Frag die Toten - Linwood Barclay - E-Book

Frag die Toten E-Book

Linwood Barclay

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Beschreibung

Keisha schlägt sich als Medium durch. Die junge Frau studiert Todesanzeigen und gaukelt den trauernden Angehörigen vor, Verbindung zu den Verstorbenen aufnehmen zu können. Natürlich kostet das Geld: 5000 Dollar. Die meisten kaufen Keisha die Nummer ab. Auf den ersten Blick auch Wendell Garfield, der verzweifelt nach seiner verschwundenen Frau sucht. Doch der Schein trügt ...

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Seitenzahl: 314

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Linwood Barclay

Frag die Toten

Thriller

Knaur e-books

Inhaltsübersicht

WidmungEinsZweiDreiVierFünfSechsSiebenAchtNeunZehnElfZwölfDreizehnVierzehnFünfzehnSechzehnSiebzehnAchtzehnNeunzehnZwanzigEinundzwanzigZweiundzwanzigDreiundzwanzigVierundzwanzigFünfundzwanzigSechsundzwanzigSiebenundzwanzigAchtundzwanzigNeunundzwanzigDreißigEinunddreißigZweiunddreißigDreiunddreißigVierunddreißig
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Für Neetha

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Eins

Das ist doch lächerlich«, sagte Marcia Taggart. »Du willst mir weismachen, diese Frau hier, die berührt irgendwas von Justins Sachen, und schon weiß sie, wo Justin ist? Sie kann so eine Art übersinnliche Verbindung zu ihm aufnehmen, indem sie eine der Action-Man-Figuren befingert, mit denen er als Kind gespielt hat, oder indem sie sein Kissen in den Arm nimmt? Für wie naiv hältst du mich eigentlich?«

»Marcia, ich flehe dich an«, sagte ihr Ehemann Dwayne, »irgendwas musst du unternehmen, wenn du schon nicht die Polizei einschalten willst. Wir müssen ihn finden. Dein Sohn liegt womöglich irgendwo in einem Graben.«

»Mit ziemlicher Sicherheit sogar. Und das weißt du so gut wie ich«, fuhr Marcia ihn an. »Er hat sich volllaufen lassen oder zugedröhnt oder bei irgendeiner Schlampe einquartiert, höchstwahrscheinlich alles zusammen. Wenn ich jedes Mal zur Polizei rennen würde, wenn er so was tut, bräuchten wir eine größere Einfahrt, damit die Streifenwagen Platz haben, die dann ständig bei uns rumstehen würden.«

Keisha Ceylon saß da, hörte zu, beobachtete. Sollten die beiden sich ruhig streiten. Sie hatte Zeit.

»Jetzt sind es schon drei Tage«, sagte Dwayne. »So lange war der Junge noch nie weg.«

»Genau das ist das Problem«, sagte Marcia und zeigte anklagend mit dem Finger auf ihren Mann. »Für dich ist er ein Junge. Aber er ist kein Junge mehr. Er ist zweiundzwanzig, und es ist höchste Zeit, dass er lernt, auf eigenen Füßen zu stehen, statt sich von seiner Mutter durchfüttern zu lassen. Warum, glaubst du, habe ich ihm den Geldhahn zugedreht? Genau deswegen: damit er lernt, Verantwortung zu übernehmen.«

»Ich sage ja nicht, dass du unrecht damit hast«, erwiderte Dwayne ruhig. »Ich weiß, was du seinetwegen schon alles durchgemacht hast. Ich weiß, es war schwierig, ihn nach Oscars Tod ganz allein aufzuziehen. Ich weiß, Justin muss sich am Riemen reißen. Er ist ein durchtriebener Mistkerl.«

Marcia warf ihm einen Blick zu, der sagte: So kann ich ihn nennen, aber du bist nicht sein Vater, also pass auf, was du sagst.

»Entschuldige«, sagte Dwayne. Er hatte die unausgesprochene Botschaft laut und deutlich verstanden. »Aber ich sage ja nichts, was du nicht selbst schon gesagt hättest, Marcia. Er kann einen zur Verzweiflung bringen. Aber dass er kein Verantwortungsbewusstsein hat, heißt ja nicht, dass er jetzt nicht ernstlich in Schwierigkeiten steckt.« Er zeigte zum Fenster. Es schneite ganz leicht. »Es ist eiskalt. Angenommen, du hast recht. Angenommen, er hat sich volllaufen lassen oder zugedröhnt und ist irgendwo in einer Schneeverwehung gelandet. Ohnmächtig geworden. Erfroren. Würdest du dir das für deinen eigenen –«

»Natürlich nicht!«, rief sie. Ihre Unterlippe zitterte, ihre Augen glitzerten.

Na also, dachte Keisha.

»O Gott«, sagte Marcia Taggart und schlug die Hände vors Gesicht. Sie ging zur Couch und setzte sich. Das Gesicht hielt sie bedeckt. Ihr Mann und Keisha sollten nicht sehen, dass sie um Fassung rang. Sie zupfte ein Papiertuch aus einem Spender auf dem Couchtisch, tupfte sich rasch die Augen ab und schnäuzte sich. Dann richtete sie sich kerzengerade auf. Selbstbeherrschung pur. Königliche Contenance.

»Also gut«, sagte sie.

Dwayne trat hinter seine Frau und legte ihr die Hände auf die Schultern. Er wirkte gehemmt. Als versuchte er, sie zu trösten, zuckte aber vor ihrer Kälte zurück.

»Angenommen, ich stimme zu«, sagte Marcia und wandte sich dabei der Hand auf ihrer linken Schulter zu, um klarzustellen, dass ihre Worte ihrem Ehemann galten und nicht ihrem Besuch, »warum in aller Welt sollten wir diese Frau um Hilfe bitten?«

Sie tat noch immer, als sei »diese Frau« Luft für sie. Keisha kannte den Typ. Ehe sie in die Branche eingestiegen war, in der sie momentan tätig war, früher, als sie noch putzen ging, um Geld zu verdienen – was sie auch jetzt noch tat, wenn am Ende des Geldes noch so viel Monat übrig war –, waren Kundinnen darunter gewesen, die sie wie ein Möbelstück behandelt hatten. Sie hatten ihr Zettel mit Arbeitsaufträgen hingelegt – »OBERSEITE der Deckenventilatoren abstauben, Edelstahlspüle trocken wischen« –, obwohl sie neben ihr standen und es ihr einfach hätten sagen können.

