Verlag: Droemer eBook Kategorie: Abenteuer, Thriller, Horror Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

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E-Book-Beschreibung Frankie Machine - Don Winslow

Der Kult-Roman des internationalen Bestseller-Autors Don Winslow: Jeder weiß, dass Frank Macchiano, 62, ein gesetzestreuer Bürger ist, mit seinem Angelladen und seinem Surfbrett praktisch nicht wegzudenken vom Strand von San Diego. Kaum einer weiß, dass er einmal Präsidenten die Hand geschüttelt hat – und jeden beseitigt, der der italienischen Mafia ein Dorn im Auge war. Denn Frank war Frankie Machine, der gnadenloseste Mafiakiller der Westküste. Jetzt gibt es jemanden, den es nicht die Bohne interessiert, dass Frank längst im Ruhestand ist. Jemanden, der seinen Tod will, um jeden Preis. Das Problem: Die Liste der möglichen Verdächtigen ist verdammt lang.

Meinungen über das E-Book Frankie Machine - Don Winslow

E-Book-Leseprobe Frankie Machine - Don Winslow

Don Winslow

Frankie Machine

Roman

Knaur e-books

Über dieses Buch

Jeder weiß, dass Frank Macchiano, 62, ein gesetzestreuer Bürger ist, mit seinem Angelladen und seinem Surfbrett praktisch nicht wegzudenken vom Strand von San Diego.

Kaum einer weiß, dass er einmal Präsidenten die Hand geschüttelt hat – und jeden beseitigt, der der italienischen Mafia ein Dorn im Auge war. Denn Frank war Frankie Machine, der gnadenloseste Mafiakiller der Westküste. Jetzt gibt es jemanden, den es nicht die Bohne interessiert, dass Frank längst im Ruhestand ist. Jemanden, der seinen Tod will, um jeden Preis. Das Problem: Die Liste der möglichen Verdächtigen ist verdammt lang …

Inhaltsübersicht

Widmung1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. Kapitel7. Kapitel8. Kapitel9. Kapitel10. Kapitel11. Kapitel12. Kapitel13. Kapitel14. Kapitel15. Kapitel16. Kapitel17. Kapitel18. Kapitel19. Kapitel20. Kapitel21. Kapitel22. Kapitel23. Kapitel24. Kapitel25. Kapitel26. Kapitel27. Kapitel28. Kapitel29. Kapitel30. Kapitel31. Kapitel32. Kapitel33. Kapitel34. Kapitel35. Kapitel36. Kapitel37. Kapitel38. Kapitel39. Kapitel40. Kapitel41. Kapitel42. Kapitel43. Kapitel44. Kapitel45. Kapitel46. Kapitel47. Kapitel48. Kapitel49. Kapitel50. Kapitel51. Kapitel52. Kapitel53. Kapitel54. Kapitel55. Kapitel56. Kapitel57. Kapitel58. Kapitel59. Kapitel60. Kapitel61. Kapitel62. Kapitel63. Kapitel64. Kapitel65. Kapitel66. Kapitel67. Kapitel68. Kapitel69. Kapitel70. Kapitel71. Kapitel72. Kapitel73. Kapitel74. Kapitel75. Kapitel76. Kapitel77. Kapitel78. Kapitel79. Kapitel80. Kapitel81. Kapitel82. Kapitel83. Kapitel84. Kapitel85. Kapitel86. Kapitel87. Kapitel88. Kapitel89. Kapitel90. Kapitel91. KapitelEpilog
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Für Bill McEneaney

Lehrer, Freund und Virtuose der Lebenskunst

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1

Ich zu sein macht eine Menge Arbeit.

Denkt Frank Machianno, als der Wecker um drei Uhr fünfundvierzig losgeht. Er rollt sich aus der Kiste und spürt die kalten Dielen unter den Füßen.

Recht hat er.

Es macht wirklich eine Menge Arbeit, er zu sein.

Frank tappt über den Dielenboden, den er eigenhändig geschmirgelt und versiegelt hat, und geht unter die Dusche. Zum Duschen braucht er nur eine Minute, was einer der Gründe ist, weshalb er sein silbergraues Haar kurz hält.

»Dann dauert das Waschen nicht so lange«, erklärt er Donna, wenn sie sich darüber mokiert.

Er braucht dreißig Sekunden zum Abtrocknen, dann wickelt er sich das Handtuch um die Hüfte – die in letzter Zeit rundlicher wird, als ihm lieb ist –, rasiert sich, putzt sich die Zähne. Sein Weg in die Küche führt durchs Wohnzimmer, wo er zur Fernbedienung greift, einen Knopf drückt, und schon dröhnt La Bohème aus den Lautsprechern. Eine der schönen Seiten des Single-Daseins – vielleicht die einzige, denkt Frank –, dass man morgens um vier Opern hören kann, ohne jemanden zu belästigen. Und das Haus ist so massiv gebaut, mit dicken Wänden, wie sie früher mal üblich waren, dass Franks morgendliche Arien auch die Nachbarn nicht stören.

Frank hat zwei Abonnements bei der San Diego Opera, und Donna tut netterweise so, als würde sie ihn mit größtem Vergnügen in die Oper begleiten. Sie hat sogar darüber hinweggesehen, dass ihm bei Mimis Tod am Ende von La Bohème die Tränen kamen.

Jetzt, auf dem Weg in die Küche, singt er zusammen mit Victoria de los Angeles:

… ma quando vien lo sgelo,

Il primo sole è mio,

Il primo bacio dell’aprile è mio,

Il primo sole è mio …

Frank liebt seine Küche.

Die klassischen Schwarz-Weiß-Kacheln auf dem Fußboden hat er selber verlegt, beim Einbau der Tresen und Schränke hat ihm ein Freund geholfen, der Zimmermann ist. Der alte Fleischerblock fand sich in einem Antikshop in Little Italy und war in einem traurigen Zustand, als er ihn kaufte – ausgetrocknet und rissig. Er musste ihn monatelang mit Öl einreiben, bis er wieder tipptopp war. Aber er liebt den Block wegen der Gebrauchsspuren, der alten Scharten und Narben – Ehrenabzeichen nennt er sie, erworben für jahrelange treue Dienste.

»Sieh doch mal, die haben das Ding richtig benutzt«, erwiderte er Donna auf die Frage, warum er sich nicht einfach einen neuen gekauft hat, was er sich ohne Weiteres leisten konnte. »Wenn du näher rangehst, kannst du sogar riechen, wo sie den Knoblauch gehackt haben.«

»Italiener und ihre Mütter«, sagte Donna.

»Meine Mutter war eine gute Köchin. Aber wer richtig kochen konnte, das war mein Alter. Der hat’s mir beigebracht.«

Und das ganz ordentlich, dachte Donna. Was immer man über Frank Machianno denken mag – dass er manchmal ganz schön nervt, zum Beispiel –, kochen kann er wirklich. Der Mann weiß auch, wie man eine Frau behandelt. Und vielleicht gehören die beiden Sachen zusammen. Aber eigentlich war es Frank, der sie auf diesen Gedanken gebracht hat.

»Eine Frau lieben, das ist, wie wenn man eine gute Sauce kocht«, erklärte er ihr eines Nachts im Bett beim »Nachglühen«.

»Frank, lass es lieber sein«, sagte sie.

Doch, er wollte es loswerden. »Du musst dir Zeit lassen, die richtigen Gewürze nehmen, genau die richtige Menge, jedes einzeln abschmecken und dann ganz langsam Hitze zugeben, bis sie brodelt.«

Das ist der einzigartige Charme von Frank Machianno, dachte sie neben ihm liegend – dass er deinen Körper mit einer Sauce bolognese vergleichen kann, ohne mit einem Fußtritt aus dem Bett befördert zu werden. Vielleicht weil er es wirklich so meint. Sie ist mit ihm kreuz und quer durch die Stadt gefahren, zu fünf verschiedenen Läden, um fünf verschiedene Zutaten für ein einziges Essen zu besorgen. (»Die salsiccia ist bei Cristafaro einfach besser, Donna.«) Dieselbe Liebe zum Detail beweist er auch im Schlafzimmer. Dieser Mann, so darf man sagen, bringt die Sauce wirklich zum Brodeln.

An diesem Morgen nimmt er wie immer die grünen Kona-Kaffeebohnen aus dem vakuumversiegelten Glas und löffelt sie in den kleinen Röster. Den hat er in einem der Gourmetkataloge gefunden, die immer mit der Post kommen.

Donna regt sich ständig auf wegen seiner Kaffeebohnenmacke.

»Kauf dir einen Automaten mit Zeitschalter«, hat sie gesagt. »Dann ist er fertig, wenn du aus der Dusche kommst. Du kannst sogar ein paar Minuten länger schlafen.«

»Aber er wäre nicht so gut.«

»Du zu sein macht eine Menge Arbeit«, meinte Donna darauf.

