserschaft nicht mitnimmt.
Ich bin wirklich ein bisschen bequem, aber das zuzugeben wäre kontraproduktiv. Momentan sprudelt alles aus mir heraus und ich habe meine Tastatur nicht unter Kontrolle – von einer Schreibblockade keine Spur, daran sollte Bruno sich ein Beispiel nehmen.
Merkst du es? Ich verzettle mich gleich zu Beginn, noch bevor ich überhaupt mit dem Erzählen angefangen habe. Wenn man es schlau anstellt, kann man mit nichtssagendem Geschwafel ganze Bücher füllen.
Aber so einer bin ich nicht und habe dir deshalb das mit dem Kompromiss angeboten. Natürlich geht es in der Geschichte wieder einmal um Bruno Kern. Er ist in die Jahre gekommen, hat unlängst seinen Fünfziger gefeiert und sich mit der Frau seines Herzens auf Teneriffa niedergelassen. Als gefragter Buchautor konnte er sich so etwas leisten. Auch seine Lebensabschnittsgefährtin Monika Littner schaffte in ihrem aufregenden Berufsleben genügend Kohle beiseite, und es reichte für eine hübsche, kleine Finca auf der grünen Insel.
Eigentlich wollten die beiden gemeinsam für den Rest ihres Lebens in der Sonne abhängen – nur noch lecker essen, gute Gespräche und gute Körperkontakte.
Das mit dem gemeinsamen Abhängen war aber genau der Punkt, warum Bruno ziemlichen Frust schob und den “vernachlässigten alten Mann“ zelebrierte, und so fängt diese Geschichte mit Altbekanntem an:
Bruno saß vor seinem Laptop und wusste wieder einmal nicht, was er Interessantes und Lesenswertes zu Papier bringen sollte. Seine destruktive Grundstimmung zog ihn immer weiter in die Tiefe. Die letzte Schreibblockade hatte sich in Wohlgefallen aufgelöst, weil er zusammen mit Moni ein aufregendes Abenteuer erleben durfte. Die beiden Auswanderer konnten die mysteriösen Zusammenhänge um den lange zurückliegenden Tod zweier Folk-Legenden aufklären. Das hatte sie zusammengeschweißt und sogar ihre Beziehungsprobleme zeitweise in den Hintergrund gedrängt. Bruno nutzte die Gunst der Stunde und schrieb einen Tatsachenroman darüber.
Aber das ist, wie bereits erwähnt, eine eigene Geschichte. Wenn sie dich interessiert, musst du dir die "Folk Voices oder das Skelett von La Matanza" zu Gemüte führen. Du kannst natürlich später zurückkommen, um zu erfahren, wie alles weitergegangen ist …
Heute mühte er sich wieder einmal an seiner vertraglich festgezurrten Kanaren-Krimireihe ab, sollte dringend den ersten Band abliefern und kam nicht zu Potte. Aber das war es nicht, was ihn so unzufrieden machte.
Er war schon in seiner Jugend in der Folkszene unterwegs gewesen. Sara Küfer und Wolf Beck von den Folk Voices kannte er gut und durfte deren Band im Zuge einer Reportage eng begleiten. Dann kam es zu einem tragischen Autounfall, und die beiden wurden für tot erklärt.
Moni hatte mit ihm gemeinsam dafür gesorgt, dass die Folk-Ikonen zwanzig Jahre später ihre Auferstehung feiern konnten. Inzwischen war sie deren Bandmanagerin geworden. Dabei fehlte ihr in der Musikbranche jegliche Erfahrung. Sie hatte zuvor schon lange im Management gearbeitet, aber das war in einem Erotik-Club gewesen und man konnte es nicht wirklich vergleichen.
Trotzdem erledigte sie ihren Job gut und eine kleine Tour auf Teneriffa wurde ein richtiger Erfolg. Denkwürdige Auftritte in Santa Cruz, Adeje, La Laguna und Puerto de la Cruz zogen die Fans in ihren Bann. Aus ganz Europa waren sie auf die Insel gepilgert, um die allerersten Auftritte nach so langer Zeit miterleben zu dürfen.
Moni stürzte sich immer mehr in die Arbeit und Bruno schrieb zur selben Zeit seinen Roman fertig. Deshalb trafen sie meist nur noch spät nachts aufeinander und hörten sich beim Schnarchen zu – je nachdem, wer zuletzt in die gemeinsame Koje schlüpfte.
Inzwischen war sein Buch schon eine ganze Weile auf dem Markt und er hätte wieder Zeit für seine Liebste gehabt. Aber die war viel zu beschäftigt. Die Band probte eifrig und testete die allerneuesten Songs. Ein gelangweilter Buchautor namens Bruno Kern störte da nur.