»Du willst ja nicht, dass ich die Polizei hole«, erinnerte sie Dwayne.

»Das hatten wir schon«, sagte sie barsch. »Es ist nur – du weißt doch, wie er ist … wozu der Junge fähig ist.« Sie seufzte. »Vielleicht ist ja alles in Ordnung, und wir haben nur deshalb nichts von ihm gehört, weil er – was weiß ich? – ein Auto gestohlen hat. Oder wieder in einem Laden was geklaut hat. Wenn wir die Polizei auf die Suche nach ihm schicken und sie ihn finden, könnte es darauf hinauslaufen, dass er eine Anzeige kriegt. Willst du das?«

Jetzt war Dwayne derjenige, der seufzte. Verständnis heuchelnd schüttelte er den Kopf. »Aber wir haben doch schon alles abgeklappert. Seine Freunde. Mögliche Aufenthaltsorte. Da bleibt nicht mehr viel.«

»Aber ausgerechnet sie?« Marcia neigte den Kopf in Keishas Richtung. »Wären wir da nicht mit einem Privatdetektiv besser dran?«

Dwayne kam hinter der Couch hervor und setzte sich neben Marcia. »Das haben wir doch auch schon durchgekaut, Marcia. Als ich einen Privatdetektiv vorschlug, bist du mir fast an die Gurgel gegangen, weil der genauso viele Fragen stellen würde wie die Polizei. So arbeiten die eben. Sie müssen Fakten finden, tief graben, mit Leuten reden, und dann wissen alle Bescheid, was bei uns los ist, Marcia, und ich weiß doch, wie wichtig es dir ist, Justin zu schützen, Diskretion über seine … Verirrungen zu wahren. Aber Ms. Ceylon arbeitet ganz anders. Sie erspürt Dinge. Sie ist vielleicht in der Lage, Justin zu finden, ohne Staub aufzuwirbeln, ohne mit allen möglichen Leuten reden zu müssen.« Er sah Keisha an. »Das stimmt doch, oder?«

Sie nickte. »So arbeite ich.« Die ersten Worte, die sie seit zwanzig Minuten gesprochen hatte.

Marcia Taggart schüttelte den Kopf. »Also ehrlich, Dwayne, diese Frau … Dieses esoterische Psychogeschwafel – wenn es darum geht, lässt du dir wirklich alles einreden. Diese Frau –«

Da unterbrach Keisha sie zum ersten Mal. »Ich heiße Keisha Ceylon. Üblicherweise höre ich auf den Namen Keisha, aber wenn Sie mich lieber »diese Frau« nennen, dann, bitte, tun Sie sich keinen Zwang an.«

Marcia richtete ihren Blick auf sie. »Ich glaube nicht, dass Sie können, was Sie zu können vorgeben.«

»Da sind Sie nicht die Einzige«, sagte Keisha.

»Es ist ausgemachter Blödsinn.«

»Tja, dann«, sagte Keisha und stand auf, »möchte ich nicht länger stören.« Sie schenkte Marcia und Dwayne ihr aufrichtigstes Lächeln. »Ich wünsche Ihnen alles Gute bei der Suche nach Ihrem Sohn.«

Sie ging zur Tür, doch Dwayne stellte sich ihr in den Weg. »Warten Sie, eine Sekunde noch. Marcia, die Frau – Ms. Ceylon – hat sich die Mühe gemacht, hierherzukommen. Ich glaube, da können wir uns zumindest anhören, was sie zu sagen hat.«

Marcia schnaubte. »Zu welchem Preis?«

Keisha wandte sich zu ihr um und sagte, ohne mit der Wimper zu zucken: »Mein Honorar beträgt fünftausend Dollar.« Das war mehr, als sie sonst verlangte, aber nach dem, was sie gehört hatte, konnten die Taggarts es sich leisten.

Marcia warf die Hände in die Luft. »Da hast du’s, Dwayne. Ich glaube, wir wissen beide, wo diese Frau herkommt.«

»Aber nur, wenn ich Ihren Sohn finde«, fügte Keisha hinzu. »Wenn ich Sie nicht auf seine Spur führen kann, bezahlen Sie keinen Cent.«

Sekundenlang herrschte völlige Stille im Zimmer.

»Also ich finde das mehr als fair«, sagte Dwayne. »Das musst du doch zugeben, Liebes. Komm schon. Auch wenn du diese Frau für eine Betrügerin hältst, was hast du hier zu verlieren?«

Marcia Taggart überlegte. Schluckt wahrscheinlich gerade ihren Stolz hinunter, dachte Keisha. Schließlich sagte Marcia: »Setzen Sie sich … Ms. Ceylon.«

Keisha setzte sich wieder.

»Wie spielt sich das Ganze ab? Wir machen das Licht aus, holen ein Ouija-Brett hervor und sprechen in Zungen?«

»Nein«, erwiderte Keisha. »Bringen Sie mir einfach etwas von Justin. Kleine persönliche Gegenstände. Etwas, das er gern hatte. Eine Handschriftenprobe könnte auch nützlich sein.«

»Ich mach das«, sagte Dwayne und verließ eilig das Zimmer.

Peinliches Schweigen trat zwischen die beiden Frauen. Marcia brach es. »Mein Mann glaubt, seine verstorbene Mutter kommuniziert mit ihm«, sagte sie und verdrehte die Augen, damit Keisha nur ja wusste, dass sie diesen Unsinn ausschließlich ihrem Ehemann zuliebe mitmachte.

Keisha sagte nichts.

»Er sagt, sie spricht im Traum zu ihm, aus dem Jenseits.« Sie schnaubte wieder. »Pfennigfuchserin, die sie war, sind das wahrscheinlich R-Gespräche.«

Keisha lachte nicht. Stattdessen sagte sie: »Ich weiß, Sie sind sehr böse auf Ihren Sohn. Aber ich spüre auch, dass Sie ihn sehr lieben.«

»Ach? Sie spüren das?«

»Ja, ich spüre das. Und ich weiß, dass Sie sich in Wirklichkeit große Sorgen um ihn machen.«

»Weil Sie diese hellseherische Gabe besitzen?«, fragte Marcia sarkastisch.

