Forest - Anna C. Naumann - E-Book

Forest E-Book

Anna C. Naumann

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Beschreibung

Wer hat die Herberge im Wald abgefackelt? Wer hat die beste Freundin der siebzehnjährigen Allegra entführt? Wer ist der maskierte Mann, der hier sein Unwesen treibt und auch Allegra in Gefahr bringt? Oder ist es eine Frau? Etwa 80 Jahre nach einer großen Katastrophe leben Allegra und ihre Freunde ein abenteuerliches Leben in einer kleinen Stadt und dem Wald, der sie umgibt. Ein fremder Gouverneur versucht die Region zu beherrschen und möchte Allegra heiraten, die aber einen anderen liebt. Neben Rebellen, die die Gegend befreien wollen, gibt es auch Räuber, die die Menschen in Angst und Schrecken versetzen. Kunst und Kultur sind verboten in dem Land – aber ein junger Mann, Antonio, taucht auf, der diese Verbote ignoriert.

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MOBI

Seitenzahl: 573

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Anna C. Naumann

Forest

Liebe und Abenteuer in Licht und Schatten

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Inhaltsverzeichnis

1│ FEUER

2│ SICH VERLIEBEN

3│ JU LE

4│ DER BALL

5│ DIE VERFOLGUNGSJAGD

6│ DAS ABENTEUER Teil Eins

7│ DAS ABENTEUER Teil Zwei

8│ NACH HAUSE KOMMEN

9│ NACHWORT

Impressum neobooks

Inhaltsverzeichnis

Anna C. Naumann

Forest

Liebe und Abenteuer

in

Licht und Schatten

Anna C. Naumann

Forest

Liebe und Abenteuer

in

Licht und Schatten

Impressum

Texte: © 2018 Anna C. Naumann

Umschlag: © Anna C. Naumann

Verlag: Anna C. Naumann

Dianastr. 38

D-14482 Potsdam

E-Mail: [email protected]

Website: www.annacnaumann.de

Druck:

epubli, ein Service der neopubli GmbH, Berlin

Printed in Germany

Für Christin und Arthur

Be thou the rainbow to the storms of life.

The evening beam that smiles the clouds away,

And tints tomorrow with prophetic ray.

LORD BYRON

1│ FEUER

Sie geht in Schönheit wie die Nacht

So wolkenlos und sternenvoll.

Dunkel und Licht als starke Macht

Durchdringen sie in Dur und Moll.

Während der dichte Nebel Allegra vor den Blicken der anderen verbarg, die ihr langsam folgten, begann sie zu singen. Ihre helle Stimme durchdrang die Luft so mühelos, wie manche Sterne den dunklen nächtlichen Himmel mit ihren Strahlen durchfunkeln können. Der Morgen verabschiedete die Nacht. Neben dem Mädchen sprang die Wildkatze Chouette herum und es schien, als ob sie nach Allegras Melodie tanze, aber in Wirklichkeit war die kleine graue Katze nur darum bemüht, den großen Pfützen auf der Straße auszuweichen um ihre Pfoten trocken zu halten. Ein paar Tage vorher hatte es heftig geregnet. Vögel kamen näher, um der Musik zu lauschen aber natürlich nicht zu dicht, wegen der Katze - und einige Zweige alter Tannen raschelten rhythmisch im leichten Wind. Der ganze neblige Wald schien der magischen Musik zu lauschen, die sich zwischen den Lippen der bezaubernden jungen Frau entfaltete.

Keiner anderen aller Schönen

Gehorcht Magie wie dir.

Wie Melodien auf Wassern tönen

Klingt diese Stimme mir.

„Was machst du, Allegra, sei still. Es gibt Räuber und Schlimmeres in diesem Wald. Sie alle könnten dich hören und uns angreifen“, unterbrach Quinn, der inzwischen näher gekommen war, das Lied mit ängstlicher Stimme.

Plötzlich aus ihrem fabelhaften Traum gerissen, in den die Musik sie versetzt hatte, drehte sich Allegra herum und fixierte den Assistenten ihres Vaters, Quinn, und seine schreckgeweiteten Augen.

„Wo soll ich denn sonst singen? In der Stadt ist es nicht erwünscht und selbst hier im Wald scheint es schwierig zu sein“, antwortete Allegra, ärgerlich über die Unterbrechung. „Das ist nervig.“

„Quinn, schreien Sie die junge Lady nicht so an“, sagte Fofo, völlig außer Atem.

„Romantische Lieder in diesem mysteriösen Nebel zu singen, kann uns allen Unglück bringen“, flüsterte Quinn abergläubisch.

„Angst vor dem Übernatürlichen, Quinn? Blödsinn“, bemerkte Fofo mit einem feinen Lächeln zu Allegra, das sie nicht erwiderte.

„Romantische Lieder sind aufregend, das ist alles.“ Das Mädchen war nahe daran, die Geduld zu verlieren.

„Ich denke, sie schmelzen alle Urteilskraft aus deinem Gehirn heraus, sozusagen. Das kann nicht gesund sein“, informierte Fofo Allegra über seine Meinung, ohne dass sie ihn darum gebeten hätte.

Inzwischen erreichte Foster, Allegras Vater, die kleine Gruppe.

„Ich bin sehr beunruhigt über die Konsequenzen, die diese Lieder für die Entwicklung deines gesunden Menschenverstandes haben werden, meine Tochter.“

Allegra rollte die Augen nach oben und drehte sich weg. Immer dasselbe. Sie verdarben ihr jeden fröhlichen Moment und versuchten, sie immerzu in schlechte Laune zu versetzen.

„Glücklicherweise werden wir bald bei Tante Paula ankommen, sie ist nicht so ein Superlangeweiler wie du, Papa“, maulte Allegra, die die Besuche bei der alten Tante immer sehr genoss, die eine sehr inspirierende Lady war.

Plötzlich hörte Chouette auf herumzuhopsen, stellte ihre Ohren hoch und begann ihr Fell aufzusträuben, bis sie aussah wie ein irgendwie zarter Igel. Offensichtlich hatte sie etwas Merkwürdiges im Wald gerochen oder gehört.

„Was ist los, Chouette?“ wollte Allegra wissen, obwohl es ihr klar war, dass Katzen nicht sprechen können.

Einige Minuten später wurde der Grund für Chouettes Verhalten für alle sichtbar. Nach der nächsten Kurve sollte eigentlich eine Forstherberge auftauchen, die Einzige weit und breit. Aber das passierte nicht. An dem Punkt, wo die Gaststätte normalerweise immer war, erblickten die erstaunten Augen der vier Personen ein enormes Feuer. Diese unerwartete Aussicht machte alle für einen Moment sprachlos. Was war denn hier los? Nachdem sie sich von dem ersten Schock erholt hatten, drückten drei von ihnen ihre verschiedenen Verdachtsmomente aus.

„Rebellen!“ schrie Fofo.

„Die dunkle Kraft!“ flüsterte Quinn.

„Wilderer!“ meinte Allegra bestimmt.

„Warum sollten Wilderer eine Kneipe anzünden? Das ergibt keinen Sinn!“ lachte Fofo.

Allegra blickte bewegungslos in das Feuer, mit einem unbeschreiblichen Ausdruck von Horror tief in ihren wunderschönen Augen, die im Moment nur aus zwei großen schwarzen Pupillen zu bestehen schienen und hielt Chouette fest an ihr Herz gepresst, die außerordentliche Angst vor Feuer zeigte, wie das Katzen im allgemeinen so an sich haben.

„Soweit ich sehen kann, gibt es hier keinen Beweis eines Verbrechens. Es war vielleicht einfach ein Unfall, diese Holzbauten können schon durch einen Funken vom Herdfeuer in Brand geraten“, bemerkte Foster schließlich, offensichtlich um seinen gesunden Menschenverstand erneut unter Beweis zu stellen.

Aber ein unheimliches Geheul von Wölfen, gefolgt vom Geräusch eines Schusses, machte die Situation noch seltsamer. Voller Unruhe klammerte sich Chouette an Allegra, und das Mädchen versuchte sie zu beruhigen, indem sie ihr graues Fell streichelte.

„Wie ich gesagt habe – Wilderer.“

Plötzlich löste sich ein Mann aus dem Feuer und begann in die Richtung der vier Menschen zu laufen. Er brannte lichterloh wie eine Fackel.

„Hilfe!“ war seine einzige Reaktion.

Geistesgegenwärtig stellte Allegra ihm ein Bein, so dass er plötzlich in eine der vielen Pfützen fiel, während die anderen wie angewurzelt stehenblieben, um sich zunächst von dem Schock über beides zu erholen, den brennenden jungen Mann und das wie eine erfahrene Erwachsene handelnde Mädchen, tapfer und am Ende erfolgreich. Weil die Pfütze tief war und der Moment glücklich, ging das Feuer sofort aus.

„Oh danke“, waren die einzigen Worte, die er sagen konnte, bevor er ohnmächtig wurde.