Wenn sie ausnahmsweise einmal früher nach Hause kam, war sie fix und fertig und reagierte genervt, wenn er ihre Zuneigung suchte und kuscheln wollte. Dabei hatten die beiden in alten Zeiten täglich sehr ausgiebig gekuschelt und noch viel weitreichendere Sachen getan. Moni war eine Professionelle in erotischen Dingen gewesen und Bruno lange Jahre ihr treuester Kunde. Anfangs hatten sie ihre Körperlichkeit gut in ihr neues Auswandererleben herüberretten können. Aber das war einmal – wie man Brunos Lamento unschwer entnehmen konnte.
Moni hatte sich ihr Büro inzwischen in Wolf Becks Behausung eingerichtet, damit sie ihren Schützlingen und dem musikalischen Geschehen nahe sein konnte. Die Wohnhöhle war durch einen senkrechten Versorgungsschacht direkt mit dem Skelett von La Matanza verbunden. Der ungewöhnliche Name bezeichnete einen alten Hotelrohbau aus den Siebzigern, der niemals fertiggestellt wurde. Wolf hauste dort viele Jahre wie ein Einsiedler, als alle Welt ihn nach dem schweren Unfall für tot hielt.
Bruno konnte noch immer nicht glauben, was dieser naive Idiot nach seiner Rückkehr ins öffentliche Leben getan hatte: Für einen symbolischen Euro kaufte er das Grundstück, auf dem die baufällige Ruine stand, von der Gemeinde La Matanza. Sehr günstig und geschäftstüchtig, könnte man meinen, aber nur, wenn man das Kleingedruckte nicht kannte. Das Skelett ragte direkt an der Steilküste empor, war am Verrotten und drohte ins Meer zu fallen. Deshalb wurde er als neuer Besitzer des Grundstücks vertraglich verpflichtet, das Betongerippe endlich abzureißen oder es zu sanieren und fertigzubauen, was kaum umsetzbar und schweineteuer war.
Wolf Beck war ein fantastischer Musiker, aber auch ein ziemlich sentimentaler Typ. Die große Sorge um seine wunderschöne Wohnhöhle blockierte seinen Realitätssinn. Die Angst, ausziehen zu müssen, bewog ihn dazu, das ganze Areal trotz der weitreichenden Auflagen einfach zu kaufen. Sein gesamtes Umfeld hatte ihm abgeraten, sogar sein Anwalt und Musikerkollege Frank Wagner. Aber Wolf war stur wie ein Esel.
In den vergangenen Wochen hatte er bereits investiert und den steilen und steinigen Pfad verbreitern lassen, sodass es nun eine Zufahrt bis zum Versorgungsschacht gab. Im Schacht selbst befand sich jetzt ein provisorischer Lastenaufzug, mit dem Besucher und Bewohner der Höhle befördert werden konnten.
Ein Gutachterteam aus Statikern und Bausachverständigen prüfte zeitgleich die Substanz der gesamten Bauruine. Wolf schwebte vor, das Skelett zu stabilisieren, Wände einzuziehen und im Anschluss einige Künstler durch die Stockwerke zu jagen, die es im Stile von César Manrique umgestalten und kreativ aufwerten sollten.
Am Ende würde so ein alternatives Kultur- und Musikzentrum entstehen, mit Veranstaltungs- und Proberäumen, mit ökologischer Gastronomie und Ladenflächen für regionale und gesunde Lebensmittel. Sogar ein Wohnangebot für alt gewordene Hippies gehörte zu seiner Planung, da die Inselregierung längst dazu übergegangen war, diese von ihren angestammten Wohnstätten zu vertreiben und ihre improvisierten Behausungen plattzumachen.
Wolf sprühte nur so vor Ideen und fragte überhaupt nicht danach, was das alles kosten würde.
Was leidlich funktionierte, war das “Musikprojekt Wohnhöhle“. Wolf hatte sich mit Sara und ihrer gemeinsamen Tochter Lisa da unten häuslich eingerichtet. Auch Peter und Jan, die beiden neuen Bandmitglieder der Folk Voices, wohnten übergangsweise dort, und alles war ziemlich beengt.
Die Höhle war nämlich auch noch der Proberaum und das Aufnahmestudio und das Wohnzimmer und die Küche und der Schlafraum und zu allem Überfluss auch noch Monikas Büro. Auf Dauer konnte das nicht gut gehen – eine andere Lösung musste her.