»Nein«, antwortete Keisha. »Weil ich Mutter bin. Ich habe auch einen Sohn.«

Marcias Miene wurde ein winziges bisschen weicher.

»Matthew. Er ist zehn. Und glauben Sie mir, es gibt Tage, da … Aber egal, was er tut, was er in der Schule anstellt, ich habe ihn sehr lieb. Und daran würde sich auch nichts ändern, ganz gleich, was er vielleicht einmal tut. Manchmal würde ich ihm am liebsten den Hals umdrehen, aber ich würde ihn dabei immer noch lieben.« Keisha lächelte. »Das war natürlich nicht ernst gemeint. Das mit dem Halsumdrehen.«

»Nein. Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen«, sagte Marcia. »Justin, ich schwöre … manchmal möchte man ihnen wirklich ein wenig Verstand hineinprügeln.«

»Wem sagen Sie das!«

»Er machte schon Ärger, da konnte er gerade mal laufen. Aber als Teenager war er nicht mehr zu bändigen. Alkohol, Drogen, Schule schwänzen. Ich habe ihm kein Geld mehr gegeben, weil ich wusste, dass er es ohnehin nur für Drogen verpulvern würde. Was einem aber wirklich das Herz bricht: Er ist so ein kluger Junge.«

»Das glaube ich gern.«

»Ich meine, wenn er etwas wirklich will, dann schafft er das auch. Wie er sich mit Computern auskennt. Er kann ganze Zahlenkolonnen im Kopf addieren. Sie können ihn fragen, was ist vierhundertzwanzig mal sechshundertdrei, und er rechnet es Ihnen aus. Einfach so. Im Kopf. Wahrscheinlich ist er so eine Art Genie, aber statt seinen Verstand für etwas Sinnvolles zu gebrauchen, benutzt er ihn nur dazu, andere zu manipulieren. Seiner Mutter oder«, sie nickte in die Richtung, in die ihr Mann verschwunden war, »seinem Stiefvater Geld abzuluchsen. Ich weiß, dass Dwayne ihm hinter meinem Rücken Geld gibt. Er hat eine Schwäche für ihn, hält mich für zu streng. Ich glaube, die Aussicht, Vater zu werden, wenn auch nur Stiefvater, hat ihn von Anfang an für alle Fehler Justins blind gemacht. Aber irgendwie … irgendwas stimmt mit dem Jungen nicht. Manchmal, ich weiß, das klingt jetzt schrecklich, aber manchmal macht er mir richtig Angst. Nicht physisch, sondern das, was in seinem Kopf vorgeht. Ich wünsche mir nur –«

Und mit einem Mal stiegen ihr die Tränen auf und liefen ihr über die Wangen. »O Gott, hoffentlich ist ihm nichts passiert!«

Keisha stand auf und setzte sich zu Marcia Taggart aufs Sofa. »Es wird alles gut«, sagte sie.

»Ich hoffe, das hier reicht«, sagte Dwayne, der soeben mit verschiedenen Gegenständen ins Zimmer zurückkehrte.

»Legen Sie sie hierher.« Keisha deutete auf den Couchtisch, auf den sie bereits zwei von ihren Visitenkarten gelegt hatte.

Dwayne breitete vorsichtig alles vor ihr aus. Einen iPod, eine Taschenbuchausgabe von American Psycho, einen unterschriebenen Scheck, eine Sammelfigur aus Plastik, die eine Superheldin mit grotesker Oberweite darstellte.

Keisha berührte sie unschlüssig. »Ich weiß nicht – hätten Sie vielleicht ein Kleidungsstück? Etwas, das Justin regelmäßig trägt? Das einen Hinweis auf seine Persönlichkeit geben könnte?«

»Hol eine von seinen Mützen«, sagte Marcia. Sie sah Keisha an. Ihr Blick war plötzlich sehr müde. »Würde eine Mütze helfen?«

»Ich glaube schon. Inzwischen will ich mir die hier ansehen.«

Marcia nahm den Scheck, den Dwayne Keisha zusammen mit den anderen Dingen gebracht hatte. Ihre Miene verfinsterte sich. Sie schüttelte den Kopf, faltete den Scheck und behielt ihn in der geschlossenen Faust. Mit der anderen Hand ergriff sie die Action-Figur und betrachtete sie, als wäre sie ein obskures Artefakt einer fremden Zivilisation.

»Justin sammelt das Zeug«, sagte sie. »Ich würde sie am liebsten alle in den Müll werfen. Was fängt ein Mann von über zwanzig mit solchem Spielzeug an? Er muss Hunderte davon haben. Ich weiß noch nicht mal, wer das hier sein soll. Wonder Woman oder –«

»Pst«, sagte Keisha leise und schloss die Augen. Sie nahm Marcia die Figur aus der Hand und betastete sie ein paar Sekunden. Dann öffnete sie die Augen und nahm den iPod vom Tisch.

»Den benutzt er viel«, sagte Keisha.

»Stimmt.«

»Ich spüre … wenn er ihn bei sich hat, dann trägt er ihn oft in seiner Hemdtasche, dicht an seinem Herzen«, fuhr Keisha fort.

»Na, ich nehme an, das tun viele andere auch«, sagte Marcia. Ihr Blick drückte wieder Skepsis aus. »Wenn Sie die Ohrstöpsel anfassen, werden Sie dann sagen, dass er sie dicht an seinem Hirn trug?«

Keisha lächelte betrübt. »Ich dachte, wir kämen uns langsam näher.«

»Ich sage ja nur, dass das eine ziemlich naheliegende Bemerkung über den iPod ist.«

Keisha schloss die Augen wieder und strich mit den Fingern über die kühle Oberfläche des Geräts. »Ich sehe … schläft Justin viel?«

Marcia kniff die Augen zusammen. »Keine Ahnung. Ich meine, in diesem Alter tun sie das doch alle, oder? Was soll diese Frage: Schläft er viel?«

»Ich weiß nicht. Ich sehe ihn eben … Ich bin sicher, das hat nichts zu bedeuten.«

»Nein, was meinen Sie damit?«, fragte Marcia. Ganz schön viel Interesse von einer Zynikerin wie ihr.