Sie beugte sich zu ihm nieder und hob für alle Fälle seinen Kopf aus dem Wasser. Die anderen brachten ihn zu einem moosbedeckten Fleck in der Nähe, und legten ihn vorsichtig hin. Er war sehr jung und ziemlich gutaussehend, mit seinen langen dunklen Locken, die sein bleiches Gesicht umrahmten. Was vor einigen Minuten wie die Hölle gebrannt hatte, war vor allem sein Rucksack – jetzt pechschwarz. Sein ganzer Körper mit den abgetragenen Sachen war gänzlich unberührt von den Flammen – nur pitschnass. Augenfällig lebte er, denn sein Brustkorb hob und senkte sich sanft und rhythmisch. Er trug dunkelbraune Hosen und ein blaues Jackett mit silbernen Knöpfen. Offensichtlich ein Handwerker. Sanft berührte sie einen der glitzernden silbernen Knöpfe mit den Fingern ihrer rechten Hand, als ein etwas rundes Ding aus seiner Jackentasche rollte und ihren Blick anzog. Sie hob es auf, ohne Zweifel war es aus purem Gold, kein Ball, wie sie im ersten Moment dachte, sondern ein Kiefernzapfen. Ein goldener Kiefernzapfen machte irgendwie keinen Sinn, war aber sicher von einigem Wert. Ihre schlanken Finger bedeckten den Zapfen und steckten ihn in eine der Taschen ihres Rockes. Für alle Fälle, man kann ja nie wissen. Es war nicht ihre Absicht, ihn zu stehlen, sondern sie wollte ihn einen Moment aufbewahren und später dann zurückgeben.

Ganz offensichtlich hatten die Leute in der Stadt die Flammen im Wald auflodern sehen, denn sie kamen herbei, auf Pferden, in Kutschen und Karren, um das Feuer zu löschen. Fofo hatte eine Feuerwehr etabliert, eine der ersten im ganzen Land, und nun war er sehr stolz, sie das allererste Mal wirklich in Aktion zu sehen. Sie brachten an die fünfzig Eimer mit und bauten eine Menschenkette von dem Brunnen bis zum Haus, dann gaben sie die wassergefüllten Eimer von Hand zu Hand weiter, bis jeder Einzelne den letzten Mann erreichte, der den Inhalt in das Feuer goss. Die Flammen verlöschten ziemlich schnell und einige Reste des hölzernen Hauses schimmerten jetzt malerisch durch den Nebel, der in der mittäglichen Herbstsonne aus dem Wald aufstieg.

Die Männer hofften, niemand in dem verbrannten Haus zu finden, denn Überlebende würde es bei der Heftigkeit des Feuers schwerlich geben. Die Bewohner, zwei Erwachsene und drei Kinder, hatten sich sicherlich rechtzeitig retten können. Aber warum waren sie nirgendwo in der Nähe zu sehen?

Während die Männer im Wald nahe des Hauses nach Indizien oder Überlebenden suchten, kümmerte sich Allegra um den jungen Mann. Inzwischen hatte er das Bewusstsein wiedererlangt und begann, in den nassen Sachen zu zittern.

„Wo bin ich?“ seine Augen erblickten das Mädchen vor ihm.

Allegra sah bezaubernd aus mit ihren langen dunkelblonden Haaren, die in der Sonne glitzerten, als ob sie mit zahllosen kleinen Diamanten dekoriert worden wären. Ihre Augen funkelten in allen möglichen Varianten von Grün, was sehr aufgeregt wirkte, obwohl sie simultan dazu auch tiefe Sorge um den jungen Mann zum Ausdruck brachten.

„Du bist hier im Wald, mit mir. Ich heiße Allegra.“

„Dann bin ich im Himmel. Ganz offensichtlich bist du ein Engel“, sagte er mit sehnsuchtsvollem Blick. Aber plötzlich füllte Furcht seine Augen, die sich in Entsetzen wandelte.

„Dann bin ich jetzt also tot.“

„Nein, nein, du bist ziemlich lebendig“, lachte sie. „Glücklicherweise. Allerdings hättest du auch tot sein können, denn es gab ein Riesenfeuer, das das ganze Haus niedergebrannt hat. Aber ich habe dich vor dem Verbrennen gerettet, indem ich dich in eine Pfütze schubste. Nun bist du nass und wirst dir eine Erkältung holen, wenn du deine Sachen nicht wechselst.“

„Gott sei Dank! Oder dir sei Dank! Oder beiden! Ich heiße Antonio und will nach Cervin, komme von Italien. Wo ist überhaupt mein Rucksack? Da ist was Bedeutsames drin, ich brauche es dringend.“

Der tropfnasse junge Mann guckte intensiv umher, bis seine Augen auf ein schwarzes Bündel fielen, das aus undefinierbaren Stücken mit heftigen Brandflecken bestand. Könnte das vielleicht sein früher so wertvoller Rucksack sein? Er sah so verdutzt aus, dass Allegra gegen ihren Willen lachen musste.

„Was kann denn schon so kostbar an einem Rucksack sein? Dein Leben ist doch wohl wichtiger“, lächelte sie und nahm aus einer der nebenstehenden Kutschen eine Decke für ihn, so dass er seine nassen Klamotten loswerden konnte. Inzwischen hockte sich Antonio über die Reste seines Rucksackes und rumorte verzweifelt mit seinen nackten Händen in dem verkohlten Plunder herum, als ob er dort einen Schatz vermutete. `Vielleicht sucht er den goldenen Kiefernzapfen, ` dachte Allegra schuldbewusst. Beinahe wollte das Mädchen ihm den Schatz zurückgeben, aber in diesem Moment fand Antonio wonach er gesucht hatte – Pinsel und Farben, unzerstört in einer kleinen Metallkiste. Sofort stand er auf und schwang die Sachen mit seinen Händen hin und her, wie ein Monarch aussehend, der mit den Zeichen seiner Würde winkt. Sie musste schon wieder gegen ihren Willen lachen, denn er wirkte so lustig in seinen nassen und schmutzigen Sachen – Gesten machend wie ein König. Schließlich packte er die Dinge sorgfältig ganz tief in seine Taschen, nahm eine wollene Decke aus ihren Händen und zog Hosen und Hemd mit all den anderen nassen Sachen aus, um einige Sekunden später wie ein indianischer Häuptling in seinem Poncho umherzublicken.

„Was ist so besonders an Pinsel und Farben?“ fragte sie ihn. „Man kann sie doch überall bekommen.“

„Diese nicht“, sagte er wortkarg.

Plötzlich begann Chouette in den Wald zu rasen, als ob eine Horde Hunde sie jagen würde. Ein Grund dafür war weit und breit nicht zu erkennen. Allegra konnte nichts dagegen machen, nichts anderes, als sich über das eigenartige Verhalten der Katze zu wundern. Hoffentlich würde das seltsame Tier seinen Weg zurück nach Hause finden. Das Mädchen war gewöhnt an die Katze und würde leiden, wenn sie verloren gänge.

„Was ist so besonderes an einer Katze?“ fragte Antonio, die Reaktion des Mädchens beobachtend. „ Man kann sie überall bekommen.“

„Diese nicht“, antwortete Allegra mit einem Lächeln – nur um ihre Lippen.

Ein fürchterlicher Krach, offensichtlich verursacht durch ein Stück herunterfallendes Holz in dem fast zerstörten Haus - gefolgt durch den Aufschrei einer Person, schreckte sie aus ihrer Unterhaltung auf.

„Vater, Vater!“ schrie Allegra voller Angst und rannte in die Richtung des Hauses, Antonio folgte ihr.

Der Nebel hatte sich verzogen. Aus einem fast wolkenlosen Himmel schien die Sonne auf diesen Platz der Zerstörung, als ob sie das was übrig geblieben war streicheln wollte. Vorsichtig gingen die beiden in die Reste des hölzernen Gasthauses und fanden Robin Foster und die anderen, die zwei Überlebenden des Brandes helfen wollten. Es war grauenhaft! Allegra konnte kaum atmen, weil die Luft voll von durchdringendem kaltem Rauch war. Ihr Vater und die anderen kümmerten sich um die zwei wimmernden Gestalten in einer Ecke des Raumes, aber bevor Allegra nachsehen ging, blieben ihre Augen an einem Häufchen menschlicher Überreste hängen, die sich kurz vor ihr befanden. Das konnte doch wohl nicht wahr sein! Es war inzwischen Mittag, mitten am Tag, das Feuer hatte niemanden während des Nachtschlafes erwischt. Es musste am Morgen ausgebrochen sein. Jeder hätte rechtzeitig in den Wald oder in die frische Luft entwischen können, wie Antonio. Sichtlich mitgenommen, war Robin Foster bleich wie ein Geist.

Zuerst wollte sie es nicht wahrhaben – aber dann erinnerte sie sich an die Schuhe. Sie waren nicht so stark verbrannt wie die anderen Sachen und so konnte Allegra die besonders wertvollen Schuhe von Mary erkennen, auf die die Frau so stolz gewesen war – und die alten, ausgetretenen Lederstiefel von Paul auch. Es gab keinen Zweifel, Mary und Paul Schmidt, die Besitzer der Forstgaststätte waren lebendig verbrannt – fast nicht mehr identifizierbar. Allegra kämpfte mit den Tränen. Sie hatte das Paar so sehr gemocht und dachte daran, wie sie in der kleinen Herberge, die sie ab und zu mit ihrem Vater während der Wanderungen - vom Forsthaus in die Stadt und zurück – besucht hatte, viele glückliche Stunden verlebte. Wie konnte so etwas nur passieren. Das war doch sicherlich kein Unfall! Aber warum hatten die Feuerwehrleute erzählt, dass niemand im Haus gewesen sei?

Allegra kämpfte mit den Tränen und verließ das Haus, um zwischen den Bäumen des Waldes etwas zur Ruhe zu kommen. Antonio folgte ihr. Plötzlich fiel sein Blick auf einen Baum mit einer Inschrift. Jemand hatte etwas Rinde abgeschabt um eine Botschaft zu hinterlassen. Einen Satz und eine furchteinfößende Maske.