Was soll ich sagen?, dachte Frank. Es stimmt.

»Schon mal was von Lebensqualität gehört?«, hat er sie gefragt.

»Oft«, war ihre Antwort. »Immer wenn es um Sterbehilfe geht. Ob man den Stecker ziehen soll oder nicht.«

»Das hier ist Lebensqualität«, hat Frank ihr erwidert.

Und es stimmt wirklich, denkt er an diesem Morgen, als er den Duft der röstenden Bohnen einsaugt und das Wasser aufsetzt. Lebensqualität hat mit den kleinen Dingen zu tun – dass man sie gut macht, dass man sie richtig macht. Er nimmt eine kleine Pfanne vom Haken über dem Fleischerblock, setzt sie auf den Herd und schneidet eine dünne Scheibe Butter hinein. Als die Butter zu brutzeln beginnt, schlägt er ein Ei in die Pfanne und lässt es braten, während er einen Zwiebelbagel in zwei Hälften schneidet. Dann schiebt er das Ei vorsichtig mit einem Plastikwender (grundsätzlich nur Plastik – Metall würde die Teflonbeschichtung zerkratzen, was Donna immer zu vergessen scheint, weshalb sie in Franks cucina nicht kochen darf) auf eine der beiden Hälften, legt die andere obendrauf und wickelt das Ei-Sandwich in eine Leinenserviette, um es warm zu halten.

Donna kritisiert ihn natürlich wegen des täglichen Eis.

»Es ist ein Ei«, erklärt er ihr, »keine Handgranate.«

»Du bist zweiundsechzig Jahre alt, Frank«, sagt sie, »du musst auf deinen Cholesterinspiegel achten.«

»Nein, das mit den Eiern stimmt nicht, haben sie rausgefunden. Das ist üble Nachrede.«

Auch seine Tochter Jill bearbeitet ihn deswegen. Sie hat grade ihr Medizin-Vorstudium an der Uni von San Diego abgeschlossen, deshalb weiß sie natürlich über alles Bescheid. Er widerspricht ihr da. »Du bist Vorstudentin«, sagt er. »Wenn du fertig studiert hast, kannst du mir mein Frühstücksei vermiesen.«

Amerika, denkt Frank. Wir sind das einzige Land der Welt, das Angst vor seinen Nahrungsmitteln hat.

Wenn das tödliche Ei-Sandwich fertig ist, sind auch die Kaffeebohnen geröstet. Er mahlt sie genau zehn Sekunden lang in der Kaffeemühle, dann schüttet er den gemahlenen Kaffee in den französischen Kaffeebereiter, gießt kochendes Wasser drauf und lässt den Kaffee die empfohlenen vier Minuten ziehen.

Diese vier Minuten sind keine verschwendete Zeit.

Frank nutzt sie, um sich anzuziehen.

»Wie sich ein zivilisierter Mensch in vier Minuten anziehen kann, ist mir ein Rätsel«, hat Donna dazu bemerkt.

Das ist ganz leicht, denkt Frank, besonders wenn man die Sachen am Abend vorher zurechtgelegt hat und zum Angelladen will. An diesem Morgen also zieht er frische Unterwäsche an, dicke Wollsocken, ein Flanellhemd und alte Jeans, dann setzt er sich auf die Bettkante und steigt in seine Arbeitsstiefel.

Als er in die Küche zurückkommt, ist der Kaffee fertig. Er gießt ihn in eine Isoliertasse aus Metall und nimmt seinen ersten Schluck.

Frank liebt diesen ersten Schluck Kaffee.

Besonders wenn er frisch geröstet ist, frisch gemahlen und frisch gebrüht.

Lebensqualität.

Auf die kleinen Dinge kommt es an.

Er drückt den Deckel auf die Isoliertasse und stellt sie auf den Tresen, dann nimmt er den alten Kapuzenpullover vom Wandhaken und zieht ihn über, stülpt sich eine schwarze Wollmütze auf den Schädel und holt Autoschlüssel und Brieftasche von ihrem gewohnten Platz.

Schließlich steckt er die gestrige Union-Tribune ein, in der er sich das Kreuzworträtsel aufgehoben hat. Das nimmt er sich am Vormittag vor, wenn im Angelladen Flaute herrscht.

Er greift sich die Kaffeetasse und das Ei-Sandwich, schaltet die Stereoanlage aus und ist startbereit.

 

Es ist Winter in San Diego und kalt.

Sagen wir, relativ kalt.

Nicht wie in Wisconsin oder North Dakota, wo die Kälte richtig wehtut, wo der Motor streikt und man Angst hat, dass einem das Gesicht abplatzt und runterfällt. Aber an einem Januarmorgen um vier Uhr zehn ist es auf der nördlichen Halbkugel überall kalt, zumindest ein bisschen. Besonders, denkt Frank, als er in seinen Toyota-Van steigt, wenn du über sechzig bist und es morgens eine Weile dauert, bis der Kreislauf in Schwung kommt.

Aber Frank liebt den frühen Morgen. Das ist die schönste Tageszeit.

Eine Zeit der Ruhe, der einzige Teil seines gut gefüllten Arbeitstags, an dem nichts los ist. Und er genießt es immer wieder, wenn die Sonne über den Bergen aufgeht, der Himmel über dem Ozean rosig wird und sich die schwarze Wassermasse allmählich grau verfärbt.

Aber das dauert.

Noch ist alles dunkel draußen.

Er schaltet einen Lokalsender ein, um den Wetterbericht zu hören.

Regen, Regen, nochmals Regen.

Eine große Wetterfront vom Nordpazifik.

Mit halbem Ohr hört er die Lokalnachrichten. Das Übliche. Wieder vier Häuser in Oceanside abgerutscht, die städtischen Kassenwarte streiten sich, ob die Stadt vor dem Ruin steht oder nicht, und die Immobilienpreise sind erneut gestiegen.

Dann der Bestechungsskandal im Stadtrat. Im Rahmen der »Operation G-Sting« des FBI wird Anklage gegen vier Stadträte erhoben. Angeblich sind sie von Striplokalbesitzern bestochen worden, damit sie das städtische »Fummelverbot« in den Stripperclubs zu Fall bringen. Und ein paar Cops vom Sittendezernat wurden fürs Wegsehen bezahlt.

Das ist neu und doch immer die alte Geschichte, denkt Frank. In einer Hafenstadt wie San Diego ist Sex nun mal ein wichtiger Wirtschaftszweig. Einen Stadtrat zu bestechen, damit die Seeleute ihren Lap-Dance kriegen, ist sozusagen Bürgerpflicht.

Aber dass das FBI seine wertvolle Zeit auf Stripperinnen verwendet, lässt Frank kalt.

Ein Striplokal hat er seit … wie viel? … seit zwanzig Jahren nicht von innen gesehen.

Frank schaltet zum Klassiksender zurück, breitet die Leinenserviette über den Schoß und nimmt sich das Ei-Sandwich vor, während er nach Ocean Beach hinunterfährt. Er liebt diese leichte Zwiebelschärfe, kombiniert mit dem Ei-Geschmack und der Bitterkeit des Kaffees.

Herbie Goldstein war es – er ruhe in Frieden –, der ihn auf den Zwiebelbagel gebracht hat, damals, als Vegas noch Vegas war und nicht Disneyland mit Würfeltischen, damals, als Herbie mit seinen dreihundertfünfzig Pfund die unglaublichsten Gewinne einspielte und die unglaublichsten Frauen aufriss. Sie waren die ganze Nacht auf Achse gewesen, in Shows und Clubs, mit ein paar prächtigen Bräuten, als Herbie irgendwann wieder zu ihm stieß. Sie beschlossen, frühstücken zu gehen, und bei dieser Gelegenheit überredete Herbie den widerstrebenden Frank, einen Zwiebelbagel zu probieren.

»Komm schon, Versuchskarnickel«, hatte Herbie gesagt, »erweitere deinen Horizont.«

Damit hat ihm Herbie einen echten Gefallen getan, denn Frank schmecken die Zwiebelbagel – aber nur, wenn er sie frisch gebacken in dem kleinen koscheren Deli oben in Hillcrest kauft. Jedenfalls, das Zwiebelbagel-Ei-Sandwich ist ein Höhepunkt seiner morgendlichen Routine.

»Normale Menschen setzen sich hin, wenn sie frühstücken«, hat Donna ihn belehrt.

»Ich sitze doch«, war Franks Antwort. »Ich sitze und fahre.«

Wie nennt Jill das? Die jungen Klugscheißer von heute glauben, es sei ihre Erfindung, dass man mehrere Sachen gleichzeitig machen kann. (Die hätten mal Kinder großziehen sollen wie wir früher, bevor es Wegwerfwindeln, Mikrowelle und Waschmaschinen mit Trockner gab.) Also haben sie sich eine lustige Bezeichnung dafür ausgedacht – Multitasking. Ich bin wie die jungen Klugscheißer, denkt Frank. Ich multitaske.