Obwohl sie allesamt gut situiert waren und beileibe nicht klagen konnten, waren die finanziellen Spielräume begrenzt. Wolf und Sara verdienten über die vielen Jahre gut an ihren musikalischen Tantiemen. Da die beiden lange Zeit als tot galten, floss ihr gesamtes Vermögen in eine gemeinnützige Stiftung zur Förderung junger Musiker. Das war nie ein Problem gewesen, da Sara, an einer Amnesie leidend, ziemlich armselig vor sich hinvegetierte. Wolf trauerte zeitgleich um seine große Liebe – dafür benötigte er kein Geld.
Aber jetzt wollten die beiden wieder durchstarten und ihr eigenes Konto füllen, um das verrückte Bauprojekt umsetzen zu können. Damit das Durchstarten auch funktionierte, griff ihre quirlige Managerin ganz tief in die eigene Tasche und nicht genug – auch noch in die Tasche von Bruno.
Die beiden Auswanderer hatten die Werbung, die Logistik und die notwendige Technik für die große Europatour vorfinanziert. Sie hofften, auf einen Goldesel zu setzen. Das Risiko, dass sich ihr edelmütiger Einsatz nicht auszahlen würde, schien gering. Außerdem waren sie Freunde, und die helfen sich nun mal.
Aber weitere Investitionen waren im Moment vollkommen utopisch, und die Tour musste jetzt möglichst schnell anlaufen. Auch das neue Album sollte nach der langen Künstlerpause eher heute als morgen auf den Markt. Aus diesen Gründen drehte Moni so geschäftstüchtig am Rad und hatte überhaupt keine Zeit mehr für Bruno und seine Bedürfnisse.
Selbst die Bandmitglieder hörten nicht richtig zu, wenn er ihnen stolz verkündete, dass ihre dramatische Lebensgeschichte jetzt fertig aufgeschrieben war und man das Buch kaufen und lesen konnte. Dafür hatte er von seiner Verlegerin einen üppigen Vorschuss bekommen und diesen gleich wieder in die Anschubkosten der geliebten Folkband verheizt – was ihm leider niemand dankte.
Es war zum Haare raufen! Wenn ein kleiner Narzisst wie Bruno etwas nicht gut aushalten konnte, dann war es, nicht beachtet zu werden. Ein großer Schriftsteller lebte schließlich davon, im Mittelpunkt zu stehen und allseits bewundert zu werden. Natürlich war er nicht auf den Kopf gefallen und verstand sehr wohl, welch üblen Streich ihm sein Ego spielte. Wenig später mochte er sein Selbstmitleid kaum mehr ertragen, fand sich peinlich und konnte trotzdem nicht aus seiner Haut.
Aber zurück zu unserer Geschichte und seinem uninspirierten Terrassen-Blues. Bruno klappte sein digitales Schreibgerät zu, weil heute eh kein Krimi mehr zustande kommen würde. Er ließ die Hüllen fallen und zelebrierte einen Kopfsprung, tauchte tief hinunter in seinen Pool, zog ein paar Bahnen und stellte anschließend die Massagedüsen an.
Mutterseelenallein auf der Unterwasserliege zu verweilen und sich von den Blubberblasen kitzeln zu lassen, machte nur kurzfristig Spaß. Ob er eine seiner alten Gespielinnen aus der Casa Fantasia anrufen sollte, damit sie ihm Gesellschaft leisten könnte? Die Casa war der erotische Abenteuerpark, in dem Moni früher ihr Geld verdient hatte und in dem auch Bruno sich viele Jahre heimisch fühlte.
Der Haken war nur, dass die Casa Fantasia in der fernen Heimat residierte und keine der Damen mal eben verfügbar war. Außerdem war er viel zu klamm, um sich diesen Luxus überhaupt leisten zu können.
Hier vor Ort gab es auch noch Mechthild Graf und Clyde Miller. Die beiden waren ihm in ihrer gemeinsamen Zeit in der Casa so richtig ans Herz gewachsen und sie lebten inzwischen sogar hier auf der Insel. Für seine hormonellen Bedürfnisse standen sie allerdings nicht mehr zur Verfügung. Genau wie Monika Littner hatten sie sich aus dem erotischen Geschäft verabschiedet und lebten – ganz monogam – mit zwei engen Freunden zusammen.
Bruno liebte Moni über alles und wollte solche Sachen ohnehin nicht mehr machen. Aber darüber nachzudenken, musste doch erlaubt sein – wenn die Frau seiner Träume viel zu selten da war …
Im Pool, auf seiner Blubber-Liege, konnte Moni ihn sogar beobachten, weil Wolfs Höhle direkt gegenüber in der Felswand lag – ein weiterer Grund, sauber zu bleiben.