»Ich sehe ihn mit geschlossenen Augen.«

»Was soll das heißen, mit geschlossenen Augen? Er schläft also?«

»Ich weiß nicht genau –«

Dwayne kam zurück. »Hier ist eine seiner Mützen«, sagte er. Es war eine einfache blaue Baseballkappe mit grünem Schirm und dem Logo der Hartford Whalers auf der Vorderseite.

Marcia öffnete die Faust und zeigte ihrem Mann den Scheck. »Was ist das?«

»Der gehört Justin. Hinten ist seine Unterschrift drauf«, sagte Dwayne wie zur Entschuldigung. »Keisha hat gesagt, sie braucht eine Handschriftenprobe. Ich wusste nicht, was ich sonst hätte nehmen sollen. Die jungen Leute heutzutage schreiben doch alles auf dem Computer.«

»Du hast ihm hinter meinem Rücken einen Scheck über zweihundert Dollar ausgestellt?«

»Marcia, das ist jetzt wirklich nicht der richtige Augenblick.«

»Lassen Sie mich sehen«, sagte Keisha und nahm Marcia den Scheck aus der Hand. Sie drehte ihn um und strich mit dem Zeigefinger mehrmals über die Unterschrift: Justin Wilcox. Wilcox war der Name von Justins Vater, Marcia Taggarts erstem Mann. »Kann ich den haben?«

Marcia riss ihn ihr gleich wieder aus der Hand und gab ihn ihr erst wieder, nachdem sie alles außer der Unterschrift abgerissen hatte. »Ich sehe keinen Sinn darin, Ihnen sämtliche Bankdaten meines Mannes zu geben.«

»Marcia, ich flehe dich an«, sagte Dwayne. »Musst du die Frau auch jetzt noch beleidigen, während sie versucht, uns zu helfen?«

»Schon gut«, sagte Keisha geduldig und nicht im mindesten pikiert. Sie steckte den Papierstreifen ein.

Marcia sah keinen Grund für eine Entschuldigung. Ungerührt fuhr sie fort: »Sie haben Justin also mit geschlossenen Augen gesehen. Was hat das zu bedeuten?«

Keisha antwortete nicht. Stattdessen nahm sie Dwayne Justins Mütze ab und ging damit langsam im Zimmer auf und ab.

»Was machen Sie da?«, fragte Marcia, doch Keisha antwortete auch diesmal nicht. Sie schien in eine Art Trance gefallen zu sein.

»Lass sie doch ihre Arbeit machen«, sagte Dwayne.

Keisha murmelte etwas Unverständliches. »Was haben Sie gesagt?«, fragte Marcia.

Keisha erhob eine Hand und ging weiter. Dann blieb sie unvermittelt stehen, wandte sich um und sah Marcia an. »Was sagt Ihnen scarf oder scarfy oder so was in der Art? Können Sie damit was anfangen?«

Marcia öffnete den Mund. »Was? Das sagt mir gar nichts. Ich habe keine Ahnung, wovon Sie reden.«

Keisha tat so, als zerbräche sie sich den Kopf. »Könnte es scar free heißen? Wäre das möglich? Ohne Narben? Ich sehe eine Art Büro. Mit leeren Aktenschränken. Aber scar free? Das ergibt doch keinen Sinn. Ich sehe Justin noch immer mit geschlossenen Augen. Hat Justin irgendwelche Narben? Zeigen Sie mir noch mal sein Foto.«

Dwayne hatte ihr gleich bei ihrer Ankunft ein Bild seines Stiefsohns gezeigt. Das gerahmte Foto von Justins Abschlussfeier an der Highschool zeigte einen dünnen Jungen mit einem langen, hageren Gesicht. Dwayne wollte es gerade vom Kaminsims nehmen, um es Keisha noch einmal zu zeigen, da sagte Marcia: »Du meine Güte! Wie war das? Was haben Sie gesagt? Scar free? Damit kann ich durchaus etwas anfangen.«

Keisha hörte auf, die Mütze in ihrer Hand zu malträtieren. »Was?«

»Das war eine Klinik«, sagte Marcia leise.

»Eine Klinik?«

»Für Laserbehandlungen und solche Sachen.«

»Was könnte das mit Ihrem Sohn zu tun haben, Mrs. Taggart?«

»Das ist ein – ich besitze ein paar Immobilien«, sagte Marcia erregt. »Als Kapitalanlage. Büros und so, zum Vermieten. Ein paar habe ich an die Scar Free Clinic vermietet, in der Nähe von diesem Einkaufszentrum, der Post Mall.«

»Dann habe ich mich bestimmt geirrt«, sagte Keisha. »Ihr Sohn versteckt sich wohl kaum in einer Klinik.«

»Das nicht, aber die Klinik existiert nicht mehr. Die Büros stehen leer.«

Dwaynes Augen leuchteten auf. Er bedachte Keisha mit einem anerkennenden Blick. »Daher die leeren Aktenschränke, die Sie gesehen haben.«

»Könnte Justin einen Schlüssel für diese Räume haben?«, fragte Keisha.

»Möglich wär’s«, antwortete Marcia. »Einen Moment.«

Sie erhob sich von der Couch und verließ eilig das Zimmer. »Sie hat ein Büro hier im Haus«, sagte Dwayne. »Da bewahrt sie die Schlüssel zu all ihren Mietobjekten auf. Glauben Sie, er könnte dort sein? Wollen Sie das damit sagen? Haben Sie das in Ihrer Vision gesehen?«

»Bitte«, mahnte Keisha warnend, »machen Sie sich keine allzu großen Hoffnungen. Manchmal sehe ich etwas, ein Aufblitzen, aber das muss noch nicht –«

»Sie sind weg!«, schrie Marcia irgendwo im Haus. »Die Schlüssel sind weg!«

 

Zu dritt fuhren sie in Dwaynes Range Rover zu dem Gebäude. Marcia saß auf dem Beifahrersitz und rang nervös die Hände. Dwayne schaltete die Scheibenwischer ein, um die Windschutzscheibe vom Schnee zu befreien.

»Warum schläft er?«, fragte Marcia immer wieder.