Wir haben Jessica gefangen und werden euch alle kriegen!

„Wer ist Jessica?“ fragte Antonio.

Allegras Hand begann zu zittern, als ihre Finger über die Inschrift strichen.

„Sie ist die Tochter von Mary und Paul“, Allegra machte eine kurze Geste in Richtung der toten Körper im verbrannten Haus und ihre Tränen begannen jetzt ungehindert zu fließen.

„Was ist hier los?“ fragte Antonio, weil ihm die ganze Situation etwas unheimlich wurde. Gleichzeitig wollte er Allegra beruhigen, indem er versuchte, ihre Hand zu ergreifen, was sie aber nicht zuließ.

„Wir haben Feinde“, erklärte sie, „es gibt hier Räuber, Rebellen und Wilderer in diesem Wald und einige glauben sogar, dass unser Forst durch eine böse Kraft verflucht wurde, aber ich selbst bin nicht abergläubisch.“

„Was meinst du, wer könnte das alles getan haben?“ Antonio wusste, dass er dem ganzen Verhängnis nur mit der Hilfe von Allegra entkommen war – und auch nur um ein Haar.

„Ich habe nicht die leiseste Idee – übrigens – ich kann überhaupt nicht richtig nachdenken im Moment“, flüsterte sie.

Antonio wollte sie trösten, aber er wusste nicht wie. Sie erschien so zerbrechlich im Moment, so verletzlich, ohne irgendeine Art von Schutz. Aber er selbst war ein mittelloser Fremder, fast gänzlich pleite und sicher nicht der tapferste seiner Art, auch wenn er nicht total feige war. Er versuchte, ihr in die Augen zu schauen, aber sie konnte den Blick nicht von der bizarren Maske abwenden. Vom Grund seines Herzens wollte er ihr alles geben was er hatte, aber er fühlte, dass das nicht genug sein würde, um sie vor der offensichtlichen Gefahr, die hier überall zu lauern schien, zu retten. Schließlich atmete sie tief durch und warf ihm einen Blick zu, der ihn bis in seine kleinste Zelle vibrieren ließ. Antonio kopierte die furchterregende Botschaft in sein Notizheft.

Nun gingen sie zu den anderen, die bisher nicht auf Antonio und Allegra geachtet hatten, weil sie um Joshua und Susan bemüht waren. Glücklicherweise hatten die beiden Kinder von Mary und Paul wenigstens überlebt, wenn auch grauenhaft verletzt. Allegra wollte ihren Augen nicht trauen und begann vor Entsetzen zu zittern, als sie bemerkte, dass Susan in ihrem früher so hübschen Gesicht zwei blutige Löcher hatte. Das 16 Jahre alte Mädchen klammerte sich an ihren Bruder, der nicht dasselbe tun konnte, weil seine Arme in zwei blutige Stumpen verwandelt worden waren – seine Hände waren ganz offensichtlich nicht mehr zu sehen. Das war zu viel und Allegra kippte ohnmächtig in die Arme Antonios, der bleich wie ein Geist aussah.

*

Nur das Licht aus dem Kamin und einige Kerzen erleuchteten die Gesellschaft, die sich in Paula Fosters großer Wohnung – ganz oben im schönsten Haus Cervins gelegen - versammelt hatte, um ihren Geburtstag zu feiern. Die alte Lady, die von jedermann einfach Tantie genannt wurde, legte sehr viel Wert auf Stilvolles – und so sah hier alles gemütlich und bequem aus, ohne etwa angeberisch oder übertrieben zu wirken. Jedoch stand sie nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit, obwohl sie 75 wurde und immerhin zehn Jahre jünger wirkte, sondern alle diskutierten die Ereignisse im Wald und deren mögliche Hintergründe.

„Ich bin einfach nicht in der Lage, mir die Situation vorzustellen. Wer könnte dieses schreckliche Verbrechen denn nur verbrochen haben?“ fragte Tantie, während sie mit einer Art Stock im Feuer herumstocherte.

„Hör auf damit, Tantie!“ sagte Allegra irritiert, weil sie den Blick auf aufflammendes Feuer seit dem fürchterlichen Ereignis im Wald schwer ertragen konnte.

„Ich wollte niemanden ängstigen, am wenigsten dich, Allegra, es tut mir leid“, versicherte Paula überzeugend, weil jeder der Anwesenden an ihre kindliche Natur glaubte. Manchmal gab sie sich nur etwas bizarr, um Aufmerksamkeit zu erregen.

„Es halten sich Rebellen in dem Wald auf, das wisst ihr doch alle. Sie sind gefährlich und wollen Recht und Ordnung zerstören, “ bemerkte Fofo mit strenger Stimme, um seine Meinung zu unterstreichen, dass es Rebellen waren, die die Herberge angezündet hatten, die Besitzer umbrachten und deren Kinder verstümmelten.

„Das glaube ich nicht“, konterte Allegra mit selbstbewusster Stimme. „Wer droht uns laufend mit Bestrafung durch Blenden oder Handabhacken? Kann mir das einer sagen? Wer?“

Alle schauten eine ganze Weile ziemlich ratlos umher, bis sie schließlich auf Fofo starrten.

„Aber ich habe solcherart Bestrafung niemals durchführen lassen. Niemals. Das war nur als Drohung gedacht. Die Leute müssen schließlich dem Gesetz gehorchen. Ich habe so etwas niemals wirklich umgesetzt. Niemals.“ Fofo versuchte, seinen Blick vorwurfsvoll erscheinen zu lassen, aber tief in seinen Augen flackerte Unsicherheit auf.

„Das Gesetz sind Sie. Das war`s. Welch enorme Arroganz!“ Allegras Stimme zitterte etwas.

Fofo blickte Allegra an, als ob er sie zum ersten Mal wirklich zur Kenntnis nehmen würde. Das war der Grund, warum er sie so sehr liebte, in der Art, wie er Liebe verstand. Er schätzte Mut, mehr als andere Dinge in der Welt. Es würde enormes Vergnügen bereiten, den Willen einer solchen Frau zu brechen.

Mit einigem Unbehagen beobachtete Robin Foster, wie ein seltsames Glitzern in den Augen von Fofo auftauchte. Keineswegs würde es ihm gefallen, seine Tochter in den Händen eines solchen Mannes zu sehen. Um ehrlich zu sein, er würde sie am liebsten gar nicht verheiraten. Tantie war das beste Beispiel für Glück und Langlebigkeit einer unverheirateten Frau. Und außerdem, Robin hatte seine Ehefrau während eines Unfalls verloren, als Allegra vier Jahre alt war, und er wollte seitdem nie wieder heiraten. All seine Aufmerksamkeit richtete er auf sein liebstes einziges Kind.

„Aus meiner Sicht waren Räuber oder Wilderer die Kriminellen, die diese verdammungswürdige Untat begangen haben. Ich denke, ich werde in der Lage sein, sie gefangen zu nehmen“, sagte Robin Foster, um das Thema zu wechseln, denn er wollte seine Tochter im Moment aus dem Fokus der Aufmerksamkeit ziehen.

Allegra war nahe daran zu widersprechen, wurde aber sofort von Tantie unterbrochen, weil diese jede Unannehmlichkeit vermeiden wollte, das war generell ihr Bestreben - aber ganz besonders natürlich an ihrem Geburtstag.

„Ich bin stolz auf dich“, sagte sie zu Robin, wobei nicht ganz klar wurde, wieso. Im nächsten Moment wandte sie sich an Antonio, der ein bisschen abseits neben dem Kaminfeuer saß und etwas in sein Notizbuch schrieb. „Wie war noch einmal Ihr Name, junger Mann?“

„Antonio“, kam die kurze Antwort.

„Ach ja, Antonio. Würden Sie so nett sein und uns etwas aus Ihrem Leben erzählen, von Ihren Abenteuern? Sie sind doch gerade aus Italien gekommen. Ich habe gehört, Sie haben Allegra aus dem Feuer gerettet?“

„Nein, das war umgekehrt, Tantie“, warf Allegra schnell dazwischen.

„Ich versichere, ich werde dich retten, wenn eine ähnliche Situation je auftauchen sollte. Ich werde dich wahrscheinlich aus jeder Gefahr in dieser Welt erretten wollen“, versprach der junge Mann, wobei ihm die Röte ins Gesicht schoss.

Nicht nur, dass Allegra ihm sofort glaubte, sie fühlte tief in ihrem Herzen ein starkes Echo auf seine Worte, als ob sie diese schon einmal zuvor gehört hätte. Sie ging herüber zu ihm und wollte einen Blick in sein Notizbuch werfen, aber er schob es schnell in seine rechte Hosentasche.

„Zeig mir doch, was du hier machst“, lächelte sie.

„Es ist nichts“, antwortete er.

„Ich habe gehört, dass Ihr Rucksack verbrannt ist, junger Mann.“ Tante Paula fing plötzlich an, in einem Schrank herumzukramen und holte schließlich einen alten Rucksack hervor, der noch ganz gut aussah und aus echtem Leder gefertigt war. Sie gab ihn Antonio, der zuerst zögerte ein solch wertvolles Geschenk anzunehmen aber ihn dann doch annahm, weil der neue seinem im Feuer verbrannten ersetzen konnte.

„Danke, das ist sehr nett von Ihnen.“

„Schon in Ordnung, gern geschehn“, lächelte die Lady, froh darüber helfen zu können.

„Schaut mal, was ich hier habe.“ Aus seiner rechten Hosentasche zog er das Notizbuch mit der furchtbaren Drohung und warf es geöffnet auf den Tisch.