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2

Ocean Beach Pier ist der größte Pier Kaliforniens.

Ein gewaltiges T aus Beton und Stahl, das in den Pazifik ragt, mit einem Stamm, der über fünfhundert Meter lang ist, bevor der Querbalken über eine annähernd gleiche Länge nach Norden und Süden abzweigt. Wenn du unbedingt den ganzen Pier ablaufen willst, hast du einen Ausflug von anderthalb Meilen vor dir.

Franks Angelladen befindet sich im oberen Drittel des Stamms auf der Nordseite, grade so weit vom Ocean-Beach-Pier-Café entfernt, dass der Geruch vom Angelladen die Café-Gäste nicht stört und die Café-Gäste Franks Stammkunden, die Angler, nicht belästigen.

Dabei sind viele seiner Kunden auch regelmäßige Gäste des OBP-Cafés, und zwar wegen der Machaca mit Eiern und wegen des Krebsomeletts. Auch Frank kommt regelmäßig, denn gute Krebsomeletts (okay, Krebsomeletts überhaupt) sind nicht so leicht aufzutreiben. Wenn es die gleich nebenan gibt, macht man daher gern Gebrauch davon.

Aber nicht um vier Uhr fünfzehn morgens, obwohl das OBP-Café rund um die Uhr geöffnet hat. Frank isst sein Sandwich auf, parkt den Van und macht sich auf den Weg zu seinem Laden. Er könnte auch bis vor die Tür fahren, er hat eine Genehmigung, aber wenn er nicht grade Sachen transportieren muss, geht er lieber zu Fuß. Der Ozean um diese Tageszeit ist spektakulär, besonders im Winter. Die schwere Dünung des kalten, schiefergrauen Wassers kündigt den nahenden Sturm an. Um diese Jahreszeit ist das Meer wie eine schwangere Frau, denkt Frank – angeschwollen, launisch, leicht erregbar. Die Wellen klatschen gegen die Betonpfeiler und explodieren zu weißem Schaum, der unter dem Pier verzischt.

Frank denkt öfter an die lange Reise, die die Wellen hinter sich haben, wenn sie irgendwo bei Japan entstehen und dann Tausende von Meilen über den Nordpazifik ziehen, nur um sich hier am Pier zu brechen.

Die Surfer werden in Scharen draußen sein. Nicht die Gaffer, die Möchtegern-Surfer oder die Spinner. Die stehen am Strand, wo sie hingehören, und gucken. Aber die richtigen Kerle, die Gunners, die sind draußen, genau wegen dieser Dünung. Große Wellen, die an den bekannten Stellen losbrechen wie Donnerschläge, an den Breaks, deren Namen sich lesen wie eine Litanei des Surferkatechismus: Boil, Rockslide, Lescums, Out Ta Sites, Bird Shit, Osprey, Pesky’s. Dann die Breaks zu beiden Seiten des OB-Piers, Nordseite und Südseite, und weiter nach Norden – Gage, Avalanche und Stubs.

Frank wird schon kribblig, wenn er an die Namen auch nur denkt.

Er kennt die Breaks alle – es sind geheiligte Orte für ihn. Und das sind nur die in der Gegend von Ocean Beach – weiter oben an der Küste setzt sich die Litanei fort. Von Norden nach Süden: Big Rock, Windansea, Rockpile, Hospital Point, Boomer Beach, Black’s Beach, Seaside Reef, Suckouts, Swami’s, D Street, Tamarack und Carlsbad.

Für die einheimischen Surfer sind das magische Namen. Und nicht nur Namen: Jede Stelle bringt Erinnerungen. Frank ist an diesen Breaks groß geworden, in den goldenen Sixties, als die Küste von San Diego noch ein Paradies war, unbevölkert, unverbaut, als es noch nicht so viele Surfer gab und man praktisch jeden kannte, der da rausging.

Das waren die endlosen Sommer von damals.

Jeder Tag eine Ewigkeit, denkt Frank, als er eine Welle anrollen und am Pier zerkrachen sieht. Du bist vor Morgengrauen aufgestanden, so wie jetzt auch, hast tagsüber auf dem Thunfischboot vom Alten geschuftet. Aber am frühen Nachmittag warst du wieder an Land, dann ging’s raus zu den Buddys am Strand. Bis zum Dunkelwerden wurde gesurft, gelacht und gequatscht, in der Warteschlange rumgealbert, angegeben vor den Bunnys, die dir vom Strand aus zusahen. Das war die Ära der Longboards, man hatte jede Menge Zeit, jede Menge Platz. Tage, angefüllt mit gewagten Stunts und coolen Sprüchen, mit den fetten Gitarrenriffs von Dick Dale und den Songs der Beach Boys – und sie sangen von dir, sie sangen von deinem Leben, von deinen Sommertagen am Strand.

Bei Sonnenuntergang haben wir immer Schluss gemacht, um ihn gemeinsam zu erleben. Für dich und die Buddys und die Chicks war das ein Ritual, ein gemeinsames Erleben von … wovon eigentlich? War es ein Staunen? Ein paar stille, andächtige Minuten zuschauen, wie die Sonne im Ozean versinkt, wie das Wasser glüht, orange, rosig, dann rot, und du denkst still bei dir, was für ein Glück du hast. Schon damals wusstest du, dass du verdammtes Glück hattest, weil du zur richtigen Zeit am richtigen Ort warst, und du warst grade mal schlau genug, um zu kapieren, dass du’s dann gefälligst auch genießen solltest.

Wenn dann der letzte rote Sonnenzipfel verschwunden war, wurde Holz gesammelt, Feuer gemacht, es wurden Fische gegrillt oder Hotdogs oder Hamburger oder was immer sich auftreiben ließ, du hast am Feuer gesessen, einer holte die Gitarre raus und sang »Sloop John B.« oder »Barbara Ann« oder einen alten Folksong, und später hast du dich mit einer Decke und, wenn du Glück hattest, mit einem Mädchen in die Büsche geschlagen, und sie roch nach Salzwasser und Sonnenöl, vielleicht durfte sich deine Hand unter ihr Oberteil verirren, und es ging nichts über dieses Gefühl. Vielleicht hast du auch die ganze Nacht mit ihr auf dieser Decke gelegen, bist aufgewacht, zum Hafen gerannt, hast grade noch rechtzeitig das Boot erwischt, dich an die Arbeit gemacht, und genauso lief dann der nächste Tag.

Aber so was ging nur damals – paar Stunden Schlaf, tagsüber arbeiten, bis zum Dunkelwerden surfen, die ganze Nacht rumhängen und flirten. Jetzt läuft so was nicht mehr. Wenn du jetzt über die Stränge schlägst, hast du am nächsten Morgen ein Problem.

Das waren die goldenen Zeiten, denkt Frank, und plötzlich packt ihn die Trauer. Nostalgie, so nennt man das wohl. Er reißt sich aus seinen Träumen und nimmt Kurs auf den Angelladen. Das hat man davon, wenn man an einem nassen, kalten Wintertag an den Sommer denkt.

Und wir dachten damals, diese Sommer würden niemals enden.

Nie hätten wir gedacht, dass uns die Kälte in die Knochen fahren würde.

 

Zwei Minuten nachdem er geöffnet hat, kommen die ersten Angler.

Die meisten kennt er – das sind seine OBP-Stammkunden, die vor allem werktags kommen, wenn die Wochenend-Angler zur Arbeit müssen. An einem Dienstagmorgen kommen also Pensionäre, die über fünfundsechzig, die nichts Besseres zu tun haben, als sich bei Kälte und bei Nässe auf den Pier zu stellen und zu angeln. Außerdem, und in den letzten Jahren mehr und mehr, kommen die Asiaten, meistenteils Vietnamesen, auch ein paar Chinesen und Malaysier – Leute mittleren Alters, für die das Angeln Arbeit ist. Auf diese Weise sorgen sie für einen gedeckten Tisch und staunen jedes Mal von Neuem, dass sie das fast umsonst dürfen – sich einen Angelschein kaufen, ein bisschen Köder, die Schnur ins Wasser hängen und ihre Familie von den Schätzen des Meeres ernähren.

Aber was soll’s, denkt Frank. Haben das die Einwanderer nicht immer so gemacht? In der Zeitung hat er gelesen, dass die Chinesen um 1850 hier eine ganze Flotte von Fischereidschunken unterhielten, bis die Einwanderungsgesetze Schluss damit machten. Dann kamen mein Großvater und die anderen Italiener, bauten ihre Thunfischflotte auf oder tauchten nach Seeohren. Und jetzt sind wieder die Asiaten dabei, ihre Familien aus dem Meer zu ernähren.