»Ich weiß es nicht«, sagte Keisha leise vom Rücksitz her. »Aber ich glaube, wir sollten uns beeilen.«

»Kannst du nicht schneller fahren?«

»Die Straßen sind glatt!«, antwortete Dwayne.

»Mein Gott, der hat doch Allradantrieb!«

Die ehemaligen Büros der Scar Free Clinic befanden sich im ersten Stock eines viergeschossigen Gebäudes. Keisha und die Taggarts stürzten hinein. Der Aufzug ließ auf sich warten. Nach zehn Sekunden rannte Marcia in einen Seitenflur und riss dort eine Tür mit der Aufschrift »Treppe« auf.

Im ersten Stock angekommen, sahen sie sich zuerst der Tür zu einer Steuerkanzlei gegenüber. »Hier lang«, sagte Marcia und lief nach links. Am Ende des Flurs blieb sie vor einer Mattglastür stehen, auf der in schwarzen Buchstaben »Scar Free Clinic« stand. Jemand hatte mit einem Textmarker »GESCHLOSSEN« auf ein Blatt Papier geschrieben und es an die Scheibe geklebt.

»Ich hab keinen Schlüssel, ich hab keinen Schlüssel«, klagte Marcia. »Wie soll ich da denn reinkommen?«

Dwayne drückte den Türknauf. Vielleicht war die Tür ja unverschlossen. Zwecklos. Er holte tief Luft und sagte zu den Frauen: »Weg von der Tür.«

Keisha sagte: »Ich kann mich auch geirrt haben. Vielleicht ist er gar nicht da drinnen.«

Doch Dwayne hörte ihr gar nicht zu. Er machte einen Schritt zurück, hob ein Bein und trat mit dem Absatz seines Schuhs das Glas ein, das mit dem Getöse von hundert Tschinellen zerbarst. Gleich darauf wurde die Tür der Steuerkanzlei aufgerissen, und ein kleiner untersetzter Mann mit weißem Hemd und schmaler schwarzer Krawatte blickte verstört heraus.

»Was, zum Teufel – Marcia?«

»Alles in Ordnung, Frank«, sagte sie.

Sie steckte die Hand durch das Loch, öffnete das Schloss von innen und drückte die Tür auf. Zu dritt betraten sie das Büro. Unter ihren Schritten knirschten die zu Boden gefallenen Scherben.

»Justin?«, rief Marcia.

Keine Antwort.

Die Klinik sah genau so aus, wie Keisha sie beschrieben hatte. Leer. Abgeräumte Regale, offen stehende Aktenschränke, ebenfalls ohne Inhalt. Keines der üblichen Landschaftsbilder oder Diplome an den Wänden. Alles kahl.

Doch auf dem Boden mehrere verstreute Fast-Food-Behälter. Eine Pizzaschachtel, eine mit Spezialsoße verschmierte Big-Mac-Schachtel. Leere Bierdosen.

»Hier war jemand«, sagte Dwayne. »Hier hat jemand kampiert.«

Es gab ein weitläufiges Foyer, dann einen kurzen Flur, von dem vier Untersuchungsräume abgingen. Marcia probierte eine Tür nach der anderen. Dwayne und Keisha mussten laufen, um mit ihr Schritt halten zu können.

Beim Öffnen der letzten Tür schrie Marcia auf. »O Gott!«

Eine Sekunde später fanden Keisha und Dwayne Marcia neben Justin knien, der in Jeans und schwarzem T-Shirt auf dem Boden lag. Seine Füße waren nackt, Schuhe und Socken lagen unordentlich neben ihm. Eine Winterjacke lag zu einem Kissen zusammengerollt unter seinem Kopf.

Die Augen des jungen Mannes waren geschlossen.

Keine fünfzig Zentimeter von seinem Kopf entfernt lag ein undurchsichtiger orange-gelber Pillenbehälter auf dem Boden. Dwayne bückte sich, ein Bein in die Luft streckend, und schnappte ihn sich wie einen Golfball vor Loch sieben.

»Marcia«, sagte er. »Sind das nicht die Schlaftabletten, die dir der Arzt vor einem Jahr verschrieben hat?«

»Justin!«, sagte sie. »Wach auf!«

»Die Dose ist voll«, sagte Dwayne. »Sieht nicht so aus, als ob er welche genommen hätte.«

Justin regte sich. »Was … was ist denn los?«

Marcia nahm ihn in die Arme. »Geht’s dir gut? Alles in Ordnung mit dir?«

Matt sagte er: »Mir geht’s gut. Es tut mir leid, es tut mir leid, Mom. Es tut mir so leid.«

Dwayne hatte noch etwas auf dem Boden erspäht. Einen Zettel, auf dem etwas geschrieben stand. Er hob ihn auf, las ihn und reichte ihn wortlos Keisha.

»Ich weiß, ich mache dir nur das Leben schwer, Mom«, stand da. »Vielleicht wird es jetzt besser.«

»Meine Güte«, flüsterte Keisha. Dwayne schüttelte den Kopf. Er betrachtete die Pillendose in seiner Hand.

»Himmel, wenn wir ein paar Minuten später gekommen wären …«, flüsterte er zurück.

»Justin, hör mir zu«, sagte Marcia. »Hast du was genommen? Hast du irgendwelche Tabletten genommen?«

»Nein, nein, ich hab nur … ich hab nur ein paar Bier getrunken, mehr nicht. Ich wollte sie später nehmen. Vielleicht. Ich weiß nicht. Ich weiß nicht, was ich tun wollte. Tut mir leid, wenn ich dir einen Schrecken eingejagt habe.«

Marcia klammerte sich an ihn und tätschelte ihm den Kopf. Sie hatte zu schluchzen begonnen. Ehe Dwayne sich zu seiner Frau auf den Boden kniete und sie und seinen Stiefsohn in die Arme schloss, sagte er zu Keisha: »Ich sorge dafür, dass Sie Ihr Geld noch heute Nachmittag bekommen.«

Keisha Ceylon lächelte bescheiden.

Das Gesicht in der Halsbeuge seiner Mutter vergraben, die Augen geschlossen, legte Justin zwei kraftlose Arme um seine Mutter und seinen Stiefvater. Doch plötzlich drehte er den Kopf und schlug die Augen auf. Sein Blick fixierte Keisha.

Dann zwinkerte er ihr zu.

