Verlag: Oetinger Kategorie: Für Kinder und Jugendliche Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2011

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Sicherung: Wasserzeichen

E-Book-Beschreibung Forbidden - Tabitha Suzuma

Eine große Liebe - voller Leidenschaft und gegen alle Vernunft Die sechzehnjährige Maya und ihr ein Jahr älterer Bruder Lochan kümmern sich um ihre drei jüngeren Geschwister, während ihre Mutter sich dem Alkohol und ihrem Liebhaber zuwendet. Verzweifelt versuchen die beiden, ihre Familie zu erhalten und kommen sich dabei immer näher. Sie wissen, was der andere denkt und fühlt, geben sich Halt und sind sich gegenseitig Trost. Eines Tages wird mehr aus ihrer Beziehung. Maya und Lochan wissen, dass sie etwas Verbotenes tun, aber ihre Gefühle sind stärker und sie können nicht mehr ohne den anderen sein. Denn: Wie kann sich etwas Falsches so richtig anfühlen? Sensibel und eindringlich erzählt Tabitha Suzuma von einer bedingungslosen Liebe über alle Grenzen hinweg. Ein Tabuthema, dass bewegt, fesselt und lange nachklingt.

Meinungen über das E-Book Forbidden - Tabitha Suzuma

E-Book-Leseprobe Forbidden - Tabitha Suzuma

Für Akiko, in Liebe

Du kannst deine Augen vor Dingen verschließen, die du nicht sehen willst, aber du kannst dein Herz nicht vor Dingen verschließen, die du nicht fühlen willst.

Anonym

Erstes Kapitel

Lochan

Ich starre auf die kleinen, reglosen, verbrannten schwarzen Körper, die das abblätternde Weiß des Fensterbretts sprenkeln. Auch die waren mal lebendig, aber das muss man sich schon sagen, sonst glaubt man es nicht. Wie es wohl wäre, frage ich mich, in diesem Glaskasten mit seiner stickigen Luft zwei Monate lang eingeschlossen zu sein, von der Sonne gnadenlos gebraten zu werden – und immer nach draußen sehen zu können, wo der Wind durch das Laub fährt und die Bäume schüttelt, direkt vor deinen Augen. Immer und immer wieder schmeißt du dich gegen die unsichtbare Wand, die dich von allem trennt, was wirklich und lebendig und zum Überleben notwendig ist, bis du schließlich aufgibst: verbrannt, erschöpft und resigniert, weil die Aufgabe zu groß ist, die du dir da vorgenommen hast. An welchem Punkt hört eine Fliege auf, durch ein geschlossenes Fenster ins Freie kommen zu wollen? Lassen ihre Überlebensinstinkte sie immer weitermachen, bis sie körperlich einfach nicht mehr kann, oder lernt sie irgendwann nach einem der viel zu vielen Male, dass es keinen Ausweg gibt? An welchem Punkt beschließt man, dass zu viel zu viel ist?

Ich schaue von den Kadavern weg und versuche mich auf die quadratischen Gleichungen an der Tafel zu konzentrieren. Ein dünner Schweißfilm bedeckt meine Haut, die Haarsträhnen kleben mir an der Stirn, und mein Hemd ist durchgeschwitzt. Die Sonne hat den ganzen Nachmittag durch die großen Fenster hereingebrannt, und ich befinde mich dummerweise voll im Einfallswinkel ihrer Strahlen, geblendet von ihrem grellen Licht. Die Kante der Stuhllehne presst sich mir in den Rücken, ich sitze zurückgelehnt da, ein Bein ausgestreckt, den Fuß des anderen auf den niedrigen Heizkörper an der Wand gelegt. Ich blicke vor mich auf den Tisch. Die zu weiten Manschetten meines weißen Hemds haben vorne einen Schmutzrand und auch ein paar Tintenflecken. Das leere Blatt starrt mich an, sein Weiß schmerzt mich in den Augen, dann fange ich lethargisch an, die Gleichungen zu lösen. Meine Schrift ist fast unleserlich. Der Füller rutscht mir immer wieder aus den schweißnassen Fingern. Mein Mund ist trocken, ich löse die Zunge vom Gaumen und versuche zu schlucken, aber ich kann nicht. Fast eine Stunde sitze ich schon so da, eine bequemere Haltung finden zu wollen ist absolut sinnlos, das weiß ich genau. Ich beuge mich über die Aufgabe, kratze mit der Feder meines Füllers langsam übers Papier. Wenn ich zu schnell fertig bin, bleibt mir nichts anderes übrig, als wieder die toten Fliegen anzuschauen. In meinem Kopf pocht es. Die Luft im Raum ist stickig und schwül, zweiunddreißig Schüler schwitzen in der Hitze vor sich hin, atmen ein und aus. Ein Gewicht hat sich mir auf die Brust gelegt, das es mir schwer macht, Luft zu bekommen. Es ist nicht nur das Klassenzimmer, die verbrauchte Luft hier. Ich spüre das Gewicht seit Dienstag, seit dem Moment, als ich das erste Mal wieder durch das Schultor gegangen bin. Seit das neue Schuljahr angefangen hat. Die erste Woche ist noch nicht zu Ende, und ich fühle mich schon wieder, als wäre ich seit Ewigkeiten hier eingesperrt. Zwischen den Schulwänden ist die Zeit wie aus Beton. Nichts hat sich verändert. Die Leute sind alle noch dieselben: leere Gesichter, abschätziges Lächeln. Meine Augen weichen ihren aus, wenn ich das Klassenzimmer betrete, und sie schauen an mir vorbei, durch mich hindurch. Ich bin hier, aber nicht da. Die Lehrer haken meinen Namen auf der Anwesenheitsliste ab, doch keiner nimmt mich wahr, weil ich die Kunst, mich unsichtbar zu machen, schon seit Langem perfektioniert habe.

Wir haben eine neue Englischlehrerin – Miss Azley, irgendwoher aus Australien, jung und gut drauf: naturkrause lange Mähne mit einem regenbogenfarbenen Stirnband, braun gebrannt, an den Ohren große Goldkreolen. Um ehrlich zu sein, wirkt sie kaum älter als ein paar aus unserer Klasse, die sie in diesem Jahr unterrichten soll. Einige der Jungs fangen ein wildes Pfeifkonzert an. So lange, bis sie sich an der Tafel umdreht und die Typen so empört anschaut, dass sie sich unwohl zu fühlen beginnen und zur Seite schielen. Trotzdem kommt es danach zu einem lärmenden Durcheinander, als sie uns befiehlt, die Tische im Halbkreis aufzustellen. Sie darf froh sein, dass bei dem Rumgeraufe und der Rempelei, dem Tischerücken und Stühleschieben niemand verletzt wird. Miss Azley scheint das allerdings nichts auszumachen. Als wir endlich alle wieder sitzen, lässt sie ihre Blicke rumgehen und strahlt uns an.

»Schon besser. Jetzt können wir uns alle richtig sehen. Ich erwarte von euch in Zukunft, dass ihr die Bänke immer so aufstellt, bevor ich komme. Und vergesst nicht, sie nach der Stunde wieder an die alten Plätze zurückzuräumen. Jeder, den ich dabei erwische, dass er sich vorher hinausschleichen will, ist eine Woche lang ganz allein für das Möbelrücken verantwortlich. Hab ich mich klar ausgedrückt?« Sie sagt das mit großer Entschiedenheit, aber ich höre keine Bösartigkeit heraus. Ihr Grinsen deutet an, dass sie vielleicht sogar Humor hat. Das Gegrummel und Protestieren der üblichen Unruhestifter in der Klasse verstummt.

Dann verkündet sie, dass wir uns nun alle der Reihe nach vorstellen werden. Nachdem sie uns erzählt hat, dass sie gerne verreist, seit Kurzem einen Hund hat und früher in einer Werbeagentur war, gibt sie das Wort an das Mädchen rechts neben ihr weiter. Heimlich lasse ich das Ziffernblatt der Armbanduhr auf die Innenseite meines Handgelenks gleiten und konzentriere mich auf den Sekundenzeiger. Den ganzen Tag habe ich nur darauf gewartet, dass endlich die letzte Stunde ist, und jetzt halte ich es kaum mehr aus. Nun muss ich nur noch die Minuten bis zum Schulschluss hinter mich bringen. Aber sie ziehen sich unendlich in die Länge. Ich rechne im Kopf die Anzahl der Sekunden aus, bis es endlich klingelt. Da merke ich auf einmal erschrocken, dass Rafi, der Hohlkopf rechts neben mir, schon wieder mal mit seiner Astrologie angefangen hat. Fast alle anderen im Klassenzimmer waren jetzt schon dran. Als Rafi dann endlich den Mund hält mit seinen Sternbildern und dem ganzen Kram, herrscht Schweigen. Ich blicke auf. Miss Azley schaut mich an.

»Danke, ich nicht.« Ich mustere meinen Daumennagel, während ich meine übliche Antwort murmele.

Aber sie scheint den Hinweis nicht zu kapieren. Panik bricht in mir aus. Hat sie meine Schulakte nicht gelesen? Sie schaut mich immer noch an. »In meinem Unterricht geht es nicht nach Lust und Laune«, sagt sie.

Von der Clique um Jed ist ein Kichern zu hören. »Da können wir noch den ganzen Nachmittag warten.«

»Hat Ihnen das denn keiner gesagt? Er spricht kein Englisch –«

»Oder irgendeine andere Sprache.« Gelächter.