Wolf hatte ein Fernrohr, sogar mit Stativ. Es stand auf einem Felsvorsprung, vor der Höhle, und die viel beschäftigten Bandmitglieder konnten alle zu ihm herüberschauen.
Früher tat Wolf das jeden Tag, als er noch depressiv vor sich hin sinnierte und seine Einsiedelei nicht verließ, während Moni und ihre Freundinnen gemeinsam mit Bruno splitternackt im Pool planschten. Inzwischen hatte sich die Frauenquote in der Höhle signifikant erhöht, der Pool dagegen war völlig verwaist, und aufgrund seiner finanziellen Misere hatte Bruno nicht einmal ein eigenes Fernrohr. Früher war alles viel besser.
Heute musste Bruno nicht lange hadern, wie er mit seiner Langeweile klarkommen sollte. Die Hells Bells von ACDC verkündeten, dass jemand vor der Finca stand. Er versuchte, sich elegant und sportlich aus dem Wasser zu hieven – es war ja nicht auszuschließen, dass einige Spanner mit Wolfs Fernrohr …
So wie Gott ihn schuf, eilte er quer über die Terrasse und zog eine klitschnasse Spur durch die ganze Wohnung. Im Vorgarten verharrte er und überlegte es sich kurzfristig anders. Moni bestand seit ihrer zwischenmenschlichen Fusion auf die alleinigen Rechte an seinen exhibitionistischen Auftritten. Deshalb bat er über das mannshohe Tor hinweg um Geduld und war eine gefühlte Ewigkeit später mit umwundenen Lenden wieder zurück.
Für den Fall, dass da draußen der süßeste Traum aller Männer stand und Einlass begehrte, hatte er sein Handtuch nur sehr locker gewickelt. Um die zierlichen Hände zu schütteln, musste er loslassen, und so konnte ganz aus Versehen …
Voller Erwartungen öffnete Bruno die Tür und wurde eiskalt erwischt. Es war der beleibte Postbote mit zwei gewichtigen Einschreiben in den massigen Pranken. Die Briefe waren nicht einmal für ihn, sondern für Wolf und Sara, weil sich die Musikerbagage bislang nicht umgemeldet hatte. Dabei hätte der Barde das längst tun können, jetzt, wo er ganz offiziell in der Höhle hausen durfte.
Bruno nahm die beiden Dokumente widerwillig entgegen – und sollte auch noch unterschreiben. Aber der Wohlgenährte passte nicht in sein Beuteschema und deshalb mochte Bruno sein schützendes Handtuch nicht freigeben. Der Postler war auf Problemlösungen spezialisiert und bot ihm seinen überbreiten Rücken als Schreibunterlage an. Bruno drückte den Quittungsblock mit spitzem Kinn fest auf die Dienstjacke und es gelang ihm, seine Signatur im Blindflug in das richtige Feld zu kritzeln. Seine Linke haftete derweil eisern am Lendenschurz, der Briefträger war zufrieden und entschwand ohne einen weiteren Kommentar.
Das Tor war zu und Bruno musste keine Peinlichkeiten mehr fürchten. Deshalb gab er seiner Linken frei, das Handtuch folgte der Erdanziehungskraft und glitt zu Boden. Für den Zimmerservice ein untrügliches Zeichen, dass es in die Wäsche sollte.
Im richtigen Leben gab es diesen Service nicht und die Zeichen standen auf Sturm, wenn es dort liegenblieb. Aber im Moment gab es Wichtigeres, denn die zweite Hand musste bei der Sichtung der amtlich zugestellten Schreiben helfen.
Großformatige Umschläge von einer Anwaltskanzlei namens Geyer & Partner. Einer war an Wolf Beck adressiert und der andere an seine Lebensgefährtin, die nicht namentlich benannt wurde. Was sollte das heißen?
Diese Dinger wirkten sehr förmlich und fühlten sich nach einer Menge bedrucktem Papier an. Brunos Neugierde war geweckt, er startete seinen Rechner und baute den Zugang in die große, weite Welt auf.
Geyer & Partner waren leider keine Unbekannten. Was er da lesen musste, ließ ihn heftig schlucken und sein Herz begann laut zu klopfen, weil es in die nicht vorhandene Hosentasche gerutscht war.
Abmahnanwälte von der übelsten Sorte – spezialisiert auf Urheberrecht in der Musik- und Filmbranche. Was zum Teufel hatten seine Freunde mit solchen Blutsaugern zu schaffen?
Es drohte Ungemach, und die beiden waren vollkommen ahnungslos. Die Selbsthilfeforen von Geschädigten der Kanzlei Geyer & Partner sprachen Bände. Schon nach wenigen Klicks war Bruno völlig bedient, wollte nicht mehr weiterlesen und zog der virtuellen Horrorwelt einfach den Stecker.