Da haben wir also die Rentner, die Asiaten und dazu noch die jungen Weißen, meist Fabrikarbeiter, die von der Nachtschicht kommen, den Pier für ihr angestammtes Revier halten und sich über die asiatischen »Anfänger« ärgern, die ihnen »ihre Stellen« wegnehmen. Etwa die Hälfte von denen benutzen gar keine Angel, sondern nur die Harpune.

Das sind keine Angler, denkt Frank, das sind Jäger, die warten, bis etwas im Wasser aufblitzt, und dann einen Bolzen abschießen, an dem die lange Schnur hängt, damit sie die Fische hochziehen können. Und es passiert immer mal wieder, dass sie einem Surfer, der am Pier aus dem Wasser kommt, mit ihrem Schuss zu nahe kommen. Deshalb hat es schon öfter Krach gegeben, und zwischen den Surfern und den Harpunenjungs gibt es reichlich Spannungen.

Frank mag keine Spannungen auf seinem Pier.

Fischen und Surfen sollen Spaß machen, keinen Stress. Der Ozean ist groß, Jungs, und hat Platz für alle.

Das ist Franks Philosophie, und jeder, der sie hören will, kriegt sie zu hören.

Alle mögen Frank, den Mann vom Angelladen.

Die Stammkunden mögen ihn, weil er immer weiß, welche Fische da sind und womit man sie ködert, und er verkauft einem nie einen Köder, von dem er weiß, dass er nichts bringt. Die Gelegenheitsangler mögen ihn aus denselben Gründen und weil sie, wenn sie sonnabends ihren Jungen mitbringen, sicher sein können, dass er ihm die richtige Ausrüstung mitgibt und ihm eine Stelle sucht, wo er was fängt, selbst wenn er einen Stammkunden ein Weilchen warten lassen muss. Und die Touristen mögen Frank, weil er immer ein Lächeln und einen flotten Spruch für sie übrig hat und ein Kompliment für ihre Frauen, das vielleicht ein bisschen anzüglich ist, aber niemals plump.

Das ist Frank, der Mann vom Angelladen, der seinen Angelschuppen zu Weihnachten ausschmückt wie das Rockefeller Center, der sich zu Halloween verkleidet und jedem, der reinkommt, Süßigkeiten schenkt, der Jahr für Jahr einen Angelwettbewerb für Kinder veranstaltet und jedes Kind, das mitmacht, einen Preis gewinnen lässt.

Die Leute mögen ihn, weil er eine Junior-Baseballmannschaft sponsert, weil er für die Trikots der Fußballjugend spendet, obwohl er Fußball hasst und nie zu den Spielen geht, weil er bei jeder Aufführung des Schülertheaters Werbefläche kauft und weil er die Basketballringe im Stadtpark bezahlt hat.

Heute Morgen versorgt er seine frühen Kunden mit Köder, dann kommt die übliche Flaute, sodass er Ruhe hat und den Surfern zusehen kann, die schon auf dem Frühtrip sind. Das sind die jungen Heißsporne, die eine Runde einlegen, bevor sie zur Arbeit müssen. Vor ein paar Jahren wäre ich das gewesen, denkt er mit einer leisen Anwandlung von Eifersucht. Dann muss er über sich selbst lachen. Vor ein paar Jahren? Vergiss es! Diese Kids mit ihren Shortboards und ihren Cutback-Manövern? Wenn du versuchst, was die da machen, renkst du dir den Arsch aus und musst eine Woche im Bett bleiben. Du bist zwanzig Jahre davon entfernt, mit denen mitzuhalten – du wärst ihnen einfach nur im Weg, und du weißt es.

Also setzt er sich an sein Kreuzworträtsel – auch so ein Geschenk von Herbie, denn der hat ihn auf den Geschmack gebracht. Herbie ist ihm in den letzten Tagen öfter durch den Kopf gegangen und an diesem Morgen schon wieder.

Vielleicht liegt das an dem Sturm, denkt er. Stürme bringen Erinnerungen zurück wie das Treibholz, das sie anschwemmen. Dinge, die man längst vergessen hatte, und plötzlich sind sie wieder da – alt und abgewetzt, aber man hat sie zurück.

Er sitzt also über dem Rätsel, denkt an Herbie und wartet auf die Herrenrunde.

Die Herrenrunde ist eine feste Institution an jedem kalifornischen Surfstrand. Gegen halb neun oder neun machen die jungen Surfer den Leuten mit flexibleren Tagesabläufen Platz. Dann setzt sich die Klientel aus Ärzten, Anwälten, Grundstücksspekulanten, frühpensionierten Beamten, ein paar Lehrern im Ruhestand zusammen – Herren eben.

Diese Sorte Surfer ist offenkundig älter, meist mit Longboards und einem schlichteren Surfstil versehen, eher aufs Vergnügen als auf Rekorde bedacht und viel höflicher. Keiner hat es besonders eilig, keiner steigt einem in die Welle, und keiner ist sauer, wenn er mal nicht zum Zuge kommt. Alle wissen, dass es auch morgen und übermorgen noch Wellen gibt. Um der Wahrheit die Ehre zu geben: Meistens hängen sie draußen rum im Line-up, oder sie stehen am Strand und schwindeln sich gegenseitig was von Monsterwellen und spektakulären Wipeouts vor und erzählen Storys aus den guten alten Zeiten, die mit jeder Wiederholung immer noch besser werden.

Sollen die Kids das doch die »Rentnerrunde« nennen – was wissen die schon?

Das Leben ist wie eine saftige Orange, denkt Frank. In der Jugend presst du schnell und kräftig, um möglichst viel Saft rauszuholen. Wirst du älter, presst du langsamer, um jeden Tropfen zu genießen. Erstens weil du nicht weißt, wie viele Tropfen noch kommen, zweitens weil die letzten Tropfen am besten schmecken.

Das denkt er grade, als es drüben am Geländer zu Streitigkeiten kommt.

Na fein, das gibt Gesprächsstoff für die alten Herren, denkt er sich und geht nachsehen, was dort los ist. Ist mal wieder typisch: Ein Harpunenmann und ein Vietnamese haben denselben Fisch erwischt und kriegen sich nun in die Haare, wer ihn zuerst gefangen hat – ob der Harpunenmann ihn getroffen hat, als er schon am Haken des Vietnamesen hing, oder ob der Vietnamese ihn geangelt hat, als er schon vom Pfeil des Harpunenmanns durchbohrt war.

Der arme Fisch schaukelt in der Luft, am Scheitelpunkt eines dramatischen Dreiecks, während beide Opponenten wie wild an ihrer Leine zerren. Mit einem Blick erkennt Frank, dass der Vietnamese im Recht ist, weil sein Haken im Fischmaul steckt. Denn dass der Fisch, nachdem er von einem Pfeil durchbohrt wurde, noch Appetit auf einen leckeren Wurm entwickelt hat, hält Frank für wenig wahrscheinlich.

Aber der Harpunenmann zieht den Fisch mit einem kräftigen Ruck zu sich rüber.

Der Vietnamese brüllt ihn an, Zuschauer sammeln sich, und der Harpunenmann sieht aus, als wollte er ihn vom Pier schubsen, was er ohne Weiteres könnte, denn er ist groß und kräftig, größer noch als Frank.

Frank schiebt ein paar Zuschauer beiseite und stellt sich zwischen die beiden Streithähne.

»Das ist sein Fisch«, sagt er zum Harpunenmann.

»Spinne ich? Wer bist du denn?«

Eine außergewöhnlich dumme Frage. Er ist Frank, der Mann vom Angelladen, und jeder, der auf dem OBP fischt, weiß das. Jeder, der sich hier auskennt, weiß auch, dass Frank, der Mann vom Angelladen, zu den Sheriffs auf dem Pier gehört.

Weil es nämlich überall am Meer – ob Strand, Pier oder Welle – ein paar »Sheriffs« gibt, gestandene Kerle, die für Ordnung sorgen und Streitigkeiten schlichten. Am Strand ist das meistens der Rettungsschwimmer – schon etwas älter und bekannt für seine Heldentaten. Draußen auf dem Line-up macht das der eine oder andere, der diesen Break schon seit Urzeiten reitet.

Auf dem Ocean-Beach-Pier macht es Frank.

Mit einem Sheriff streitet man nicht. Man kann seine Meinung sagen, man kann sein Leid klagen, aber man rüttelt nicht an der Entscheidung des Sheriffs. Und schon gar nicht fragt man ihn, wer er ist, weil man das einfach weiß. Nicht zu wissen, wer der Sheriff ist, stempelt einen automatisch zum Außenseiter ab, der sich schon deshalb ins Unrecht setzt, weil er keine Ahnung hat.