Wir haben Jessica gefangen und werden euch alle kriegen!

„Ich denke, wir sollten darüber sprechen. Wie könnten wir das Mädchen retten? Wie könnten wir uns alle retten?“

Alle schauten wie hypnotisiert auf das seltsame Papier.

„Haben sie diese Nachricht in dein Heft geschrieben?“ Tantie war perplex.

„Natürlich nicht, ich habe sie kopiert, sie hatten die Nachricht in einen Baum neben der Forstgaststätte geritzt“, lächelte Antonio.

„Das scheinen Räuber zu sein, sie tragen Masken“, sagte Foster.

„Ganz offensichtlich sind das Rebellen“, war die bereits bekannte Meinung Fofos.

„Wir sollten zugeben, dass wir es nicht wissen, sondern herausfinden müssen“, meinte Allegra.

In diesem besonderen Moment fiel ein wunderschönes Glas von einem Regal und zerbrach mit einem großen Knall in unzählige Stücke, so dass alle zu Tode erschrocken waren.

„Ich wusste es immer, das Übernatürliche ist der Grund von allem Übel“, sagte Quinn im Brustton der Überzeugung.

„Nichts ist unmöglich“, bemerkte Tantie. „ Gib einem Mann eine Maske und er wird die Wahrheit sagen.“

Obwohl niemand wusste, was diese Bemerkung mit dem seltsamen Ereignis zu tun haben sollte, nickten alle beifällig.

*

Der Vollmond schien in das kleine Zimmer von Allegra in Paulas Wohnung und verbreitete eine surreale Atmosphäre. Das Mädchen hockte auf dem noch mit der Tagesdecke versehenen Bett. Ihre Hände spielten mit einem Amulett von außergewöhnlicher Vornehmheit in Farben und Gestaltung. Antonio saß auf dem Fußboden und guckte sie bewundernd an.

„Sie sagen, meine Mutter gab es mir kurz bevor sie starb, aber ich kann mich nicht daran erinnern, weil ich damals erst vier Jahre alt war.“

„Ich kann mich an Details bis zu meinem dritten Geburtstag erinnern“, sagte Antonio.

„Mag schon sein, aber ich kann es nicht.“

„Es tut mir leid“, bemerkte Antonio behutsam.

„Was?“

„Wegen deiner Mutter … du hast gesagt, sie starb.“

Allegra reagierte nicht auf seine Bemerkung, sie versuchte das Amulett zu öffnen, aber es war nicht möglich.

„Ich kann es nicht öffnen, ich habe es noch nie gekonnt.“

„Darf ich?“ wollte Antonio ihr helfen.

Allegra gab ihm das kleine Juwel, aber er konnte es auch nicht aufbekommen.

„Möglicherweise hat es ein Geheimnis“, nahm der junge Mann an.

„Es könnte auch Unvollkommenheit sein. Ein Fehler in der Konstruktion.“

„Das glaube ich eher nicht. Das ganze Amulett ist ein Meisterstück seiner Art. Ich kann das beurteilen, ich weiß etwas über das Handwerk.“

„So bist du ein Goldschmied oder ein Kunstschmied?“

Sie biss sich auf die Zunge, während sie das Wort `Kunst` aussprach.

„Was machst du da?“

Sie zeigte ihm ihre blutende Zunge und er wollte sie küssen, auch wenn er nur das Blut hinwegküssen konnte. Aber sie ließ das nicht zu.

„Du bist doch kein Vampir, oder?“

Er startete ein unsicheres Lachen, aber hörte damit auf, als er ihren strengen Blick bemerkte.

„Kunst ist in diesem Land verboten, hast du das nicht gewusst?“

„Wie lächerlich, aber warum?“ fragte er, so ernst wie möglich.

„Weil sie denken, dass Kunst gefährlich ist, aufsässig. Wir sind ein besetztes Land, eingenommen von einer fremden Macht.“

„Fofo?“

„Ja, aber er ist nur der Chef einer kleinen Garnison in Cervin. Die Hauptmacht sitzt hinter dem Wald.“

„Übrigens bin ich Zimmermann, aber ich weiß auch etwas über das Malhandwerk und Metallkunst.“

„Dann musst du deine Kunst verstecken, sonst werden sie dich bestrafen, dich blenden, dich verstümmeln.“

„Aber Joshua und Susan waren keine Künstler.“

„Nein, das macht das ganze Problem noch komplizierter.“

Antonio nutzte die Gelegenheit, um dem Mädchen näher zu kommen, denn weil sie wegen der ganzen Kunstsache sehr nervös war, achtete sie nicht so sehr auf ihn und seine Intentionen. Er saß ihr jetzt auf dem Bett gegenüber.

„Weißt du von der großen Katastrophe?“ fragte sie ihn.

„Natürlich, jeder weiß davon.“

„Tante Paula wurde 5 Jahre danach geboren und erfuhr von ihren Eltern eine Menge darüber, die ja alles mitbekommen hatten.“

„Alle Menschen überlebten damals in Höhlen.“

„Fast alle Menschen starben – überall auf der Welt.“

„Ja, ich meine: einige Leute überlebten in Höhlen.“

Allegra legte sich das Amulett um den Hals.

„Soll ich ein Geheimnis enthüllen?“

Obwohl er lieber die verheißungsvollen Geheimnisse ihres Körpers entdecken wollte, als die mystische Tiefe ihrer Gedanken, war er bereit ihr zuzuhören – allem, was sie ihm so erzählen wollte.

*

Ernsthaft beunruhigt über die seltsamen Ereignisse im Wald, lag Tante Paula in einem anderen Raum der Wohnung in ihrem großen hölzernen Bett und konnte nicht einschlafen. Einige Begebenheiten aus ihrer frühen Kindheit zogen an ihrem geistigen Auge vorbei und beeinträchtigten ihren Wunsch zu schlafen. Sie war die Tante von Robin Foster und ihre Eltern waren seine Großeltern. Trotz ihres Alters fühlte sie wie eine Mutter für Allegra, die ihre eigene Mutter im Alter von vier Jahren verloren hatte. Sollte sie dem Mädchen von einem gewissen Familiengeheimnis erzählen oder nicht? Das war keine einfache Entscheidung, weil es für das Mädchen schwer zu ertragen sein könnte. Aber es ihr nicht zu erzählen, könnte noch schlimmere Konsequenzen für Allegra haben, weil das Mädchen dann in Gefahr lief, blauäugig in seltsame Fallen zu tapsen.

Allegra und Antonio gehörten zu den Nachkommen der wenigen Überlebenden der großen Katastrophe vor ungefähr achtzig Jahren. Es war ein unbeschreibliches Ereignis. Weltweit. In Cervin fand gerade eine internationale Konferenz statt, die sich mit Umweltproblemen und der Bevölkerungsexplosion in Asien und Afrika beschäftigte. Alle Sachen von Zivilisation verschwanden in nur sieben Tagen. Gebäude, Straßen, Computer, Autos, Bibliotheken, Flugzeuge – alle Dinge, die von Menschen gemacht wurden. Es kam ein starker Wind auf, ein Sturm, ein Orkan und nahm alles mit sich. Die Dinge verschwanden, lösten sich sozusagen in Luft auf – einige glaubten, dass sie von einer starken Macht aus der Gravitationskraft der Erde herausgezogen worden waren und in eines der schwarzen Löcher im Universum gefallen seien, aber das konnte nie nachgewiesen werden. Die Dinge gingen einfach verloren. Die meisten Leute wollten sich nicht so einfach von ihren Sachen trennen, sie klammerten sich an die Computer, Häuser, Autos und wurden mit ihnen oder durch sie emporgezogen – zuerst in die Luft und dann heraus aus aller Luft, der Welt für immer auf Wiedersehen sagend. Die anderen standen unten, in grenzenlosem Erstaunen, unfähig zu reagieren – eine Art von Publikum, das sich hilflos an eine unheimliche Vorstellung gebunden fand. Als die fliegenden Ungetüme aus der Sicht verschwanden, begann ein enormer Regen auf alles zu prasseln und die Leute, die gerade überlebt hatten, waren wieder in Gefahr. Es wird erzählt, dass sich einige in Höhlen verstecken konnten – wie in der Zeit des Beginns der Menschheit, in Höhlen.

Menschen waren immer groß in der Entwicklung von Fähigkeiten, dem Aussterben zu entgehen. So lehnten einige das Sterben einfach ab, nicht nur die Stärksten, sondern auch einige Schwächere, die außerordentliche Fähigkeiten entwickelten, ihre Überlebensfähigkeit unter Beweis zu stellen.

Tante Paula wurde nur fünf Jahre nach der großen Katastrophe geboren. Ihre Eltern hatten ihr alles darüber erzählt. Ihre ganze Kindheit war gespickt mit Abenteuergeschichten aus dem wirklichen Leben damals. Als sie erwachsen wurde, schrieb sie so viel wie möglich davon auf. Das war ihre Mission, ihre Obsession. Die Bibliothek in ihrer Cerviner Wohnung war gefüllt mit selbstgeschriebenen Büchern, die über diese Zeit erzählten, in tausenden von Seiten. Es war ihr Vermächtnis. Die Nachwelt sollte davon informiert werden. Sie schrieb auch nieder, was die Leute ihr aus der Erinnerung erzählten: Literaturstücke, Gedichte, Teile aus Dramen oder Details aus Geschichtsbüchern. Das waren nur Rudimente des ganzen Menschheitserbes – aber besser weniges, als gar nichts. Paula bedauerte es sehr, dass vieles unwiederholbar verloren war. Die meiste Kunst war weg. Einige Gedichte von einem Schriftsteller, genannt Goethe, berührten sie so sehr, dass sie gern mehr davon gelesen hätte. `Ist nicht der Kern der Natur Menschen im Herzen?’ klang wie ein Rätsel, das sie gern gelöst hätte.