Und sie zwinkerte zurück.

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Zwei

Ellie Garfield hatte geträumt, sie sei schon tot. Doch kurz bevor der Traum Wirklichkeit wurde, öffnete sie die Augen.

Sie bot ihre letzten Kräfte auf, um sich zu bewegen, doch irgendwie war das nicht möglich, etwas hielt sie fest. Matt hob sie eine blutige Hand aus dem Schoß und berührte mit den Fingern den Riemen, der quer über ihre Brust gespannt war, spürte das vertraute, glatte Material. Ein Sicherheitsgurt.

Sie war in einem Auto. Sie saß auf dem Vordersitz eines Autos.

Sie sah sich um und stellte fest, dass es ihr eigener Wagen war. Doch sie saß nicht hinter dem Lenkrad. Sie war auf dem Beifahrersitz angeschnallt.

Sie blinzelte ein paarmal, weil sie dachte, mit ihren Augen sei etwas nicht in Ordnung. Sie konnte nämlich nicht erkennen, was jenseits der Windschutzscheibe war. Da war nichts. Keine Straße. Keine Häuser. Keine Straßenlampen.

Dann wurde ihr klar, dass mit ihren Augen alles stimmte.

Da draußen war wirklich nichts. Nur Sterne.

Sie sah sie am Himmel funkeln. Es war ein schöner Abend. Abgesehen von der Tatsache, dass sie langsam verblutete.

Es kostete sie große Anstrengung, den Kopf hochzuhalten. Dennoch gelang es ihr, sich umzusehen. Beim Anblick der Leere und Bizarrheit ihrer Umgebung fragte sie sich, ob sie vielleicht tatsächlich schon tot sei. Vielleicht war das der Himmel. Alles wirkte so friedlich. Alles war so weiß. Am Himmel hing eine Mondsichel und beleuchtete die Landschaft, die sich flach und endlos ausbreitete und Ellie eher an eine Mondlandschaft erinnerte als an eine irdische.

Parkte der Wagen auf einem verschneiten Feld? In der Ferne glaubte sie etwas zu erkennen. Eine dunkle, unregelmäßige Linie. Sie begrenzte die weiße Fläche nach oben hin. Bäume vielleicht? Diese dicke schwarze Kontur sah beinahe aus wie eine … eine Uferlinie.

»Was?«, murmelte Ellie.

Allmählich begriff sie, wo sie war. Nein – begreifen war nicht das richtige Wort. Ihr wurde allmählich bewusst, wo sie war, begreifen konnte sie es nicht.

Sie war auf Eis.

Der Wagen stand auf einem zugefrorenen Teich. Oder See. Und zwar ziemlich weit draußen, soweit sie das erkennen konnte.

»Nein, nein, nein, nein, nein«, sagte sie, während sie sich bemühte, ihre Gedanken zu sammeln. Es war die erste Januarwoche. Der Winter hatte lange auf sich warten lassen. Erst vor ein, zwei Wochen, unmittelbar nach Weihnachten, waren die Temperaturen gefallen. Es war zwar kalt genug gewesen, um den See zufrieren zu lassen, aber die Kälte hielt noch nicht lange genug an. Die Eisschicht, die sich bisher gebildet hatte, war bestimmt noch nicht dick genug, um –

Knacks.

Sie spürte, wie sich das Vorderteil des Wagens ganz leicht senkte. Wahrscheinlich nur ein paar Zentimeter. Das war einleuchtend. Vorn war der Wagen am schwersten, dort befand sich der Motor.

Sie musste raus. Wenn das Eis etwas so Schweres wie einen Personenwagen tragen konnte, bis jetzt zumindest, dann würde es doch wohl auch sie tragen – vorausgesetzt, sie schaffte es, aus dem Wagen zu kommen. Dann könnte sie losmarschieren, auf das nächstgelegene Ufer zu.

Vorausgesetzt, sie konnte überhaupt laufen.

Sie berührte ihren Bauch. Alles war warm. Und nass. Wie viele Stiche hatte sie abgekriegt? Jemand hatte doch auf sie eingestochen, nicht wahr? Sie erinnerte sich an das Messer. Das Licht, das von der Klinge reflektiert wurde. Und dann –

Zwei Stiche. Dessen war sie sich ziemlich sicher. Sie erinnerte sich, wie sie hinuntergesehen hatte, ungläubig mit angesehen hatte, wie das Messer zum ersten Mal in sie eingedrungen war, wie es wieder herauskam, die Klinge blutrot. Doch schon im nächsten Augenblick durchstieß es ihre Haut ein zweites Mal.

Danach wurde alles schwarz.

Tot.

Doch sie war nicht tot.

Wahrscheinlich war ihr Puls so schwach gewesen, dass er nicht zu fühlen war, als man sie in ihr Auto setzte, anschnallte und mitten auf diesen See hinausfuhr. Zweifellos darauf spekulierend, dass der Wagen bald einbrechen und auf den Grund des Sees sinken würde.

Einen Wagen mit einer Leiche darin in Ufernähe zu versenken war zu riskant. Der blieb möglicherweise nicht unentdeckt.

Doch ein Wagen, der weit draußen auf einem See versank? Wer sollte den schon finden?

Sie musste die Kraft aufbringen. Sie musste aus diesem Wagen heraus. Und zwar sofort. Ehe er ganz einbrach. Hatte sie ihr Handy dabei? Wenn sie Hilfe herbeirufen konnte, dann würde man ihr vielleicht auf dem Eis entgegenkommen, sie würde nicht bis zum Ufer zurück –

Knacks.

Der Wagen neigte sich vorwärts. So wie er jetzt da hing, sah sie durch die Windschutzscheibe keine Uferlinie mehr, sondern nur mehr schneebestäubtes Eis. Der Mond schien hell genug, dass sie sich im Wageninneren umsehen konnte. Wo war ihre Handtasche? Sie musste ihre Handtasche finden. In der Handtasche war ihr Handy.

Da war keine Handtasche.

Keine Möglichkeit, Hilfe herbeizurufen. Keine Möglichkeit, jemanden zu bitten, sie zu retten. Sie musste also unbedingt aus diesem Wagen heraus.

Sofort.