Und der Harpunenmann sieht eindeutig nach East County aus, von der Daunenweste bis hin zu der Baseballkappe mit Keep on truckin’ drauf und dem Vokuhila drunter.

Frank tippt, dass er aus El Cajon kommt, und er findet es immer sehr komisch, wenn Leute, die vierzig Meilen hinter der Küste wohnen, hier am Ozean Revierkämpfe ausfechten.

Also denkt er gar nicht daran, die Frage zu beantworten.

»Er hatte ihn am Haken, und du hast geschossen, als er ihn rangekurbelt hat«, sagt Frank.

Was der Vietnamese schon die ganze Zeit beschwört. So laut und schnell und vietnamesisch, dass sich Frank umdreht und ihn bittet, ein bisschen runterzukommen. Er muss dem Vietnamesen zugutehalten, dass er nicht kneift, obwohl er einen reichlichen Kopf kleiner ist als der Harpunenmann und nur halb so viel wiegt. Der kann sich gar nicht leisten zu kneifen, denkt Frank, der muss schließlich seine Familie durchbringen.

»Komm, gib den Fisch raus«, sagt Frank zum Harpunenmann. »Davon schwimmen noch mehr im Wasser rum.«

Der Harpunenmann lässt sich das nicht bieten. Er pumpt sich auf und starrt Frank an, mit einem Blick, der ihm verrät, dass der Kerl auf Speed ist. Großartig, denkt Frank. Das macht die Sache ja viel einfacher.

»Diese Scheißgooks schnappen uns die ganzen Fische weg«, sagt der Harpunenmann und lädt seine Bolzenkanone durch.

Der Vietnamese ist vielleicht nicht so gut in Englisch, aber das Wort gook hat er verstanden, wie man an seinem Blick erkennt. Hat es wahrscheinlich schon öfter gehört, denkt Frank, dem so was peinlich ist.

»Hey, East County«, sagt er zum Harpunenmann, »hier bei uns gibt’s solche Sprüche nicht.«

Der Harpunenmann setzt zu einem Gebrüll an und bricht plötzlich ab.

Hält einfach die Klappe.

Er mag ja ein Trottel sein, aber er ist nicht blind, und er sieht was in Franks Augen, was ihn schlicht zum Schweigen bringt.

Frank blickt ihm direkt in die zugedröhnten Augen und sagt: »Hier auf dem Pier will ich dich nicht mehr sehen. Such dir eine andere Stelle.«

Der Harpunenmann gibt auf. Nimmt seine Fische und macht sich auf den langen Weg an Land.

Frank geht zurück in seinen Angelladen und steigt in den Neoprenanzug.

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3

Hey, sieh da! Das Auge des Gesetzes.«

Dave Hansen grinst von seinem Brett im Line-up zu Frank hinüber. »Wieso? Hast du’s schon gehört?«

Frank paddelt näher und zieht längsseits.

»Ocean Beach ist ein Dorf«, sagt Dave. Er fasst Franks Longboard ins Auge, ein altes Baltierra, zwei Meter achtzig lang. »Ist das ein Surfbrett oder ein Ozeandampfer? Hast du auch Stewards auf dem Ding? Bitte einen Tisch für den zweiten Durchgang.«

»Große Wellen, großes Brett«, sagt Frank.

»Morgen kommen noch größere Wellen, wenn wir solche Reden schwingen.«

»Wellen sind wie Bäuche«, sagt Frank. »Die wachsen mit dem Alter.«

Was man von Daves Bauch nicht sagen kann. Seit zwanzig Jahren sind sie befreundet, aber der Bauch des hochgewachsenen FBI-Manns ist immer noch ein Waschbrett. Wenn Dave nicht surft, dann rennt er, und abgesehen von dem Zimtbrötchen nach der Herrenrunde isst er nichts, wo weißer Zucker drin ist.

»Schön kalt, was?«, sagt Dave.

»O ja.«

Und kalt ist es wirklich, obwohl Frank einen Winteranzug von O’Neill trägt, mit Haube und Boots. Verdammt kalt sogar, und Frank hat, wenn er ehrlich sein soll, schon überlegt, ob er heute mal aussetzt. Aber das wäre der Anfang vom Ende, denkt er, eine Kapitulation vorm Alter. Gehst du jeden Morgen surfen, bleibst du jung. Also hat er, kaum war Kid Abe reingekommen, ganz schnell, bevor ihm eine Ausrede einfiel, den Neoprenanzug, die Haube und die Boots angezogen und ist los.

Hinaus in die Kälte.

Beim Rauspaddeln klatscht ihm eine Welle ins Gesicht, und ihm ist, als würde er kopfüber in einem Eiskübel landen.

»Ich staune ja, dass du heute hier bist«, sagt Frank.

»Wieso?«

»Operation G-Sting«, sagt Frank. »Komisch, der Name, oder?«

»Und da sagen die Leute, wir hätten keinen Humor.«

Nur dass G-Sting kein Witz ist, denkt Dave Hansen. Es geht nicht um juckende G-Strings, sondern um die letzten Überbleibsel des organisierten Verbrechens in San Diego – geschmierte Polizisten und Stadträte, auch ein Kongressabgeordneter könnte im Spiel sein. G-Sting richtet sich nicht gegen Stripperinnen, sondern gegen die Bestechung, und Bestechung ist wie ein Krebsgeschwür. Es fängt klein an, mit Lap-Dance im Stripperclub, und wächst immer weiter. Als Nächstes kommen Bauausschreibungen, Immobiliengeschäfte, und irgendwann hängt auch die Rüstungsindustrie mit drin.

Hat man einen Politiker erst mal am Haken, hat man ihn für immer.

Die Ganoven wissen das. Sie wissen, dass man einen Politiker nur einmal schmiert. Danach erpresst man ihn.

»Ab geht’s!«, brüllt Frank.

Da kommt eine nette Serie von Wellen.

Dave geht in die Spur. Er ist ein kräftiger Typ mit leichtem, athletischem Angang. Frank sieht ihm zu, wie er die Welle erwischt, aufsteigt, sich fallen lässt und dann auf dem rechtsseitigen Break reitet, die ganze Strecke, bis er im knöcheltiefen Wasser abspringt.

Frank nimmt sich die nächste.

Er legt sich flach aufs Brett und paddelt mit voller Kraft, spürt, wie ihn die Welle hochnimmt, und geht in die Hocke. Er richtet sich auf, als die Welle überkippt, und dreht die Spitze direkt aufs Land. Das ist der klassische, geradlinige Longboard-Stil, und obwohl Frank den schon Tausende Male geritten ist, bringt der ihm immer noch den größten Kick.

Nichts gegen Donna oder Patty oder irgendeine von den Frauen, die er im Leben hatte, aber dieser Kick ist ohne Konkurrenz. War es und wird es immer bleiben. Wie heißt es in dem alten Song? Catch a wave and you’re sitting on top of the world. Genau das ist es. Man sitzt – na gut, steht – on top of the world. Und die Welt rast im Tausendmeilentempo dahin, kalt schäumend, berauschend.

Er reitet die Welle und springt ab.

Zusammen mit Dave paddelt er wieder raus.

»Für ein paar alte Herren sehen wir ganz gut aus«, sagt Frank.

»Stimmt«, sagt Dave. Und als sie wieder auf der Sandbank stehen: »Hey, hab ich dir erzählt, dass ich die Marke abgebe?«

Frank will es nicht glauben. Dave Hansen in Rente? Er ist so alt wie ich, verdammt noch mal. Nein, stimmt nicht. Er ist sogar ein paar Jahre jünger.

»Das FBI bietet mir die Frühpensionierung an«, sagt Dave behutsam, als er Franks Blick sieht. »All die jungen Leute wollen ran. Der ganze Terrorismus-Quatsch. Ich hab mit Barbara gesprochen, und wir sind uns einig.«

»Mann, Dave. Und was machst du dann?«

»Das hier«, sagt Dave und zeigt aufs Wasser. »Und reisen. Mich um die Enkel kümmern.«

Enkel. Frank hat vergessen, dass Daves Tochter Melissa vor Jahren ein Baby bekommen hat und schon das nächste erwartet. Wo wohnt sie gleich? Seattle? Portland? Irgendwo, wo es viel regnet.

»Wow.«

»Hey, zur Herrenrunde komme ich trotzdem. Meistens jedenfalls. Und muss nicht gleich wieder weg.«

»Meinen Glückwunsch, ehrlich«, sagt Frank. »Cent’anni. Viel Erfolg. Äh, und wann …?«

»In neun Monaten«, sagt Dave. »Im September.«

September, denkt Frank. Der beste Monat am Strand. Das Wetter ist gut, und die Touristen sind weg.

Eine neue Serie Wellen kommt rein.