»Vielleicht Klingonisch!«

Die Lehrerin bringt sie mit einem Blick zum Schweigen. »So läuft das bei mir im Unterricht nicht.«

Wieder Schweigen. Ich fingere nervös an der Ecke meines Englischhefts herum, alle Augen der Klasse sind auf mich gerichtet. Sie verbrennen mir das Gesicht. Das gleichmäßige Ticken der Wanduhr wird von meinem lauten Herzklopfen übertönt.

»Warum sagst du mir nicht erst mal deinen Namen?« Die Stimme ist etwas sanfter geworden. Ich brauche einen Augenblick, um zu verstehen, warum. Dann merke ich, dass meine linke Hand aufgehört hat, an dem Heft herumzufingern, und mechanisch gegen die aufgeschlagene leere Seite schlägt. Ich nehme die Hand schnell weg und verstecke sie unter dem Tisch, murmele meinen Namen und blicke auffordernd zu meinem Banknachbarn, der sich gleich eifrig in seinen Vortrag stürzt. Die Lehrerin hat gar keine Zeit, dagegen zu protestieren. Aber ich registriere, dass sie einen Rückzieher macht. Sie weiß jetzt Bescheid. Der Schmerz in meiner Brust lässt nach, bis ich nur noch ein schwaches Ziehen spüre, und meine Wangen brennen nicht mehr so stark. Die restliche Stunde wird lebhaft darüber diskutiert, welchen Wert es heutzutage noch hat, Shakespeare zu lesen. Mich fordert Miss Azley nicht mehr auf, an der Diskussion teilzunehmen.

Als endlich das letzte Klingeln durchs Schulgebäude schrillt, löst sich die Klasse in ein einziges Chaos auf. Ich klappe mein Heft zu, stecke es hastig in die Tasche, stehe auf und verdrücke mich schnell aus dem Zimmer. Draußen auf dem breiten Flur kämpft jeder darum, als Erster ins Freie zu kommen. Aus jeder Klassenzimmertür strömen Schüler heraus, Schultern, Ellenbogen, Taschen und Füße rempeln und stoßen mich … Ich schaffe es eine Treppe hinunter, dann die nächste und habe mich schon fast durch die Eingangshalle geschoben, als sich eine Hand auf meine Schulter legt.

»Whitely. Ich muss mit Ihnen reden.«

Freeland, mein Vertrauenslehrer. Ich atme auf.

Er führt mich in ein leeres Klassenzimmer, wo er auf einen Stuhl deutet und sich selbst vor mir gegen einen Tisch lehnt.

»Sie wissen bestimmt, dass das nächste Jahr für Sie besonders wichtig sein wird, Lochan.«

Wieder mal der Einserschüler-Vortrag. Ich nicke unmerklich und zwinge mich, den Blick des alten Lehrers zu erwidern.

»Und außerdem hat das neue Schuljahr gerade erst begonnen!«, verkündet er fröhlich, als wüsste ich das noch nicht. »Ein neuer Anfang. Eine neue Chance … Wir wissen, dass das alles für Sie nicht immer einfach ist, Lochan. Aber wir erhoffen uns in diesem Abschlussjahr das Beste von Ihnen. Sie haben bei den schriftlichen Arbeiten immer brilliert, was uns alle sehr freut, aber jetzt erwarten wir von Ihnen, dass Sie uns auch auf anderen Gebieten zeigen, wozu Sie fähig sind.«

Wieder ein Nicken. Ein unwillkürlicher Blick zur Tür. Der Weg, den dieses Gespräch gleich nehmen wird, gefällt mir nicht, das weiß ich jetzt schon. Mr Freeland seufzt. »Wenn Sie es aufs UCL schaffen wollen, Lochan, müssen Sie sich aktiver am Unterricht beteiligen, das wissen Sie doch …«

Ich nicke wieder.

»Haben Sie verstanden, was ich damit meine?«

Ich räuspere mich. »Ja.«

»Aktive Teilnahme am Klassenleben. Beteiligung an Gruppendiskussionen. Redebeiträge im Unterricht. Auf eine Frage antworten, die an Sie gerichtet wird. Sich ab und zu freiwillig melden, um etwas zu sagen. Mehr verlangen wir ja nicht. Ihre Noten waren immer ausgezeichnet. Da gibt es keinerlei Beschwerden.«

Schweigen.

In meinem Kopf pocht es wieder. Wie lange geht das noch so weiter?

»Sie wirken nicht ganz bei der Sache. Haben Sie auch wirklich verstanden, worum es uns geht?«

»Ja.«

»Gut. Sie haben so große Fähigkeiten, Lochan, und es würde uns sehr schmerzen, wenn Sie Ihre Chancen verspielen würden. Wenn Sie noch einmal Hilfe brauchen, kommen Sie zu mir. Sie wissen ja, dass wir uns dann darum kümmern werden …«

Ich spüre, wie meine Wangen wieder zu brennen anfangen. »N-nein. Alles in Ordnung. Wirklich. Aber vielen Dank.« Ich greife nach meiner Tasche, stecke den Kopf durch den Umhängegurt und eile zur Tür.

»Lochan«, ruft mir Mr Freeland noch nach, als ich schon halb draußen bin, »denken Sie darüber nach.«

Endlich. Ich mache mich eilig nach Bexham auf, die Schule und alles, was damit zu tun hat, schnell hinter mir zurücklassend. Es ist noch nicht mal vier. Die Sonne sticht immer noch vom Himmel herab, ihr grelles, weißes Licht prallt von den Autos zurück, das Metall reflektiert die Strahlen in alle Richtungen. Der Asphalt glänzt von der Hitze. Die Hauptstraße ist voller Verkehr: Abgase, lautes Hupen, Schulkinder, Lärm. Ich habe mich nach diesem Augenblick gesehnt, seit mich heute Morgen der Wecker aus dem Schlaf gerissen hat. Aber jetzt, wo der Moment endlich da ist, fühle ich mich seltsam leer. Als wäre ich immer noch der kleine Junge, der am Weihnachtsmorgen die Treppe hinunterstürmt – und dann feststellt, dass Santa Claus bei uns vergessen hat, Geschenke in die Strümpfe zu stecken. Stattdessen liegt der weibliche Weihnachtsmann mit drei Freundinnen auf der Couch im Wohnzimmer, wo sie alle miteinander ihren Rausch ausschlafen. Ich war so darauf fixiert gewesen, aus der Schule rauszukommen, dass ich jetzt gar nicht weiß, was ich mit meiner Freiheit anfangen soll. Die Euphorie, auf die ich gewartet habe, stellt sich nicht ein, und ich fühle mich plötzlich einsam, irgendwie nackt, als hätte ich mich auf etwas ganz Wunderbares gefreut und nun vergessen, was es war. Hastig gehe ich weiter, fädele mich zwischen den Menschen hindurch und versuche an etwas zu denken – egal was –, worauf ich mich freuen kann.

Ich muss diese komische Stimmung unbedingt loswerden, deshalb fange ich zu joggen an, über die zerbrochenen Gehsteigplatten der Bexham High Street, an den Abfällen im Rinnstein vorbei. Der laue Septemberwind fächelt mir durch die Haare im Nacken, meine Sneakers bewegen sich lautlos über den Boden. Ich lockere beim Laufen meine Schulkrawatte und mache die obersten Hemdknöpfe auf. Es tut gut, sich nach einem langen, stumpfsinnigen Schultag im Belmont zu bewegen. Ich hüpfe über das zertretene Obst und zerquetschte Gemüse, das von den Marktständen zurückgelassen wurde. An der Ecke biege ich in eine schmale Straße mit heruntergekommenen Reihenhäusern ein, deren Backsteinfronten sich links und rechts einen Hügel hochziehen.

In dieser Straße mit lauter Sozialwohnungen wohnen wir seit fünf Jahren. Wir sind dorthin erst umgezogen, als unser Vater mit seiner neuen Familie nach Australien ausgewandert ist und von ihm kein Unterhalt mehr kam. Vorher haben wir in einem baufälligen Haus am anderen Ende der Stadt zur Miete gewohnt, aber in einem der besseren Viertel. Wir hatten nie viel Geld, nicht mit einem Dichter als Vater, trotzdem war mit ihm alles viel einfacher, aus mehreren Gründen. Doch das ist alles schon lange, lange her. Unser Zuhause ist jetzt in der Bexham Road 62: ein zweistöckiger, grau verputzter Kasten mit vier Zimmern, eingeklemmt zwischen Nachbarhäusern, die alle gleich aussehen, mit leeren Colaflaschen und Bierdosen auf den verwilderten Grasstreifen zwischen den kaputten Gartentüren und den früher einmal orangefarbenen Haustüren.