In ihm reifte der Entschluss, seinen gebräunten Astralkörper zu bedecken, sich auf den feuerroten Motorroller zu schwingen und zur Wohnhöhle zu eilen, aber dann kam es anders als gedacht.
Moni stand urplötzlich im Türrahmen – obwohl die Hells Bells gänzlich stumm geblieben waren. Sie besaß Hausrecht und damit einen Schlüssel, hatte Sara und Wolf im Schlepptau und zur weiteren Verstärkung noch deren hübsche Tochter Lisa mitgebracht.
Bruno war immer noch splitternackt und floh sofort ins Schlafzimmer. Er brauchte zwar jetzt den Motorroller nicht mehr, aber was zum Anziehen musste schon sein. Seine alternde Männerhaut war für die reifen Semester im Wohnzimmer nicht wirklich neu, aber das junge Mädel mochte er nicht verschrecken. Lisa würde den Schock ihres Lebens bekommen, bei so viel runzeliger Vergänglichkeit. Als er zurück war, hatte Wolf die fetten Briefumschläge schon entdeckt und blickte ihn fragend an.
Bruno nuschelte: „Kam gerade mit der Post.“
Er vermied es tunlichst, den freizügigen Auftritt vor dem Briefträger zu erwähnen. Wolf öffnete den ersten Umschlag und begann zu lesen.
Moni klärte Bruno derweil über ihr unerwartetes Erscheinen auf: „Wir wollten dich besuchen. Wir brauchen alle eine Auszeit von der Arbeit, von der Band und von der Höhle. Wir dachten an eine gemütliche Poolparty und haben sogar ein paar leckere Häppchen aus der Casa del Alemán mitgebracht. Kuno lässt dich grüßen, vielleicht kommt er später noch vorbei, wenn seine Gäste satt sind und die Kneipe sich geleert hat. Getränke müssten ja da sein – keine Sorge, du musst dich um nichts kümmern. Wenn du hier den gekränkten Eremiten zelebrierst und einfach nicht in die Höhle kommst, dann fallen wir halt bei dir ein. Na, was sagst du dazu, mein Schatz?“
Bruno hasste es, von ihr "Schatz" genannt zu werden. Noch viel schlimmer war die Schmach, wenn gute Freunde dabei waren.
Aber heute beließ er es bei bösen Blicken und freute sich über den netten Besuch. Allerdings schlug ihm die seltsame Post auf den Magen. Ein kurzer Blick zu Wolf bestätigte seine Vorahnung.
Auch Moni realisierte, dass irgendwas nicht stimmte, und fragte: „Die Party muss wohl warten, gibt es schlechte Nachrichten?“
„Die wollen mich anklagen und vor Gericht zerren“, platzte es aus dem sichtlich geschockten Musiker heraus.
„Die vertreten Vladimir, unseren ehemaligen Schlagzeuger. Er behauptet, unzählige Songs von uns geschrieben zu haben, obwohl die alle von Sara sind. Dieser Anwalt besitzt angeblich eindeutige Beweise dafür. Die unterstellen mir, ich hätte damals die ganzen Gelder unserer Band unrechtmäßig der Stiftung zur Förderung junger Musiker vermacht. Ich soll meinen Tod absichtlich nur vorgetäuscht und die anderen Bandmitglieder um ihre Kohle betrogen haben. Vladimir Treskow sei durch mich geschädigt worden. Dabei war der bei uns nur angestellt. Er hat sich rechtlichen Beistand gesucht und wird nun von dieser Kanzlei vertreten – er nennt sich Songschreiber und Komponist.“
Es kam noch viel schlimmer: Der Rechtsanwalt Holger Geyer forderte die Tantiemen von Sara ein. Die sei nachweislich im Jahr 2002 bei dem Autounfall ums Leben gekommen. Ralf und Hiltrud Küfer hätten damals alle Rechte aus dem musikalischen Erbe ihrer Tochter an Vladimir Treskow abgetreten. Der hielt nach Saras Tod den Kontakt zu ihnen und leistete seelischen Beistand. Eine Kopie der Abtretungserklärung war bei den Unterlagen.
Die Anwaltskanzlei setzte Wolf Beck eine Frist von vier Wochen. Bis dahin sollte er das ganze Geld auf ein Treuhandkonto überweisen, sonst würde die Anklageschrift versandt. Es lag eine Aufstellung über die Zusammensetzung der Forderungen bei – sieben Millionen Euro.