Beide machen ihren Ritt und hören dann auf. Zwei gute Wellen an einem Tag wie diesem reichen aus. Und ein Zimtbrötchen mit heißem Kaffee, das klingt jetzt sehr verlockend. Sie gehen hoch und waschen sich unter der Außendusche hinter dem Angelladen, ziehen sich an und belegen einen Tisch im OBP-Café.

Da sitzen sie, trinken Kaffee, verzehren Fett und Zucker und sehen dem Wintergewitter dabei zu, wie es sich über dem Meer aufbaut.

Dunkelgrauer Himmel, quellende Wolken, zunehmender Wind aus Westen.

Das wird ein echter Kracher.

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4

Nach der Herrenrunde fängt Franks Arbeitstag erst richtig an.

Und jeder Tag ist für Frank ein Arbeitstag – wie auch anders bei vier Jobs, einer Ex und einer Freundin, die alle unter einen Hut gebracht werden müssen. Sein Trick: Er hält sich an einen festen Ablauf oder versucht es zumindest.

Ohne sichtbaren Erfolg hat er versucht, Kid Abe diese simple Management-Weisheit nahezubringen. »Wenn du einen festen Ablauf hast«, hat er ihm erklärt, »kannst du immer davon abweichen, falls dir was in die Quere kommt. Wenn du keinen festen Ablauf hast, kommt dir alles in die Quere. Kapiert?«

»Kapiert.«

Aber er hat es nicht kapiert, denkt Frank, weil er sich nicht dran hält. Frank hält sich dran mit religiöser Inbrunst. Doch »religiös« ist nicht das richtige Wort, wie ihm Patty bei seinem letzten Besuch, als er das Leck unter der Spüle stopfen musste, begreiflich gemacht hat. »Du gehst nie zur Kirche«, sagte sie zu ihm.

»Warum soll ich zur Kirche gehen?«, fragte er zurück. »Um mir von einem Pfaffen, der kleine Jungs schtuppt, Moralpredigten anzuhören?«

Das Wort hat er von Herbie Goldstein, und er zieht es all den anderen vor, denn er hasst ordinäre Ausdrücke, und irgendwie klingt die Sache auf Jiddisch weniger ordinär.

»Du bist grässlich«, hat Patty gesagt.

Klar bin ich grässlich, denkt Frank, aber als er die letzten Male ihr Scheckbuch in Ordnung gebracht hat, hat er festgestellt, dass sie nicht mehr so viel für die Kirche spendet wie früher. Den Pfaffen müsste klar sein, was italienische Ehemänner schon immer wussten: Eine italienische Frau findet immer einen Weg, dich zu bestrafen, und meist läuft das über die Brieftasche. Ist sie sauer auf dich, macht sie zwar ihren Job im Bett, aber dann geht sie los und kauft eine neue Essecke. Doch das darfst du ihr auf keinen Fall vorwerfen. Wenn du nur ein bisschen Grips hast, lässt du’s sein.

Und wenn die Pfaffen nur ein bisschen Grips haben, steigen sie nicht auf die Kanzel und beklagen sich über die schrumpfende Kollekte, weil sie dann nur noch Kleingeld zu sehen kriegen.

Die Kirche also spielt keine Rolle in Franks Tagesplanung.

Sein Wäscheservice schon.

Die ersten zwei Stunden nach seiner Angelladen-Schicht verbringt er damit, die Restaurants abzuklappern, die er versorgt, um seine »Gute-Laune-Besuche« zu machen, wie er das nennt, mit den Besitzern und Managern zu reden und sicherzustellen, dass sie mit dem Service zufrieden sind, dass ihre Bestellungen pünktlich eingetroffen sind, dass die Tischtücher, Servietten, Schürzen und Geschirrtücher fleckenlos sauber sind. Wenn das Restaurant auch Fisch anbietet, geht er in die Küche, um den Koch zu begrüßen und sich davon zu überzeugen, dass er mit der gelieferten Qualität zufrieden ist. Normalerweise geht Frank dann mit ihm in den Kühlraum, wo er die Ware persönlich in Augenschein nimmt, und hat der Koch was auszusetzen, schreibt Frank das in sein kleines Notizbuch und kümmert sich sofort darum.

Gott segne das Handy, denkt Frank, denn jetzt kann er Louis direkt aus dem Auto verklickern, dass er binnen zwanzig Minuten frischen Thunfisch beim Ocean Grill abliefern soll, aber diesmal in der richtigen Qualität.

»Warum schreibst du dir das auf, wenn du ihn sowieso gleich anrufst?«, fragt Kid Abe.

»Damit der Kunde sieht, dass ich es aufschreibe«, erklärt Frank, »und weiß, dass ich meinen Job ernst nehme.«

Bis eins hat Frank etwa ein Dutzend der besten Lokale von San Diego abgehakt. Heute verläuft seine Tour von Süden nach Norden, sodass er in Encinitas landet, wo er sich mit Jill zum Essen verabredet hat.

Da sie Vegetarierin ist, treffen sie sich im Lemongrass-Café am Pacific Coast Highway, obwohl das Lokal nicht zu seiner Kundschaft gehört und er dort keine Vergünstigungen kriegt.

Sie sitzt schon da, als er reinkommt.

Er bleibt kurz im Foyer stehen und mustert sie.

Lange Zeit haben Patty und er geglaubt, sie würden keine Kinder bekommen. Sie hatten sich schon mit der Tatsache abgefunden, und dann kam sie.

Jill.

Meine schöne Tochter.

Schon richtig erwachsen.

Groß, schlank, schulterlanges, kastanienbraunes Haar. Dunkelbraune Augen und eine römische Nase. Leger, aber elegant mit Jeans und schwarzem Pulli. Sie liest den New Yorker und nippt an einer Tasse, in der sich, wie er weiß, Kräutertee befindet. Dann blickt sie auf und lächelt, und dieses Lächeln ist ihm kostbarer als alles andere auf der Welt.

Nach seiner Trennung von Patty waren sie sich lange Zeit entfremdet, und er verübelt ihr nicht, dass sie ihm die kalte Schulter zeigte. Das waren harte Zeiten, denkt Frank. Ich hab ihr und ihrer Mutter eine Menge zugemutet. Fast die ganze College-Zeit hat sie kaum mit ihm gesprochen, obwohl er alle Gebühren samt Kost und Logis bezahlt hat. Erst gegen Ende ihres Junior-Jahrs hat sie ihn angerufen und zum Essen eingeladen. Sie waren sehr beklommen, und doch war es aufregend, und danach bauten sie ihre Beziehung langsam wieder auf.

Zwar läuft es noch nicht nach dem Motto »Vater ist der Beste«, sie ist nach wie vor ein bisschen sauer auf ihn und zeigt ihm manches Mal die Zähne, aber sie treffen sich jeden Dienstag zum Lunch, und das versäumt er auf keinen Fall, mögen die Termine noch so sehr drücken.

»Daddy!«

Sie legt den New Yorker weg und steht auf, um sich umarmen und auf die Wange küssen zu lassen.

»Sweetie!«

Er setzt sich zu ihr. Das Lokal ist der typische südkalifornische buddhistisch-vegetarische Hippieladen mit Naturfasern auf Tischen und Wänden und mit Kellnern, die nur flüstern, als wären sie im Tempel und nicht im Restaurant.

Er nimmt sich die Speisekarte vor.

»Probier mal den Tofu-Burger«, sagt sie.

»Sei mir nicht böse, Sweetie, dann esse ich lieber Schlamm.«

Er nimmt etwas, was aussieht wie ein Auberginen-Sandwich aus Siebenkörnerbrot.

Sie bestellt Suppe mit Tofu und Zitronengras.

»Wie läuft der Angelladen?«, fragt sie.

»Gut«, sagt er.

»Hast du Mom in letzter Zeit gesehen?«

»Klar.« So gut wie jeden Tag, denkt Frank. Ist es nicht ihr Scheckbuch, ist es das Auto, das gewartet werden muss, und am Haus gibt es immer was zu tun. Außerdem zahlt er ihr jede Woche Unterhalt in bar. »Und du?«

»Gestern Abend waren wir essen und shoppen«, sagt Jill. »Ich versuch ihr immer auszureden, dass sie ausschließlich schwarze Sachen kauft.«

Er lächelt und verkneift sich eine Bemerkung über ihren Pulli.

»Seit du sie verlassen hast, läuft sie rum wie eine Nonne.«

Schön, denkt Frank, damit wäre die obligatorische Erwähnung dieser Sache abgehakt. Und nur zur Erinnerung, Sweetie, ich hab sie nicht verlassen – sie hat mich rausgeschmissen. Womit ich nicht behaupte, dass sie keine Gründe hatte oder dass ich es nicht verdient hätte.

Nur zur Erinnerung.

Aber er behält es lieber für sich.