Sie tastete nach dem Knopf, mit dem sie den Sicherheitsgurt öffnen konnte, fand ihn und drückte mit dem Daumen fest darauf. Beim Einziehen verfing der Gurt sich kurz an ihrem Arm. Sie schüttelte ihn ab, und er glitt vollständig in den Holm zwischen der vorderen und der hinteren Tür zurück.

Knacks.

Sie streckte die Hand nach dem Türöffner aus und zog daran. Die Tür öffnete sich nur einen Spaltbreit. Weit genug allerdings, um eiskaltes Wasser hereinzulassen, das jetzt ihre Füße umspülte.

»Nein, nein«, flüsterte sie.

So kalt. So schrecklich, schrecklich kalt.

Je mehr Wasser eindrang, desto mehr neigte sich der Wagen. Die Richtung, die er nehmen würde, war erschreckend eindeutig. Ihre Welt war am Versinken. Anfangs stützte sie sich mit beiden Händen am Armaturenbrett ab. Dann drückte sie mit der rechten gegen die Beifahrertür, doch die klemmte. Das Eis blockierte die untere Vorderkante.

»Nein. Bitte.«

Das letzte Knacken, das sie hörte, war das lauteste, wie Donnerschlag hallte es über den See.

Die Schnauze des Wagens sackte ab. Noch mehr Wasser strömte herein. In Sekundenschnelle bedeckte es ihre Knie. Dann reichte es ihr bis zur Taille. Die Windschutzscheibe wurde schwarz.

Gleich darauf stand ihr das Wasser bis zum Hals.

Der stechende Schmerz dort, wo das Messer zweimal in sie eingedrungen war, ließ nach. Gefühllosigkeit breitete sich in ihrem Körper aus.

Alles wurde ganz schwarz, ganz kalt und dann seltsamerweise ganz ruhig.

Ihre letzten Gedanken galten ihrer Tochter und dem Enkelkind, das sie niemals sehen würde.

»Melissa«, flüsterte sie.

Dann war der Wagen verschwunden.

[home]

Drei

Eigentlich arbeitete Keisha allein.

Gut, manchmal stand ihr Freund Kirk abrufbereit, um bei Bedarf ans Telefon zu gehen und einem skeptischen potenziellen Klienten gegenüber Zeugnis abzulegen. Doch davon abgesehen, machte sie lieber ihr eigenes Ding. Nur wenn man auch die Details selbst in die Hand nahm, behielt man die Kontrolle.

Da jemand anderen ins Boot zu holen, insbesondere jemanden ohne besondere Erfahrung, war riskant. Doch in letzter Zeit war nicht viel Geld hereingekommen. Kirk arbeitete so gut wie gar nicht, Keishas Wagen brauchte jetzt vier neue Reifen – in den letzten Monaten war sie ohnehin schon mit drei abgefahrenen unterwegs gewesen –, und Matthew musste sich diese beiden Zähne ziehen lassen. Momentan konnte Keisha es sich nicht leisten, wählerisch zu sein, und außerdem hatte Justin Wilcox ihrer Meinung nach genauso viel zu verlieren wie sie selbst – vielleicht sogar mehr. Immerhin waren es seine Eltern, die hier ausgetrickst werden sollten.

Der Junge war nicht schlecht, das musste sie zugeben. Er hatte sich das Ganze nicht nur ausgedacht, sondern seinen Teil fehlerlos durchgezogen. Durch Terry Archer, einen seiner früheren Highschool-Lehrer, war er auf Keisha aufmerksam geworden. Die Klasse hatte ihn damals überredet, ein paar Einzelheiten über eine alte Familiengeschichte auszuplaudern. Die Eltern seiner Frau Cynthia waren spurlos verschwunden, als sie vierzehn war, und fünfundzwanzig Jahre lang wusste Cynthia nicht, was aus ihnen geworden war.

Die Geschichte machte große Schlagzeilen, als herauskam, was tatsächlich geschehen war. Sogar CNN berichtete darüber. Archer hatte seinen Schülern erzählt, dass ein Drama wie dieses alle möglichen Leute aus ihren Löchern lockte, und war dabei auf dieses Medium aus Milford zu sprechen gekommen, das behauptet hatte zu wissen, was Cynthias Familie zugestoßen war. Ihre Masche war, aus den Nachrichten Meldungen über Menschen herauszupicken, die verzweifelt nach vermissten Angehörigen suchten. Bei denen schneite sie dann herein und bot ihre Hilfe bei der Zusammenführung der Familie an. Nicht ohne ihnen dafür tausend Dollar abzuknöpfen, versteht sich.

Keisha erinnerte sich sehr gut an Terry Archer. Viel schwerer wäre es ihr gefallen, ihn zu vergessen. Er war ihr auf Anhieb unsympathisch gewesen, genauso wie seine Frau. Schon bei ihrer ersten Begegnung im Fernsehsender, der einen Beitrag über Keishas spektakuläre Vision bringen wollte. Und erst recht bei der zweiten, als sie die Archers zu Hause aufsuchte und diese sie buchstäblich vor die Tür setzten.

Da will man Menschen helfen ... Keine gute Tat bleibt ungesühnt, pflegte ihre Mutter zu sagen.

Archers Geschichte war Justin nicht aus dem Kopf gegangen, obwohl es schon vier Jahre her war, dass er sie gehört hatte. Es hatte sich herausgestellt, dass sein neuer Stiefvater, Dwayne, voll auf solche Sachen abfuhr. Er glaubte daran, dass manche Menschen diese Gabe besaßen, dass sie Dinge spüren konnten, die anderen verborgen blieben. Er sah sich sogar die Wiederholungen von Ghost Whisperer – Stimmen aus dem Jenseits an, was Justins Mutter auf die Palme brachte. Marcia sagte, wahrscheinlich würde auch sie die Toten dazu bringen, mit ihr zu kommunizieren, wenn sie die ganze Zeit mit tief ausgeschnittenen, rückenfreien Kleidern durch die Gegend liefe wie Jennifer Love Dingsbums.