Holger Geyer forderte, dass sein Anwaltskollege Frank Wagner den Vorstandsposten bei der Stiftung für junge Musiker zur Verfügung stellen sollte. Die Kanzlei beabsichtigte, einen Bevollmächtigten zu benennen, um die Geschäftsführung kommissarisch zu übernehmen. So würde sichergestellt, dass die unrechtmäßig eingebrachten Gelder zukünftig nur noch in Projekte flossen, die im Sinne von Vladimir Treskow waren.
Den krönenden Abschluss bildete eine schriftliche Unterlassungsaufforderung: Die Folk Voices durften all die Lieder ab sofort nicht mehr spielen, deren Rechte ihr ehemaliger Schlagzeuger für sich geltend machte. Von den Songs gab es eine Auflistung – alle alten Klassiker waren dabei. Dies sollte so lange gelten, bis die tatsächliche Urheberschaft geklärt wäre.
Wolf verstummte und sank kraftlos auf einen der Esszimmerstühle. Er hatte ihnen dieses Pamphlet ziemlich schnell und emotionslos vorgetragen und war nun völlig am Ende. Sara suchte seine Nähe und nahm ihn fest in den Arm.
Sie war selbst kreidebleich und schimpfte: „Ist der verrückt geworden? Vladi hat keinen einzigen Song geschrieben und nie ein Notenblatt befüllt – er war vollkommen untalentiert. Für ein bisschen Schlagzeug hat es damals gerade noch gereicht, aber das war trommeln nach Vorschrift, keine eigenen Ideen und vor allem keine Lust auf zusätzliche Arbeit. Gott sei Dank gibt es die alten Partituren und auch meine handschriftlich erstellten Liedtexte noch!“
Saras Mutter war unendlich stolz auf sie und hütete die Erinnerungen an ihre Tochter wie einen Schatz. All die Jahre hatte Hiltrud Küfer das musikalische Vermächtnis ihrer Tochter im heimischen Wohnzimmerregal aufbewahrt.
Saras Eltern mussten nach dem Unfall das alte Bauernhaus der Folk Voices ausräumen und verkaufen. Die Habseligkeiten ihrer Tochter nahmen sie mit, und die standen immer noch in ihrem Keller.
Wie konnte dieser Anwalt ihre Tantiemen einfordern und dazu noch behaupten, dass der Schlagzeuger sich um ihre Eltern gekümmert hatte?
Sara redete sich immer mehr in Rage: „Weder meine Mutter noch mein Vater kennen Vladimir Treskow. Der war schon immer faul und egoistisch und hat sich noch nie um jemanden gekümmert. Diese Abtretungserklärung muss gefälscht sein, das ist absolut sicher. Außerdem lebe ich und vertrete meine Rechte selbst – nicht dieser Anwalt. Damit kommen die nicht durch! Ich ruf meine Eltern an. Hoffentlich erreiche ich sie, die gehen schon seit Tagen nicht an ihr Telefon.“
Bruno plagte sein schlechtes Gewissen, weil der zweite Brief noch immer verwaist und unbeachtet auf dem Tresen ihrer Küche lag. Die Stimmung war völlig am Boden und er traute sich nicht, darauf hinzuweisen. Stattdessen zwinkerte er Moni zu, lenkte ihre Aufmerksamkeit auf das Schreiben und sie sprang ein – sie konnte sehr einfühlsam und empathisch sein.
Sie trat von hinten an Sara heran, beugte sich über ihre Schulter, nahm sie in den Arm und sprach leise: „Das ist leider noch nicht alles, es gibt noch einen weiteren Brief. Er ist an die Lebensgefährtin von Wolf Beck adressiert. Damit musst du gemeint sein.“
Sara schob Moni von sich weg und begann zu schluchzen: „Ich kann ihn nicht öffnen. Was soll das alles? Was wollen diese Idioten von uns?“
„Soll ich …?“, fragte Moni, und Sara nickte. Sie öffnete den Umschlag und begann zu lesen. Sara hatte sich zwischenzeitlich auf Wolfs Schoß gesetzt und drückte ihren Kopf an seine Brust. Der war in sich zusammengesunken und wirkte völlig teilnahmslos.
„Das glaub ich jetzt nicht“, presste Moni hervor. Sie hatte das Anschreiben gelesen und von einfühlsam auf entrüstet umgeschaltet. Mit hochrotem Kopf wühlte sie in den Unterlagen, zog ein einzelnes Blatt heraus, überflog es und schüttelte den Kopf.