Die Straße ist so schmal, dass die Autos mit den Pappen vor den Windschutzscheiben oder den verbeulten Kotflügeln halb auf dem Gehsteig parken müssen. Deshalb ist es auch einfacher, mitten auf der Straße zu gehen. Ich kicke eine leere Bierdose vor mir her, dribble mit ihr, sie scheppert metallisch auf dem Asphalt, bald kommt das Kläffen eines Hundes hinzu, die Schreie von Kindern, die auf der Straße Fußball spielen. Laute Reggae-Musik dröhnt aus einem offenen Fenster. Meine Tasche hüpft und springt gegen meinen Oberschenkel, und ich spüre, wie mein unwohles Gefühl sich allmählich auflöst. Als ich an den Fußball spielenden Kindern vorbeiwill, schießt eines von ihnen, das ich nur zu gut kenne, gerade den Ball über die Torlinie. Ich tausche die Bierdose gegen den Ball und ziehe leichtfüßig an den kleinen Fußballern in ihren übergroßen Arsenal-T-Shirts vorbei, sie rennen hinter mir her und protestieren laut schreiend. Der dunkelblonde Torjäger stürmt auf mich zu: ein kleiner Hippie, dem die Haare bis zu den Schultern reichen, sein heute früh noch weißes Hemd ist dreckverschmiert und hängt ihm aus der abgewetzten grauen Hose. Er schafft es, mich zu überholen, läuft dann rückwärts vor mir her und brüllt: »Zu mir, Lochie, zu mir! Schieß ihn zu mir!«

Lachend tue ich, was er will. Mit Triumphgeschrei fängt mein acht Jahre alter Bruder den Ball ab, rennt zu seinen Freunden zurück und ruft: »Ich hab ihn ihm abgenommen, ich hab ihn ihm abgenommen! Habt ihr gesehen?«

Drinnen im Haus ist es kühler, ich werfe die Haustür hinter mir zu, lehne mich einen Moment dagegen, um wieder zu Atem zu kommen, und wische mir die verschwitzten Haare aus der Stirn. Dann richte ich mich auf und gehe durch den schmalen Flur in Richtung Küche. Mit den Füßen schiebe ich automatisch die auf den Boden geworfenen Schuluniform-Jacken, die Schultaschen und Schuhe beiseite, über die sonst noch einer stolpert. In der Küche stoße ich auf Willa. Sie ist auf die Arbeitsplatte geklettert und versucht, aus dem Oberschrank die Cheerios herunterzuholen. Als sie mich sieht, erstarrt sie einen Moment und guckt mich aus ihren blauen Augen schuldbewusst an. »Maya hat heute mein Pausenbrot vergessen!«

Ich knurre laut, bin mit einem Satz bei ihr, packe sie mit einem Arm und hole sie herunter. Sie kreischt auf und juchzt, als ich sie ein paar Augenblicke lang mit dem Kopf nach unten hin- und herpendeln lasse. Ihre langen blonden Haare streifen über den Boden. Danach befördere ich sie auf einen Küchenstuhl und stelle die Cheerio-Schachtel, Milch und eine kleine Schüssel vor sie hin.

»Eine halbe Schüssel voll, nicht mehr.« Ich reiche ihr einen Löffel. »Es gibt heute früh Abendessen. Ich muss danach noch jede Menge Hausaufgaben machen.«

»Und wann?« Willa klingt nicht sehr überzeugt. Sie schüttet sich Cheerios in die Schüssel und verstreut dabei die Hälfte auf dem abgestoßenen Tisch, der den Mittelpunkt unseres chaotischen Küchenlebens bildet. Trotz der neuen Hausordnung für alle, die Maya an den Kühlschrank geklebt hat, hat Tiffin schon tagelang nicht mehr den Mülleimer rausgebracht, in der Spüle stapelt sich der Abwasch, ohne dass Kit bisher auch nur einen Teller angerührt hätte, und Willas kleiner Kinderbesen scheint wieder einmal unauffindbar. Ihr einziger Beitrag besteht darin, die Krümel auf dem Boden noch zu vermehren.

»Wo ist Mum?«, frage ich.

»Macht sich fertig.«

Ich seufze und lasse Willa dann in der Küche allein. Immer zwei Stufen auf einmal nehmend, stürme ich die Treppe hoch, antworte auf Mums Hallo-Rufe nicht, sondern suche nach der einzigen Person, mit der ich jetzt wirklich gern reden würde. Aber als ich durch die offene Tür in das leere Zimmer blicke, fällt mir ein, dass Maya ja heute nach der Schule noch irgendein Treffen hat. Einen Augenblick fühle ich mich müde. Dann wende ich mich dem vertrauten Sound von Radio Magic FM zu, der laut aus dem Badezimmer tönt.

Meine Mutter steht am Waschbecken vor dem verschmierten, zersprungenen Spiegel, überprüft noch einmal ihre Wimperntusche und zupft unsichtbare Flusen von ihrem hautengen Silber-Stretch-Minikleid. Es riecht nach Haarspray und Parfüm. Als sie mich hinter sich auftauchen sieht, verziehen sich ihre knallrot geschminkten Lippen zu einem breiten Lächeln, wie wenn jemand sich aufrichtig freut. »Hallooo, mein Schöner!«

Sie stellt das Radio leiser, dreht sich schwungvoll zu mir um und streckt die Arme aus. Ich soll sie umarmen und küssen, aber ich bleibe reglos im Türrahmen stehen und küsse nur die Luft. Die Falte zwischen meinen Augenbrauen gräbt sich mit jeder Begegnung tiefer.

Sie fängt zu lachen an. »Du müsstest dich mal sehen – in deiner Schuluniform, aber genauso ungepflegt wie die Kleinen. Du musst dir unbedingt mal wieder die Haare schneiden lassen, mein Süßer. Ach, du meine Güte, was soll denn dieser wilde Blick?«

Ich lehne mich müde gegen den Türrahmen, den Blazer habe ich ausgezogen, er schleift jetzt auf dem Boden. »Das ist schon das dritte Mal in dieser Woche, Mum«, protestiere ich matt.

»Ich weiß, ich weiß, aber das kann ich unmöglich sausen lassen. Davey hat den Pachtvertrag für noch eine Kneipe unterschrieben und will heute Abend mit mir ausgehen und feiern!«, ruft sie begeistert. Doch als sie merkt, dass mein Gesichtsausdruck sich nicht ändert, wechselt sie schnell das Thema. »Na, wie war’s denn heute in der Schule, mein Schatz?«

Ich lächle verkrampft. »Super, Mum«, antworte ich. »Wie immer.«

»Wunderbar!«, ruft sie und hat offensichtlich beschlossen, den Sarkasmus in meiner Stimme zu überhören. Wenn es etwas gibt, was meine Mutter meisterlich beherrscht, dann, sich auf ihre eigenen Angelegenheiten zu konzentrieren. »Nur noch ein Jahr – nicht mal mehr –, und du bist die Schule und den ganzen Blödsinn los.« Ein breites Lächeln in ihrem Gesicht. »Und bald wirst du endlich achtzehn, und dann bist du wirklich der Mann im Haus!«

Ich lehne auch noch den Kopf gegen den Türrahmen. Der Mann im Haus. Seit ich zwölf bin, nennt sie mich schon so. Seit Dad uns verlassen hat.

Sie dreht sich wieder zum Spiegel und fasst sich unter den Busen. Ihr Kleid ist tief ausgeschnitten. »Na, wie schau ich aus? Ich hab heute mein Geld bekommen und mir mal etwas Shopping gegönnt.« Dabei grinst sie mich verschwörerisch an, als wäre ich ihr heimlicher Komplize. »Guck dir mal diese goldenen Sandalen an. Sind die nicht zauberhaft?«

Ich bringe es nicht fertig, zurückzulächeln. Ich frage mich, wie viel von ihrem Monatslohn dabei draufgegangen ist. Shoppen als Therapie ist schon seit Jahren ihre große Leidenschaft. Mum klammert sich verzweifelt an ihre Jugend, ihre große Zeit, als ihr auf der Straße alle Männer nachgeguckt haben. Aber mit ihrer Schönheit ist es bald vorbei, ihr Gesicht ist durch die vielen harten Jahre vorzeitig gealtert.

»Du siehst großartig aus«, antworte ich mechanisch.

Ihr Lächeln wird dünner. »Jetzt stell dich nicht so an, Lochan. Ich brauche deine Hilfe. Dave will mich heute Abend in die Bar ausführen, die in der Stratton Road neu aufgemacht hat, gegenüber vom Kino, du weißt schon.«

»Okay, okay. Schon gut. Hab deinen Spaß.« Ich bemühe mich, die Falte zwischen meinen Augenbrauen verschwinden zu lassen, und aus meiner Stimme ist auch kein Sarkasmus mehr herauszuhören. Dave ist eigentlich ganz in Ordnung. Aus der langen Reihe von Männern, mit denen meine Mutter ein Verhältnis angefangen hat, nachdem Dad sie wegen einer seiner Dichter-Kolleginnen verlassen hatte, war Dave bisher der gutmütigste. Er ist neun Jahre jünger als sie und der Besitzer der Kneipe, in der sie jetzt als Kellnerin arbeitet. Zurzeit lebt er von seiner Frau getrennt. Aber wie jeder der Männer, mit denen sie bisher etwas hatte, scheint er eine seltsame Macht über sie auszuüben. Sie verwandelt sich durch ihn in ein kicherndes, flirtendes, ihn umturtelndes Weibchen, gibt ihr hart verdientes Geld für unnötige Geschenke aus, alles »für ihn«, und kauft für sich selbst die unmöglichsten hautengen und viel zu kurzen Kleidungsstücke. Und heute zum Beispiel ist es noch nicht mal fünf Uhr, und sie ist schon ganz aufgeregt und rot im Gesicht, während sie sich für den Abend zurechtmacht; bestimmt hat sie mindestens eine Stunde lang hin und her überlegt, was sie anziehen soll. Gerade hält sie die blonden Haare mit den frisch gefärbten Strähnchen hoch, experimentiert mit einer kunstvollen neuen Frisur herum und bittet mich dann, ihr die falsche Diamantkette – ein Geschenk von Dave – um den Hals zu legen, von der sie schwört, sie sei echt. Für das tief ausgeschnittene Minikleid, das ihre sechzehnjährige Tochter niemals anziehen würde, hat sie inzwischen nicht mehr die Figur, und der böse Kommentar, der dazu regelmäßig aus den Gärten der Nachbarn zu hören ist, hallt mir in den Ohren. Eine fette Sau, die glaubt, sie wär ein junges Reh.