Es war ihre tiefe Überzeugung, dass die Katastrophe deshalb passiert war, weil die Menschheit Entwicklung in Richtung einer mehr ethischen Gesellschaft verweigert hatte – und so ihre eigene Evolution zurückwies. Das Experiment Menschheit war schief gelaufen. Göttliche Kräfte hatten die weitere Zerstörung des wundervollen Planeten durch missgeleitete Menschen gestoppt. Aber wer hatte sie angeleitet? Auf diese Frage fand Paula keine Antwort, obwohl sie seit Jahren sehr intensiv darüber nachdachte. Es war bekannt, dass die Menschen sich zügellos vermehrten, bis alle natürlichen Ressourcen nahezu aufgebraucht waren. In einigen Ländern reproduzierten sie sich, als ob der Planet unendlich wäre. So holzten sie die wertvollen Wälder ab und verbrauchten deren Holz, bis sich alles Land langsam in Wüste verwandelte. Im Prinzip war die große Katastrophe eine Art Notbremse. Und jetzt war Paula sehr ernsthaft darüber beunruhigt, dass – trotz all dieser schrecklichen Erfahrungen, die die Menschheit an den Rand ihrer Existenz geführt hatten – einige Kräfte den alten Weg der Gier und Zerstörung weiter verfolgen wollten, als ob nichts passiert wäre. Sie hatte keine Angst um sich selbst, weil sie in absehbarer Zeit sterben würde, sich hoffentlich in einen außerirdischen Geist verwandelnd, dessen Ziel ihr im Moment noch völlig unbekannt war. Aber was würde mit Allegra passieren? Tantie wollte nicht nur, dass das Mädchen auf der Erde überleben würde, sondern auch im Universum.

Sie brauchte sie – dringend.

*

Mit einer Sicherheit, wie sie sonst nur in Träumen möglich ist, bewegte sich das pechschwarze Pferd durch den pechschwarzen Wald, weil es seinem Reiter vertraute, der das Tier – unbeeinflusst durch seinen Intellekt - fast intuitiv führte. Aber plötzlich blies ein Wind einige dunkle Wolken hinweg, so dass der Vollmond in der Lage war, seine ganz besondere Brillanz, in originaler Schönheit, auszustrahlen. Mit einem Mal war alles genau zu sehen, wenn auch wie durch eine silberne Brille. Mann und Pferd kamen unvermittelt zum Halten. Ernesto nahm eine Maske aus der Hosentasche und zog sie sich über sein Gesicht. Niemand sollte ihn erkennen können. Er entschloss sich, vom Pferd abzusteigen, es im Wald zurückzulassen und zu Fuß weiter zu gehen. Also band er das Pferd an einem Baum fest und bewegte sich in Richtung Stadt. Mit federnden Schritten beschleunigte der schlanke, dunkelhaarige Mann sein Tempo. Das Pferd war daran gewöhnt, auf seinen Meister zu warten und stand bewegungslos im silbrig scheinenden Mondlicht. Eine schwarze Kreatur in erstaunlicher Schönheit. Dasselbe hätte man von Ernesto sagen können, aber nicht nur wegen seiner unzweifelhaft männlichen Erscheinung in dunkler Kleidung. Offensichtlich führte er etwas im Schilde, was ihn legendär, herausragend, erscheinen ließ – in direkter und übertragener Bedeutung des Wortes. Auf seinem Kopf eine Baskenmütze, vor seinem Gesicht eine Maske, so bewegte er sich auf das erste Haus von Cervin zu, welches sich am Rande des Waldes befand.

„Halt! Wer zum Teufel bist du?“ sagte ein großer hässlicher Mann, der mit einem wuchtigen Knüppel in seiner Hand zum Schlag ausholte.

Für einen Moment zuckte Ernesto etwas zusammen, gewann aber schnell wieder die Kontrolle über sich.

„Ich weiß es nicht, weißt du`s?“ versuchte er zu scherzen, während er seine weiteren Schritte beschleunigte.

„Nimm deine Maske ab, damit ich sehen kann wer du bist“, forderte der Mann, indem er seine Hand auf Ernestos Schuler legte. „Ich muss diese Stadt sauber halten.“

Offensichtlich war der Mann eine Art Polizist oder Nachtwächter und könnte nach Verstärkung rufen. Deshalb musste der Mann in Schwarz schnell mit ihm fertig werden.

„Wenn du Cervin wirklich sauber halten willst, dann solltest du Fofo und seine Begleiter töten“, flüsterte Ernesto und schaffte es, seinem Angreifer ein Bein zu stellen, indem er seinen Fuß vorschnellen ließ. Weil der Aufpasser nicht genau aufpasste, ließ er sich von der Äußerung des maskierten Mannes provozieren und fiel um. Obwohl der Wächter sich sofort wieder vom Boden aufrappelte, war es zu spät – der maskierte Mann verschwand um die nächste Ecke und befand sich fast unmittelbar danach an der Hintertür des Hauses. Bevor er in der Lage war, irgendein Zeichen zu geben, wurde die Tür von innen geöffnet.

„Das war knapp, Ernesto“, sagte Suter und zog ihn ins Haus.

„Wie hast du das denn mitgekriegt, Urs?“ Ernesto war ziemlich erstaunt.

„Ich weiß immer, woher der Wind weht“, lachte Suter.

*

Allegra streckte sich auf dem großen Bett aus, aber ohne jede Absicht, die Aufmerksamkeit Antonios zu erregen oder ihn gar zu verführen. Sie war nur sehr begierig darauf, ihm von dem Amulett zu erzählen. Ihr Vater und Tante Paula hatten bisher nicht mitbekommen, dass er in ihr Zimmer geschlichen war und sie mussten vorsichtig sein, damit er nicht etwa doch noch dort erwischt wurde. Er saß auf einem Stuhl neben ihrem Bett und versuchte ihren Worten zu lauschen - aber seine Aufmerksamkeit wurde eher angezogen von ihrem schönen Körper und den blitzenden Augen.

„Nun erzähl mir dein Geheimnis“, sagte er trotzdem.

„Siehst du das?“ Sie zeigte ihm das Amulett, welches an ihrem Hals baumelte.

„Ein schönes Amulett! Mach es doch auf, was ist da drin?“

„Ich habe es dir doch schon gesagt, kannst du dich nicht erinnern? Die Sache ist, ich kann es nicht öffnen. Ein Geheimnis ist darin verborgen.“

„Oh.“ Er bewunderte ihre vielversprechenden Lippen und konnte sich einfach nicht auf das Geheimnis konzentrieren.

„Soll ich dir mal was sagen? Es wird einfach so aufgehen – an meinem siebzehnten Geburtstag wird das Geheimnis gelüftet werden.“

„Das klingt erstaunlich.“ Er war wirklich überrascht. „Und worum geht es da eigentlich?“

„Bis jetzt weiß ich es nicht“, lächelte Allegra und wechselte das Thema. „Wenn du ein Künstler bist, kannst du mich sicher malen.“

Er wollte ihre Hand nehmen, aber sie schob sie scheu zurück und zeigte auf seinen neuen Rucksack, der in einer Ecke des Raumes stand.

„Dort sind deine Werkzeuge.“

„Ich hab gedacht, Kunst ist hier in diesem Land nicht erlaubt.“

„Ja, aber machst du immer, was dir gesagt wird?“

„Um die Wahrheit zu sagen – fast niemals“, lachte er.

Vor seinem geistigen Auge erschien plötzlich das Bild der verstümmelten Kinder, Joshua und Susan, und er begann innerlich zu zittern.

Aber Menschen sind manchmal seltsam, sie halten es niemals – oder selten - für möglich, dass ihnen selbst Unglück geschehen kann – immer nur den anderen.

Also verdrängte er seine Bedenken, nahm das Handwerkszeug heraus und bereitete alles für eine künstlerische Aktion vor. Allegra wurde langsam sehr aufgeregt, weil sie noch nie vorher gemalt worden war. Nach einigen außergewöhnlichen Sprüngen auf ihrem Bett kam sie endlich in einer seltsamen Position zur Ruhe, als eine sehr erwachsene Lady, versunken in tiefes Nachdenken – aus ihrer Sicht ein tolles Sujet für ein Gemälde.

Plötzlich wurde ein Geräusch am Fenster hörbar und Antonio versteckte sich blitzartig unter dem Bett, welches von einer großen Tagesdecke verhüllt wurde, so dass er vollständig darunter verschwinden konnte. Das tat er nicht etwa, weil es ihm an Tapferkeit mangelte, sondern er fürchtete, den Ruf des Mädchens zu schädigen, wenn jemand ihn hier bemerken würde.