»Es gibt Dinge«, hatte Dwayne zu seiner Frau gesagt, »die sich nicht allen Menschen erschließen.«

Das sei der Moment gewesen, erzählte Justin Keisha, in dem die Idee in seinem Kopf Gestalt angenommen hatte. Der endgültige Auslöser, sie auch zu verwirklichen, war, dass seine Mutter ihm den Geldhahn zugedreht hatte. Anfangs hatte sie ihm noch fünfzig Dollar die Woche gegeben, über die er keine Rechenschaft ablegen musste, aber wie weit kam man schon mit fünfzig Dollar? Das reichte nicht mal für eine Nacht. Wie sollte man damit sein Bier und sein Gras, vielleicht auch noch was Stärkeres, und auch noch was zu essen bezahlen? Er versuchte, seiner Mutter klarzumachen, ohne das Bier und das Gras explizit zu erwähnen, dass fünfzig Dollar in ihrer Jugend vielleicht noch ein Jahresgehalt waren, dass man damit heutzutage aber nicht einmal den Tank halb voll kriegte.

Dann geh arbeiten, hatte Marcia gesagt.

Darauf lief es also hinaus.

Eine Zeitlang war es ihm noch gelungen, ihr gelegentlich einen Hunderter herauszuleiern. Einmal behauptete er, er spiele mit dem Gedanken, wieder zur Uni zu gehen. Das entlockte seiner Mutter ein Lächeln. Er hatte sein Studium an der University of Connecticut schon nach dem ersten Semester geschmissen. Die Partys waren zwar ganz nach seinem Geschmack gewesen, die Vorlesungen jedoch eine rechte Zumutung. Er erzählte ihr, er sei wieder zur Vernunft gekommen und habe die Absicht, sich an einer Wirtschaftsakademie in Manhattan einzuschreiben. Es sei Zeit, etwas Praktisches zu lernen. Schluss mit dem Schmus, mit dem sie einem auf der Universität das Hirn zumüllten. Das war Musik in den Ohren seiner Mutter. Er brauche also Geld für Bahn und Taxi und übernachten müsse er vielleicht auch einmal. Sie gab ihm vierhundert. Einfach so. Nur setzte er sich damit nicht in die Bahn, sondern ließ es auf einer geilen Party in New Haven krachen. Hinterher schlief er seinen Rausch in der Bude eines Yale-Studenten aus. Etwas später erzählte er seiner Mutter, er habe sich das mit der Akademie überlegt. Er wolle lieber arbeiten gehen und brauche deshalb neue Klamotten für Bewerbungsgespräche. Das Geld dafür sackte er ein und klaute ein paar Sachen von Gap als Nachweis, dass er einkaufen gewesen sei.

Marcia wollte, dass er ihr die neuen Kleidungsstücke vorführte. Als er sie anzog, stellte er fest, dass alles, was er geklaut hatte, Größe S war, während er mit seinen eins achtzig L brauchte. Kein Problem, sagte seine Mutter. Sie verlangte die Rechnung. Sie würde die Sachen bei nächster Gelegenheit umtauschen.

Nicht nötig, sagte er. Das mache er schon selbst.

Doch sie bestand darauf.

Hab die Rechnung verloren, sagte Justin.

Man musste nicht Sherlock Holmes sein, um sich zusammenzureimen, was er getan hatte. Da hatte sie ihm den Geldhahn endgültig zugedreht. Auch die fünfzig Dollar gab es nicht mehr.

Er saß auf dem Trockenen.

Bei Gap zu klauen war Justin nicht schwergefallen, doch Banken auszurauben überstieg sein kriminelles Potenzial. Ein bisschen zu riskant. Er musste einen Weg finden, seine Mutter und seinen Stiefvater abzuzocken, dann blieb das nämlich in der Familie und war kein richtiges Stehlen.

Aber er musste sich etwas einfallen lassen.

Und ihm fiel etwas ein. Keisha Ceylon. Es war ganz einfach.

»Ich verschwinde. Sie holen dich. Du findest mich. Sie blechen. Wir machen halbe-halbe.«

Keisha sah hundert Gründe, warum das nicht klappen konnte. »Was ist, wenn sie mich nicht wollen? Ich steh vor der Tür, und sie schlagen sie mir gleich wieder vor der Nase zu.«

»Du wirst nicht sie anrufen. Sie werden dich anrufen. Besser gesagt Dwayne – das ist der neue Mann von meiner Mom – wird’s tun. Meine Mom wird nämlich nicht scharf drauf sein, die Bullen einzuschalten, weil sie davon ausgehen wird, dass ich diesmal was wirklich Krasses ausgefressen habe und deshalb nicht nach Hause komme. Eine DVD gestohlen, zum Beispiel, oder bei einem Streifenwagen eine Scheibe eingeschlagen oder einem Eichhörnchen den Kopf abgebissen. Wenn sie die Bullen ruft und die mich finden, steck ich nur noch tiefer in der Scheiße, und wenn ich in der Scheiße stecke, dann ist das noch mehr Stress für sie.« Er grinste. »Aber Dwayne, der steht voll auf den Schwachsinn, den du abziehst, nix für ungut.«

Keisha schwieg.

Justin fuhr fort. »Ich setze ihm den Floh ins Ohr. Das nächste Mal, dass wir uns Ghost Whisperer ansehen, da sag ich zu ihm, stell dir vor, hier in Milford gibt es auch jemanden, der so was macht. Und ich erzähle ihm von dem Lehrer, der uns das über dich erzählt hat.«

»Terry Archer.«

»Genau.«

»Er gehört nicht gerade zu den Referenzen auf meiner Homepage.« Genau genommen gab es keine einzige Referenz auf ihrer Homepage, die nicht von ihr selbst stammte.

»Das sag ich Dwayne natürlich nicht. Aber ich werde ihm einen Link zu deiner Seite schicken, dann weiß er, wo er dich findet, wenn ich verschwinde. Wer weiß, vielleicht ruft er dich ja schon an, bevor wir diese Show abziehen. Er behauptet nämlich, seine tote Mutter meldet sich immer mal wieder bei ihm. Er ist ja ganz nett, hat aber ganz schön einen an der Waffel. Glaubst du eigentlich dran? Dass du Kontakt zu den Toten aufnehmen und mit ihnen reden kannst?«

Ihr war klar, dass es keinen Sinn hatte, diesen Jungen verarschen zu wollen, dennoch fiel es ihr schwer, rundweg einzugestehen, dass das, was sie machte, absoluter Schwachsinn war. »Also …«