Ich schließe die Tür meines Zimmers hinter mir und lehne mich für einen Augenblick dagegen. Das hier ist mein Reich, dieses kleine Stück Raum gehört mir. Er war nie als richtiges Zimmer geplant und ist nur eine Abstellkammer mit einem schmalen Fenster. Aber irgendwie hab ich es hingekriegt, mir hier vor drei Jahren noch ein Feldbett reinzuquetschen, als mir endgültig klar geworden war, dass es einfach nicht mehr ging, mir mit den Kleinen das Zimmer zu teilen. Das ist hier einer der wenigen Plätze, wo ich allein sein kann: keine anderen Schüler mit ihren Blicken und ihrem spöttischen Grinsen; keine Lehrer, die mich mit Fragen quälen; keine schreienden, rempelnden Körper. Und immerhin noch ein wenig freie Zeit, bis Mum zu ihrer Verabredung geht und das Abendessen gekocht werden muss und die Streitereien wegen Essen, Hausaufgaben und Zubettgehen anfangen.

Ich lasse meine Tasche und den Blazer auf den Boden fallen, streife die Schuhe ab und setze mich aufs Bett, mit dem Rücken gegen die Wand gelehnt, die Knie bis unters Kinn gezogen. Normalerweise ist es bei mir immer aufgeräumt, aber heute Morgen hatte ich verschlafen, und danach sieht es jetzt auch aus: der Wecker auf dem Boden, der blaue Vorhang nur halb vom Fenster zurückgezogen, das Bett nicht gemacht, auf dem Stuhl ein Durcheinander von Kleidungsstücken, überall Bücher und Papiere, nicht nur auf dem Schreibtisch, wo sie sich sowieso immer stapeln. Die Wände, von denen die Farbe abblättert, sind nackt – bis auf ein kleines Foto von uns sieben, während der letzten gemeinsamen Ferien in Blackpool aufgenommen, zwei Monate bevor Dad uns verließ. Willa war damals noch ein Baby und sitzt bei Mum auf dem Schoß, Tiffins Gesicht ist mit Schokoladeneis verschmiert. Kit hat sich verkehrt auf die Bank gesetzt, sein Kopf baumelt nach unten, und Maya versucht, ihn hochzuziehen. Nur die Gesichter von Dad und mir sind deutlich und scharf zu erkennen – wir haben einander die Arme um die Schultern gelegt und lächeln breit in die Kamera. Ich werfe selten einen Blick auf das Foto, das ich aus Mums Verbrennungsorgie gerettet habe. Aber ich brauche das Gefühl, es in meiner Nähe zu haben: Es erinnert mich daran, dass diese glücklicheren Zeiten wirklich existiert haben. Dass das alles nicht nur eine Einbildung von mir ist.

Zweites Kapitel

Maya

Mein Hausschlüssel steckt wieder mal im Schloss fest. Ich fluche. Trete gegen die Tür, wie immer. Als ich dann aus der Spätnachmittagssonne in den dunklen Flur komme, merke ich sofort, dass die Dinge bereits außer Kontrolle geraten sind. Das Wohnzimmer ist wie so oft der reinste Saustall – Chipstüten, Schultaschen, Briefe von den Lehrern und unfertige Hausaufgaben liegen auf dem Boden verstreut. Kit futtert Cheerios aus der Schachtel und versucht gerade, quer durchs Zimmer Willa einen in den Mund zu werfen.

»Maya, Maya, schau mal, was Kit kann!«, ruft Willa aufgeregt. »Von so weit weg!« Ich hänge meinen Schulblazer und die Krawatte im Flur an einen Haken.

Obwohl der Teppich voller zertrampelter Cheerios ist, muss ich lächeln. Meine kleine Schwester ist das süßeste fünfjährige Mädchen auf der Welt. Mit ihren Grübchen in den Wangen, ihrem vor lauter Aufregung roten Gesicht und ihren Resten von Babyspeck. Mit ihrem unschuldigen Strahlen. Seit ihr ein Vorderzahn ausgefallen ist, steckt sie jetzt immer die Zungenspitze in die Lücke, wenn sie lächelt. Ihre langen blonden Haare sind glatt und fein wie goldene Seide und glänzen mit ihren winzigen Ohrringen um die Wette. Ein blonder Pony hängt ihr in die Stirn, der unbedingt wieder nachgeschnitten werden müsste. Mit ihren großen blauen Augen, blau wie ein tiefer See, blickt sie dauernd leicht erschrocken in die Welt. Sie hat sich schon umgezogen, hat statt der Schuluniform jetzt ein geblümtes rosa Sommerkleid an, ihr derzeitiges Lieblingskleid, und kann kaum stillhalten, so lustig findet sie die Späße ihres größeren Bruders.

»Wirkt ganz so, als würdet ihr beide unglaublich eifrig miteinander Hausaufgaben machen«, sage ich zu Kit. »Hoffentlich wisst ihr auch, wo der Staubsauger steht.«

Kit wirft als Antwort eine Handvoll Cheerios in Willas Richtung. Einen Augenblick lang glaube ich, dass er mich einfach ignoriert, aber dann erklärt er: »Das ist kein Spiel, wir üben Zielen. Und Mum ist das sowieso alles egal. Sie ist mal wieder mit ihrem Macker unterwegs, und bis sie nach Hause kommt, ist sie so zu, dass sie eh nichts mehr merkt.«

Ich öffne den Mund, um ihm zu sagen, dass er über seine Mutter nicht so reden soll. Aber Willa möchte weiterspielen, und weil ich merke, dass Kit weder schmollt noch auf Streit aus ist, lasse ich das Thema fallen. Ich schmeiße mich auf die Couch. Mein dreizehnjähriger jüngerer Bruder hat sich in den letzten Monaten stark verändert: Ein Wachstumsschub im Sommer hat ihn noch dünner und schlaksiger werden lassen, seine hellbraunen Haare hat er jetzt kurz, damit alle den falschen Diamantstecker in seinem Ohr sehen können, und seine haselnussbraunen Augen haben einen harten Glanz bekommen. Und auch in seinem Verhalten hat sich etwas verändert. Das Kind in ihm ist immer noch da, aber wie unter einer Maske an Härte und Selbstbehauptung versteckt. Der neue, andere Ausdruck in seinen Augen, das trotzig vorgeschobene Kinn, das harte, freudlose Lachen, all das lässt ihn kantig und fremd wirken. Aber in unverkrampften kurzen Momenten wie diesem mit seiner kleinen Schwester, wenn er einfach nur Spaß hat, blitzt auf einmal wieder mein jüngerer Bruder von früher durch.

»Macht Lochan Abendessen?«, frage ich.

»Wer sonst.«

»Abendessen!« Willas Hand fährt erschrocken an den Mund. »Lochie hat gesagt, er ruft uns zum allerletzten Mal …«

»Hat er doch nur so gesagt«, versucht Kit sie zu beruhigen, aber da ist Willa schon zur Tür raus und ab durch den Flur in die Küche. Sie will es immer allen recht machen. Ich setze mich gähnend auf. Kit fängt an, mit den Cheerios auf meine Stirn zu zielen.

»Heb sie dir lieber auf! Mehr haben wir für morgen zum Frühstück nicht. Ich glaub nicht, dass du sie dann vom Fußboden essen willst.« Ich stehe auf. »Komm mit. Lass uns mal sehen, was Lochan gekocht hat.«

»Beschissene Nudeln – was sonst? Was anderes kann er doch gar nicht.« Kit schmeißt die offene Cheerio-Schachtel dermaßen heftig auf die Couch, dass die Hälfte des Inhalts auf den Polstern landet. Seine gute Laune ist weg.

»Vielleicht solltest du auch mal kochen lernen. Dann könnten wir uns zu dritt abwechseln.«

Kit wirft mir einen verächtlichen Blick zu und geht mir in die Küche voran.

»Raus, Tiffin! Ich hab gesagt, der Ball muss aus der Küche raus.« Lochan hält in der einen Hand den heißen Topf und versucht mit der anderen, Tiffin auf den Gang hinauszuschieben.

»Tor!«, brüllt Tiffin und schießt den Fußball zwischen den Tischbeinen hindurch. Ich hole den Ball unter dem Tisch vor, kicke ihn in den Flur und halte Tiffin fest, als er an mir vorbeiwill.

»Hilfe! Hilfe! Maya erwürgt mich!«, brüllt er und verzieht dabei das Gesicht, als wäre er am Ersticken.

Ich manövriere ihn auf seinen Stuhl. »Setz dich hin!«

Bei der Aussicht auf Abendessen gibt Tiffin klein bei. Er greift nach Messer und Gabel und veranstaltet damit ein Trommelkonzert auf dem Tisch. Willa lacht und nimmt ihr Besteck, um ihn nachzumachen.

»Willa …«, warne ich sie.