So starrte Allegra allein auf das Fenster wie wahnsinnig, wie unter Hypnose, und was sie sah, füllte ihr Herz und ihre Seele mit Horror. Zwei stechende Augen blickten in ihr Zimmer – fast genau in ihre eigenen hinein. Sie versuchte, das Gesicht zu identifizieren zu dem sie gehörten, aber das gelang ihr nicht, weil es mit einer dunklen Maske bedeckt war. Sie wollte schreien, aber war dazu nicht in der Lage, denn ihre Stimme versagte den Dienst. So saß sie in totalem Schweigen auf ihrem Bett, die Augen groß offen vor lauter Angst. Verschiedene Gedanken kreuzten sich zur selben Zeit in ihrem Kopf und sorgten für zusätzliche Konfusion. Wer war dieser Mann? Was wollte er? Würde er versuchen, sie zu töten oder sogar alle Leute in dem Haus? Wollte er etwa ein Feuer anzünden? War es überhaupt ein Mann? Könnte das maskierte Wesen nicht auch eine Frau sein? Nein, eine Frau würde so etwas doch niemals machen. Und wenn doch? Sicher war es ein Mann. Wo könnte sie sich nur schnell verstecken? Aber das würde ja gar keinen Sinn machen, weil er sie ja schon gesehen hatte und alle ihre Bewegungen beobachten würde. Plötzlich begann der Mann mit einem Schädel in seiner rechten Hand zu winken und verschwand, bevor Allegra die geringste Möglichkeit hatte, doch noch irgendwie zu reagieren. Paulas Wohnung lag im Obergeschoss des Hauses, das maskierte Wesen hatte eine Buche erklettern müssen, die vor dem Fenster stand. Ihre Zweige raschelten laut, als er sich auf den Rückweg machte.

„Er ist weg“, flüsterte sie und wurde bleich wie ein Geist.

Antonio zog sich unter dem Bett hervor und das Mädchen erzählte ihm von der seltsamen Erscheinung.

„Ein Schädel – was soll denn das bedeuten?“ dachte der junge Mann laut, der nicht besonders erschrocken war, weil er das Ganze für einen üblen Scherz hielt.

„Tod – was denn sonst!“ zitterte Allegra.

Antonio wollte sie in eine andere Stimmung versetzen, indem er ihren Arm streichelte. Sie sollte wieder über das Amulett reden oder irgendetwas anderes, außer dem hässlichen Schädel, weil Skelette nun einmal nicht als Einleitung für Liebesdinge geeignet waren. Und er wollte ihr über seine Gefühle erzählen, bevor er anfing sie zu malen. Solch eine Gelegenheit würde es so schnell nicht wieder geben – er und sie – allein in der Nacht. Aber das war im Moment nicht möglich, sie bat ihn zu schweigen. Ihre Gedanken waren immer noch gefangen von der dunklen Erscheinung vor ihrem Fenster. So begann er sie schweigend zu malen und Allegra entspannte sich, bei jedem Pinselstrich etwas mehr. Während er sie malte, fragte sich Antonio, warum sie eine Maske so sehr fürchtete. Er hatte sie als einen tapferen Menschen kennengelernt, der ihm sogar das Leben gerettet hatte. Sicher war das keine angenehme Situation, einen Fremden in der Nacht vor seinem Schlafzimmerfenster zu sehen, auch wenn es nur ein maskierter war. Aber wo war eigentlich die Beunruhigung? Er winkte mit einem Schädel. Na und? Vielleicht war das ein morbider Scherz, verübt von einem zurückgewiesenen Bewunderer. Er musste Allegra unbedingt fragen, ob es welche gab. Überhaupt – eine mutige Person kann sich doch niemals so schnell in einen Feigling verwandeln! Vielleicht gab es einige seltsame Erinnerungen von Männern und Masken in Allegras früher Kindheit, die noch in ihrem Unbewussten rumorten?

*

Endlich gelang es Tante Paula einzuschlafen. Sie seufzte und kuschelte sich etwas dichter in die Kissen, schloss die Augen und begann wie ein Schweinchen zu schnarchen, als die Tür plötzlich mit einem Knarren geöffnet wurde. Sofort total wach, saß Paula innerhalb von Sekunden kerzengerade aufrecht in ihrem Bett. An Gefahr gewöhnt, zog die betagte Lady eine Flinte unter ihrem Bett hervor – in einer Geschwindigkeit, die niemand von einer solch alten Person erwartet hätte.

„Hör auf damit! Willst du deinen Neffen umbringen?“ schrie Robin Foster in großer Angst.

Genauso schnell, wie sie die Waffe aufgenommen hatte, ließ sie sie nun wieder fallen, rückwärts in ihre Kissen sinkend.

„Hast du mich erschreckt! Bist du verrückt geworden? Was willst du überhaupt hier mitten in der Nacht?“ flüsterte sie.

„Ich muss mit dir reden. Außerdem konnte ich nicht einschlafen.“

„Ich auch nicht.“

„Du hast geschnarcht wie ein Bär.“

„Schnarchen die?“

Als sie sich endlich beruhigt hatte, fingen die beiden an, über ihre größten Ängste zu reden.

„Jessica ist gekidnappt worden, das weißt du ja“, begann Robin die Konversation, während er versuchte, sich eine Pfeife anzuzünden.

„In meinen Räumen wird nicht geraucht, Robin, das weißt du doch.“

Fast sofort hörte er mit dem Versuch auf. Paula erhob sich und zog ihren Morgenmantel über. Sogar in der Nacht musste sie wie eine Lady aussehen. Sie setzte sich vornehm auf einen Stuhl und forderte Robin auf, es ihr nachzutun, was er tat – so gut er es eben konnte.

„Wir müssen Jessica befreien – aber wie stellen wir das an?“ meinte er.

„Ja, wir könnten das versuchen, aber was geschieht dann mit Allegra? Wenn sie nun die nächste ist?“

Robin schaute total verblüfft auf die Tante. Seine geliebte Tochter in Gefahr? Das konnte doch wohl nicht wahr sein.

„Was meinst du? Wieso Allegra?“

„Wieso nicht, sie ist nicht sicherer als all die anderen.“

„Natürlich ist sie das, ich kann sie beschützen“, sagte Robin und ein hartnäckiges Funkeln trat in seine Augen.

„Das bezweifele ich aber, mein Lieber.“

Und Robin fühlte, wie ein Horror in jede Zelle seines Körpers kroch.

„Du meinst, Fofo …“

„Du musst dich immer fragen: wem nützt es, Robin. Fofo ist verliebt in Allegra, also wird er sie wohl kaum verletzen wollen.“

„Sie wird niemals mit ihm glücklich werden“, sagte Robin ziemlich bekümmert.

„Das denke ich auch, aber darum geht es jetzt nicht. Wir haben noch genug Zeit, um eine Heirat zu verhindern.“

Robin war verwundert über so viel Mut und Realitätssinn bei einer alten Frau und die Konversation stockte für einen Moment.

„Also, wer hat nun das Haus angezündet? Wer hat Jessica gefangen genommen?“ bemerkte sie schließlich, um das Schweigen zu überbrücken und den Faden wieder aufzunehmen.

„Vielleicht haben das unterschiedliche Leute getan“, sagte Robin gedankenvoll. „Wir sind umgeben von Feinden: Rebellen, Wilderer, Räuber und übernatürliche Kräfte – auch wenn ich eher nicht an sie glaube.“

„Benutze deinen gesunden Menschenverstand – versuche, ruhig zu bleiben. Rebellen, Wilderer, Räuber und übernatürliche Kräfte – falls die letzteren überhaupt real sind – sind nicht nur gefährlich für uns, sondern auch für Fofo und seine Leute. Also?“ bemerkte Paula.

„Also sollten wir mit unserem größten Unterdrücker kooperieren? Das ist seltsam.“

„Sicherlich.“

Paula begann, den Morgenmantel noch fester um ihren zarten Körper zu wickeln, als ob sie sich vor weiteren Unannehmlichkeiten schützen wollte.

„Es gibt noch etwas anderes, worüber ich mit dir sprechen möchte“, sagte Robin.

„Was denn?“

„Der Geburtstag von Allegra rückt in die Nähe. Es ist ihr siebzehnter.“

„Ich weiß, ich weiß, die Prophezeiung sagt, dann wird etwas passieren. Wenn ich nur wüsste, was das nun wieder sein könnte. Vielleicht eine neue Gefahr in Aussicht“, grübelte Paula.

„Wir werden sehen. Aber die Frage ist, wie und wo wir dieses Ereignis feiern sollten, damit wir es so sicher wie möglich überstehen.“

*

Vor sich hin glimmernd, überzog das Kaminfeuer den Raum mit einem undefinierbaren Licht, eine Atmosphäre von Gemütlichkeit verbreitend, welche die Männer, die um den Tisch saßen, sehr viel freundlicher erschienen ließ, als sie möglicherweise waren.

„Und du denkst, dass du siegen wirst?“ fragte Urs, während er sein halbleeres Bierglas bei Seite schob.

„Sehe ich etwa wie ein Verlierer aus?“ fragte Ernesto zurück, während er versuchte, den übermüdeten Ausdruck seines Gesichtes in einen Triumph zu verwandeln. Die Maske baumelte um seinen Hals.

„Das weiß man nie.“

„Ich brauche Männer. Hab sie alle verloren.“

„Wir sollen dir also unsere Einwohner geben, Söhne, Brüder, damit du sie in Leichen verwandeln kannst.“

„Nicht alle, die ich verloren habe, sind tot. Einige gingen einfach weg, andere wurden gefangen genommen.“

Ernestos Finger spielten mit der Maske, während seine Augen jede Bewegung von Urs sehr genau verfolgten.

„Sag mal, was wird demnächst passieren, Urs?“

„Was meinst du damit?“

„Fofo und seine Männer kommandieren euch alle herum, während einige unbekannte Kräfte euch zu töten versuchen und Häuser in Brand stecken. Wie viele werden dieses Desaster denn wohl überleben? Sag an!“ forderte Ernesto.