Jill greift auf den Nachbarsitz und reicht ihm einen Umschlag über den Tisch. Er blickt sie neugierig an.

»Aufmachen«, sagt sie strahlend.

Erst die Lesebrille. Alt werden ist Mist, denkt er. Warum nicht gleich Schluss machen? Ein Brief von der Uni Los Angeles. Er faltet ihn auf und fängt an zu lesen. Doch weit kommt er nicht, denn seine Augen werden feucht. »Ist das …«

»Die Zusage«, sagt sie. »Von der UCLA Medical School.«

»Sweetie, das ist fantastisch«, sagt Frank. »Ich bin so stolz … so glücklich.«

»Ich auch«, sagt sie, und er weiß wieder, dass sie in ihren besseren Momenten ganz natürlich und unverstellt reagiert.

»Wow«, macht er. »Meine Kleine wird Ärztin.«

»Onkologin«, präzisiert sie.

Klar, denkt er. Jill macht keine halben Sachen. Wenn sie in den Pool springt, dann immer am tiefen Ende. Sie wird nicht einfach Ärztin, sie wird Krebsheilerin. Gut für sie. Und wie ich sie kenne, schafft sie es auch.

UCLA Medical School.

»Vor September geht es nicht los«, sagt sie, »also dachte ich, ich mache diesen Sommer ein paar Jobs und suche mir dann einen Teilzeitjob für nebenbei. Ich glaube, ich krieg das gebacken.«

Er schüttelt den Kopf. »Im Sommer arbeiten, okay. Aber du kannst nicht studieren und gleichzeitig jobben, Sweetie.«

»Daddy, ich …«

Er hebt die Hände. »Lass das meine Sorge sein.«

»Du arbeitest so viel, und …«

»Lass das meine Sorge sein.«

»Bist du sicher?«

Diesmal hebt er nur die Hand, ohne was zu sagen.

Da kommen fette Rechnungen auf mich zu, denkt Frank. Das heißt: mehr Angelkram, mehr Wäsche, mehr Fisch. Und mehr Mieterstress – an den Nachmittagen arbeitet Frank als Hausverwalter.

Ich muss eben überall einen Zahn zulegen, denkt er. Wird schon gehen. Ich kann einen Zahn zulegen. Ich hab dir schon eine Menge rübergereicht in diesem Leben, da werde ich auch das schaffen. Und eine Tochter haben, die Dr. Machianno heißt. Wie hätte mein alter Herr das gefunden?

»Das sind ja Neuigkeiten!«, sagt er. Er steht auf und küsst sie auf den Kopf. »Ich gratuliere.«

Sie presst seine Hand. »Danke, Daddy.«

Das Essen kommt, und mit falschem Enthusiasmus verzehrt Frank sein Sandwich. Am liebsten würde ich denen in der Küche zeigen, wie man Auberginen behandelt.

Beim Essen reden sie über dies und das. Er fragt, ob sie einen Freund hat.

»Niemand Besonderes«, sagt sie. »Außerdem habe ich neben der Medizinschule keine Zeit für die Liebe.«

Typisch Jill, denkt er. Das Kind war schon immer ein kluger Kopf.

»Nachtisch?«, fragt er, als sie fertig sind.

»Ich nicht.« Mit einem Blick auf seinen Bauch fügt sie hinzu: »Und du solltest auch nicht.«

»Das ist das Alter«, erklärt er.

»Das ist deine Ernährung«, erwidert sie. »Die vielen Cannoli.«

»Ich arbeite schließlich für die Gourmet-Branche.«

»Gibt es irgendeine Branche, für die du nicht arbeitest?«

»Die Tofu-Branche«, sagt er und winkt nach der Rechnung. Und du solltest froh sein, dass ich so viele Jobs habe. Diese Jobs haben dein College finanziert, und irgendwie werden sie auch dein Medizinstudium finanzieren.

Ich muss nur rauskriegen, wie.

Er bringt sie raus zu ihrem kleinen Toyota Camry. Den hat er ihr fürs Studium gekauft – zuverlässig, sparsam, günstig versichert. Und in perfektem Zustand, weil sie ihn pflegt. Die künftige Onkologin weiß, wie man den Ölstand misst und die Zündkerzen wechselt, und gnade dem Automonteur, der Jill Machianno übers Ohr hauen will.

Jetzt blickt sie ihn richtig treuherzig an. Diese braunen Augen können eine beträchtliche Wärme entwickeln. Nicht oft, aber manchmal. Doch wenn sie es tun, dann ist er hinüber.

»Was ist?«, fragt er.

Sie zögert. »Du bist so ein guter Vater. Und es tut mir leid, wenn ich …«

»Das war gestern«, sagt Frank. »Alles, was Gott uns gibt, ist das Heute. Und du bist eine wunderbare Tochter. Ich könnte nicht stolzer auf dich sein.«

Sie umarmen sich ganz fest eine Minute lang.

Dann steigt sie in ihr Auto und ist weg.

Sie hat das Leben noch vor sich, denkt Frank. Und hat sich einiges vorgenommen …

 

Kaum sitzt er wieder in seinem Van, klingelt das Handy. Er blickt aufs Display. »Hallo Patty.«

»Der Abfallzerkleinerer.«

»Was ist damit?«

»Er zerkleinert nicht. Und das Becken ist voll mit … Abfall.«

»Hast du den Klempner angerufen?«

»Ich rufe dich an.«

»Ich komme nachher vorbei.«

»Wann genau?«

»Ich weiß nicht, Patty«, sagt er. »Ich habe zu tun. Wenn ich da bin, bin ich da.«

»Du hast den Schlüssel«, sagt sie.

Das weiß ich selber, denkt er. Warum muss sie mich jedes Mal daran erinnern? »Ich hab den Schlüssel«, bestätigt er. »Ich war grade essen mit Jill.«

»Heute ist ja auch Dienstag«, sagt sie.

»Hat sie dir die Neuigkeit erzählt?«

»Ihr Studienplatz?«, fragt Patty. »Sie hat mir den Brief gezeigt. Ist das nicht wundervoll?«

»Absolut wundervoll.«

»Aber wie sollen wir das bezahlen, Frank?«

»Ich denk mir was aus.«

»Aber ich weiß nicht …«

»Ich denk mir was aus«, wiederholt Frank. »Patty, ich muss jetzt Schluss machen …«

Er klickt das Gespräch weg.

Prima, denkt er, jetzt hab ich heute auch noch einen verstopften Abfallzerkleinerer auf dem Programm. Ich wette zehn zu eins, dass sie im Becken Kartoffeln geschält hat und die Schalen durch den Zerkleinerer jagen wollte. Und obwohl ich mindestens vier Klempner an der Hand habe, muss ich das selber machen, weil Patty sonst nicht glaubt, dass die Sache in Ordnung ist. Solange ich nicht unters Becken krieche und mir die Knöchel aufscheure, ist sie nicht glücklich.

Er hält vor einem Starbucks in Solana Beach und bestellt einen Cappuccino mit Magermilch und Kirsche, aber ohne Schlagsahne, drückt einen Deckel drauf, steigt zurück in den Van und fährt rüber zu Donnas kleiner Boutique.

Sie steht an der Kasse.

»Mit Magermilch?«, fragt sie.

»Mit Magermilch wie immer«, sagt Frank, »wie könnte ich Vollmilch nehmen!«

»Du bist ein Schatz.« Sie lächelt ihn an, nimmt einen kleinen Schluck und sagt: »Danke. Ich hatte heute keine Zeit für den Lunch.«

Zeit für was?, denkt Frank, weil ein Lunch für Donna aus einem rohen Möhrenscheibchen besteht, einem Salatblatt und vielleicht noch einer Roten Bete. Doch deshalb sieht sie, obwohl fast fünfzig, eher wie Mitte dreißig aus und hat noch immer die Figur eines Vegas-Showgirls. Lange, schlanke Beine, schmale Hüften und einen Balkon, der groß ist und trotzdem nicht absturzgefährdet. All das kombiniert mit flammend rotem Haar, grünen Augen, einem Gesicht zum Dahinschmelzen und dem dazu passenden Charakter. Kein Wunder, dass er ihr jedes Mal einen Cappuccino bringt, wenn er vorbeikommt.

Und jede Wochen Blumen.

Und was Glitzerndes zu Weihnachten und zum Geburtstag.

Donna ist wartungsintensiv, wie sie jederzeit freimütig gesteht.

Frank akzeptiert das – Qualität und Wartungsaufwand gehören zusammen. Donna sorgt gut für Donna und erwartet das Gleiche von Frank. Nicht, dass Donna sich aushalten lässt. Weit davon entfernt. Sie hat ihr Geld aus der Zeit als Showgirl zurückgelegt, ist nach San Diego gezogen und hat ihre Boutique aufgemacht. Ohne allzu großes Angebot, aber das, was da ist, hat Qualität und Stil und sichert ihr treue Kundschaft – bestehend vorwiegend aus Frauen, die auf dem Weg zum Lunch sind.