Ihr Lächeln verschwindet, und einen Moment blickt sie ganz schuldbewusst drein. Ich spüre einen Anflug von schlechtem Gewissen. Willa ist immer lieb und brav, Tiffin dagegen platzt vor Energie und hat dauernd nur Unfug im Kopf. Trotzdem trifft es meistens sie, während ihr Bruder oft genug so durchkommt. Mit flinken Bewegungen hole ich die Teller aus dem Schrank, fülle Wasser in den Krug, räume die Kochzutaten auf.

»Okay, alles hinsetzen!« Lochan stellt das Essen hin. Vier gefüllte Teller und eine rosa Barbie-Schüssel. Nudeln mit Käse, Nudeln mit Käse und Soße, Nudeln mit Soße, aber ohne Käse, der Brokkoli – den weder Kit noch Tiffin anrühren werden – kunstvoll am Rand versteckt.

»Hallo, du!« Ich zupfe Lochan am Ärmel, bevor er sich wieder zum Herd umdreht, und lächle ihn an. »Alles in Ordnung?«

»Ich bin erst seit zwei Stunden zu Hause, und alle sind bereits außer Rand und Band.« Er wirft mir einen so übertrieben verzweifelten Blick zu, dass ich lachen muss.

»Ist Mum schon weg?«

Er nickt. »Hast du an die Milch gedacht?«

»Ja, aber wir müssen wieder einen Großeinkauf machen.«

»Erledige ich morgen nach der Schule.« Lochan dreht sich blitzschnell zur Seite und erwischt Tiffin gerade noch rechtzeitig, als der sich zur Tür rausstehlen will. »He!«

»Bin schon fertig! Hab keinen Hunger mehr!«

»Tiffin, würdest du dich bitte hinsetzen wie jeder normale Mensch und dein Essen aufessen?« Lochans Stimme wird lauter.

»Aber Ben und Jamie spielen schon seit einer halben Stunde wieder draußen. Warum darf ich das nicht?«, protestiert Tiffin. Sein Gesicht läuft unter dem dunkelblonden Haarschopf rot an.

»Es ist schon halb sieben! Du gehst heute nicht mehr raus!«

Tiffin lässt sich zornig auf seinen Stuhl fallen, Arme vor der Brust verschränkt, Knie hochgezogen. »Das ist nicht fair! Ich hasse dich!«

Lochan ist klug genug, um Tiffins schlechte Laune einfach zu ignorieren, und kümmert sich stattdessen um Willa, die es aufgegeben hat, die Gabel zu benutzen, und stattdessen die Spaghetti mit den Fingern isst. Sie hat den Kopf zurückgebeugt und saugt gerade eine Nudel von Anfang bis Ende auf. »Guck, du musst das so machen …« Lochan führt es ihr vor. »Du wickelst die Nudel um die Gabel und …«

»Aber sie rutscht mir immer wieder runter!«

»Versuch es doch wenigstens …«

»Ich kann nicht«, stöhnt sie. »Kannst du sie mir nicht schneiden, Lochie?«

»Willa, du musst das lernen!«

»Aber mit den Fingern ist es leichter!«

Kits Stuhl ist leer geblieben. Er macht sich an sämtlichen Küchenschränken zu schaffen, zieht die Türen auf und knallt sie wieder zu.

»Nur um dir etwas Zeit zu sparen – alles, was wir noch zu essen haben, steht auf dem Tisch«, sagt Lochan und greift nach seiner eigenen Gabel. »Und ich habe auch kein Arsen reingetan, deshalb wirst du davon nicht sterben.«

»Na super, dann hat sie wieder mal vergessen, uns Geld dazulassen?! Klar doch, für sie ist das ja nicht weiter schlimm – ihr Macker führt sie ja heute Abend ins Ritz aus.«

»Er heißt Dave«, kommt es von Lochan hinter einer Gabel mit Nudeln hervor. »Ihn anders zu nennen, macht dich nicht automatisch cooler.«

Ich habe gerade den Mund voll, schaffe es aber, Lochan kurz in die Augen zu schauen, und schüttle kaum wahrnehmbar den Kopf. Kit ist ganz offensichtlich auf Streit aus, und Lochan, der normalerweise Konfrontationen geschickt ausweicht, wirkt heute Abend müde und gereizt. Er scheint nicht zu merken, dass er da gerade direkt auf einen Riesenkrach zusteuert.

Kit knallt die letzte Küchenschranktür mit solcher Wucht zu, dass alle zusammenzucken. »Wie kommst du überhaupt darauf, dass ich unbedingt cool klingen möchte? Ich zieh mir jedenfalls keine Schürze an, nur weil meine Mutter wieder mal nichts Eiligeres zu tun hat, als ihre Beine breit zu machen für …«

Lochan ist blitzschnell aufgesprungen. Ich will ihn noch zurückhalten, aber zu spät. Er stürzt sich auf Kit, packt ihn am Kragen und rammt ihn gegen die Kühlschranktür. »Wenn du noch einmal vor den Kleinen so über deine Mutter redest, dann …«

»Dann was?« Trotz des spöttischen Grinsens bemerke ich in Kits Augen einen Funken Furcht. Lochan hat ihn noch nie vorher körperlich bedroht. Doch in den letzten Monaten ist ihr Verhältnis zueinander immer schwieriger geworden. Kit scheint Lochan irgendetwas vorzuwerfen, und es wird zwischen ihnen immer schlimmer, aus Gründen, die mir nicht ganz klar sind. Nach dem anfänglichen Schock gelingt es Kit, überlegen zu lächeln, und er blickt seinen fast fünf Jahre älteren Bruder herablassend an.

Lochan scheint erst jetzt zu bemerken, was er tut. Er lässt Kit los und weicht zurück, von seinem eigenen Gefühlsausbruch überrascht.

Kit richtet sich auf. Sein spöttisches Grinsen ist noch breiter geworden. »Hab ich mir doch gedacht. Ein totales Weichei. Genau wie in der Schule.«

Er ist zu weit gegangen. Tiffin ist still und kaut vor sich hin, seine Augen sind traurig. Willa schaut ängstlich zu Lochan, zupft an ihrem Ohr und hat ihr Essen ganz vergessen. Lochan starrt auf die offene Tür, durch die Kit gerade verschwunden ist. Er wischt sich nervös die Hände an der Jeans ab, atmet einmal tief durch und dreht sich dann zu Tiffin und Willa. »Wisst ihr was? Lasst uns weiteressen.« Seine Stimme zittert von falscher Fröhlichkeit.

Tiffin starrt ihn ungläubig an. »Hättest du ihm echt was getan?«

»Nein!« Lochan wirkt auf einmal richtig schockiert. »Natürlich nicht, Tiff. Niemals! Ich würde niemals einem von euch wehtun! Nie!«

Tiffin scheint nicht ganz überzeugt, aber er beugt sich wieder über seinen Teller und isst weiter. Willa sagt nichts und leckt konzentriert alle ihre Finger sauber. In ihren Augen steckt ein stummer Groll.

Lochan setzt sich nicht wieder hin. Er steht etwas verloren da, kaut auf seiner Unterlippe herum, in seinem Gesicht arbeitet es. Ich lehne mich in meinem Stuhl zurück und lange nach seinem Arm. »Er wollte dich nur provozieren, wie immer …«

Er antwortet nicht, stattdessen holt er noch einmal tief Luft, schaut mich dann an und fragt: »Würdest du das hier für mich übernehmen?«

»Na klar.«

»Danke.« Er ringt sich ein aufmunterndes Lächeln ab und geht hinaus. Ein paar Minuten später höre ich, wie seine Zimmertür sich schließt.

Irgendwie kriege ich es hin, dass Tiffin und Willa ihre Portionen aufessen. Lochans fast unberührten Teller stelle ich in den Kühlschrank. Wenn Kit noch was will, soll er meinetwegen das alte Brot aus dem Küchenschrank haben. Willa stecke ich in die Badewanne, und den protestierenden Tiffin zwinge ich unter die Dusche. Nachdem ich das Wohnzimmer gesaugt habe, beschließe ich, dass es ihnen nicht schaden kann, heute einmal früh ins Bett zu gehen. Auf Tiffins wütenden Protest, dass noch nicht mal die Sonne untergegangen ist, reagiere ich nicht. Als ich beiden in ihrem Etagenbett einen Gutenachtkuss gebe, legt Willa die Arme um meinen Hals und drückt mich einen Augenblick fest an sich.

»Warum hasst Kit Lochie?«, flüstert sie.

Ich löse mich etwas aus ihrer Umarmung, um ihr in die Augen schauen zu können.

»Kit hasst Lochie nicht, mein Schatz«, sage ich. »Er hat in der letzten Zeit nur manchmal schlechte Laune.«

Vor lauter Erleichterung fängt sie zu weinen an. »Dann mögen sie sich also?«

»Natürlich mögen sie sich. Und wir mögen alle dich.« Ich küsse sie noch einmal auf die Stirn. »Und jetzt gute Nacht!«

Ich konfisziere Tiffins Gameboy und lasse die beiden noch ein Hörbuch anhören, dann gehe ich ans andere Ende des Flurs, wo eine Leiter zum schuhschachtelgroßen Speicher hinaufführt, und brülle zu Kit hinauf, dass er die Musik leiser drehen soll. Nachdem er sich im letzten Jahr immer wieder bitter darüber beschwert hatte, sich das Zimmer mit seinen jüngeren Geschwistern teilen zu müssen, hatte Lochan ihm dabei geholfen, den vorher ungenutzten winzigen Speicherraum von all dem Müll leer zu räumen, den frühere Bewohner des Hauses dort hinterlassen hatten. Zwar ist es zu niedrig, um aufrecht stehen zu können, aber es handelt sich um Kits eigenes Reich, sein kleines privates Nest, wo er die meiste Zeit verbringt, wenn er zu Hause ist. Die schrägen Wände hat er schwarz angestrichen und mit Postern von Rockstars behängt. Über die knarzenden Bodenbretter ist ein alter Perserteppich gelegt, den Lochan bei irgendeinem Trödler aufgetrieben hat. Man kommt nur über eine steile Leiter hinauf, und Tiffin und Willa ist es strengstens verboten, dort hochzuklettern, weshalb es sich für Kit um den perfekten Rückzugsort handelt. Die Musik verblasst zu einem monotonen Bass, als ich endlich die Tür zu meinem Zimmer hinter mir zuziehe und mit meinen Hausaufgaben anfange.