„Daran kann ich nichts ändern!“

„Natürlich kannst du das.“

„Indem ich dich unterstütze?“

„Nein, es ist andersherum – ich unterstütze dich.“

Urs musste gegen seinen Willen lachen, so seltsam erschien ihm die Situation. Ernesto saß hier vor ihm, wie ein zerlumpter Menschenfreund, mit leerem Magen und leeren Taschen - aber den Mund voller großspuriger Ideen. Ja, er war ein sympathischer Kerl, aber, nein, Urs würde keine Männer der Stadt davon überzeugen, ihre Karrieren und Familien aufzugeben, um Ernesto in ein gefährliches Leben zu folgen. Außerdem litt die Stadt an Mangel von Menschen. Die Zeiten waren unsicher und junge Leute wurden von seltsamen Kräften gefangen gesetzt, also würde Urs alles tun, um zu verhindern, dass Ernesto einige der Verbliebenen in eine unsichere Zukunft entführte.

Aber die Tür wurde von einigen Jungs geöffnet, die hereinkamen, bekleidet mit dunklen Umhängen, so dass keiner da draußen sie so leicht erkennen konnte. Einer nach dem anderen legten sie die Verkleidung ab und wendeten sich an Ernesto.

„Wir kommen mit“, sagte ein junger Mann mit belegter Stimme.

Alle sahen sehr jugendlich aus und waren entschlossen, Ernesto zu folgen, wo immer er sie hinführen würde. Fast synchron, wie nach einem geheimen Stichwort, setzten sie Masken auf ihre hübschen Gesichter.

„Ihr Dummköpfe, ihr wisst nicht was ihr tut“, bemerkte Urs Suter aufgebracht.

Aber tief in seinem Herzen fühlte er, dass er die jungen Leute nicht daran hindern konnte, Ernesto zu folgen, also versuchte er es gar nicht erst ernsthaft.

„Woher wisst ihr überhaupt, dass ich hier bin?“ fragte Ernesto und versuchte zu verstecken, dass ihm Tränen in die Augen schossen.

*

2│ SICH VERLIEBEN

Gemildert von dem sanften Licht

Des Himmels vor dem grellen Tag

Ein Schatten mehr

Licht weniger

Hat kaum getrübt die Anmut sehr

Die Strahlen der Morgensonne spielten mit den dunkelgoldenen Locken von Allegras Haar, als ob sie es streicheln wollten. Ihr Gesang brach sich an jedem einzelnen Blatt im Wald. In tiefer Bewunderung folgte ihr Antonio, sich eingestehend, dass er noch nie zuvor einer solch wundervollen Stimme gelauscht hatte. Die Luft war schwer von Kräutern und Tannennadelnduft und dem unsagbar würzigen Geruch eines Waldes in der Feuchtigkeit vor oder nach einem Regen. Er blickte schnell zurück, aber Foster und sein Angestellter Quinn waren in eine offensichtlich inspirierende Konversation vertieft – und auch viel zu weit entfernt – so dass Antonio nicht fürchten musste, dass sie seinen Versuch, das Mädchen zu beeindrucken, hören könnten.

Oh rabenschwarze Lockenpracht

Die dein Gesicht besonders macht

Gedanken, schwarz und süß, habt Acht

Dass ihr nicht vor der Zeit aufwacht

Er beendete das Lied, vielleicht nicht so brillant wie sie, aber ohne ein einziges Wort auszulassen.

„Woher kennst du das Lied?“ Allegra drehte sich total erstaunt zu ihm herum.

„Meine Mutter hat es immer gesungen, als ich klein war“, gab er zu.

„In Italien!“ ihre Sime klang leicht ironisch.

„Ja, wir sprechen überall diese Art von simpler Sprache jetzt – nach der großen Katastrophe.“

„Das ist doch nicht simpel.“

„Nein, das nicht.“

„Und meine Locken sind nicht schwarz.“

„Nein, aber meine“, lächelte er und versuchte sie zu küssen, aber sie drehte sich total überrascht zur Seite.

„Das ist ein Liebeslied, stimmt`s?“

Nun versuchte er sie in die Arme zu nehmen, was ihm gelang, und er hielt sie fest, so dass sie seine ganze Jugend und Männlichkeit spüren konnte. Ihr Herz begann schneller zu schlagen und sie wünschte, er könne sie für immer so halten, wie er es jetzt tat. Aber der Klang eines Schusses zerstörte die Idylle und trieb die Liebenden auseinander. Foster und Quinn holten die beiden fast sofort ein.

„Deckung suchen, schnell“, schrie Foster und zog seine Tochter hinter einen Baum, während Quinn und Antonio folgten.

*

Als wäre er ein Eingeborener in einem jungfräulichen Wald, zelebrierte Manuel eine Art von Tanz um das Tier, welches da ausgestreckt auf dem Boden lag. Seine Männer umkreisten das Spektakel in einer respektablen Entfernung und der eine oder der andere konnte ein Grinsen nicht unterdrücken, denn die Sprünge und Hüpfer ihres Chefs sahen sehr lustig aus und in gewisser Weise völlig unpassend.

„Ein königlicher Hirsch“, bemerkte Old Benno, sich anerkennend über das Tier beugend.

„Mit einem Geweih von 14 Enden“, schrie Little Tim, indem seine Wangen sich rot verfärbten.

„Und ich habe ihn geschossen“, sagte Manuel, wie angewurzelt dastehend.

Alle Männer der Bande machten triviale, anerkennende Gesten.

„Wir müssen das Tier so schnell wie möglich in unsere Schlucht bringen. Es ist verboten in diesem Wald zu jagen. Es ist gegen das Gesetz, und wir wollen doch nicht als Wilderer angeklagt werden, kapiert?“ überlegte Oliver mit ernster Stimme.

„Ich bin das Gesetz“, wies ihn Manuel zurecht.

„Das denke ich nicht.“

Die beiden Männer standen sich für einen Moment wortlos gegenüber - Manuel wusste vorerst nicht, wie er angemessen reagieren sollte, also zögerte er. Ganz offensichtlich war es eine Unverschämtheit von Oliver, so zu reagieren. Immerhin war er, Manuel, der Boss der Bande. Niemand durfte dem Chef frech kommen, das war ein ungeschriebenes Gesetz. Aber was sollte er schon machen, wenn jemand den Regeln nicht folgte. Ihn niederschießen. Doch das wagte er aus zwei Gründen nicht: er konnte es sich nicht leisten einen seiner Männer zu verlieren und er wusste nicht, ob er zweimal am Tag ein Ziel treffen würde. Der Hirsch war genug. Während er seine Ledertasche aufheben wollte, fielen zwei Holzkistchen heraus, die im Gras lagen wie ein Schatz. Tim bückte sich höflich, um seinem Boss zu helfen, welcher beide fuchsteufelswild aus Tims Händen riss und sie zurück in die Ledertasche steckte.

„Ist da was Besonderes drin?“ fragte Tim.

„Halts Maul!“ kam die Antwort.

Die anderen Männer arbeiteten schweigend daran, den Hirsch auf eine Art hölzernes Gestell zu ziehen, das sie gerade improvisiert hatten, und bewegten sich danach in Richtung Schlucht, die ungefähr drei Kilometer entfernt war. Oliver löste sich aus der Konfrontation mit Manuel und folgte den anderen. So kam es, dass Manuel Moreau für einige Sekunden ganz alleine dastand, im Nachdenken über sein angekratztes Ansehen. Was war passiert? Immerhin hatte er den Hirsch geschossen und Oliver maßte sich an, ihn zu kritisieren. Unvorstellbar scheußlich. Er musste ihn in Schranken halten. Aber wie?

Inzwischen hatten sich Robin Foster und die anderen herangeschlichen, um die Ursache für den Schuss herauszufinden und kauerten hinter einem Busch, wobei Quinn ein Geräusch machte, während er auf einen trockenen Ast trat. Sofort zuckte Manuel zusammen und setzte eine schwarz-rote Maske auf, so dass ihn niemand erkennen konnte. Weil er scheinbar ohne Begleitung war und sie sowieso entdeckt hatte, verließen die Freunde ihr Versteck, um ihm Fragen zu stellen – mit dem Resultat, dass er so schnell er nur konnte wegrannte. Aber er hatte noch genug Zeit, um die erstaunliche Schönheit Allegras zu bemerken und vor allem das ungewöhnliche Amulett um ihren Hals. Es schien ihm bekannt zu sein.

Foster folgte dem Flüchtenden mit den Augen, um herauszufinden, ob etwas an seinen Bewegungen ihn an jemanden erinnerte, den er kannte, aber das war nicht der Fall.

„Wie ich schon früher gesagt hatte, Wilderer“, schrie Allegra, das Blut des Hirsches und die Spuren im Gras bemerkend, wo das Tier einige Minuten vorher gelegen hatte.

„Bring die Dinge nicht durcheinander, Allegra, benutze deinen Verstand. Offensichtlich waren dies hier wirklich Wilderer, aber sie müssen nicht dieselben Kriminellen sein, die die Forstgaststätte angezündet hatten“, bemerkte Quinn.

„Wieso eigentlich nicht? Vorstellbar wäre es schon, “ meinte Robin Foster.

Antonio starrte immer noch auf den Fleck, wo Manuel gerade verschwunden war, bis er schließlich sagte: „Das ist seltsam, er trug eine Maske.“

„Na und? Das macht doch heute jeder“, lächelte Foster.

„Aber diese Maske sieht fast aus wie die, die in den Baum neben der Herberge geritzt war, mit den drohenden Worten: Wir haben Jessica gefangen und werden euch alle kriegen.