„Die behaupten ernsthaft, dass du gar nicht Sara Küfer bist und sie verlangen, dass du dich nicht mehr als diese ausgibst. Die Kanzlei hat sogar eine beglaubigte Erklärung von deinen Eltern beigefügt. Du liegst angeblich seit zwanzig Jahren auf dem Coburger Friedhof am Glockenberg, in eurem Familiengrab. Deine Eltern haben das unterschrieben – alle beide. Das kann doch nicht wahr sein! Wie können die so was tun?“
Sara reagierte nicht auf die sich echauffierende Bandmanagerin. Lisa meldete sich erstmals zu Wort: „Das ist alles gelogen. Oma und Opa waren erst vor sechs Wochen hier bei uns zu Besuch. Sie waren überglücklich, dass Mama noch lebt, und sie haben sie definitiv wiedererkannt. Wir haben viel über früher und auch über Mamas Kindheit geredet. Die beiden würden doch nicht im Nachhinein ihre Identität in Zweifel ziehen.“
„Aber nur so ergibt das Ganze einen Sinn“, schaltete Bruno sich ein, „da läuft eine großangelegte Sauerei. Vladimir Treskow hat sich mit diesen Aasgeiern verbündet. Da steckt Strategie und knallhartes Kalkül dahinter. An Saras Tantiemen kommen die nur ran, wenn sie weiterhin als verstorben gilt. Nur so kann Vladimir in Verbindung mit der Abtretungserklärung den Anspruch auf ihr musikalisches Erbe geltend machen. Die müssen es irgendwie geschafft haben, Ralf und Hiltrud zu instrumentalisieren. Fragt mich nicht, wie sie das hinbekommen haben, aber die beiden scheinen mitzuspielen.
Und wenn Sara nicht mehr lebt, lässt sich nach deren Lesart auch nicht mehr nachweisen, wer die Songs damals tatsächlich geschrieben und komponiert hat. Das ist alles ziemlich ausgefuchst, solch ein Vorgehen hat System, die machen so etwas bestimmt nicht zum ersten Mal.“
„Und wir sind pleite, wenn sie damit durchkommen“, schimpfte Wolf, der sich wieder etwas gefangen hatte, „wir dürfen Saras Songs nicht mehr spielen, können nicht auf Tour gehen und das Sammelalbum mit den alten Hits ist dann auch gestorben. Unser aller Geld steckt in dieser Tour. Wir haben keine finanziellen Reserven, um uns außergerichtlich zu einigen. Was haben wir bloß getan, dass uns solche Knüppel zwischen die Beine geworfen werden?“
Sara löste sich von Wolf, erhob sich und straffte ihren Körper: „Ich lebe – ich bin nicht tot und werde mir mein neues Glück nicht so einfach nehmen lassen. Ich habe zwar keinen Ausweis und auch keine Geburtsurkunde, aber es gibt meine Eltern. Ich muss zu ihnen und das klären. Sie haben so etwas nicht getan und würden mich nie verleugnen. Ich werde kämpfen, das verspreche ich euch.“
„Das klingt überzeugend, aber wir sollten nichts überstürzen“, gab Bruno zu bedenken. „Diese Rechtsanwälte sind mit allen Wassern gewaschen und haben sich bestimmt auf Reaktionen eurerseits vorbereitet.“
„Wenn ich Antworten von meinen Eltern will, ist das nicht überstürzt, sondern ganz normal“, fiel ihm Sara ins Wort, „in Familien redet man, so sollte das zumindest sein.“
Bruno wurde bewusst, wie sehr die Freunde ihn jetzt brauchten, und er ließ nicht locker: „Natürlich sollst du mit deinen Eltern sprechen, das stelle ich gar nicht infrage. Aber du hast selbst gesagt, dass sie seit Tagen nicht zu erreichen sind. Wer weiß, was Vladimir und dieser Rechtsverdreher über dich verbreitet haben. Ralf und Hiltrud scheinen dir aus dem Weg zu gehen. Außerdem kommst du ohne Personalausweis in keinen Flieger rein.“
Moni stützte seine Argumentation: „Die Strippenzieher in dieser Kanzlei rechnen damit, dass ihr beide in der alten Heimat auftaucht. Womöglich läuft bei der deutschen Staatsanwaltschaft bereits ein Ermittlungsverfahren gegen Wolf.“
Nach dem Unfall, als alle Welt ihn tot glaubte, hatte Wolf, zusammen mit seinem Freund und Anwalt Frank Wagner, sein Testament verfasst und zurückdatiert, um an sein Geld heranzukommen. Seitdem flossen sämtliche Tantiemen der Folk Voices in eine Stiftung, und Frank hatte Zugriff auf die Finanzen. Wolf hatte immer nur einen geringen Teil für seinen Lebensunterhalt abgezweigt. Es gab keine anderen Erben, es war sein eigenes Geld – er hatte deswegen nie ein schlechtes Gewissen gehabt. Aber für Geyer & Partner war so etwas ein gefundenes Fressen.