Im Haus ist Ruhe eingekehrt. Das Hörbuch dauert auch nicht mehr lange, und auf einmal erfüllt Stille die Luft. Mein Wecker zeigt zwanzig nach acht. Das goldene Licht des Spätsommers geht rasch in Dämmerung über. Es wird dunkel, die Straßenlampen schalten sich ein und werfen ein leichenblasses Licht auf das Übungsbuch, das vor mir aufgeschlagen liegt. Ich mache eine Textaufgabe zu Ende und merke danach, dass ich schon eine ganze Weile auf mein eigenes Spiegelbild im dunklen Fenster starre. Einem plötzlichen Impuls folgend, stehe ich auf und gehe auf den Flur hinaus.

Mein Klopfen ist zaghaft. Ich wäre an seiner Stelle wahrscheinlich aus dem Haus gerannt, aber Lochan ist anders. Er ist viel reifer, viel vernünftiger als ich. Kein einziges Mal in all den Nächten, seit Dad uns verlassen hat, ist er davongerannt – nicht einmal, als Tiffin sich die Haare mit Sirup vollgeschmiert hatte und dann ums Verrecken nicht in die Badewanne wollte, und auch nicht, als Willa stundenlang heulte, weil im Kindergarten jemand ihrer Puppe einen Irokesenschnitt verpasst hatte.

Doch in der letzten Zeit lief es immer häufiger nicht gut. Auch vor seiner akuten Pubertätskrise hat Kit jedes Mal einen Wutanfall bekommen, wenn Mum am Abend ausgegangen ist. Die Schulpsychologin sagt, dass er sich schuldig fühlt, weil Dad uns verlassen hat; dass er immer noch hofft, er würde eines Tages zurückkommen, und deswegen jeden anderen Mann, der Dads Stelle einzunehmen versucht, als eine große Bedrohung empfindet. Ich glaube, dass alles viel einfacher ist: Kit gefällt es nicht, dass die beiden Kleinen die ganze Aufmerksamkeit geschenkt bekommen, weil sie klein und süß sind, und Lochan und ich immer den Ton angeben, während er im Niemandsland dazwischensteckt, als Sandwichkind, dem der Komplize fehlt. In der Schule hat er sich jetzt den nötigen Respekt verschafft, seit er einer Clique angehört, die mittags aus der Schule schleicht, um draußen im Stadtpark heimlich Gras zu rauchen. Dafür stößt er sich jetzt zu Hause umso mehr daran, dass er hier immer noch als Kind behandelt wird. Wenn Mum abends nicht da ist, was zunehmend häufiger vorkommt, muss Lochan sie ersetzen, so war es schon immer. Lochan, auf den sie ständig alle Verantwortung ablädt, wenn sie länger arbeiten muss oder wenn sie mit Dave oder ihren Freundinnen ausgehen will.

Auf mein Klopfen kommt keine Antwort. Aber als ich dann die Treppe runtergehe, finde ich Lochan im Wohnzimmer schlafend auf dem Sofa. Ein dickes Schulbuch liegt aufgeschlagen auf seiner Brust, der Teppich ist mit vollgekritzelten Blättern übersät, lauter mathematische Gleichungen in seiner dünnen, krakeligen Schrift. Ich löse das Buch aus seinen Fingern, lege alle seine Sachen ordentlich auf den Couchtisch und breite ihm die Decke vom Fußende des Sofas vorsichtig über den Körper. Dann setze ich mich in den Sessel gegenüber, ziehe die Beine an, lege das Kinn auf die Knie und betrachte ihn im Schlaf. Von draußen fällt durch die vorhanglosen Fenster das weiche orangefarbene Licht der Straßenlaternen herein.

Bevor es in meinem Leben irgendetwas anderes gab, gab es immer schon Lochan. Wenn ich die ganze Zeit zurückdenke, alle sechzehneinhalb Jahre, war Lochan immer da. Er ging neben mir her zur Schule, er schob mich in halsbrecherischer Geschwindigkeit in einem Einkaufswagen über den leeren Parkplatz, er eilte mir zu Hilfe, als ich auf dem Pausenhof einmal die ganze Klasse gegen mich aufbrachte, weil ich Miss Superbeliebt aus meiner Klasse eine dumme Kuh genannt hatte. Ich erinnere mich noch genau, wie er damals dastand; mit geballten Fäusten und einem unglaublich stolzen Ausdruck im Gesicht forderte er alle anderen Jungen, obwohl ihm zahlenmäßig weit überlegen, zum Kampf heraus. Und mir war plötzlich klar, dass ich nichts und niemanden fürchten musste, solange ich Lochan hatte. Aber damals war ich acht. Seither ist viel Zeit vergangen, und ich bin älter geworden. Ich weiß jetzt, dass Lochan nicht immer da sein wird, dass er mich nicht für immer schützen kann. Und obwohl er vorhat, am University College in London zu studieren, und sagt, dass er weiter bei uns wohnen will, könnte es immer noch sein, dass er seine Meinung ändert. Er könnte erkennen, dass dies seine große Chance ist, all dem hier zu entkommen. Ein Leben ohne ihn habe ich mir bisher noch nie ausgemalt – genauso wenig wie ohne dieses Haus. Er ist mein einziger fixer Bezugspunkt in diesem schwierigen Leben, in dieser unsicheren und Angst machenden Welt. Der Gedanke daran, dass er von hier ausziehen könnte, jagt mir einen solchen Schrecken ein, dass ich einen Augenblick keine Luft bekomme. Ich fühle mich wie eine Möwe, der die Ölpest das Gefieder verklebt, mir ist, als würde ich im schwarzen Teer aus Angst ersticken.

Wenn er schläft, sieht Lochan wieder wie ein kleiner Junge aus – tintenbekleckste Finger, schmutziges graues T-Shirt, abgewetzte Jeans, barfuß. Die Leute sagen immer, wir sehen uns unglaublich ähnlich. Aber ich finde das gar nicht. Das fängt schon damit an, dass er als Einziger von uns hellgrüne Augen hat, so klar wie geschliffenes Glas. Seine fransigen, schulterlangen schwarzen Haare hängen ihm vorne tief in die Stirn. Seine Haut ist noch immer braun gebrannt vom Sommer, auch an den Oberarmen, die allmählich muskulöser werden, das kann ich selbst in dem schwachen Dämmerlicht erkennen. Sein Körper wird allmählich athletischer. Lochan ist erst spät in die Pubertät gekommen, und eine Zeit lang war ich sogar größer als er, womit ich ihn gnadenlos aufgezogen habe. »Mein kleiner Bruder« habe ich ihn immer genannt, was ich damals total lustig fand. Er hat das hingenommen und mit Fassung getragen, wie alles.

Aber in der letzten Zeit hat sich zwischen uns irgendetwas verändert. Obwohl er so wahnsinnig schüchtern ist, sind die meisten Mädchen aus meiner Klasse heimlich in ihn verliebt – worauf ich einerseits ganz klar stolz bin, andererseits macht es mich wütend. Lochan bringt es immer noch nicht fertig, ganz normal mit Gleichaltrigen zu reden; er lächelt kaum, sobald er das Haus verlässt, und hat immer, immer denselben abwesenden, gehetzten Blick, immer diese leichte Traurigkeit in den Augen. Zu Hause allerdings, wenn die Kleinen nicht zu schwierig sind oder wenn mir miteinander rumalbern und er sich entspannt fühlt, kommt manchmal ein ganz anderer Lochan zum Vorschein: einer, der gern Unfug macht, ein breites Lächeln mit tiefen Grübchen haben kann, humorvoll und selbstironisch ist. Aber selbst in diesen kurzen Augenblicken spüre ich, dass er eine dunkle, unglückliche Seite in sich trägt – den Lochan, der in der Schule und in der Welt draußen hart ums Überleben kämpft, einer Welt, mit der er sich aus irgendeinem Grund noch nie im Einklang gefühlt hat.

Ein Auto fährt mit laut knatterndem Auspuff auf der Straße vorbei und reißt mich aus meinen Gedanken. Lochan stößt einen leisen Schrei aus und schreckt verwirrt auf.

»Du bist eingeschlafen«, sage ich lächelnd zu ihm. »Ich finde, wir sollten Trigonometrie als neues Mittel gegen Schlaflosigkeit vermarkten.«

»Scheiße. Wie spät ist es?« Er wirkt einen Moment fast panisch, stößt die Decke fort, setzt sich aufrecht hin und fährt sich mit den Fingern durch die Haare.