„Das mag schon sein, aber so weit wie ich sehe, hat er uns nicht gefangen, sondern im Gegenteil – er ist weggerannt“, sagte Quinn.

Aber Allegra stand wie angewurzelt, als sie sich plötzlich an den maskierten Mann erinnerte, der letzte Nacht vor ihrem Fenster erschienen war. Konnte das derselbe gewesen sein? Sie war sich nicht ganz sicher. Der Mann, der gerade verschwunden war, trug eine schwarz-rote Maske. Sie versuchte sich an die Farben der anderen Maske zu erinnern, konnte es aber nicht, weil sie immerzu an den hässlichen Schädel denken musste, den der Mann in seiner Hand gehalten hatte, um sie zu Tode zu erschrecken.

*

Wenn da nicht die geheimnisvoll funkelnden Augen gewesen wären, hätte keiner die ungewöhnliche Schönheit der jungen Frau erraten, die unter einer Art buntem Gobelin versteckt war, den sie um ihren Körper gewickelt hatte, um sich vor der beginnenden Herbstkälte zu schützen. Ihre Bewegungen wirkten so elegant und schwerelos, dass ihre Füße kaum den Boden zu berühren schienen. Auf einer Tanne mit überhängenden Ästen sitzend, beobachtete Chouette das menschliche Wesen intensiv, war sich aber nicht ganz sicher, was sie von ihm halten sollte. Freund oder Feind? Die Katze hatte sich einige Tage in der Wildnis aufgehalten, ohne bisher Sehnsucht nach Allegra zu verspüren. Das machte sie andauernd, auch wenn sie immer wieder zurückkam – sporadisch. Sie war eben eine Wildkatze, wenn auch auf dem Weg, gezähmt zu werden.

Plötzlich tauchte ein Wolf vor der Frau auf und Chouette sprang fast sofort in die Baumkrone und beobachtete die Szene da unten, nachdem sie auf einem schwankenden Ast Halt gefunden hatte. Die Frau zeigte überhaupt keine Reaktion. Das Tier zögerte, was sollte es tun? Sein erster Impuls war wegzulaufen, nicht aus Angst, sondern weil es nicht die leiseste Absicht verspürte, anzugreifen – weder aus Hunger noch aus einem anderen Bedürfnis heraus, wie zum Beispiel Wut. Aber diesem ersten Impuls folgte das Tier nicht. Zwischen dem Wolf und der Frau breitete sich Schweigen aus, wie eine Wolke des gegenseitigen Verstehens ohne Worte oder Laute. Falls die Frau in irgendeiner Art beunruhigt war, brachte sie das nicht zum Ausdruck, sondern wickelte den Gobelin noch etwas fester um sich herum und begann zu warten. Unwillkürlich musste sie das fast weiße Fell des Wolfes bewundern, während sie ihr Verlangen es zu streicheln unterdrückte. Ja, sie wollte sich mit dem Tier anfreunden – aber wie? Sie wusste, dass es nicht die beste Idee war, einem wilden Tier genau in die Augen zu schauen, weil es sich dadurch angegriffen fühlen konnte und den möglichen Gegenspieler sofort attackieren würde. Aber sie war nicht in der Lage, ihre Augen von dem Wolf abzuwenden, weil seine Augen merkwürdigerweise den ihren ähnlich waren – eines war braun und das andere blau.

„Hallo, Schwester“, sagte die schwarzhaarige Frau mit rauchiger Stimme, ihre Hand in einer freundlichen Geste ausstreckend.

Sicher war es ein Wagnis, aber die Wölfin, es war wirklich ein weibliches Tier, fühlte sich angezogen von den Augen der Fremden, begann ein kurzes Heulen und wollte sich eben vor der Frau niederlegen, um ihre Ergebenheit zu zeigen, als der Ast auf dem Chouette saß mit einem lauten Krachen brach und die Katze durch die Luft sauste, geradewegs auf dem Rücken des perplexen Wolfes landend. Es kam nicht jeden Tag vor, dass eine Katze, die normalerweise vor Wölfen Respekt hat, einen Purzelbaum in der Luft vollführt, um auf dem Rücken eines dieser beeindruckenden Tiere zu landen. Natürlich hatte Chouette es nicht mit Absicht getan. Aber woher sollte der Wolf das wissen? Ziemlich unter Schock stehend, war die Frau nicht in der Lage sofort zu reagieren und stand einen Moment sprachlos da. Was der Wolf nun vollführte, was sehr lustig anzuschauen, aber die Frau lachte nicht sofort. Total überwältigt von der kleinen Katze, ohne das Ding auf seinem Rücken als solche identifizieren zu können, verwirklichte der Wolf skurrile ruckartige Sprünge, um die Kreatur auf seinem Buckel loszuwerden. Natürlich wollte Chouette von dem Wolf abspringen und so schnell sie konnte verschwinden, was aber so ohne weiteres schwer möglich war, weil die Krallen des kleinen Tieres sich ziemlich fest im dichten Fell des Wolfes verhakt hatten.

Plötzlich schob sich ein Gewehrlauf durch einen Busch und ein Schuss entsetzte die Tiere und die Frau, ohne irgendeinen Schaden anzurichten.

„Wollte dich retten“, sagte Manuel mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht.

„Wofür?“

„Retten für mich.“

„Ich kann dich nicht ausstehen.“

„Sehr charmant.“

Die Augen des Wolfes wanderten zwischen der Frau und dem Mann hin und her, während Chouette sich jetzt an das Tier krallte, als ob es ihm Schutz vor dem Mann mit der gefährlichen Flinte geben könne.

„Wie die Bremer Stadtmusikanten“, lachte Manuel mit einem Blick auf den Wolf, auf dessen Rücken Chouette immer noch saß.

„Ich bin nicht vertraut mit deutschen Märchen“, sagte die Frau, keine spezielle Reaktion zeigend.

„Ich weiß, ich weiß, Ju-Le“, bemerkte Manuel und versuchte, sich der Frau zu nähern, während er den Wolf im Auge behielt.

Schließlich gelang es Chouette, sich aus dem Wolfsfell zu befreien und sie sprang aus unerfindlichen Gründen in das Gesicht von Manuel, was ihn auf den Rücken warf, mit den Beinen in der Luft rudernd.

„Ach, die Katze hat das Märchen auch gelesen“, grinste Ju Le und trat zu dem Wolf, weil sie wollte, dass er hier blieb.

Danach saß Ju Le auf der Erde und kraulte den Wolf am Hals, während sie Chouette von Manuel weglockte. Die Katze sprang tatsächlich in den Schoß der Frau, die Nähe des Wolfes überhaupt nicht fürchtend, der sich auch gar nicht um das kleine Tier kümmerte, sondern die Aufmerksamkeit Ju Les offensichtlich genoss. Niemand achtete auf Manuel, der sich erhob, so dass man sein fürchterlich zerkratztes Gesicht sah.

„Bis später!“ versuchte er die Frau einzuschüchtern.

„Das ist mir egal“, kam die prompte Antwort.

Ohne Erfolg suchte er nach seinem Gewehr, bis Ju Le andeutete, dass es sich bereits in ihrem Besitz befand. Ohne die geringste Absicht ihn zu töten oder zu verletzen, zielte sie in seine Richtung, so dass er machte, dass er davonkam.

„Das wirst du bereuen, ich schwöre es“, zischte er bevor er zwischen den Bäumen verschwand.

„Das glaube ich eher nicht“, lächelte Ju Le und gab dem Wolf einen sachten Kuss auf die Stirn, was er mit einem Lecken ihres Gesichtes beantwortete. Chouette fühlte sich so sicher, dass sie anfing zu schnurren.

*

Während die Sonne sich langsam dem Horizont näherte, waren Allegra und die anderen immer noch weit entfernt vom Schutz des Forsthauses. Die bunten Laubblätter wechselten ihre Schattierungen sehr schnell im Licht der Abendsonne, so dass das Mädchen das Gefühl hatte, im schimmernden Geheimnis einer versteckten Schatzkammer zu wandeln, sichtbar nur für sie allein. Antonio versuchte, mit Allegra Schritt zu halten, was nicht ganz leicht war, weil sie fast rannte.

„Was ist los mit dir, warum flitzt du so?“ rief er, ziemlich außer Atem, fürchtend, dass sie einfach vor ihm wegrennen würde.

„Ich möchte nur einen Vorsprung gewinnen, damit wir reden können“, beruhigte sie ihn, verschwand aber trotzdem hinter einigen Bäumen.

Antonio blickte sich kurz um, tatsächlich, Foster und sein Angestellter, Quinn, war zurückgefallen, so dass sie im Moment außer Sicht geraten waren.

Nun suchten seine Augen wieder nach Allegra, ah, da war sie ja, und wartete darauf, dass er näherkam, was er so schnell wie möglich tat. Als er sie schließlich erreicht hatte, war er nicht in der Lage, einen einzigen Laut von sich zu geben. Er stand einfach so da in sprachloser Bewunderung, denn die Abendsonne hatte sie in ein so spezielles Licht getaucht, dass es schien, als sei sie der besondere Schatz eines namenlosen aber mächtigen Monarchen, den niemand anrühren durfte.

„Hast du den Verstand verloren?“ neckte sie ihn.

„Ja, ja, ich gebe es zu“, flüsterte er endlich.

Und sie fühlte zum ersten Mal in ihrem Leben diese Kraft, diese Macht, die eine Frau über einen Mann erreichen kann – einfach durch ihre simple Gegenwart. Aber das machte sie nicht etwa stolz oder so, sie war einfach nur erstaunt.