„Wenn es dumm läuft, wird Wolf gleich am Flughafen abgegriffen. Ich weiß, das ist weit hergeholt und vielleicht übertreibe ich auch, aber wir sollten diese Kanzlei nicht unterschätzen“, mahnte die Managerin der Folk Voices. „Wir müssen Frank unbedingt einbeziehen. Er ist ein gewiefter Anwalt und noch dazu der Stiftungsvorstand.“
Er wusste, was auf juristischer Ebene zu erwarten war. Sie mussten Fehler vermeiden, die Geyer & Partner in die Hände spielten.
„Trotzdem sollte jemand bei deinen Eltern vorbeischauen“, ergänzte Bruno, „und bei der Gelegenheit auch gleich diesem Vladimir Treskow auf den Zahn fühlen. Ich werde das machen, das passt mir gut in den Kram. Ich möchte euch helfen und werde die Hintergründe recherchieren. Das ist leichter, als mir einen neuen Krimi aus den Fingern zu saugen.“
„Ich komme mit!“, schaltete Lisa sich ein, „egal, was ihr jetzt sagt. Ich will Oma und Opa sehen und werde sie zur Rede stellen, wenn Mama nicht selbst nach Deutschland kann!“
Lisa wurde auf Teneriffa geboren und hatte erst vor ein paar Tagen ihren spanischen Pass bekommen. Das Drama um die Identität ihrer Mutter hatte dagegen längst paradoxe Züge angenommen. Es zeigte wieder einmal, welch ein Monster die Bürokratie sein konnte.
Vor zwanzig Jahren wurde am Strand von El Caleton eine weibliche Wasserleiche entdeckt. Die Tote war durch Fischfraß bis zur Unkenntlichkeit verunstaltet worden. Dies geschah kurz nach dem Verkehrsunfall, bei dem Sara und Wolf im Meer versunken waren. Genanalysen gehörten damals noch nicht zum Standard und der anhängige Vermisstenfall wurde abgeschlossen, Sara für tot erklärt und nach Deutschland überführt. Ihre Eltern hatten auf eine Leichenschau verzichtet und waren froh gewesen, dass die Ungewissheit ein Ende hatte. Ihre Tochter war zurück und sie konnten um sie trauern und abschließen.
Aber tot war definitiv tot. Um seine Identität nachzuweisen und an einen deutschen Ausweis zu kommen, benötigte man eine Geburtsurkunde. Sara hatte keine, auch ihre Eltern waren nicht fündig geworden, und um diese beantragen zu können, brauchte man einen Personalausweis. Dessen Kopie musste vom deutschen Konsulat in Puerto de la Cruz über die Botschaft in Madrid ans Standesamt nach Coburg geschickt werden, wo dummerweise Saras Sterbeurkunde vorlag, die von den spanischen Behörden beglaubigt worden war.
Um wiederum diese Sterbeurkunde aus der Welt schaffen zu können, mussten Saras Eltern unter behördlicher Aufsicht in Coburg eine DNA-Probe abgeben und die Coburger über Madrid beim Honorarkonsul in Puerto de la Cruz eine Vergleichsprobe von Sara anfordern.
Auf diese Anforderung wartete die Sängerin der Folk Voices nun seit drei Monaten. Erst wenn feststand, dass Sara wirklich Sara war, würde auch das Familiengrab geöffnet werden, um zu überprüfen, wer denn wirklich dort lag.
Wolf dagegen galt nur als vermisst, hatte seinen alten Ausweis noch, konnte ihn verlängern lassen und sich relativ unkompliziert zurück ins Leben hangeln. Paradoxerweise fragte niemand nach seiner Sterbeurkunde, als Frank mit Wolfs Testament ankam, um die Stiftung zu gründen.
Da Sara ihre Tochter als Hausgeburt zur Welt gebracht hatte, war auch Lisa amtlich nie registriert worden. Deshalb zeichnete sich zu Beginn bei ihr dieselbe Problematik ab. Aber Papa Wolf konnte sich inzwischen ausweisen, erkannte seine Tochter an und siehe da, durch die Gnade der insulanischen Geburt stand ihr die spanische Staatsbürgerschaft zu. Niemand fragte mehr, ob sie auch wirklich hier auf der Insel zur Welt gekommen war – ein Lob auf die örtlichen Behörden.
Wolf und Sara diskutierten sehr engagiert darüber, ob Lisa zusammen mit Bruno nach Deutschland reisen sollte, aber die junge Frau hatte den Dickkopf ihres Vaters geerbt, war volljährig und hatte sich längst entschieden.