»Gerade mal neun vorbei.«

»Was ist mit …?«

»Tiffin und Willa sind schnell eingeschlafen, und Kit ist damit beschäftigt, in seinem Zimmer ein wütender Teenager zu sein.«

»Okay.« Er entspannt sich sichtlich, reibt sich ein paarmal über die Augen und blinzelt schläfrig.

»Du wirkst total geschafft. Besser, du lässt das mit den Hausaufgaben heute mal sein und gehst auch ins Bett.«

»Nein, wird schon wieder.« Er deutet zum Bücherstapel auf dem Couchtisch. »Außerdem muss ich die alle vor dem Test morgen durchgearbeitet haben.« Er streckt die Hand aus, um die Lampe anzuknipsen, die ihren kleinen Lichtkreis auf den Teppich wirft.

»Du hättest mir sagen sollen, dass du morgen einen Test hast. Dann hätte ich heute Abend gekocht!«

»Dafür hast du dich um alles andere gekümmert.« Eine unbeholfene Pause. »Danke … danke, dass du sie auf ihre Zimmer verfrachtet hast.«

»Gern geschehen.« Ich gähne, drehe mich im Sessel zur Seite, sodass ich meine Beine über die Lehne baumeln lassen kann, und streiche mir die Haare aus dem Gesicht. »Vielleicht sollten wir von jetzt an Kits Essen auf einem Tablett vor seiner Tür abstellen. Wir könnten das Zimmerservice nennen. Als Maßnahme zur Förderung des Hausfriedens.«

Die Ahnung eines Lächelns ist auf seinen Lippen zu erkennen. Aber dann wendet er sich ab, um aus dem dunklen Fenster zu starren, und Schweigen breitet sich im Zimmer aus.

Ich hole energisch Luft. »Kit war heute echt ein kleines Arschloch. Was er da mit der Schule …«

Lochan erstarrt förmlich. Ich kann beinahe zusehen, wie seine Muskeln sich verkrampfen, während er da vor mir auf der Couch sitzt, einen Arm über die Lehne gelegt, einen Fuß auf dem Boden, den anderen unter den Körper gezogen. »Ich mach jetzt besser weiter …«

Ich habe den Hinweis verstanden. Ich würde gern noch etwas zu ihm sagen, etwas wie: Das ist doch alles nur Show. Die anderen kochen auch nur mit heißem Wasser. Kit hat sich jetzt zwar in der Schule mit einer Gruppe von Jungs umgeben, die auf jede Autorität pfeifen, aber die haben genauso Schiss wie alle übrigen; sie machen sich über andere lustig und hacken auf den Außenseitern rum, nur um sich selber zugehörig zu fühlen. Und ich bin auch nicht viel besser. Ich mag vielleicht selbstbewusst wirken und kann zu allem was sagen, aber die meiste Zeit lache ich über Witze, die ich gar nicht lustig finde, und sage Sachen, die ich gar nicht wirklich meine. Denn am Ende geht es uns allen doch nur darum: dazuzugehören, auf die eine oder andere Weise. Und deshalb versuchen wir um jeden Preis, so zu tun, als wären wir alle gleich.

»Dann gute Nacht! Und arbeite nicht mehr zu lange.«

»Nacht, Maya.« Und plötzlich lächelt er, sein Lächeln mit den Grübchen in den Wangen. Doch als ich mich in der Tür nach ihm umdrehe, blättert er schon in einem Buch und fährt dabei nervös mit den Zähnen über die wund gescheuerte rote Stelle unterhalb seiner Unterlippe.

Du glaubst, dass niemand dich versteht, möchte ich ihm gern sagen, aber du irrst dich. Ich verstehe dich. Du bist nicht allein.

Drittes Kapitel

Lochan

Unsere Mutter sieht in dem harten grauen Morgenlicht alt und verbraucht aus. Sie hält eine große Tasse Kaffee in der einen Hand, eine Zigarette in der anderen. Ihre blond gefärbten Haare sind ein einziges wirres Durcheinander, und ihr Lidstrich ist unter ihren müden Augen so verschmiert, dass er schwarze Halbmonde bildet. Unter ihrem rosa Seidenmorgenmantel hat sie ein Mininachthemd an. So abgestürzt, wie sie wirkt, scheint Dave heute Nacht nicht bei ihr geblieben zu sein. Ich kann mich nicht einmal erinnern, sie beide nachts gehört zu haben. Wenn sie mit ihm hierherkommt, was selten genug der Fall ist, hört man immer laut die Haustür hinter ihnen zuknallen, gedämpftes Gelächter, die Schlüssel fallen zu Boden, ein lautes Pssst!, noch mehr Poltern, dann hysterisches Kichern, während er versucht, sie huckepack die Treppe hochzutragen. Die anderen wachen davon gar nicht mehr auf, aber ich hatte immer schon einen leichten Schlaf, und ihre undeutlichen Stimmen lassen mich erst recht hinhören; ich kann gar nicht anders, selbst wenn ich die Augen angestrengt geschlossen halte und mich bemühe, das Stöhnen und die Schreie und das rhythmische Quietschen der Bettfedern, das aus dem Schlafzimmer meiner Mutter kommt, auszublenden.

Dienstag hat Mum frei, was bedeutet, dass sie sich wenigstens an diesem Tag um das Frühstück kümmern und die Kleinen in die Schule bringen kann. Aber es ist bereits Viertel vor acht, und Kit ist bisher nicht aufgetaucht, Tiffin frühstückt in Unterwäsche, und Willas Strümpfe sind schmutzig, was sie jedem laut erzählt. Ich hole Tiffins Schuluniform und zwinge ihn, sich erst fertig anzuziehen, bevor er sich wieder an den Küchentisch setzt, während Mum am Fenster steht und offensichtlich unfähig ist, etwas anderes zu tun, als ihren Kaffee zu trinken und ihre Zigarette zu rauchen. Maya macht sich auf die Suche nach frischen Strümpfen für Willa, und ich höre sie an Kits Tür klopfen und etwas von den möglichen Folgen für ihn brüllen, wenn er schon wieder zu spät in die Schule kommt. Zwischen zwei Zigaretten setzt Mum sich zu uns an den Tisch und macht Pläne fürs Wochenende, von denen ich weiß, dass sie sie nie in die Tat umsetzen wird. Willa und Tiffin schnattern aufgeregt los, schon voller Vorfreude, ihr Frühstück haben sie vergessen, und ich spüre, wie sich in mir alles anspannt.

»Ihr müsst in fünf Minuten aus dem Haus, beeilt euch jetzt mal mit dem Frühstück.«

Mum fasst mich am Handgelenk, als ich an ihr vorbeiwill. »Lochie, setz dich mal einen Augenblick hin. Nie haben wir Zeit, miteinander zu reden. Wir sitzen nie so alle zusammen am Tisch – wie eine richtige Familie.«

Mit einer unglaublichen Kraftanstrengung gelingt es mir, meinen Frust hinunterzuschlucken. »Mum, wir müssen in einer Viertelstunde in der Schule sein, und ich habe in der ersten Stunde einen Mathe-Test.«

»Mein kleiner Lochie, immer bist du so ernst!« Sie zieht mich auf den Stuhl neben sich und fasst mir mit der Hand unters Kinn. »Wenn du dich mal selber sehen könntest, immer blass und angestrengt, immer am Lernen. Als ich so alt war wie du, war ich das hübscheste Mädchen an der ganzen Schule – alle Jungs wollten mit mir ausgehen. Ich hab den Unterricht geschwänzt und ganze Tage im Park verbracht. Natürlich nie allein!« Sie zwinkert Tiffin und Willa verschwörerisch zu, die daraufhin in wildes Gekicher ausbrechen.

»Hast du deinen Freund damals auch auf den Mund geküsst?«, fragt Tiffin neugierig.

»Oh ja, und nicht nur auf den Mund.« Jetzt zwinkert sie mir zu und fährt sich mit einem koketten Lächeln durch die zerzausten Haare.

»Igitt!« Willa strampelt unter dem Tisch mit den Beinen und wirft angewidert den Kopf zurück.

»Hast du auch mit deiner Zunge seine Zunge abgeleckt, wie sie es immer im Fernsehen machen?«, fragt Tiffin nach.

»Tiffin!«, rufe ich. »Hör auf damit, und iss endlich deine Cornflakes.«

Widerwillig greift Tiffin nach seinem Löffel. Als Mum mit einem spöttischen Lächeln in meine Richtung nickt, fängt er breit zu grinsen an.

»Urgh, das ist ja eklig!« Er tut so, als würde es ihn heftig würgen.

In diesem Augenblick kommt Maya herein, die immer noch auf Kit einredet.

»Was ist eklig?«, fragt sie, während Kit mürrisch auf seinen Stuhl sinkt und den Kopf auf die Tischplatte knallen lässt.

»Das will keiner wissen«, sage ich schnell, aber Tiffin lässt sich nicht mehr bremsen und erzählt ihr alles.

Maya runzelt die Stirn. »Mum!«

»Na großartig«, schimpft Kit. »Das hat mir jetzt so richtig den Appetit verdorben.«

»Du musst etwas essen«, sagt Maya zu ihm. »Du bist noch im Wachsen.«

»Nein, ist er nicht, er wird jeden Tag kleiner!« Tiffin lacht.