»Du solltest mit deinem Laden nach La Jolla umziehen«, hat er ihr geraten.

»Kennst du die Mieten in La Jolla?«, war ihre Antwort.

»Aber deine Kundinnen wohnen überwiegend in La Jolla.«

»Die können zehn Minuten fahren«, hat sie dann gemeint.

Recht hat sie, denkt Frank. Und sie kommen gefahren. Eben jetzt inspizieren zwei von ihnen die Regale, eine dritte ist in der Umkleide. Dabei ist es nicht von Nachteil, dass Donna ihre eigene Ware aufträgt und blendend aussieht.

Wenn es leer wäre, denkt Frank, würde ich sie ins Hinterzimmer abschleppen und …

Sie sieht das Glänzen in seinen Augen.

»Du hast zu tun und ich auch«, sagt sie.

»Ich weiß.«

»Und wie sieht’s mit später aus?«

Er spürt da unten das gewisse Kribbeln. Donna versagt in dieser Hinsicht nie, und das, obwohl sie schon seit – wie viel?, acht? – Jahren zusammen sind.

»Warst du essen mit Jill?«, fragt sie.

Er erzählt ihr von Jills Neuigkeiten.

»Das ist ja wundervoll«, sagt Donna. »Ich bin so froh für sie!«

Und das meint sie auch, denkt Frank, obwohl sie und Jill sich nie begegnet sind. Immer wenn Frank das Gespräch auf Donna gebracht hat, ist Jill ihm ins Wort gefallen und hat das Thema gewechselt. Sie hält zu ihrer Mutter, denkt Frank, und das muss man respektieren. Auch Donna tut das.

»Wenn sie meine Tochter wäre«, hat sie gesagt, »und mein Ex würde sie seiner neuen Flamme vorstellen wollen, würde ich genauso reagieren.«

Schon möglich, hat sich Frank gedacht, obwohl Donna in Gefühlsdingen etwas lockerer ist als Patty. Trotzdem war es nett von ihr, das zu sagen.

»Sie ist in Ordnung, deine Tochter«, sagt Donna jetzt. »Sie wird es schaffen.«

Klar wird sie das, denkt Frank.

»Ich muss dann mal weiter«, sagt er.

»Ich auch«, sagt Donna und dreht sich zu einer Kundin um, die grade aus der Anprobe kommt mit einem Outfit, das katastrophal ist. Er nickt und hört im Hinausgehen, wie sie sagt: »Meine Liebe, bei Ihrer Augenfarbe! Ich werde Ihnen mal was zeigen …«

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5

Mietobjekte, denkt Frank, ist eine nette Art, Hämorrhoiden zu sagen.

Weil sie einen quälen und lästig sind wie Hämorrhoiden. Der einzige Unterschied ist, dass Mietobjekte Geld bringen und Hämorrhoiden nicht – außer man ist Proktologe.

Das denkt er, während er durch Ocean Beach fährt und das halbe Dutzend Wohnungen, Villen und Mietshäuser abklappert, die er als stiller Teilhaber von OB Property Management betreut, einer beschränkten Gesellschaft, die sich vor allem auf ihn und Ozzie Ransom beschränkt. Ozzies Name erscheint im Briefkopf, und Ozzie kümmert sich ums Geld. Nur dass Frank alles nachzählt, wenn Ozzie das Geld gezählt hat, um sicherzugehen, dass ihn Ozzie nicht übers Ohr haut wie ein Barkeeper. Nicht, dass er Ozzie misstraut. Er will seinen »Partner« nur nicht in Versuchung führen.

Um das moralische Wohlergehen seiner »Partner« beim Wäschedienst und beim Fischhandel ist er in ähnlicher Weise besorgt. In regelmäßigen Abständen kontrolliert er die Bücher – und auch in »irregulären Abständen«, wie er das nennt. Sie wissen nie, wann Frank aufkreuzt, um die Konten zu prüfen, die Quittungen, das Inventar oder die Bestellscheine. Und jedes Quartal lässt Frank seinen Steuerberater und Anwalt Sherm »the Nickel« Simon (»ein Nickel hier, ein Nickel da«) sämtliche Bücher durchsehen – einerseits, um seine Steuern abzuführen, andererseits, um sicherzugehen, dass ihn seine Partner nicht genauso schröpfen, wie es die Regierung ohnehin schon tut.

Frank ist scharf hinterher, dass er seine Steuern bezahlt.

Er nennt das den »Capone-Faktor«.

»Al Capone«, hat er mal zu Herbie Goldstein gesagt, »hat die größte Schwarzbrennerei der Geschichte aufgezogen, Cops, Richter, Politiker bestochen, bei helllichtem Tage Leute von den Straßen Chicagos verschleppt, gefoltert und ermordet, aber weshalb ging er in den Knast? Wegen Steuerhinterziehung.«

Das war damals so wahr wie heute, denkt Frank – in diesem Land kannst du alles machen, solange du dem Finanzamt was rüberschiebst. Uncle Sam will auch einen Schluck aus der Pulle, und solange er ihn kriegt, kannst du machen, was du willst, nur darfst du’s ihm nicht unter die Nase reiben.

In beiderlei Hinsicht ist Frank sehr gewissenhaft.

Er zahlt seine Steuern und hält sich immer schön bedeckt. Wenn ihm The Nickel eine Abschreibung vorschlägt, die auch nur ein bisschen wacklig ist, verzichtet Frank lieber. Das Letzte, was er will, ist eine Steuerprüfung. Und er macht einen großen Bogen um Branchen, von denen die Finanzschnüffler angelockt werden wie die Fliegen – Müll und Bau, Bars und Porno. Nein, er ist einfach Frank, der Mann vom Angelladen, und seine Nebenjobs sind alle total sauber. Er kümmert sich um seinen Wäschedienst, seine Fische, seine Mietobjekte.

Mieter sind eine Pest, besonders in Küstenorten, wo sie eher ein Durchgangsphänomen sind. Sie kommen an die Küste, weil sie es hier paradiesisch finden, weil sie den ganzen Tag am Strand rumhängen und die ganze Nacht feiern wollen, und dabei vergessen sie, dass sie auch von irgendwas leben müssen.

Sie denken immer, die Miete kriegen sie zusammen, und wenn sie merken, dass sie es nicht schaffen, holen sie sich einen oder fünf Mitbewohner rein, oft Leute, die sie in der Bar getroffen haben und die am nächsten Monatsersten die Miete vielleicht auftreiben – oder auch nicht.

Nicht, dass Frank sie nicht beraten würde, das tut er wirklich. Wenn er ihre Bewerbungen kriegt, verlangt er die Miete für den ersten und den letzten Monat und eine Kaution. Er holt eine Kreditprüfung ein, eine Bankbescheinigung und Referenzen, und in den meisten Fällen erklärt er ihnen, dass sie es sich einfach nicht leisten können, in Strandnähe zu wohnen.

Aber die jungen Leute sind nicht nach Kalifornien gekommen, um nicht in Strandnähe zu wohnen, also suchen sie sich Mitbewohner und stürzen sich in Kosten, die sie nicht bezahlen können. Folglich hat Frank viele Kündigungen, und Kündigungen sind der Fluch des Vermietungsgeschäfts. Sie bedeuten Reinigungsaufwand, Reparaturen, Ausschreibungen, Bewerbergespräche, Kreditprüfungen und das Einholen von Referenzen und Verdienstbescheinigungen. Andererseits kassiert man die letzte Monatsmiete und die Kaution im voraus, weil die Kids gern Verwüstungen anrichten, meist wenn sie ihre Partys feiern.

Heute Nachmittag hat Frank das volle Programm zu erledigen. Er muss ein paar jungen Damen, die entweder Serviererinnen oder Stripperinnen werden oder Serviererinnen sind, die bald umsatteln, weil sie als Stripperinnen mehr verdienen, eine Wohnung zeigen. Dann kommt ein Küchenausbau, den er begutachten muss. Dann muss er eine Wohnung abnehmen und sich vergewissern, dass die Teppichreinigung die Kotzspuren der Mieter/Partygäste aus dem Teppichboden entfernt hat.

Er zeigt den zwei jungen Damen die Wohnung. Sie sind schon Stripperinnen und ein nettes Lesbenpärchen, daher muss er sich nicht um ihre Zahlungsfähigkeit sorgen oder befürchten, dass sie irgendwelche Ekeltypen aus den Stripperclubs bei sich einziehen lassen. Sie wollen die Wohnung nehmen, und er kassiert die Kaution auf der Stelle. Die Kreditprüfung ist eine Formalität, und beim Club wird er kurz anfragen, ob sie tatsächlich dort arbeiten.