»Sei still, du kleiner Scheißer.«

»Loch! Kit hat mich ›kleiner Scheißer‹ genannt!«

»Setz dich doch, Maya«, sagt Mum mit einem total künstlichen Lächeln. »Meine Kinder! Wie hübsch ihr alle ausschaut in euren Schuluniformen. Und wir frühstücken miteinander wie eine richtige Familie!«

Maya lächelt sie kurz an, während sie Butter auf einen Toast streicht und ihn dann auf Kits Teller legt. Ich spüre, wie mein Puls immer schneller schlägt. Ich kann nicht fort, bis nicht alle fertig sind, oder Kit wird mit großer Wahrscheinlichkeit mal wieder die erste Stunde schwänzen, und Mum wird Tiffin und Willa bis Mittag zu Hause behalten. Aber ich darf nicht zu spät kommen. Nicht der Mathe-Test ist der eigentliche Grund … Ich ertrage es nicht, zu spät zu kommen und von allen angestarrt zu werden.

»Wir müssen jetzt unbedingt los«, sage ich zu Maya. Sie redet immer noch auf Kit ein, der die Arme unter seinen Kopf geschoben hat und sich nicht rührt.

»Ach, warum sind meine Häschen am Morgen bloß so gestresst?«, ruft Mum. »Maya, sag deinem großen Bruder, er soll sich mal etwas entspannen! Schau ihn dir doch an …« Sie reibt meine Schulter. Ihre Hand brennt wie heißes Eisen durch den Stoff meines Hemds. »Total verkrampft.«

»Lochie hat in der ersten Stunde einen Test, und wir werden alle zu spät in die Schule kommen, wenn wir jetzt nicht etwas Dampf machen«, erwidert Maya.

Mum hält immer noch mein Handgelenk umklammert, sodass ich noch nicht mal meinen Kaffee trinken kann. »Das meinst du doch nicht ernst, Lochan? Du machst den ganzen Stress doch nicht wegen eines blödsinnigen Mathe-Tests? Es gibt viel wichtigere Dinge im Leben, weißt du? Ich möchte nämlich nicht, dass aus dir so ein Typ wie dein Vater wird, der die Nase immer in irgendeinem Buch vergraben hatte und ein erbärmliches Leben geführt hat, nur um so einen nutzlosen Doktortitel zu ergattern. Und was hat ihm das alles genützt? Dieses ganze Brimborium mit Cambridge? Ein verdammter Dichter ist er geworden! Als Straßenkehrer hätte er mehr Geld nach Hause gebracht!« Sie lacht verächtlich.

Kit hebt auf einmal seinen Kopf und fragt höhnisch: »Wann hat Lochan jemals einen Test verpasst? Darum geht es ihm doch gar nicht. Er hat nur Angst, als Letzter –«

Maya blickt so, als würde sie ihm mit dem Toast am liebsten den Mund stopfen. Ich entwinde mich Mums Klammergriff und sammle im Wohnzimmer hastig meine Sachen ein. Im Flur stoße ich mit Maya zusammen, die mir zuruft, dass ich ruhig los soll. Sie wird sich darum kümmern, dass Mum mit den beiden Kleinen rechtzeitig das Haus verlässt und Kit in die Schule geht. Ich drücke ihr dankbar den Arm, dann bin ich auch schon weg und renne die leere Straße entlang.

Ich erreiche die Schule kurz vor knapp. Ein riesiges Betongebäude, das seine Fangarme in die Umgebung ausstreckt und andere, kleinere Gebäude durch überdachte Verbindungswege und endlose unterirdische Gänge an sich krallt. Ich schaffe es gerade noch in den Mathematikraum, bevor der Lehrer hereinschlurft und anfängt, die Zettel auszuteilen. Nach meinem 800-Meter-Sprint kann ich kaum mehr etwas sehen, zwei rote Flecken tanzen vor meinen Augen. Mr Morris bleibt neben mir stehen, und ich kriege fast keine Luft mehr.

»Alles in Ordnung mit Ihnen, Lochan? Sie sehen aus, als hätten Sie gerade einen Marathon hinter sich.«

Ich nicke hastig und greife, ohne aufzusehen, nach dem Zettel.

Der Test beginnt, und Stille breitet sich im ganzen Raum aus. Ich liebe Prüfungen. Ich habe Prüfungen immer gemocht, egal welche. Solange sie in schriftlicher Form sind. Solange sie die ganze Unterrichtsstunde ausfüllen. Solange ich nicht sprechen oder von meinem Blatt Papier aufschauen muss, bevor die Glocke schrillt.

Ich weiß nicht, wann es angefangen hat – diese Sache –, aber es wird immer stärker, erdrückt und erstickt mich wie giftiger Efeu. Ich bin da irgendwie hineingewachsen. Es ist in mich hineingewuchert. Wir verschwammen an den Rändern ineinander, wurden zu einem amorphen, einsickernden, immer tiefer krabbelnden Ding. Manchmal gelingt es mir, mich abzulenken, mich auszutricksen, mich loszureißen, mich davon zu überzeugen, dass mit mir alles in Ordnung ist. Zu Hause zum Beispiel, mit meinen Geschwistern, da bin ich wieder ich selbst, da kann ich ganz normal sein. Bis das gestern Abend passierte; bis das Unvermeidliche geschehen ist; bis sich durch Kit auch dorthin die Nachricht herumgesprochen hat, dass Lochan Whitely ein völlig verhaltensgestörter Sozialspastiker ist. Obwohl Kit und ich nie besonders gut miteinander klargekommen sind, breitet sich bei dem Gedanken, dass er sich für mich schämen könnte, ein schier unerträgliches Gefühl der Verzweiflung in mir aus. Mir ist, als würde auf einmal der Boden unter meinen Füßen wegkippen. Ich fühle mich, als befände ich mich auf einem glitschigen Abhang und rutschte unaufhaltsam in die Tiefe. Ich weiß, wie es ist, sich für jemanden, der einem nahesteht, zu schämen – wie oft habe ich mir gewünscht, meine Mutter würde sich, wenn schon nicht zu Hause, wenigstens in der Öffentlichkeit ihrem Alter entsprechend verhalten. Es ist grässlich, sich für jemanden zu schämen, den man mag; es frisst einen auf. Und wenn man dieses Gefühl überhandnehmen lässt, wenn man die Waffen streckt und aufgibt, dann wandelt sich die Scham schließlich in Hass.

Ich will nicht, dass Kit sich für mich schämen muss. Ich will nicht, dass er mich hasst, obwohl ich manchmal das Gefühl habe, dass ich ihn hasse. Aber dieses kleine, chaotische Bündel aus Wut und Trotz ist immer noch mein Bruder. Er gehört zu meiner Familie. Familie: wichtiger als alles. Meine Geschwister machen mich manchmal wahnsinnig, doch sie gehören zu mir. Sie sind alles, was ich habe. Meine Familie, das bin ich. Sie sind mein Leben. Ohne sie wäre ich einsam und verlassen.

Alle anderen Menschen um mich herum sind Fremde, sie gehören nicht dazu. Sie werden sich nie in Freunde verwandeln. Und selbst wenn sie das täten, wenn es mir durch irgendein Wunder plötzlich gelingen würde, zu jemandem außerhalb der Familie eine Beziehung aufzubauen – wie könnte so jemand mit den Menschen mithalten, die meine Sprache sprechen und wissen, wer ich bin, ohne dass ich es ihnen erklären muss? Selbst wenn es mir gelänge, den Augen der anderen zu begegnen, selbst wenn es mir gelänge, mit ihnen zu reden, ohne dass die Wörter sich mir in der Kehle zusammenklumpen und es nicht bis nach draußen schaffen, selbst wenn ihre Blicke mir nicht Löcher in die Haut brennen und in mir den Wunsch auslösen würden, eine Million Kilometer davonzurennen – wie könnten sie mir jemals so wichtig sein wie meine Brüder und meine Schwestern?

Die Glocke klingelt, und ich bin einer der Ersten, der aufsteht, um abzugeben. Als ich an den Tischreihen der anderen Schüler vorbeigehe, habe ich das Gefühl, dass sie alle hochblicken und mir nachsehen. Einen Moment lang sehe ich mich durch ihre Augen: der Junge, der sich immer ganz hinten im Klassenzimmer versteckt, der nie spricht, der in den Pausen immer allein auf einer der Treppen draußen sitzt, über ein Buch gebeugt. Der Junge, der nicht weiß, wie man mit anderen redet, der stumm den Kopf schüttelt, wenn er im Unterricht aufgerufen wird, der nie in einer Arbeitsgruppe mitmacht oder ein Referat hält. Das geht nun schon so viele Jahre so, dass sich alle daran gewöhnt haben. Sie lassen mich einfach in Ruhe. Als ich neu hierhergekommen bin, haben sie mich dauernd damit aufgezogen und provozieren wollen, aber irgendwann hatten sie genug davon. Manchmal bemüht sich ein neuer Schüler, mit mir ein Gespräch anzufangen. Und ich habe es versucht, ich habe es wirklich versucht. Aber wenn man nicht mehr als einsilbige Antworten zustande bringt, wenn einem schließlich die Stimme ganz versagt, was soll man dann noch tun? Was sollen die anderen dann noch tun? Und mit Mädchen ist es noch viel schlimmer, erst recht in der letzten Zeit. Sie versuchen es hartnäckiger, sie haben viel mehr Ausdauer. Manche fragen mich sogar, warum ich nichts rede. Als ob ich darauf eine Antwort geben könnte. Sie versuchen, mit mir zu flirten und mir ein Lächeln zu entlocken. Sie meinen es gut, aber sie begreifen nicht, dass ihre bloße Gegenwart mich fast schon umbringt.